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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Sechstes Kapitel

Fortsetzung des Tagbuchs Darsie Latimers

Früher, als ich es erwartete, fand die wichtige Unterredung statt; noch an demselben Tage, an welchem ich den Brief empfing, gleich nach beendigtem Mittagessen, trat der Squire, oder wie man ihn sonst nennen mag, so plötzlich in das Zimmer, daß ich ihn fast für eine Geistererscheinung gehalten hätte. In der Gestalt dieses Mannes liegt ein eigener Adel und ein eigenthümlicher Ausdruck der Festigkeit; seine Stimme hat jene tiefe Fülle des Accents, die unwiderstehlich Ehrfurcht einflößt. Als er eintrat, erhob ich mich unwillkürlich, stillschweigend betrachteten wir uns einen Augenblick, bis endlich mein Gast das Stillschweigen unterbrach.

»Sie wünschen mich zu sprechen,« sagte er, »hier bin ich: haben Sie etwas zu sagen, so lassen Sie mich's hören, meine Zeit ist zu kurz, um sie mit kindischem Anstarren zu verlieren.«

»Ich wollte Sie fragen, auf wessen Befehl und zu welchem Endzweck ich hier gefangen gehalten werde.«

»Ich habe Ihnen schon gesagt,« erwiderte er, »daß mein Recht unbestreitbar ist, und daß meine Macht ihm gleicht; das ist Alles, was Sie für jetzt zu wissen nöthig haben.«

»Jeder Britte,« antwortete ich, »hat das Recht dazu, den Grund zu wissen, warum man ihn in gefänglicher Haft hält, auch kann ihn Niemand ohne gesetzmäßigen Verhaftsbefehl seiner Freiheit berauben. – Zeigen Sie mir den, der Sie dazu berechtigt.«

»Sie sollen noch mehr sehen,« sagte er, »ich will Sie sogar vor den Richter stellen, der ihn ausfertigte, und zwar sogleich.«

Dieser überraschende Vorschlag beängstigte und beunruhigte mich; aber da ich mich einer gerechten Sache bewußt war, so beschloß ich, sie kühn zu vertheidigen, wenn ich schon einige Zeit zur Vorbereitung gewünscht hätte. Er aber wandte sich um, riß die Thüre des Zimmers auf und befahl mir, ihm zu folgen. Als ich über die Schwelle meines Zimmers schritt, hatte ich nicht übel Lust auf und davon zu laufen, aber wo sollte ich die Treppe finden? wahrscheinlich war die Hausthüre verschlossen, und endlich, um mir alle Wahl zu rauben, hatte ich kaum das Zimmer verlassen, um meinem stolzen Führer zu folgen, als Cristal Nixon kaum zwei Schritte hinter mir stand und mir nachschlich. Ich folgte also dem Squire stillschweigend und ohne Widerstand durch zwei oder drei Gänge, welche länger waren, als ich es der Bauart des Hauses nach vermuthet hatte. Endlich öffnete sich eine Flügelthüre und wir traten in einen großen, altmodischen Saal. Die Fenster waren von gefärbtem Glas, eichenes Getäfel an den Wänden, ein ungeheurer Rost, bedeckt mit Hollunder und Rosmarin-Holz, stand unter einem breiten, hervorspringenden, steinernen Kamin, das mit Wappen geziert war. In den Nischen der Wände standen ehrwürdige Helden in voller Rüstung mit großen Perrücken statt der Helme, und Damen mit Reifröckchen, zierlich an Blumensträußen riechend.

