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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Fünfzehntes Kapitel.

Allan Fairford's Erzählung.

(Fortsetzung.)

Allan Fairford fühlte mehr Muth in sich, Beschwerden zu bestehen, als sein Körper zu ertragen im Stande war. Als er nach einem fünf- oder sechsstündigen Schlummer erwachte, befand er sich wegen Schwindel im Kopfe und Schmerzen in seinen Gliedern dergestalt entkräftet, daß er trotz seiner Anstrengung, sich nicht ohne Hülfe erheben konnte. Er hörte mit einigem Vergnügen, daß sie gerade in den Wampoolfluß einliefen, und daß er in ganz kurzer Zeit an´s Land gesetzt werden würde. Das Fahrzeug legte also bei, änderte seine Flagge, und dieß wurde vom Ufer aus durch Signale sogleich beantwortet. Man sah Menschen und Pferde den unebenen Pfad herabkommen, der an das Ufer führt, die letzteren passend ausgerüstet, um ihre Ladung fortbringen zu können. Zwanzig Fischerbarken wurden auf einmal flott, und drängten sich unter Geschrei, Gelächter, Fluchen und Scherzen um die Brigg her. Bei aller scheinbaren Unordnung herrschte doch durchaus Ordnung. Nanty Ewart ging wieder auf seinem Hinterverdeck umher, als hätte er in seinem Leben keine geistigen Getränke zu sich genommen; er gab die nöthigen Befehle mit Genauigkeit, und sah sie mit Pünktlichkeit ausgeführt. In einer halben Stunde war die Ladung der Brigg größtentheils in die Boote vertheilt, in einer Viertelstunde darauf war sie am Gestade gelandet und ungefähr die nämliche Zeit bedurfte es, um sie auf die bereit gehaltenen Packpferde zu vertheilen, die sich sogleich, jedes nach seiner besonderen Bestimmung, zerstreuten. Mehr Geheimniß wurde bei der Ladung des Schiffboots mit einer Menge kleiner Fäßchen, welche Munition zu enthalten schienen, beobachtet. Dieß geschah erst, als die Handlungskunden bereits weg waren, und erst, als dieß geschehen war, schlug Ewart Allan, welcher von Schmerz und Geräusch ganz betäubt war, vor, ihn an's Ufer zu begleiten.

Nur mit Schwierigkeit konnte Fairford sich über Bord helfen, und nur durch Unterstützung des Kapitäns und seiner Leute vermochte er, sich auf dem Hintertheile des Boots zu erhalten. Nanty Ewart, welcher daran nichts Schlimmeres, als einen Anfall von Seekrankheit sah, brachte die gewöhnlichen Trostgründe an. Er versicherte seinem Passagier, daß ihm vollkommen wohl sein würde, wenn er nur einmal eine halbe Stunde am Land gewesen wäre, und er hoffe, mit ihm bei Vater Crackenthorp eine Flasche zu trinken, und eine Pfeife zu rauchen, dann werde er sich gleich von der Unbequemlichkeit erholen, die ihm das ungewohnte Reiten auf dem hölzernen Pferde zugezogen habe.

»Wer ist Vater Crackenthorp?« fragte Fairford, obgleich kaum im Stande, die Frage hervorzubringen.

