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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Viertes Kapitel.

Schon graute der Morgen und noch lag Mr. Geddes und ich in tiefem Schlafe, als mein hündischer Bettgenosse uns erweckte, indem er anfing, von Zeit zu Zeit zu brummen, und endlich deutlichere Zeichen gab, daß der Feind sich nahe.

Ich öffnete die Thür der Hütte und bemerkte in einer Entfernung von ungefähr 200 Ellen eine schmale, aber feste geschlossene Colonne von Männern, die ich für eine dunkle Hecke gehalten haben würde, wenn ich nicht bemerkt hätte, daß sie sich schnell und schweigend näherte.

Der Hund fuhr ihnen entgegen, kam aber augenblicklich heulend zu mir zurück gelaufen, da ihn wahrscheinlich ein Stock oder ein Stein getroffen hatte. Ungewiß, ob Mr. Geddes sich vertheidigen oder unterhandeln wollte, war ich im Begriff, eben wieder in die Hütte zurück zu gehen, als er plötzlich an der Thüre zu mir kam und, seinen Arm in den meinigen legend, sagte: »Laß uns ihnen männlich entgegen gehen, wir haben nichts gethan, worüber wir beschämt sein müßten. – »Freunde,« sagte er, indem er seine Stimme erhob, als wir uns ihnen naheten, »wer und was seid ihr, und in welcher Absicht seid ihr hier auf meinem Eigenthum?«

Ein lautes Hohngelächter war die Antwort, und eine Reihe Geiger, welche vor der Fronte hermarschirte, stimmte sogleich die beschimpfende Melodie des Liedes an, das mit den Worten anfängt:

»Lustig tanzte des Quäkers Weib
Und lustig tanzte der Quäker.«

Selbst in diesem Augenblick des Schreckens glaubte ich den Strich des blinden Geigers Will zu erkennen, den man seiner umherstreifenden Lebensart wegen den wandernden Willin nennt. Sie näherten sich schnell und mit großer Ordnung, voraus: »Der stolzen Geiger, Kriegsgesänge spielend.«

Als sie ganz nah' bei uns waren, umzingelten sie uns mit einer einzigen Wendung und erhoben ein einstimmiges Geschrei. »Hoh, Quäker – hoh, Quäker. – Da haben wir sie ja Beide, den nassen Quäker und den trockenen dazu.«

»Hängt den nassen Quäker zum trocknen auf, und macht den Trockenen durch Untertauchen naß,« antwortete eine andere Stimme.

»Wo ist denn die Seeotter, John Davies, der mehr Fische raubte als ein Seekalb auf dem Alisay-Felsen?« rief eine dritte Stimme aus. »Ich habe noch einen alten Strauß mit ihm, und bringe eine Tasche mit, um die Federn hinein zu thun.«

Wir standen in ruhiger Erwartung da; denn gegen mehr als hundert Mann, die mit Flinten, Fischspeeren, eisernen Stangen und Prügeln bewaffnet waren, Widerstand zu leisten, würde eine wahre Verrücktheit gewesen sein. Mr. Geddes beantwortete die Frage nach dem Oberaufseher mit starker, volltönender Stimme und mit einer männlichen Gleichgültigkeit, die sie zwang, auf ihn zu achten.

»John Davies,« sagte er, »wird, hoffe ich, bald in Dumfries sein.«

»Ah, ha, um die Rothröcke und Dragoner gegen uns zu schicken, du scheinheiliger, alter Schurke!«

