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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
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Elfter Brief.

Derselbe an den Denselben.

Stelle dir nun unsere Reisen auf den Dünen nach den verschiedenen Richtungen vor. Dort nach Norden hin fliegt der kleine Benjie mit seinem Hemp, als gälte es ein Menschenleben, so lange nämlich, als er im Gesichtskreise seines Absenders ist, denn sobald er meinen Augen entschwunden ist, wird er gewiß so bequem wie möglich gehen. Westwärts siehst du Maggie einherschreiten, deren lange Gestalt durch den aufgekrämpten Hut und das Flattern des Plaids auf der linken Schulter noch erhöht wird, nach und nach siehst du ihre Gestalt im Dunkeln sich verkleinern und endlich ganz verschwinden, sobald die letzten Sonnenstrahlen sich in's Meer tauchen. Ihre ruhige Reise geht Stepherd's Busch zu.

Wenn du dein Auge dann über die Fläche hinstreichen lässest, so siehst du deinen Freund Darsie Latimer mit seinem neuen Bekannten, dem wandernden Willie, einherschreiten. Der Letztere berührt hin und wieder den Boden mit seinem Stabe, doch nicht zweifelnd oder erforschend, sondern mit der Sicherheit eines erfahrenen Piloten, der das Senkblei noch auswirft, wenn er schon die Tiefe im Voraus kennt; so geht er fest und kühn daher, als hätte er die Augen des Argus. Da gehen sie, ein Jeder seine Violine auf dem Rücken, der eine aber wenigstens in vollkommener Unwissenheit, wohin es eigentlich geht.

»Und was bewog Euch, so schnell in eine so tolle Posse einzugehen?« sagte mein weiser Rathgeber. – Was? Ich denke, im Allgemeinen war es ein Gefühl der Einsamkeit, eine Sehnsucht nach jener freundlichen Güte, welche die Seele der menschlichen Gesellschaft ist, die mich verleitete, für den Augenblick meine Wohnung zu Mount Sharon auszuschlagen; aber die Einförmigkeit des Lebens dort, die ruhige Einfachheit in der Unterhaltung der Geddesse, die Gleichförmigkeit ihrer Beschäftigungen und Unterhaltungen ermüdeten mein ungeduldiges Gemüth, und so benützte ich die erste Gelegenheit, welche der Zufall mir darbot, ihr zu entgehen.

Was hätte ich nicht darum gegeben, wenn ich im Stande gewesen wäre, das ernste, feierliche Gesicht anzunehmen, mit welchem du so oft deinen Ausgelassenheiten eine gewisse Würde verliehst; Du besitzest eine so glückliche Art und Weise die thörichtesten Dinge auf die weiseste Manier zu thun, daß deine Thorheiten selbst in den Augen der Vernunft für vernünftige Dinge gelten könnten.

Als ich die Richtung beobachtete, welche mein Führer nahm, so fing ich an zu fürchten, die Schlucht der Broken-Burn möchte unser wahrscheinlicher Bestimmungsort sein, und ich überlegte es ernstlich, ob ich mich mit Anstand, ja ob ich mich sogar mit Sicherheit der Gastfreundschaft meines früheren Wirthes aufdrängen könnte. Ich frug also den Willie, ob wir zum Laird, wie die Leute ihn nennen, bestellt wären.

»Kennt Ihr den Laird?« sagte Willie, indem er eine Ouvertüre von Corelli unterbrach, von der er einen Theil mit großer Genauigkeit gepfiffen hatte.

»Ich kenne den Laird nur wenig,« sagte ich, »und eben deßwegen bin ich ungewiß, ob ich verkleidet sein Haus betreten sollte.«

»Und ich, ich würde mich nicht nur ein bischen, sondern viel besinnen, ehe ich Euch mitnehmen würde, Bürschchen,« sagte der wandernde Willie, »denn ich glaube fast, ohne zerschlagene Rippen würden wir nicht durchkommen, weder Ihr noch ich. Nein, nein, Bursche, wir gehen nicht zum Laird, sondern zu einem lustigen Feste am Fuße des Broken-Burn, wo viele wackere Bursche und Mädchen hinkommen werden. Es ist wohl möglich, daß auch einige von den Leuten des Laird's hinkommen, denn er selbst geht nie zu solchen Gelagen. Er hat nur noch für die Vogeljagd und das Salmfischen Sinn, seitdem Pike und Muskete ruht.«

