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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Redgauntlet.

Erstes Kapitel.

Erzählung.

Der Vortheil, den es gewährt, wenn man dem Leser die Abenteuer, welche wir hätten erzählen müssen, in den Worten der handelnden Personen selbst vorlegt, hat bei anderen Werken die Briefform, so wie sie von mehreren großen Schriftstellern und auch von uns angewandt wurde, sehr in Aufnahme gebracht. Doch aber kann eine solche ächte Correspondenz (und Gott behüte, daß wir es auf irgend eine Weise mit eigenen Interpolationen ausschmücken sollten) nur sehr selten alles das Nöthige enthalten, das erforderlich ist, um den Leser vom ganzen Lauf der Geschichte zu unterrichten. Auch muß es oft vorkommen, daß Weitschweifigkeiten und Widerholungen im Wechsel der Briefe den Lauf der Erzählung hemmen. Um dieses Uebel zu vermeiden, haben einige Biographen die Briefe der betheiligten Personen oder Auszüge davon benutzt, um die besonderen Vorfälle oder die Gefühle, welche sie hegten, zu beschreiben; während sie diese gelegentlich so mit ihrer Erzählung verbanden, daß sie den Lauf der Geschichte beförderten.

So bewegt sich der muthige Reisende, der den Gipfel des Montblanc besteigt, jetzt langsam fort auf der tiefen, unebenen Schneematte, so daß man sein Fortschreiten kaum bemerkt, während er jetzt, mit Hülfe seines Alpenstockes, über den trennenden Bergstrom springt, die hindernde Kluft überschreitet und so seine Reise beschleunigt.

Oder, um ein näher liegendes Gleichniß zu wählen, gleicht der Lauf unserer Geschichtserzählung der ursprünglichen Bestimmung der Dragoner, die zu Pferd und zu Fuß dienen mußten, wie die Gelegenheit es erheischte. Nach dieser vorläufigen Erklärung wollen wir es versuchen, einige Umstände näher zu beleuchten, welche Allan Fairford seinem Freunde nicht schrieb und nicht schreiben konnte.

Wir glauben, unser Leser wird sich einen ziemlich genauen Begriff von den Hauptcharakteren der Personen gebildet haben, welche handelnd auftraten. Aber im Fall, daß unsere gute Meinung von seiner Geschicklichkeit etwas übertrieben wäre, und um denjenigen Genüge zu leisten, die sich der löblichen Gewohnheit des Blätterns (wozu wir selbst übrigens zuweilen große Neigung fühlen) ergeben haben, mögen die folgenden näheren Erklärungen vielleicht nicht überflüssig sein.

Mr. Saunders Fairford, wie man ihn gewöhnlich nannte, war ein Geschäftsmann aus der alten Schule, mäßig in seinen Forderungen, ökonomisch, selbst etwas genau in seinen Ausgaben, streng rechtlich in der Ausführung seiner eigenen Geschäfte und der seiner Clienten, aber durch eine lange Erfahrung belehrt, war er auch aufmerksam und mißtrauisch bei den Handlungen seiner Mitmenschen. Pünktlich, so wie die Glocke von Saint Giles neun Uhr schlug, sah man die runde, reinliche Gestalt des ehrenwerthen alten Herrn an der Schwelle der Gerichtshalle, oder doch mindestens am Fuße der schwarzen Treppe reinlich gekleidet, in einem vollkommenen Anzug von schnupftabaksbraunem Tuch, mit seidenen oder wollenen Strümpfen, wie das Wetter es erlaubte; mit einer Zopfperrücke und einem kleinen dreieckigen Hütchen, mit Schuhen, die so reinlich geputzt waren, als hätten Warren selbst sie geschwärzt, mit silbernen Schuhschnallen und einem Stock mit goldenem Knopfe. Ein Blumenstrauß im Sommer, ein Zweig von Immergrün im Winter vollendete seine wohlbekannte Kleidung und Gestalt. Seine Manieren stimmten mit seiner Kleidung überein; streng höflich und nicht wenig umständlich. Er war Kirchenältester und folglich bis auf's Blutvergießen eifrig für König Georg und seine Regierung, was er auch gezeigt hatte, da er zu ihrer Vertheidigung die Waffen ergriffen hatte. Aber da er unter den Familien beider politischen Parteien Clienten und Geschäftsverbindungen hatte, so war er sehr sorgsam, alle Convenienz-Ausdrücke zu gebrauchen, welche die Höflichkeit seiner Zeit zum Sprachgebrauch zwischen beiden Parteien erfunden hatte. So sprach er wohl zuweilen vom Chevalier, nie aber vom Prinzen, womit er seine eigenen Grundsätze aufgeopfert, auch nicht vom Prätendenten, womit er die der Andern beleidigt hätte. Wiederum bezeichnete er die Rebellion mit der Geschichte im Jahre 1745, und sprach er von einer Person, welche darin verwickelt war, so war sie zu einer gewissen Periode im Feld. So war Mr. Fairford im Allgemeinen ein Mann, der von beiden Seiten wohlgelitten und geachtet war, so wie es auch seinen Freunden vielleicht keinen Kummer verursacht haben würde, wenn er öfter Gastmähler gegeben hätte, da sein Keller eine Auswahl alter Weine enthielt, mit denen er, jedoch nur bei seltenen Gelegenheiten, nicht geizte.