In demselben Augenblick ward ein Schlag auf meinen Freund geführt, den ich mit dem Stock parirte, den ich in der Hand hatte. Augenblicklich ward ich zur Erde geworfen, und ich glaube mich noch erinnern zu können, daß Einer rief: »Schlagt den jungen Spion todt,« und daß Andere sich für mich verwendeten. Aber ein zweiter Schlag auf den Kopf, der den Schädel traf, beraubte mich meiner Sinne und meines Bewußtseins, deren Gebrauch ich nicht so bald wieder erlangte. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Bette, von welchem ich mich vor dem Streit erhoben hatte, und mein armer Gefährte, der junge Neufoundländer, dessen Muth bei dem Lärm des Aufruhrs ganz verschwunden war, hatte sich so nah' als möglich an meine Seite gedrängt, zitternd und wimmernd wie in der furchtbarsten Todesangst. Ich war im Anfang nicht sicher, ob nicht der ganze Aufstand ein Traum sei, aber als ich es versuchte, mich zu erheben, so fühlte ich Schmerzen und Beklemmung, die mich nur zu sehr überzeugten, wie wahr die Beschädigungen seien, die ich erlitten hatte. Ich sammelte meine Seelenkräfte, lauschte – und hörte in der Ferne das Jauchzen der Aufrührer, welche ohne Zweifel bei dem Werk ihrer Zerstörung beschäftigt waren. Ich machte einen zweiten Versuch, mich aufzurichten oder wenigstens mich umzuwenden; denn ich lag mit dem Gesicht gegen die Wand der Hütte, aber ich fand, daß meine Gelenke fest zusammen gebunden und dadurch jede Bewegung unmöglich war; denn Arme und Füße waren, zwar nicht mit Stricken, aber mit leinenen und wollenen Tuchstreifen fest zusammengeschnürt. Als ich meinen Zustand bemerkte, seufzte ich tief gebeugt von körperlichen Leiden und von Seelenschmerz.

Beruhigend lispelte eine Stimme an der Seite meines Bettes: »Still doch, Schätzchen, sei doch ruhig, halt' dein Maul wie ein gutes Kind – du bist uns schon theuer genug zu stehen gekommen. Mein Männchen ist schier darauf gegangen.«

Da ich die Redensarten der Frau des wandernden Musikanten zu erkennen glaubte, so frug ich sie, wo ihr Mann wäre, und ob er beschädigt worden wäre.

»Zerschlagen,« antwortete das Weib, »ganz in Stücken zerschlagen; zu nichts mehr zu gebrauchen als Zündhölzchen daraus zu machen – das beste Blut in Schottland.«

»Erschlagen? – Blut? – Ist Euer Mann verwundet? Ist Blut vergossen? – Sind Glieder zerschlagen worden?«

»Glieder zerschlagen? – Ich wollte lieber,« antwortete die Schöne, »mein Männchen hatte das beste Glied an seinem Körper zerbrochen, als seine Geige, die das beste Blut in Schottland war – es war eine Cremoneser, so viel ich weiß.«

»Pah – nur seine Geige?«

»Ich weiß nicht, was Ew. Gnaden mehr hätten verlangen können, wenn er nicht gar den Hals gebrochen hätte; denn das ist für mein Männchen Willin und für mich ein eben so großes Unglück. Still doch, ist leicht gesagt, aber wo bekömmt man etwas, den Hunger zu stillen? Der Broderwerber ist fort, nun können wir sitzen und hungern.«

»Nein, nein,« sagte ich, »ich will Euch zwanzig solcher Geigen zahlen.«

»Zwanzig solcher! wißt Ihr, was das heißt? Im ganzen Lande gibt's keine solche mehr. Aber wenn auch Ew. Gnaden sie uns zahlen wollte, was Euch freilich hier und jenseits zur größten Ehre gereichen würde, wo wollt Ihr das Geld hernehmen?«

»Ich habe Geld genug,« sagte ich, indem ich es versuchte, meine Hand in die Brusttasche zu stecken; »löst diese Banden und ich will Euch sogleich zahlen.«

Der Wink schien sie zu bewegen, und schon näherte sie sich meinem Bette, um mich, wie ich hoffte, von meinen Banden zu befreien, als ein näheres, verzweifelteres Jauchzen erschallte, als wären die Rebellen der Hütte nahe.

