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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
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Dreizehnter Brief.

Allan Fairford an Darsie Latimer.

Ich schreibe dir augenblicklich, wie du es wünschest; und zwar in einer tragikomischen Stimmung, denn eine Thräne füllt mein Auge und ein Lächeln umschwebt meinen Mund. Theurer Darsie, gewiß, es gab nie ein so großmüthiges Wesen, wie du, aber sicherlich auch nie ein so thörichtes! Ich erinnere mich noch, daß du als Knabe der alten Tante Peggy deine schöne, neue Peitsche schenken wolltest, blos weil sie sie bewunderte; ebenso willst du jetzt mit unüberlegter, unzeitiger Freigebigkeit deine Geliebte einem pedantischen Sophisten aufopfern, der, wenn es nicht sein Beruf erfordert, sich kein Härlein um alle Evastöchter kümmert. Ich, in deine Lilias verliebt – in deinen Grünmantel, in deine unbekannte Zauberin! – Um's Himmels Willen, ich sah sie ja kaum fünf Minuten; und selbst während dieser Zeit war nur die Spitze ihres Kinns sichtbar. Sie war schön gebaut, das ist wahr, und die Spitze ihres Kinns ließ das schönste Angesicht erwarten, aber, Gott stehe mir bei! Sie kam ja in Geschäften! und wenn sich ein Jurist nach einer einzigen Consultation in eine schöne Clientin verlieben wollte, so wäre das eben so unvernünftig, als wollte er sich in einen besonders schönen Sonnenstrahl vergaffen, der augenblicklich seine Amts-Perrücke vergoldet. Ich gebe dir mein Wort darauf, mein Herz ist unverwundet; und versichere dich noch überdieß, daß, ehe sich ein Weib in mein Herz einschleicht, ich vorerst ihr volles Angesicht ohne Maske und Mantel sehen, und einen guten Theil ihrer Seele kennen gelernt haben muß. Sei also meinetwegen unbesorgt, mein gütiger, großmüthiger Darsie; aber um deinetwillen – hab Acht auf dich, damit dich keine schnell aufgefangene, thörichte Leidenschaft in ernstliche Gefahren versetze.

Der Gegenstand beunruhigt mich so sehr, daß ich, da ich nun mit der ehrenvollen Robe bekleidet bin, meine Laufbahn gleich bei ihrem Beginnen verlassen haben würde, um zu dir zu eilen, wenn es nicht meinem Vater gelungen wäre, meine Füße mit den Banden des Berufs zu fesseln. Ich will dir die Sache der Länge nach erzählen, denn sie ist drollig genug; und warum solltest du meinen juristischen Abenteuern nicht eben so gern ein geneigtes Ohr leihen, wie ich denen, die dir auf deiner irrenden Geigerritterschaft zustießen?

Das Mittagessen war vorüber, und ich überlegte eben, wie ich meinem Vater meinen Entschluß, nach Dumfriesshire zu reisen, am besten beibringen könnte, oder ob es nicht vielleicht besser wäre, auf und davon zu gehen, und mich schriftlich zu entschuldigen, als er plötzlich den eigenen Blick annahm, mit welchem er mir gewöhnlich die Absichten mittheilte, von denen er vermuthete, daß sie mir nicht sehr angenehm sein würden.

»Allan,« sagte er, »du trägst nun die Robe – du hast, wenn ich mich kaufmännisch ausdrücken soll, deinen Laden eröffnet; du glaubst nun ohne Zweifel, der Boden der Gerichtshöfe wäre mit Guineen bestreut, und du dürftest dir nur die Mühe geben, dich zu bücken, um sie zu sammeln.«

»Ich fühle wohl, Vater,« sagte ich, »daß es mir noch an Wissen und an Uebung fehlt, und daß ich vor Allem streben muß, sie zu erlangen.«

»Wohl gesprochen,« antwortete mein Vater; doch weil er stets fürchtet, zu sehr aufzumuntern, so fügte er hinzu: »wohl gesprochen, Allan, wenn du nämlich auch darnach handelst. Nach Kenntniß und Uebung streben, das ist der rechte Wahlspruch. Du weißt aber, Allan, daß in der andern Fakultät, wo man die Ars medendi studirt, die jungen Doctores, ehe sie vor dem Krankenbette in Palästen stehen, wie sie sich ausdrücken, die Hospitäler besuchen müssen, daß sie erst den Lazarus von seinem Aussatze heilen müssen, ehe sie dazu gelangen, dem Dives etwas gegen Gicht und Magenschwäche verschreiben zu dürfen.– –«

