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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel

Erzählung von Allan Fairford

Der Leser wird sich bereits eine Idee von dem Charakter Allan Fairford's gebildet haben. Er besaß ein warmes Herz, von dem Studium der Rechte und der Welt nicht erkältet, und Talente, die dadurch ungewöhnlich erhöht wurden. Ohne persönliche Protektion, deren die meisten seines Alters genoßen, welche unter dem Schutz ihrer aristokratischen Verbindungen und Verwandten die Robe anlegten, sich erfreuten, sah er bald, daß er durch Anstrengung das erreichen müsse, was jenen als ein Geburtsrecht zufiel. Er arbeitete in der Stille und Einsamkeit mit großer Anstrengung, und seine Arbeiten wurden mit Erfolg gekrönt. Aber Allan liebte seinen Freund Darsie noch mehr als sein Gewerbe, und warf, wie wir gesehen haben, Alles auf die Seite, wenn er Latimern in Gefahr glaubte; er vergaß Ruhm und Vermögen, und setzte sich sogar dem ernstlichen Mißfallen seines Vaters aus, um denjenigen, an welchem er mit der Liebe eines ältern Bruders hing, der Gefahr zu entreißen. Obgleich Darsies Rolle lebendiger und glänzender war, als die seines Freundes, so erschien er dem letzteren doch nur immer als ein seiner besonderen Vorsorge empfohlenes Wesen, das er in allen Fällen, wo des Jünglings eigene Erfahrung nicht ausreichte, zu unterstützen und zu beschützen berufen war. Allans ganze Klugheit wurde dießmal erfordert, und ein Wagestück, das den meisten Jünglingen seines Alters gefährlich geschienen hätte, hatte keinen Schrecken für ihn. Er war wohl bekannt mit den Gesetzen seines Landes, und wußte, wo er auf ihren Schutz rechnen könne; dabei besaß er neben dem Vertrauen seiner Geschicklichkeit einen gesetzten, ruhigen und ausdauernden und unerschrockenen Charakter. Mit diesen Erfordernissen ausgerüstet unternahm er ein Abenteuer, das zu jener Zeit von wirklicher Gefahr begleitet war, und gar wohl einen furchtsamen Sinn hätte schrecken können. Fairfords erste Nachforschung in Betreff seines Freundes geschah bei dem königlichen Richter von Dumfries, Mr. Crosbie, der die Nachricht von Darsies Verschwinden ertheilt hatte. Als er sich zum Erstenmal an ihn wandte, glaubte er bei dem würdigen Beamten den Wunsch zu entdecken, der Sache los zu sein. Der Richter sprach von dem Aufstand der Fischer, wie von einem Aufruhr unter diesem gesetzlosen Fischervolk, der, wie er sagte, mehr den Sheriff angehe, als die armen Stadträthe, die genug zu thun hätten, um im Innern den Frieden zu erhalten, unter einem Schlage von Einwohnern, mit denen die Stadt nun einmal gestraft sei.

»Dieß ist aber nicht Alles, Richter Crosbie,« sagte Mr. Allan Fairford; »ein junger Edelmann von Rang und Vermögen ist unter Ihren Händen verschwunden; Ihr kennet ihn, mein Vater gab ihm einen Brief auf an Euch, Mr. Darsie Latimer.«

»Ach ja,« sagte der Richter, »er hat in meinem Hause gegessen, ich hoffe, er befindet sich wohl.«

»Ich hoffe es gleichfalls,« sagte Allan ziemlich unwillig, »aber ich wünsche mehr Gewißheit über diesen Punkt. Ihr selbst habt meinem Vater geschrieben, daß er verwundet sei.«

»Ach ja, das ist wahr,« sagte der Richter. »Aber ging er nicht zurück zu seinen Freunden nach Schottland? Es war nicht zu erwarten, daß er hier bleiben würde.«

»Nein! Wenn er nicht mit Gewalt zurückgehalten wird,« sagte Fairford, erstaunt über die Kälte, womit der Richter die Sache aufzunehmen schien.