»Ich wage es nicht – ich wage es nicht,« sagte das arme Weib, »sie würden mich sammt meinem Männchen Willin ermorden, sie haben uns schon schlimm genug traktirt; – aber wenn es noch etwas auf Erden gibt, außer dem, so soll es gern geschehen.«

Das erinnerte mich an mein körperliches Leiden. Die Bewegung meines Gemüths und die Folgen der Behandlung, die ich erduldete, hatten einen brennenden Durst in mir erweckt. Ich forderte einen Trunk Wasser.

»Der allmächtige Himmel behüte Epps ainslie, einem kranken Herrn kaltes Wasser zu geben, wenn er im Fieber liegt. Nein, nein, Schätzchen, laß mich nur gehen, ich will Euch etwas Besseres geben.«

»Gebt mir was Ihr wollt,« erwiderte ich, »nur kalt und flüssig muß es sein.«

Die Frau reichte mir also einen großen Kelch mit Branntwein und Wasser, den ich, ohne mich viel um den Inhalt zu bekümmern, auf einen Zug ausleerte. Entweder wirkte das auf diese Weise genossene Getränk stärker als gewöhnlich auf mich, oder der Trank war mit einem Schlaftrunk vermischt. Ich erinnere mich wenig mehr von dem, was mir gleich nach dem Genuß des Tranks widerfuhr, nur weiß ich, daß mir die Gestalten umher undeutlich wurden, daß die Form der Frau sich zu vermehren schien, und daß mich viele Figuren zu umschweben schienen, welche dieselben Züge trugen, wie sie. Auch erinnere ich mich, daß das mißtönende Toben und Schreien der Aufrührer außerhalb der Hütte sich in ein Sumsen zu verlieren schien, dem ähnlich, womit die Ammen die Kinder einschläfern. Endlich fiel ich in einen tiefen, festen Schlaf, oder vielmehr in einen Zustand vollkommener Gefühllosigkeit.

Ich habe Ursache, zu glauben, daß dieser todesähnliche Schlaf mehrere Stunden, ja vielleicht den ganzen Tag und noch einen Theil der darauf folgenden Nacht dauerte. Er war nicht immer gleich tief; denn meine Rückerinnerung daran paart sich mit vielen Traumgestalten, alle peinlich und schwer, aber auch zu ungewiß und zu unbestimmt, als daß ich mich ihrer jetzt deutlich erinnern könnte. Endlich kam der Augenblick des Erwachens, meine Lage, meine Gefühle waren entsetzlich.

Ein tiefes Stöhnen, das ich in der Verwirrung meiner Sinne für das Geschrei der Aufrührer hielt, war das Erste, was ich wieder vernahm; dann bemerkte ich, daß ich in einem Wagen sehr schnell fortgeführt ward, dessen ungleiche Bewegung mir heftige Schmerzen verursachte. Als ich es versuchte, meine Hände auszustrecken, um ein Mittel zu finden, mich diesem Leiden zu entziehen, so fand ich, daß ich noch immer wie früher gebunden war; da trat mir die schreckliche Wirklichkeit vor Augen, daß ich mich in den Händen der Menschen befände, die sich erst vor Kurzem so schwer an fremdem Eigenthum vergriffen und mich nun rauben oder gar ermorden wollten. Ich öffnete die Augen – umsonst – alles umher war in Dunkel gehüllt, denn ein voller Tag war seit meiner Gefangennahme verstrichen. Eine entmuthigende Krankheit lastete auf meinem Haupte – mein Herz glühte, während meine Füße und Hände wegen des gehinderten Blutumlaufs vor Kälte erstarrten. Mit der größten Mühe und nur nach und nach erlangte ich wieder die Kraft, die äußeren Töne und Umstände zu beobachten; aber als ich es wieder vermochte, da stellte sich wenig Tröstliches dar.