»Ich bin es überzeugt, Sir, daß –«

»Still – unterbrich das Gericht nicht – Gut so haben auch die Wundärzte den löblichen Gebrauch, daß sie ihre Lehrlinge und Gehülfen sich an empfindungslosen, todten Körpern üben lassen, denen sie, wenn auch nichts Gutes, doch auch keinen Schaden zufügen können. Auf der andern Seite aber erlangt der Gehülfe oder der Lehrling eine gewisse Fertigkeit und Uebung, und lernt nach und nach einem lebenden Gegenstand einen Arm oder einen Fuß so glatt abzuschneiden, wie du eine Zwiebel schälst.«

»Ich glaube Sie zu verstehen, Sir,« erwiderte ich, »und wäre nicht eine besondere Verbindlichkeit –«

»Sprich mir nichts von Verbindlichkeiten, sondern sei stille – du bist ein guter Sohn – unterbrich also das Gericht nicht.«

Mein Vater pflegt, wie du weißt – mit aller kindlichen Ehrfurcht sei es gesagt – etwas weitschweifig in seinen Reden zu sein. Ich konnte also weiter nichts thun, als mich anlehnen und zuhören.

»Vielleicht denkst du, Allan, weil ich von meinen würdigen Clienten mit der Besorgung einiger Geschäfte beauftragt bin, so würde ich dir sie auch augenblicklich übertragen, und dir auf diese Weise, so weit nämlich meine kleinen Geschäfte und mein Einfluß reichen, sogleich eine nicht unbedeutende Praxis verschaffen; und freilich, Allan, hoffe ich auch den Tag noch zu erleben, an welchem es geschehen soll. Aber ehe ich, wie das Sprüchwort sagt, meine eignen Fische meinen eignen Seemöven vorwerfe, muß ich meines eignen Charakters wegen auch sicher sein, daß meine Seemöve sie tüchtig anpacken kann. Was sagst du dazu?«

»Ich bin so weit davon entfernt,« antwortete ich, »eine zu frühe Praxis zu wünschen, daß ich gern einige Tage dazu bestimmen möchte –«

»Zu weiterem Studio, willst du sagen, Allan. Aber das ist jetzt auch nicht der rechte Weg – du mußt die Hospitäler besuchen – mußt den Lazarus heilen – du mußt einen abgestorbenen Körper zerschneiden und zerlegen, um dadurch deine Geschicklichkeit zu bezeugen.«

Ich erwiderte: »Gewiß werde ich die Sache eines Armen mit Vergnügen übernehmen, und mir so viel Mühe dafür geben, als gälte es, einen Herzog zu vertheidigen; aber die nächsten zwei oder drei Tage –«

»Müssen ernstem Studio gewidmet werden, Allan – sehr ernstem Studio; denn du mußt dich vorbereiten, nächsten Dienstag in praesentias Dominorum einen öffentlichen Vortrag zu halten.«

»Ich, Sir?« erwiderte ich voll Erstaunen, – »ich habe ja meinen Mund noch nicht in der Vorhalle aufgethan.«

»Kümmere dich nichts um die unteren Instanzen, Freund,« sagte mein Vater; »wir wollen dich plötzlich in das Allerheiligste führen, über Stock und Stein.«

»Aber, Sir, wie leicht könnte ich nicht eine Sache verderben, die mir so plötzlich aufgetragen wird?«

»Du kannst sie nicht verderben, Allan,« sagte mein Vater, indem er sich vor Vergnügen die Hände rieb; das ist eben die Sache, Freund. Es ist, wie ich vorher sagte, ein Gegenstand, an welchem seit fünfzehn Jahren alle Gehülfen ihre Probestückchen abgelegt haben; und da schon zehn bis zwölf Advokaten in der Sache gearbeitet haben, von denen Jeder seinen eigenen Weg einschlug, so ist sie in einen solchen Zustand gerathen, daß weder Stair noch Arniston sie verbessern können; so kannst auch du, Allan, sie nicht verschlimmern – du kannst dir einen Ruf damit erwerben, aber keinen verlieren.«

»Und, ich bitte Sie, wie heißt denn mein glücklicher Client?« sagte ich ziemlich unfein, wie mir's deucht.