»Ist er also Soldat gewesen?«

»Ich will es doch glauben, daß er Soldat war,« antwortete Willie; »aber folgt meinem Rathe und bekümmert Euch so wenig um ihn, wie er um Euch. Weckt den schlafenden Löwen nicht. Es ist besser gar nichts für den Laird zu sagen, und mir statt dessen zu erzählen, was Ihr eigentlich für ein Gesell seid, der Ihr so bereitwillig mit einem alten, lumpigen Fiedler herumzieht? Maggie sagt zwar, Ihr wäret ein Edelmann, aber bei ihr macht ein Schilling den ganzen Unterschied zwischen einem Adeligen und einem Bürgerlichen aus, und Eure Kronen können Euch in ihren Augen zum Prinzen von Geblüt machen. Ich aber bin einer von denen, die wohl wissen, daß schöne Kleider und eine weiche Hand ebensowohl ein Zeichen des Müssiggangs als des Adels sein können.«

Ich sagte ihm meinen Namen mit demselben Zusatz, den ich gegen den Mr. Josua Geddes gebraucht hatte; daß ich nämlich die Rechte studirte, und da ich mich in meinen Studien zu sehr angestrengt hätte, nun zu meinem Vergnügen umherstreifte.

»Ist es denn so Eure Art, Euch mit allen Landstreichern, die Ihr auf der Heerstraße trefft, herumzutreiben?« frug Willie.

»Ach nein, nur mit ehrlichen Leuten wie Ihr, Willie,« war meine Antwort.

»Ehrliche Leute wie ich! – Woher wißt Ihr denn, daß ich ehrlich bin, oder was ich sonst sein mag? Ihr wißt so wenig von mir, daß ich der leibhaftige Teufel sein könnte, denn er hat die Macht, die Gestalt eines Engels des Lichts anzunehmen, und überdieß ist er ein vorzüglicher Geiger. – Er spielte ja dem Corelli eine Sonate vor, wenn Ihr es wißt.«

Es lag etwas Boshaftes in dieser Rede sowohl als in dem Ton, in dem er es sagte. Es schien mir, als ob mein Gefährte nicht immer bei gleicher Laune wäre, oder als wollte er versuchen, ob er mich erschrecken könnte. Ich lachte über seine übertriebene Sprache und frug ihn, ob er so thöricht wäre zu glauben, daß der böse Feind eine so lächerliche Maskerade treiben würde.

»Ihr wißt wenig davon – sehr wenig,« sagte der alte Mann, indem er Kopf und Bart schüttelte und die Augenbrauen zusammenzog, »Ich könnte Euch etwas davon erzählen.«

Nun fiel es mir ein, daß seine Frau gesagt hatte, er wäre ein eben so guter Erzähler, als Musiker; und da du weißt, daß ich abergläubische Erzählungen gar gerne höre, so bat ich ihn im Gehen, um eine Probe seiner Fertigkeit.

»Es ist wahr,« sagte der blinde Mann, »daß, wenn ich müde bin, auf den Darmsaiten herumzustreichen oder Balladen zu singen, so kommen die Geschichtchen an die Reihe und dienen zur Unterhaltung des Landvolks. Ich weiß einige, die so fürchterlich sind, daß die alten Eisenfresser von den Stühlen in die Höhe fahren, und die Kinder im Bette nach den Müttern schreien. Was ich Euch aber jetzt erzählen will, ist eine Sache, die in unserem eigenen Hause zu meines Vaters Zeiten vorfiel – freilich war auch mein Vater damals noch ein junger Bursche; Euch erzähle ich sie, damit es Euch zur Warnung dienen mag, da Ihr noch ein junges, sorgloses Vögelchen seid und Euch auf einsamen Wegen mit Jedem einlaßt, denn gar viel Kummer und Sorge entstand meinem Großvater davon.«

Er fing also seine Erzählung mit deutlicher, wohltönender Stimme an, die er mit großer Fertigkeit bald erhob und bald sinken ließ; zuweilen senkte er sie bis zum Lispeln, und dann richtete er das klare, erloschene Auge gegen mein Angesicht, als wolle er den Eindruck, den seine Erzählung auf meine Züge machte, beobachten. Ich will dir keine Sylbe davon schenken, obschon sie ziemlich lang ist; ich machte also eine kleine Pause – und beginne:

*

Die Erzählung des wandernden Willie.