»Verlaßt Euch darauf, Sir,« sagte Mr. Crosbie, »daß er zu seinen Freunden nach England gegangen ist, wenn er nicht zu seinen Freunden nach Schottland zurückkehrte.«

»Ich verlasse mich auf nichts dergleichen,« sagte Allan, »wenn noch Gesetz und Recht in Schottland gilt, so will ich die Sache bis auf den Grund aufklären.«

»Ganz recht, ganz recht, ganz recht,« sagte der Richter, »so weit dieß möglich ist; aber Ihr wißt, daß sich meine Gewalt nicht über die Stadtthore hinaus erstreckt.«

»Aber Ihr habt ja noch ein anderes Amt, Mr. Crosbie; Ihr seid ja auch Friedensrichter für die Grafschaft.«

»Wahr, sehr wahr, d. h.,« sagte der vorsichtige Mann, »mein Name mag auf der Liste der Friedensrichter mit stehen, aber ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich je dafür ausgegeben hätte.«

»Nun in diesem Falle,« sagte der junge Fairford, »könnten übelgesinnte Leute Eure Anhänglichkeit an die protestantische Linie bezweifeln, Mr. Crosbie.«

»Gott behüte; Mr. Fairford, was hab' ich nicht gethan und gelitten im Jahr 1745. Ich rechne, daß die Hochländer mir einen Schaden von wenigstens hundert Pfund schottisch zugefügt haben, außer dem, was sie aßen und tranken. Nein, nein, mein Herr, ich bin über den Verdacht erhaben; was aber die Grafschaftsgeschichte angeht, damit will ich mich nicht befassen; wer das Pferd braucht, der mag es beschlagen. Die Friedensrichter aus dem Lande würden wohl zusehen, aber mir nicht helfen, wenn ich unter der Last der Geschäfte in der Stadt erläge, und Jedermann kennt den Unterschied zwischen den öffentlichen Geschäften in der Stadt und denen auf dem Lande. Was gehen Ihre Aufstände mich an, haben wir nicht an unsern eigenen genug? Aber ich muß mich bereit machen, denn der Rath versammelt sich noch diesen Vormittag. Ich bin sehr erfreut, Eures Vaters Sohn in unserer alten Stadt zu sehen. Wäret Ihr 12 Monate älter, so würden wir Euch das Bürgerrecht ertheilen, Mr. Fairford, ich hoffe, Ihr werdet kommen und bei mir speisen, ehe Ihr wieder abreist. Was meint Ihr? Heut um 2 Uhr? Nur ein gebratenes Huhn und gesottene Eier!«

Allan Fairford war entschlossen, sich durch die Gastfreundlichkeit in seinen Nachforschungen nicht aufhalten zu lassen, wie es die Absicht des Einladenden zu sein schien. »Ich muß Euch einen Augenblick noch aufhalten, Mr. Crosbie,« sagte er, »dieß ist eine wahrhafte Geschichte; ein junger Edelmann von großen Hoffnungen, mein eigener theuerster Freund, ist vermißt, Ihr begreift wohl, daß man darüber nicht so leicht hingeht, und ein Mann von Eurer Bedeutung und Eurem bekannten Eifer für die Regierung, wird nicht unterlassen, thätige Untersuchung anzustellen. Mr. Crosbie, Ihr seid meines Vaters Freund und ich achte Euch deßhalb, Andere aber würden daraus schlimme Folgerungen ziehen.«

Die Gesichter, die der Herr Richter schnitt, hatten ihren guten Grund; sehr beunruhigt lief er im Zimmer auf und ab, indem er öfters wiederholte: »Aber was kann ich thun, Mr. Fairford? Ich wette, Ihr Freund wird sich wieder zeigen, er kommt zurück, wie ein schlechter Schilling, – das ist keine Waare, die sich verliert, ein verdammter Junge, der mit einem blinden Geiger im Land umher rennt, und an Festgelagen dem liederlichen Volke aufspielt, wer kann sagen, wo so ein Mensch hinkommt?«

»Man hat Leute im Stadtgefängniß festgesetzt, wie ich von dem Untersheriff vernahm,« sagte Mr. Fairford; »Ihr müßt sie vor Euch berufen und ausfragen, was sie von dem jungen Manne wissen.«

»Ja, ja, der Untersheriff hat einige arme Leute verhaften lassen, ich glaube, elendes, unwissendes Fischervolk, welche mit dem Quäker Geddes und seinen Stecknetzen Händel gehabt haben, die, mit Achtung gegen Eure Amtskleidung sei's gesagt, Mr. Fairford, nicht ganz und gar gesetzlich sind, und der Stadtschreiber meint, sie könnten ganz gesetzlich ohne weiteres weggenommen werden; doch das mag gehen, wie es will! Aber, Sir, die Leute sind aus Mangel an Beweisen wieder entlassen worden; der Quäker wollte nicht schwören gegen sie, und was konnte dann der Sheriff und ich anders thun, als sie loslassen? Kommt mit, frisch auf, Mr. Allan, und macht noch einen Spaziergang bis zur Essenszeit, ich muß nun wirklich in den Rath gehen.«