»Wohlbekannt ist sein Name im Parlamentshause,« sagte mein Vater, »ich erwarte ihn wirklich jeden Augenblick; es ist Peter Peebles.«

»Peter Peebles!« rief ich mit Erstaunen aus, »das ist ja der wahnsinnige Bettler – so arm wie Hiob, und so toll wie ein März-Hase.«

»Schon fünfzehn Jahre fährt er bei den Gerichten herum,« sagte mein Vater in mitleidsvollem Tone, der zu sagen schien, schon diese Thatsache wäre hinreichend, sich des armen Mannes Gemüths- und Vermögens-Umstände zu erklären.

»Ueberdieß, Sir,« fügte ich hinzu, »steht er auf der Armenliste, und Sie wissen, daß es bestimmte Advokaten gibt, die mit der Besorgung ihrer Angelegenheiten beauftragt sind; wie sollte ich mich nun hinein mischen? –«

»Still, Allan! – unterbrich das Gericht nicht – das ist Alles schon vorbereitet, wie ein Federball (mein Vater entlehnt manchmal seine Gleichnisse und Bilder aus dem, von ihm früher sehr geliebten Golfspiel) – du mußt nämlich wissen, daß Peters Rechtssache zuerst dem jungen Dumtoustie übertragen werden sollte – du kennst vielleicht den jungen Menschen, er ist ein Sohn des gleichnamigen Dumtoustie, welcher im Parlamente die Grafschaft ** vertritt, und ein Neffe vom jüngeren Bruder des Lairds, des ehrenwerthen Lord Bladderskate, was ihm eine fast sichere Anwartschaft auf Begünstigung und vielleicht auf eine Sheriffsstelle gibt, so gewiß wie aus einem kleinen Sieb ein großes werden kann. Heute Morgen kam also Sounders Drudgeit, des Lairds Schreiber, in der Parlamentshalle zu mir, als hätte er den Verstand verloren; denn es scheint mir, daß der junge Dumtoustie zum Armenadvokaten ernannt ist, und daß ihm vor Kurzem Peebles Prozeß übertragen wurde. Sobald aber die hirnlose Gans die Aktenstöße sah (und freilich, Allan, sind sie nicht von den kleinsten), bekam er Furcht, ließ sein Pferd satteln und eilte fort auf's Land; daher kömmt es, sagte Saunders, daß Mylord vor Scham und Aerger fast vergeht, da er sieht, wie sein Neffe beim Beginnen seiner Laufbahn auf und davon geht. »Ich will Euch etwas sagen, Saunders,« sagte ich, »wäre ich Mylord und ein Freund oder Verwandter von mir verließe während der Gerichtssitzungen die Stadt, so dürfte mir der Verwandte, oder was er auch sei, nie wieder meine Thür betreten.« Dann versuchte ich es, Allan, den Ballen uns zuzuschleudern; du, sagte ich, wärst ein aufgeweckter, scharfsinniger Vogel, der eben die Fesseln abgeworfen hätte, und wenn es dem Lord eine Gefälligkeit wäre, und so weiter, so würdest du nächsten Dienstag des Peters Sache führen, und die nothwendige Abwesenheit deines Freundes mit irgend einer sinnreichen Wendung entschuldigen, würdest z. B. sagen, wie viel der Gerichtshof sowohl als dein Client durch die Entfernung eines so tief gelehrten Sachwalters verliere. Saunders schnappte den Vorschlag auf, wie der Hahn ein Gerstenkorn, denn er sagte, das einzige Hülfsmittel, das noch übrig bliebe, wäre, eine ungeübte Hand in die Sache zu bringen, welche die aufgebürdete Last nicht zu beurtheilen verstände; denn es gebe keinen jungen Advokaten, der, wenn er auch nur zwei Sitzungen beigewohnt hätte, nicht todtkrank über Peter Peebles' Prozeß werden würde. Er rieth mir daher, dir die Sache schön vorzustellen; ich aber sagte ihm, du wärst ein guter Sohn, Allan, und hättest in solchen Dingen keinen andern Willen und kein anderes Vergnügen, als das mir gut dünke.«

Was konnte ich wohl, Darsie, gegen eine so wohlgemeinte, dabei aber so lästige Uebereinkunft sagen? Den Fehler und die Flucht des jungen Dumtoustie nachahmen, hieß mit einem Male die Hoffnungen meines Vaters zu Grunde richten; ja, so ernsthaft betrachtet er Alles, was Bezug auf meinen Beruf hat, daß ihm dieser Schritt das Herz brechen könnte. Ich konnte daher nichts weiter thun, als mich zum Zeichen einer kummervollen Einwilligung zu verbeugen, worauf mein Vater dem James Wilkinson befahl, die beiden Aktenstöße, welche auf seinem Tische lägen, herbeizuholen.

