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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
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Zwölfter Brief.

Derselbe an Denselben.

Ich setze meine weitläufigen Schreibereien immer fort, obschon der Gegenstand nicht immer sehr anziehend sein mag. Möge also die Anmuth der Erzählung, und der Antheil, den wir gegenseitig an unserem Schicksal nehmen, die Geringfügigkeit der Dinge selbst auswägen. Wir Thoren unserer Einbildungskraft lassen uns, wie Malvolio, gern von unseren eigenen Luftschlössern täuschen, doch haben wir wenigstens den Vortheil vor den Weisen der Erde, daß die Summe aller Vergnügungen und Genüsse uns stets zu Gebote steht, und daß wir uns ohne Beihülfe der äußeren Gegenstände zu allen Zeiten geistige Gastmähler auftischen können. Freilich gleichen sie dem Mahle, das der Barmecide dem Alnaschar anbot, und wir werden bei dieser Diät nicht eben sonderlich wohlbeleibt werden. Dafür aber bringen sie weder den Ekel noch den Ueberdruß hervor, welche die gewöhnlichen Folgen sinnlicherer Genüsse sind. Darum bete ich immer mit Ode vom Schloß Building:

»Gib mir die Hoffnung, die das Herz nicht zehret.
»Gib mir den Schatz, der nicht verfliegt.
»Gib mir das Glück, das Phantasie gewähret.
»Und eine Freundschaft, die nicht trügt.«

Darum werde ich also, trotz deines feierlichen Lächelns, trotz deines weisen Kopfschüttelns, immer fortfahren, meinen einförmigen Abenteuern so viel Interesse unterzuschieben, als ich nur kann, und sollte dieses Interesse selbst ein Geschöpf meiner Einbildungskraft sein. Nicht einmal deine heilig blinkenden Augen will ich mit der Mühe verschonen, das Papier zu durchlesen, das meine Erzählungen enthält.

Mein Letztes endete damit, daß wir im Begriff waren, in das Thal von Broken-Burn durch dieselbe gefährliche Schlucht hinabzusteigen, die ich früher en croupe hinter einem wüthenden Reiter kennen lernte, und deren Gefahren ich jetzt wieder, unter der unsicheren Leitung eines Blinden, Trotz bieten wollte.

Es ward dunkel, doch war das für meinen Führer kein Hinderniß, der wie bisher mit gleicher Sicherheit des Schrittes einherging, so daß wir bald das Ende der Kluft erreichten, wo ich in meinem früheren Aufenthaltsort die Lichter flimmern sehen konnte. Aber nicht dahin ging unser Weg. Wir ließen die Wohnung des Lairds zur Linken liegen, folgten dem Laufe des Baches und erreichten bald einen kleinen Weiler, welcher an der Mündung des Flusses (wahrscheinlich der Bequemlichkeit wegen, die er den Fischerbooten darbot) erbaut war. Ein langes, niedriges Gebäude, dessen Fronte gerade vor uns lag, war hell erleuchtet, und das Licht schimmerte nicht nur aus jeglichem Fenster und jeglichem Ritze der baufälligen Wände, sondern sogar aus den Löchern und Rissen des Daches, das zum Theil mit Dachziegeln gedeckt, zum Theil mit Moos und Stroh bedeckt war.

Während diese Erscheinung meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, ward die meines Gefährten von regelmäßig folgendem Fußstampfen, vermischt mit einem schwachen musikalischen Tone, angezogen, welches Willie's geübtes Hörorgan schon deutlich unterschied, während ich es noch kaum hörte. Mit heftiger Leidenschaft stieß der alte Mann den Stock auf die Erde. »Die lüderliche Fischersbrut! Sie haben mir einen anderen Geiger in den Weg gestellt! Erzschmuggler! Müssen sie gar in der Musik ihren Schleichhandel treiben; aber bei mir sollen sie schlimmer wegkommen, als bei allen Mauthbeamten in der Grafschaft. Still – horch – es ist doch keine Violin – es ist der Pfeifen- und Trommeln-Bastard Simon von Sowport vom Nicols-Walde; aber ich will ihn bepfeifen und betrommeln! Laßt mich nur erst die linke Hand an seinem Halstuch haben, so sollt Ihr schon sehen, was die Rechte thun wird. Komm nur – Bürschchen, – komm nur – liebes Bürschchen – es ist jetzt keine Zeit dazu, sorgfältig die Schritte zu wühlen.« Er eilte dahin mit großen, sicheren Schritten und zog mich nach.

Mir war es nicht ganz wohl in seiner Gesellschaft; denn nun, da sein Meistersängerstolz beleidigt war, veränderte sich das ruhige, anständige, ich möchte fast sagen, ehrwürdige Aussehen des Greises in das eines stolzen, prahlerischen und lüderlichen Landstreichers, so daß ich beim Eintritt in die Hütte, wo eine große Anzahl von Fischern mit Weibern und Töchtern aßen, tranken und tanzten, sehr befürchten mußte, die Heftigkeit meines Gefährten möchte uns einen übeln Empfang bereiten.