Mit der Hand umhertappend, so weit die Bande es erlaubten, und mit Hülfe eines zufälligen Mondschimmers bemerkte ich, daß das Fuhrwerk, in welchem ich fortgeschleppt wurde, eins von den leichten Bauernwägelein war, wie sie im Lande üblich find; doch hatte man mit einiger Aufmerksamkeit für mich gesorgt, denn ich lag auf einigen Strohsäcken, die mit Matratzen bedeckt waren. Ohne diese Vorsicht wäre meine Lage noch unerträglicher gewesen, denn bald sank das Fuhrwerk auf diese, bald auf jene Seite, bald blieb es völlig stecken, und es bedurfte der äußersten Anstrengung der Thiere, um es wieder in den Gang zu bringen, und dann schwankte es nach allen Seiten, was mir unendlichen Schmerz verursachte. Zu einer andern Zeit rollte das Fuhrwert still und sanft, wie es schien, über Triebsand, und ich zweifelte nun nicht mehr, daß wir im Begriff wären, die Gränze zu überschreiten, wo sich die beiden Königreiche berühren.

Ungefähr fünf oder sechs Männer, theils zu Fuß, theils zu Pferde, begleiteten das Fuhrwerk; die Einen leisteten Beistand, wenn der Wagen in Gefahr war umzuschlagen oder in Triebsand zu versinken, die Anderen ritten voraus und zeigten den Weg, indem sie oft die Richtung veränderten, so wie es der gefahrvolle Zustand des Weges erforderte.

Ich wandte mich an die Männer, welche das Fuhrwerk umgaben, um es zu versuchen, ihr Mitleiden zu erwecken. Ich hätte Niemand beleidigt, sagte ich, und wäre mir keiner That bewußt, die eine so grausame Behandlung verdiente. Ich hätte keinen Antheil an der Fischerei, die ihr Mißfallen erregt hätte, und ich wäre mit Mr. Geddes erst seit Kurzem bekannt. Endlich, und als den stärksten Grund, suchte ich sie in Furcht zu setzen, indem ich ihnen sagte, daß der Rang und der Stand, den ich behauptete, es nicht zulassen würde, daß man mich ungestraft ermorden oder gefangen halten könnte; auch ihre Habsucht suchte ich durch eine Belohnung zu reizen, die ich ihnen versprach, wenn sie mich los lassen wollten. Ein zorniges Gelächter war die Antwort, die mir auf meine Drohungen ward; meine Versprechungen schienen mehr Eindruck zu machen, denn sie flüsterten zusammen, als schwankten sie, so daß ich meine Anerbietungen wiederholte und vergrößerte. Aber ein Reiter, der plötzlich erschien und den Fußgängern Schweigen gebot, näherte sich dem Fuhrwerke und sagte mit starker, entschlossener Stimme: »Junger Mann, es soll Euch persönlich nichts zu Leid geschehen. Wollt Ihr Euch still und ruhig verhalten, so könnt Ihr auf gute Behandlung zählen; versucht Ihr es aber, diese Leute von ihrer Pflicht abwendig zu machen, so will ich solche Maßregeln ergreifen, um Euch zur Stille zu bewegen, daß Ihr den längsten Tag Eures Lebens daran denken sollt.«

Ich glaubte die Stimme zu kennen, welche diese Drohungen ausstieß; aber in meiner Lage konnte mein Gedächtniß natürlich nicht sehr zuverlässig sein. Ich begnügte mich also, zu antworten: »Wer Ihr auch sein möget, der mit mir spricht, so nehme ich ja nur das Recht des niedrigsten Gefangenen in Anspruch, den man gesetzlich keinem größeren Zwange unterwerfen kann, als der zur Sicherung seiner Person nöthig ist. Ich bitte nur, daß die Bande, welche mich so grausam einzwängen, losgebunden, wo nicht ganz weggenommen werden möchten.«

»Ich will die Bande loser binden,« antwortete der schon erwähnte Sprecher; »ja, ich will sie sogar ganz wegnehmen und Euch gestatten, Eure Reise auf eine anständigere Weise fortzusetzen, wenn Ihr mir Euer Ehrenwort geben wollt, nicht zu entfliehen.«

» Nie!« rief ich mit einer Kraft aus, wozu nur die Verzweiflung allein mich fähig machte, – »ich will mich nie dem Verluste meiner Freiheit länger unterwerfen, als die Gewalt mich dazu zwingt.«

