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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Fünftes Kapitel.

Fortsetzung des Tagebuchs Darsie Latimer's.

Nachdem ich zwei oder drei Tage, vielleicht mehr, vielleicht weniger, im Bette zugebracht hatte, wo ich sorgfältig verpflegt und, wie ich glaube, mit so vieler Vorsicht behandelt wurde, als nur meine Lage es erheischte, ward mir endlich erlaubt, das Bett, aber nicht die Stube zu verlassen. Nun war ich schon eher im Stande, einige Bemerkungen über den Ort zu machen, wo ich gefangen gehalten wurde.

Dem Ansehen und den Möbeln nach glich das Zimmer der besten Stube in einem Pachterhaus; die Fenster gewährten vom zweiten Stockwerk herab die Aussicht in den Hof, der mit allerlei Geflügel bevölkert war. Die nöthigen Wirtschaftsgebäude befanden sich im Hofe. Ich konnte das Brauhaus und die Scheune unterscheiden, auch hörte ich von einem entfernteren Gebäude her, das Brüllen des Viehs und andere ländliche Töne, die ein großes, wohlversehenes Pachterhaus verriethen. Der Anblick sowohl als die Töne waren geeignet, die Furcht vor einer persönlichen Gewaltthat zu verscheuchen. Doch schien das Gebäude alt und fest zu sein, ein Theil des Daches war mit Zinnen versehen und die Mauern waren ungeheuer dick; endlich merkte ich noch zu meinem Verdrusse, daß die Fenster des Zimmers erst vor Kurzem mit eisernen Stangen verwahrt worden waren, und daß die Diener, welche mir Speisen brachten und andere häusliche Dienste leisteten, immer die Thüre wieder zuschlossen, wenn sie weggingen.

Die Bequemlichkeit und Räumlichkeit meiner Stube war ächt englischer Art, so wie ich sie nie auf dem andern Ufer der Tweede sah, das sehr alte Getäfel, woraus der Fußboden und das Gesimse bestand, war mit einem Fleiße gescheuert, den eine Schottländerin kaum ihrem kostbarsten Möbel schenkt.

Die Zimmer, welche zu meinem Gebrauch bestimmt waren, bestanden in einer Schlafstube, einem anstoßenden kleinen Wohnzimmer, mit welchem noch ein kleineres Kabinet in Verbindung stand, welches ein schmales Fenster hatte, das vor Alters zur Schießscharte gedient zu haben schien und nun der Luft und dem Licht einen freien Durchgang gewährte; aber außerdem konnte man unmöglich etwas Anderes als den blauen Himmel sehen, und selbst den nur, wenn man sich auf einen Stuhl stellte. Es war noch eine Spur eines besonderen Einganges in das Kabinet vorhanden, außer dem, der in das Wohnzimmer führte, der aber erst kürzlich zugemauert worden war, wie ich entdeckte, indem ich einen Theil der Tapeten wegriß, die das frische Mauerwerk bedeckten. Ich fand daselbst meine Kleider, Weißzeug und andere Bedürfnisse, ja sogar mein Schreibzeug, das Feder, Dinte und Papier enthielt, so daß ich im Stande bin, diesen Bericht von meiner Gefangennehmung mit Muße, (und Gott weiß es, sie ist ungestört genug) niederzuschreiben. Natürlich vertraue ich sie meinem Pulte nicht an, sondern ich trage die geschriebenen Blätter bei mir, so daß man mir sie nur mit Gewalt entreißen kann. Ich gebrauche auch die Vorsicht, nur in dem kleinen Kabinet zu schreiben, so daß ich, wenn sich Jemand dem anderen Zimmer nähert, Zeit genug habe, mein Tagebuch bei Seite zu legen, ehe man kommt.