Aber das allgemeine laute Willkommen, mit welchem der wandernde Willie empfangen ward – das herzliche Glückwünschen, der wiederholte Ruf: »Seid Ihr da, Willie! – Wo habt Ihr denn gesteckt, blinder Gesell? – Das Trinken auf seine Gesundheit, endlich vorzüglich die Eile, mit der man die widerwärtige Pfeife und die Trommel verstummen ließ, gaben dem alten Manne so kräftige Beweise seiner unverminderten Volksthümlichkeit und seines Gewichts, daß seine Eifersucht sich plötzlich legte, und er den Ton beleidigender Würde in einen anderen umänderte, der passender war, einen herzlichen Empfang zu erwidern. Die jungen Männer und Frauen versammelten sich, um ihm zu sagen, wie sehr sie gefürchtet Hütten, es möchte ihm ein Unfall begegnet sein, und daß sie zwei oder drei junge Leute ausgeschickt hätten, um ihn zu suchen.

»Kein Unfall ist mir, Gott Lob, begegnet,« sagte Willie, »nur das Ausbleiben des faulen Schlingels, des herumstreifenden Robins, meines Kameraden, der auf den Dünen zu mir kommen sollte, hielt mich auf. Aber ich habe einen tüchtigen Stellvertreter für ihn bekommen, dir wohl ein Dutzend solcher Galgenstricke werth ist.«

»Wen hast du denn aufgetrieben, alter Willie?« fragten ein halb Dutzend Stimmen, während sich aller Augen auf deinen gehorsamen Diener richteten, der so gut wie möglich die Fassung zu behalten suchte, obgleich es ihn eben nicht gar sehr erfreute, der Mittelpunkt zu werden, nach welchem sich alle Augen richteten.

»Ich kenne ihn am gesäumten Halstuch,« sagte ein Bursche: »es ist Gil Hobson, der gewandte Schneider aus Burgh. – Willkommen in Schottland, Meister Nadelöhr,« schrie er, indem er eine ungeheure Pfote, schwarz wie der Rücken eines Dachses, ausstreckte.

»Gil Hobson? ja Gil Teufelssohn!« schrie der wandernde Willie; »es ist ein netter Bursche, ich halte ihn für einen Lehrling des Josua Geddes im Quäkerhandwerk.«

»Was mag das für ein Handwerk sein, Freund?« fragte der Dachsbraunfaustige.

»Beten und Singen,« – sagte Willie, was ein donnerndes Lachen hervorbrachte; »ich aber will den Gesellen ein besseres Geschäft lehren, nämlich Zechen und Geigen.«

Daß Willie etwas von meinem wirklichen Stande verrieth, war gegen die Abrede; doch freute es mich, daß er es that, denn im Fall einer Entdeckung Hütte uns Beiden bei diesen rauhen, wilden Menschen unsere List übel zu stehen kommen können, auch überhob es mich der Mühe, einen angenommenen Stand zu behaupten. Die gute Gesellschaft bekümmerte sich nicht weiter um mich, ein oder zwei Frauenzimmer vielleicht ausgenommen, die bessere Bekanntschaften zu suchen schienen; aber während die Aelteren wieder ihre Plätze bei einer ungeheuren Bowle oder vielmehr bei einem dampfenden Kessel mit Branntweinpunsch einnahmen, ordneten sich die Jüngeren, und riefen dem Willie, ihnen aufzustreichen.

Nach einer mir gegebenen Ermahnung: »meinem Rufe Ehre zu bringen, denn die Fischer hätten gute Ohren, wenn auch die Fische keine hätten,« fing Willie kräftig zu geigen an, und ich accompagnirte ihn, wie es schien, gar nicht zu seinem Mißfallen, denn er gab mir hier und da einen beifälligen Wink. Die Tänze bestanden meistens in schottischen Bauerntänzen, Walzern und dergleichen; fehlte es den Theilnehmern auch an Anmuth, so ersetzte sie doch der richtige Takt, die Kraft und die Gewandtheit des Schrittes, und die den Nordländern eigene Beweglichkeit in reichlichem Maße. Auch meine Freude stieg mit der allgemeinen Fröhlichkeit, durch Willie's musterhaftes Spiel und durch sein häufig wiederholtes: »brav gemacht, lieber Schatz, recht brav.« – Ja, ich muß es gestehen, ich empfand bei dem ländlichen Feste ein bedeutend größeres Vergnügen, als auf den steifen Bällen und Conzerten, die ich in Eurer hochberühmten Stadt besuchte. Vielleicht kam es auch daher, daß ich der Ton angebenden Dame von Broken-Burn wichtiger sein mochte, als ich es der weitberühmten Miß Nickie Murray, der Königin Eurer Edinburger Feste, je sein konnte. Die Person, welche ich meine, war eine niedliche Dame von ungefähr 30 Jahren, ihre Finger waren mit vielen silbernen und drei bis vier goldenen Ringen geziert; unter ihren vielen blauen, weißen und scharlachrothen Unterröcken erblickte man bis weit über dem Knöchel ihren schön geformten Fuß in den feinsten weißen Strümpfen von Lammwolle und Corduanschuhen mit silbernen Schnallen. Sie schien mir in Gnaden gewogen und äußerte: »der wackere, junge Gentleman sollte sich nicht zu todt geigen, sondern auch ein paar Mal mit herumtanzen.«

»Und was soll denn aus mir werden, Frau Martin?« sagte Willie.