Das einzige Vergnügen, das der gutmüthige, altmodische Mann außer dem, welches ihm die pünktliche Besorgung seiner täglichen Beschäftigung gewährte, genoß, war die Hoffnung, daß sein Allan, die einzige Frucht einer Ehe, welche der Tod früh wieder auflöste, das erreichen möchte, was in den Augen seines Vaters die höchste Auszeichnung war – den Rang und den Ruhm eines praktischen Juristen.

Jeder Stand hat seine eigenen Begriffe von Ehre; so hatte auch der alte Fairford die Ansichten des seinigen so sehr eingesogen, daß er durchaus nichts Anderes in Werth hielt, als das Ziel, welches der Ehrgeiz seines eigenen Berufs ihm darbot. Er hätte geschaudert, wenn sich Allan den Ruhm des Helden, er hätte vor Zorn gelacht, wenn er sich den eben so unfruchtbaren Lorbeerkranz des Dichters errungen hätte; nur auf der Bahn der Jurisprudenz wollte er ihn hoch steigen sehen, und die Wahrscheinlichkeit seines glücklichen oder unglücklichen Erfolgs waren die Gedanken seines Vaters bei Tag, und Nachts sein Traum.

Allan Fairfords Anlagen und Talente mußten die Hoffnungen seines Vaters noch bedeutend erhöhen. Er besaß Schnelligkeit der Fassungskraft, verbunden mit der Gewohnheit eines anhaltenden, unermüdeten Studiums, die durch die strenge Zucht im Hause seines Vaters noch erhöht ward, der er sich im Allgemeinen mit dem besten Willen unterwarf; er fühlte keinen Wunsch häufigere und größere Freiheiten zu genießen, als solche, die mit seines Vaters ängstlicher Strenge wohl bestehen konnten. Wenn er aber hin und wieder einmal an jugendlichen Ausgelassenheiten Theil nahm, so war sein Vater so nachsichtig, den ganzen Tadel auf seinen lebenslustigeren Freund, Darsie Latimer, zu schieben.

Dieser Jüngling ward, wie der Leser schon weiß, als Hausgenosse in der Familie des alten Fairford zu einer Zeit aufgenommen, wo die schwächlichen Gesundheitsumstände, die das Leben seiner Gattin verkürzt hatten, auch bei dem Sohne hervorzutreten schienen, und wo der Vater natürlicher Weise sehr geneigt war, den geringsten Wünschen seines Sohnes zuvorzukommen. Daß der junge Engländer im Stande war, ein bedeutendes Kostgeld zu zahlen, war dem alten Fairford nicht sehr wichtig; wohl aber das, daß seine Gegenwart seinen Sohn fröhlich und glücklich zu machen schien. Er mußte eingestehen, »daß Darsie ein zwar ausgelassener, aber doch ein schöner Bursche sei,« und es würde ihm schwer gefallen sein, sich von ihm, und also auch von der Furcht vor den Folgen seiner Flatterhaftigkeit, zu trennen, hätte ihm nicht die freiwillige Ausflucht des Jünglings, welche zu dem vorhergehenden Briefwechsel Anlaß gab, eine gute Gelegenheit dazu dargeboten, über die sich Mr. Fairford im Geheim recht herzlich freute, weil auf diese Weise Allan wenigstens so lange von seinem muntern Gefährten getrennt ward, bis er die Pflichten seines trockenen, arbeitsamen Berufs übernommen und sich daran gewöhnt hätte.

Aber durch Darsie's Abwesenheit ward der Zweck noch lange nicht erreicht, den der alte Herr Fairford erwartete und wünschte. Die jungen Leute waren durch die innigsten Bande einer vertrauten Freundschaft vereinigt, die um so fester waren, da Keiner von beiden einen Dritten im Bunde aufzunehmen wünschte. Allan Fairford liebte aus einem natürlichen Hange die großen Gesellschaften nicht, Darsie Latimer aber aus einem peinlichen Gefühl seiner unbekannten Herkunft, das um so viel drückender in einem Lande war, wo Vornehme und Geringe geborene Genealogen sind. Die jungen Männer waren sich daher Alles in Allem, und es ist also nicht zu verwundern, daß nicht allein ihre Trennung schmerzlich war, sondern daß auch ihre Wirkungen, verbunden mit der Angst, welche der Inhalt der Briefe seines Freundes hervorbrachte, auf Allan Fairford gerade den Eindruck vergrößerten, dem Mr. Saunders zuvorkommen wollte. Der junge Mann ging zwar seinen gewöhnlichen Pflichten, seinen Studien und den Prüfungen, denen er unterworfen ward, nach, aber keineswegs mit dem Fleiß und dem Eifer, den er bisher an den Tag gelegt hatte, so daß sein ängstlicher und aufmerksamer Vater bald nur zu deutlich sah, daß sein Herz bei seinem abwesenden Freunde verweile.