»Haltet einen Augenblick, Herr Richter, ich bringe bei Euch als bei der Obrigkeit eine Klage an, und Ihr möchtet es schwer finden, so leicht darüber hinzuschlüpfen. Ihr müßt diese Leute wieder verhaften lassen.«

»Ja, ja, leicht gesagt, aber fange sie wer kann,« antwortete der Richter; »die sind unterdessen über die Gränze oder um die Spitze von Cairn herum. – Gott bewahre Euch, das ist eine Art amphibischer Teufel, weder Land- noch Seethiere, weder Engländer noch Schotten, gehören weder zur Grafschaft noch in die Stadt, und sind Euch gleich weg wie Quecksilber. Eben so leicht mögt Ihr mit Pfeifen einen Seehund aus dem Solway locken, als einen von ihnen festhalten, bis der ganze Streit vorüber ist.«

»Mr. Crosbie, das ist nicht genug,« erwiderte der junge Anwalt; »es ist eine weit bedeutendere Person, als die Elenden, die Ihr da beschreibt, in den unseligen Handel verwickelt, ich muß Euch einen gewissen Mr. Herries nennen.«

Er hielt sein Auge auf Mr. Crosbie gerichtet, als er den Namen aussprach, was er mehr auf gut Glück und wegen der Verbindung that, worin dieser Mann und seine wirkliche oder vermeinte Nichte mit dem Schicksal Darsie Latimers stand, als weil er irgend einen bestimmten Verdacht gehegt hätte. Der Herr Richter schien etwas in Verlegenheit gesetzt, obgleich er sich sehr bemühte, einen Schein von Gleichgültigkeit beizubehalten, was ihm aber nur zum Theil gelang.

»Herries!« sagte er – »was, Herries? Es gibt viele dieses Namens – freilich nicht mehr so viele, als früher, denn die alten Stämme gehen aus; aber da ist ein Herries von Heatquill, ein Herries von Auchintulloch, ein Herries« – –

»Gebt Euch weiter keine Mühe, die bezeichnete Person ist Herries von Birrenswork.«

»Von Birrenswork,« sagte Mr. Crosbie; »ich habe Euch jetzt, Mr. Allan, konntet Ihr nicht eben so wohl sagen, der Laird von Redgauntlet?«

Fairford war zu besonnen, um über diese, obwohl unerwartete, Uebereinstimmung der Namen irgend ein Erstaunen zu bezeugen; »ich glaubte,« sagte er, »er sei unter dem Namen Herries allgemeiner bekannt; so viel ich weiß, habe ich ihn unter diesem Namen gesehen, und bin mit ihm in Gesellschaft gewesen.«

»Ach ja, in Edinburg wahrscheinlich. Ihr wißt, Redgauntlet ist geraume Zeit unglücklich gewesen; und wenn er schon nicht tiefer in der Sache verwickelt war, als andere Leute, so ist er doch aus manchen Ursachen nicht so leicht davon gekommen.«

»Ich weiß, er wurde geächtet, und hat keine Verzeihung erhalten,« sagte Fairford.

Der vorsichtige Richter nickte nur, und sagte: »Ihr könnt daraus schließen, warum er es für passend hält, seiner Mutter Namen anzunehmen, wenn er in der Gegend von Edinburg ist. Seinen eigenen Namen zu führen, das hieße der Regierung sich überliefern, Ihr versteht. Man hat indeß schon lange ein Auge zugedrückt – es ist eine alte Geschichte – und der Herr hat viele ausgezeichnete Eigenschaften, – und ist von einem sehr alten und angesehenen Hause – hat Verwandte unter den Großen – er nennt den Generalanwalt und den Sheriff Vettern – Ihr wißt, Mr. Allan, es hackt keine Krähe der andern die Augen aus. Er hat ausgebreitete Verbindungen – auch meine Frau ist eine Cousine der Redgauntlets im vierten Grade.«