»Genug,« sagte er, »das Gefühl ist natürlich; aber dann könnt Ihr Euch auch nicht beklagen, daß ich meinerseits alle möglichen Mittel anwende, um den glücklichen Erfolg eines wichtigen Unternehmens zu sichern.«

Ich verlangte zu wissen, was er mit mir vorzunehmen gedächte, aber mein Führer befahl mir mit drohender Stimme, bei Gefahr meines Lebens, stille zu sein; auch waren meine Kräfte und mein Geist zu sehr erschöpft, als daß ich ein so sonderbares Gespräch hätte fortsetzen können, selbst wenn ich mir einen guten Erfolg davon hätte versprechen können.

Ich muß nothwendigerweise hinzufügen, daß, so viel ich mich damals erinnern konnte, und nach dem, was seither vorfiel, ich fest glaube, daß der Mann, mit dem ich diese Zwiesprache hielt, die sonderbare Person ist, welche zu Broken-Burn in der Grafschaft Dumfries wohnt, und die von den Fischern des Dörfchens der Laird der Solway-Seen genannt wird. Doch kann ich durchaus keinen Grund für seine hartnäckige Verfolgung gegen mich finden.

Unterdessen ward das Fuhrwerk schläfrig und langsam fortgezogen, bis das näher heranrollende Donnern der Fluth eine andere Gefahr befürchten ließ. Ich konnte mich in den Tönen nicht täuschen, denn einst hatte ich sie bei einer Gelegenheit gehört, wo nur die Eile eines auf Windesfittigen einher fliegenden Rosses mich von der Gefahr rettete, im Triebsand umzukommen. Du, mein theuerster Allan, mußt dich noch dessen erinnern; aber, o des wunderbaren Widerspruchs! derselbe Mann, so viel ich mich erinnerte, der mich damals errettete, war nun der Führer der gesetzlosen Bande, die mich meiner Freiheit beraubte. Die Gefahr war dringend, wie ich vermuthete; Worte wurden gewechselt und Zeichen gegeben, da spannte ein Reiter sein Pferd als Vorspann vor den Wagen, um den erschöpften Thieren zu Hülfe zu kommen, die ihn zogen; jetzt ward die Maschine schneller in Bewegung gesetzt, und die Pferde mit Flüchen und Stößen zum Anziehen angehalten. Doch waren die Männer Bewohner der Umgegend, und ich hatte persönliche Gründe, zu glauben, daß wenigstens einer von ihnen mit den Abgründen und Schluchten des gefährlichen Weges genau bekannt war. Aber auch sie schwebten in Gefahr; und war dem also, wie ihr Flüstern und ihre Anstrengungen, das Fuhrwerk schnell von Ort und Stelle zu bringen, fürchten lassen mußten, so war es keinem Zweifel unterworfen, daß sie mich als eine unnütze Bürde in einem Zustande zurücklassen würden, der eine jede Möglichkeit der Flucht undenkbar machte. Das war ein grauenvoll-ängstlicher Zustand der Bangigkeit; aber es gefiel der Vorsehung, ihn bis auf einen Punkt zu steigern, wo ihn mein Geist kaum ertragen konnte.

Als wir uns einer schwarzen Linie näherten, die ich, so sehr sie auch in Nebel gehüllt war, für das Ufer erkannte, hörten wir einige Flintenschüsse. Da war Alles geschäftig, sich davon zu machen. Jetzt sprengt ein Reiter einher und schreit: »Vorgesehen, vorgesehen! die Landreiter sind ausgezogen, Allonby Tom wird seine Ladung verlieren, wenn ihr nicht helft.«

Bei dieser Nachricht eilten die Meisten dem Ufer zu. Ein Führer ward bei dem Wagen zurückgelassen, als er ihn aber nach allem Bemühen kaum Haarbreit von der Stelle brachte, als das Fuhrwerk tief in den lockeren Triebsand versank, da schnitt der Kerl mit furchtbaren Flüchen die Stränge entzwei und eilte mit den Pferden davon, die ich noch lange im feuchten Sande und in den Wellen plätschern hörte, wie sie im vollen Galopp hinweg eilten.