Ein Philosoph würde auf das Prinzip hin, daß ein Extrem sich selbst auflöst, und daß also ihre vertraute Freundschaft sich stufenweise von selbst vermindern würde, wenn man den Jünglingen erlaubte, eine Zeit lang zusammen zu leben, dem Strom seiner Gefühle Raum gegeben haben; Mr. Fairford aber sah nur den unmittelbaren Weg fernerer Beschränkungen, den er jedoch unter irgend einem annehmbaren Vorwande zu verschleiern suchen wollte. In der Angst, die er dabei empfand, unterredete er sich mit einem alten Bekannten, Peter Drudgeit, mit dem der Leser schon zum Theil bekannt ist. »Mit Allan,« sagte er, »werde es immer schlimmer; er erwarte jeden Augenblick, daß er dem Lappen Latimer wie eine wilde Gans nachflöge; Will Sampson, der Pferdeverleiher in der Lichterzieherstraße, hatte ihm einen Wink gegeben, daß Allan sich nach einem tüchtigen Pferde umgesehen habe, um auf wenige Tage auf's Land zu gehen. Sich ihm aber geradezu zu widersetzen, wäre ihm unmöglich – es fiele ihm immer ein, wie schnell seine arme Mutter weggerafft worden wäre. – Wollte Gott, ich könnte ihn in irgend ein Geschäft verwickeln, es ist mir gleichviel, ob es gut oder schlecht bezahlt wird; nur eine Beschäftigung, die ihn zu Hause fest hielte, bis wenigstens die Gerichtssitzung aufgehoben würde, wäre es auch nur Anstands halber.«

Peter Drudgeit stimmte vollkommen mit ihm überein, denn er hatte einen Sohn, der, mit oder ohne Grund, durchaus die kurzen, barchenten Schreibärmel mit der blauen Jacke mit weißen Aufschlägen vertauschen wollte; er gab ihm also den Gedanken ein, unsern Freund Allan mit des armen Peter Peebles' Prozeß zu beschäftigen, der gerade durch die Flucht des jungen Dumtoustie zu vergeben war, wobei man zu gleicher Zeit die Abwesenheit des Letztern entschuldigen könnte; damit würde man, wie Drutgeit sich ausdrückte, »zwei Mücken mit einem Schlag todtschlagen«.

Mit dieser Erklärung wird der Leser wohl einen Mann, der, wie der alte Fairford, mit Verstand und Erfahrung begabt war, von der gewagten, ungeduldigen Neugierde freisprechen, mit welcher ein Knabe einen jungen Hund in einen tiefen Brunnen wirft, blos um zu sehen, ob das Thier auch schwimmen kann. So viel Zutrauen er auch in die wirklich bedeutenden Talente seines Sohnes setzte, so würde er doch sehr geschwankt haben, ihm bei seinem ersten Erscheinen vor den Schranken die Pflicht aufzuerlegen, einen verwickelten und schwierigen Rechtsstreit zu vertheidigen, wenn es ihm nicht das wirksamste Mittel geschienen hätte, den jungen Mann von einem Schritt abzuhalten, der ihm beim ersten Eintritt seines Sohnes in's Leben, nach seiner Denkart, als höchst verderblich scheinen mußte.

Unter den zwei Uebeln wählte Mr. Fairford das, welches er am wenigsten fürchtete; und wie ein tapferer Krieger schickte er seinen Sohn in die Schlacht, damit er lieber auf dem Felde der Ehre bleiben, als ehrlos seine Fahne verlassen möchte. Aber er überließ ihn auch keineswegs seiner eigenen Thatkraft, ohne weitere Beihilfe. So wie Alpheus dem Herkules voranging, bahnte er ihm selbst den Weg im Augiasstalle des Prozesses Peter Peebles. Es war ein Liebesdienst für den alten Mann, das wahre Verdienst der Sache in ein klares, ungetrübtes Licht zu setzen, da es durch die Nachlässigkeit und die Verstöße der früheren Advokaten in eine unermeßliche, chaotische Masse unverständlicher Kunstausdrücke verwirrt worden war. Seine Geschicklichkeit und sein Fleiß waren dabei so groß, daß er im Stande war, nach zwei oder drei Tagen, die er mit mühevoller, angestrengter Arbeit verbracht hatte, dem jungen Advokaten die Hauptfacta des Prozesses einfach und verständlich vorzutragen. Mit Hülfe eines so sorgfältigen und unermüdlichen Beistandes ward Allan Fairford in den Stand gesetzt, am bestimmten Tag in Begleitung seines ängstlichen, aber doch ermunternden Vaters, mit einem gewissen Selbstgefühl dem Gerichtshofe zuzuwandeln, da er sicher hoffen durfte, bei dieser wichtigen Gelegenheit keinen Ruhm zu verlieren.

Am Gerichtshofe begegnete ihnen der arme Peter Peebles mit seiner gewöhnlichen dicken Perrücke und seinem hervorragenden Hut. Er ergriff seinen jungen Vertheidiger wie ein Löwe seine Beute. »Wie steht's, Mr. Allan, – wie steht's, Freund? – Endlich ist der entscheidende Tag gekommen – ein Tag, dessen lange noch gedacht werden wird in diesem Hause. – Der arme Peter Peebles gegen Plainstanes – alle Prozesse zusammen in Plenum zu entscheiden – so heißt es im Verzeichniß. – Ich habe so viel daran gedacht, daß ich die ganze Woche kein Auge zuthat, und ich wette darauf, es ist dem Lord Präsidenten eben so gegangen – denn das ist ein Prozeß!! Aber neulich, Abends, verleitete mich Euer Vater, ein Gläschen über die Gebühr zu trinken; man soll den Branntwein nicht mit Geschäften vermischen, Mr. Fairford. Es wäre mir noch schlimmer gegangen, wenn ich so viel Branntwein getrunken hätte, wie Ihr es wolltet. Aber jedes Ding hat seine Zeit, und Ihr sollt mit mir zu Mittag essen, wenn die Sache plaidirt ist, oder was vielleicht noch besser sein mag, ich will mit Euch nach Hause gehen und dann habe ich nichts gegen ein Gläschen einzuwenden, wenn es nämlich mit Maß und Ziel getrunken wird.«