James geht ab und kommt bald darauf zurück, gebeugt unter der Last zweier großen, ledernen Säcke, die bis an den Rand mit Papieren gefüllt sind, auf deren Rückseite die Zauberformel des Gerichtsdieners steht: Peebles contra Plainstanes. Diese ungeheure Masse ward auf den Tisch hingelegt, und mein Vater, mit unendlicher Freude im Gesichte, fing an, die verschiedenen Aktenstöße hervorzuziehen, die nicht etwa mit rother Schnur oder dünnem Seil, sondern mit dicken, theerigten Stricken zugebunden waren, die schon ein kleines Boot fest am Anker hätten halten können.

Ich wagte einen letzten verzweifelten Versuch, mich der drückenden Frohnarbeit zu entziehen. »Ich fürchte wirklich, Sir, daß der Fall zu verwickelt und die Vorbereitungszeit zu kurz sein möchte, so daß wir wohl besser daran thäten, wenn wir den Gerichtshof dahin bewegten, es bis auf die nächste Session aufzuschieben.«

»Wie, Sir? – Was, Allan?« sagte mein Vater, »willst du zu gleicher Zeit billigen und mißbilligen, Sir? – Du hast nun einmal die Sache des armen Mannes angenommen, und hast du auch die Sporteln nicht in der Tasche, so liegt die Sache lediglich und allein darin, weil er keine bezahlen kann; und nun willst du sie in einem Athem annehmen und zurückweisen? Denk' an deinen Amtseid, Allan, und an deine Pflichten gegen deinen Vater, mein theurer Sohn.«

Noch einmal, was konnte ich sagen? – Ich sah an der heftigen, stürmischen Weise meines Vaters, daß ihn nichts mehr aufbringen könnte, als wenn er in der Sache, die er fest beschlossen hatte, Widerspruch fände. Ich erbot mich also nochmals, es sicher und auf jede Gefahr hin zu übernehmen.

»Brav, brav, mein Kind,« sagte mein Vater, »Gott gebe dir auch langes Leben auf der Erde, weil du die grauen Haare deines Vaters ehrst. Du kannst vielleicht einen vernünftigeren Rathgeber finden, aber gewiß keinen, der es besser meint.«

Du weißt, daß mein Vater in der Regel sehr sparsam mit dem Ausdrucke seiner Empfindungen ist; eben ihrer Seltenheit wegen haben sie um so viel größeren Werth. Meine Augen füllten sich mit Thränen, als ich die seinigen feucht erblickte; rein und ungetrübt wäre meine kindliche Freude gewesen, hätte nicht der Gedanke an dich mich durchdrungen. Wäre das nicht gewesen, so hätte ich mit den Aktenbeuteln leicht fertig werden wollen, und wären sie so groß wie Kornsäcke gewesen. Um aber das Ernste in's Lächerliche zu ziehen, öffnete sich die Thür, und Wilkinson schob den Peter Peebles herein.

Du mußt dieses Original schon gesehen haben, Darsie, das, gleich anderen in derselben Lage, immerfort in den Gerichtshöfen haust, wo er in Zeit, Vermögen und Verstand Schiffbruch litt. Solche verrückte Arme scheinen mir zuweilen einem Schiffswrack zu gleichen, der auf den Sandbänken von Goodwin oder an den Klippen von Yarmouth liegt, um andere Schiffe vor den Gefahren zu warnen, die sie in's Unglück stürzten; oder auch wie Vogelklappern und Feldscheuchen, die man im Gerichtshof aufstellt, die Narren von den Händeln zu entfernen.

Der erwähnte Peter also trägt einen ungeheuren Oberrock, der, obgleich völlig abgetragen und besteckt, doch mit den noch übrigen Knöpfen und einem Hülfscorps von Stecknadeln sorgfältig so geordnet und verwahrt ist, daß er den noch schlimmeren Zustand der Unterkleider bedeckt. Die Bauernschuhe und Strümpfe konnte man am Knie den schwarzbraunen Beinkleidern begegnen sehen; ein rostfarbiges Halstuch, das seiner Zeit schwarz gewesen sein mochte, umgab seinen Hals und sollte den Mangel an Wäsche ersetzen. Sein halb graues, halb schwarzes Haar drängte sich verworren unter einer ungeheuren flächsenen Perrücke hervor, die so zusammengeschrumpft war, daß sie kaum mehr die Spitze des Schädels bedeckte. Diese wird wiederum, wenn er sich bedeckt, von einem ungeheuren, aufgekrämpten Hut beschattet, der, gleich der Fahne eines Häuptlings, tagtäglich im regen, lebendigen Gewühl der Außenhalle hervorragt, wo sein übertriebenes Wesen ihn oft zum Mittelpunkt eines Haufens lärmender, ausgelassener Knaben macht, die jegliche Art erfindungsreicher Qualen an ihm ausüben.

