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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Zweiter Brief

Allan Fairfort an Darsie Latimer

Negatur, mein theurer Darsie – du hast ja Logik und Jus genug studirt, um das Wort der Verneinung zu verstehen. Ich greife deinen Schluß an, obschon ich die Prämice annehme. Daß ich nämlich, als ich den höllischen Gaul ritt, wohl so etwas Seufzerähnliches ausgestoßen haben mag, obgleich ich glaubte, es müßte sich unter dem Schnauben und Schnarchen des windbrüchigen Viehes verloren haben, das mag sein. Uebrigens mag wohl das Thier einzig in seiner Art sein, denn an Gebrechen aller Art gleicht ihm vielleicht nur des armen Mannes Karrengaul, der da starb, gepriesen im Gesange: »Eine Meile weit von Dundee.« Aber glaube mir, Darsie, der Seufzer, welcher mir entschlüpfte, galt mehr dir als mir, und betraf weder dein vorzüglicheres Reitpferd, noch deine besser versehene Reisebörse. Ich hätte freilich ein paar Tage fröhlich mit dir im Lande herumstreichen können; und ich versichere dich, daß ich keinen Augenblick gezögert hätte, deinen wohlversehenen Geldbeutel für unsere gemeinschaftlichen Reisekosten in Anspruch zu nehmen. Aber du weißt, daß mein Vater jeden, dem Rechtsstudium entzogenen Augenblick als einen Schritt rückwärts betrachtet, und ich verdanke dieser seiner Aengstlichkeit gar viel, obgleich sie manches Mal lästig ist. Zum Beispiel:

Ich fand bei meiner Zurückkunft an dem Laden in Brown's Square, daß der alte Herr zurückgekommen sei, beunruhigt, eine Nacht außerhalb des Schutzes seiner häuslichen Laren zuzubringen. Da ich von Jakob, dessen Augen ein Ungewitter verkündeten, diese Nachricht erhielt, schickte ich sogleich einen hochländischen Lohnbedienten mit meinem Bucephalus in den Stall, schlich mich so geräuschlos als möglich in meine kleine Zelle, und fing an, über eine halb begriffene und halb verdaute Lehre unseres Municipal-Codex zu brummen. Ich saß noch nicht lange, als das Gesicht meines Vaters fast lauschend durch die halboffene Thüre sichtbar ward: als er meine Beschäftigung sah, zog er es mit einem halb-artikulirten »hm«, welches einen Zweifel in meinen Fleiß zu setzen schien, wieder zurück. Hatte es auch diese Bedeutung, so kann ich ihm doch nicht Unrecht geben; denn die Rückerinnerung an dich hatte eine Stunde lang meine Seele so ganz ergriffen, daß, ob zwar Stairs Stair, ein berühmter schottischer Jurist. Anm. des Uebers. Werke vor mir lagen, und ich zwei oder drei Blätter umwandte, der Sinn mir doch gänzlich entschlüpfte, wenn schon seine Herrlichkeit einen klaren und deutschen Styl schreibt; so daß ich die Demüthigung ertragen mußte, zu finden, daß meine Arbeit völlig nutzlos war.

Ich war mit meinem Laviren, um den rechten Wind zu treffen, noch nicht fertig, als Jakob mir schon das frugale Abendessen ankündigte. Da standen Radieschen, Käse und eine Flasche alter Ale's, ferner nur zwei Gedecke; auch hatte der aufmerksame Jakob Wilkinson keinen Stuhl für M. Darsie hingestellt. Besagter Jakob, mit einem langen Gesichte, seinen herunterhängenden Haaren, seinem langen mit Leder umwundenen Zopfe, stand, wie gewöhnlich, hinter meines Vaters Stuhl, kerzengrade wie eine hölzerne Schildwache vor einem Marionetten-Theater. »Du kannst gehen,« sagte mein Vater, und Wilkinson ging. Jetzt dachte ich, was wird wohl nun kommen? dennoch hat sich das drohende Ungewitter nicht am Horizont der väterlichen Stirn verzogen.

