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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Erzählung von Allan Fairford

(Fortsetzung.)

Fairford folgte seinem mürrischen Führer durch ein Labyrinth von Fässern und Ballen, an welchem er beinahe mehr als einmal die Nase zerbrochen hätte, und von da aus in ein kleines Geschäftszimmer, wie es schien, denn das schwache Licht der Laterne ließ ein Schreibpult und Schreibmaterialien erblicken. Hier schien kein Ausgang zu sein, aber der Schmuggler oder Schmugglers-Genosse bediente sich einer Leiter, schob ein altes Gemälde hinweg, woraus ungefähr sieben Fuß vom Boden sich eine Thüre zeigte; Fairford, immer Hiob folgend, kam in einen anderen verschlungenen und dunkeln Durchgang, der ihn unwillkürlich an Peter Peebles Prozeß erinnerte. Am Ende dieses Labyrinths, als er kaum noch eine Vermuthung hatte, wohin er geführt worden sei, und, wie die Franzosen sagen, völlig desorientirt war, setzte Hiob plötzlich die Laterne nieder und zündete damit zwei Lichter an, die auf dem Tische standen, und fragte Allan, ob er etwas essen wolle, empfahl ihm aber auf alle Fälle einen Schluck Branntwein gegen die Nachtluft zu nehmen. Fairsord lehnte beides ab, und fragte nur nach seinem Gepäcke.

»Der alte Herr wird dafür sorgen,« sagte Hiob Rutledge, indem er sich auf die nämliche Seite hin entfernte, auf welcher er eingetreten war; er verschwand an dem andern Ende auf eine Weise, welche Allan bei dem noch schwachen Kerzenlicht nicht genau bemerken konnte. So war der abenteuerliche junge Rechtsgelehrte allein in einem Gemach zurückgelassen, wohin er auf einem so sonderbaren Wege geführt worden war.

In dieser Lage war es Allans erstes Geschäft, den Ort, wo er sich befand, mit einiger Genauigkeit zu untersuchen; er putzte also die Lichter, und ging dann langsam in dem Gemache umher, indem er das Aeußere und die Ausdehnung genau betrachtete. Es schien so ein kleines Speisezimmer zu sein, wie es gewöhnlich in den Häusern der bessern Classe von Handwerkern, Kleinhändlern und dergleichen sich befindet, hatte am obern Ende eine kleine Abtheilung, worin sich die gewöhnlichen Geräthschaften befanden. Er fand eine Thüre, die er zu öffnen versuchte, sie war aber von Außen verschlossen. Eine entsprechende Thüre auf derselben Seite des Gemachs führte ihn in ein Kabinet, wo auf dem vordern Gesimse Punschbowlen, Gläser, Theetassen und dergleichen sich befanden, während auf der andern Seite ein Reitrock von dem gröbsten Stoffe hing, zwei große Reiterpistolen sahen aus der Tasche vor, und auf dem Boden standen ein Paar wohlbespritzte Kurierstiefel, damals die gewöhnliche Ausrüstung, wenigstens für lange Reisen.

Nicht sonderlich erbaut über den Inhalt des Kabinets, schloß Allan Fairford die Thüre und nahm seine Untersuchung links der Mauer des Gemaches wieder vor, um zu entdecken, auf welche Weise sich Hiob Rutledge entfernt hatte. Der geheime Durchgang war aber zu künstlich versteckt, und der junge Rechtsgelehrte hatte nichts Besseres zu thun, als über seine sonderbare Lage nachzudenken. Er hatte schon lange gewußt, daß die Accisegesetze einen lebhaften Contreband-Handel zwischen Schottland und England veranlaßten, der damals, wie noch jetzt, existirte, und so lange noch existiren wird, bis das erbärmliche System völlig abgeschafft ist, das eine Ungleichheit der Abgaben zwischen den verschiedenen Theilen desselben Königreichs festsetzt; beiläufig gesagt, ein System, das sehr dem Benehmen eines Fechters gleicht, der sich den einen Arm zusammenschnürt, um mit dem andern besser fechten zu können. Fairford hatte aber doch an keine so kostspieligen und regelmäßigen Anstalten gedacht, durch welche der unerlaubte Handel getrieben wurde, und hatte sich nicht denken können, daß das darauf verwandte Kapital zur Errichtung so ausgedehnter Gebäude mit allen diesen künstlichen Mitteln zur Geheimhaltung hinreichend sein sollte. Er dachte eben über diese Umstände nach, nicht ohne einige Aengstlichkeit über den Fortgang seiner eigenen Reise, als er plötzlich, wie er die Augen erhob, den alten Mr. Trumbull am obern Ende des Zimmers entdeckte, wie er in der einen Hand ein kleines Bündel trug, in der andern seine dunkle Laterne, deren Licht er beim Vorwärtsgehen gerade auf Fairfords Gesicht richtete.