»Ein ehrlicher Mann, wie kaum einer unter Tausenden,« antwortete Nanty; »ach, wie viele Flaschen Branntwein haben er und ich zu unserer Zeit mit einander ausgestochen. Bei meiner Seele! er ist der Fürst aller Gastwirthe und der Vater der Schleichhändler – ein filziger heuchlerischer Teufel, wie der alte Turnpenny Harthaut, der nur auf anderer Leute Kosten trinkt und es für Sünde hält, wenn er dafür bezahlen soll, – nein, ein alter ehrlicher Gebirgshahn; – die Haifische sind schon oft um und neben ihm her gewesen, aber Vater Crackenthorp weiß seine Segel zu richten; da wird kein Verhaftsbefehl ausgefertigt, oder er hört davon, ehe die Tinte trocken ist. Er ist gut Freund mit den Gemeindevorstehern und Constablern. Des Königs Schatz würde keinen Mann bestechen, um gegen ihn zu zeugen; wenn ja ein solcher Schurke so etwas sich vornehmen würde, so würde er am nächsten Morgen seine Ohren vermissen, oder sich selbst im Solway suchen müssen. Er ist ein Staatsmann, obgleich er nur ein Wirthshaus hat, dieß geschieht aber nur der Bequemlichkeit wegen, und um eine Entschuldigung zu haben, daß er große Keller und viele Leute hat; seine Frau ist eine stattliche Person, und eben so seine Tochter Doll. Wahrhaftig, Ihr werdet da im Hafen sein, bis Ihr wieder Euch auf die Fahrt begebt, ich aber will mein Wort halten und Euch zum Laird bringen, daß Ihr mit ihm sprechen könnt. Meine einzige Sorge ist nur, wie ich Euch wieder aus dem Hause bringe, denn die Doll, das ist ein rares Mädchen, die Mutter immer lustig, und Vater Crackenthorp der beste Gesellschafter! Er trinkt Euch eine Flasche Rum oder Branntwein, ohne zu mucksen, aber nie macht er seine Lippen mit dem elenden schottischen Getränke naß, das der alte Spitzbube Turnpenny in die Mode gebracht hat. Er ist ein Ehrenmann, jeder Zoll Anspielung auf eine Stelle Shakespeare's im König Lear, wo es heißt: jeder Zoll ein König. von ihm, der alte Crackenthorp, auf seine Weise heißt dieß; dabei hat er Antheil an der springenden Jenny, und noch überdieß manchen Vortheil beim Mondlicht. Er kann der Doll schon einen hübschen Pfennig geben, wenn ihm der hübsche Bursche ansteht, der sie auf sein Lebenlang nehmen will.«

*

Mitten unter dieser langen Lobrede auf Vater Crackenthorp, stieß das Boot an's Ufer, die Ruderer stemmten ihre Ruder an, um das Schiff flott zu halten, während die anderen Bursche geradezu in's Wasser sprangen, und mit großer Behendigkeit und Geschicklichkeit sie an's Ufer brachten.

*

»Auf mit, höher hinauf an das Ufer, ihr Bürschchen!« rief Nanty Ewart, »hoch und trocken, hoch und trocken; diese Waare verträgt keine Feuchtigkeit. Nun auch für unsern Kranken hier gesorgt, hoch und trocken auch ihn. Was ist das? Pferdegalopp! Aha, ich höre schon das Geräusch der Packsättel, – es sind unsere eigenen Leute.«

Unterdessen war die ganze Ladung des Boots, die aus den kleinen Fäßchen bestand, an's User gebracht, und die Mannschaft stellte sich in ihren Waffen davor auf, und wartete auf die Ankunft der Pferde, welche mit Geklirr links der Bucht daher kamen. An der Spitze dieser Cavalcade, welche aus zusammengekoppelten und mit Packsätteln versehenen Pferden bestand, erschien keuchend unter seiner Anstrengung, ein so ungeheuer dicker Mann, daß man ihn auch im Mondlicht unterscheiden konnte, die Ketten, die sie bei sich hatten, um die Ballen zu befestigen, klirrten furchtbar.

»Nun, Vater Crockenthorp?« sagte Ewart, »warum so eilig mit Euren Pferden? Wir gedenken eine Nacht bei Euch zu bleiben, Euren alten Branntwein zu kosten, und Eurer Frau eigenes Gebräu. Das Signal ist aufgesteckt, und Alles geht gut.«

»Alles geht schlecht, Kapitän Nanty,« schrie der Mann, zu dem er sprach, »und Ihr werdet es so finden, wenn Ihr Euch nicht aus dem Staube macht; es sind gestern neue Besen zu Carlisle gekauft worden, um das Land von Euch und Eures Gleichen rein zu fegen; – Ihr thätet wohl besser, Euch in's Innere des Landes hinein zu machen.«

»Wie viel solche Spitzbuben sind es denn? Wenn es nicht mehr als zehn sind, so schlag' ich mich mit ihnen.«

»Zum Teufel auch!« antwortete Crackenthorp, »sie haben die rothröckigen Dragoner von Carlisle bei sich.«

»Nun dann,« sagte Nanty; »so müssen wir wieder unter Segel, kommt Mr. Fairford. Ihr müßt aufsitzen und reiten. – Er hört mich nicht, – ich glaube, er ist ohnmächtig. – Was zum Teufel soll ich thun? Vater Crackenthorp, ich muß Euch diesen jungen Mann lassen, bis der Sturm ausgeblasen hat, – hört Ihr? er hat eine Botschaft an den Laird von einem andern Alten; er kann weder reiten noch gehen, ich muß ihn zu Euch schicken.«

