Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Scott >

Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Fortsetzung des Tagebuchs Darsie Latimer's

Nach der Rückkehr in das Zimmer, welches ich wohl mein Gefängniß nennen kann, verwandte ich über eine Stunde darauf, die seltsamen Umstände niederzuschreiben, von denen ich eben Zeuge gewesen war. Ich dachte, mir jetzt einige Vermuthungen über den Charakter des Mr. Herries bilden zu können, auf dessen Namen und Stellung die letzte Scene ein bedeutendes Licht geworfen hatte; ohne Zweifel war er einer von den fanatischen Jakobiten, deren Waffen vor noch nicht zwanzig Jahren den brittischen Thron erschüttert hatten; und von denen Manche, obschon ihre Partei täglich an Zahl, Energie und Gewalt abnahm, noch immer eine Neigung hegten, den Versuch zu erneuern, dessen Hoffnungslosigkeit sie bereits erprobt hatten. Er war freilich gänzlich verschieden von derjenigen Klasse eifriger Jakobiten, mit welchen mich der Zufall bisher zusammengeführt hatte. Oft hatte ich alte Damen an ihrem Theetische und grauköpfige Lairds bei ihrem Punsch bedeutungslosen Verrath anspinnen hören; wobei die Ersteren sich erinnerten, mit dem Chevalier einen Tanz gemacht zu haben, und die Letzteren ihre Thaten bei Preston, Clifton und Falkirt wiederkäuten.

Das Mißvergnügen solcher Personen war allzu bedeutungslos, um die Aufmerksamkeit der Regierung zu erregen. Ich hatte aber von einer kühneren und gefährlicheren Klasse Anhänger des Hauses Stuart reden hören, von Männern, welche mit römischem Geld versehen, heimlich und verlarvt sich in den verschiedenen Klassen der Gesellschaft umhertrieben und den erlöschenden Eifer ihrer Partei lebendig zu erhalten strebten.

Unter diesen Menschen, deren Wirksamkeit und Streben nur von oberflächlichen Menschen in Zweifel gezogen werden konnte, wies ich ohne Weiteres dem Mr. Herries, dessen geistige Kraft nicht weniger als seine persönliche Stärke und Thätigkeit ihn zu einer so gefährlichen Rolle zu eignen schien, einen bedeutenden Posten an; auch wußte ich, daß längs der westlichen Küste Englands und Schottlands eine solche Menge Anhänger der Stuarts wohnten, daß so ein Mann mit vollkommener Sicherheit sich hier aufhalten mochte, wenn nicht der Regierung ganz besonders daran gelegen war, sich seiner Person zu versichern; und selbst dies Vorhaben konnte leicht vereitelt werden, entweder durch eine frühzeitige Benachrichtigung, oder, wie im Falle des Mr. Foxley, durch die geringe Bereitwilligkeit der Provinzial-Obrigkeiten, in einer Sache einzuschreiten, die man jetzt als eine gehässige Verfolgung unglücklicher Menschen betrachtete.

Indessen haben sich kürzlich Gerüchte verbreitet, als ob der gegenwärtige Zustand der Nation oder wenigstens einiger mißvergnügten Provinzen, erzeugt durch eine Menge Ursachen, besonders aber durch die Unpopularität der gegenwärtigen Minister, diesen Aufstiftern als ein günstiger Zeitpunkt erscheine, um ihre Intriguen von Neuem zu beginnen; auf der andern Seite wird die Regierung in einer solchen Krisis nicht geneigt sein, dieselben mit der Verachtung anzusehen, welche wenige Jahre vorher ihre geeignetste Strafe gewesen wäre.

Daß es Menschen gibt, die unbesonnen genug sind, ihre Dienste und ihr Leben an eine verzweifelte Sache wegzuwerfen, ist nicht neu in der Geschichte, welche an Beispielen ähnlicher Aufopferungen reich ist, und ist eben so einleuchtend, daß Mr. Herries ein solcher Fanatiker ist; Alles dies erklärt aber sein Benehmen gegen mich durchaus nicht; hätte er gesucht, aus mir einen Proselyten für seine sinkende Sache zu machen, so wären Gewaltthätigkeit und Zwang sehr unschickliche Mittel bei einem edlen Gemüthe gewesen. Wenn dies aber auch seine Absicht war, von welchem Nutzen mochte ihm die Erwerbung eines einzelnen widerstrebenden Anhängers sein, der zur Unterstützung einer ergriffenen Partei nur seine eigene Person mitbringen konnte? Er hatte die Rechte eines Vormundes gegen mich in Anspruch genommen, er hatte ziemlich deutlich darauf hingewiesen, ich sei in einem Gemüthszustande, der die Aufsicht nothwendig mache. Sollte dieser in seinem Vorsatze so verzweifelt hartnäckige Mann, der bereit schien, die ganze Last einer schon für Tausende verderblich gewordenen Sache auf seine Schultern zu nehmen, die Gewalt haben, über mein Schicksal zu entscheiden? Gingen von ihm diese Gefahren aus, gegen die man mich durch eine so heimliche, unvorsichtige Erziehung hatte schützen wollen?