Ob er gleich nichts anders, als eine solche Erscheinung erwartet hatte, so konnte er doch den grämlichen, finstern Alten so plötzlich nicht ohne einige Bewegung sehen, besonders wenn er sich erinnerte (was einem Jüngling von einer so frommen Erziehung besonders unangenehm aufstoßen mußte), daß der grauköpfige Heuchler vielleicht in diesem Augenblick von den Knieen aufgestanden sei, um die geheimnißvollen Geschäfte eines verzweifelten und ungesetzlichen Handels zu betreiben.

Der alte Mann, gewohnt, mit scharfem Blick die Physiognomie derer zu beurtheilen, mit denen er Geschäfte hatte, bemerkte sogleich die Unruhe in Fairford's Benehmen. »Reut es Euch?« sagte er. »Wollt Ihr das Pferd wieder absatteln, und das Wagstück aufgeben?«

»Nimmer,« sagte Fairford fest, gereizt sowohl durch seinen natürlichen Muth, als durch das Andenken an seinen Freund; »nimmer, so lange ich lebe und Kraft habe, es hinauszuführen!«

»Ich habe Euch,« sagte Trumbull, »ein reines Hemd und ein Paar Strümpfe mitgebracht, und dieß ist alles Gepäck, das Ihr passender Weise mitnehmen könnt; auch will ich's einem von den Burschen sagen, daß er Euch einen Reitrock leiht, denn ohne einen solchen kommt man zu Schiff und zu Pferde nicht mit fort; und was Euren Mantelsack anbelangt, so ist er in meinem armen Hause, auch wenn er mit Gold aus Ophir gefüllt wäre, so sicher, als in der Tiefe eines Schachts.«

»Ich zweifle nicht daran,« sagte Fairford.

»Und nun,« sagte Trumbull wiederum, »bitte ich Euch, mir zu sagen, mit welchem Namen ich Euch dem Nanty (Antony) Ewert nennen soll.«

»Allan Fairford heiße ich!«

»Das ist aber,« sagte Trumbull, »Euer wirklicher Vor- und Zuname.«

»Und welchen andern sollte ich geben,« sagte der junge Mann, »glaubt Ihr, ich hätte Ursache, einen andern zu wählen? Und dabei, Mr. Trumbull,« setzte Allan hinzu, indem er glaubte, daß ein wenig Spott innere Zuversicht anzeigen würde, »habt Ihr Euch vor ganz kurzer Zeit glücklich gepriesen, daß Ihr keine Bekanntschaft mit denen hättet, deren Name so verrufen sei, daß sie genöthigt wären, einen andern zu wählen.«

»Wahr, sehr wahr,« sagte Mr. Trumbull, »dennoch, junger Mann, trage ich meine grauen Haare, was dieß betrifft, ohne Tadel, denn wenn ich in meinen Geschäften unter meinem Weinstock und meinem Feigenbaum sitze, und die starken Wasser des Nordens gegen das Gold, das dafür bezahlt wird, austausche, so habe ich, dem Himmel sei Dank, keine Verkappung nöthig, und trage meinen eigenen Namen, Thomas Trumbull, ohne Gefahr, denselben zu beflecken. Du aber, der du auf schlammigen Wegen gehst, du würdest wohl thun, zwei Namen zu haben, wie du zwei Hemden hast, um das eine durch das andere rein zu halten.«

Hier stieß er ein grunzendes Murren aus, das genau zwei Pendelschwingungen dauerte, und die einzige Annäherung am Gelächter war, das sich der alte Turnpenny, denn dieß war sein Spitzname, gestattete.

»Ihr seid witzig, Mr. Trumbull,« sagte Fairford, »aber Scherze sind keine Gründe; ich werde meinen eigenen Namen behalten.«

»Nach Eurem Belieben,« sagte der Kaufmann, »es gibt nur einen Namen, indem – –«

Wir wollen dem Heuchler nicht durch die unheilige Anführung folgen, deren er sich bediente, um die Unterredung zu schließen.