»Schickt ihn zum Galgen hin,« sagte Crackenthorp; »da liegt der Quartiermeister Thwacker in meinem Haus mit 20 Mann, und hätte er keine Neigung gefaßt für Doll, so hätte ich keinen Augenblick hierher kommen können. – Ihr müßt aber den Augenblick gehen, oder sie kommen her, uns zu suchen, denn seine Befehle sind ungeheuer streng, und diese Fäßchen hier enthalten etwas Schlimmeres, als Whisky, – eine Galgengeschichte denk' ich.«

»Ich wollte, sie lägen im Grunde des Wampool-Flusses mit denen, welchen sie gehören,« sagte Nanty Ewart. »Aber sie sind ein Theil der Ladung, und was soll ich mit dem armen jungen Menschen anfangen, – – –«

»Ei was; schon mancher bessere Bursche hat sich auf den Boden legen müssen, mit einem Mantel über sich,« sagte Crackenthorp. »Wenn er ein Fieber hat, nichts ist so kühlend, als die Nachtluft.«

»Ja, er würde morgen frühe kalt genug sein ohne Zweifel, aber es ist eine gute Seele, er soll nicht so bald kalt werden, wenn ich helfen kann,« antwortete der Kapitän der springenden Jenny.

»Gut, Kapitän, wenn Ihr Euren eigenen Hals für den eines Andern geben wollt, warum bringt Ihr ihn nicht zu den alten Fräulein zu Fairladies«

»Was? zu den Miß Arthuret's, den papistischen M .... rn! doch was machts! ich will es thun, – ich habe gehört, sie hätten einmal die ganze Mannschaft einer Brigg aufgenommen, die am Ufer strandete.«

»Ihr lauft dennoch einige Gefahr, wenn Ihr nach Fairladies geht; denn ich sage Euch, sie sind in dem ganzen Lande herum auf den Beinen.«

»Thut nichts, ich möchte es schon versuchen, einigen von ihnen den Garaus zu machen,« sagte Nanty freudigen Muths. – »Kommt Bursche, macht, daß ihr fertig werdet. Habt ihr Alle geladen?« »Ja, ja, Kapitän, wir werden in einem Augenblick fertig sein,« sagte die Truppe.

»Zum Teufel mit eurem Kapitän, habt ihr Lust, mich gehangen zu sehen, wenn ich gefangen genommen werde? Nun Glück zu.

»Ein Schluck zum Abschied,« sagte Vater Crackenthorp, und bot Nanty die Flasche hin.

»Nicht den zwanzigsten Theil eines Tropfens,« sagte Nanty. »Ich brauche keinen holländischen Muth, – ich bin ohnehin hitzig genug, wenn's an's Fechten geht; wenn ich betrunken lebe, so möchte ich doch nüchtern sterben. – Hier, alter Jephson – Ihr seid das gutartigste Thier unter ihnen, setzet den Burschen zwischen uns auf ein ruhiges Pferd und wir wollen ihn dann sicherlich aufrecht halten.«

Als sie Fairford vom Boden aufhoben, stöhnte er schwer, und fragte mit matter Stimme, wo sie ihn hinführten?

»An einen Ort, wo Ihr so verborgen und so ruhig sein könnt, als eine Maus in ihrem Loch,« sagte Nanty, »wenn wir Euch nur erst glücklich hinbringen. – Lebt wohl, Vater Crackenthorp, und vergiftet den Ouartiermeister, wenn Ihr könnt.«

Die beladenen Pferde sprangen vorwärts in einem harten Trabe, indem sie einander in einer Linie folgten, und auf jedem zweiten Pferde saß ein starker Bursche in einem Weiberrock, der dazu diente, die Waffen zu verbergen, womit diese verzweifelten Menschen versehen waren. Ewart schloß den Zug oder die Caravane, und hielt mit der gelegentlichen Unterstützung des alten Jephson den jungen Mann aufrecht im Sattel. Er stöhnte von Zeit zu Zeit schwer, und Ewart, der für seine Lage mehr Mitleid fühlte, als man von seiner Lebensweise hätte erwarten sollen, bemühte sich, ihn zu erheitern und zu trösten, indem er ihm einige Nachricht von dem Orte gab, wo sie ihn hinführten; seine Trostesworte aber wurden häufig unterbrochen durch die Nothwendigkeit, seine Leute zu rufen, und viele von ihnen verloren sich unter dem Gerassel der Fässer und unter dem Klirren der kleinen Ketten, womit sie bei solchen Gelegenheiten die Ballen befestigen.