Die Dienstboten, ein kräftiger Landbursche und ein zierliches Landmädchen, das einem Milchmädchen nicht unähnlich sieht, scheinen von dem ächten Schlag englischer Bauern zu sein, denken wenig, wünschen fast gar nichts, das außer dem beschränkten Kreise ihrer Pflichten und Vergnügungen liegt, und kennen die Neugierde nicht, sich auch nur im Geringsten in die Angelegenheit anderer Leute zu mischen. Ihr Betragen gegen mich ist zugleich sehr gütig und sehr ärgerlich. Mein Tisch ist reichlich versehen, sie kommen meinem Geschmack in dieser Hinsicht ängstlich zuvor. Frage ich aber etwas über das Essen hinaus, so bringt mich der Dummkopf mit seinem »He« und seinem »weiß nicht« fast zur Verzweiflung; dringe ich heftiger in ihn, so wendet er mir ruhig den Rücken und verläßt das Zimmer. Auch das Mädchen will für so einfältig gelten wie es wirklich ist; aber ein schalkhaftes Lächeln, das sie nicht immer unterdrücken kann, scheint anzuzeigen, daß sie die Rolle, die sie spielt, vollkommen kennt, mich aber in Unwissenheit lassen will. Beide, und das Mädchen besonders, behandeln mich wie ein verzogenes Kind; sie verweigern mir nie etwas geradezu, aber sie sorgen zugleich dafür, daß sie ihr Wort nicht erfüllen können. Wenn ich z. B. den Wunsch äußere, daß ich ausgehen möchte, so verspricht mir Dorcas, ich sollte heute Nacht in den Park spazieren gehen und zusehen wie man die Kühe melkt, gerade wie man einem Kinde ein solches Vergnügen verspricht. Dabei aber sorgte sie dafür, daß sie, wenn es nur immer möglich ist, nie Wort hält.

Unterdessen hat sich eine Gleichgültigkeit gegen Freiheit, eine Sorglosigkeit wegen meiner Lage bei mir eingeschlichen, für die ich durchaus keinen Grund anzugeben weiß, wenn sie nicht Folgen meiner körperlichen Schwäche und des häufigen Blutverlustes sind. Ich habe von Männern gelesen, die, eingemauert wie ich, die Welt durch die Gewandtheit in Erstaunen setzten, vermöge deren es ihnen gelang, die furchtbaren Schwierigkeiten, die sich ihrer Flucht entgegenstellten, glücklich zu überwinden. Ich habe mir oft selbst gesagt, wenn ich solche Anekdoten las, daß Niemand, der auch nur ein Stückchen von einem Quaderstein oder einem rostigen Nagel besitzt, um Klammern auszuheben oder Schlösser zu öffnen, und der volle Muße hat, sich damit zu beschäftigen, gezwungen ist, in seinem Kerker zu bleiben. Doch sitze ich hier Tag für Tag, und wage nicht den geringsten Versuch, um meine Befreiung zu bewerkstelligen.

Aber die Quelle meiner Unthätigkeit entspringt nicht in der Erschlaffung meines Geistes, sondern in Gefühlen anderer Art. Meine Lebensgeschichte, die lange Zeit in ein tiefes Geheimniß gehüllt war, scheint nun auf dem Punkt zu stehen, wo der Schleier fallen wird; ein inneres Gefühl gebietet mir, den Lauf der Begebenheiten abzuwarten, wogegen zu kämpfen, meine schwachen Kräfte dem Willen des Schicksals entgegenstemmen hieße. Du, mein Allan, wirst diese duldende Ruhe für Feigheit ansehen, die mich wie eine entmannende Betäubung überfallen hätte; denkst du aber an die Erscheinung, die mein Krankenbett umschwebte, vermuthest du wie ich, daß ich in der Nähe, ja vielleicht unter einem Dache mit dem G. M. bin, dann wirst du einsehen, daß ein Gefühl, das sehr verschieden von Muthlosigkeit ist, mich dazu bewegt, mich gewissermaßen mit meinem Schicksal auszusöhnen.

Doch gestehe ich ein, daß es unmöglich ist, mich geduldig einer gewaltthätigen Gefangenschaft zu unterwerfen. Mein Herz empört sich dagegen, besonders wenn ich mich niedersetze, um in meinem Tagebuche meine Leiden zu erzählen; ich bin entschlossen, den ersten Schritt zu meiner Befreiung zu thun und wo möglich einen Brief auf die Post legen zu lassen.

*

Ich bin getäuscht. Als das Mädchen Dorcas, das ich mir zum Boten ausersehen hatte, von der Besorgung eines Briefes hörte, bot sie mir willig ihre Dienste an und empfing den Kronenthaler, den ich ihr gab (denn meine Börse war mit meinem inhaltsschweren Taschenbuch nicht entflohen) mit einem Lächeln, das die ganze Reihe ihrer weißen Zähne zeigte.

Als ich sie aber, um einige Aufklärungen über meinen gegenwärtigen Aufenthaltsort zu erlangen, frug, nach welcher Poststation sie meinen Brief tragen oder schicken wollte, so zeigte mir ein einfältiges »He?«, daß sie durchaus nicht wußte, oder vielleicht nicht wissen wollte, was ein Postamt sei. – »Dummkopf!« rief ich heftig aus.