Der alte Fairford zuckte die Schultern, eilte bei seinem Clienten vorüber, sah seinen Sohn mit dem schwarzen Mantel bekleiden, der in seinen Augen ehrwürdiger war, als der Chorrock des Erzbischofs, und konnte sich nicht enthalten, ihm freundlich auf die Schulter zu klopfen, indem er ihm in's Ohr flüsterte: »Fasse Muth und zeige, daß du würdig bist, ihn zu tragen.«

Sie gingen durch die äußeren Hallen des Gerichtshofs (wo einst die Versammlungen des alten schottischen Parlaments waren), das wie Westminster-Hall in England, zugleich zum Vorplatz des inneren Hauses, wie man ich ausdrückt, und zum Residenz-Sitze gewisser sitzender Personen dient, die man Richter nennt.

Den ersten Theil des Morgens benutzte der alte Fairford dazu, dem Allan seine Instruktionen zu wiederholen und von Einem zum Andern zu laufen, um wo möglich noch einige Aufklärungen über die Sache selbst oder über die damit zusammenhängenden Personen zu erhalten. Während dieser Zeit hielt sich der arme Peter Peebles, dessen ohnehin schwaches Gehirn nun ganz unfähig war, die Wichtigkeit des Moments zu ertragen, so nahe an seinen jungen Advokaten, wie der Schatten am Körper; bald schien er laut zu sprechen, bald ihm in's Ohr zu flüstern, jetzt umzog ein hämisches Lächeln sein gespensterartiges Angesicht, im nächsten Augenblicke bedeckte es eine Wolke tiefer, ernster Wichtigkeit, die dann wieder einem zornigen, spöttischen Gelächter weichen mußte. Dabei war der Ausdruck seiner Gefühle von sonderbaren, übertriebenen, spöttisch-höhnenden Bewegungen begleitet, welche der streitsüchtige, zänkische Mann seinen Gesichtszügen angemessen hielt. Jetzt streckte er seinen Arm in die Höhe, jetzt ballte er die Faust, als wollte er seinen Gegner zu Boden werfen. In diesem Augenblicke legte er die Hand auf den Busen, und im nächsten schnellte er mit den Fingern in die Luft. Den jungen Müssiggängern in der Halle entgingen weder diese kräftigen Bewegungen, noch die sichtliche Scham und Verlegenheit Allan Fairford's. Zwar näherten sie sich dem Peter nicht mit ihrer gewöhnlichen Vertraulichkeit, weil ein gewisses Gefühl der Achtung gegen Fairford sie zurückhielt, wenn ihn schon manche einer allzu großen Eitelkeit beschuldigten, so früh einen Prozeß zu übernehmen, der so viele Schwierigkeiten darbot, wie dieser. Doch fühlte es Allan sehr wohl, daß, ungeachtet aller Schonung gegen ihn, er sowohl als sein Gefährte die Zielscheibe der Witzworte und des Gelächters sei, welche in diesem Bezirk zu jeder Zeit erschallen.

Endlich ermüdete die Geduld des jungen Advokaten, denn er fürchtete mit Recht, außer Fassung zu kommen, und die nöthigen Facta zu vergessen. Allan sagte also seinem Vater geradezu, daß, wenn er nicht von der persönlichen Gegenwart und von den Einflüsterungen seines Clienten erlöst würde, er kurz ab sein müßte, und außer Stand sei, den Prozeß zu führen.

»Still, still, mein theurer Allan,« sagte der alte Gentleman, dem bei der Wahl der Verstand still stand, »bekümmere dich nicht um die müssigen Taugenichtse, wir können es doch dem Manne nicht wehren, seine eigene Sache vertheidigen zu hören, wenn es schon nicht ganz richtig in seinem Kopfe ist.«

»Bei meinem Leben, Sir,« erwiderte Allan, »ich bin unfähig, hervorzutreten – er verscheucht alle Erinnerungskraft aus meinem Gedächtniß, und wenn ich es wage, ernsthaft von den Beleidigungen zu reden, die er erduldete, und von der Lage, in die er versetzt ist, kann ich dann etwas Anderes erwarten, als daß die Gestalt dieses Kobolds Alles in's Lächerliche ziehen wird?«

»Es ist etwas Wahres daran,« sagte Saunders Fairford, indem er einen Blick auf den armen Peter warf, und dann sorglich seinen Finger unter die Zopfperrücke steckte, um sich die Schläfe zu reiben und somit seiner Erfindungsgabe zu Hülfe zu kommen. »Es ist freilich keine Gestalt, die man ohne Lachen vor den Schranken stehen sehen kann; aber wie soll man ihn los werden? Ihm vernünftig zuzureden, wird am Wenigsten fruchten. Aber wart, – ja doch – Allan, mein Liebling, habe Geduld, ich will ihn augenblicklich wegschaffen.«