»Und Ihr seht, Bruder, Ihr werdet in sicherer Verwahrung sein zu Fairladies, ein gutes, altes Zufluchtshaus, – recht gute alte Mädchen, wenn sie nur keine Papistinnen wären. – Hallo, Jack Lowther, haltet die Linie, könnt Ihr nicht? – Und es sind recht ordentliche Leute, haben genug zu leben., die alten Mädchen, sind so eine Art Heilige, Nonnen u.s.w. geworden. Der Ort, worin sie leben, war vor langer Zeit eine Art Nonnenkloster, wie man sie noch jetzt in Flandern hat, manche Leute nennen sie die Vestalinnen von Fairladies; dich mögen sie nun sein, oder nicht, ich kümmere mich nicht darum. Blinkinsop, haltet das Maul oder es soll Euch – –! So unter großen Almosen und bei gutem Essen, sind sie bei Armen und Reichen wohl angesehen, und ihre Verhandlungen mit Papisten, darüber sieht man hinweg. Es sind eine Menge Priester und stämmige junge Schüler und dergleichen um das Haus her, es ist wie ein Bienenstock. – Es ist doch eine Schande, daß die Regierung Dragoner nach ein paar ehrlichen Leuten aussendet, die den alten Weibern in England einen Tropfen Branntwein bringen, und diese Lumpenkerls so ohne weiters den Papismus einschwärzen läßt, und – Horch! – was war das für ein Pfeifen? – Nein, es war nur ein Kibitz. Ihr, Jem Collier, seht Euch ein wenig um, wir müssen ihnen auf der Höhe von Whins oder im Grunds von Brotthole begegnen, sonst nirgends. – Reite nur eine Taulänge voraus, und sieh scharf um dich. – Diese Miß Arthuret's speisen den Hungrigen und geben den Nackenden Kleidern und dergleichen, – mein Vater nannte sie zwar nur elende Lumpen, kleidete sich aber doch selbst darein, wie viele andere Leute. Was Teufel ist das für ein stolperndes Pferd! Den Vater Crackenthorp soll doch gleich selbst der T–l holen, daß er einen ehrlichen Kerl aus so einen Stolperer setzt!«

Durch solche und ähnliche Gespräche, sowie durch seine wohlgemeinte Zudringlichkeit, vermehrte Nanty den leidenden Zustand Fairford's, der von quälenden Schmerzen im Rücken und in den Lenden, welche der harte Trab seines Pferdes ihm zur Folter machte, gepeinigt wurde, und die rauhe Stimme des Seemanns, welche hart an seinem Ohre tönte, hatte schon früher seinen Kopf wie mit scharfen Messern zerschnitten. Völlig leidend, versuchte er nicht einmal eine Antwort zu geben; und in der That war auch sein körperliches Uebelbefinden jetzt so groß, daß es ihm unmöglich war, an seine Lage zu denken, auch wenn er sie dadurch hätte verbessern können.

Ihr Weg ging landeinwärts, aber in welcher Richtung, das konnte Allan nicht bestimmen. Sie zogen anfangs über Haiden und Sandhügel hin, setzten über mehr als einen Bach, zum Theil von beträchtlicher Tiefe, und erreichten endlich eine angebaute Gegend, die nach englischer Art in kleine Felder abgetheilt war, die von Gräben umschlossen wurden, deren hohe Aufwürfe mit Buschwerk bedeckt waren, worüber größere Baumstämme emporwuchsen; unter diesen wand sich eine Menge ungangbarer und verwickelter Wege hin, wo die von allen Seiten hereinhangenden Zweige der Bäume das Mondlicht nicht durchließen, und die Sicherheit der Reiter gefährdeten. Aber die erfahrenen Führer leiteten sie durch dieses Labyrinth ohne allen Anstoß, und ohne daß man den Schritt mäßigen durfte. An vielen Orten konnten indeß nicht drei Leute neben einander reiten, und daher fiel die Last, Allan Fairford zu unterstützen, bald an den alten Jephson, wie man ihn nannte, bald an Nanty, und nur mit vieler Mühe konnten ihn diese aufrecht im Sattel erhalten.