Seine Züge, ursprünglich die eines gesetzten, ehrenwerthen Bürgers, sind nun von Armuth und Druck verzerrt und haben durch ein verrücktartiges Rollen des Auges einen wilden Ausdruck bekommen; seine Haut ist gelb und runzlich, aus seinen Zügen spricht der den Tollen eigentümliche Ausdruck der Selbstgenügsamkeit, dabei hat er die Gewohnheit, immer von sich selbst zu reden. So war mein glücklicher Client beschaffen, und ich muß es gestehen, Darsie, daß mein Beruf viel gut machen muß, wenn er, wie ich sehr fürchte, viele Menschen in solches Elend stürzt.

Nachdem wir uns, ziemlich förmlich, gegenseitig vorgestellt worden waren, wobei ich deutlich bemerkte, daß mein Vater den Stand und den Charakter des Peter, so viel als es nur die Umstände erlaubten, in meinen Augen zu erhöhen suchen wollte, sagte er: »Allan, das ist der Gentleman, der dich statt des jungen Dumtoustie zum Advokaten annehmen will.

»Blos aus Rücksicht gegen meinen alten Bekannten, Euren Vater,« sagte Peter mit einem herablassenden, gönnerartigen Wesen, »blos aus Achtung gegen Euren Vater und wegen meiner Busenfreundschaft mit Lord Blatterskatte. Denn sonst, bei der Regiam Majestatem! hätte ich eine Bitt- und Klagschrift eingereicht gegen den Daniel Dumtoustie, Advokaten, mit Vor- und Zunamen. – Ja, das hätte ich sicherlich gethan. – Ich kenne die Prozeßformen und mit mir ist nicht zu spassen.«

Hier unterbrach mein Vater meinen Clienten und erinnerte ihn daran, wie viele Geschäfte noch abzumachen wären, da er sich vorgenommen hätte, dem jungen Consulenten eine Skizze vom Status des verwickelten Prozesses, und eine Einsicht in die Hauptpunkte, abgesehen von den Formen, zu geben. »Ich habe einen kurzen Auszug davon gemacht, Mr. Peebles,« sagte er, »und habe die Nacht und einen Theil des Morgens damit zugebracht, diese Papiere zu durchwühlen, um meinem Allan diese Mühe zu ersparen, nun will ich über das Resultat Bericht erstatten.«

»Ich will es ihm selbst vortragen,« unterbrach Peter seinen Anwalt, ohne alle Ehrfurcht.

»Nein, keineswegs,« sagte mein Vater, »für jetzt bin ich Euer Sachwalter.«

»Mein Eilfter der Zahl nach,« sagte Peter, »denn jedes Jahr habe ich einen neuen; ich wollte, ich könnte ebenso sicher jedesmal auf einen neuen Rock rechnen.«

»Also ich bin Euer zeitweiliger Agent,« sagte mein Vater, »und da Ihr mit den Formen bekannt seid, so müßt Ihr auch wissen, daß der Client dem Sachwalter Bericht erstattet und der Sachwalter wieder dem Advokaten.«

»Der Advokat dem Richter erster Instanz, der Richter erster Instanz dem inneren Gerichtshof, der Präsident der Bank. Es ist gerade wie: das Seil an dem Mann, der Mann an dem Ochsen, der Ochse an's Wasser, das Wasser in's Feuer.« –

»Still, um's Himmels willen, Mr. Peebles,« sagte mein Vater, indem er ihm den Faden der Kette abschnitt: »die Zeit drängt, wir müssen an die Arbeit gehen – man darf das Gericht nicht unterbrechen, wie Ihr wißt. – Hm, hm! Aus dem Auszug also erhellt –«

»Ehe Ihr anfangt,« sagte Peter Peebles, »würdet Ihr mir eine Gefälligkeit thun, wenn Ihr mir ein Stück Brod und Käse, oder kalte Küche, oder Brühe, oder sonst einigen Mundvorrath bringen lassen wolltet; ich habe mich so sehr geeilt, Euren Sohn zu sprechen, daß ich keinen Bissen zu Mittag aß.«