»Ach Gott, mein Herr!« antwortete des Mädchen erbleichend, wie es ihr immer zu gehen pflegte, wenn ich Heftigkeit zeigte, – »werden Sie nicht heftig – Ich will ja den Brief auf die Post legen.«

»Was! und kennst doch den Namen der Poststation nicht?« sagte ich ungeduldig. »Wie um's Himmels willen willst du das anfangen?«

»Beruhigt Euch doch, mein lieber Herr. Was braucht Ihr ein armes Mädchen zu erschrecken, die nicht gelehrt ist, damit sie auskramt, was sie in der Armenschule zu Saint Bees lernte?«

»Ist Saint Bees weit vor hier, Dorcas? Schickt Ihr Eure Briefe dorthin?« sagte ich so einschmeichelnd und sorglos als möglich.

»Saint Bees! – da müßte Einer ja verrückt sein – Ich bitte Ew. Gnaden um Verzeihung – es ist nun schon eine Geschichte von zwanzig Jahren, daß der Vater zu Saint Bees wohnte, das zwanzig oder vierzig oder Gott weiß wie viel Meilen von hier liegt, dort im Osten, – in Northumberland; auch hätte ich Saint Bees nie verlassen, wenn nicht der Vater« –

»Ach, hol' der Teufel deinen Vater!« erwiderte ich. Sie aber entgegnete: »Wahrhaftig, wenn nicht Ew. Gnaden ein bischen wirr wären, so würden Sie nicht den Vater anderer Leute verdammen; auch litt' ich es, auf mein Wort, von keinem Anderen.«

»Ach, ich bitte dich tausendmal um Verzeihung – Ich wünsche deinem Vater nicht das geringste Böse – er war gewiß in seiner Art ein sehr rechtschaffener Mann.«

»Er war ein rechtschaffener Mann!« rief sie aus (denn die Kumberländer sind eben so kitzlich in Hinsicht ihrer Ahnen, wie ihre Nachbarn, die Schottländer). »Er ist ein so rechtschaffener Mann, als je einer einen Gaul mit dem Halfter über dem Kopf auf die Messe zu Staneshaw-Bank führte. – Aber wie rechtschaffen! – Er ist ein Pferdehändler, Herr.«

»Recht so, ja du hast ganz recht,« erwiderte ich; – »ich weiß es, ich habe schon von deinem Vater gehört – er soll so rechtschaffen sein, wie nur irgend ein Pferdehändler. Was meinst du, Dorcas, ich habe im Sinn, ein Pferd von ihm zu kaufen.«

»Ach, Ew. Gnaden,« seufzte Dorcas, »da ist er gerade der Mann dazu, Ew. Gnaden gut zu bedienen – wenn Sie jemals wieder frei werden, (schadet nichts, wenn's auch noch ein bischen im Oberstübchen fehlt). Er wird Sie um nicht viel übersetzen, höchstens um –«

»Gut, gut, wir werden schon einig werden, mein Kind, verlaß dich darauf. Willst du mir nun aber wohl sagen, wie du den Brief zu befördern gedenkst, den ich dir geben will?«

»Wie? Ei, den lege ich in den Beutel des Squire selbst, der in der Halle hängt. Wie sollte ich es sonst anfangen? Er schickt ihn dann wöchentlich einmal, oder wie es ihm einfällt, entweder nach Brampton oder nach Carlisle, oder wohin er sonst will.«

»Ach!« sagte ich – »nicht wahr, dein Liebster, John, bringt sie hin?«

»Nein – der nicht – auch ist der Jan mein Liebster nicht mehr, seitdem er auf den Geburtstag seiner Tante mit der Kitty Rutlege getanzt hat und mich sitzen ließ; ja, das hat er gethan.«

»Das war ja schändlich von dem Jan; ich hätte das nie von ihm gedacht,« erwiderte ich.

»Ja, es ist aber doch einmal so – er hat mich geradezu sitzen lassen, ja, das hat er gethan.«

»Gut, mein hübsches Mädchen, du wirst schon noch einen schöneren Burschen bekommen, als den Jan – denn ich seh' schon, der Jan ist kein Mann für dich.«

»Nein,« antwortete das Jungferchen, »aber ein schmucker Bursche ist er bei alle dem. Aber jetzt kümmere ich mich nichts mehr um ihn. Des Müllers Sohn, der mir auf dem letzten Jahrmarkt zu Appleby überall nachlief, das ist ein viel zierlicherer Gesell, das können Sie bei hellem Tage sehen.«

»Ja, das ist ein schöner, rüstiger Bursche – Glaubst du, er würde den Brief nach Carlisle tragen?«