Endlich, als seine Kräfte völlig erschöpft waren, und er gerade sie bitten wollte, ihn in der ersten besten Hütte oder Scheune, oder unter einem Heuhaufen, oder einem Zaune, oder sonst irgendwo seinem Schicksal zu überlassen, wenn man dieß ohne Gefahr für die Andern thun könne, ließ Collier, der an der Spitze ritt, zurücksagen, man sei am Eingange nach Fairladies, – ob er dahin einbiegen solle?

Nanty überließ Jephson die Sorge für Fairford, eilte zur Spitze des Haufens und gab seine Befehle. – »Wer kennt das Haus am besten?

»Sam Skelton ist ein Katholik,« sagte Lowther.

»Verdammte Religion,« sagte Nanty, dessen presbyterianische Erziehung nichts als einen Haß gegen das Papstthum zurückgelassen zu haben schien. – »Doch bin ich froh, daß einer unter uns ist. – Ihr, Sam, kennt Fairladies, da Ihr ein Papist seid, sowie die Mädchen drinn; reitet denn aus der Linie, und wartet hier bei mir; und Ihr, Collier, führt den Haufen hinüber nach Walkinford, dann wendet Ihr Euch dem Bache zu, bis Ihr zu der alten Mühle kommt, und Goodman Christ, der Müller, oder Peel Lausewag werden Euch sagen, wo Ihr halten sollt, oder ich werde Euch vorher noch einholen.«

Die Reihe der Lastthiere bewegte sich in ihrem früheren Schritte vorwärts, während Nanty mit Jack Skelton an der Seite des Wegs wartete, bis der Zug vorüber, und Jephson mit Fairford bei ihnen war; zur großen Erleichterung des Letztern ging es nun in einem gemäßigtern Schritte vorwärts, als früher, da sie die Truppe vorausgehen ließen, worauf denn allmälig das Klappern und das Gerassel in der Entfernung erstarb. Sie waren noch keine Pistolenschußweite von dem Platze entfernt, wo sie sich getrennt hatten, als eine kurze Biegung sie vor einen alten, verfallenen Thorweg brachte, dessen plumpes Fronton im Style des 17. Jahrhunderts mit nicht weniger plumpen, architektonischen Verzierungen ausgeschmückt war; manche von diesen waren herabgefallen und lagen zerstreut am Boden, um die man sich auch weiter nicht bekümmerte, als daß man sie aus dem geraden Zugang entfernte. Die großen, steinernen Pfeiler, welche im Mondlicht glänzten, hatten einige phantastische Aehnlichkeit mit übernatürlichen Erscheinungen, und das Ansehen von Vernachlässigung rings umher erregte bei denen, welche den Zugang passirten, keine vorteilhafte Idee von der Wohnung.

»Hier pflegte doch sonst kein Thor zu sein,« sagte Stelton, da er unerwartet seinen Weg gesperrt fand.

»Da ist aber jetzt ein Thor und ein Pförtner dazu,« sagte eine rauhe Stimme von Innen. »Wer seid Ihr, und was verlangt Ihr in dieser Stunde der Nacht?«

»Wir wollen mit den Damen sprechen, – mit den Miß Arthuret's,« sagte Nanty, »und für einen kranken Mann um Unterkunft bitten.«

»Zu dieser Stunde der Nacht kann man mit den Miß Arthuret's nicht sprechen, und Ihr könnt Euren kranken Mann zum Doktor führen,« antwortete verdrießlich der Mann von Innen; »denn so gewiß als Geschmack im Salz ist, und der Rosmarin riecht, hier werdet Ihr nicht eingelassen; steckt Eure Pfeifen ein und macht Euch davon.«

»Wie, Dick Gardener,« sagte Skelton, »bist du denn Pförtner geworden?«

»Was, wißt Ihr denn, wer ich bin?« fragte der Diener lebhaft.