Hinc illae lacrymae! dachte Allan Fairford bei sich selbst, aber der Wink bestimmte ihn doch, vor der Hand sanftere Mittel zu gebrauchen, und mit Vorsicht zu Werke zu gehen. »Ich bitte Euch zu bemerken,« sagte Fairford, »daß ich bei der Untersuchung, die ich anzustellen Willens bin, Mr. Herries, oder Redgauntlet – nennt ihn, wie Ihr wollt – nichts Böses beabsichtige. Alles, was ich wünsche, ist Gewißheit, daß mein Freund in Sicherheit ist. Ich weiß, daß er thöricht genug war, einmal verkappt auf ein lustiges Gelag in der Nähe der Wohnung dieses Herrn zu gehen. Unter diesen Umstanden mag Mr. Redgauntlet seine Beweggründe mißdeutet, und Darsie Latimer für einen Spionen angesehen haben. Sein Einfluß ist, glaube ich, groß unter diesem gesetzlosen Volke, wovon Ihr so eben gesprochen habt?« Der Richter antwortete mit einem zweiten bedeutsamen Kopfnicken, das dem Lord Burleigh in Sherikans Kritiker Ehre gemacht haben würde.

»Ist es nun nicht möglich,« fuhr Allan fort, »daß Mr. Latimer fälschlich für einen Spion angesehen, und dieser Verdacht den Mr. Redgauntlet bewogen habe, ihn aufheben und irgendwo einsperren zu lassen? – Solche Dinge geschehen bei Wahlen, und bei weit minder dringenden Gelegenheiten, als wenn ein Mann sein Leben durch einen Kundschafter in Gefahr glaubt.«

»Mr. Fairford,« sagte der Richter sehr ernst, »ich halte solch einen Mißgriff kaum für möglich, und wenn durch einen außerordentlichen Zufall etwas der Art vorgekommen sein sollte, so ist Redgauntlet, den ich, wie gesagt, sehr gut kenne, weil er meiner Frau erster oder eigentlich vierter Vetter ist, durchaus unfähig, dem jungen Mann irgend etwas Schlimmes zuzufügen – er könnte ihn allenfalls für eine Nacht oder zwei nach Ailsay schicken, oder ihn auf der Nordküste von Irland, oder in Islay, oder auf einer von den Hebriden an's Land setzen; aber verlaßt Euch darauf, er ist unfähig, ihm ein Haar zu krümmen.«

»Ich bin entschlossen, mich dabei nicht zu beruhigen, Herr Richter,« antwortete Fairford fest, »und ich bin sehr erstaunt, daß Ihr so leicht hin von dem Angriff sprecht, der auf die Freiheit einer Person gemacht worden ist. Ihr müßt bedenken, und die Freunde des Mr. Herries oder Mr. Redgauntlet sollten ebenfalls wohl bedenken, wie es in den Ohren eines englischen Staatssekretärs klingen muß, daß ein geächteter Verräther (denn das ist dieser Herr) es nicht nur gewagt hat, seinen Aufenthalt in diesem Königreiche zu nehmen, gegen dessen König er die Waffen getragen hat, sondern daß ihn auch der Verdacht trifft, mit offener Gewaltthat gegen die Person eines Unterthanen des Königs verfahren zu sein, gegen einen jungen Mann, dem es weder an Freunden, noch an Vermögen fehlt, um sein Recht geltend zu machen.«

Der Richter blickte auf den jungen Advokaten mit einem Gesicht, worauf Mißtrauen, Unruhe und Bestürzung bezeichnet waren. »Ein verdrießlicher Handel,« sagte er zuletzt, »ein verdrießlicher Handel, und es wird gefährlich sein, sich darein zu mischen. Ich würde es sehr ungern sehen, daß Ihr gerade der Angeber eines unglücklichen Mannes würdet.«

»Dieß bin ich nicht gesonnen,« antwortete Allan, »vorausgesetzt, dieser unglückliche Mann und seine Freunde geben mir Gelegenheit, mich über die Sicherheit meines Freundes zu beruhigen. Wenn ich mit Mr. Redgauntlet sprechen könnte, und seine eigene Erklärung vernehmen, so würde ich vermuthlich zufrieden gestellt. Wenn ich gezwungen werde, ihn bei der Regierung anzugeben, so geschieht dieß in einer neuen Eigenschaft als Menschenräuber. Ich bin nicht im Stande, auch ist es mein Geschäft nicht, es zu verhindern, daß er als geächteter Verräther erkannt werde, der von dem Generalpardon ausgenommen ist.«