Allan folgte ihm in stummem, schweigendem Abscheu zu der Abtheilung, wo der Trinktisch aufgestellt und so künstlich angebracht war, daß er eine andere von den Thüren verbarg, an denen das ganze Gebäude so reich war. Diese führte sie wieder in den nämlichen gewundenen Gang, wodurch der junge Rechtsgelehrte hierher gebracht worden war. Der Pfad aber, den sie jetzt in diesem Labyrinthe einschlugen, ging nicht in der nämlichen Richtung, in der ihn Rutledge geführt hatte; er führte auswärts und endigte an einem Dachfenster. Trumbull öffnete es, und mit mehr Behendigkeit, als man von seinem Alter erwarten konnte, kletterte er hinaus auf ein plattes Dach. Wenn Fairford's Reise bisher in einer erstickenden unterirdischen Atmosphäre fortgegangen war, so war sie jetzt offen, frei und luftig genug, denn er mußte seinem Führer über Blei- und Schieferdächer folgen, über welche der alte Schmuggler mit der Geschicklichkeit einer Katze hinlief. Wahr ist's, sein Weg wurde ihm dadurch sehr erleichtert, daß er alle Ruhestellen und Anhaltspunkte genau kannte, deren sich Fairford nicht so rasch bedienen konnte. Nach einem beschwerlichen und manchmal gefährlichen Gange über die Dächer von zwei oder drei Häusern, stiegen sie endlich durch ein Bodenfenster in eine Dachstube, und von da die Treppe hinab in ein Wirthshaus, denn dieß schien es dem Schellen mit den Glocken, dem Pfeifen nach Aufwärter und Bedienung, und dem Schreien »daher, Kellner, daher,« zu Folge zu sein; dazwischen erklangen Matrosenlieder und anderes Geräusch der Art.

Als sie in den zweiten Stock herabgestiegen waren, und in ein Zimmer traten, schellte Mr. Trumbull dreimal an der Glocke des Zimmers, jedesmal nach einem Absatze, während dessen er gemächlich die Zahl zwanzig zählte. Unmittelbar nach dem dritten Schellen erschien der Wirth mit heimlichem Schritt, und mit einem geheimnißvollen Anstrich auf dem dienstfertigen Gesichte. Er grüßte Mr. Trumbull, der, wie es sich zeigte, sein Miethsherr war, mit großer Ehrerbietung, und drückte seine Verwunderung aus, ihn so spät und zwar am Samstag Abend zu sehen.

»Und ich, Robin Hastie,« sagte der Miethsherr zu seinem Pächter, »wundere mich mehr, als es mich freut, so nahe vor dem Eintritt des Sabbaths solchen Lärmen in Eurem Hause zu hören, und ich muß Euch erinnern, daß es gegen die Bedingungen Eures Pachtes ist, welcher verlangt, daß Ihr am Samstag spätestens um neun Uhr Abends Euer Wirthshaus schließen sollt.«

»Ja, Herr,« sagte Robin Hastie, durch den heftigen Tadel keineswegs beunruhigt, »aber Ihr müßt bedenken, daß ich seit neun Uhr Niemanden mehr hereingelassen habe, außer Euch, der sich selbst eingeführt hat; denn die meisten sind schon seit mehreren Stunden hier, um die Brigg zu laden u.s.w. Es ist noch nicht die volle Fluth, und ich kann sie doch nicht auf die Straße setzen. Wenn ich es thäte, so gingen sie zu einem andern Wirthshaus, und um ihre Seelen würde es deßhalb nicht besser stehen, um meinen Beutel viel schlechter, denn wie kann ich den Pacht bezahlen, wenn ich nicht den Schnaps verkaufe?«

»Nun, nun,« sagte Thomas Trumbull, »wenn es ein Werk der Nothwendigkeit ist und auf dem ehrlichen Geschäftswege, so wird es ohne Zweifel Balsam wie Gilead sein. Aber ich bitte dich, Robin, sieh doch, ob Nanty Ewart, wie es sehr wahrscheinlich ist, unter diesen unseligen Trunkenbolden sich befindet, und wenn er da ist, so sag' ihm, er soll vorsichtig heraufkommen, und mit mir und diesem Mann da sprechen. Und da es nicht gut ist, Robin, beim Sprechen so trocken da zu sitzen, so laßt uns eine Bowle Punsch bringen, Ihr wißt es, wie ich's liebe.«

»Vom Gläschen bis zur Kanne, ich kenne Euren Geschmack, Mr. Thomas Trumbull,« sagte der Wirth, »und Ihr sollt mich über dem Schildzeichen aufhängen, wenn ein Tropfen mehr Citrone oder ein Körnchen weniger Zucker drinnen ist, als Ihr es gerade liebt. Ihr seid Eurer Drei, da werdet Ihr wohl das alte schottische große Maß wollen, um auf eine glückliche Reise zu trinken.«

»Besser dafür beten, als trinken, Robin,« sagte Mr. Trumbull. »Euer Gewerb ist gefährlich, Robin, es richtet viele zu Grunde, Wirth und Gäste. Ihr werdet aber die blaue Bowle nehmen, die blaue Bowle, die wird schon allen Durst vertreiben, und die sündliche Wiederholung des gierigen Trinkens, auch an einem Samstagabend, verhindern. Ja, Robin, es ist Schade um Nanty Ewart – Nanty liebt doch auch seinen kleinen Finger naß zu machen, und wir wollen ihn nicht hindern, Robin, so lang er noch zum Steuermann Verstand behält.«