»Ich kenne Euch an Eurer Aussprache,« erwiderte der Andere; »was? habt Ihr denn den kleinen Jack Skelton vergessen, und wie wir das Faß anbohrten?«

»Nein, ich habe Euch nicht vergessen,« sagte Jack Skeltons Bekannter; » aber meine Befehle sind bestimmt, Niemand in dieser Nacht hereinzulassen, und darum – – –«

»Wir sind aber bewaffnet, und lassen uns nicht zurückhalten. Hört Ihr, Bursche, wäre es nicht besser für Euch, Ihr nähmt eine Guinee, und ließt uns ein, als daß wir zuerst die Thüre einbrechen und deinen Kopf nachher? denn ich will meinen Kameraden hier nicht vor Eurer Thüre stehen sehen, – das seid versichert.«

»Nun, ich weiß nicht,« – sagte der Bursche, »was war denn aber das für Vieh, das in solcher Eile vorüberzog?«

»Nun, einige von unseren Leuten von Bowneß, Stonincultrum und der Gegend umher,« antwortete Skelton; »Jack Lowther, der alte Jephson, und der breite Will Lamplugh und Andere dergleichen.«

»Nun gut,« sagte Dick Gardener, »so gewiß als Geschmack im Salz ist, und der Rosmarin riecht, ich glaubte, es seien die Banden von Carlisle und Wigton, und der Ton brachte mein Herz auf die Zunge.«

»Ich hätte gedacht, du könntest das Rasseln eines Fasses vom Klang eines breiten Säbels unterscheiden, so gut als ein Säufer in Cumberland,« sagte Skelton.«

»Komm, Bruder, weniger mit Eurer Kinnlade, und mehr mit Euren Beinen, wenn's gefällt,« sagte Nanty; »jeder Augenblick, den wir hier stehen, ist verloren. Geht zu den Damen, und sagt ihnen, daß Nanty Ewart von der springenden Jenny einen jungen Herrn mitgebracht habe, der Briefe von Schottland an einen gewissen wichtigen Herrn in Cumberland mit sich führt, – daß die Soldaten weg sind, und der Herr sehr krank ist, und wenn er nicht zu Fairladies aufgenommen wird, so stirbt er entweder hier am Thore, oder wird von den Rothröcken mit allen seinen Papieren gefangen.«

Hinweg rannte Dick Gardener mit dieser Botschaft, und in wenigen Minuten sah man Lichter schimmern, was Fairford, der in Folge des Haltens zu sich selbst gekommen war, überzeugte, daß man die Fronte eines ziemlich großen Wohnhauses durchlief.

»Wie nun, wenn dein Freund, Dick Gardener, nicht wiederkommt?« sagte Jephson zu Skelton.

»Nun dann,« erwiderte der Angeredete, »bin ich ihm ein eben solches Traktament schuldig, wie du, alter Jephson, von Dan Cook erhalten hast, und ich werde nicht weniger ehrlich und redlich zahlen.«

Der alte Mann wollte eben eine bittere Antwort geben, als seine Zweifel zum Schweigen gebracht wurden durch Dick Gardeners Rückkehr, welcher ankündigte, daß Miß Arthuret selbst an den Thorweg kommen würde, um mit ihnen zu sprechen.«

Nanty Ewart verwünschte leise das Mißtrauen der alten Frauenzimmer, und die lächerlichen Skrupel der Katholiken, welche so viele Umstände machten, einem Mitmenschen zu helfen, und wünschte der Miß Arthuret zum Lohne für ihren Ausgang einen derben Rheumatismus oder Zahnweh an den Hals; aber soeben zeigte sich die Dame, und schnitt alles weitere Brummen kurz ab. Sie war von einem Dienstmädchen mit einer Laterne begleitet, bei deren Licht sie die Außenstehenden so genau betrachtete, als die geringe Helle und die Gitterstube des neuen Thores es gestatteten.

»Es thut mir leid, Madame Arthuret, daß wir Euch so spät gestört haben,« sagte Nanty; »aber der Fall ist der – –«

»Heilige Jungfrau!« sagte sie, »warum sprecht Ihr so laut? Wie? seid Ihr nicht der Kapitän der heiligen Genoveva?«

»Ja, ja, Madame,« erwiderte Ewart, »so nennen sie wahrhaftig die Brigg zu Dünkirchen, aber längs dem Ufer nennt man sie die springende Jenny.«

»Ihr brachtet den heiligen Vater Buonaventura herüber, nicht wahr?«

»Ja, ja, Madame, ich habe genug von dem schwarzen Vieh herübergebracht,« antwortete Nanty.