Hinter einem großen Tische, auf welchem verschiedene Bücher lagen, saß ein anständig gekleideter, untersetzter Mann, der nach dem Stoß Papiere und der Feder zu urtheilen, die er bei meinem Eintreten ergriff, als Führer des Protokolls gelten sollte. Da ich diese Personen so genau als möglich beschreiben möchte, so muß ich hinzufügen, daß er einen dunkelfarbigen Rock und lederne Beinkleider trug. Am oberen Ende desselben Tisches, in einem breiten, mit Leder beschlagenen Sorgestuhl, ruhte ein wohlbeleibter, ansehnlicher Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der entweder wirklich ein Landrichter war, oder doch diese Rolle sehr täuschend spielte. Seine ledernen Beinkleider schlossen fest an, seine Reitstiefel, glänzend geschwärzt, hatten kein Fleckchen, ein paar schöne, gelbe Umschläge vereinigten die Stiefel mit den Beinkleidern. Endlich zierte noch eine reichgestickte, scharlachrothe Weste und ein purpurfarbener Rock die zierliche, wohlbeleibte Gestalt des kleinen Mannes, und warfen auf sein wohlgenährtes Angesicht einen überflüssigen Zuwachs von Röthe. Vermuthlich hatte er eben zu Mittag gegessen (denn es war um zwei Uhr Nachmittags) und erfreute sich jetzt damit, seiner Verdauung mit einem Pfeifchen Tabak nachzuhelfen. In seinem Gesichte lag eine Wichtigkeitsmiene, die sehr wohl mit der ländlichen Würde in seinem Aeußeren übereinstimmte. Um seiner Meinung und seiner Entscheidung einen Anstrich tiefen Nachdenkens und reiflicher Ueberlegung zu geben, hatte er die Gewohnheit angenommen, seine Sentenzen mit einer Unzahl von Interjectionen zu zieren, die er durch alle Töne vom Baß bis zur Fistel modifizirte, auch wohl zuweilen mit einem Zug aus der Pfeife unterbrach, und dann den Dampf in einer langen Wolke nach und nach aus dem Munde bließ. Bei alle dem, Allan, möchte es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß der erwähnte Richter ein ziemlicher Esel ist. Abgerechnet, daß er eine große Ehrfurcht vor den rechtsgelehrten Meinungen seines Schreibers hat, was in der Natur der Dinge liegen mag, scheint er auch noch wunderbar unter den Befehlen seines Titelgenossen, des Squire's, zu stehen (wenn einer von beiden den Titel verdient), ja sogar noch mehr, als es sich mit seiner angeblichen Würde ziemte.

»Ho – ha – ja – so, so – hum – hum, das ist also wohl der junge Mann – hum, ja, ja – er scheint kränklich zu sein. – Junger Mann, Ihr dürft Euch setzen.«

Ich machte Gebrauch von der gegebenen Erlaubniß, denn meine Krankheit hatte mich mehr geschwächt, als ich es geglaubt hatte, und ich fühlte mich von den wenigen Schritten und von der innerlichen Bewegung sehr ermüdet.

»Euer Name, junger Mann, ist – hum – ja, nun, wie heißt er?«

»Darsie Latimer.«

»Recht – ja, hum, ganz recht. Darsie Latimer, so ist's – ei, hum, woher kommt Ihr?«

»Aus Schottland, Sir,« erwiderte ich.

»Ein geborener Schottländer – ah, hum, – ist's so?«

»Ich bin ein Engländer von Geburt, Sir.«

»Recht – ei – ja, so ist's. Aber sagt mir doch gütigst, Mr. Darsie Latimer, seid Ihr immer bei diesem Namen genannt worden, oder habt Ihr noch einen andern? Nikolas, schreib' seine Antwort nieder, Nick.«

»So viel ich weiß, trug ich nie einen andern,« war meine Antwort. »Wie, nicht? das hätte ich doch nicht geglaubt – Heh, Nachbar, was meint Ihr dazu?«

Hier sah er den andern Squire an, der sich nachlässig in einen Stuhl geworfen hatte, indem er die Füße ausbreitete, die Arme auf der Brust über einander schlug und dem Verhör nur wenig Aufmerksamkeit widmete. Auf die Frage des Richters antwortete er, »das Gedächtniß des jungen Mannes würde sich wohl nicht bis auf seine ersten Lebensjahre erstrecken.«