»Aus dir?« sagte die Dame; »der Tausend hole dich, alter Krausbart! Du könntest wohl zwanzig Stunden lang in einem fort spielen, und die ganze Landschaft mit Tanzen ermüden, ehe du deinen Bogen niederlegst, einen Labetrunk oder so etwas ausgenommen.«

»Wahrhaftig, Madame,« antwortete Willie, »Ihr habt nicht ganz unrecht; »wenn also mein Kamerad tanzen soll, so schafft mir nur meinen Schoppen, und dann geht meinetwegen mit ihm auf und davon, wie Magda Middlebie.«

Der Trank ward bald herbeigeschafft; aber während Willie sich daran ergötzte, erschien eine Gesellschaft in der Hütte, die plötzlich meine Aufmerksamkeit auf sich zog, und den Gedanken an die galante Artigkeit verdrängte, mit welcher ich mir vorgenommen hatte, der rothwangigen, wohlgebildeten, weißfüßigen Thetis, die mir die Entlassung von meinem musikalischen Berufe ausgewirkt hatte, meine Hand zu reichen.

Es war nämlich nichts Geringeres, als die plötzliche Erscheinung des alten Weibes, das der Laird Mabel genannt hatte, des Christal Nixon, seines männlichen Dieners und der jungen Dame, welche das Gebet sprach, als ich bei ihm zu Abend aß.

Dieses junge Frauenzimmer – Allan, du bist in deiner Art ein Hexenmeister – dieses junge Frauenzimmer, das ich nicht beschrieb und das du eben deßwegen für einen mir nicht gleichgültigen Gegenstand hieltest – ist es auch, ich sage es ungern, nicht so völlig, wie die Klugheit es gebieten würde. Ich kann es dieses Mal nicht Liebe nennen, denn zu oft gebrauchte ich das Wort bei vorübergehenden Launen und Einbildungen, als daß ich deinem Spotte entgehen könnte, wenn ich das Gefühl so nenne, das mich jetzt beseelt. Denn ich muß es gestehen, nach den Jahren zu rechnen, die an mir vorüber flogen, habe ich den Ausdruck ein wenig zu oft gebraucht (ein Romantiker würde sagen entweiht). Aber im Ernst, der schöne Kaplan von Broken-Burn hat meinem Kopfe oft Besuche abgestattet, wenn er ganz und gar nichts darin zu suchen hatte. Findest du darin den Schlüssel zu den Gründen, die mich bewegen konnten, im Lande umherzustreichen, und mich für Willies Gefährten auszugeben; in Gottes Namen, so gebrauche ihn – für die Erlaubniß brauchst du nicht zu danken, denn in jedem Falle hättest du es doch gethan, erlaubt oder nicht. So stand es mit meinen Gefühlen, und nun denke dir, was mich durchdrungen haben muß, als, gleich wie die Strahlen der Sonne die Wolken zertheilen, ich das entzückend schöne Mädchen in den Tanzsaal treten sah, nicht als käme sie zu ihres Gleichen, sondern einer Gebieterin gleich, die mit ihrer Gegenwart das Freudenfest der Untergebenen verherrlichen will. Der alte Mann und die Frau folgten ihr mit eben so finsteren Blicken, als die ihrigen liebreich waren; es schien, als ob zwei rauhe Wintermonate Begleiter des hold lächelnden Mai's wären.

Als sie eintrat, trug sie – erstaune Allan – einen grünen Mantel, genau so wie du die Hülle deiner schönen Clientin beschriebst, was meine Vermuthung noch bestätigte, daß nämlich mein Carlau und deine Unbekannte ein und dieselbe Person wären. Kaum erkannte sie mich, als ihre Stirne sich auch schon sichtlich verfinsterte. Sie gab der weiblichen Dienerin ihren Mantel, und nach einem Augenblick, in welchem sie zu schwanken schien, ob sie vor- oder rückwärts gehen sollte, trat sie mit würdiger Ruhe in das Zimmer. Alles wich ehrerbietig auf die Seite, die Männer zogen die Mützen ab, die Frauen verbeugten sich tief, bis sie sich auf einen Stuhl niederließ, der achtungsvoll fern von den übrigen gestellt worden war.

Dann entstand eine Pause, bis endlich die geschäftige Ceremonienmeisterin mit schüchterner, aber herzlicher Höflichkeit der jungen Lady ein Glas Wein anbot, welches diese erst ablehnte, dann nur in so fern annahm, daß sie sich gegen die sämmtliche Gesellschaft verneigte, und ihnen sämmtlich Gesundheit und Freude wünschte; hierauf berührte die schöne Besucherin den Rand des Glases mit ihren Lippen und stellte es wieder auf den Teller hin. Wieder eine Pause entstand, und so verwirrt hatte mich die unerwartete Erscheinung gemacht, daß ich nicht daran dachte, daß es mir zukäme, sie zu unterbrechen. Endlich entstand ein allgemeines Murren, da man der früheren Unterredung zufolge erwartete, daß ich den Reigen beginnen, ja sogar ausführen sollte.

»Der Teufel steckt in dem Geigersbuben,« brummte man von mehr als einer Seite her – »hat einer je einen so unverschämten Fiedler gesehen?«

Endlich schrie mir ein ehrwürdiger Tritone, der seinen Vorstellungen mit einem tüchtigen Schlag auf die Schulter Nachdruck gab, laut zu: »Auf den Tanzboden – auf den Tanzboden, zeigt wie Ihr springen könnt – schaut doch, wie die Mädchen warten!«

Ich fuhr in die Höhe, sprang von dem erhöhten Sitze, der unser Orchester vorstellen sollte, hinab, ordnete meine Gedanken so schnell wie möglich, nahete mich dem obern Ende des Zimmers, und statt meine Hand der oben erwähnten weißfüßigen Thetis zu reichen, faßte ich mir ein Herz, und bot sie der Lady von Grünmantel an.