Ihr müßt wohl schon von Sir Robert Redgauntlet gehört haben, der vor Jahren in diesen Gegenden hauste. Lange noch wird man Seiner gedenken im Lande; schwer auf athmeten unsere Väter, wenn sie seinen Namen nennen hörten. Zu Montrose's Zeiten zog er mit den Hochländern aus und schlug sich sechszehn hundert und zwei und fünfzig in den Gebirgen zum Glencairn; aber als König Karl II. wieder kam, wer stand da so in Gunst, wie der Laird von Redgauntlet? Zu London ward er mit des Königs eignem Schwerte zum Ritter geschlagen, und da er ein glühender Bischöflicher war, so kam er als Statthalter hierher, unsinnig wie ein Löwe zu wüthen, und alle Whigs und Covenanters zu vertilgen. Da trieben sie tolles Zeug; denn die Whigs waren eben so hartnäckig, wie der Ritter stolz war, da galt es denn, wer zuerst den Anderen ermüden würde. Redgauntlet hielt es immer mit der Strenge, und sein Name war eben so gefürchtet im Lande, wie der des Claverhouse, oder des Tam Dalyell. Weder Schlucht noch Schlupfwinkel, weder Berge noch Höhlen konnten das arme Landvolk verbergen, wenn Redgauntlet mit Jagdhorn und Spürhunden auszog, sie wie Rehe zu erjagen. Und wahrhaftig, wenn er sie fand, so machte er auch nicht mehr Umstände mit ihnen, als ein Hochländer mit einem Rehbock – da hieß es nur: »Wollt ihr den Test Der Test (Probierstein) war ein Eid. den das Parlament im Jahre 1673 allen Britten auferlegte. Man mußte darin erklären, daß man die Lehre von der Transsubstantiation im Abendmahl und die Anbetung der Heiligen verwerfe. Noch heutigen Tags ist diese Akte ein Hauptanstoß der Emanzipation der Katholiken in Irland. Anm. des Uebers. beschwören?« Wo nicht, »macht euch fertig – Achtung – Feuer!« da lag der Widerspenstige.

Weit und breit umher war Sir Robert gefürchtet und gehaßt. Man glaubte, er hätte einen Bund mit dem Teufel geschlossen, wäre Hieb- und Stichfest – die Kugeln prallten von seinem Koller und Büffelleder ab, wie der Hagel vom Kiesel abspringt – er habe einen Zauber, der einen Hasen von Carrifra's Gränzen zurückrufen könnte, und noch mehr solcher Dinge, wovon wir noch sprechen werden. Der beste Segen, den man ihm gab, war: »der Teufel hole den Redgauntlet!« Dennoch aber war er gegen seine Untergebene nicht hart, seine Lehnsleute mochten ihn wohl leiden; und die Diener und Truppen, die mit ihm auf Verfolgungen, wie die Whigs diese Mordzeiten nannten, auszogen, hätten sich beständig auf seine Gesundheit voll getrunken.

