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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Drittes Kapitel.

Darsie Latimers Tagebuch.

(Die folgende Anrede steht auf der innern Seite des Umschlags, welcher daß Tagebuch enthielt.)

In wessen Hände auch diese Blätter fallen mögen, so werden sie doch immerhin den Finder in Kenntniß von der Lebensbeschreibung eines unglücklichen Jünglings setzen, welcher seit einiger Zeit, mitten in einem freien Lande, und ohne daß man ihm ein Verbrechen zur Last legen könnte, einem ungesetzlichen, gewaltsamen Zwang unterworfen wurde und noch unterworfen ist. Wer also diesen Brief eröffnet, wird hiemit beschworen, sich an die nächste richterliche Person zu wenden, und indem er die Angaben benutzt, welche diese Papiere enthalten, sich für die Befreiung eines Mannes zu verwenden, der, so wie er auf der einen Seite das Recht hat, alle Hülfe in Anspruch zu nehmen, welche der unterdrückten Unschuld gebührt, auf der andern zugleich den Willen und die Mittel hat, sich seinem Befreier dankbar zu bezeigen. Sollte es aber der Person, welcher dieser Brief in die Hände fällt, an Muth oder an Mitteln fehlen, die Befreiung des Schreibers zu bewerkstelligen, so wird sie hiermit bei allen Pflichten, welche ein Mensch seinem Mitmenschen, und ein Christ demjenigen schuldig ist, der sich zu demselben heiligen Glauben bekennt, beschworen, die schleunigsten Maßregeln zu treffen, diese Blätter schnell und sicher dem Advokaten Allan Fairford, Esqr., welcher bei seinem Vater, Alexander Fairford, Esqr., Schreiber des königlichen Insiegels, Brown's Square, in Edinburg wohnt, zu überliefern oder zu befördern. Er darf auf eine freigebige Belohnung rechnen, und sein eigenes Gewissen kann ihm sagen, daß er der Menschheit einen wahren Dienst geleistet hat.

»Mein theuerster Allan!«

Da ich in Ungewißheit und im Unglück noch eben so warm für dich fühle, wie je in den schönsten Tagen unserer innigsten Freundschaft, so wende ich die Erzählung einer Geschichte an dich, obgleich sie wahrscheinlich in ganz andere Hände fallen wird. Ein Theil meines vorigen Geistes beseelt meine Feder, während ich deinen Namen niederschreibe; ich will mich in dem Gedanken glücklich träumen, daß du mein Befreier aus meiner jetzigen unglücklichen und beunruhigenden Lage sein wirst, wie du bei früheren, glücklicheren Gelegenheiten mein Führer und mein Rathgeber warst; so will ich den Trübsinn verscheuchen, der mich sonst zu Boden drückt. Da ich, weiß der Himmel, Zeit genug zum Schreiben habe, so will ich es versuchen, meine Gedanken freimüthig und ohne Rückhalt, wie vor Zeiten, auszusprechen, wenn schon wahrscheinlich die frühere, muntere und glückliche Fröhlichkeit sie nicht mehr würzt.

Sollte dieses Papier andere Hände als die deinigen erreichen, so werde ich auch dann noch den Ausdruck meiner Gefühle nicht bereuen. Denn wenn ich auch gestehe, daß Jugend und Unerfahrenheit ihren Theil beigetragen haben, mich in das thörichte Unternehmen zu ziehen, so fürchte ich doch nicht, daß meine Erzählung mich selbst beschämen wird. Ja ich hoffe sogar, daß die einfache Offenheit, mit welcher ich jeden besonders unglücklichen Gegenstand erzählen werde, selbst einen Fremden zu meinen Gunsten stimmen wird; und daß unter der Menge der anscheinend unbedeutenden Umstände, welche ich der Länge nach erzählen will, sich doch ein Schlüssel finden wird, der mir die Thore meines Gefängnisses öffnen kann.