Seine mißvergnügten Blicke trafen zuerst meine Stiefeln und er frug mich, mit spöttischem Lächeln, wohin ich denn geritten wäre. Er erwartete, daß ich »nirgends« antworten würde, und dann hätte er sich über meine Laune, in Schuhen, von welchen das Paar zwanzig Schilling kostet, spazieren zu gehen, lustig gemacht. Aber ich antwortete ruhig, ich wäre zum Mittagessen bis nach Noble-House geritten. Er starrte mich an (du kennst ja seine Art), als hätte ich gesagt, ich hätte zu Jericho gespeist; und da ich mich stellte, als bemerkte ich sein Erstaunen nicht, sondern in Gemüthsruhe mein Radieschen weiter kaute, so fuhr er zornig auf.

»In Noble-House, Sir? und was hattest du zu Noble-House zu thun, Sir? Denkst du nicht daran, daß du Jurisprudenz studirst, Sir? – daß die Prüfung im Schottischen Landrecht herannaht, Sir? – daß im gegenwärtigen Augenblick eine jede Minute mehr werth ist, als ganze Studien zu anderen Zeiten? – Und du, Sir, hast Muße, nach Noble-House zu gehen, und deine Bücher so lange zu verlassen? Ja, wäre es noch ein Spaziergang in den Wiesen, oder selbst ein Golf-Spiel Eine Art Ballspiel. Anm. des Uebers. gewesen – aber Noble-House, was denkst du, Sir?«

»Sir, ich begleitete den Darsie Latimer ein Stück Wegs auf seiner Reise.«

»Darsie Latimer,« erwiderte er in gelinderem Tone, »hm! nun ja, ich tadle dich eben nicht deßwegen, daß du freundlich mit Darsie bist. Aber ich denke, wenn du ihn nur bis zum Zollhause begleitet und ihm dann Lebewohl gesagt hättest, so wäre das eben so gut gewesen, und du würdest obendrein das Miethgeld für das Pferd und die Rechnung für das Mittagessen gespart haben!«

»Das bezahlte Latimer, Sir,« antwortete ich, denn ich glaubte die Sache damit zu verbessern, aber ich hätte besser still geschwiegen.

»Die Rechnung, Sir! und du warst so niedrig, auf eines Andern Rechnung zu zehren? Niemand sollte ein Gasthaus betreten, ohne seine Schuldigkeit zahlen zu können.«

»Das nehme ich im Allgemeinen an, Vater,« erwiderte ich; »aber das war ein Abschiedstrunk zwischen Darsie und mir, und so, meine ich, gehört es zu den Ausnahmen des Dochan dorroch«.

»Du hältst dich für einen Witzling,« sagte mein Vater, und lächelte dabei grade so viel, als es der Ernst seiner Züge erlaubte; »aber ich denke, du aßest doch dein Mittagessen nicht stehend, wie die Juden das Osterlamm? Denn es existirt ein Bescheid vom Stadtrichter zu Cupar-Angus in Sachen Luckie Simson contra Luckie Jamieson, daß, als des Ersteren Kuh das gebrannte Bier des Letzteren trank, der Angeklagte keinen Schadenersatz zu zahlen habe, weil besagte Kuh es austrank, ohne sich dabei niederzusetzen. Nur ein solcher Umstand kann also einen Cochan dorroch constituiren, d. i. ein stehendes Trinken, wofür keine Zahlung geleistet wird. Nun, mein Herr, was denkt dero juristische Weisheit dazu? Exceptio firmat regulam. – Aber komm, fülle dein Glas, Allan, mich ärgert es nicht, daß du dem Darsie Latimer diese Aufmerksamkeit erwiesen hast, denn für die jetzige Zeit ist er doch ein guter Bursche; und da er ja, seitdem er die Schule verließ, unter meinem Dache lebte, nun, so ist es auch eben kein Unglück, daß du eine kleine Verbindlichkeit gegen ihn hast.

Als ich sah, daß meines Vaters Unmuth durch das Bewußtsein seiner Ueberlegenheit in juristischer Belesenheit sich gelegt hatte, so nahm ich gerne seine Verzeihung mehr als eine Sache der Gnade als der Gerechtigkeit auf, und antwortete nur, wir würden unsere Abende gar viel langweiliger zubringen müssen, da du nun abwesend wärst. Ich gebe dir hierbei meines Vater Antwort in seinen eigenen Worten. Du kennst ihn so gut, Darsie, daß sie dich wohl nicht beleidigen wird, auch weißt du, daß man bei des guten Mannes Genauigkeit und Förmlichkeit, doch oft eine Fundgrube scharfen Beobachtungsgeistes und praktischen Verstandes entdeckt.