»Ah – eh – ha – Ihr hört, was der Gentleman spricht – sagt mir doch, ich bitte, wie weit mag sich wohl Euer Gedächtniß erstrecken? hum.«

»Bis zum Alter von ungefähr drei Jahren.«

»Und Sie wagen es zu behaupten, Sir,« rief der Squire, indem er sich plötzlich erhob, und seine Stimme bis zu einer furchtbaren Höhe steigerte, »daß Sie damals Ihren jetzigen Namen trugen?«

Die Zuversicht, mit welcher diese Frage vorgelegt ward, erschütterte mich, und umsonst wühlte ich in meinem Gedächtniß nach einer Antwort. – »Wenigstens,« sagte ich, »erinnere ich mich, daß man mich immer Darsie hieß; in so frühem Alter nennt man die Kinder gewöhnlich nur beim Taufnamen.«

»Ja, so denke ich auch,« erwiderte er, und streckte sich wieder in seinem Stuhl.

»Also nannte man Euch Darsie in Eurer Kindheit,« sagte der Richter; »und – hum, ei – wann nahmt Ihr zuerst den Namen Latimer an?«

»Ich nahm ihn nicht an, Sir, er ward mir gegeben.«

»Ich frage Sie,« sagte der Herr des Hauses, doch mit minder strengem Tone als zuvor, »ob Sie sich erinnern können, je Latimer genannt worden zu sein, ehe man Ihnen in Schottland diesen Namen gab?« »Ich will offenherzig sein: Ich kann mich freilich nicht erinnern, daß man mich in England so genannt hätte, aber ich weiß auch nicht, wann mir der Name zuerst gegeben wurde. Kann man also aus diesen Fragen und Antwort keine genügende Schlußfolge ziehen, so wünsche ich, daß man meine zarte Kindheit berücksichtige.«

»Hum – ei ja,« sagte der Richter, »alles was Berücksichtigung verdient, soll berücksichtigt werden. Junger Mann – he – ich wünschte den Namen Eures Vaters und Eurer Mutter zu wissen.«

Da berührte er eine Wunde, an der ich schon seit vielen Jahren litt, darum ertrug ich auch die Frage nicht so geduldig, wie die früheren, sondern erwiderte: »Ich aber wünschte meiner Seits zu wissen, ob ich vor einem englischen Friedensrichter stehe?«

»Sr. Gestrengen Squire Foxley von Foxley-Hall, seit zwanzig Jahren wohlbestallter Richter,« sagte Mr. Niklas.

»Dann sollte er wissen, oder Sie, Sir, als sein Schreiber, sollten ihm sagen, daß ich in dieser Sache Kläger bin, und daß man meine Klage anhören muß, ehe man mich einem Kreuz- und Quer-Verhör unterwirft.«

»Hum, hoi – was, ei – es ist etwas daran, Nachbar,« sagte der Richter, der, vor jedem Säuseln der Rechtsgelehrsamkeit erbebend, die Einstimmung des andern Squire's zu erlangen wünschte.

»Ich wundere mich über Euch, Foxley,« sagte sein entschlossener Freund; »wie könnt Ihr dem jungen Manne zu seinem Recht verhelfen, ehe Ihr wißt, wer er ist?«

»Hum, ja – das ist auch wahr,« sagte der Herr Richter Foxley; »jetzt also, wenn ich die Sache bei näherem Licht betrachte, – so ist – hum – im Ganzen, gar nichts damit gesagt – also, Sir, Ihr müßt mir Eures Vaters Vor- und Zunamen nennen.«

»Da Sie doch nun ein Mal durchaus alle meine Familienverhältnisse kennen müssen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich ihn nicht kenne.«