Noch ein anderer Fall ist der wahrscheinlichste – das Tagebuch nämlich, das ich jetzt schreibe, mag vielleicht nie weder die Hand des theuren Freundes, für den es bestimmt ist, noch die eines gleichgültigen Fremden erreichen, sondern es wird die Beute der Menschen werden, die mich jetzt gefangen halten. Mag es sein – sie werden wenig daraus ersehen, was sie nicht schon wissen: daß sich als Mann, als Engländer, meine Seele in mir über die Behandlung empört, die ich erdulden muß; daß ich entschlossen, jedes Mittel, das mir zu Gebote steht, zu benutzen, um meine Freiheit wieder zu erlangen; daß die Gefangenschaft meinen Geist nicht beugte, und daß ich, obschon sie ohne Zweifel ihr Verbrechen mit einem Mord beschließen können, immer bereit sein werde, meine gerechte Sache den Gerichten meines Vaterlandes zu übergeben. Ich fahre daher in der Erzählung der Begebenheiten fort, die mich seit dem Schlusse meines letzten Briefes an meinen theuren Allan Fairford betrafen, und dieser war, wenn ich nicht irre, vom fünften des noch laufenden Monats August datirt. Nicht zurückschrecken soll mich die Möglichkeit, daß man mir meine Papiere entreißen und einem Mann zur Durchsicht vorlegen kann, welcher, da er jetzt schon ohne allen Grund mein Feind ist, noch heftiger gegen mich aufgebracht werden wird, wenn er die Erzählung des Unrechts liest, das er mir zufügte.

Die Nacht zuvor, ehe ich jenen Brief schrieb, war ich in einem thörichten Jugendstreich bei einer Tanzbelustigung gegenwärtig, welche im Dorfe Broken-Burn, das etwa sechs Meilen von Dumfries entfernt ist, stattfand; viele Personen müssen mich dort gesehen haben, wenn allenfalls das Factum so wichtig scheinen sollte, daß eine gerichtliche Untersuchung darüber angestellt würde. Ich tanzte, spielte Violin, und nahm an dem Feste bis gegen Mitternacht Theil, wo mein Diener, Samuel Owen, meine Pferde brachte, und ich nach einem kleinen Gasthofe, Shepherd's Busch genannt, zurückkehrte, da ich in diesem Hause, wo eine gewisse Mrs. Nixon die Wirtschaft führt, früher etwa vierzehn Tage zubrachte. Ich wendete den Anfang des Vormittags dazu an, den schon erwähnten Brief zu schreiben, den du, theuerster Allan, wohl richtig erhalten haben wirst. Warum befolgte ich den Rath nicht, den du mir so oft gabst? Warum verzögerte ich meinen Aufenthalt in einer gefährlichen Nachbarschaft, vor welcher mich eine gütige Stimme warnte? Doch das sind jetzt unnütze Fragen; mein Schicksal hat mich verblendet, wie eine Motte flatterte ich um das Licht, bis ich mir die Flügel verbrannte.

Schon war der größte Theil des Tages verflossen und schwer lastete die Zeit auf mir. Freilich sollte ich erröthen, wenn ich bedenke, wie oft mir der theure Freund, für den dieser Brief bestimmt ist, Vorwürfe über die Leichtigkeit machte, mit welcher ich in müssigen Augenblicken meine Handlungen von Personen leiten lasse, die zufällig in meiner Nähe sind, statt mir die Mühe zu geben, für mich selbst zu denken und zu entscheiden. Seit einiger Zeit hatte ich einen Diener und Boten, Namens Benjamin, in meine Dienste genommen; er war der Sohn einer gewissen Wittwe Coltherd, welche in der Nähe des Shepherd's Busches wohnt. Ich gestehe ein, daß in der letzten Zeit der Knabe einen größeren Einfluß auf meine Handlungen ausübte, als der Unterschied, welcher zwischen unserem Alter und Stande obwaltete, es hätte zulassen sollen. Jetzt wandte er alle Ueberredungskünste an, mich glauben zu machen, es wäre das größte Vergnügen, das man sich denken könne, zuzusehen, wie man bei der Ebbe die Fische aus den Reusen hole, welche in der Solway aufgestellt sind; er drang so sehr darauf, daß ich doch diesen Abend hingehen sollte, daß ich, wenn ich es mit den übrigen Umständen vergleiche, nicht anders glauben kann, als daß er einen besonderen Beweggrund dazu hatte. Ich erwähne diese Kleinigkeiten, damit, im Falle diese Papiere in Freundes Hände fallen, der Knabe aufgesucht und verhört werde.