Nun müßt Ihr wissen, daß mein Großvater auf Redgauntlet's Grund und Boden lebte – sie nennen den Ort Primrose-Knowe. Wir lebten auf diesem Grund und Boden unter den Redgauntlet's seit den Ritterzeiten, und auch wohl vielleicht noch länger. Es war ein gar liebliches Gütchen; und ich glaube, die Luft ist dort reiner und anmuthiger, als sonst irgendwo im Lande. Nun liegt es wüste; vor drei Tagen saß ich auf dem zertrümmerten Thorbalken und war recht froh, daß ich die Stätte, wo das Haus steht, nicht sehen konnte; aber das führt uns weit ab. Da wohnte also mein Großvater, Steenie Steensohn; er war ein herumziehender lustiger Bursche in seinen jungen Tagen gewesen, verstand sich darauf, die Pfeife zu spielen, war wegen seiner Lieder und Gesänge berühmt, und zwischen Berwiek und Carlisle spielte Keiner den Dudelsack so schön wie er. Leute von Steenie's Art, traf das Schicksal nicht, für Whigs gehalten zu werden. So wurde er ein Tory, wie sie es nannten, wir nennen sie jetzt die Jakobiten, grade als wäre es gar nicht anders möglich, oder als müßte man nothwendigerweise zu der einen oder zu der anderen Partie halten. Doch war er den Whigs nicht abgeneigt, auch gefiel ihm das Blutvergießen ganz und gar nicht, obgleich er, da er dem Sir Robert im Jagen und Hetzen, im Auflauern und im Ergreifen folgen mußte, manchem Unrecht zusah, auch es selbst zu thun nicht immer vermeiden konnte.

Steenie stand also in gewisser Gunst bei seinem Herrn, kannte alle Leute, die in der Umgegend des Schlosses wohnten, und ward oft zu ihren Vergnügungen gerufen, um auf der Pfeife zu spielen. Der Kapellmeister, der alte Dugal Mac Callum, der den Sir Robert im Glück und im Unglück, durch Dick und Dünn, durch Sümpfe und Ströme begleitet hatte, war ein besonderer Freund der Pfeife, und legte manches gute Wort für meinen Großvater bei dem Laird ein, denn Dougal konnte seinen Herrn um den Finger wickeln.

So weit war Alles gut, bis die Revolution ausbrach, die dem Dugal und seinem Herrn fast das Herz abstieß. Doch war die Veränderung nicht so groß, wie sie es fürchteten und Andere hofften. Die Whigs machten ein arges Geschrei, was sie nun wohl mit ihrem alten Feinde, mit dem Sir Robert Redgauntlet, anfangen sollten. Aber es waren zu viel große Herren in der Sache verwickelt, als daß man es hätte wagen dürfen, eine funkelneue Welt zu schaffen. So ging das Parlament leicht darüber hinaus, und Sir Robert, der nun Füchse statt Covenanters jagen mußte, blieb gerade derselbe Mann, wie vorher. Eben so laut waren seine Zechgelage, eben so hell erleuchtet war seine Halle, wenn er schon die Strafgelder der Nicht-Conformisten entbehren mußte, die Küche und Keller versorgten; denn so viel ist einmal gewiß, er wurde strenger auf das Pachtgeld als früher, und wollten die Untergebenen den Laird nicht unwillig machen, so mußten sie es pünktlich berichtigen. Auch war er so ein fürchterlicher Mensch, daß ihn Niemand zu erzürnen wagte; denn die Flüche, die er ausstieß, die Wuth, in die er gerieth, und die Blicke, die er schoß, machten, daß man ihn manches Mal für einen eingefleischten Teufel hätte halten können.«

Nun aber war mein Großvater kein Haushalter – nicht gerade als wäre er ein Verschwender gewesen, aber er besaß eben nicht die Kunst zu sparen, und so war er zwei Termine rückständigen Zins schuldig. Den ersten um Pfingsten, ließ er mit schönen Worten und mit Pfeifen verstreichen; aber als Martini kam, da erschien eine Vorladung des Grundherrn, Steenie solle am Verfalltag pünktlich mit dem Grundzins einhalten oder das Gütchen räumen. Saure Mühe kostete es, das Silber zusammen zu bringen, aber er hatte gar viel gute Freunde, und endlich trieb er es doch zusammen – tausend Mark – das Meiste gab ein Nachbar her, Laune Lapraik – ein feiner Gesell. Laurie besaß Geld und Gut – konnte mit den Hunden bellen und mit den Hasen laufen – konnte Whig oder Tory, Heiliger oder Sünder sein, wie gerade der Wind blies. Jetzt also war er ein Anhänger der Revolution, doch liebte er auch eine tüchtige Stimme und Pfeifenstückchen in seinen Nebenstunden zu hören; und vor Allem glaubte er, das Gütchen zu Primrose-Knowe biete für das Geld, das er meinem Großvater geliehen hatte, Sicherheit genug dar.