Die lieblichen Augen der Nymphe schienen sich ob der Kühnheit meines Anerbietens vor Erstaunen zu erweitern, und dem Gemurmel nach zu urtheilen, daß ich um mich herum hörte, versetzte es die Zuschauer in eine eben so große Verwunderung, wenn es sie nicht gar beleidigte. Aber nachdem sie sich von dem Gefühle, das sich ihrer im ersten Augenblicke bemächtigt hatte, erholte, erhob sie das Haupt, und indem sie sich stolz erhob, wie Jemand, welcher zeigen will, daß er seine große Herablassung fühlt, reichte sie mir die Hand, einer Fürstin gleich, welche einem geringen Ritter huldreich eine Gnadenbezeugung gewährt.

Wenn der Grünmantel die Wahrheit gesprochen hat, dachte ich in meinem Herzen, so ist das eitel Ziererei. Denn junge Damen machen doch keine Besuche und schreiben keine Briefe, um einen Rechtsgelehrten zu bewegen, sich in die Handlungen eines Mannes zu mischen, an welchem ihnen so wenig liegt, wie diese Nymphe es mich fühlen läßt. Sollte mich auch die Aehnlichkeit der Mäntel täuschen, so muß ich mich doch immer der Auszeichnung würdig zeigen, mit welcher sie mich mit so viel Stolz und Zurückhaltung begnadigt hat. Der Tanz, welcher eben beginnen sollte, war der alte schottische Jigg, in welchem ich, wie du wohl weißt, bei la Pique keine üble Figur zu spielen pflegte, während deine ungeschickten Bewegungen deinen Knochen häufig Fidelbogenstreiche des großen Professors zuzogen. Die Wahl der Melodie ward meinem Gefährten Willie überlassen, der, als er seinen Trunk beendigt hatte, spitzbübischer Weise das wohlbekannte Volkslied aufspielte:

»Lustig tanzte des Quäkers Weib,
Und lustig tanzte der Quäker.«

Ein schallendes Gelächter brach auf meine Kosten aus, und ich würde mich vernichtet gefühlt haben, wenn nicht ein Lächeln, das die Lippen meiner Tänzerin umschwebte, fern von Spott mir sagen zu wollen schien: »nimm dir das nicht zu Herzen.« Auch that ich es keineswegs, Allan – meine Tänzerin tanzte wunderbar, und ich wie Einer, der, wenn er schon weiß, daß er übertroffen wird, doch nicht ganz verdunkelt werden möchte.

Sicher verdienten unsere Leistungen sowohl, als auch Willie's Musik gebildetere Zuhörer und Zuschauer; dann aber hätte uns auch kein so schallender Beifall begrüßt, wie der, welcher uns zu Theil ward, als ich meine Tänzerin auf ihren Platz zurückführte, und einen Sitz neben ihr einnahm, wie Jemand, der ein Recht dazu besitzt, die bei solchen Gelegenheiten gewöhnlichen Aufmerksamkeitsbezeugungen zu erweisen. Sie schien sichtlich verlegen, ich aber war fest entschlossen, es nicht zu bemerken, bis ich eine Gelegenheit finden würde, zu erfahren, ob in der schönen Form auch eine schöne Seele wohne.

Doch aber, so kühn auch der Entschluß gefaßt wurde; so kannst du dir doch nur zu gut die Schwierigkeiten vorstellen, die sich seiner Ausführung entgegen stellten; da es mir stets an Umgang mit den Reizenden des anderen Geschlechts fehlte, so bin ich dadurch ein alberner Tropf geworden, der nur einen Gran Blödigkeit weniger besitzt, als du. Dann war sie auch so wundervoll schön, so viel Würde lag in ihrem Benehmen, daß ich in den entsetzlichen Irrthum verfiel, ich dürfte sie nur mit einer ausgezeichneten Artigkeit anreden; aber bei allem Hin- und Hersinnen wollte mir auch nicht eine einzige Idee einfallen, die der Verstand nicht entweder als kriechende Schmeichelei, oder als flachen und faden Witz verdammen mußte. Es war mir, als wäre mein Denkvermögen nicht mehr mein Eigenthum, sondern stände bald unter der Herrschaft des Aldiborontophoscophornio, bald unter der seines Freundes Rigdum Funnidos. Ach wie beneidete ich in diesem Augenblick unsern Freund Jack Oliver, der mit wohlgefälligem Selbstgefühl sein fades Geschwätz auskramt, der, weil er nie daran zweifelt, daß seine Unterhaltung Vergnügen gewährt, ein jedes schönes Weib, das ihm in den Weg kömmt, kühn anredet, und der die Pausen im Gespräche mit allen Dienstpflichten eines Cavaliere servente, mit Fächern und Flacons auszufüllen weiß. Ich versuchte es auch, doch mochte es linkisch genug heraus gekommen sein, wenigstens nahm sie Lady Grünmantel wie eine Fürstin die Huldigung eines Leibeigenen auf.