»Nanty Ewart steuert Euch durch den Pentland-Golf, und wäre er so toll, als das baltische Meer,« sagte Robin Hastie; so trippelte er im Augenblicke die Treppe hinab, kehrte aber sogleich zurück mit den Materialien zu dem, was er sein Gebräu nannte; diese bestanden aus zwei englischen Quarts Branntwein in einer großen blauen Bowle, nebst allen Ingredienzien zu einem Punsch, in dem nämlichen furchtbaren Verhältnis. Zu gleicher Zeit führte er Mr. Antony oder Nanty Ewart ein, dessen Person, obgleich er schon ziemlich vom Branntwein betrunken war, Fairford's Erwartungen dennoch betrog. Seine Kleidung war, was man so ärmlich anständig nennt, ein Frack mit verblichenen Tressen, ein kleiner, keck aufgesetzter Hut auf ähnliche Weise verziert, eine Scharlach-Weste mit verschabter Stickerei, dergleichen Hosen mit silbernen Kniebändern, und dabei trug er einen guten Hirschfänger und ein Paar Pistolen in einem schmutzigen Wehrgehäng.

»Hier komm' ich, Patron,« sagte er zu Mr. Trumbull, ihm die Hand schüttelnd. »Gut, ich sehe, Ihr habt schon etwas Grog an Bord genommen.«

»Es ist nicht meine Sitte, wie Ihr wißt, Mr. Ewart,« sagte der Alte, »so spät am Samstag Abend zu zechen oder zu schmausen; ich wollte aber Eurer Aufmerksamkeit nur einen jungen Freund empfehlen, der auf einer besondern Reise begriffen ist, mit einem Briefe an unsern Freund, den Laird von Pate – in – Peril, wie man ihn nennt.«

»Nun, er muß auf so einen jungen Herrn recht viel Vertrauen haben. – Ich wünsche Euch viel Glück, Sir,« sagte er, sich gegen Fairford verbeugend. »Bei unsrer Frau, wie Shakespeare sagt: Ihr bringet Euren Hals zu einer schönen Geschichte. Kommt, Patron, wir wollen eins trinken auf seine Gesundheit! – Wie heißt er? – Habt Ihr's schon gesagt, und hab' ich's vergessen?«

»Mr. Allan Fairford,« sagte Trumbull.

»Ei, Mr. Allan Fairford – ein guter Name für einen Schleichhändler, Fairford heißt wörtlich, einer, der gut über's Wasser watet. mög' es lange dauern, bis Ihr den Topmast des Ehrgeizes erreichet, wofür ich die höchste Sprosse einer gewissen Leiter halte.«

Während er sprach, ergriff er den Punschlöffel, und begann die Gläser zu füllen. Aber Mr. Trumbull hielt ihm die Hand, bis er, wie er sich ausdrückte, den Trank durch ein langes Gebet geweiht hatte; während er dieß sprach, schloß er die Augen, dehnte aber die Nasenflügel weit aus, als ob er den Duft des Tranks mit besonderer Behaglichkeit einschnüffelte.

Als das Gebet endlich vorüber war, setzten sich die drei Freunde nieder zu ihrem Getränke, und luden Allan Fairford ein, daran Theil zu nehmen. Aengstlich wegen seiner Lage, mißvergnügt über seine Gesellschaft, erhielt er nach vielem Bitten, unter dem Vorwand, er sei ermüdet, erhitzt u. dgl., die Erlaubniß, sich auf ein Lager hinzustrecken, das in dem Zimmer war, und versuchte, wenigstens einen Augenblick, zu ruhen, ehe die hohe Fluth ihn auf's Schiff rief. Eine Zeitlang heftete er seine Augen noch auf die lustige Gesellschaft, die er verlassen hatte, und strengte seine Ohren an, um wo möglich etwas von ihrer Unterhaltung zu vernehmen. Er fand aber bald, daß ihm dieß nicht gelang; denn was auch wirklich seine Ohren erreichte, war so sehr mit einem gaunerischen Rothwelsch vermengt, daß er keinen Sinn hinein brachte. Endlich schlief er ein.