Da alle seine Beredtsamkeit mich nicht überzeugen konnte, daß das unnütze Zappeln der Fische, welche die zurücktretende Fluth in den Reusen zurückläßt, ein großes Vergnügen gewähren könne, so flößte er mir hinterlistigerweise den Gedanken ein, daß Mr. und Mrs. Geddes (eine in der Nachbarschaft wohlbekannte, ehrenwerthe Familie, mit welcher ich in freundschaftlichem Verhältniß stand,) es wahrscheinlich übel nehmen würden, wenn ich sie so lange nicht besuchte. Beide, sagte er, hätten sich eifrig nach der Ursache erkundigt, die mich bewogen hätte, gestern so plötzlich ihr Haus zu verlassen. Ich beschloß also, nach Mount Sharon zu wandern und mich zu entschuldigen, erlaubte zugleich dem Knaben, mich zu begleiten, und meine Rückkehr aus dem Hause abzuwarten, damit ich auf dem Rückwege zu Shepherd's Busch fischen könnte, denn dazu, sagte er, würde ich die Witterung sehr günstig finden. Ich erzähle alle diese Umstände sehr genau, weil ich einen starken Verdacht auf den Knaben habe, daß er wußte, wie es an diesem Abende mit mir aussehen würde, und den zwar kindischen, aber doch eigennützigen Gedanken hegte, sich als Antheil an der Beute einer Angelruthe zu bemächtigen, die er oft bewundert hatte. Es ist möglich, daß ich dem Knaben Unrecht thue, aber schon früher bemerkte ich, daß er die Kunst verstand, den nichtigen Gegenständen seiner Habgier, welche seinem Alter angemessen waren, mit der planmäßigen Gewandtheit eines reiferen Alters nachzustreben.

Als wir unseren Spaziergang angetreten hatten, warf ich ihm die Kühle des Abends, den Ostwind und noch andere Umstände vor, welche ungünstig für das Angeln waren. Er bestand auf seiner Behauptung, warf auch einige Male die Angel aus, als wolle er mich von meinem Irrthume überzeugen, aber er fing keinen Fisch; auch trug er, wie ich jetzt fest überzeugt bin, mehr Sorge, meine Bewegungen als seine Angelruthe zu beobachten. Als ich mich über sein fruchtloses Beginnen lustig machte, antwortete er mit höhnischem Lächeln: »die Forellen wollten nicht heraufkommen, weil ein Gewitter im Anzuge wäre,« eine Anspielung, die ich in einem Sinne nur allzu wahr fand.

Zu Mount Sharon angekommen, ward ich von meinen Freunden mit ihrer gewöhnlichen Güte aufgenommen; da sie ein wenig darüber spotteten, daß ich sie den vorigen Abend so plötzlich verlassen hatte, so versprach ich, als Ersatz die ganze Nacht bei ihnen zuzubringen, und entließ den Burschen, der mich begleitet hatte, um es der Wirthin des Shepherd's Busches anzuzeigen. Ich weiß nicht, ob er es ausgerichtet hat oder nicht.