Und wenn dem so war, worauf gründete sich denn der Anspruch, den er geltend machte? Auf Verwandtschaft? Und theilte ich die Abstammung vielleicht der Züge dieses seltsamen Wesens? Ein Schauder, der in diesem Augenblick mich durchzuckte, war sonderbarer Weise mit einem unbestimmten und geheimnißvollen Gefühl von Verwunderung gemischt, das fast an Vergnügen gränzte. Ich erinnerte mich des Widerscheins meines eigenen Gesichts in dem Spiegel, in einem bedeutenden Augenblick während der seltsamen heutigen Zusammenkunft, und ich eilte in das äußere Zimmer, um den Spiegel zu befragen, ob es möglich sei, meinen Gesichtszügen den eigenen Schnitt zu geben, der dem schrecklichen Blicke des Mr. Herries so sehr glich. Aber ich faltete meine Stirne vergeblich auf tausenderlei Weise, und mußte endlich den Schluß machen, daß entweder das vermuthete Zeichen auf meiner Stirne nur eingebildet, oder durch willkürliche Anstrengung nicht hervorgerufen werden könne. Während ich so mein Gesicht gleich einem tollen Spieler in alle möglichen Falten zog, öffnete sich plötzlich die Thüre, und das Hausmädchen trat ein. Unwillig und beschämt, in einer so sonderbaren Beschäftigung betroffen worden zu sein, wandte ich mich rasch um, und vermuthlich brachte jetzt der Zufall auf meinem Gesicht jene Veränderung hervor, um die ich mich vergeblich angestrengt hatte.

Das Mädchen bebte zurück und sagte: »Um Gottes willen, jetzt seht Ihr ja aus leibhaftig wie der alte Squire – aber da kommt er selbst.« Indem sie schnell hinauswischte, setzte sie hinzu: »Und wenn Ihr noch einen Dritten braucht, so ist der alte Harry derjenige, der am besten die Stirne runzeln kann.«

Als das Mädchen mit diesem Ausruf das Zimmer verlassen hatte, trat Herries ein. Er hielt an, als er bemerkte, daß ich wieder in den Spiegel geschaut hatte, um das Gesicht zu machen, wodurch das einfältige Ding ohne Zweifel erschreckt worden war. Er schien meine Gedanken zu errathen, denn er bemerkte, als ich mich zu ihm wandte: »Zweifelt nicht, daß Eurer Stirne das unglückliche Zeichen unseres Geschlechts aufgedrückt ist, wenn auch jetzt noch nicht so kenntlich als dann, wenn Jahre und Kummer, wenn die Spuren stürmischer Leidenschaften Eure Stirne gefurcht haben werden.«

»Geheimnißvoller Mensch,« erwiderte ich. »Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht; Eure Rede ist so dunkel als Eure Pläne.«

»Setzt Euch nieder,« sagte er dann, »und hört: So weit wenigstens muß der Schleier gelüftet werden, worüber Ihr klagt. Einmal hinweggezogen, wird er nur Schuld und Kummer enthüllen, Schuld, gefolgt von sonderbarer Strafe, und Kummer, den die Vorsehung den Nachkommen der Trauernden zum Erbtheil gegeben hat.«

Er schwieg einen Augenblick und begann dann seine Erzählung mit einer Miene, welche den tiefsten Antheil an den Begebenheiten ausdrückte, so entfernt diese auch waren. Der Ton seiner reichen und mächtigen Stimme unterstützte durch seine Biegsamkeit die Wirkungen seiner Erzählung, welche ich möglichst mit seinen eigenen Worten niederzuschreiben versuchen will.

»Nicht erst in den letzten Jahren lernten unsere englischen Nachbarn, daß Theilung und bürgerliche Kriege ihnen bei Unterjochung ihrer unabhängigen Nachbarn den besten Beistand leisten. Ihr erinnert Euch wohl an den Zustand von Knechtschaft, worin Schottland durch die unglücklichen Kriege zwischen den heimischen Parteien der Bruce und Baliol versetzt wurde; auch in Schottland, nachdem es durch das tapfere Benehmen des unsterblichen Bruce vom fremden Joche erlöst war, alle Früchte seiner Triumphe von Bannockburn durch die schrecklichen Niederlagen von Dupplin und Halidon verlor; Eduard Baliol, der Günstling und Vasall seines Namensbruders in England, schien für eine kurze Zeit im sichern und unbestrittenen Besitze des Thrones, den kurz vorher der größte Feldherr und der weiseste Fürst Europa's eingenommen hatte. Das Andenken an Bruce war aber nicht mit ihm gestorben. Es gab noch Viele, die seine kriegerischen Arbeiten getheilt hatten und sich der erfolgreichen Anstrengungen erinnerten, wodurch er, unter nicht weniger ungünstigen Verhältnissen, als die seines Sohnes, die Befreiung Schottlands in's Werk gerichtet hatte.

Der Usurpator Eduard Baliol war mit wenigen seiner vertrauten Anhänger bei einem Feste auf dem Schlosse Annen, als er plötzlich von einer auserlesenen Schaar patriotischer Insurgenten überfallen wurde. Ihre Führer waren Douglas, Randolph, der junge Earl von Moray, und Sir Simon Fraser; ihr Erfolg war so vollständig, daß Baliol kaum gekleidet und auf einem ungesattelten Pferde entfliehen mußte, um sein Leben zu retten. Es war von Wichtigkeit, sich wo möglich seiner Person zu bemächtigen, und er wurde deßhalb rasch verfolgt von einem tapfern Ritter normännischer Abkunft, dessen Familie sich lange in diesem Lande niedergelassen hatte. Ihr normännischer Name war Fitz-Aldin, der Ritter hatte aber von der großen Niederlage, die er unter den Südländern angerichtet hatte, und von seinem Widerwillen, irgend Jemanden Pardon zu geben, den er während der früheren Kriege dieser blutigen Periode gezeigt hatte, den Namen Redgauntlet (Rothhandschuh) erhalten, den er auf seine Nachkommen übertrug – – –«

»Redgauntlet!« wiederholte ich unwillkürlich.