Nach einem drei- oder vierstündigen Schlafe wurde er durch Stimmen aufgeweckt, welche ihn baten, aufzustehen und sich zur Abfahrt bereit zu machen. Er sprang also auf, und befand sich noch in derselben lustigen Gesellschaft, die gerade mit ihrer ungeheuren Punschbowle fertig geworden war. Zu Allans Erstaunen hatte das Getränk nur wenig Wirkung auf das Gehirn von Menschen gehabt, die gewohnt waren, zu jeder Stunde zu trinken und in den ungewöhnlichsten Quantitäten. Der Wirth sprach zwar ein wenig schwer, und auch mit der Zunge des Mr. Thomas Trumbull wollte es nicht recht fort, Nanty aber war einer von den Säufern, die frühe das wurden, was man Bonvivants nennt, und Tag und Nacht auf dem nämlichen Punkte der Berauschung bleiben; da sie aber selten ganz nüchtern sind, sind sie auch eben so selten ganz betrunken. Und in der That, hätte Fairford nicht gewußt, womit Ewart während seines Schlafs beschäftigt war, er würde beim Erwachen fast geschworen haben, der Mann sei nüchterner, als da er zuerst in's Zimmer trat.

Er wurde in dieser Meinung bestärkt, als sie in das untere Zimmer hinabgingen, wo zwei oder drei Matrosen mit Spitzbubengesichtern auf ihre Befehle warteten. Smart nahm die ganze Leitung auf sich, gab seine Befehle mit Kürze und Bestimmtheit, und sah darauf, daß sie mit der Stille und Schnelligkeit vollzogen wurden, wie es die besonderen Umstände erforderten. Alle wurden jetzt auf die Brigg geschickt, welche, wie man Fairford zu verstehen gab, ein wenig weiter unten am Fluß lag, welcher für Schiffe von leichter Ladung bis fast eine Meile von der Stadt schiffbar ist. Als sie aus dem Wirthshaus gingen, wünschte ihnen der Wirth Glück auf den Weg. Der alte Trumbull ging ein wenig mit, aber die Luft hatte, wie es schien, eine bedeutende Wirkung auf den Zustand seines Gehirns geäußert, denn nachdem er Allan Fairford erinnert hatte, daß der nächste Tag ein Sabbath sei, ermahnte er ihn äußerst weitläufig, ja denselben heilig zu halten. Endlich merkte er vielleicht, daß er unverständlich würde, drückte Fairford ein Buch in die Hand, und sagte unter vielem Schlucken: »Gutes Buch, gutes Buch, schönes Gesangbuch, passend für den morgenden Sabbath.« Hier schlug die Glocke von Annan fünf, worüber die schon verwirrten Gedanken Mr. Trumbulls noch verwirrter wurden. »Ei! Ist der Sonntag schon gekommen und vergangen? Der Himmel sei gepriesen! Nur ist's erstaunlich, daß der Nachmittag für diese Jahreszeit zu dunkel ist. – Der Sabbath ist ruhig vorübergeschlüpft, doch haben wir Ursache, uns Glück zu wünschen, daß er nicht ganz schlecht angewendet worden ist. Ich hörte wenig von der Predigt – ein kalter Moralist ist's, glaube ich, gewesen, aber – das Gebet, ich erinnere mich's, als hätte ich die Worte selbst gesagt.« Hier wiederholte er ein paar Stellen, vermuthlich aus seiner Hausandacht, die er vor der Aufforderung zu dem, was er seinen Geschäftsweg nannte, abgehalten hatte. »Ich erinnere mich nicht, daß mir je ein Sabbath so gut vorübergegangen wäre.« Dann faßte er sich ein wenig und sagte zu Allan: »Ihr könnt dieß Buch lesen, Mr. Fairford, morgen, es thut nichts, daß es schon Montag ist; denn Ihr seht, es war Samstag, als wir beisammen waren, und nun ist's Sonntag und es ist dunkle Nacht, – so ist uns der Sabbath rein durch die Finger geschlüpft, wie Wasser durch ein Sieb, das nichts hält; und wir müssen nun morgen früh wieder anfangen, in den mühsamen, niedrigen, unbedeutenden irdischen Geschäften, die eines unsterblichen Geistes unwürdig sind, – den Geschäftsweg immer ausgenommen.«

Drei von den Leuten kehrten jetzt nach der Stadt zurück, und brachen auf Ewarts Befehl des Patriarchen Ermahnungen kurz ab, indem sie ihn zurück nach seiner Behausung führten. Die übrige Gesellschaft ging vorwärts zu der Brigg, die nur auf ihre Ankunft wartete, um die Anker zu lichten und den Fluß hinab zu fahren. Nanty Ewart setzte sich selbst an's Steuerruder, und die bloße Berührung davon schien die noch übrige Wirkung des zu sich genommenen Getränkes vollends zu zerstreuen, denn er wußte sein kleines Schiff mit der größten Genauigkeit und Sicherheit durch einen engen und gefährlichen Kanal zu lenken.