Zwischen acht und neun Uhr, als es anfing dunkel zu werden, gingen wir auf der Terrasse spazieren, um den Anblick des Firmamentes zu genießen, wo Millionen Sterne durch den leichten Anstrich eines Sommerfrostes in zehnfachem Glanze schimmerten. Als wir das erhabene Schauspiel betrachteten, war, glaube ich, Mrs. Geddes die erste, die unsere Aufmerksamkeit auf einen fallenden Stern oder Sternschuß lenkte, der, wie sie sagte, einen langen Schweif hinter sich zurückließ. Als ich nach der Himmelsgegend schaute, die sie bezeichnete, so sah ich deutlich zwei Raketen steigen und in der Luft zerplatzen.«

»Diese Lufterscheinungen,« sagte Mr. Geddes, antwortend auf die Bemerkung seiner Schwester, »sind nicht im Himmel entstanden, auch sind sie kein gutes Zeichen für die Bewohner der Erde.«

Als er es sprach, sah ich nach einer anderen Himmelsgegend, und da stieg, als wäre es ein Signal zur Antwort auf die schon gesehenen, eine Rakete von der Erde hoch in die Luft, und schien erst unter den Sternen zu zerplatzen.

Mr. Geddes schien einige Minuten in Nachdenken zu versinken und sprach dann zu seiner Schwester: »Rahel, obschon es spät wird, so muß ich doch noch zu den Fischerhäuschen hinab, und muß die Nacht in dem Zimmer des Oberaufsehers zubringen.«

»Ach, nicht doch,« antwortete das Frauenzimmer, »denn ich bin nur zu gewiß, daß diese Kinder Belials die Pfahlnetze und Reusen bedrohen. Josua, du bist ein Mann des Friedens, willst du dich denn freventlich der Versuchung aussetzen, den alten Adam in dir zu reizen, und dich in Zank und Streit zu mischen?«

»Wohl bin ich ein Mann des Friedens,« antwortete Mr. Geddes, »bin es bis zur höchsten Ausdehnung, die unsere Freunde vom Menschen verlangen; auch habe ich bis jetzt und hoffe auch mit Gottes Hülfe künftighin, nie meinen Arm aufheben wollen, um Ungerechtigkeiten zu verhindern oder zu rächen. Kann ich aber mit ruhigen Gründen und mit festem Betragen diese rohen Menschen davon abhalten, ein Verbrechen zu begehen, kann ich damit mein und anderer Leute Eigenthum vor Schaden hüten, so erfülle ich nur Menschen- und Christenpflicht.« Bei diesen Worten befahl er, sein Pferd augenblicklich vorzuführen; die Schwester verstummte, faltete die Hände auf den Busen und blickte gen Himmel mit gottergebenen, aber kummervollen Blicken.

Diese Umstände mögen unbedeutend scheinen; aber in meiner gegenwärtigen Lage ist es besser, wenn ich meine Seelenkräfte an die Erinnerung, an die Vergangenheit feßle, als wenn ich sie in dem großen, weiten Felde der Vermuthungen herumstreifen lasse, was wohl die Zukunft bringen mag.

Es hätte sich nicht wohl für möglich geschickt, in dem Hause zurückzubleiben, von dem der Eigenthümer plötzlich abgerufen wurde; ich bat daher um die Erlaubniß, ihn nach der Fischerei begleiten zu dürfen, und versicherte seiner Schwester, daß ich für seine Sicherheit bürgen wolle.

Der Vorschlag schien Miß Geddes sehr zu erfreuen. »Gib es zu, Bruder,« sagte sie; »gewähre dem jungen Manne den Wunsch seines Herzens, damit doch ein getreuer Zeuge dir beisteht in der Stunde der Noth, der berichten kann, wie es dir gehen wird.«

»Nein, Rahel,« versetzte der ehrenwerthe Mann, »du bist zu tadeln, daß du, um deine Aengstlichkeit um mich zu beruhigen, diesen Jüngling, unseren Gast, einer Gefahr aussetzen willst, wenn allenfalls Gefahr vorhanden ist; denn ohne Zweifel wird ein Unglück, das ihm zustößt, eben so viele Herzen in Trauer versetzen, als wenn es uns beträfe.«