Unterdessen blieb der Tanzplatz leer, und da die Freude etwas gestört worden war, so wagte ich es en dernier ressort (als letztes Hülfsmittel), ein Menuet vorzuschlagen. Sie dankte, indem sie ziemlich stolz erwiderte: »Sie wäre hier, die guten Leute bei ihren harmlosen Vergnügungen aufzumuntern, keineswegs aber zur Belustigung derselben ihre unbedeutende Tanzkunst zur Schau auszustellen.«

Sie schwieg einen Augenblick, als wollte sie mir Zeit zur Antwort gönnen, doch da ich schüchtern stille schwieg, neigte sie anmuthsvoll ihr Köpfchen und sprach: »Ich wollte Sie nicht beleidigen, ein ländlicher Tanz wäre wohl passender, wenn Sie es auch glauben.«

Wie eselsdumm war ich doch, Allan, daß ich ihren Wünschen nicht zuvorkam! Hätte ich nicht bemerken sollen, daß sich das häßliche Paar, die Mabel und der Christal, auf den beiden Seiten ihres Stuhles hingepflanzt hatten, wie die Schildhalter des königlichen Wappen? Der Mann, dick, untersetzt, langhaarig und trotzig wie der Löwe; das Weib, ausgedürrt, steif geschnürt, lang, hager und verhungert, wie das Einhorn. Ich hätte doch bedenken sollen, daß unter der Aufsicht zweier so wachsamer Beobachter unsere Unterredung weder ruhig, noch ungestört sein konnte; daß aber das Geräusch, die Bewegungen und Verwirrungen eines ländlichen Tanzes, wo die ungeübteren Theilnehmer jeden Augenblick Störungen verursachen und die andern Paare nöthigen, eine Zeit lang stille zu stehen, daß endlich die regelmäßigen Ruhepunkte des Tanzes selbst die beste Gelegenheit darboten, sich unbemerkt und zur rechten Zeit einige Worte zuzuflüstern.

Kaum hatten wir die Reihe hinab getanzt, als sich schon eine solche Veranlassung ereignete; mit der größten Lieblichkeit und Bescheidenheit redete mich meine Tänzerin an: »Es dürfte freilich nicht eben sehr passend sein, unaufgefordert eine Bekanntschaft einzugestehen; irre ich aber nicht, so rede ich mit Herrn Darsie Latimer.«

»Darsie Latimer ist der Name des Mannes, der jetzt die Ehre und das Glück genießt.«

Ich würde auf dem verkehrten Complimentenweg fortgaloppirt haben, wenn sie mir nicht in die Rede gefallen wäre: »Wie kommt es denn,« sagte sie, »daß ich Herrn Latimer hier treffe, verkleidet und in einem angenommenen Berufe, der eines Mannes so sehr unwürdig ist? – Um Verzeihung, ich möchte Sie nicht beleidigen, aber da Sie sich bis zum Gefährten eines solchen Menschen herabwürdigen – –«

Sie sah meinen Freund Willie an und schwieg. Ich fühlte mich im innersten Herzen beschämt, und so beeilte ich mich ihr zu sagen, es wäre eine thörichte Laune, welche der Mangel an Beschäftigung mir eingeflößt hätte und über die ich keine Reue fühlen könnte, da sie mir das Vergnügen verschafft hätte, dessen ich mich jetzt erfreute.

Ohne auf diese Artigkeit Rücksicht zu nehmen, ergriff sie die nächste Gelegenheit mir zu sagen: »Wird wohl Mr. Latimer einer Fremden, die ihm wohl will, die Frage verzeihen, ob es recht ist, daß er, in seinem kräftigen Alter, Beschäftigungen so sehr scheut, daß er eines thörichten Vergnügens wegen sich so leicht in niedrige Gesellschaften mischt?«

»Sie sind streng, Madame,« antwortete ich; »doch kann ich mich unmöglich durch eine Gesellschaft entehrt finden, in welcher ich – –«

Hier mußte ich mich selbst unterbrechen, weil ich fühlte, daß meine Antwort eine unhöfliche Wendung nahm. Das Argumentum ad hominem, die letzte Zuflucht des gebildeten Mannes, kann manchmal durch Umstände entschuldigt werden, aber selten oder nie das Argumentum ad feminam.

Sie füllte die Lücke meiner Rede selbst aus. »In welcher Sie mich treffen, wollten Sie wahrscheinlich sagen? Aber der Fall ist sehr verschieden. Mein unglückseliges Schicksal zwingt mich, dem Willen Anderer zu folgen und Plätze zu besuchen, welche ich in einer andern Lage gern vermeiden würde. Ueberdieß theile ich, wenn ich diese paar Minuten ausnehme, jene lärmende Freude nicht – bin bloß Zuschauer und werde von meinen Dienern begleitet. Ihre Lage ist aber sehr verschieden – aus eigener Wahl sind Sie hier, Sie sind Theilnehmer und Beförderer der Vergnügungen einer Classe von Menschen, die in Erziehung, Geburt und Vermögen so tief unter Ihnen stehen. – Wenn ich etwas hart rede, Mr. Latimer,« fügte sie mit der süßesten Stimme hinzu, »so meine ich es doch von Herzen gut.«

Ihre Rede brachte mich in Verwirrung, denn »streng war sie in jugendlicher Weisheit,« alles Natürliche und Lebhafte, das einem solchen Gespräch ziemt, verschwand aus meiner Erinnerung, ernst, wie sie gethan, erwiderte ich: »Es ist wahr, ich habe mich einer bessern Erziehung zu erfreuen gehabt, als diese armen Leute; aber Sie, Madame, deren gütige Fürsorge ich dankbar anerkenne. Sie müssen von meinem Stande mehr wissen, als ich selbst. – Ich darf weder sagen, daß ich ihnen in Geburt, da ich sie selbst nicht kenne, noch daß ich ihnen in Vermögen überlegen bin, da auch darüber ein undurchdringlicher Schleier liegt.«