Allan Fairford benutzte eine Zeitlang den hellen Sommermorgen, um die noch ziemlich dunkeln Küsten, zwischen denen sie hingleiteten, zu betrachten; als sie aber endlich mehr und mehr seinen Blicken entschwanden, machte er sein kleines Bündel zum Kissen, wickelte sich in den Oberrock, womit ihn der alte Trumbull ausstaffirt hatte, und streckte sich hin auf's Verdeck, um wo möglich den Schlummer zurückzurufen, aus dem er erweckt worden war. Kaum hatte sich der Schlaf auf seinen Augen niedergelassen, als er merkte, daß Jemand um ihn beschäftigt war. Mit schneller Gegenwart des Geistes überdachte er seine Lage, und beschloß, keine Unruhe zu zeigen, wenn er nicht genügenden Grund dazu hätte; er wurde aber bald von seiner Angst befreit, als er bemerkte, daß der um ihn besorgte Nanty so sanft wie möglich einen großen Schiffermantel um ihn schlug, damit er gegen die Morgenluft geschützt sei.

»Du bist kaum aus dem Ei geschlüpft,« murmelte er, »es wäre aber Schade, wenn du wieder abfahren müßtest, ohne ein wenig mehr von Leid und Freud' dieser Welt gesehen zu haben. Obgleich es, meiner Treu, wenn du das gewöhnliche Schicksal hast, das Beste wäre, ich überließe dich der Gefahr eines kalten Fiebers.« Diese Worte und die rauhe Höflichkeit, mit welcher der Patron der kleinen Brigg den Schiffermantel um Fairford zu schlagen sich bemühte, gab diesem ein Gefühl von Sicherheit, das er bis jetzt noch nicht gehabt hatte. Sorgloser streckte er sich auf die harten Bretter, und verfiel bald in einen Schlaf, der aber fieberisch und nicht erquickend war. Es ist schon anderwärts bemerkt worden, daß Allan Fairford von seiner Mutter eine zarte Constitution, mit einer Anlage zur Auszehrung, geerbt hatte, und da er außer diesem Grunde zur Befürchtung das einzige Kind war, so stieg die Sorge, ihn vor feuchten Betten, nassen Füßen und den mancherlei Unbequemlichkeiten zu bewahren, woran Kinder in Schottland auch von weit höherer Geburt meistens gewöhnt sind, bis zur Verweichlichung. Bei dem Menschen hält der Geist die körperliche Schwäche auf, wie bei den Vögeln die Federn den Körper tragen. Aber diese Kraft hat ihre Gränze, und wie die Schwingen des Vogels endlich schwer werden müssen, so bricht bei fortgesetzter Anstrengung auch die geistige Kraft des Menschen endlich zusammen. Als der Reisende durch die Strahlen der bereits hochstehenden Sonne erweckt wurde, fühlte er fast unerträgliche Kopfschmerzen, nebst Hitze, Durst, stechende Schmerzen durch Rücken und Lenden, und andere Anzeigen eines heftigen, mit Fieber verbundenen Frosts.

Die Art, wie er den vergangenen Tag und die Nacht zugebracht hatte, welche für die meisten jungen Menschen von geringen Folgen gewesen wäre, war für ihn bei seiner zärtlichen Constitution und Erziehung von schlimmen, und sogar gefährlichen Folgen begleitet. Er fühlte dieß, doch wollte er die Symptome der Unpäßlichkeit bekämpfen, weil er sie vorzüglich der Seekrankheit zuschrieb. Er setzte sich auf das Verdeck, und schaute auf die Scene ringsumher, wie das kleine Schiff, das den Solway hinabgefahren war, mit günstigem Nordwind südwärts zu steuern begann, die Mündung des Wampol-Flusses durchschnitt, und sich rüstete, die nördlichste Spitze von Cumberland zu umsegeln.