»Nein, mein guter Freund,« sagte ich, indem ich seine Hand ergriff, »ich bin nicht so glücklich, als Ihr glaubt. Sollte das Ziel meines Lebens am heutigen Abend sein, so werden nur Wenige wissen, daß je ein Geschöpf, wie ich, zwanzig Jahre lang auf der Oberfläche der Erde lebte; und selbst von diesen Wenigen wird nur Einer mich beweinen. Schlagt mir also die Gunst nicht ab, Euch begleiten zu dürfen, und raubt mir die Gelegenheit nicht, wenn auch durch eine unbedeutende Handlung, zu zeigen, daß, wenn ich auch wenig Freunde habe, ich ihnen doch nicht weniger gerne dienen möchte.«

»Wahrlich, du hast ein edles Herz,« sagte Josua Geddes, den Druck meiner Hand erwidernd. »Rahel, der junge Mann soll mit mir gehen. Warum sollte er nicht kühn der Gefahr entgegengehen, um Recht und Frieden zu erhalten? Mir sagt eine innere Stimme,« fügte er, indem er die Augen gen Himmel hob, mit einem Tone vorübergehender Schwärmerei hinzu, den ich bisher nie an ihm bemerkt hatte, und die wohl auch mehr auf Rechnung seiner Secte, als seines persönlichen Charakters zu schreiben ist. »Ich sage dir, verkündet es eine Stimme in meinem Innern, wenn auch der Gottlose toben mag, wie der Sturm auf dem Meere, so wird er doch nicht obsiegen.«

Als er das gesprochen hatte, bestimmte Mr. Geddes ein Pferd, das zu meinem Gebrauch gesattelt werden sollte; und nachdem wir uns mit einem Korb voll Mundvorath versehen und einen Diener beauftragt hatten, die Pferde abzuholen, da in der Fischerei kein geeigneter Platz für sie war, ritten wir um ungefähr neun Uhr des Abends von Mount Sharon weg, und erreichten nach Verlauf von drei Viertelstunden unseren Bestimmungsort.

Die Einrichtung besteht oder bestand damals aus vier oder fünf Fischerhütten, einer Böttcherwerkstätte und Schoppen, und aus einer etwas besseren Hütte, wo der Oberaufseher wohnte. Wir übergaben dem Bedienten die Pferde, um sie nach Mount Sharron zurückzuführen – (mein Gefährte schien sehr menschenfreundlich besorgt für ihre Sicherheit) – und klopften an die Hausthüre. Zuerst hörten wir nur das Bellen der Hunde, aber bald beruhigten sich die Thiere, als sie, an der Thüre schnuppernd, die Nähe ihres Freundes merkten. Dann frug eine rauhe Stimme in einem unfreundlichen Tone, wer wir wären und was wir wollten; und nur als Josua seinen Namen nannte und dem Oberaufseher zu öffnen befahl, erschien der Letztere an der Thüre, begleitet von drei großen Hunden, Neufoundländischer Race. Er trug eine Fackel in der Hand und zwei große schwere Schiffspistolen im Gürtel. Es war ein kräftiger, bejahrter Mann, der, wie ich hörte, in seinen früheren Lebensjahren Matrose war, nun aber das Zutrauen der Fischfangs-Gesellschaft genoß, deren Angelegenheiten er unter den Befehlen des Mr. Geddes besorgte.

»Du hast mich wohl heute Abend nicht erwartet, Freund Davies?« sagte mein Freund zu dem alten Manne, der uns Stühle an das Feuer stellte.

»Nein, Mr. Geddes,« antwortete er, »und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so wünsche ich es auch nicht.«

»Das ist verständlich, John Devies,« antwortete Mr. Geddes.

»Ich weiß, daß Ew. Gnaden keine Sonntagsreden liebt.«

»Du wirst es wohl vermuthen, was uns noch so spät hierhergeführt, John Devies?« sagte Mr. Geddes.