Der Richter that einige mächtige Züge und hielt den Rauch im Mund, so daß seine Backen, gleich denen eines holländischen Cherubs, aufschwollen, während seine Augen von der Anstrengung hervortraten, die er anwenden mußte, um seinen Athem anzuhalten. Dann bließ er von sich – »Wuh, Hum – puuf – ha, seine Eltern nicht zu kennen, junger Mann. – Dann muß ich Euch als einen Landstreicher einstecken lassen, auf mein Wort: Omne ignotum pro semibili, wie wir auf der Schule zu Appleby zu sagen pflegten, d. i.: jeder, den der Landrichter nicht kennt, ist ein Spitzbube und ein Vagabund. Ha! – ei – lacht nur immerhin, Sir, doch zweifle ich, ob Ihr den Sinn des lateinischen Satzes verstanden hättet, wenn ich ihn nicht übersetzt hätte.«

Ich dankte ihm für die neue Ausgabe des Sprichworts und für die Erklärung, die ich, ohne Beihülfe, mir nie hätte träumen lassen, fuhr ich fort, meine Klage mit größerer Zuversicht aus einander zu setzen. Der Richter war ein Esel, das war sonnenklar; so unwissend aber konnte er doch unmöglich sein, daß er das Nothwendigste in einer so klaren Sache nicht einsehen sollte. Ich setzte ihn also von dem Aufstand in Kenntniß, der auf der schottischen Seite des Meerbusens von Solway Statt gefunden hatte; erklärte ihm, wie ich in meine gegenwärtige Lage gerieth, und bat schließlich, er möchte mich in Freiheit setzen lassen. Ich vertheidigte meine Sache so gut als möglich, indem ich von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Gegenpartei warf, die sehr gleichgültig die Heftigkeit anhörte, mit der ich klagte.

Als ich endlich aufhörte, weil ich in einer so klaren Sache nichts mehr zu sagen wußte, so erwiderte der Richter: »hum, ei – ja doch wunderbar! also das ist die Dankbarkeit, die Ihr diesem guten Herrn für die Mühe und Sorge zeigt, die er für und um Euch hatte?«

»Ich gestehe ein, Sir, daß er mir das Leben ein Mal, vielleicht zwei Mal gerettet hat, aber diese That gibt ihm noch kein Recht über meine Person. Dennoch aber verlange ich weder Bestrafung noch Rache; ich will friedlich von diesem Gentleman scheiden, dessen Beweggründe ich nicht gerne als böse annehmen möchte, wenn schon seine Handlungsweise gegen mich ungesetzmäßig und gewaltthätig war.«

Wenn schon, wie du es leicht selbst denken kannst, dieser Mäßigung Gefühle zu Grunde lagen, die den Angeklagten nicht berührten; so schien doch die Milde, mit der ich meine Sache führte, tieferen Eindruck auf ihn zu machen, als alles bisher Gesagte. Er ward so gerührt, daß er fast außer Fassung kam, und nahm oft Zuflucht zu seiner Dose, um nur einigermaßen seine innere Bewegung zu verbergen.

Minder günstig war der Eindruck meiner Rede auf den Richter Foxley, auf den sie doch hauptsächlich berechnet war. Er flüsterte mit seinem Schreiber Meister Niclas, räusperte sich, hustete und runzelte die Augenbrauen, als wäre er über meine Bitte erzürnt. Endlich nachdem er sich anscheinend beruhigt hatte, lehnte er sich in seinen Stuhl, dampfte mit großer Heftigkeit, und gab mir einen drohenden Wink, der mir zeigte, daß alle meine Gründe an ihm verloren gingen.