Mit schwerer Börse und leichtem Herzen wanderte also mein Großvater dem Schlosse Redgauntlet's zu, herzlich froh, dem Zorn des Lairds entgangen zu sein. Gut; das Erste, das er auf dem Schlosse hört, ist, daß Sir Robert vor Wuth, daß er nicht vor zwölf Uhr gekommen sei, einen Anfall vom Podagra bekommen habe. Es wäre wohl nicht so ganz wegen des Geldes, meinte Dougal, sondern weil er meinen Großvater nicht gerne fortjagen mochte. Dougal freute sich, meinen Großvater zu sehen, und führte ihn in das mit Eichenholz getäfelte Wohnzimmer; da saß der Laird in seiner gewöhnlichen Einsamkeit, nur ein großer, häßlicher Asse saß neben ihm, der sein besonderer Liebling war: eine verzweifelte Bestie war das, die manchen bösen Streich spielte – schwer war es, ihm zu gefallen, leicht, ihn zu erzürnen; schreiend und heulend durchlief er das Schloß, biß und kneifte die Leute, besonders wenn es schlechtes Wetter oder Unruhen im Staat gab. Sir Robert nannte ihn nach einem Zauberer, der verbrannt worden war, Major Weir; nur wenige konnten den Namen und die Eigenheiten des Thieres leiden – man glaubte, es stäke etwas Ungewöhnliches dahinter. Auch war es meinem Großvater nicht wohl zu Muth, als die Thür hinter ihm zugemacht wurde, und er sich mit dem Laird, Nougat Mac Callum und dem Major allein im Zimmer sah, was ihm früher nie widerfahren war.

Sir Robert also saß, oder besser gesagt, lag in einem großen Armstuhl, mit seinem großen Sammtkleid, seine Füße auf einem Polsterbette; denn er hatte sowohl die Gicht als das Podagra, und sein Gesicht sah so bleich und gespensterartig aus, wie das des Teufels selbst. Major Weir saß ihm gegenüber in einem rothen, mit Tressen verzierten Kleide, des Lands Perrücke auf dem Haupt; und so wie Sir Robert vor Schmerzen grinste, so grinste der Asse auch, wie ein Schafskopf zwischen der Zange – ein greuliches, schreckliches Paar war das. Hinter dem Laird hing sein büffelledernes Collet an einem Nagel, sein Schwert und seine Pistolen auf Armsweite; denn er hielt an der alten Gewohnheit, Tag und Nacht das Schwert bereit und ein Pferd gesattelt im Stall zu haben, gerade wie er es zu der Zeit machte, als er noch im Stande war, sich auf das Pferd zu werfen und dem Landvolk nachzujagen. Einige sagten, es geschähe aus Angst, die Whigs möchten sich an ihm rächen, ich aber glaube, daß das nur der alten Gewohnheit wegen geschah – denn ich kann nicht glauben, daß er etwas gefürchtet hätte. Das Pachtbuch mit dem schwarzen Deckel und den stählernen Spangen lag neben ihm, ein unzüchtiges Gesangbuch bezeichnete das Blatt, das den rückständigen Zins des Ehrenmannes von Primrose-Knowe enthielt. Sir Robert warf meinem Großvater einen Blick zu, als wolle er ihm das Herz im Busen zermalmen. Ihr müßt wissen, daß er seine Brauen auf eine Art zusammenrollte, daß man deutlich das Zeichen eines Hufeisens auf seiner Stirn erblickte, tief eingeprägt, als wäre es hineingestempelt.

»Kommst du mit leeren Händen, nichtswürdiger Pfeifer?« sagte Sir Robert. »Alle Teufel, wenn du –«

Mein Großvater nahm eine so heitere Miene an, als es ihm möglich war, machte eine Verbeugung, und warf den Geldsack auf den Tisch, wie ein Mann, der etwas Freudiges thut. Der Land zog ihn hastig zu sich: »Ist Alles darin, Steenie?«

»Ew. Gnaden werden Alles in Ordnung finden,« sagte mein Großvater.