»Ich vermuthe, Sir,« antwortete der Oberaufseher, »es geschieht, weil die verfluchten Schleichhändler ihre Leuchtkugeln am Ufer loslassen, um sich zu versammeln, wie sie es in der Nacht vor dem Tage machten, an welchem sie Schleußen und Dämme niederrissen und das Land überströmten. Ist das aber wieder der Fall, so muß ich noch einmal den Wunsch äußern, daß Ew. Gnaden zu Hause geblieben wäre; denn ich glaube, Ew. Gnaden finden nicht viel Vergnügen am Fechten, und doch wirds, glaube ich, noch vor Tagesanbruch dazu kommen, Ew. Gnaden.«

»Nur der Himmel ist gnädig, John Davies,« sagte Geddes, »ich habe dich schon oft ersucht, die Titel zu Hause zu lassen, wenn du mich anredest.«

»In Gottes Namen,« sagte John; »es war nicht bös gemeint: aber wie, in's Teufels Namen, kann ein Mensch seine Worte abwägen, wenn's gerade eine tüchtige Prügelsuppe geben soll?«

»Ich hoffe es nicht, John Davies,« sagte Josua Geddes. »Ruf' mir die übrigen Leute, ich will ihnen Verhaltungsbefehle geben.«

»Ja, da könnte ich schreien bis zum jüngsten Gericht, ehe eine Seele antwortete – die feigen Memmen sind mit allen Segeln davon – die Böttcher sowohl wie die Uebrigen, sobald sie hörten, daß der Feind in die See stäche. Sie haben das lange Boot ausgesetzt und das Schiff der Brandung überlassen, außer dem kleinen Phil und ich selbst – haben sie beim –!«

»Schwöre doch nicht, John Davies – du bist ja ein ehrlicher Mann, und ich glaube es ungeschworen, daß deine Kameraden ihre Rippen lieber haben, als mein Hab' und Gut. – Also hast du außer dem kleinen Phil keine weitere Hülfe gegen ein- oder zweihundert Mann?«

»Um Verzeihung, da sind die beiden Hunde Neptun und Thetis – auch der Junge ist schon zu gebrauchen; und dann, obgleich Ew. Wohlgeboren, mit Verlaub zu sagen – wohl kein großer Fechter sein mag, so kann doch der junge Herr da hülfreiche Hand leisten.«

»Nun ja, und wie ich sehe, hast du dich ja auch mit Waffen wohl versehen,« sagte Mr. Geddes, »laß doch sehen.«

»Ja, ja, Sir; da die beiden Pistolen beißen und bellen tüchtig – die werden wenigstens zweien Schurken den Garaus machen. Es wäre doch eine Schande, sich ohne Schuß zu ergeben. – Nehmt Euch in Acht gnädiger Herr, sie sind doppelt geladen.«

»Ich will mich schon in Acht nehmen, John Davies,« erwiderte der Quäker, indem er sie in einen Wasserbehälter warf, der neben ihm stand, »und ich wünschte recht sehr, daß ich in diesem Augenblick das ganze Geschlecht derselben so nutzlos machen könnte.«

Ein Schatten tiefen Mißvergnügens verfinsterte für einen Augenblick die ohnehin melancholischen Züge des John Davies. »Es scheint also, Ew. Gnaden wollen das Commando selbst übernehmen?« sagte er nach einer Pause. »In Gottes Namen, aber dann werde ich wenig mehr nützen; und da Ew. Gnaden oder Ew. Wohlgeboren, oder was Sie sein mögen, es im Guten auszuführen glauben, so denke ich, wird es besser gehen, wenn ich meines Weges wandere, denn ich schlage gern darauf los; aber ohne Ordre werde ich nie meinen Posten verlassen.«

»Die will ich dir geben, John Davies; gehe also gleich nach Mount Sharon und nimm den Knaben Phil mit. Wo ist er?«

»Er steht auf der Lauer, um die Ankunft dieses Abschaums der Menschheit zu erspähen,« antwortete Davies, »aber wozu braucht man es zu wissen, wenn sie kommen, wenn man nicht die Waffen ergreift?«

»Nur Vernunft und Ruhe sollen unsere Waffen sein.«

»Es würde eben so viel nützen, wenn Sie Spreue gegen den Wind werfen wollten, als mit solchen Schurken von Wahrheit und Recht zu reden.«