»Ja, Redgauntlet,« sagte mein angeblicher Vormund und sah mich scharf an; »weckt dieser Name irgend Erinnerungen in Euch auf?«

»Nein!« erwiderte ich, »außer daß ich kürzlich eine wunderbare Geschichte von dem Helden erzählen hörte.«

»Viele der Art sind über die Familie in Umlauf,« antwortete er und fuhr dann in seiner Erzählung fort: »Alberick Redgauntlet, der Erste seines Hauses, der diesen Namen führte, war, wie man schon daraus schließen kann, von finsterer, unversöhnlicher Gemüthsart, welche durch Familienzwiste noch härter geworden war. Ein einziger Sohn, kaum achtzehn Jahre alt, hatte so sehr seines Vaters stolzen Geist geerbt, daß er den häuslichen Zwang nicht mehr ertrug, sich dem väterlichen Ansehen widersetzte, endlich von seines Vaters Hause floh, den politischen Meinungen desselben entsagte, und durch seine Verbindung mit den Anhängern Baliols den fortdauernden Unwillen seines Vaters rege machte. Der Vater soll in seinem Zorn den entarteten Sohn verflucht und geschworen haben, ihn mit eigener Hand zu tödten, wo er ihn träfe. Unterdessen schien es, als sollte er für diesen großen Verlust einen Ersatz erhalten. Die Lady Alberick Redgauntlet befand sich nach vielen Jahren wieder in einem Zustande, der ihrem Gemahl die Hoffnung auf einen gehorsamen Erben eröffnete. Doch der bedenkliche Zustand seiner Gattin und der tiefe Antheil, den er daran nahm, verhinderten Alberick nicht, an dem Unternehmen von Douglas und Moray Antheil zu nehmen. Er war der Vorderste gewesen bei dem Angriff auf das Schloß, und war nun auch der Erste in der Verfolgung Baliols, eifrig bemüht, die wenigen kühnen Anhänger des Usurpators, welche dessen Flucht zu decken versuchten, zu zerstreuen oder niederzuhauen.

Als diese nach und nach verjagt oder erschlagen waren, war der furchtbare Redgauntlet, der Todfeind des Hauses Baliol, nur noch zwei Lanzenlängen in einem engen Passe von dem flüchtigen Eduard Baliol entfernt, als ein Jüngling, einer der Letzten, die den Usurpator auf seiner Flucht begleiteten, sich zwischen ihn und den Verfolger warf, dessen Stoß empfing, aber vom Roß geworfen wurde. Der Helm entfiel seinem Haupte, und die Strahlen der Sonne, die gerade über den Solway aufging, zeigten Redgauntlet die Züge seines ungehorsamen Sohnes in den Farben und Abzeichen des Usurpators.

Redgauntlet sah seinen Sohn vor den Füßen seines Pferdes liegen, aber er sah auch Baliol, den Usurpator der schottischen Krone, noch immer, wie es schien, innerhalb seines Bereichs, und nur durch den niedergestreckten Körper seines überwältigten Anhängers von ihm getrennt. Ohne anzuhalten, um zu untersuchen, ob der junge Eduard verwundet sei, drückte er seinem Pferde die Sporen ein, um über den Körper hinzusetzen, was aber unglücklicherweise mißlang. Das Pferd machte einen Sprung vorwärts, war aber unfähig, über den Körper des Jünglings wegzusetzen, und traf denselben mit dem Hinterfuße an der Stirne, als er eben sich erheben wollte. Die Wunde war tödtlich. Es ist unnöthig, hinzuzufügen, daß die Verfolgung unterbrochen wurde, und Baliol entkam.

So wild Redgauntlet auch geschildert wurde, so überwältigte ihn doch der Gedanke an das begangene Verbrechen. Als er in sein Schloß zurückkehrte, fand er nur neuen häuslichen Kummer. Bei der Nachricht des schrecklichen Vorfalls war sein Weib zu früh von den Geburtsschmerzen ergriffen worden, und die Geburt eines Knaben kostete ihr das Leben. Länger als vierundzwanzig Stunden saß Redgauntlet bei ihrem Körper, ohne weder seine Züge, noch seine Stellung zu verändern, so weit dieß seine erschreckten Diener bemerken konnten. Vergebens sprach ihm der Abt von Dundrennan Trost ein. Douglas, der einen so ausgezeichneten Vaterlandsfreund in seinem Unglück zu besuchen kam, war glücklicher, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er ließ auf dem Schloßhofe eine englische Schlachtmelodie blasen, da ergriff Redgauntlet mit einmal seine Waffen und schien die Besinnung wieder zu erhalten, die er im Uebermaß seines Elends verloren hatte.