»Mr. Fairford,« sagte der Richter, »wolltet Ihr den armen unschuldigen Mann auf einen eitlen Verdacht hin unglücklich machen?«

»Nichts mehr davon, Mr. Crosbie; mein Benehmen ist fest bestimmt, wenn nicht dieser Verdacht entfernt wird.«

»Wohlan denn,« sagte der Richter, »weil dem so ist, und da Ihr sagt, daß Ihr dem Redgauntlet persönlich kein Uebel zufügen wollt, so will ich heute einen Mann zu uns zum Essen einladen, der von seinen Angelegenheiten so viel kennt, als die Leute nur immer wissen können. Ihr müßt bedenken, Mr. Allan Fairford, daß Redgauntlet, obgleich er meines Weibes naher Verwandter ist, und ich ihm natürlich alles Gute wünsche, mir doch keineswegs seine Gänge und Wege vertraut. Ich bin nicht der Mann dazu – ich halte es mit der Kirche und verabscheue das Papstthum – ich bin aufgestanden für das Haus Hannover und für Freiheit und Eigenthum – ich trug die Waffen gegen den Prätendenten, als drei Bagage-Wagen der Hochländer zu Ecclefechan angehalten wurden, und ich hatte noch einen besondern Verlust von hundert Pfund« – –

»Schottisch,« unterbrach ihn Fairford. »Ihr vergeßt, daß Ihr mir dieß Alles vorhin schon gesagt habt.«

»Schottisch oder englisch, der Verlust war bedeutend genug für mich,« sagte der Richter; »Ihr seht also, ich bin nicht der Mann, mit Jacobiten mich gemein zu machen, und mit solchen Geächteten, wie der arme Redgauntlet.«

»Zugegeben, zugegeben, Mr. Crosbie, und was dann?« sagte Allan Fairford.

»Nun es folgt daraus, daß, wenn ich Euch in dieser Verlegenheit helfen soll, so kann dieß doch nicht bei und durch meine eigene persönliche Kenntniß, sondern durch einen passenden Agenten oder durch eine dritte Person geschehen.«

»Wiederum zugegeben,« sagte Fairford. »Und wer soll denn diese dritte Person sein?«

»Wer anders, als Pate Maxwell von Summertrees, sie nennen ihn Pate – in – Peril.«

»Ein Alter vom Jahr 1745 also?« sagte Fairford.

»Ihr mögt darauf schwören,« erwiderte der Richter, »ein so schwarzer Jacobite, als der alte Sauerteig nur immer einen machen kann, aber sonst ein wackerer, lustiger Gesellschafter, mit welchem keiner von uns brechen will, trotz aller seiner Prahlereien. Ihr möchtet wohl denken, wenn es bei Derby wohl auf ihn angekommen wäre, er würde Carl Stuart so gut durch Alles hindurch geführt haben, wie ein Faden durch ein Nadelöhr geht, und würde ihn in St. James niedergesetzt haben, ehe Ihr hättet sagen können: ›nehmt Euch in Acht.‹ Obgleich er aber ein windiger Bursche ist, wenn er auf seine alten weltlichen Geschichten kommt, so hat er doch mehr gesunden Verstand in sich, als die meisten Menschen – er kennt die Geschäfte, Mr. Allan, ist zum Rechtsgelehrten erzogen, nahm aber nie die Robe an, wegen der Eide, welche damals mehr Leute als jetzt zurück hielten – das ist um so mehr zu bedauern.«

»Wie, Herr Richter, Euch thut es leid, daß der Jacobitismus im Verfall ist?« sagte Fairford.

»Nein, nein,« antwortete der Richter, »es bekümmert mich nur, daß jetzt so viele Leute die Zartheit des Gewissens verlieren. Ich habe einen Sohn, der zum Rechtsgelehrten gebildet wurde, Mr. Fairford, und für den ich wegen meiner Dienste und Leiden wohl auf einen hübschen Posten hätte rechnen können; aber wenn diese große Familien herankommen, – ich meine eben diese Maxwell's, diese Johnstones und andere große Lairds, die vorher der Eid lange entfernt hielt – da müssen wohl die kleinen Leute, wie mein Sohn und vielleicht auch Eures Vaters Sohn, Mr. Allan, sehr zurückstehen.«