Herzlich froh, eine so gute Gelegenheit zu haben, seinem Clienten, im buchstäblichen Sinne des Worts, das Maul zu stopfen, beeilte sich mein Vater, einige kalte Speisen herbeibringen zu lassen, zu welchen Wilkinson, der Hausehre wegen, eine Flasche Branntwein hinzufügen wollte, die er aber, auf einen Wink meines Vaters, mit einem Bierkrug vertauschen mußte. Peter verschlang die Speisen mit der Raubgier eines ausgehungerten Löwen. Das Mahl aber nahm seine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, daß, während mein Vater über seinen Prozeß berichtete, er ihn mehrmals ansah, als wollte er seinen Bericht verbessern, es aber nie über sich vermochte, seinem Munde die angenehmere Beschäftigung zu entziehen, und immer wieder zu seinem kalten Braten mit einem Heißhunger zurückkehrte, der mich überzeugte, daß er seit vielen Tagen keine solche Gelegenheit gefunden haben mußte, seinen Hunger zu stillen. Mit Auslassung aller Weitläufigkeit und vieler gesetzlichen Formen, will ich es versuchen, dir die Geschichte eines Prozeßkrämers, oder vielmehr die Geschichte seines Rechtsstreits, im Tausch für deine Fiedlers-Geschichte, zu erzählen.

Peter Peebles und Paul Plainstanes traten im Jahr – in eine Handelsgesellschaft als Kaufleute und Leinwandhändler im Luckenbooth, und machten zu beiderseitigem Vortheil eine Reihe bedeutender Geschäfte. Aber dem gelehrten Advokaten braucht man wohl nicht erst zu sagen, daß societas est mater discordiarum, »Associren führt zum Prozessiren.« Als sich nämlich im Jahr – die Handelsgesellschaft mit beiderseitiger Einwilligung auflöste, brach der Streit aus, und nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Sache außergerichtlich beizulegen, ward sie endlich in mehreren unabhängigen Prozessen vor das Gericht gebracht, das seiner Seits wiederum mehrere dieser Prozesse schlichten wollte. Die Aufmerksamkeit des Advokaten muß hauptsächlich nur dem Zustande der respectiven Prozesse zugewendet werden. Zu Grunde liegt eine Original-Akte des Peebles contra Plainstanes, worin er diesen wegen der Zahlung einer Summe von 3000 Pfund belangt, als angeblicher Saldo der Bilanz zu seinen Gunsten. 2) Findest du hier eine Gegenklage, in welcher Plainstanes Kläger, Peebles aber Angeklagter ist, eine Summe von 2500 Pfund betreffend, als dem ihm von Peebles per contra gutkommenden Bilanzsaldo. 3) Ein Antrag des siebenten Advokaten des Mr. Peebles, die Posten der gegenseitigen Rechnung zu untersuchen und die für richtig befundenen Posten genau aufzustellen. 4) Um zweifelhaften Fällen zuvorzukommen, und um die Bilanz des Plainstanes zum Nachtheil des Mr. Peebles zu untersuchen, schlug Mr. Wildgoose, Peebles' achter Advokat, ein Multiple poinding Wahrscheinlich was wir in unserem Rechtsausdruck ein Moratorium nennen. Anm. des Uebers. vor, um alle Parteien in die Sache zu verwickeln.

Mir schwindelte es bei dem Bericht der vielen Prozesse in den Prozessen, die wie die Schachteln ineinander steckten, und mit denen ich mich sämmtlich bekannt machen sollte.

»Ich begreife wohl,« sagte ich, »daß Mr. Peebles den Plainstanes um eine Geldsumme belangt – wie kann er denn aber alsdann sein Schuldner sein? Und ist er sein Schuldner nicht, wie kann er ein Multiple poinding fordern, da das Verlangen schon voraussetzt, daß der Bittsteller Geld schuldig ist, das er in gerichtlichen Terminen zahlen will?«

»Ich glaube, Ihr versteht wenig von der Sache, mein Freund,« sagte Mr. Peebles, »ein multiple poinding ist das beste remedium juris in der ganzen Rechtsordnung, ich habe es schon in Verbindung mit einer Heirathsanzeige gesehen. – Euer Rindfleisch ist köstlich,« sagte er zu meinem Vater, der umsonst den Faden seiner gerichtlichen Auseinandersetzung wieder anzuknüpfen suchte: »nur etwas zu stark gesalzen – auch das Zweipfennigbier ist tadellos; nur ein wenig zu schwach – mehr Hopfen als Malz. – Mit Eurer Erlaubniß will ich jetzt die dunkle Flasche da versuchen.«

Mein Vater wollte ihm selbst und zwar mit Maß und Ziel einschenken, aber zu meiner unendlichen Freude setzte sich Peter früher als er in den Besitz der Flasche, und meines Vaters Begriffe von Gastfreundschaft sind viel zu strenge, als daß er es versucht hätte, sich ihrer auf irgend eine Weise wieder zu bemeistern. So kehrte Peter triumphirend wieder zu seinem Tische zurück, die Beute in den Klauen.