Was er auch innerlich fühlen mochte, von dem Augenblick an war keine äußere Bewegung mehr zu erkennen. Douglas ließ das Kind herbeibringen, aber selbst die eisenharten Krieger wurden von Entsetzen ergriffen, als sie bemerkten, daß durch ein geheimnißvolles Walten der Natur die Ursache des Todes der Mutter und der Beweis der väterlichen Schuld dem Gesichte des schuldlosen Knaben aufgedrückt war, auf dessen Stirne ganz deutlich das kleine Bild eines Hufeisens sich zeigte. Redgauntlet wies selbst darauf hin und sagte mit einem schrecklichen Lächeln zu Douglas: es sollte blutig sein. Gerührt von Mitleiden gegen seinen Waffenbruder und durch die Gewöhnung an bürgerlichen Krieg gegen alle sanftere Gefühle gestählt, schauderte Douglas doch bei diesem Anblick zusammen und wünschte ein Haus zu verlassen, das zum Schauplatz solchen Greuels bestimmt war. Bei seiner Abreise ermahnte er Alberick Redgauntlet, zu der Kapelle Sct. Ninians von Whiteherne, die damals in großem Ansehen stand, zu wallfahrten, und reiste mit einer Eilfertigkeit ab, welche den trostlosen Zustand seines unglücklichen Freundes, wenn es möglich gewesen wäre, noch verschlimmert hätte. Dieser aber schien keiner Verschlimmerung mehr fähig. Sir Alberick ließ den Leichnam seines erschlagenen Sohnes und den der Mutter neben einander in der alten Kapelle seines Hauses beisetzen, nachdem er vorher beide von einem berühmten Wundarzt jener Zeit hatte einbalsamiren lassen, und viele Wochen lang soll er in jeder Nacht einige Stunden in dem Gewölbe zugebracht haben, wo sie ruhten.

»Endlich unternahm er die vorgeschlagene Pilgerfahrt nach Whiteherne, wo er zum ersten Mal seit seinem Unglück beichtete und von einem alten Mönche absolvirt wurde, der nachher im Geruch der Heiligkeit starb. Damals soll Redgauntlet geweissagt worden sein, daß wegen seiner unerschütterlichen Vaterlandsliebe seine Familie unter allen Wechseln künftiger Zeiten stets mächtig bleiben werde; daß aber zur Strafe für seine unnachsichtige Grausamkeit gegen seinen eigenen Sohn der Himmel beschlossen habe, daß die Tapferkeit seines Geschlechts stets fruchtlos sein und die von ihnen ergriffene Sache nie einen glücklichen Ausgang haben solle.

»Sir Alberick unterwarf sich den ihm daselbst auferlegten Büßungen, und wallfahrtete dann, wie man glaubt, entweder nach Rom oder zu dem heiligen Grabe selbst. Allgemein wurde er für todt gehalten, und erst dreizehn Jahre nachher erschien in der großen Schlacht von Durham, die zwischen David Bruce und der Königin Philippa von England geschlagen wurde, im Vordertreffen der schottischen Armee ein Ritter, der ein Hufeisen auf seinem Helmkamm trug und sich durch seine unerschütterliche und verzweifelte Tapferkeit auszeichnete; als er endlich überwältigt und erschlagen wurde, entdeckte man erst, daß es der tapfere und unglückliche Sir Alberick gewesen war.«

»Und ist das unglückliche Zeichen,« sagte ich, als Herries seine Erzählung geendigt hatte, »auf die ganze Nachkommenschaft dieses unglücklichen Hauses übergegangen?«

»So hat das Alterthum es uns überliefert,« sagte Herries, »und noch glaubt man es. Aber vielleicht ist in diesem Volksglauben etwas von jener Phantasie, welche selbst erschafft, was sie sehen will. Wie andere Familien ihre Eigenthümlichkeiten haben, wodurch sie ausgezeichnet sind, so ist sicher die der Redgauntlets bei den meisten Individuen durch eine besondere Bildung der Stirne bezeichnet, welche nach dem Glauben von dem Sohne Albericks, ihrem Ahnherrn und Bruder des unglücklichen Eduards, herkommt, der auf eine so klägliche Weise umkam. Gewiß ist auch, daß ein eigenes Schicksal über dem Hause Redgauntlet gewaltet zu haben scheint, denn fast in allen bürgerlichen Fehden, welche von den Zeiten David Bruce's an bis auf die letzte kühne und unglückliche Unternehmung des Chevalier Carl Eduard das Königreich Schottland getheilt haben, befand sie sich auf der verlierenden Seite.«

Er schloß mit einem tiefen Seufzer, wie einer, den der Gegenstand in einen Strom peinlicher Gedanken hineingezogen hat.

»Und stamme ich denn,« rief ich aus, »von diesem unglücklichen Geschlechte ab? Gehört auch Ihr dazu? Und wenn dieß so ist, warum muß ich von der Hand eines Verwandten Zwang und harte Behandlung erfahren?«

»Fragt jetzt nicht weiter,« sagte er, »mein Betragen gegen Euch ist nicht Sache meiner Wahl, sondern der Nothwendigkeit. Ihr wurdet dem Schooße Eurer Familie und der Sorge Eures gesetzlichen Vormunds durch die Furcht und die Unwissenheit einer allzu zärtlichen Mutter entrissen, welche nicht im Stande war, die Gesinnungen und Gefühle derer zu schätzen, welche die Ehre und ihre Grundsätze dem Glücke und selbst dem Leben vorziehen. Der junge Falke, blos an die zärtliche Pflege seiner Mutter gewöhnt, muß durch Finsterniß und Schlaflosigkeit gezähmt werden, ehe ihn der Falkner seinen Zwecken gemäß auffliegen läßt.«

Ich erschrak über diese Erklärung, welche mich mit einer langen Dauer und einem gefährlichen Ende meiner Gefangenschaft zu bedrohen schien. Ich hielt es indessen für das Beste, einigen Muth zu zeigen und zu gleicher Zeit einen versöhnenden Ton anzustimmen. »Mr. Herries,« sagte ich, »lasset uns über diesen Gegenstand ohne den Ton des Geheimnisses und der Furcht sprechen, worin Ihr ihn zu hüllen geneigt scheint. Ach! Ich bin lange der Pflege jener zärtlichen Mutter beraubt, worauf Ihr anspielt, lange unter fremder Leitung und gezwungen, meine Entschlüsse nur nach eigener Einsicht zu fassen. Unglück, frühe Entbehrungen haben mir das Recht gegeben, für mich selbst zu handeln, und Zwang soll mich des ersten Rechts eines Engländers nicht berauben.«