»Aber um auf den Gegenstand zurückzukommen, Mr. Crosbie,« sagte Fairford, »haltet Ihr es wirklich für wahrscheinlich, daß dieser Maxwell mir hierin von Nutzen sein wird?«

»Ja wohl kann er das sein, denn er ist die Trompete des ganzen Geschwaders,« sagte der Richter, »und ich habe oft bemerkt, daß Redgauntlet, obgleich er zu Zeiten nicht ansteht, ihn einen Narren zu nennen, doch mehr auf seinen Rath hält, als auf den irgend eines andern. Wenn Pate ihn zum Sprechen bringt, dann ist die Sache abgemacht. Es ist ein pfiffiger Bursch, der Pate – in – Peril.«

»Pate – in – Peril (Kopf in der Gefahr),« wiederholte Allan, »ein ganz sonderbarer Name.«

»Ja, er hat ihn ja auch auf eine seltsame Weise bekommen, doch ich sage weiter nichts darüber, um ihm nicht den Markt zu verderben,« sagte der Richter, »denn Ihr könnt versichert sein, Ihr hört sie einmal wenigstens, wo nicht öfter, bevor die Punschbowle dem Theekessel Platz macht. Nun lebt wohl, denn ich höre im Ernste die Rathsglocke tönen, und wenn ich nicht da bin, ehe die Glocke ausgetönt hat, so spielt mir der Amtmann Laurie einen seiner Streiche.«

Der Richter wiederholte, daß er Herr Fairford um zwei Uhr zu sehen hoffe, entkam endlich dem jungen Advokaten, und verließ ihn in ziemlicher Verlegenheit, was er nun thun solle. Der Sheriff, schien es, war nach Edinburg zurückgekehrt, und er fürchtete, den sehr sichtbaren Widerwillen des Richters gegen diesen Laird von Birrenswork oder Redgauntlet einzuschreiten, in einem noch weit stärkeren Maße unter den Landedelleuten zu finden, von denen viele nicht nur Katholiken, sondern auch Jacobiten waren; auch mochten wohl die andern keine Lust haben, mit Verwandten und Freunden in Streit zu kommen, indem sie verjährte politische Verwirrungen mit Strenge ahndeten.

Alle ihm möglichen Erkundigungen einzuziehen, und nicht eher an eine höhere Behörde sich zu wenden, als bis er alle Erläuterungen geben konnte, deren die Sache fähig war, das schien das klügere Verfahren unter dieser Menge von Schwierigkeiten. Er hatte eine Unterredung mit dem Procurator Fiscal, der eben so, wie der Richter, ein alter Correspondent seines Vaters war. Allan eröffnete diesem Beamten seinen Vorsatz, Broken-Burn zu besuchen, erhielt aber die Versicherung, daß dieser Schritt nicht nur von vieler Gefahr für ihn begleitet, sondern auch völlig fruchtlos sein würde; die Häupter des Aufruhrs hätten längst Schutz gefunden in ihren Schlupfwinkeln auf der Insel Man, Cumberland und anderen Orten, und die Zurückgebliebenen würden ohne Zweifel an Jedem Gewaltthätigkeiten begehen, der ihre Niederlassungen besuchte, um über die vorgefallenen Unruhen Untersuchungen anzustellen.

Nicht die nämlichen Einwürfe ließen sich gegen einen Besuch zu Mount Sharon machen, wo er die letzten Nachrichten von seinem Freunde zu finden hoffte; dazu war auch vor der zu Herr Crosbies Mahlzeit bestimmten Stunde Zeit genug. Auf dem Wege wünschte er sich Glück, daß er wenigstens über einen Punkt sichere Auskunft erhalten habe. Der Mann, welcher gewissermaßen sich selbst in seines Vaters Gastfreundschaft eingedrängt hatte, und den Darsie Latimer zu einem Besuche in England verleiten zu wünschen schien, gegen den er noch dazu eine Art von Warnung erhalten hatte, durch eine mit seiner eigenen Familie verbundene Person, schien der Anstifter des Aufstandes zu sein, in welchem Darsie verschwunden war.