»Dougal,« sagte der Land, »nimm den Steenie mit hinab und gib ihm ein Glas Branntwein, unterdessen will ich das Geld zählen und die Quittung schreiben.«

Kaum hatten sie das Zimmer verlassen, als Sir Robert ein gellendes Geschrei ausstieß, das die Felsen des Schlosses erzittern machte. Dougal lief zurück – die Bedienten stürzten hinein – ein kreischendes Geschrei nach dem andern stieß der Laird aus, immer entsetzlicher und furchtbarer. Mein Großvater wußte nicht, ob er gehen oder bleiben sollte, doch wagte er sich wieder in das Wohnzimmer – da war ein furchtbarer Tumult, Niemand sagte geh' oder bleib. Entsetzlich brüllte der Laird nach kaltem Wasser für seine Füße, und nach Wein, um seine Gurgel zu löschen, und Hölle. Hölle, Hölle und ihre Flammen! waren die einzigen Worte, die er hervorbringen konnte. Sie brachten ihm Wasser, als er aber seine geschwollenen Füße in den Zuber stellte, so schrie er, es brenne; ja man sagt, daß es siedend und schäumend geworden sei, wie ein brausender Wasserkessel. Er warf dem Dougal den Becher an den Kopf, schreiend, er habe ihm Blut statt Burgunder gebracht; und man weiß gewiß, daß die Mägde den andern Tag geronnenes Blut vom Boden auswaschen mußten. Der Affe, den sie Major Weir nannten, schnitt Gesichter und schrie, als wolle er sich mit seinem Herrn necken; meinem Großvater schwindelte der Kopf – er vergaß Geld und Quittung, er flog die Treppe hinab; aber, wie er so rennt, wird das Kreischen immer schwächer und schwächer; endlich ein tiefgeathmetes, schauerliches Stöhnen, da hieß es im Schlosse, der Land sei verschieden.

Gut also – mein Großvater ging weg, den Finger im Mund, und seine beste Hoffnung bestand darin, daß Dougal den Geldsack gesehen und den Laird von der Quittung hatte sprechen hören. Der junge Laird nun, Sir John genannt, kam von Edinburg, um Alles in Ordnung zu bringen. Sir John und sein Vater hatten sich nie gut vertragen, er hatte die Rechte studirt, und saß im letzten schottischen Parlament, wo er für die Union stimmte, weil er, wie man sagt, eine schöne Belohnung dafür bekommen hatte – hätte sein Vater aus dem Grabe steigen können, so würde er ihm zum Dank dafür das Gehirn an dem Herde zerschmettert haben. Einige glaubten, es hätte sich leichter mit dem alten, rauhen Ritter, als mit dem zierlich redenden, jungen Herrn berechnen lassen – aber davon nachher ein Weiteres.

Dougal Mac Callum, der arme Bursche, weinte und schluchzte nicht, sondern schlich einer Leiche ähnlich im Haus umher, und machte, wie es seine Pflicht gebot, Vorbereitungen zu dem großen Leichenbegängniß. Dougal sah mit einbrechender Nacht immer schlimmer und bleicher aus, war der Letzte, der zu Bette ging, und der sich in seine Kammer schlich, die in einem Thurme dem Zimmer gegenüber lag, das sein Herr bei Lebzeiten bewohnte, und wo er nun im Todesschlaf ruhte! Die Nacht vor dem Begräbniß wußte sich Dougal nicht mehr zu helfen; er beugte seinen stolzen Geist, und bat den alten Hutcheon höflichst, eine Stunde bei ihm in seinem Zimmer zuzubringen. Im Thurm angekommen, nimmt Dougal ein Glas Branntwein zu sich, gibt dem Hutcheon ein anderes, wünscht ihm Gesundheit und ein langes Leben; was ihn beträfe, sagte er, er würde nicht mehr lang am Leben bleiben, denn seit Sir Roberts Tod erklinge jede Nacht der Ton seines silbernen Pfeifchens von seinem Paradebett her, gerade so wie er es zu seinen Lebzeiten that, wenn er im Bett umgewendet werden wollte. Dougal sagte ferner, daß er sich, weil er allein mit dem Todten auf diesem Schloßflügel wohne (denn Niemand trug Sorge, bei dem Sir Redgauntlet wie bei anderen Leichen zu wachen), bisher nicht getraut hätte, dem Rufe zu folgen, nun aber drücke ihn das Gewissen, daß er seine Pflicht vernachlässigt habe; denn »obgleich der Tod die Dienstpflichten vernichtet«, sagte Mac Callum, »so soll er doch nie meine Dienste gegen Sir Robert aufheben; und so du, Hutcheon, mir folgst, will ich seinem nächsten Pfeifen Folge leisten.« Hutcheon hatte gerade keine sonderliche Freude daran, aber er hatte dem Dougal in Schlacht und Streit zur Seite gestanden, und wollte ihn nun in der höchsten Gefahr nicht verlassen; so saßen die Männer bei einem Krug Branntwein zusammen. Hutcheon, der etwas von einem Geistlichen an sich hatte, wollte ein Kapitel in der Bibel lesen; aber Dougal wollte höchstens ein Lied des David Lindsay hören, – freilich eine schlechte Vorbereitung.