»Und warum sollte Sie denn Ihre Unkenntniß dieser Punkte zu niederer Gesellschaft und gemeinen Gebräuchen verleiten?« antwortete mein weiblicher Mentor. »Ist es männlich, zu warten, bis das Glück Ihnen freundlich zulächelt, und zwar zu einer Zeit, wo Ihre eigene Thatkraft Sie emporheben kann? Liegt Ihnen nicht das Gebiet der Wissenschaften offen – nicht das des männlichen Ehrgeizes – des Kriegs? – das Kriegshandwerk nicht, das haben Sie schon so theuer zahlen müssen.«

»Ich will mich ganz Ihren Wünschen fügen,« antwortete ich eifrig. – »Sie dürfen mir nur den Weg anzeigen, und Sie werden sehen, ob ich ihm nicht willig folge, wäre es auch nur, weil Sie mir es befehlen.«

»Nicht weil ich es Ihnen befehle,« sagte das Mädchen, »sondern weil Vernunft, gesunder Menschenverstand und Männlichkeit, weil Ihnen, mit einem Worte, Rücksicht auf Ihre eigene Sicherheit denselben Rath ertheilt.«

»Wie dem auch sei, gewiß nahm Geist und Vernunft nie eine schönere Form – der Ueberzeugung an,« fügte sie hastig hinzu, denn sie wandte sich von mir ab und gab mir keine Gelegenheit, meinen angefangenen Satz zu beendigen, bis ich entschlossen, unser Gespräch bis zum aufklärenden Ziele zu bringen, die nächste Pause im Tanz benutzte, ihr zu sagen: »Sie nannten die Männlichkeit, Madame, und zugleich sprachen Sie von persönlicher Gefahr. Nun aber sagt mir mein Begriff von Männlichkeit, daß es feige ist, vor zweifelhaften Gefahren zu entfliehen. Sie, die Sie so viel von meinem Schicksal zu wissen scheinen, daß ich Sie meinen Schutzengel nennen möchte, sagen Sie mir, welche Gefahren mich bedrohen, damit ich urtheilen kann, ob mir die Männlichkeit gebietet, sie zu erwarten oder sie zu fliehen.«

Diese Aufforderung brachte sie in große Verlegenheit.

»Sie lassen es mich theuer entgelten, daß ich Ihnen menschenfreundlich meinen Rath anbot,« erwiderte sie endlich: »Ich gestehe es ein, daß ich an Ihrem Schicksale Theil nehme, woher diese Theilnahme aber entsteht, das darf ich Ihnen eben so wenig sagen, als woher und von wem Sie gefährdet sind: doch ist es nicht minder wahr, daß die Gefahr sehr nahe, unendlich groß ist. Fragen Sie mich nichts mehr darüber, um Ihrer selbst willen verlassen Sie dieses Land. Wo Sie auch sein mögen, überall sind Sie sicherer. – Hier ziehen Sie sich selbst Ihr Unglück zu!«

»Muß ich denn so das einzige Wesen auf Erden verlassen, das Theilnahme an meinem Schicksal zeigt? – Ach, sagen Sie es nicht – sagen Sie mir, wir werden uns wiedersehen, dann soll die Hoffnung mir ein lieber Leitstern sein, der mir die Bahn zeigt, die ich wandeln soll.«

»Wahrscheinlich,« sagte sie – »höchst wahrscheinlich werden wir uns nie mehr wiedersehen. Die Hülfe, die ich Ihnen jetzt gewähre, ist Alles, was in meinen Kräften steht; ich that Ihnen nicht mehr, als was ich einem Blinden thun würde, den ich dem Rande eines Abgrundes zugehen sehe; es darf Sie nicht in Erstaunen versetzen, und gebietet keine Dankbarkeit.«

Wieder wandte sie sich schnell um, als sie es gesprochen hatte, sprach auch kein Wort, bis daß der Tanz sich seinem Ende nahte, dann sagte sie: »versuchen Sie es ja nicht, mich im Laufe der Nacht noch einmal anzureden, oder sich mir zu nahen; verlassen Sie die Gesellschaft so bald als möglich, aber ja nicht auffallend und – Gott schütze Sie.«

Ich führte sie bis zu ihrem Sitz und ließ die schöne Hand, die in der meinigen ruhte, nicht los, bis ich mit einem leisen Druck meine Gefühle zu erkennen gegeben hatte. Sie erröthete flüchtig und zog ihre Hand zurück, ohne jedoch zu zürnen. Da ich nun sah, daß Christals und Mabels Augen starr auf mich geheftet waren, so verbeugte ich mich tief und verließ sie; das Herz war beklommen, wider Willen ward das Auge feucht, als die wogende Menge uns trennte.

Meine Absicht war, wieder zu meinem Kameraden Willie hinzuschleichen und so gut wie möglich den Bogen zu führen, obgleich ich in dem Augenblick gern mein halbes Vermögen für eine Minute in der Einsamkeit gegeben hätte. Aber der Rückzug wurde mir von Frau Martin abgeschnitten, mit der Offenheit – (ich glaube der Ausdruck ist nicht unpassend) ländlicher Gefallsucht, die gerade auf das Ziel losgeht.