Fairford fühlte sich aber im höchsten Grade unpäßlich, seine Schmerzen waren von einer entmutigenden und niederdrückenden Art, und weder der Criffel, der sich auf der einen Seite majestätisch erhob, noch auf der andern Seite die entfernten, jedoch noch malerischen Umrisse von Skiddaw und Glaramara, konnten seine Aufmerksamkeit in dem Maße fesseln, wie dieß sonst bei schönen Scenen der Fall war, und besonders, wenn sie etwas Neues und Ergreifendes hatten. Doch lag es nicht in Allan Fairfords Charakter, sich der Mutlosigkeit hinzugeben, auch wenn sie von Schmerzen begleitet war. Er nahm zuerst Zuflucht zu seiner Tasche, aber anstatt des kleinen Sallust's, den er mitgenommen hatte, um durch das Lesen eines Lieblingsklassikers sich eine böse Stunde zu vertreiben, brachte er das vermeintliche Gesangbuch heraus, das ihm wenige Stunden vorher der müßige und gewissenhafte Mr. Thomas Trumbull, sonst auch Turnpenny genannt, geschenkt hatte. Das Buch war schwarz gebunden, und sein Aeußeres paßte ganz für ein Psalmbuch. Wie erstaunte aber Allan, als er auf dem Titelblatt folgende Worte las: Lustige Gedanken für lustige Leute, oder Mutter Mitternachts Miscellaneen zum Zeitvertreib; als er aber die Blätter umschlug, wurde er durch sittenlose Erzählungen empört und durch noch sittenlosere Lieder, welche mit Figuren geziert waren, die dem Text an Abscheulichkeit nicht nachstanden. Guter Gott, dachte er, und dieser verworfene Graubart ruft seine Familie zusammen, und wagt es, mit einem so schändlichen Beweise der Verworfenheit in seinem Busen, dem Throne seines Schöpfers sich zu nahen? Es muß so sein; das Buch ist wie diejenigen gebunden, welche frommen, andächtigen Gegenständen gewidmet sind, und ohne Zweifel verwechselte der Elende in seiner Betrunkenheit die Bücher, die er mit sich nahm, eben so gut, als die Wochentage. – Ergriffen von Unwillen, womit edelmüthige Jünglinge gewöhnlich die Laster des vorgerückten Alters betrachten, warf Allan, als er die Blätter mit unwilliger Hast umgewendet hatte, das Buch, so weit er konnte, in die See hinaus. Er nahm dann seine Zuflucht zu dem Sallust, den er anfangs vergeblich gesucht hatte. Als er das Buch öffnete, gab Nanty Ewart, der ihm über die Schulter geblickt hatte, seinen Gedanken Worte.

»Ich denke, Bruder, wenn Ihr Euch über ein paar lustige Schnaken so ärgert, die am Ende doch Niemanden Schaden thun, so hättet Ihr das Buch lieber mir gegeben, als es in den Solway hineingeworfen.«

»Ich hoffe, Sir,« erwiderte Fairford höflich, »Ihr seid bessere Bücher zu lesen gewohnt.«

»Meiner Treu,« antwortete Nanty, »mit Hülfe einer kleinen Genfer-Ausgabe könnte ich meinen Sallust so gut lesen, als Ihr;« er nahm das Buch aus Allans Hand, und begann mit schottischem Accent zu lesen: Igitur ex divitiis junventutem luxuria atque avaritia cum superbia invasere, rapere, consumere, sua parvi pendere, aliena capere, pudorem, amicitiam, pudicitiam, divina atque humana promiscua, nihil pensi neque moderati habere. (Mit dem Reichthum bemächtigte sich der Jugend Schwelgerei, Habsucht und Stolz; man raubte und verschwendete, achtete eigenes Gut gering und strebte nach fremdem; Scham, Freundschaft, Keuschheit, göttliche und menschliche Rechte achtete man gleich wenig, und kannte weder Maß noch Ziel mehr.) Das ist ein Schlag in's Gesicht für einen ehrlichen Kerl, der so ein wenig Flibustier gewesen ist. Nie konnte er einen Pfennig von dem behalten, was er bekam, oder seine Finger von dem zurückhalten, was einem Andern gehörte? sagt Ihr. Pfui, pfui, Freund Crispus; deine Moral ist so strenge und sauertöpfisch, als dein Styl; die eine kennt so wenig Erbarmen, als der andere Anmuth. Bei meiner Seele, es ist nicht artig, persönliche Anmerkungen zu machen über einen alten Bekannten, der nach einer fast zwanzigjährigen Trennung eine kurze, freundliche Unterredung mit Euch sucht. Wahrhaftig, Meister Sallust verdient noch mehr auf dem Solway zu schwimmen, als Mutter Mitternacht selbst.«

»In einiger Hinsicht vielleicht möchte er eine bessere Behandlung von Euren Händen verdienen,« sagte Allan Fairford, »denn wenn er das Laster offen beschreibt, so scheint er es nur zu thun, um dasselbe allgemein verabscheut zu machen.«