Kaum gesprochen, eilt er zu seinem Alliirten, Peter Drudgeit, der, wie er ihn mit heftiger Bewegung und mit sorglichen Mienen auf ihn zukommen sieht, die Feder hinter das Ohr steckt und frägt: »Was treibt Euch zu mir, Mr. Saunders? – Fehlt's irgendwo?«

»Da habt Ihr einen Thaler, Freund,« sagte Mr. Saunders, »jetzt oder nie, Peter, müßt Ihr mir eine Gefälligkeit erzeigen. Da, Euer Namensvetter, Peter Peebles, droht, die Schweine durch unser schönes Netz zu treiben; führt ihn auf John's Kaffee« Haus, Freund – laßt ihm dort ein Mittagsschnäpschen geben und haltet ihn dort, betrunken oder nüchtern, so lange auf, bis die Gerichtssitzung vorüber ist.«

»Genug gesagt,« sprach Peter Drudgeit, dem der Antheil, den er an dem Geschäfte nehmen sollte, nicht mißfiel. »Ich will thun, wie Ihr gesagt habt.«

Der Abrede gemäß sah man bald darauf den Schreiber dem Peter Peebles etwas in's Ohr flüstern, dessen Antworten in folgenden, abgebrochenen Sätzen hörbar wurden:

»Den Gerichtshof an diesem großen Urtheilstag verlassen? – nein, ich gewiß nicht. – Ei, was sagt Ihr, Branntwein – Franzbranntwein? – Könntet Ihr nicht ein Fläschchen unter dem Rock verbergen und herbringen, Freund? – Unmöglich? Nein, es ist geradezu unmöglich, auch braucht man wohl eine gute Stunde dazu, bis die Akten und die Referate alle abgelesen sind; ich gehe also in Gottes Namen mit, freilich brauche ich heute etwas zur Herzstärkung; aber ich will keinen Augenblick verziehen – nicht über eine Minute – will nicht mehr als ein Schöppchen trinken.«

Einige Minuten darauf sah man die beiden Peter durch das Parlamentsgehäge (das die neumodische Ziererei Sqare nennt) dahinwandern, der triumphirende Drudgeit, indem er den willenlosen Peebles gefangen fortführte, so daß seine Füße sich dem Branntweinladen näherten, während seine Augen auf dem Gerichtshof verweilten. Sie erschwanden im Gewühle von John's Kaffeehaus, das früher der Lieblingsaufenthalt des klassischen und genialen Dr. Pitcairn war, und für jetzt wurden sie nicht mehr gesehen.

Allan Fairford konnte nun, da er von seinem Plagegeist befreit war, die Data in sein Gedächtniß zurückrufen, die ihn bei der Unruhe seines Gemüths fast entfallen wären, und er fühlte sich jetzt im Stande, sich auf ein Geschäft vorzubereiten, dessen Gelingen oder Mißlingen einen bedeutenden Einfluß auf sein künftiges Glück haben mußte. Er besaß Stolz, war sich seines Talents durchaus nicht unbewußt, und da er noch zudem die Gefühle seines Vaters bei dieser Gelegenheit kannte, so spornte es ihn zum höchsten Eifer an. Und über Alles besaß er jene Selbstbeherrschung, die zur glücklichen Ausführung eines jeden kühnen Unternehmens unumgänglich nöthig ist, war von jener fieberhaften Reizbarkeit frei, durch welche diejenigen, deren allzu thätige Einbildungskraft die Schwierigkeiten übertreibt, unfähig werden, denen, welche ihnen im Wege liegen, kühn entgegen zu treten.

Nachdem er nun alle zerstreute und abgebrochenen Gegenstände wieder gesammelt und verbunden hatte, wandten sich Allans Gedanken nach Dumfriesshire und auf die gefährliche Lage, in welcher er seinen geliebten Freund schweben zu sehen glaubte; jeden Augenblick sah er auf seine Uhr, in der Hoffnung, sein gegenwärtiges Geschäft bald anzufangen und zu enden, um seinem Darsie zu Hülfe zu eilen. Endlich kam die Stunde, der Augenblick. Der Gerichtsdiener schrie aus vollem Halse: »Der arme Peter Peebles contra Plainstanes, per Dumtoustie et Tough: – Herr Daniel Dumtoustie!« Aber Dumtoustie leistete dem Aufruf keine Folge, denn so laut und schallend er auch ertönte, so konnte er doch nicht über die Queensferry (die Furth der Königin) dringen; aber an seiner Stelle trat unser Herr Allan Fairford vor.

Der Gerichtshof war gedrängt voll mit Zuschauern aller Art; denn bei früheren Gelegenheiten hatte es Allen viel Vergnügen gewährt, wenn Peter neben seinem Vertheidiger stehend, dessen Worte mit Mienen und Auslegungen begleitete, und, indem er den Ernst der Richter und des ganzen Verfahrens, ohne es zu wollen, in's Lächerliche zog, seinen Advokaten, aber nicht den der Gegenpartei, zum Stillschweigen zwang.