Noch immer hörte ich einzelne Flintenschüsse, bald aber verlor sich der Schall in dem Donner der nahenden Brandung. Verzweiflungsvoll raffte ich die letzten Kräfte zusammen, richtete mich auf, und es gelang mir, eine sitzende Stellung anzunehmen, die mir nur die Gefahr noch anschaulicher machte, in der ich schwebte.

Dort lag mein Vaterland – mein liebes England – das Land, wo ich zuerst das Licht erblickte, wohin sich seit meinem frühesten Alter alle meine Wünsche mit allen Vorurtheilen des Nationalstolzes hinsehnten, dort lag es – eine Spanne weit von dem Orte, wo ich mich befand; und doch war diese Spanne, die ein Kind in einem Augenblick überschritten hätte – ein Schlagbaum, der mich auf ewig von England trennen sollte und vom Leben. Bald hörte ich nicht blos die furchtbare Brandung sich nahen, sondern ich sah auch, bei schwankendem Lichte des Mondes, die schäumenden Wogen der verschlingenden Wellen, die wie hungrige Wölfe auf ihre Beute stürzten.

Der geringste Strahl der Hoffnung hatte mich verlassen, keine Rettung schien mehr möglich; da übermannte das Bewußtsein meines Zustandes die Festigkeit, mit der ich Alles bisher ertrug. Meine Augen wurden feucht – schwindelnd und verzweifelnd vor Furcht mein Kopf – ich schnatterte und heulte wie die heulende, tobende See. Schon hatten zwei große Wellen den Wagen erreicht, da erschien, wie durch Zauber, der oft erwähnte Anführer der Rebellen an meiner Seite. Er sprang vom Pferde in den Wagen, zerschnitt die Leinwand, die mich fesselte, befahl mir, aufzustehen und in's Teufels Namen das Pferd zu besteigen.

Wie er aber sah, daß ich unfähig war, ihm zu gehorchen, da ergriff er mich, wie man ein halbjähriges Kind faßt, warf mich auf das Pferd, sprang hinten auf, hielt mich mit der einen Hand, während er mit der anderen das Pferd lenkte. Hülflos und von Schmerzen gepeinigt wie ich war, war mir der Grad der Gefahr unbekannt, in der wir schwebten; einmal aber glaubte ich, mußte das Pferd schwimmen oder war doch nahe daran, und nur mit Mühe gelang es meinem ernsten, gewaltigen Führer, meinen Kopf über dem Wasser zu halten. Vorzüglich erinnere ich mich des Stoßes, den ich fühlte, als das Thier, indem es versuchte das Ufer zu erreichen, sich bäumte und fast rücklings umgestürzt wäre sammt seiner Last. Wahrscheinlich dauerte dieser grauenvolle Zustand wohl nicht mehr als zwei oder drei Minuten, Entsetzen und Todesangst aber schien sie mir fürchterlich zu verlängern.

Als ich so dem Untergang entrissen worden war, konnte ich zu meinem Beschützer oder zu meinem Unterdrücker (denn er verdiente beide Benennungen) nur die Worte sagen: »Ihr wollt mich also nicht ermorden?«

Indem er mir antwortete, lachte er, aber es war ein Gelächter, das ich nie wieder hören möchte: »Ihr glaubt wohl, sonst hätte ich den Wellen die Arbeit überlassen? Aber wenn der Schäfer seine Schafe aus dem Wasser zieht, geschieht es wohl, um ihnen das Leben zu retten? – Schweige aber mit Fragen und Gesprächen. Was ich thun will, das kannst du eben so wenig errathen oder verhindern, wie ein Mann mit dieser hohlen Hand die Solway ausschöpfen kann.«

Ich war zu sehr erschöpft, als daß ich hätte antworten können; und da ich an allen Gliedern gelähmt und erstarrt war, so mußte ich es ohne Widerstand dulden, daß man mich auf ein Pferd setzte, das man zu diesem Endzwecke hergebracht hatte. Mein furchtbarer Führer ritt auf dieser, eine andere Person auf jener Seite, und so hielten sie mich aufrecht im Sattel. Auf diese Weise setzten wir unsere Reise auf Nebenwegen fort, mit denen mein Begleiter eben so vertraut wie mit den gefährlichen Pfaden am Solway war.