»Es wäre besser, ein Weinglas zu nehmen, Mr. Peebles,« sagte mein Vater in einem zurechtweisenden Tone, »Ihr werdet finden, daß er sehr stark ist.«

»Ist die Kirche zu voll, so singt man die Messe im Chor,« sagte Peter, indem er sich in denselben Becher einschenkte, aus welchem er das Halbbier getrunken hatte. »Was ist das, Usquebaugh? – Branntwein, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin! ich hätte fast den Namen und den Geschmack des Branntweins vergessen. – Herr Fairford der Aeltere, Euer Wohlsein (ein Schluck Branntwein), – Herr Allan Fairford, ich wünsche Euch Glück zu Eurem muthvollen Unternehmen (wieder ein tüchtiger Zug). – Und nun, obschon Ihr einen erträglichen Auszug dieses großen Rechtsstreits, von dem Jeder, der nur je die Schwelle der Außenhalle betrat, gehört haben muß, gegeben habt – (wieder auf Eure Gesundheit als Zwischenbescheid), so ist es Euch doch entfallen, ein Wort von der Verhaftung zu sprechen.«

»Ich wollte eben diesen Punkt berühren, Mr. Peebles.«

»Aber der Aufschub der Prozeßkosten?«

»Da komme ich eben hin.«

»Aber die Vertheidigung des Prozesses vor dem Sheriff?«

»Da komme ich eben dran.«

»Ja, wie die Tweed nach Melrose kömmt, glaube ich,« sagte der Prozeßkrämer, und füllte, wie in Gedanken, den Becher viertelsvoll mit Branntwein. »Ach, Mr. Allan Fairford, welch' ein glücklicher Mann seid Ihr doch, gleich beim Beginnen Eurer Laufbahn einen Prozeß wie den Meinigen zu führen. Er ist gewissermaßen eine Musterkarte aller anderen, Freund. Beim Himmel, es gibt im ganzen römischen und schottischen Recht auch nicht ein remedium juris, wovon Ihr nicht hier ein Pröbchen fändet. Also auf den Wunsch, daß Ihr glücklich durchkommt – Pschah – ich trinke, glaube ich, reinen Spiritus. Nun, wenn der Heide allzu stark ist, so wollen wir ihn mit Bier taufen (hier goß er ein wenig Bier in sein Getränk, schwieg, rollte die Augen, gab mir einen Wink und fuhr fort). Ja, Mr. Fairford – der Sturm und Angriff, Mr. Fairford, als ich den elenden Plainstanes so lange reizte, bis er mir kaum zwei Schritte von König Karls Statue, im Vorhof des Parlaments, die Nase entzwei schlug – da hatte ich ihn mit seinem eigenen Netze gefangen. Denn Niemand konnte mir sagen, wie ich den Prozeß angreifen müßte – kein Advokat, so sehr sie sonst mit Wind handeln, wollte sich herablassen, mir zu sagen, ob es besser wäre, eine Bitt- oder eine Klag-Schrift ad vindictam publicam einzureichen und zwar mit Bewilligung des Advokaten Sr. Majestät, oder mich auf die Statuten über Schlägereien pendente lite zu stützen, was mich meinen Prozeß mit einem Male gewinnen lassen, und mir eine Hinterthür geöffnet hätte, dem gerichtlichen Verfahren zu entgehen. Beim Himmel, das Rindfleisch und der Branntwein sind ganz wie ich sie wünsche. – Ich muß nur wieder einmal das Bier versuchen (er schenkt sich ein wenig Bier ein); doch weil das Bier zu kalt ist, so will ich auch den Ueberrest des Branntweins hineinschütten.

Er hielt pünktlich Wort, und setzte seinen Vortrag auf eine so lebhafte, hitzige Weise fort, schlug auf den Tisch, trank und schnupfte abwechselnd, so daß mein Vater alle Hoffnung aufgab, ihn zur Ruhe zu bringen, und still und beschämt, leidend und ängstlich den Schluß der Scene abwartete.