Als ich endlich, mehr aus Mangel an Athem, als aus Mangel an Gründen, einhielt, öffnete er seine Orakelsprüche verkündigenden Kinnbacken, und gab mir folgende Antwort, die von seinen gewohnten Interjektionen, und von langen, dicken Rauchwolken begleitet waren; – »Hem – ei – eh – puh – Also glaubt Ihr, mein Junge, Ihr könntet den Matthias Foxley, der seit dreißig Jahren wohlbestallter Friedensrichter ist, mit solchem Gewäsche hintergehen, womit man kaum ein Höckerweib anführen kann? puh, paf – wie, Freund – heh – weißt du nicht, daß man in der Sache keine Bürgschaft annehmen kann, und daß – hm, ei – der größte Mann – puf, der Baron von Graystock selbst sich einer gerichtlichen Obhut unterwerfen muß? – Und doch behauptet Ihr von diesem Gentleman heimlich entführt und Eueres Eigenthums beraubt worden zu sein, und Gott weiß, was noch; und – eh – puf, Ihr wollt mich überreden, daß er Euch alles genommen hat, was Euch fehlte – eh – ich glaube wohl, daß Euch vieles fehlt. Ja, ja, Ihr seid so ein Junker, der gern aller Banden los und ledig sein möchte, und – ei – hum so ein müssiger Student, ein bischen verwirrt im Oberstübchen dazu, wie mir die ehrlichen Leute im Hause sagen. – Ihr müßt also unter der Aufsicht Eures Vormunds bleiben, bis Ihr majorenn werdet, oder bis ein Warrant des Lord Großkanzlers Euch die Führung Eurer eigenen Geschäfte überträgt, die Ihr selbst dann, wenn's wieder ruhig im Kopfe steht – ei – hem – zu besorgen, Euch nicht sehr beeilen werdet.«

Die Zwischenräume, die Sr. Gestrengen hems und hums, und die Züge aus der Tabakspfeife, in seiner Rede ließen, benutzte ich dazu, meine Gedanken zu sammeln, welche der unerwartete Inhalt der Rede sehr erschüttert hatte.

»Ich kann durchaus nicht begreifen, Sir,« erwiderte ich, »aus welchem sonderbaren Grund diese Person Gehorsam von mir als seinem Mündel fordert; es ist eine schamlose Lüge. – Ich sah ihn nie in meinem Leben, bis vor vier Wochen, wo ich unglücklicher Weise in diese Gegend kam.«

»Ei Sir – wir eh – wissen, und sind darauf vorbereitet, daß – puf – Ihr gewisser Leute Namen nicht gern hören möcht; und daß – eh – Ihr versteht mich schon – es Dinge, Töne, gewisse Gegenstände, Unterhaltungen über Namen und mehrere dergleichen Gegenstände gibt, die Euch aus dem Häuschen bringen – was ich keine sonderliche Lust anzusehen habe. Doch aber Mr. Darsie – oder – puf Mr. Darsie Latimer – – oder – puh, puf – eh – ei, Mr. Darsie ohne den Latimer – Ihr habt heute so viel eingestanden, daß ich einsehe, wie sehr wohl verwahrt Ihr unter der Sorge meines hier anwesenden, ehrenwerthen Freundes seid – alle Eure Geständnisse – und noch dazu, daß – puf, eh – ich ihn als eine höchst achtbare Person kenne – a – ja doch, ja als eine höchst achtbare und ehrenwerthe Person – Könnt Ihr das läugnen?«

»Ich weiß nichts von ihm,« wiederholte ich, »nicht einmal seinen Namen, und ich habe ihn, wie schon gesagt, bis auf die letzten Wochen in meinem ganzen Leben nicht gesehen.«

»Wollt Ihr darauf schwören?« sagte der sonderbare Mann, der den Ausgang der Unterhandlungen zu erwarten schien, so sicher wie eine Klapperschlange ihrer Beute ist, wenn sie sie einmal in ihrem Zauberkreise gebannt hat. Und während er diese Worte mit tiefen Tönen aussprach, rückte er seinen Stuhl, so daß er hinter dem des Richters zu stehen kam, und weder dieser noch sein Schreiber ihn bemerken konnte. Dann schoß er so fürchterliche Blicke auf mich, daß Niemand, der sie erblickte, sie je vergessen kann. Ueber den Augen wurden die Runzeln der Stirn gelblich, ja fast schwarz, und da wo die Augenbrauen sich vereinigten, bildeten sie einen Halbcirkel, oder vielmehr eine elliptische Form. Ich hatte einen solchen Blick in einer alten Teufelsgeschichte beschreiben hören, die ich zufällig vor nicht langer Zeit erzählt bekam, wo diese tiefen, finsteren Verzuckungen der Stirnmuskeln, nicht ganz ohne Grund, mit der Form eines kleinen Hufeisens versinnlicht worden waren.