Endlich, nachdem wir ein Labyrinth dunkler, enger Nebenwege durchwandert und mehr als eine rauhe, öde Haide durchschnitten hatten, befanden wir uns am Eingange einer Landstraße, wo eine vierspännige Equipage unsere Ankunft zu erwarten schien. Zu meiner großen Erleichterung änderten wir nun unsere Art zu reisen; denn die Betäubung und das Kopfweh hatten sich wieder so heftig eingestellt, daß ich ganz und gar außer Stand gewesen wäre, selbst mit der Unterstützung meiner Führer auf dem Pferde zu sitzen.

Mein verdächtiger, gefährlicher Gefährte gab mir durch Zeichen zu verstehn, ich sollte in den Wagen steigen – der Mann, der zur linken Seite meines neuen Begleiters geritten war, stieg nach mir ein und zog die Läden des Wagens in die Höhe, nachdem er ein Zeichen zum Fortfahren gegeben hatte.

Als der Kutscher den Wagenschlag öffnete, erblickte ich beim Schimmer einer Blendlaterne die Züge meines neuen Begleiters, und war fast ganz sicher, daß ich in ihm den Diener des Bandenanführers vor mir habe, den ich früher in seinem eigenen Hause zu Broken-Burn gesehen hatte. Um sicher zu gehen, frug ihn, ob er nicht Christal Nixon hieße.

»Was geht Euch anderer Leute Name an?« antwortete er mürrisch, »der Ihr den Eures Vaters und Eurer Mutter selbst nicht kennt?«

»Ihr aber kennt sie wahrscheinlich?« rief ich heftig aus. »Ihr kennt sie! und die Behandlung, die ich jetzt erdulde, steht mit diesem Geheimniß in Verbindung. Ja, so muß es sein; denn in meinem Leben habe ich Niemanden beleidigt. Sagt mir die Ursache meines Unglücks, oder verhelft mir vielmehr zu meiner Freiheit, und ich will Euch reichlich belohnen.«

»Ja, ja,« erwiderte mein Wärter, »aber wozu sollte man Euch die Freiheit geben, da Ihr sie nicht wie ein Gentleman zu gebrauchen wißt, sondern Eure Zeit mit Quäkern und Geigern und solchem Lumpengesindel zubringt? Wäre ich Euer – hm, hm, hm.«

Hier hielt Christal plötzlich inne, wie es schien, weil ihm eine Nachricht entschlüpfen wollte. Ich bat ihn nochmals, sich freundschaftlich gegen mich zu betragen, und versprach ihm das ganze Kapital, das ich bei mir hatte, das gar nicht unbedeutend war, wenn er mir zu meiner Flucht behülflich sein wolle.

Er horchte, als wäre ihm der Vorschlag nicht unangenehm, und antwortete mit milderer Stimme als zuvor. »Aber man fängt die alten Vögel nicht mit Spreu, mein Herr. Wo habt ihr denn die Goldfüchse, mit denen Ihr so um Euch werft?«

»Ich will Euch das Geld gleich geben, und zwar in Banknoten,« sagte ich; aber indem ich mit meiner Hand in der Brusttasche wühlte, so fand ich, daß mein Taschenbuch weg war. Ich hätte geglaubt, das; blos die Steifheit meiner Hände mich verhinderte, es zu finden, wenn Christal Nixon, dessen Züge Spuren der Rohheit tragen, welche Freude an menschlichem Elend findet, sein schallendes Hohngelächter länger hätte unterdrücken können.