»Nach Carlisle! das könnte ihm das Leben kosten; er muß immer nach dem Trog und der Klappe sehen, wie man sagt. Potz Blitz, sein Vater würde ihn braun und blau schlagen, wenn er sich's einfallen ließe, nach Carlisle zu laufen. Aber ich habe noch mehr Freier als ihn, da ist z. B. der Schulmeister, der schreibt fast so gut, wie du, Freund.«

»Nun, der ist ja der rechte Mann dazu, um einen Brief zu besorgen; der weiß auch, wie viel Mühe es kostet, bis man einen geschrieben hat.«

»Ja, wenn du davon sprichst, Freund, Mühe kostet es ihn wahrhaftig genug; blos vier Stunden braucht er zu vier Zeilen. Dann aber schreibt er auch schön, groß und deutlich, daß man's auch lesen kann, und keine Mückenfüßlein, wie Ew. Gnaden Buchstaben machen. Aber nach Carlisle kann er nicht gehen, denn er ist stocksteif und krüppelig wie Eckie's Mähre.«

»Nun in Gottes Namen,« sagte ich, »wie denkst du also meinen Brief zur Post zu befördern?«

»Ich hab's ja schon gesagt, ich lege ihn in den Postbeutel des Squire, den schickt er dann durch den Christal Nixon zur Post, wie er ihn zuweilen zu nennen beliebt.«

Von meiner Unterhaltung zog ich also keinen andern Nutzen, als daß ich nun eine Liste von den Freiern der Dorcas hatte; aber hinsichtlich des in Frage stehenden Gegenstandes stand ich gerade wieder auf dem Punkt, von dem ich ausging. Doch war es mir wichtig, das Mädchen an ein vertrauliches Gespräch zu gewöhnen, denn wenn es mir gelang, so hoffte ich, würde sie im Laufe des Gesprächs nicht immer auf ihrer Hut sein, und vielleicht würde ihr dann hier und da etwas entschlüpfen, was mir nützlich sein könnte.

»Pflegt der Squire gewöhnlich die Brieftasche durchzusehen, Dorcas?« fragte ich anscheinend gleichgültig.

»Ja freilich,« sagte Dorcas, »neulich warf er mir einen Brief an den Müller Raff heraus, weil er sagte –«

»Schon gut, ich will ihn mit dem Meinigen nicht belästigen,« sagte ich, »Dorcas, ich will aber dafür an ihn selbst schreiben, aber wie soll ich ihn anreden?«

»Heh,« war Dorcasens Zuflucht.

»Ich meine, wie man ihn nennt? wie ist sein Name?«

»Das müssen Ew. Gnaden wohl am besten wissen;« sagte Dorcas.

»Ich muß es wissen? – Alle Teufel, bald reißt mir die Geduld.«

»Nicht doch; bleiben Ew. Gnaden in den Schranken der Geduld – beunruhigen Sie sich nicht. Was seinen Namen anbelangt, so sagt man, er habe mehr als einen in Westmoreland und an den schottischen Küsten. Er ist aber, die Jagdzeit ausgenommen, wenig hier, und dann nennen wir ihn Squire schlechtweg; so macht es auch mein Herr und seine Frau.«

»Ist er gegenwärtig hier?« sagte ich.

»Jetzt gerade nicht; er ist auf der Hirschjagd, wie ich gehört habe, nach Tatterdab zu, aber er kommt und geht wie der Sturmwind.«

Ich brach die Unterredung ab, nachdem ich der Dorcas etwas Geld aufgedrungen hatte, um sich Bänder dafür zu kaufen, was sie so sehr entzückte, daß sie ausrief: »Ach Gott, mag Christal Nixon immerhin Schlimmes von dir sagen, du bist doch ein höflicher Gentleman, und auch anständig bei den Frauen.«

Da es aber nicht gut ist, gar zu anständig bei den Frauen zu sein, so fügte ich zu meinem Kronenthaler noch einen Kuß hinzu: so daß ich nun fast sicher bin, mir in der schönen Dorcas eine Anhängerin erworben zu haben. Wenigstens erröthete sie, schob mit der einen Hand ihr kleines Geschenk in die Tasche, während sie mit der anderen ihre hochrothen Bänder wieder ordnete, die durch das Sträuben, um den Kuß zu verhindern, in Unordnung gerathen waren.