»Es ist wahr,« sagte er, »Darsie war ein angenehmer Gesellschafter, aber zu muthwillig, Allan, so ein Springinsfeld und leichtsinnig dazu. – Nebenbei muß ich doch auch dem Wilkinson sagen, daß er jetzt unser Ale in Nößelflaschen abzapft, denn eine Quart-Bouteille jede Nacht ist doch für uns beide ohne seine Hülfe zu viel. – Aber der Darsie, wie ich sage, das ist ein durchtriebener Gesell, ein wenig leicht da im obern Stockwerk – ich wünsche es möchte ihm in der Welt wohlergehen, aber Allan, er besitzt wenig Solidität, wahrlich, sehr wenig.«

Ich würde mich schämen, einen abwesenden Freund zu verlassen, Darsie, und deßwegen sagte ich auch zu deiner Vertheidigung etwas mehr, als es mein Gewissen streng genommen erlaubt hätte; aber daß du der Rechtsgelehrsamkeit entlaufen bist, hat dir in meines Vaters guter Meinung viel geschadet.

»Unbeständig wie Wasser, es wird nichts aus ihm,« sagte mein Vater, oder wie die Septuaginta sagt: »Eflusa est sicut aqua – non crescat.« Er geht in die Tanzhäuser und liest Novellen – sat est!

Ich suchte diese Bemerkungen zu pariren, indem ich einwendete, daß der Besuch der Tanzhäuser sich auf eine Nacht, auf la Pique's Ball und das Lesen der Novellen (so weit nämlich notorisch bekannt ist, Darsie) auf einen einzigen Band des Tom Jones beschränke.

»Aber er tanzte ja von Abends bis Morgens,« erwiderte mein Vater, »und er las das nichtige Zeug, wofür der Verfasser gepeitscht zu werden verdiente, wohl zwanzig Mal durch. Es kam nie aus seinen Händen.«

Dann führte ich an, daß wahrscheinlich deine Vermögensumstände so glänzend wären, daß sie dich der Mühe überheben könnten, die Rechtsgelehrsamkeit weiter zu studiren, als du es schon gethan hättest, und daß du daher wohl glauben könntest, du habest einigen Anspruch auf Vergnügungen zu machen. Das wollte ihm nun am wenigsten behagen.

»Wenn er kein Vergnügen an der Rechtsgelehrsamkeit findet,« sagte mein Vater auffahrend, »desto schlimmer für ihn. Braucht er auch die Rechte nicht zu studiren, um Vermögen zu erwerben, so braucht er sie doch gewiß, um zu lernen, wie man es erhält. Viel bessern würde ihm dieses Studium ziemen, als, einem Landstreicher gleich, das Land zu durchziehen, herumzureisen, ohne zu wissen wohin? zu sehen, ohne zu wissen was? und zu Noble-House Narren seines Gleichen (dabei warf er mir einen zornigen Blick zu) zu bewirthen. Noble-House, wirklich, Noble-House,« wiederholte er mit erhöheter Stimme und spöttischem Tone, als ob in dem Namen selbst etwas Beleidigendes läge, obgleich ich mir zu sagen getraue, daß ein jeder Platz, wo du so verschwenderisch gewesen wärest, fünf Schilling auszugeben, sich denselben Tadel zugezogen hätte.

Von deinem Gedanken eingenommen, daß mein Vater von deinen Verhältnissen mehr wüßte, als er zu sagen für gut findet, wagte ich es, ihm mit einer Bemerkung auf den Zahn zu fühlen. »Ich sehe nicht ein,« sagte ich, »wie das schottische Recht einem jungen Manne nützlich sein kann, dessen Vermögen in England placirt zu sein scheint!« – Ich glaubte wirklich, mein Vater wollte mich schlagen.