Die Richter und Zuhörer schienen von der jugendlichen Gestalt des jungen Mannes sehr überrascht, der an Dumtoustie's Stelle erschien, um einen verwickelten, seit langen Jahren anhängigen Prozeß zu eröffnen; der Pöbel aber fand sich in seinen Erwartungen getäuscht, da Peter der Client, der Polichinell der erwarteten Unterhaltung fehlte. Mit freundlichen Blicken sahen die Richter auf unseren Allan herab, da die meisten mehr oder weniger mit einem alten Praktikus, wie sein Vater, bekannt waren, und weil sie sämmtlich die erste Vertheidigungsrede eines Advokaten mit derselben Gewogenheit aufnehmen wollten, die das Unterhaus der Jungfernrede seiner neuen Mitglieder schenkt. Nur Lord Bladderskate machte bei dem Ausdruck des Wohlwollens, der sich in allen Blicken aussprach, eine Ausnahme. Er warf dem Allan unter seinen langen, düstern, grauen Augenbrauen Blicke zu, als hätte sich der junge Rechtsgelehrte die Ehre, die seinem Neffen zugedacht war, angemaßt, statt seinen Fehler zu bedecken; und aus Gefühlen, die Sr. Herrlichkeit nicht eben sehr zur Ehre gereichten, wünschte er, daß dem jungen Manne die Sache nicht gelingen möchte, die sein Verwandter im Stich gelassen hatte.

Aber Lord Bladderskate konnte der vernünftigen und bescheidenen Weise, mit der Allan den Gerichtshof anredete, seinen Beifall nicht versagen; der junge Advokat fing damit an, sein kühnes Unternehmen mit dem plötzlichen Erkranken seines gelehrten Kollegen zu entschuldigen, für den, wie er sagte, die Einleitung eines so schwierigen und wichtigen Rechtsstreits viel angemessener gewesen wäre. Von sich selbst sprach er, wie er war, von dem jungen Dumtoustie, wie er hätte sein sollen, verweilte aber bei keinem dieser Gegenstände länger, als es streng nöthig war. So wie er redete, wurden nach und nach die Blicke des alten Richters wohlwollender; seinem Familienstolz war ein Genüge geleistet worden, und da ihm die Bescheidenheit und die Höflichkeit des jungen Mannes, den er für zudringlich und anmaßend gehalten hatte, gleich wohlgefiel, so verwandelte sich der Unwille, der sich in seinen Zügen ausgesprochen hatte, in den Ausdruck der vollkommensten Aufmerksamkeit, die höchste Ehrenbezeugung, die größte Ermunterung, die ein Richter dem Advokaten erzeigen kann, der ihn anredet.

Nachdem es also dem jungen Rechtsgelehrten gelungen war, sich der günstigen Aufmerksamkeit der Richter zu versichern, so benutzte er das Licht, das seines Vaters Uebung und Geschäftskenntnisse ihm gewährt hatten, und fing mit einer von einem Manne seines Alters unerwarteten Gewandtheit und Klarheit an, vom Rechtsstreit selbst alle verwickelten Förmlichkeiten abzusondern, mit denen er überladen war; so wie ein Wundarzt den Verband herunterreißt, der in Eile um eine Wunde gelegt wurde, um nun secundum artem seine Heilung anzustellen. Entblößt von den verwickelten Rechtsformen, welche der hartnäckige Eigensinn des Clienten, die unbesonnene Eile oder die Unwissenheit der Geschäftsführer, und die ausweichenden Antworten eines hinterlistigen Gegners angehäuft hatten, war an und für sich die Sache des armen Peter Peebles gar kein übler Gegenstand für die Beredtsamkeit eines jungen Advokaten, und so verfehlte auch unser Freund Allan nicht, bei den Stützpunkten sein Rednertalent zu zeigen.

Er stellte seinen Clienten als einen einfachen, ehrlichen, wohlmeinenden Mann dar, der während einer Gesellschaftshandlung von zwölf Jahren nach und nach verarmte, während sich sein Associé (sein vormaliger Schreiber), der doch kein anderes Capital, als eine Aktie an der Handlung hatte, in die er ohne Geldvorschuß aufgenommen wurde, nach und nach in demselben Verhältniß bereicherte.