»Gut, gut, es sei so,« sagte Josua; »und nun, John Davies, ich weiß, daß du ein tapferer Mann bist, wie die Welt sagt, und habe immer gefunden, daß du auch ein ehrlicher bist. Ich befehle dir also, nach Mount Sharon zu gehen, Phil aber soll sich an's Ufer hinlegen (sorge dafür, daß der arme Knabe einen Mantel umhat) und dir sagen, was es Neues gibt; sollte auch das Gut dort gewaltsam angegriffen werden, so vertraue ich auf deine Treue, daß du meine Schwester nach Dumfries in das Haus unseres Freundes Corsack führen, und die bürgerlichen Behörden von dem Unfall in Kenntniß setzen wirst.«

Der alte Seemann schwieg einen Augenblick. »Es ist eine harte Aufgabe für mich,« sagte er dann, »Ew. Gnaden in der Noth zu verlassen; und dennoch wird meine Gegenwart die Sache noch verschlimmern. Auch muß man freilich für Ew. Gnaden Schwester, Miß Rahel, sorgen, das ist gewiß, denn wenn die Schurken einmal Unheil anzustiften anfangen, so werden sie auch nach Mount Sharon kommen, nachdem sie dieses kleine Rhedeplätzchen zerstört haben werden, wo ich lebenslänglich vor Anker zu liegen hoffte.«

»Recht so, John Davies, ganz recht,« sagte Josua Geddes; »es wäre am besten, wenn du auch die Hunde mitnähmest.«

»Ja, ja, Herr,« sagte der Veteran, »sie haben ohnehin meine Gemüthsstimmung und würden nicht ruhig Unheil anstiften sehen; so könnte sie leicht selbst Unglück treffen, die armen, gutmüthigen Thiere. Also Gott segne Ew. Gnaden. – Ich kann es nicht über mich bringen, Lebewohl zu sagen. – Heda, Neptun, Thetis; kommt, ihr Hunde, kommt.«

Indem er das sagte, verließ John Davies mit gebeugtem Gemüthe die Hütte.

»Nun da geht eines der besten und getreuesten Geschöpfe, das je geboren ward,« sagte Mr. Geddes, als der Oberaufseher die Thüre zumachte. »Die Natur gab ihm ein Herz, das nicht zugelassen haben würde, eine Fliege zu tödten; aber du siehst, Freund Latimer, so wie die Menschen ihre Kettenhunde mit Stachelhalsbändern, und ihre Hähne mit stählernen Sporen bewaffnen, um sie zum Kampfe zu reizen, so verderben sie auch mit ihrer Erziehung die besten, mildesten Naturen, bis Charakterstärke und Geist in Starrsinn und Wildheit ausartet. Glaube mir, Freund Latimer, eben so gut würde ich meinen getreuen Hofhund einem unnützen Kampfe mit einer Heerde Wölfe aussetzen, als jenes getreue Geschöpf der Wuth der rasenden Menge. Aber ich brauche dir, Freund Latimer, wohl wenig darüber zu sagen, da du wahrscheinlich auch zu glauben geneigt bist, daß es nicht von Muth zeugt, und daß es keine Ehre bringt, wenn wir männlich dasjenige ertragen, was das Schicksal uns auferlegt, und dasjenige thun, was die Gerechtigkeit gebietet, weil auch du bereit bist, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, und die kleinste Beleidigung für einen hinlänglichen Grund hältst, Blut zu vergießen, ja sogar das Leben zu rauben. Wir wollen aber diesen streitigen Punkt auf eine gelegenere Zeit aufschieben, und jetzt laß uns sehen, was unser Korb wohl für Mundvorrath enthalten mag, denn, um die Wahrheit zu gestehen, Freund Latimer, so muß ich dir sagen, daß ich einer von denen bin, denen weder Furcht noch Angst ihren gewöhnlichen Appetit raubt.«