»Glaubst du mich per ambage zu umgehen, Herr, wie der Rath Pest sagt? Was kümmert es dich, wo Darsie Latimers Vermögen placirt ist, ob er welches hat, oder kein's? Und was würde ihm denn das schottische Recht schaden, und verstände er es auch wie Stair und Bankton? Sind nicht die Institutionen des römischen Rechts die Grundlagen unserer Municipalgesetze, und wurden diese Institutionen nicht zu einer Zeit gegeben, wo das römische Reich wegen seiner Bildung und Gelehrsamkeit berühmt war? Geht in Euer Bett, Herr, nach der schönen Expedition nach Noble-House, und mache, daß deine Lampe brennt und dein Buch vor dir liegt, ehe die Sonne aufgeht. Ars longa, vita brevis – wäre es nicht eine Sünde, die göttliche Wissenschaft der Rechtsgelehrsamkeit mit dem geringeren Namen: Kunst zu betiteln.«

So brannte denn auch meine Lampe, theurer Darsie, den nächsten Morgen, wenn schon der Eigenthümer die Gefahr einer häuslichen Nachsuchung wagte, und heimlich im Bette liegen blieb, in der Hoffnung, daß der Schein, ohne weitere Untersuchung, als ein hinlänglicher Beweis meiner Wachsamkeit gehalten werden würde. Jetzt, den dritten Morgen nach deiner Abreise, steht die Sache noch immer nicht besser; denn obgleich Voet über die Pandecten seine Weisheit vor mir ausbreitet, so gebrauche ich ihn doch nur als ein Unterlegeblatt, worauf ich diese Blätter, mit Thorheiten angefüllt, an Darsie Latimer schreibe; wahrscheinlich wird wohl die Nachbarschaft meine Studien wenig fördern.

Und nun, dünkt es mir, höre ich dich, wie du mich einen affectirten, scheinheiligen Menschen nennst, der, unter einem solchen Zwangs- und Einschränkungs-System lebend, wie mein Vater es für gut findet es anzunehmen, dennoch deine Freiheit und Unabhängigkeit nicht beneiden will. Dann aber kann ich auch wieder in meinem Herzen die Beweggründe dieser Strenge nicht tadeln. Denn wo auch ihre Quelle sei, so können sie nur in einer ängstlichen, liebevollen und unaufhörlichen Neigung meines Vaters entstehen, in seinem Eifer für meine Vervollkommnung, und in einem lobenswerthen Gefühl der Ehre des Standes, zu welchem er mich bestimmte.

Da wir keine nahen Verwandten haben, so ist der Knoten, welcher uns knüpft, von ungewöhnlicher Festigkeit, wenn er schon an und für sich einer der stärksten ist, welche die Natur bilden kann. Ich bin und war immer der ausschließliche Gegenstand der ängstlichen Hoffnung, noch mehr aber der ängstlichen Furcht meines Vaters. Welches Recht habe ich also, mich zu beklagen, wenn auch hier und da Furcht und Hoffnung ihn dazu bewegen, lästig und unaufhörlich alle meine Schritte zu beobachten? Dabei sollte ich denken, und, Darsie, ich thue es auch, daß mein Vater mir bei verschiedenen wichtigen Gelegenheiten zeigte, daß er eben sowohl nachsichtsvoll als streng sein kann. Seine alte Wohnung im Luckenbooth zu verlassen, war ihm wie eine Scheidung der Seele vom Körper; doch brauchte Dr. K. nur einen Wink zu geben, daß die reinere Luft des neuen Stadtviertels zuträglicher für meine Gesundheit wäre, weil ich damals an den Leiden eines zu schnellen Wachsens litt, als er schon seine alte, geliebte Wohnung, welche ganz nahe am Herzen von Mid-Lothian lag, gegen eines jener neuen Gebäude verwechselte, welche der neuere Geschmack erst kürzlich bei uns einführte. – Fernerer Beweis, die unschätzbare Gunst, die er mir erzeigte, daß er dich in sein Haus aufnahm, da du nur die unangenehme Wahl hattest, als ein erwachsener Jüngling in der Gesellschaft kleiner Knaben zu bleiben. Das war doch eine Sache, die den Ansichten, welche mein Vater von Zurückgezogenheit und Sparsamkeit hatte, eben sowohl schnurgerade entgegenlief, als den Mitteln, welche er zur Beförderung meiner Moralität und meines Fleißes anwandte, indem er mich von der Gesellschaft anderer jungen Leute entfernen wollte; so daß ich, auf mein Wort, immer mehr darüber erstaune, wie ich die Unverschämtheit hatte, es zu fordern, auf daß er es gewährte.