Was konnte wohl die Ursache solch eines Anschlags auf die Freiheit eines harmlosen und liebenswürdigen Mannes sein? Unmöglich waltete hier blos ein Mißverständniß ob, daß Redgauntlet Latimern für einen Spion gehalten hätte, denn obgleich Fairford diese Vermuthung als die Lösung des Räthsels gegen Mr. Crosbie geäußert hatte, so wußte er doch in der That wohl, daß er von seinem sonderbaren Besuch wegen einer Gefahr gewarnt worden sei, in der sich sein Freund befinde. Ehe er noch selbst einen ähnlichen Verdacht hegen konnte; die Ermahnungen, welche Latimer von Herrn Griffiths in London erhielt, der sein Vormund war, oder sich so benahm, führten zu dem Punkte. Es machte ihm indeß keinen Kummer, daß er den Richter Crosbie nicht weiter in das Geheimniß eingeweiht hatte, als unumgänglich nothwendig war, denn es sprang in die Augen, daß die Verwandschaft seiner Frau mit der verdächtigen Partei auf seine Unparteilichkeit als Beamter Einfluß äußerte. Als Allan Fairford zu Mount Sharon ankam, trat ihm Rachel Geddes hastig entgegen, fast ehe der Diener die Thüre öffnen konnte. Verlegen wendete sie sich ab, als sie einen Fremden erblickte, und sagte zu ihrer Entschuldigung, »sie hätte geglaubt, ihr Bruder Josua sei von Cumberland zurückgekehrt.«

»Mr. Geddes ist also abwesend,« sagte Fairford, nicht weniger verlegen.

»Er ist seit gestern hinweg gegangen, Freund,« antwortete Rachel, welche die ruhige Fassung, die ihre Sekte bezeichnet, so ziemlich wieder erhalten hatte, aber ihre bleiche Wange und ihr rothes Auge widersprachen ihrem angenommenen Gleichmuth.

»Ich bin,« sagte Fairford hastig, »der nahe Freund eines jungen Mannes, der Euch nicht unbekannt ist, Miß Geddes, ich bin der Freund von Darsie Latimer, und komme hieher in der äußersten Beängstigung, da ich von dem Richter Crosbie vernommen habe, daß er in der Nacht verschwunden sei, wo ein zerstörender Angriff auf die Fischerei-Anstalten des Mr. Geddes gemacht wurde.«

»Du betrübst mich, Freund, durch deine Fragen,« sagte Rachel noch bewegter, als vorher, »denn wenn auch der Jüngling gleich den andern weltlichen Menschen nur in seiner Einbildung weise war, und sich leicht durch den Athem der Eitelkeit bewegen ließ, so liebte ihn Josua doch, und sein Herz neigte sich zu ihm, als wäre er sein eigener Sohn. Und als er selbst der Schlinge der Söhne Beliods entkam, was nicht eher geschah, als bis sie müde waren, ihn zu tadeln, zu verspotten und zu verhöhnen, kehrte Josua, mein Bruder, noch einmal zu ihnen zurück, um ihnen für den Jüngling, genannt Darsie Latimer, Geld und das Versprechen der Verzeihung anzubieten, aber sie wollten ihn nicht hören, darum ging er vor den Oberrichter, den die Menschen den Sheriff nennen, und würde ihm von des Jünglings Gefahr erzählt haben, aber sie wollten ihn durchaus nicht hören, wenn er nicht auf die Wahrheit seiner Worte schwören wolle, was er ohne Sünde nicht thun konnte, denn es steht geschrieben: ihr sollt aller Dinge nicht schwören, denn eure Rede soll sein ja, ja, nein, nein. Darum kehrte Josua trostlos zu mir zurück und sagte: Schwester Rachel, dieser Jüngling hat sich meinetwegen in Gefahr begeben; sicherlich werde ich nicht schuldlos sein, wenn ein Haar seines Hauptes gekrümmt werden sollte, denn siehe, ich habe gesündigt, als ich ihm gestattete, mit mir zu der Fischerei-Anstalt zu gehen, als solches Uebel zu befürchten war, darum will ich mein Pferd nehmen, selbst den Salomon, und will schnell nach Cumberland reiten, mir Freunde machen mit dem ungerechten Mammon unter den Obrigkeiten der Heiden und unter ihren mächtigen Menschen, und es soll dahin kommen, daß Darsie Latimer in Freiheit gesetzt wird, wäre es auch mit dem Verlust meines halben Vermögens. Und ich sagte: nein, mein Bruder, gehe nicht, denn sie werden dich verspotten und verhöhnen, sondern dinge mit deinem Silber einen von den Schreibern, welche ungestümer als Jäger hinter ihrer Beute her sind, es wird frei sein durch seine Kunst Darsie Latimer von den Menschen der Gewalt, und deine Seele wird schuldlos sein gegen den Jüngling. Aber er antwortete und sagte: man soll mir nicht darein sprechen in dieser Sache. Und er ist fortgegangen, und nicht zurückgekehrt, und ich fürchte mich, daß er nimmer zurückkehren möchte; denn ob er gleich friedfertig ist, wie es dem geziemt, der jede Gewaltthat für eine Beleidigung seiner eigenen Seele hält, so werden doch weder Wasserfluthen, noch die Furcht vor Schlingen, noch das gezogene Schwert, das der Gegner auf dem Pfade schwingt, ihn von seinem Vorhaben abhalten. Mag ihn also auch der Solway hinabschlingen, oder das Schwert des Feindes ihn zu tödten drohen, dennoch steht meine Hoffnung nur auf Ihm, der alle Dinge leitet, der die Wellen der See lenkt, und überwältigt die Anschläge der Boshaften, und der uns erlösen kann, wie den Vogel aus dem Netze des Vogelstellers.«