»Der rechte Modeton,« sagte Herries verächtlich. »Kein Sterblicher hat das Vorrecht, frei zu handeln, wir Alle sind gebunden durch die Fesseln der Pflicht, unser Pfad ist beschränkt durch die Vorschriften der Ehre, und unsere unbedeutendsten Handlungen sind nur Maschinen in dem Gewebe des Schicksals, wovon wir Alle umgeben sind.«

Rasch durchschritt er das Zimmer und fuhr in einem Tone der Begeisterung fort, der, in Verbindung mit einigen andern Seiten seines Benehmens, eine überreizte Einbildungskraft anzudeuten schien, widerspräche nicht der allgemeine Charakter seiner Rede und seines Benehmens.

»Nichts,« sagte er in ernstem, fast melancholischem Tone, »nichts ist das Werk des Zufalls, nichts ist die Folge des freien Willens; die Freiheit, deren der Engländer sich rühmt, gibt ihrem Besitzer so wenig wahre Freiheit, als der Despotismus eines morgenländischen Sultans seinem Sklaven gestattet. Der Usurpator Wilhelm von Nassau ging auf die Jagd, und hielt ohne Zweifel für eine Handlung seines königlichen Willens, daß das Pferd seines gemordeten Opfers für sein königliches Vergnügen gesattelt war. Aber der Himmel wollte es anders, und ehe die Sonne hoch stand, kostete das Straucheln des nämlichen Thiers an einem Gegenstande, der so unbedeutend war als ein Maulwurfshügel, seinem Reiter das Leben und seine angemaßte Krone. Glaubt Ihr, durch eine Wendung des Zügels wäre dieß unbedeutende Hinderniß vermieden worden? Ich sage Euch, es durchkreuzte seinen Weg so unausweichlich, als die ganze lange Kette des Kaukasus nur immer hätte thun können. Ja, junger Mann, im Thun und Leiden spielen wir nur die uns vom Geschick, dem Leiter dieses seltsamen Drama's, zugetheilte Rolle, vermögen nicht mehr zu thun, als uns vorgeschrieben, nicht mehr zu sagen, als uns aufgegeben ist; und doch schwatzen wir viel von freiem Willen und Freiheit des Gedankens und der Handlung, als ob Richard nicht sterben, oder Richard siegen müßte, gerade so wie der Dichter es angeordnet hat.«

Nach dieser Rede fuhr er fort, mit verschlungenen Armen und zur Erde gesenkten Blicken auf und ab zu gehen; der Klang seiner Schritte und der Ton seiner Stimme erinnerten mich, daß ich diesen sonderbaren Menschen schon bei einer früheren Gelegenheit solche Selbstgespräche in seiner einsamen Kammer hatte halten hören. Ich bemerkte, daß er gleich anderen Jacobiten in seinem verjährten Haß gegen das Andenken Königs Wilhelm die Parteimeinung angenommen hatte, der Monarch habe an dem Tage jenes unglücklichen Zufalls ein Pferd geritten, das ehemals dem unglücklichen Sir John Friend gehörte, der im Jahr 1696 wegen Hochverraths hingerichtet wurde.

Ich durfte denjenigen, in dessen Gewalt ich auf eine so sonderbare Weise gekommen war, nicht erbittern, sondern wo möglich besänftigen. Als ich bemerkte, daß die Heftigkeit seiner Gefühle sich ein wenig gelegt hatte, antwortete ich ihm folgendermaßen: »Ich will nicht, wahrhaftig ich fühle mich nicht fähig, eine so subtile methaphysische Frage zu erörtern, wie die, welche von den Grenzen des freien Willens und der Vorherbestimmung handelt. Laßt uns hoffen, daß wir mit Ehre leben und mit guter Hoffnung sterben, ohne genöthigt zu sein, über einen Punkt eine entschiedene Meinung zu bilden, der so weit über unsere Fassungskraft geht.«

»Ein weiser Schluß,« sagte er spöttisch lächelnd, »das klang ja wie ein Stück aus einer Genferpredigt.«

»Aber,« fuhr ich fort, »ich richte Eure Aufmerksamkeit auf die Thatsache, daß ich sowohl, als Ihr, nach Antrieben gehandelt habe, die entweder das Resultat meines freien Willens oder die Folgen der mir von dem Schicksal bestimmten Rolle sind. Diese können und im gegenwärtigen Falle sind sie wirklich im geraden Widerspruche mit denjenigen, durch welche Ihr bewegt worden seid; und wie sollen wir nun bestimmen, welche den Vorrang haben soll? Ihr fühlt Euch vielleicht bestimmt, mein Kerkermeister zu sein, ich dagegen fühle mich bestimmt, meine Flucht zu versuchen, und in's Werk zu setzen. Einer von uns muß Unrecht haben, wer aber kann sagen, welcher von Beiden im Irrthum sei, bis der Erfolg zwischen uns entschieden hat?«

»Ich werde mich bestimmt fühlen, strengere Zwangsmittel zu gebrauchen,« sagte er gleichfalls in dem Tone zwischen Scherz und Ernst.