Was nun den Gegenstand seiner Aengstlichkeit betrifft – lache nicht, hebe deine Hand nicht auf, Darsie, denn wahrlich, ich liebe den Stand, zu welchem ich erzogen werde, und ernstlich verfolge ich meine vorbereitenden Studien. Die Rechte sind mein Beruf – in einer besonderen, ja, ich möchte sagen in einer erblichen Weise, mein Beruf. Denn ich habe auch nicht die Ehre, zu einer jener großen Familien zu gehören, welche in Schottland, wie in Frankreich la noblesse de la robe (den Adel der Rechtsgelehrten) bilden, und welche, bei uns wenigstens, die Köpfe so hoch, wo nicht höher, als der Schwertadel tragen – da diese meistens aus den Erstgeborenen Egyptens bestehen – so hatte doch mein Großvater, welcher, wenn ich es sagen darf, ein sehr vorzüglicher Mann war, die Ehre, in dem ehrenwerthen Charakter als Stadtschreiber des alten Fleckens Birlthegroat, eine bittere Protestation gegen die Union zu unterschreiben. Ja, es ist sogar einiger Grund vorhanden, – soll ich sagen zu hoffen, oder zu vermuthen? – daß er der natürliche Sohn eines nahen Vetters des Fairford war, welcher zu den geringern Baronen gerechnet ward. Mein Vater nun stieg auf der Leiter der Jurisprudenz eine Stufe höher hinauf, da er, wie du so gut wie ich weißt, erster und ehrenwerther Schreiber Sr. Majestäts Insiegel ward, und ich wiederum bin dazu bestimmt, noch eine Stufe höher zu klimmen, die verehrte Robe Das richterlich Ornat. zu tragen, von welcher man sagt, daß sie, wie die Mildthätigkeit, oft eine Menge Sünden bedecke. Ich habe daher keine andere Wahl, als entweder empor zu klimmen, da wir schon so hoch gestiegen sind, oder sichtliche Gefahr, den Hals zu brechen, wenn ich herabfalle. So habe ich mich denn mit meinem Schicksale ausgesöhnt, und während du von den Bergspitzen herab dich nach fernen Seen und Meerbusen umschaust, tröste ich mich de apicibus juris mit der Aussicht auf carmoisinrothe und scharlachene Kleider mit dem Zugehör, von tüchtigen Kisten mit Sporteln wohl gefüllt.

Du lachst, Darsie, more tuo und scheinst sagen zu wollen, es sei nichts werth, sich von solchen gewöhnlichen Träumen einwiegen zu lassen. Die deinigen hingegen von hoher und heldenmüthiger Art gleichen den meinigen eben so sehr, wie eine mit purpurnem Tuch beschlagene und mit Akten beschwerte Bank, einem gothischen, mit indischen Perlen und mit Gold geschmückten Throne. Aber was willst du haben? – sua quemque trahit voluptas – und meine Visionen von Beförderung, obgleich sie noch vorerst auf nichts beruhen, sind doch eher zu erreichen möglich, als dein Streben nach Gott weiß – was. Denn wie sagt meines Vaters Sprichwort? »Strebe nach einem goldenen Kleide, so wirst du wenigstens eine Schleife davon erhaschen!« Das ist nun mein Zweck, aber wornach strebst du? Das Dunkel, welches auf dem Geheimnisse deiner Geburt und deiner Verwandtschaft liegt, wie du dich ausdrückst, soll sich auf eine unaussprechliche Weise aufhellen, und zwar ohne Mühe und Anstrengung von deiner Seite, lediglich und allein durch einen Glückszufall. Ich kenne den Stolz und den Hochmuth deines Herzens, und wünsche herzlich, daß du mir noch andere Schläge zu danken hättest, als die, welche du so dankbar anerkennst. Denn hätte ich dir diese Don Quixotischen Erwartungen ausgeprügelt, so glaubtest du jetzt nicht, der Held irgend einer romantischen Geschichte zu sein, und verwandeltest den ehrlichen Bürger und Mäkler, der in seinen vierteljährlichen Episteln nur das streng Nöthige schreibt, nicht in irgend einen weisen Alexander oder gelehrten Alquise, der mystisch und magisch dein Schicksal lenkt. Aber ich weiß nicht, wie es zuging, daß nach und nach dein Hirnschädel härter, und meine Fäuste sanfter wurden, wenn du auch mit der Zeit nicht ein gewissermaßen gefährliches Feuer gezeigt hättest, welches ich, wenn auch nicht fürchten, doch achten mußte.