Dieß war Alles, was Fairford von Miß Geddes erfahren konnte, aber er hörte mit Vergnügen, daß der gute Quäker, ihr Bruder, viele Freunde habe unter seinen Glaubensgenossen in Cumberland, und er hielt ihn für fähig, einige Spuren von Darsie Latimer zu entdecken, ohne sich einer so großen Gefahr auszusetzen, als seine Schwester zu befürchten schien. Er selbst ritt zurück nach Dumfries, nachdem er der Miß Geddes seine dortige Adresse zurückgelassen, und sie inständig gebeten hatte, ihm jede Nachricht mitzutheilen, die sie von ihrem Bruder erhalten könnte.

Als Fairford nach Dumfries zurückgekommen war, wandte er die kurze Zeit, die ihm noch vor dem Essen übrig blieb, dazu an, einen Bericht von Latimers Anfalle und von der jetzigen Ungewißheit seiner Lage an Mr. Samuel Griffith zu machen, durch dessen Hand die Geldsendungen für seinen Freund regelmäßig gegangen waren, und er setzte den Wunsch hinzu, daß er sogleich mit demjenigen Theile seiner Geschichte bekannt gemacht werden möchte, die ihn bei den Nachforschungen leiten könnten, welche er in den Gränzgrafschaften anzustellen Willens war, und die er durchaus nicht aufgeben wolle, bis er Nachrichten von seinem Freund erhalten hätte, mochte er nun leben oder todt sein. Der junge Rechtsgelehrte fühlte sich leichter, als er diesen Brief abgeschickt hatte. Er konnte sich keinen Grund denken, warum man seinem Freund nach dem Leben trachten sollte; er wußte, Darsie hatte nichts gethan, wodurch seine Freiheit gesetzlich gefährdet werden könnte, und wenn auch in den letzten Jahren sonderbare Geschichten von Männern und Weibern in Umlauf gekommen waren, welche auf eine listige Weise verlockt, und in Einöden und entfernte Inseln verborgen worden waren, um auf eine Zeitlang einem gewissen Zwecke zu dienen, so waren doch solche Gewaltthätigkeiten meistens von Reichern gegen Arme, von Starken gegen Schwache ausgeübt worden; da aber im gegenwärtigen Falle dieser Mr. Herries oder Redgauntlet aus mehr als einem Grunde die Strenge der Gesetze fürchten mußte, so war er nothwendig in jedem Streite, worein er verwickelt werden konnte, der schwächere Theil. Freilich flüsterte ihm die Besorgniß um seinen Freund zu, daß die nämliche Ursache, welche die Furchtbarkeit dieses Mannes verminderte, ihn zugleich verzweifelter machen müsse. Wenn er aber an seine Aeußerungen sich erinnerte, die so sehr den Edelmann, und selbst den Mann von Ehre verriethen, so schloß Fairford daraus, daß Redgauntlet zwar in adeligem Uebermuthe eine Gewaltthat wagen könne, die der Adel zu andern Zeiten ausgeübt hatte, daß er aber keiner überlegten Grausamkeit fähig sei. In dieser Ueberzeugung ging er denn in einer weit ruhigeren Stimmung, als man hätte erwarten können, zu dem Herrn Richter Crosbie, um daselbst zu speisen.

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