»Ihre Verbindung,« sagte Allan, und das Bild ward mit einigem Beifall aufgenommen, »glich der alten Geschichte von dem Apfel, der mit einem Messer zerschnitten wurde, das nur auf einer Seite vergiftet war, so daß der, dem der vergiftete Theil angeboten ward, Verderben und Tod aus derselben Frucht sog, deren andere Hälfte dem Verzehrer lieblichen Wohlgeschmack gewährte.« Dann warf er sich kühn in das mane magnum der streitigen Rechnungen; verfolgte jeden falschen Posten von der Glatte in das Memorial, vom Memorial in's Journal, vom Journal in's Hauptbuch; vergeblich die künstlich eingeschobenen und unterschobenen Posten des betrügerischen Plainstanes gegen einander, und gegen die Facta; benutzte darauf auf's beste, sowohl die schwierigen Arbeiten seines Vaters, als auch seine eigenen Einsichten bei den Rechnungen, in die er sich verwickelt fand, so daß er dem Gerichte eine klare, verständliche Uebersicht der Geschäfte vorlegte, welche die Handelsgesellschaft unternommen hatte; zeigte schließlich mit der größten Genauigkeit, daß bei Auflösung der Gesellschaft seinem Clienten ein bedeutender Saldo zur Ausgleichung der Bilanz gut kam, der ihn in den Stand gesetzt hätte, seine Stellung zu der bürgerlichen Gesellschaft als ein unabhängiger, betriebsamer Geschäftsmann zu behaupten. »Aber statt daß der ehemalige Schreiber dem ehemaligen Herrn, der Wohlthaten Empfangende dem Wohlthäter, wie ein ehrlicher Mann dem andern freiwillig das hätte geben sollen, was ihm gebührte, ward sein unglücklicher Client in die Nothwendigkeit versetzt, seinen gegenwärtigen Schuldner, seinen vormaligen Schreiber, von einem Gerichte zum andern zu verfolgen; seinen gerechtesten Ansprüchen wurden schön erdachte, aber ungegründete Gegenansprüche entgegengesetzt, so schnell und oft wie ein Harlekin seine Umwandlungen bewerkstelligt, sah man seinen Gegenpart bald klagend, bald vertheidigend. So lange, so vielfach herumgezogen, verlor der unglückliche Prozeßführende im Laufe der Zeit Nahrung, Ruf und fast den Gebrauch seiner Vernunft selbst; so steht er da vor Ew. Herrlichkeiten, ein Gegenstand unüberlegten Spottes für die Gedankenlosen, des Mitleids für die Gutherzigen, und zur kummervollen Betrachtung für einen Jeden, der bedenkt, daß in einem Lande, wo vorzügliche Gesetze von biederen, unbestechlichen Richtern verwaltet werden, ein Mann ein fast unbestreitbares Guthaben durch alle Formen und alle Instanzen zu erlangen suchen muß; daß er bei der wilden Jagd Vermögen, guten Namen, ja die Vernunft selbst verliert, und daß er sich nun dem höchsten Gerichtshof im Königreiche nahen muß, in dem unglückseligen Zustande seines unglücklichen Clienten, ein Opfer verweigerter oder verzögerter Gerechtigkeit, und mit dem Gefühle der schwankenden Hoffnung, die das Herz zu Boden drückt.«

Die Stärke dieses Aufrufs der Gefühle bewirkte einen eben so großen Eindruck auf die Richter, wie die Klarheit der Beweisgründe Allans. Glücklicherweise war Peters abgeschmackte Gestalt mit seiner Flachs-Perrücke nicht gegenwärtig, um die ernste Stimmung zu verdrängen; als daher der junge Rechtsgelehrte seine Rede schloß, so erfolgte ein beifälliges Gemurmel, die süßesten Töne, die je das Ohr seines Vaters erreichten, der sie mit Wollust einschlürfte. Gar manche Hand ward ihm glückwünschend dargereicht, er erwiderte den Händedruck im Anfang vor Angst, am Schlusse vor Entzücken zitternd; fast versagte ihm die Stimme den Dienst, als er erwiderte: »Ja, ja, ich kannte meinen Allan, er ist der Mann dazu, Schwierigkeiten zu besiegen.«

Jetzt erhob sich der Anwalt der Gegenpartei, ein alter Praktikus, der den Eindruck, den Allans Rede hervorbrachte, nur zu deutlich bemerkt hatte, als daß er nicht eine augenblickliche Entscheidung hatte fürchten müssen. Er fing damit an, seinem noch jungen Collegen die größten Lobeserhebungen zu zollen. »Der Benjamin der gelehrten Facultät, wie ich ihn nennen möchte, sagt, die angeführten Leiden des Mr. Peebles wären dadurch schon aufgewogen, daß er sich in einer Lage befände, wo das Wohlwollen Ew. Herrlichkeiten ihm freiwillig die Unterstützung gewährte, welche ein hoher Preis ihm nicht hätte verschaffen können.« – Er gestand ein, daß sein junger Amtsbruder manche Dinge aus einem so verschiedenen Gesichtspunkt betrachte, daß er (wenn er schon keineswegs daran zweifelte, sie widerlegen zu können) doch um einige Stunden Zeit bäte, seine Antwort aufzusetzen, um den Mr. Fairfort Punkt für Punkt zu widerlegen. Er bemerkte ferner, es wäre ein Punkt bei der Sache, welchem sein Herr College, dessen Aufmerksamkeit sonst so wunderbar umfassend sei, nicht die Wichtigkeit beigelegt hätte, die er erwartet habe; es handle sich nämlich von der Auslegung des Briefwechsels, welcher, kurz nach der Auflösung der Handelsgesellschaft, zwischen den Parteien Statt gefunden habe.

Nachdem der Gerichtshof den Mr. Tough angehört hatte, bewilligte er ihm zwei Tage, sich auf die Antwort vorzubereiten, gab jedoch dabei zu verstehen, daß ihm die Aufgabe schwer fallen dürfte; dem jungen Advokaten aber, den er mit den größten Lobeserhebungen über die Art und Weise überhäufte, mit welcher er sich seiner Pflicht entledigt hatte, stellte er es anheim, ob er den Punkt, den Plainstanes Anwalt berührt hatte, jetzt oder in der nächsten Sitzung erörtern wolle.