»Oho, mein junger Herr!« sagte er; »wir haben Sorge getragen, Euch die Mittel zu nehmen, arme Leute bestechen zu können. Was, Freund, wir haben eine Seele so gut wie andere Leute, und sie zum Treubruch verleiten zu wollen, ist eine Todsünde. Was mich betrifft, junger Herr, wenn Ihr auch die Marienkirche mit Gold anfüllen könntet, Christal Nixon würde es eben so wenig reizen, als wären es eben so viele Kieselsteine.«

Ich würde das Gespräch fortgesetzt haben, wäre es blos der Hoffnung wegen gewesen, daß er im Laufe des Gesprächs etwas über meine Verhältnisse fallen lassen würde; er aber schnitt alle fernere Mittheilungen ab, indem er mich bat, mich in die Ecke zu legen und zu schlafen.

»Ihr seid schon ermattet genug,« fügte er hinzu, »und wenn Ihr Euch nicht einige Ruhe gönnet, so werden Eure jungen Knochen auseinander fallen.«

Wirklich bedurfte ich der Ruhe, wenn auch nicht des Schlafs; der Trank, den ich zu mir genommen hatte, wirkte noch immer fort; ich beruhigte mich also damit, daß man keinen Angriff auf mein Leben beabsichtigte, die Furcht vor einem plötzlichen Tode rang nicht mehr mit der Betäubung, die sich meiner bemächtigt hatte. – Ich schlief ein, und schlief fest, aber unerquicklich.

Als ich erwachte, befand ich mich sehr unwohl; Bilder der Vergangenheit und Ahnungen der Zukunft schwebten verwirrt vor meiner Phantasie. Doch bemerkte ich, daß sich meine Lage, und zwar bedeutend zu meinen Gunsten, verändert hatte. Ich lag in einem guten Bette, dessen Umhänge zugezogen waren; ich vernahm flüsternde Stimmen, und leise Tritte der Diener, die meine Ruhe nicht stören zu wollen schienen; es kam mir vor, als befände ich mich in den Händen meiner Freunde, oder in denen von Menschen, die mir persönlich nichts zu Leide thun wollten.

Undeutlich schweben mir nur die Begebenheiten der zwei oder drei Tage vor, die ich in abwechselnder Fieberhitze zubrachte; bald ward ich von Träumen und schrecklichen Erscheinungen aufgeschreckt, bald boten sich meiner erhitzten Einbildungskraft wieder erfreulichere Gegenstände dar. Allan Fairford wird mich verstehen, wenn ich sage, daß ich überzeugt bin, den G. M. während dieser Zeit gesehen zu haben. Ich genoß ärztlicher Bedienung, und mehr als ein Mal ließ man mir zur Ader. Ich erinnere mich auch einer schmerzlichen Operation am Kopfe, wo ich in der Nacht während des Aufruhrs einen heftigen Schlag bekommen hatte. Das Haar ward mir glatt abgeschoren und der Hirnschädel untersucht, um zu sehen, ob das Gehirn nicht gelitten habe.

Beim Anblick des Arztes wäre es natürlich gewesen, ihn wegen meiner Gefangenschaft anzureden, und ich erinnere mich, daß ich es mehr als ein Mal versuchte. Aber wie mit einem Zauber bannte das Fieber meine Zunge, und wenn ich den Doctor um Hülfe bitten wollte, so phantasirte ich darüber und sprach ich weiß nicht welchen Unsinn. Eine unwiderstehliche Gewalt schien das Gespräch auf einen anderen als den beabsichtigten Gegenstand zu leiten, und obgleich ich mich des Irrthums bewußt war, so konnte ich ihn doch nicht verbessern. Ich beschloß daher, mich ruhig zu verhalten, bis die Fähigkeit, anhaltend denken und mich ausdrücken zu können, mit meiner gewöhnlichen Gesundheit zurückkehrte, die von den Mühseligkeiten und den Leiden, die ich erduldete, einen heftigen Stoß erlitten hatte.

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