»Ei, Bürschchen, Ihr scheint ja schon ganz müde, da Ihr eben noch so leicht daher gehüpft seid? Ein Pferd, das den ganzen Tag läuft, ist doch besser als ein Renner, der eine Meile weit rennt, dann aber nieder liegt.«

Das war nun freilich eine ziemlich deutliche Aufforderung, die ich nicht gar wohl zurückweisen konnte. Ueberdies sah ich wohl, daß Frau Martin die Königin des Festes war; und so viele rauhe und sonderbare Gestalten umgaben mich, daß ich keineswegs sicher war, ob ich nicht einen Schutz in Anspruch nehmen mußte. Ich ergriff also ihre sehr bereitwillige Hand und wir stellten uns in die Reihe, wo ich, wenn auch meine Tritte und Bewegungen nicht so ganz genau waren wie zuvor, doch den Erwartungen meiner Tänzerin völlig entsprach, welche es fast beschwor, »daß ich unübertrefflich wäre.« – Sie, ihrerseits, strengte sich entsetzlich an, hüpfte wie ein Geislein, schnappte mit ihren Fingern wie mit Castagnetten, jauchzte wie eine Bacchantin und hopste wie ein Federball, bis daß die Farbe ihrer Strumpfbänder selbst kein großes Geheimniß mehr war. Ich glaube, sie verbarg sie um so viel weniger, da sie von himmelblauer Seide und mit Fransen besetzt waren.

Es gab wohl schon Zeiten, wo mir das einen Hauptspaß gemacht haben würde, oder besser gesagt, in vier Jahren war die vergangene Nacht die einzige Zeit, wo es diese Wirkung nicht auf mich hervorbrachte; denn ich kann dir noch jetzt nicht beschreiben, wie groß meine Sehnsucht war, mich von Frau Martin loszumachen. Fast hätte ich gewünscht, sie möchte sich einen ihrer, mit schönen Zwickeln gezierten Knöchel versprengen; denn als ich bei den übertriebenen Bockssprüngen meiner Tänzerin die schöne Unbekannte den Saal verlassen sah, indem sie mir, wie es schien, einen ausdrucksvollen Blick zuwarf, stieg mein Widerwille gegen den Tanz so sehr, daß ich nicht übel Willens war, selbst ein Vertreten oder Verrenken des Fußes vorzuschützen, um die Darstellung zu entschuldigen. Aber ich war schon von einer Anzahl alter Weiber umgeben, die mir aussahen, als wüßte eine Jede von ihnen irgend ein Universalmittel für einen solchen Zufall, und da mir Gil Blas mit seiner angeblichen Krankheit in der Räuberhöhle einfiel, so hielt ich es für rathsamer, mit Frau Martin schön zu thun und fort zu tanzen, bis sie es für gut finden würde, mich zu entlassen. Da es also einmal geschehen mußte, so beschloß ich, es kräftiglich auszuführen; ich sprang und hüpfte also so hoch und wagerecht in die Höhe, wie Frau Martin selbst, und erwarb mir dadurch dauernden Beifall, weil das gemeine Volk kräftige Bewegungen und Gewandtheit stets der Anmuth vorzuziehen pflegt. Endlich ward es selbst der Frau Martin unmöglich, weiter zu tanzen; ich freute mich, daß ich nun entlassen wäre, benutzte nun das Tänzerprivilegium und führte sie auf ihren Platz zurück.

»Potz tausend, meine Herren,« rief Frau Martin aus, »ich kann kaum mehr schnaufen! Wahrhaftig, junger Mann, ich glaube, Ihr habt mich zu todt tanzen wollen.« Ich konnte das zugefügte Uebel nur mit einigen Erfrischungen wieder gut machen, die ich herbeiholte und die sie willig genoß.

»Ich war recht glücklich mit meinen Tänzerinnen,« sagte ich, »erst die schöne, junge Lady, dann Euch, Frau Martin.«

»Geht mir weg mit Euren Schmeicheleien,« sagte Frau Martin. »Geht nur – geht; flüstert mir keine Schmeicheleien in's Ohr; mich und Miß Lilias zusammenzustellen! Nein, nein, Bürschchen – das ist nichts, sie mag wohl vier bis fünf Jahre oder so etwas jünger sein als ich, und dann das adelige, feine Benehmen.«

»Ist sie die Tochter des Lairds?« fragte ich in einem so sorglosen Ton als möglich.

»Seine Tochter, Freund? Nein, bloß seine Nichte – also doch noch verwandt mit ihm.«

»Ja freilich,« erwiderte ich, »doch glaubte ich, sie führe seinen Namen?«

»Sie führt ihren eigenen Namen und der heißt Lilias.«

»Hat sie keinen andern Namen?« frug ich.

»Wozu braucht sie einen andern, bis sie einmal einen Mann hat?« antwortete meine Thetis, vielleicht (um mich des Frauen-Ausdrucks zu bedienen) ein wenig verstimmt, daß ich die Unterredung auf meine frühere Tänzerin und nicht auf sie lenkte.

Es entstand eine kleine Pause, welche Frau Martin mit der Bemerkung unterbrach: »Sie stellen sich schon wieder zum Tanz.«

»Es ist wahr,« sagte ich, da ich keine Lust hatte, die gewaltigen Luftsprünge zu erneuern, »ich muß hingehen und dem alten Willie helfen.«

Ehe ich mich noch losreißen konnte, hörte ich, wie die arme Thetis sich an einen Seemann mit einer blauen Jacke und weiten Matrosen-Beinkleidern wendete – (sie hatte, beiläufig gesagt, am Vorabend seine Hand ausgeschlagen) und ihm zu verstehen gab, sie wäre jetzt bereit dazu, ein Tänzchen zu machen.