»In diesem Falle,« antwortete ich, »wird es meine Bestimmung sein, Alles für meine Freiheit zu versuchen.«

»Und die meinige, junger Mann,« erwiderte er in einem tiefen und strengen Tone, »Sorge zu tragen, daß Ihr eher sterben, als Euren Vorsatz ausführen werdet.«

Dieß war deutlich gesprochen, und ich wollte ihn keineswegs ohne Antwort lassen.

»Ihr droht mir vergebens,« sagte ich, »die Gesetze meines Landes werden mich schützen, oder denjenigen rächen, den sie nicht beschützen können.« Ich sprach dieß in bestimmtem Tone, und er schien einen Augenblick zum Schweigen gebracht; die Verachtung, womit er zuletzt mir geantwortet hatte, trug etwas Affektirtes an sich.

»Die Gesetze!« sagte er; »und was wißt denn Ihr, junger Mensch, von den Gesetzen Eures Landes? Konntet Ihr Rechtswissenschaft lernen unter einem niedrig geborenen Pergamentkleckser, wie Saunders Fairford, oder von dem eitlen pedantischen Gecken seinem Sohne, der sich jetzt ja auch einen Advokaten nennt? Als Schottland noch sich angehörte, und seinen eigenen König und Gesetzgebung hatte, würden so gemeine Plebejer, anstatt zu den Schranken des höchsten Gerichtshofes berufen zu werden, kaum zu der Ehre zugelassen worden sein, einen Aktenfascikel zu tragen.«

Allan, dieß konnte ich nicht ertragen, sondern antwortete ihm mit Unwillen, daß er die Würde und Ehre nicht kenne, die er herabsetze.

»Ich weiß so viel von diesen Fairford's, als von Euch,« erwiderte er.

»So viel,« sagte ich, »und so wenig. Denn Ihr könnt weder ihren, noch meinen wahren Werth schätzen. Ich weiß, Ihr habt sie gesehen, bei Eurem letzten Aufenthalt in Edinburgh.«

»Ha!« rief er aus, und blickte mich durchdringend an.

»Es ist wahr,« sagte ich, »Ihr könnt es nicht läugnen, und da ich Euch so gezeigt habe, daß ich etwas von Euern Umtrieben kenne, so will ich Euch warnen, denn ich habe Mittheilungswege, die Euch unbekannt sind. Zwingt mich nicht, sie zu Eurem Nachtheil zu gebrauchen.«

»Zu meinem Nachtheil!« erwiderte er. »Junger Mann, ich lächle über Eure Thorheit und vergebe sie Euch. Ja, ich will Euch sagen, was Ihr nicht bemerkt habt, daß ich nämlich aus Briefen von diesen Fairford's zuerst die Vermuthung schöpfte, die durch meinen Besuch bei ihnen bestätigt wurde, daß Ihr die Person seid, die ich seit Jahren gesucht hatte.«

»Wenn Ihr dieß,« sagte ich, »aus jenen Papieren erfahren habt, die ich in jener Nacht bei mir hatte, als ich mich in der Nothwendigkeit befand, Euer Gast zu Brocken-Burn zu werden, so beneide ich Euch nicht um Eure Gleichgültigkeit gegen die Mittel, Euch Nachrichten zu verschaffen. Es war nicht ehrenvoll für – – – –«

»Stille, junger Mann,« sagte Herries ruhiger, als ich erwartet hatte; »das Wort Unehre darf nicht in Verbindung mit meinem Namen erwähnt werden. Eure Brieftasche war in der Tasche Eures Rocks, und entging der Aufmerksamkeit eines Andern nicht, obgleich es vor der meinen völlig sicher gewesen wäre. Mein Diener Christal Nixon brachte mir die Nachricht, nachdem Ihr weg waret. Ich war unzufrieden mit der Art, wie er sich die Nachricht verschafft hatte, aber es war nicht weniger meine Pflicht, mich von der Wahrheit zu versichern, und darum ging ich nach Edinburgh. Ich hoffte Mr. Fairford zu überreden, in meine Ansichten einzugehen; ich fand ihn aber zu sehr von Vorurtheilen eingenommen, als daß ich ihm hätte Zutrauen schenken können. Er ist ein erbärmlicher und furchtbarer Sclave der gegenwärtigen Regierung, unter welcher unser unglückliches Vaterland auf eine so schimpfliche Weise in Knechtschaft gekommen ist, und es würde völlig unpassend und unsicher gewesen sein, ihm das Geheimniß meines Rechts anzuvertrauen, Eure Handlungen zu lenken, oder ihm die Art, wie ich es zu gebrauchen gedenke, zu enthüllen.«

Ich war entschlossen, diese mittheilende Stimmung zu benutzen, und wo möglich mehr Licht über sein Vorhaben zu erhalten. Er schien im Punkte der Ehre sehr empfindlich, und ich entschloß mich, diese Empfindlichkeit so viel wie möglich, aber mit Vorsicht, zu benutzen. »Ihr sagt,« erwiderte ich, »daß Ihr hinterlistigen Kniffen nicht hold seid, und die Mittel mißbilliget, die Euer Diener angewandt hat, um sich Kenntniß von meinem Namen und meinen Verhältnissen zu verschaffen. Ist es ehrenvoll, daß Ihr Euch einer auf so unehrliche Weise erworbenen Kenntniß bedient?«