»Um also wieder auf meinen Lieblingsprozeß zurückzukommen – auf meinen Sturm- und Prügelprozeß, als mir das Glück so günstig war, ihn so weit zu reizen, daß er mir die Nase an der Schwelle des Gerichts entzwei schlug, was mir gerade sehr gelegen kam – Mr. Pest, Ihr kennt ihn doch, Fairfordchen? – der alte Mr. Pest sagte, es constituire eine Verletzung des Hausrechts, denn man könne den Gerichtshof eigentlich – ja – ei – gent – lich – wäre er mein Wohnhaus. Ich wohne dort mehr als sonst an einem Orte, und der wesentlichste Punkt einer Hausrechtsverletzung ist, einen Mann in seinem Wohnhause zu prügeln. Merkt Euch das, junger Mann, denn so ist noch Hoffnung vorhanden, daß der Plainstanes gehängt werden kann, wie schon mancher Andere um ein Geringeres baumeln mußte. Denn Mylords – wird Pest zu den Richtern sagen, – Mylords, die Parlamentshalle ist Peebles' Wohnort, sagt er. – Da sie commune forum ist, und commune forum est commune domicilium. – Heda, Bursche, bring' mir noch ein Glas Branntwein und schreib's an. – Es ist Zeit, heim zu gehen. – Beim Teufel, ich kann den Krug nicht mehr finden – doch meine ich, es wären ihrer zwei da gewesen. Bei der Regia, Fairford – liebes Fairfordchen – leihe mir zwei Pfennige, um mir Schnupftabak zu kaufen, denn meiner ist alle. – Heda, Gerichtsdiener, ruf' eine andere Sache vor.« –

Die Dose fiel ihm aus der Hand, und sein Körper würde zu gleicher Zeit vom Stuhle gefallen sein, wenn ich ihn nicht gehalten hätte.

»Das ist unausstehlich,« sagte mein Vater. – »James Wilkinson, ruf' doch einen Sänftenträger, daß er das erniedrigte, achtlose, betrunkene Vieh heim trägt.«

Nachdem Peter Peebles mit Hülfe eines vierschrötigen Lastträgers aus dieser merkwürdigen Consultation weggeschafft worden war, band mein Vater schnell wieder seine Papiere zusammen, wie ein Taschenspieler, dem seine Kunststücke mißlungen sind, sich beeilt seine Siebensachen einzupacken. »Hier sind meine Memoranda, Allan,« sagte er eiliger Weise; »sieh sie sorgfältig durch, vergleiche sie mit den Akten, und arbeite es bis Dienstag sorgfältig in deinem Kopfe aus. Schon manche gute Rede ward für ein Vieh von einem Clienten gehalten; und höre, Bursche, – höre. – Ich hatte nie die Absicht, dich nach beendigter Sache um deine Sporteln zu bringen, obgleich ich gern erst deine Rede gehört hätte; aber besser ist's doch, das Pferd noch vor der Reise zu füttern. Da hast du fünf Guineen in einem seidenen Beutelchen – es ist noch eine Arbeit von deiner seligen Mutter, Allan. – Wie glücklich wäre nicht das arme Weib gewesen, wenn sie die Freude erlebt hätte, ihren jüngsten Sohn die Amtskleidung tragen zu sehen. – Aber nichts mehr davon. – Sei ein braver Bursche und arbeite wie ein Tiger!«

Ich machte mich an die Arbeit, Darsie; denn wer könnte solchen Beweggründen widerstehen? Mit Hülfe meines Vaters habe ich jetzt alle Einzelnheiten des Rechtsstreits inne, so verwickelt sie auch sind; und nächsten Dienstag will ich für den Peter Peebles plaidiren, als wäre er ein Herzog. Ja, der Gegenstand liegt mir so klar vor Augen, daß ich im Stande war, dir diesen großen Brief zu schreiben, in welchen sich jedoch der Peter und sein Rechtsstreit so sehr eingeschlichen haben, daß du wohl daraus ersehen kannst, wie sehr sie gegenwärtig meine Gedanken beschäftigen. Also noch einmal, hab' Acht auf dich, gedenke meiner, der stets mit gleicher Freundschaft ist

dein
Allan Fairford.

*

Einiger Umstände wegen, welche in der Folge erzählt werden sollen, verstrich eine geraume Zeit, ehe dieser Brief an die Person gelangen konnte, für die er bestimmt war.

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