»Gut,« sagte der Seemann, »ich habe von sortes Virgilianae Man schlug den Virgil auf, und welche Stelle dem Aufschlagenden zuerst in die Augen fiel, wurde als ein Schicksalsausspruch gedeutet, wie man es heut zu Tage noch mit der Bibel macht. gehört, und ich glaube, die sortes Salustianae werden völlig eben so wahr sein. Ich habe den ehrlichen Crispus meinethalben befragt, und eine Maulschelle für meine Mühe bekommen. Aber seht, jetzt will ich das Buch für Euch öffnen und sehen, was sich dem Auge zuerst darstellt! Seht hier: Catilina ... omnium flagitiorum atque facinorum circum se habebat. Und dann wieder: Etiam si quis a culpa vacuus in amicitiam ejus inciderat, quotidiano usu par similisque ceteris efficiebatur. (Catilina vereinigte alle Schandthaten und Verbrechen um sich her – und wenn einer auch schuldlos in seine Genossenschaft kam, so wurde er durch den täglichen Umgang bald den andern völlig gleich.) Das nenne ich ehrlich gesprochen von dem alten Römer, Mr. Fairford (Schönwort); wahrhaftig, das ist ein herrlicher Name für einen Rechtsgelehrten.«

»Ob ich gleich Rechtsgelehrter bin,« sagte Fairford, »so verstehe ich doch Euren Wink nicht.«

»Gut denn,« sagte Ewart, »ich kann es auf einem andern Wege versuchen, so gut als der heuchlerische, alte Schurke Turnpenny selbst. Ihr sollt wissen, daß ich mit meiner Bibel so gut bekannt bin, als mit meinem Freund Sallust.« Dann sagte er in einem sonderbaren, näselnden Tone den Vers her: »Deßhalb ging David hinweg und kam zur Höhle von Adullan. Und Alle, die im Elend, Alle, die in Schulden, Alle, die mißvergnügt waren, sammelten sich unter ihm, und er wurde ein Hauptmann über sie. Was dünkt Euch davon,« sagte er, indem er plötzlich den Ton änderte, »habe ich Euch jetzt getroffen, Sir?«

»Ihr seid so weit davon, als je,« erwiderte Fairford.

»Nun, zum Teufel! Und Ihr segelt zwischen dem Summertrees und dem Laird hin und her! Sagt das den Matrosen, und sie glaubens nicht. Aber Ihr habt Recht, vorsichtig zu sein, da Ihr nicht sagen könnt, wer Recht hat oder nicht. – Ihr seht aber übel aus; das ist die kalte Morgenluft. Wollt Ihr ein Glas Flip Flip ist ein englisches Getränk aus Bier, Branntwein und Citronensaft oder eine Flasche heißen Rumbo? Ein Getränk der Matrosen aus Branntwein, Zucker und Wasser. Schlagt ein anderes Brod in Stücke, hört ihr? Setzt den Theekessel übers Feuer, ihr Höllengezücht, oder euch soll – – –« Oder wollt Ihr eins vom ächten (hier zeigte er eine Branntweinflasche), wollt Ihr einen Mund voll Tabak, – oder eine Pfeife, – oder eine Cigarre? – eine Prise; das macht das Hirn hell und schärft den Blick!«

Fairford wies alle diese freundlichen Anerbietungen ab.

»Nun denn,« fuhr Ewart fort, »wenn Ihr nichts für den freien Handel thun wollt, so muß ich ihn in Schutz nehmen.«

Hier trank er ein großes Glas Branntwein aus.

»Ein Haar von dem Hunde, der mich biß,« fuhr er fort, – »von dem Hunde, der mich bald zerreißen wird; und doch muß ich Dummkopf ihn immer in der Kehle haben. Aber das alte Trinklied sagt (hier fang er und zwar gilt):

Ich will trinken, trinken, so lang ich's Leben habe;
Wir finden nur kalten, kalten Trank im Grabe.

Alles dieß aber,« fuhr er fort, »hilft nicht gegen das Kopfweh. Ich wünschte, ich hätte etwas anderes, das Euch gut thäte; doch wir haben ja Thee und Kaffee an Bord; ich werde eine Kiste oder ein Faß öffnen lassen, und Ihr sollt im Augenblick etwas haben. Ihr seid in dem Alter, wo man so schwaches Zeug mehr liebt, als die starken Getränke.«

Fairford dankte ihm, und nahm den Thee an.

Bald rief Nanty Ewarts Stimme: »Brecht eine Kiste auf, Ihr Bastard von einem Schiffsjungen; wir brauchen schon wieder – kein Zucker mehr? Alles zu Grog verbraucht; sagt Ihr? Durch ein so energisches Verfahren sah er in kurzer Zeit sich im Stande, zu dem Platze, wo sein Passagier krank und erschöpft lag, mit einer Tasse oder vielmehr mit einer Kanne voll Thee zurückzukehren. Denn auf der springenden Jenny macht man Alles nach einem großen Maßstabe. Allan trank mit Begierde, und schien so sehr dadurch erquickt zu werden, daß Nanty Ewart schwor, er wolle auch davon trinken, aber nur, wie er sich ausdrückte, mit einem Glase Branntwein ausstaffirt.

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