»Pfui, pfui, Freund,« sagte Miß Arthuret, »es ist Schade, daß die Heiligen solche gute Männer der Sorge eines Ketzers anvertrauen müssen.«

»Das würden sie auch nicht thun, Madame, wenn sie einen Schlingel von einem Papisten finden könnten, der die Küste so gut kennt, als ich; für die Eigenthümer bin ich so fest, wie Stahl, und sehe immer nach der Ladung – mag es nun lebendiges oder todtes Fleisch sein, oder geistige Getränke, das ist mir Alles eins; und Eure Katholiken haben so verdammte, weite Mönchskappen, daß sie manchmal zwei Gesichter darunter verbergen können. Hier der Herr aber ist am Sterben, und hat Briefe bei sich von dem Laird von Summertrees an den Laird der Seen von Solway, wie sie ihn nennen; und jede Minute, die er hier liegt, ist ein Nagel zu seinem Sarge.«

»Heilige Maria! was sollen wir thun?« sagte Miß Arthuret, »wir müssen ihn aufnehmen auf jede Gefahr. – Ihr, Richard Gardener, helft einem von diesen Leuten den Herrn hinauf in's Haus zu schaffen, und Ihr, Selby, sorgt dafür, daß er am Ende der langen Gallerie sein Zimmer bekommt. – Ihr seid ein Ketzer, Kapitän, aber ich denke, Ihr seid redlich, und ich weiß, man hat Euch sonst schon getraut, wenn Ihr mich aber betrügt – –«

»Nein, Madame, ich habe nie versucht, Damen von Eurer Erfahrung zu täuschen, meine Praxis hat sich auf die jungen beschränkt; nun auf, Mr. Fairford, Muth gefaßt, Ihr werdet hier gut aufgenommen sein, – versucht zu gehen.«

Allan that es, und erfrischt durch diesen Aufenthalt erklärte er, er könne mit alleiniger Hülfe des Gärtners bis zum Hause gehen.

»Nun, das ist herzhaft; Dank dir, Dick, daß du ihm deinen Arm leihst,« hier ließ er die versprochene Guinee in seine Hand fallen.«

»Lebt wohl denn, Mr. Fairford, und auch Ihr, Madame Arthuret, denn ich bin schon zu lange hier gewesen.«

Dieß sagend, warf er sich, sowie seine beiden Begleiter, auf's Pferd, und sie sprengten im Galopp davon. Doch trotz des Geräusches der Hufe ihrer Pferde hörte man den unverbesserlichen Nanty die alte Ballade singen:

Ein hübsches Mädel zum Priester kam,
Zur Beicht' eines Morgens früh.
Von deiner Sünde, wie ist der Nam'?
Komm, sag' aufrichtig mir sie!
Ach, ach, mich drückt meines Fehlers Scham,
Mein Geliebter mich liebte, wie nie.

»Heilige Jungfrau!« rief Miß Seraphina aus, als die unheiligen Töne ihr Ohr erreichten; »was für Heiden sind doch diese Menschen, und welchen Schrecken und Verlegenheiten sind wir unter ihnen ausgesetzt! Die Heiligen mögen uns gnädig sein, was ist dieß für eine Nacht gewesen! – Nie sah ich eine solche zu Fairladies! – Hilf mir das Thor fest zumachen, Richard, und komm dann wieder herab, um aufzupassen, daß keine unwillkommeneren Besuche kommen; – nicht daß Ihr unwillkommen wäret, junger Mann, denn es ist genug, daß Ihr solcher Hülfe bedürft, wie wir geben können, um Euch zu Fairladies willkommen zu machen, – ich wollte nur sagen, zu einer andern Zeit – doch es ist ja auch Alles recht gut so. Der Gang nach dem Hause ist nicht der angenehmste, Sir, seht Euch vor aus den Boden, der Gärtner Richard hätte ihn freilich in besserem Stande erhalten und ebnen sollen, aber er mußte auf eine Pilgerfahrt nach St. Winfredsbrunnen in Wallis gehen.« – Hier hustete Dick trocken, was er in ein stilles Sancta Winifreda, ora pro nobis verwandelte, da er merkte, daß er ein inneres Gefühl verriethe, das mit dem, was die Dame sagte, ein wenig in Widerspruch war. Miß Arthuret fuhr indessen fort: »wir hindern unsere Diener nie an ihren Gelübden oder Büßungen, Mr. Fairford, – ich kenne einen sehr würdigen Vater Eures Namens, vielleicht ein Verwandter, – ich sage, wir hindern unsere Dienstboten nie an Erfüllung ihrer Gelübde. Verhüte unsere Frau, daß sie keinen Unterschied kennen sollten zwischen unserem Dienste und dem eines Ketzers. – Nehmt Euch ich Acht, Sir, Ihr werdet fallen, wenn Ihr nicht aufmerkt. Ach! bei Tag und Nacht liegen so viele Steine des Anstoßes auf unsern Pfaden.«