»Kühn gefragt,« erwiderte er, »aber in den gehörigen Schranken mißfällt mir diese Kühnheit keineswegs. Ihr habt in dieser kurzen Unterhaltung mehr Charakter und Energie entwickelt, als ich von Euch erwartete. Ich hoffe, Ihr gleicht einer Waldpflanze, welche durch einen Zufall in ein Gewächshaus gebracht worden, und dadurch zart und schwächlich wurde, die aber ihre natürliche Kraft und Stärke wieder erhält, wenn sie eine Zeitlang der Winterluft ausgesetzt wird. Ich will Eure Fragen geradezu beantworten. In Geschäften, wie im Kriege, sind Spionen und Kundschafter nothwendige Uebel, die von allen rechtschaffenen Menschen verabscheut, oder von allen Klugen benutzt werden müssen, wenn sie nicht blindlings fechten und handeln wollen. Aber nichts kann Falschheit und Verrath bei Euch selbst rechtfertigen.«

»Ihr sagtet zu dem ältern Mr. Fairford,« fuhr ich mit der nemlichen Kühnheit fort, die mir noch das beste Spiel machte, »ich sei der Sohn von Ralph Latimer von Langcodete-Hall? Wie vereinigt Ihr dieß mit Eurer letzten Behauptung, daß mein Name nicht Latimer sei?«

Er entfärbte sich bei der Erwiderung: »der kindische Alte lügt, oder verstand mich falsch. Ich sagte: der Edelmann könnte Euer Vater sein. Um die Wahrheit zu sagen, ich wünschte, Ihr möchtet England, Euer Geburtsland, besuchen, weil in diesem Falle meine Rechte über Euch auflebten.«

Diese Rede klärte mir die Vorsicht auf, die man mir oft eingeprägt hatte, ich solle, so lieb mir meine Sicherheit sei, nicht auf die südliche Grenze kommen, und ich verfluchte meine eigene Thorheit, die mich, wie eine Motte, um das Licht hatte flattern lassen, bis ich in das Unglück hineingezogen war, mit dem ich getändelt hatte. »Was sind dieß für Rechte,« sagte ich, »die Ihr über mich in Anspruch nehmt? Zu welchem Zwecke wollt Ihr sie benützen?«

»Zu einem wichtigen, deß seid versichert,« antwortete Mr. Herries; »aber ich bin jetzt nicht gemeint, Euch die Art oder den Anfang desselben mitzutheilen. Ihr könnt auf seine Wichtigkeit schließen, da ich, um mich Eurer Person völlig zu bemächtigen, mich sogar unter den Haufen mischte, der die Fischerei-Anstalten Eures elenden Quäkers zerstörte. Daß ich ihn verachtete, und mir die listige Habgier mißfiel, womit er eine männliche Jagdlust vernichtete, ist völlig wahr; wenn es aber nicht meine Absicht auf Euch begünstigt hätte, so hätte er meine Stecknetze meinetwegen behalten mögen, bis Ebbe und Fluth in Solway aufhören.«

»Ach,« sagte ich, »das verdoppelt mein Unglück, daß ich die unfreiwillige Ursache des Unglücks eines redlichen und freundschaftlichen Mannes geworden bin.«

»Macht Euch darüber keinen Kummer,« sagte Herries, »der ehrliche Josua ist einer von denen, welche lange Gebete machen, sich aber nichts destoweniger der Wittwen Häuser bemächtigen können, er wird bald seinen Verlust ersetzen. Wenn er irgend einen Verlust erleidet, er und die andern Frommen, so schreiben sie es dem Himmel als eine Schuld an, und üben ohne Gewissensbisse übertünchte Schurkereien aus, bis sie die Wage in's Gleichgewicht bringen, oder auf ihre Seite hinneigen. Genug davon für jetzt, ich muß augenblicklich meinen Aufenthalt verändern, denn ob ich gleich von dem übermäßigen Eifer des Herrn Friedensrichters Foxley oder seines Schreibers nicht befürchte, daß er sie zum Aeußersten hinreißt, so möchte doch dieses tollen Burschen unglückliches Wiedererkennen meiner Person, es ihnen bedenklicher machen, Nachsicht gegen mich zu üben, und ich darf ihre Geduld auf keine zu harte Probe stellen. Machet Euch daher bereit, mich als Gefangener oder als Gefährte zu begleiten; wenn als das Letztere, so müßt Ihr Euer Ehrenwort geben, keinen Versuch zur Flucht zu machen. Solltet Ihr den schlimmen Einfall bekommen, Euer einmal verpfändetes Wort zu brechen, so seid versichert, daß ich Euch ohne das geringste Bedenken auf der Stelle todt niederstrecke.«

»Ich kenne Eure Pläne und Eure Absichten nicht, und kann sie nur für gefährlich halten. Ich bin nicht gesonnen, meine jetzige Lage durch einen unnützen Widerstand gegen die überlegene Gewalt zu erschweren; ich will aber auch nicht auf das Recht verzichten, meine natürliche Freiheit zu behaupten, sobald sich eine günstige Gelegenheit öffnet. Ich will daher lieber Euer Gefangener, als Euer Bundesgenosse sein.«

»Das ist freimüthig gesprochen,« sagte er, »und doch nicht ohne die listige Vorsicht eines Menschen, der in der guten Stadt Edinburg erzogen ist. Was mich betrifft, so will ich keine unnöthige Härte gegen Euch ausüben, sondern im Gegentheil Euch die Reise so leicht machen, als sich mit Eurer sichern Bewahrung verträgt. Fühlt Ihr Euch stark genug, zu reiten, oder zieht Ihr einen Wagen vor? Die erstere Art, zu reisen, paßt besser für die Gegend, die wir durchziehen, aber Ihr habt die Freiheit zu wählen.«