Bescheiden entschuldigte sich Allan damit, daß die in Wirklichkeit Statt gefundene Auslassung in einem so verwickelten Rechtsstreit wohl verzeihlich sei, erklärte sich aber im Augenblick bereit dazu, die Correspondenz zu untersuchen und zu beweisen, daß sie der Form und dem Inhalte nach, völlig mit den Ansichten von der Sache übereinstimmte, welche er ihren Herrlichkeiten vorgelegt habe. Er bat seinen Vater, der hinter ihm saß, ihm von Zeit zu Zeit die Briefe in der Reihenfolge einzuhändigen, in der er sie vorlesen und erklären wollte.

Wahrscheinlich war es die Absicht des alten Advokaten Tough, die Wirkung der Rede des jungen Juristen mit einem hinterlistigen Anschlage zu schwächen, indem er ihn verleiten wollte, einem wohldurchdachten, klaren und vollständigen Vortrag einen heiligen Anhang aus dem Stegreif beizufügen. War das wirklich seine Absicht, so schien er sich sehr zu täuschen, denn Allan war darauf eben so gut, wie auf die anderen Gegenstände des Prozesses vorbereitet und begann seine Vertheidigungsrede von Neuem mit so viel Lebhaftigkeit, mit so viel Geist, daß er dadurch seinen früheren Behauptungen noch größeres Gewicht gab; so daß der alte Gentleman es wahrscheinlich bereut haben würde, ihm abermals einen Anlaß zur Rede gegeben zu haben, als sein Vater, welcher ihm die Briefe einhändigte, dem jungen Vertheidiger ein Schreiben in die Hand gab, das einen sonderbaren Eindruck auf den Advokaten zu machen schien.

Er sah auf den ersten Blick, daß der Brief sich in keiner Hinsicht auf Peter Peebles Prozeß bezog, aber der erste Blick zeigte ihm auch, daß er ihn selbst in diesem Augenblick und in Gegenwart der Richter lesen müsse; bei Beendigung desselben schien er ganz außer Fassung zu kommen. Plötzlich stockte er in seiner Rede – starrte auf das Papier mit Blicken, in denen sich Erstaunen und Entsetzen spiegelte – stieß ein Geschrei aus, warf den Brief, den er in Händen hielt, zur Erde und entfloh aus dem Saale, ohne ein einziges Wort auf die Fragen zu antworten, mit denen man ihn von allen Seiten bestürmte. »Was gibt's?« – »Ist es ihm unwohl geworden?« »Soll man eine Sänfte holen?« u. s. w.

Der ältere Fairford, der sitzen blieb, und bewußtlos vor sich hin starrte, als wäre er von Stein, kam endlich durch die ängstlichen Nachfragen der Richter und der Advokaten nach der Gesundheit seines Sohnes, wieder zu sich selbst. Da erhob er sich mit einer Miene, in welcher sich die tiefe Hochachtung spiegelte, die er dem Gerichte zu erzeigen gewohnt war, vermischt mit dem Ausdrucke innerer Bewegung; mit Mühe stotterte er etwas von einem Mißverständniß – einer schlimmen Nachricht – er hoffe, Allan würde sich morgen wieder wohl befinden. Dann aber, unfähig fortzufahren, schlug er die Hände zusammen, und mit dem Ausrufe: »Mein Sohn, mein Sohn!« verließ er eilig den Gerichtshof, als wollte er ihn verfolgen.«

»Was gibt's denn jetzt nun gar mit dem alten Burschen,« sagte ein scharfsinniger, metaphysischer Richter. »Es ist doch eine verzweifelte Sache, Bladderskate; zuerst macht sie den armen Mann toll, der sie führt – dann geht Euer Vetter aus purer Angst auf und davon – darauf bringt sie den jungen, hoffnungsvollen Mann vor lauter Studium an's Ueberschnappen, wie ich glaube – und nun wird gar der alte Saunders Fairford so mondsüchtig, wie einer von Allen. Was sagt Ihr zu der sauberen Geschichte?«

»Gar nichts, Mylord,« antwortete Bladderskate, der viel zu sehr an den Formen hing, als daß er den poetischen Schwung, den sein College manchmal nahm, bewundert hätte. – Ich sage gar nichts, und bitte nur den Himmel, daß er uns den eigenen Verstand lassen möge.«

»Amen, amen,« antwortete sein gelehrter Mitbruder; »denn einige von uns haben ohnehin wenig zu verlieren.

Der Gerichtshof hob die Sitzung auf, und die Zuhörer zerstreuten sich, das Talent bewundernd, das Allan Fairford bei seinem ersten Erscheinen in einer so schwierigen und verwickelten Sache an den Tag gelegt hatte, aber indem sie zugleich hundert verschiedenartige Vermuthungen über die sonderbare Unterbrechung anstellten, die seinen Triumphtag umwölkte. Das Schlimmste bei der Sache aber war, daß sechs Prozessirende, die jeder für sich den Entschluß gefaßt hatten, dem Allan beim Herausgehen aus dem Gerichtshof ihre Sache anzuvertrauen, kopfschüttelnd das Geld wieder in die ledernen Katzen schoben und sagten: »der Bursche wäre freilich ein ganzer Mann, doch wollten sie noch mehr von ihm sehen, ehe sie sich in Geschäftsverbindungen mit ihm einließen – ihnen gefiele das Fortspringen, wie eine Floh vom Betttuch, nicht.«

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