Seiner Zeit erweckte jene Erzählung eine grauenvolle Vision meiner frühesten Kindheit, und jetzt, da der erstarrende, furchtbare Blick auf mich gerichtet war, so drängte sie sich noch lebhafter meiner Erinnerung auf. Die unbestimmten, schwankenden Ideen, die jenes furchtbare Zeichen in meinem Gemüthe erweckt hatten, erschreckten mich so sehr, daß ich starr und regungslos mein Auge auf das Antlitz richtete, wo es, ein schreckendrohender Bote, zu sehen war; bis der geheimnißvolle Mann, indem er einen Augenblick mit seinem Taschentuch über sein Gesicht fuhr, den Blick aufheiterte, der mir so schreckenvoll gewesen war. »Nun wird wohl der junge Mann es nicht mehr läugnen, daß er mich schon früher sah,« sagte er in gefälligem Tone zum Richter; »und ich hoffe, er wird sich nun gütlich meiner zeitlichen Vormundschaft überliefern, die sich vielleicht besser endigen mag, als er es erwartet.«

»Was auch meine Erwartungen sein mögen,« erwiderte ich, indem ich mich wieder sammelte, »so sehe ich doch, daß ich von diesem Herrn, dessen Amt es ihm zur Pflicht macht, weder Schutz noch Gerechtigkeit erwarten kann. Sie aber, Sir, wie sonderbar es auch ist, daß Sie sich in das Schicksal eines unglücklichen jungen Mannes eindrängen, oder welchen Anspruch Sie auf mich zu machen vorgeben, Sie allein können mir den Aufschluß geben. Daß ich Sie schon früher sah, das ist gewiß; denn Niemand kann den Blick vergessen, mit welchem Sie die Macht zu haben scheinen, diejenigen zu vernichten, auf welche Sie ihn werfen.«

Dem Richter schien es bei dem Wink nicht sehr wohl zu Muth zu sein. »Ha – ei,« sagte er, »es ist Zeit zum Fortgehen, Nachbar. Ich muß noch mehrere Meilen reiten, und möchte sie in dieser Gegend nicht bei Nacht zurücklegen. – Mr. Nicolas, wir müssen uns fortmachen.«

Der Richter zog seine Handschuhe eiligst an, Mr. Nicolas war geschäftig, Ueberrock und Peitsche zu holen. Ihr Wirth wollte sie zurückhalten, und bot ihnen ein Abendessen und ein Nachtlager an. Beide dankten ihm höflichst für seine Einladung, doch schien es, als hätten sie keine sonderliche Lust zu bleiben. Der Richter Foxley entschuldigte sich hundert Mal, als das Mädchen Dorcas in die Stube trat, und einen Gentleman ankündigte, der ihn über Gerichtssachen zu sprechen wünschte.

»Was für ein Gentleman? – und wen will er sprechen?«

»Er kommt eben auf seinen eigenen Zehen hier an,« sagte das Mädchen, »und wie er sagt, wünscht er Ew. Gestrengen in gerichtlichen Angelegenheiten zu sprechen. Ich halte ihn für einen Gentleman, denn er spricht eben so fertig Latein wie ein Schulmeister, aber du liebe Zeit, er hat eine drollige Perrücke auf.«

Der eben angekündigte und beschriebene Gentleman stürzte ungestüm in das Zimmer. Aber da ich schon mein Blatt Papier voll geschrieben habe, und mein sonderbares Geschick so schwer auf mir lastet, so muß ich wohl ein neues mit dem vollschreiben, was erfolgte, als ich ihn in das Zimmer treten sah – mein theurer Allan – deinen verrückten Clienten – den armen Peter Peebles.

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