Mit noch manchem Gerede gleicher Art, das ein zwar mitleidiges, aber auch einfältiges Frauenzimmer, mit einer starken Neigung zu abergläubischer Frömmigkeit verrieth, unterhielt Miß Arthuret ihren neuen Gast, welcher stolpernd an jedem Hinderniß, das die Frömmigkeit seines Führers Richard hatte im Weg liegen lassen, endlich eine steinerne Treppe hinaufstieg, welche auf der Seite mit Greifen oder andern heraldischen Sonderbarkeiten geziert war, und eine Terrasse erreichte, die sich in der Fronte des Hauses von Fairladies hinzog; es glich der Wohnung eines altväterischen Edelmannes von einiger Bedeutung mit seinen Reihen von eingekerbten Giebeln und engen Fenstern, hier und da noch mit einem alten Thürmchen in Form einer Pfefferbüchse ausstaffirt. Die Thüre war während der kurzen Abwesenheit der Dame verschlossen worden, ein düsteres Licht schimmerte durch die Gitterthüre der Halle, welche auf einen großen, gepflasterten Raum führte, der mit Jasmin und andern Gewächsen bedeckt war. Alle Fenster waren finster, wie Pech.

Miß Arthuret klopfte an's Fenster: »Schwester! Schwester Angelika!«

»Wer ist da?« war die Antwort von Innen, »seid Ihr es, Schwester Seraphina?«

»Ja, ja, öffnet die Thüre, kennt Ihr meine Stimme nicht?«

»Ach ja, Schwester,« sagte Angelika und schob alle Riegel weg, »aber Ihr kennt unsere Pflicht, und der Feind ist wachsam, uns zu überfallen – incedit sicut leo verans (er geht umher, wie ein brüllender Löwe), sagt das Breviarium. – Wen habt Ihr hierhergebracht? O Schwester, was habt Ihr gethan?«

»Es ist ein junger Mann,« sagte Seraphina, eilig ihrer Schwester Widerrede unterbrechend, »ein Verwandter, glaube ich, von unserem würdigen Pater Fairford; er wurde am Thor zurückgelassen von dem Kapitän des Schiffes ›die heilige Genoveva‹ – fast todt – und mit Briefen versehen an –«

Diese letzten Worte murmelte sie nur mit leiser Stimme.

»Nun, da ist freilich nicht zu helfen,« sagte Angelika, »aber es ist ein unglücklicher Zufall.«

Während dieses Zwiegesprächs zwischen den Vestalinnen von Fairladies setzte Dick Gardener seine Last in einem Sessel ab, wo die jüngere Dame nach augenblicklichem Bedenken, das ein geziemendes Widerstreben ausdrückte, die Hand eines Fremden zu berühren, ihren Zeigefinger und Daumen an Fairford's Hand legte, und seinen Puls befühlte.

»Das ist Fieber, Schwester,« sagte sie; »Richard muß Ambrosius rufen, und wir müssen ihm etwas gegen das Fieber senden.«

Ambrosius kam sogleich an, ein sehr ordentlich und achtbar aussehender, alter Diener, in der Familie aufgewachsen, und von Stufe zu Stufe in der Arthuret's Dienste gestiegen, bis er endlich Halbarzt, Halbalmosenier, Halbkellermeister und ganzer Hausvogt geworden war, d. h. wenn der Pater Beichtiger, welcher ihn oft in der Mühewaltung seiner Hausvogtei unterstützte, gerade abwesend war. Unter der Leitung, und mit Beihülfe dieser verehrungswerthen Person wurde der unglückliche Allan Fairford in ein anständiges Zimmer am Ende der langen Gallerie geführt, wo zu seiner unaussprechlichen Erleichterung ihm ein gutes Bett angewiesen wurde. Er versuchte nicht, den Vorschriften Mr. Ambrosius Widerstand zu leisten, welcher ihm nicht allein den erwähnten Trank darreichte, sondern auch so weit ging, ihm eine beträchtliche Menge Blut abzulassen, welche letztere Operation dem Patienten sehr gute Dienste leistete.

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