Als sie beim Fortgehen die Thüre zuschloß, ward sie bleich, sah mich mit herzlichem Mitleiden an, und sprach: »nun, ob du verrückt bist oder nicht, ein schmucker Bursche bist du auf jeden Fall.«

In diesen unheimlichen Worten lag der Schlüssel zu dem Vorwand, unter dem man mich gefangen hielt. Freilich mochte ich in der Fieberhitze oft genug phantasirt haben, aber bei meiner jetzigen Gemüthsstimmung kann man doch unmöglich meine Einkerkerung mit dem zerrütteten Zustand meines Geistes beschönigen. Ich muß nun durch ein gesetztes, ruhiges Betragen gegen Alle, die sich mir nahen, meinen Unterdrückern den Vorwand rauben, unter dem sie mir meine Freiheit entziehen. Ich habe – ein schauderhafter Gedanke! – von Menschen gehört, die man tyrannischer Weise in ein Tollhaus sperrte, und die nach langen Jahren des Elends in den Zustand der Unglückseligen verfielen, mit denen man sie eingekerkert hatte. Ist es aber der menschlichen Natur möglich, mit festem, innerem Willen, ansteckenden, äußeren Sympathien zu widerstehen, so soll es gewiß bei mir nie dazu kommen.

Jetzt aber setze ich mich, um meine Gedanken zu beruhigen und zu ordnen, um meinen Kerkermeister – denn so muß ich ihn nennen – gehörig anzureden. Nur mit Mühe konnte ich das Gefühl des erlittenen Unrechts und der Rache, die sich zuerst in meiner Feder aussprachen, unterdrücken, und einen zuvorkommenderen Ton annehmen. Ich erwähnte die beiden Male, wo er mir mit der größten Gefahr das Leben rettete, fügte hinzu, daß ich überzeugt wäre, daß die Gefangenschaft, die ich auf seinen Befehl erduldete, gewiß nicht dahin zielen könnte, mich in's Unglück zu stürzen. Er könnte mich vielleicht für einen Anderen ansehen, und deßwegen gab ich ihm einen genauen Bericht von meinen Verhältnissen und von meiner Erziehung. Ich versicherte ihn ferner, daß er nicht zu besorgen brauche, daß ich zu schwach zum Reisen und der eigenen Fürsorge nicht fähig wäre, da ich völlig wiederhergestellt sei. Endlich erinnerte ich ihn, mit festen, aber gemäßigten Ausdrücken, daran, daß es ungesetzmäßig wäre, mich den Gesetzen zum Trotz, welche die Freiheit aller Bürger schützen, gefangen zu halten. Zuletzt verlangte ich vor einen Richter gestellt zu werden, oder wenigstens eine mündliche Unterredung, um Licht über die Absichten zu bekommen, die er mit meiner Gefangenschaft bezwecke.

Wahrscheinlich ist dieser Brief für einen, in seinen Rechten gekränkten, Mann zu demüthig. Aber was konnte ich thun? Ich war in der Gewalt eines Menschen, dessen Leidenschaften eben so heftig, als seine Mittel, ihnen zu fröhnen, ausgedehnt schienen. Auch hatte ich Gründe zu glauben (das ist für dich, Allan), daß nicht seine ganze Familie die Gewaltthätigkeit billigte, die er gegen mich gebrauchte. Endlich und hauptsächlich war Freiheit mein Streben, und wer würde nicht gern Alles aufopfern, um sie zu erlangen?

Ich konnte meinem Briefe keine andere Aufschrift geben, als; »Für des Squire's eigene Hände.« Er konnte nicht fern sein, denn noch an demselben Tage empfing ich die Antwort. Der Brief war an Darsie Latimer gerichtet, und enthielt folgende Worte:

»Sie haben eine Unterredung mit mir gewünscht, Sie verlangen vor eine richterliche Person gestellt zu werden. Die erste Bitte soll Ihnen gewährt werden – vielleicht auch die zweite.

Seien Sie so lange überzeugt, daß Sie nach allen Rechtsformen gefangen sind, und daß eine hinlängliche Macht dieses Recht aufrecht erhält. Hüten Sie sich also, sich gegen eine Gewalt zu sträuben, die Sie zu Boden drücken kann; überlassen Sie sich dem Laufe der Begebenheiten, die uns Beide mit fortreißen, und denen keiner von uns widerstehen kann.«

Diese geheimnißvollen Worte waren ohne Unterschrift und ließen mir nichts Besseres zu thun übrig, als mich auf den versprochenen Besuch vorzubereiten. Ich muß also abbrechen und mein Manuscript in Sicherheit bringen – so weit ich nämlich in meiner jetzigen Lage etwas sicher nennen kann – indem ich es zwischen dem Futter meines Rockes verberge, so daß man es ohne genaue Untersuchung nicht finden kann.

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