Ich sagte: »Ich fühlte meine Kraft allmälig zurückkehren, und ich zöge das Reiten weit vor. Ein Wagen,« setzte ich hinzu, »ist so enge – – –«

»Und so leicht bewacht,« erwiderte Herries mit einem Blick, als wollte er meine innersten Gedanken durchschauen, »daß Ihr ohne Zweifel das Reiten für passender zur Flucht haltet?«

»Meine Gedanken gehören mir,« antwortete ich, »und wenn Ihr auch meine Person gefangen haltet, diese stehen nicht unter Eurer Gewalt.«

»O! ich kann das Buch lesen,« sagte er, »ohne es zu öffnen; ich möchte Euch aber rathen, und es wird meine Sorge sein, darauf zu sehen, daß Ihr keinen Versuch zu machen im Stande seid, der gelingen könnte. Linnen und andere Bedürfnisse in Euren Umständen sollt Ihr hinreichend bekommen. Christian Nixon soll Euer Bedienter, ich möchte lieber sagen, Eure Kammerfrau sein. Euer Reisekleid wird Euch vielleicht sonderbar vorkommen; wenn Ihr aber der für Euch bestimmten Gegenstände Euch nicht bedienen wollt, so wird die Reise für Eure Person eben so unangenehm werden, als die, welche Euch hierhergeführt hat. Adieu, wir kennen jetzt einander besser als vorher, und es wird nicht mein Fehler sein, wenn unsere Bekanntschaft nicht gegenseitig eine günstigere Meinung zur Folge hat.«

Er überließ mich hierauf, nachdem er mir artig gute Nacht gewünscht, meinen eigenen Gedanken, und kehrte nur einmal zurück, um mir zu sagen, daß wir mit Tagesanbruch längstens unsere Reise antreten würden; »vielleicht noch früher,« sagte er, was nichts auf sich habe, da ich als Jäger, wie er dies artig von mir voraussetzte, stets zu einem plötzlichen Aufbruch bereit sein müsse.

So haben wir uns denn verständigt, dieser seltsame Mann und ich; seine persönlichen Absichten hat er bis zu einem gewissen Punkte enthüllt. Er hat eine alte und verzweifelte Politik gewählt, und er maßet sich als angeblicher Vormund oder Verwandter ein Recht an, meine Handlungen zu leiten und zu beaufsichtigen; diese Verhältnisse auseinanderzusetzen, hält er nicht der Mühe werth, sondern glaubte sie nur vor einem albernen Friedensrichter auf dem Lande und seinem schurkischen Schreiber geltend machen zu können. Die Gefahr, die mich in England erwartete und der ich bei einem längeren Aufenthalt in Schottland entgangen wäre, war unbezweifelt durch das Ansehen dieses Mannes veranlaßt. Was aber meine arme Mutter für mich schon als Kind befürchten mochte, wogegen mich mein englischer Freund, Samuel Griffith, während meiner Jugend und Unmündigkeit zu wahren sich bemühte, ist jetzt, wie es scheint, über mich gekommen, und unter einem gesetzlichen Vorwand bin ich auf eine höchst ungesetzliche Weise gefangen gehalten, und zwar von einem Manne, der durch sein Benehmen seine eigene politische Freiheit verwirkt hat. Das macht aber nichts zur Sache, ich fühle Muth, weder Ueberredung noch Drohungen sollen mich zwingen, in die verzweifelten Pläne dieses Mannes einzugehen. Mag ich nun wirklich der unbedeutende Mensch sein, wie mein Leben bisher anzudeuten schien, oder besitze ich, wie aus dem Benehmen meines Gegners hervorzugehen scheint, durch Geburt oder Vermögen eine solche Wichtigkeit, daß ich für eine politische Faction eine wünschenswerthe Erwerbung bin, mein Entschluß ist in beiden Fällen gefaßt. Die, welche dieß Tagebuch lesen, werden, wenn sie unparteiisch sind, richtig von mir urtheilen, und wenn sie mich für einen Thoren ansehen, der sich in unnöthige Gefahr stürzte, so sollen sie wenigstens keine Ursache haben, mich in der Gefahr selbst für einen Feigling oder eine Wetterfahne zu halten. Ich bin auferzogen in Gesinnungen der Anhänglichkeit an die Familie auf dem Throne, und mit diesen Gesinnungen will ich leben und sterben. Auch glaube ich, daß Mr. Herries schon bemerkt hat, daß ich aus einem anderen und weit spröderen Metalle zusammengesetzt bin, als er anfangs glaubte. Von meinem theuren Allan Fairford waren in derselben Brieftasche, welche während der Nacht, die ich in Broken-Burn zubrachte, nach dem Geständnisse meines angeblichen Vormunds, der Untersuchung seines Dieners preisgegeben war, einige Briefe, die sich über die Unbeständigkeit meines Temperaments auf eine scherzhafte Weise äußerten; ich erinnere mich nämlich recht wohl, daß ich meine nassen Kleider nebst dem Inhalt meiner Taschen mit der Gedankenlosigkeit eines jungen Reisenden allzu unbesonnen der Sorge eines fremden Dieners überließ. Und mein gütiger Freund und gastfreundlicher Wirth mag also, und nicht ohne Grund, von meinem Leichtsinn zu diesem Mann gesprochen haben. Er soll aber finden, daß er auf diese scheinbaren Gründe eine falsche Rechnung gebaut hat, denn – – –

Ich muß einen Augenblick abbrechen.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.