Da ich doch einmal davon spreche, so ist es wohl nicht ungelegen, dich zu ermahnen, diese deine übermüthige Kühnheit ein wenig zu mäßigen. Ich fürchte sehr, daß sie dich, wie ein hitziges Pferd seinen Reiter, in irgend eine gefährliche Lage bringe, aus welcher es dir schwer werden wird, dich herauszureißen, besonders wenn der kühne Geist, welcher dich hineinbrachte, in dem gefährlichen Momente verschwände. Bedenke, Darsie, daß du von Natur nicht muthig bist, du gestandest mir im Gegentheil schon ein, daß, so ruhig ich bin, der Vortheil in diesem wichtigen Punkte auf meiner Seite sei. Ich glaube, mein Muth besteht in meiner Nervenstärke und in meiner natürlichen Gleichgültigkeit gegen Gefahr, welche, wenn sie mich auch nie zu Abenteuern treibt, mich doch, wenn die Gefahr wirklich heranbricht, im vollen Gebrauch meiner Seelenkräfte läßt, so daß ich meiner völlig mächtig bin. Der deinige scheint aber mehr ein geistiger Muth zu sein, oder Geistesgröße, oder Streben nach dem Außerordentlichen; sie treiben dich mächtig zum Ehrgeiz an, machen dich taub gegen Warnung vor Gefahr, bis sie plötzlich auf dich losstürmen wird. Sei es nun, daß ich von der Aengstlichkeit meines Vaters angesteckt bin, oder daß eigene Gründe mich bewegen, ich gestehe ein, daß ich oft fürchte, dieses wilde Jagen nach romantischen Verhältnissen und Abenteuern könnte dich in's Unglück stürzen; und was würde dann aus Allan Fairford werden? Dann mögen sie zum General-Advocaten oder zum General-Procurator nehmen, wen sie wollen, ich werde dann den Muth nicht haben, darnach zu streben. Alle meine Anstrengungen gehen darauf hin, mich einst in deinen Augen zu rechtfertigen, und gewiß würde ich mich nicht einen Pfennig mehr um das gestickte, seidene Oberkleid, als um die Schürze eines alten Weibes kümmern, hätte ich nicht die Hoffnung, daß du einst vor den Schranken stehen wirst, um mich zu bewundern, vielleicht gar um mich zu beneiden.

Damit dieses einst sein könne, so bitte ich dich – sei vorsichtig. Halte nicht jedes schlappschuhige Mädchen, mit blauen Augen und schönen Haaren, welches in einem zerrissenen Plaid, mit einer Weidengerte bewaffnet, die Kühe auf die Weide treibt, halte sie doch, ich bitte dich, nicht für eine Dulcinea. Glaube nicht einen galanten Vallentin in jedem englischen Reiter, oder einen Orson in jedem hochländischen Viehtreiber zu sehen. Betrachte die Gegenstände so, wie sie sind, und nicht wie deine fruchtbare Phantasie sie ausschmückt. Habe ich dich doch einmal eine alte Sandgrube so lange betrachten sehen, bis du Vorgebirge, Bayen, Mündungen, Felsen und Abgründe, kurz die ganze bewunderungswürdige Landschaft der Insel Ferro darin entdecktest, wo profane Augen eine gewöhnliche Pferdeschwemme sahen. Fand ich dich nicht einst, als du eine Eidechse mit eben so großer Achtung anstauntest, wie Jemand, der ein Krokodil erblickt? Das waren freilich völlig unschuldige Imaginations-Uebungen, denn du konntest in der Pfütze eben so wenig ertrinken, als der liliputische Aligator dich auffressen konnte. Ein Anderes aber, Darsie, ist es in der menschlichen Gesellschaft, wo du den Charakter derer, mit welchen du umgehst, weder verkennen, noch deiner Einbildungskraft erlauben darfst, ihre guten oder bösen Eigenschaften zu übertreiben, wenn du dich nicht lächerlich machen, und dich nicht in ernste und gefährliche Händel verwickeln willst. Bewache also deine Einbildungskraft, bester Darsie, und glaube der Versicherung eines alten Freundes, daß es der Punkt in deinem Charakter ist, der seinen gutmüthigen und edlen Besitzer am leichtesten in Gefahr stürzen kann. Lebe wohl, lasse das Franco des edlen Pairs nicht unbenutzt; und hauptsächlich Sis memor mei.

A. F.

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