»Tanz nur zu, mein Schätzchen,« sagte der rachsüchtige Wassermann, ohne die Hand zu bewegen; »dort,« auf den Tanzboden zeigend, »ist Platz genug für euch.«

Da ich mir nun gewiß Einen, vielleicht gar zwei Feinde gemacht hatte, so eilte ich meinem früheren Sitze neben Willie zu und fing wieder an, den Bogen zu führen. Deutlich konnte ich aber bemerken, daß mein Betragen einen ungünstigen Eindruck hervorgebracht hatte; die Worte »eingebildeter Schlingel!« – »gezierter Stutzer«, und endlich die noch beunruhigendere Benennung »Spion« gingen halblaut von Mund zu Mund, so daß ich herzlich froh war, als ich an der Thür Sam's Angesicht bemerkte, was mich in sofern beruhigte, da ich nun sicher war, ein Rettungsmittel in Händen zu haben. Ich flüsterte es Willien zu, der, seinen Worten nach zu urtheilen, noch mehr von dem unwilligen Murren gehört hatte, als ich: »Ja, ja – weg mit Euch – Ihr seid nur schon zu lange hier – schlüpft unbemerkt hinaus – laßt es nicht sehen, daß Ihr auf dem Sprunge steht.«

Ich drückte dem alten Manne eine halbe Guinee in die Hand, worauf er antwortete: »Ach was! Thorheit – doch will ich es nicht abschlagen, weil ich hoffe, Ihr werdet es entbehren können. – Jetzt fort mit Euch – und wenn Jemand Euch etwas anhaben will, so ruft nur mich.«

Ich ging also seinem Rathe gemäß durch das Zimmer, als suchte ich eine Tänzerin, trat zu Sam, den ich mit einiger Schwierigkeit von seiner Bowle losriß, und so verließen wir, so unbemerkt als möglich, die Hütte. Die Pferde waren in einem nahe liegenden Verschlag angebunden, und da der Mond schien und ich nun hinlänglich vertraut mit dem zwar unebenen und ungleichförmigen Wege war, so erreichten wir Shepherd's Busch sehr bald, wo die alte Wirthin uns ängstlich erwartete, weil (wie sie sich ausdrückte): schon Mancher aus ihrem Hause und aus den benachbarten Städten nach Broken-Burn gegangen wäre, der nicht mit so heiler Haut zurückgekommen sei. »Ohne Zweifel,« sagte sie, »verdankt Ihr es dem Schutze des wandernden Willie.«

Bei diesen Worten erhob sich Willie's Frau, die in einem Winkel des Kamins ihre Pfeife rauchte, und fuhr im Lobe ihres »Schätzchens«, wie sie ihn nannte, fort. Sie suchte meine Großmuth von Neuem zu erwecken, indem sie eingebildete Gefahren beschrieb, aus denen mich bloß das Ansehen ihres Mannes gewiß gerettet hätte. Ich war aber nicht in ihrer Laune, mir noch mehr Geld abplaudern zu lassen, und legte mich also, bestürmt von den verschiedenartigsten Gefühlen, zu Bette.

Seitdem habe ich ein paar Tage bald zu Mount Sharon, bald hier zugebracht, indem ich bald las, bald dir diese ausführliche Erzählung schrieb. Dann wurden wieder Pläne geschmiedet, wie ich es anstellen müßte, um die liebliche Lilias zu sehen, auch wohl zuweilen – ich glaube eben des Widerspruchs wegen – trotz Josua's Vorurtheile ein wenig geangelt, da ich, seitdem ich Fortschritte in dieser Kunst gemacht habe, auch mehr Freude daran finde.

Und nun, mein theurer Allan, da du mein ganzes Geheimniß besitzest, so laß mich auch eben so frei in alle Falten deines Herzens schauen. Was fühlst du für dieses schöne ignis fatuus, für diese Lilie in der Wüste? Sag' es mir treu und offen, denn wie lebhaft sich auch ihr Bild meinem Gemüthe eingeprägt haben mag, meine Liebe zu Allan Fairford übertrifft doch weit meine Liebe zu dem Mädchen. Auch weiß ich wohl, daß, wenn du liebst, es geschieht: »Einmal zu lieben und nicht mehr.«

Wenn sich einmal eine tief verzehrende Leidenschaft in einer kräftigen Brust, wie die deinige, entzündet, dann verlischt sie nur mit dem Lebenslichte. Ich bin von verschiedenartigerem, flüchtigerem Gemüthe, und obschon ich deine Antwort mit zitternder Hand und mit Ungewissem Herzen erbrechen werde, so sollst du sehen, daß, wenn sie mir ein offenes Geständniß bringt, daß diese schöne Unbekannte einen tieferen Eindruck auf dich gemacht hat, als ich von deiner Ernsthaftigkeit erwartete, daß ich den Pfeil sammt seinem Widerhaken mit eigenen Hunden aus meiner Wunde reißen kann. Unterdessen werde ich, verlasse dich darauf, keinen Schritt zur Ausführung der Pläne thun, die ich mir entworfen habe, um sie zu sehen. Ich habe es bis jetzt unterlassen, und ich gebe dir mein Ehrenwort darauf, ich werde es ferner thun. Doch was bedarf es fernerer Versicherungen von einem Manne, der so ganz dein eigen ist, wie dein

D. L.

*

P.S.

Ich sitze auf Dornen, bis ich deine Antwort habe. Ich lese und überlese deinen Brief, und bei meiner Seele, ich kann deine wahren Gefühle nicht daraus entdecken. Manches Mal scheint es mir, als sprächest du im Scherz von ihr, und dann kann ich doch nicht glauben, daß dem also ist. Beruhige mich also so bald als möglich.

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