Wir fanden den Korb mit guten Speisen wohl versehen, die sich Mr. Geddes so wohl schmecken ließ, als äße er mit der vollkommensten Sicherheit; ja, seine Unterhaltung schien noch fröhlicher als gewöhnlich zu sein. Nachdem wir unser Abendessen verzehrt hatten, verließen wir gemeinschaftlich die Hütte und gingen einige Augenblicke am Ufer des Meeres spazieren. Voll und klar spiegelte sich der Mond auf der ebenen Oberfläche des Meerbusens, und ließ das leichte Anschlagen der Wellen an den Reusen bemerken, deren äußerste Spitzen ein wenig aus den Wogen hervorragten, sowie auch die schwärzlichen Pfähle, welche den fernsten Winkel des Gehäges bezeichneten. In weiterer Entfernung, – denn der Meerbusen ist hier sehr breit – sah man die Gränze der englischen Küsten den Meerbusen schließen, die den Nebelbänken glichen, von denen man sagt, daß die Seefahrer nicht wissen, ob es wirkliches Land oder eine atmosphärische Täuschung ist.

»Sie werden uns noch einige Stunden in Ruhe lassen,« sagte Mr. Geddes; »denn sie werden wohl nicht herabkommen, bis die Ebbe ihnen erlaubt, die Pfahlnetze zu zerstören. Ist es nicht sonderbar, wenn man denkt, daß die menschliche Leidenschaft einen so gemüthlichen Anblick, wie diesen, zu einer Scene der Verwirrung und der Zerstörung umschaffen wird?«

Wirklich schien eine köstliche Ruhe auf Allem rings umher zu liegen, ja, die stürmischen Wellen der Solway sogar schienen, wenn auch nicht gerade zu schlafen, doch zu schlummern; kein Nachtvögelchen ward gehört – der Hahn hatte den Morgen noch nicht zum ersten Male begrüßt, wir selbst traten leiser auf als bei Tag, als wollten wir es vermeiden, mit dem Geräusche unserer Tritte die heitere Ruhe um uns zu stören. Endlich unterbrach das klägliche Geschrei eines Hundes die Stille, und als wir in die Hütte traten, fanden wir das jüngste der drei Thiere, die mit John Davis gegangen waren, das wahrscheinlich, an weite Reisen noch nicht gewöhnt, seine Gefährten verlassen hatte und zu seinem Geburtsorte zurückgekehrt war.

»Wieder ein kleiner Zuwachs unserer kleinen Garnison,« sagte Mr. Geddes, als er, den Hund streichelnd, in die Hütte trat. »Armer Gesell! noch kannst du nichts Uebles thun, hoffentlich wird dir auch nichts Uebles widerfahren. Wenigstens kannst du uns doch als Schildwache gute Dienste thun, und so können wir uns ruhig dem Schlafe überlassen, da wir sicher sein können, daß du uns erwecken wirst, wenn der Feind naht.«

Im Zimmer des Oberaufsehers standen zwei Betten, auf die wir uns warfen. Mr. Geddes mit seinem glücklichen Gleichmuth schlief in den ersten fünf Minuten ein. Ich aber lag eine Zeit lang in zweifelhaften, ängstlichen Gedanken, beobachtete das Feuer und die Bewegungen des Hundes, der, wahrscheinlich durch die Abwesenheit des John Davies beunruhigt, bald vom Herd zur Thüre, bald wieder zurücklief, dann nahete er sich meinem Bette, leckte mir Hand und Gesicht, und da ich ihn nicht fortjagte, so legte er sich zu meinen Füßen und schlief ein, und ich folgte bald darauf seinem Beispiele. Die Wuth, zu erzählen, mein theuerster Allan (denn ich gebe noch immer die Hoffnung nicht auf, daß mein Schreiben einst in deine Hand fallen wird), hat mich noch immer, hat mich selbst in meiner Gefangenschaft nicht verlassen, und die große Menge größtentheils unwichtiger Umstände, die ich erzählte, zwingt mich, ein anderes Blatt zu beginnen. Glücklicherweise kann ich bei meiner kleinen Schrift viele Worte in wenig Raum zwängen.

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