Als die Mitternachtsstunde herbeikam, und Alles im Haus ruhig war, wie im Grabe, da ertönte richtig das silberne Pfeifchen so scharf und schneidend, als ob Sir Robert es bliese; die beiden alten Diener machten sich auf und nahten sich zitternd dem Gemache. Hutcheon sah beim ersten Blick schon genug; Kerzen brannten im Gemache, bei deren Schein er den bösen Feind in vollem Ornat auf dem Sarge des Laird's sitzen sah! Er stürzte hin, als hätte er den Geist aufgegeben. Er konnte nicht bestimmen, wie lange er bewußtlos an der Thüre lag, als er aber wieder zu sich kam, rief er seinem Gefährten zu, und da er keine Antwort erhielt, so weckte er die Leute im Hause, welche den Dougal zwei Schritte von der Bahre seines Herrn todt am Boden liegen fanden. Das Pfeifchen war verschwunden; doch ward es noch oft vom Giebel des Hauses und zwischen den alten Kaminen und Thürmen, wo die Eulen hausen, gehört. Sir John suchte die Sache zu unterdrücken und das Leichenbegängniß ging ohne Störung vorüber.

Als aber Alles vorüber war, und der Laird anfing seine Geschäfte zu ordnen, da ward jeder Pachter um die Rückstände, mein Großvater aber um die volle Summe gemahnt, die im Pachtbuch gegen ihn zeugte. Gut, er schlendert also dem Schlosse zu, um den Vorfall zu erzählen; er wird zu dem Sir John geführt, der in tiefer Trauer mit Flor und Binde auf dem Stuhl seines Vaters sitzt; ein kleiner Spazierstock vertritt an seiner Seite die Stelle des alten Schlachtschwerts seines Vaters, das wohl hundertmal so schwer gewesen sein mochte. Ich habe ihre Unterredung so oft erzählen hören, daß es mir vorkommt, als wäre ich zugegen gewesen, wenn ich schon damals noch nicht geboren sein konnte. (Wirklich, Allan, ahmte mein Geführte mit recht vielem Humor den einschmeichelnden, besänftigenden Ton des Pachters und den Ausdruck der scheinheiligen Schwermuth in der Antwort des Laird's nach. Sein Großvater hätte während der Unterredung die Augen beständig auf das Zinsbuch gerichtet, sagte er, als wäre es ein Bullenbeißer, von dem er gefürchtet hätte, er möchte in die Höhe springen und ihn beißen.)

»Ich wünsche Euch Glück, Herr, zu dem Rittersitz, der schönen Erbschaft und der großen Herrschaft. Euer Vater war ein gütiger Herr gegen Freunde und Diener. Ein rechtes Glück für Euch, Sir John, in seine Schuhe – ich sollte sagen in seine Stiefeln – zu treten; denn er trug selten Schuhe, außer wenn ihn das Podagra plagte.«

»Ach, Steenie!« rief der Laird, indem er tief seufzte, und mit dem Taschentuch das Auge wischte, »er ward gar zu schnell abgerufen und wird im Land sehr vermißt werden; keine Zeit blieb ihm, sein Haus zu bestellen – doch ist es ohne Zweifel in göttlichen Dingen wohl bei ihm bestellt gewesen, und das ist ja die Wurzel von Allem. – Aber einen verworrenen Knäuel hat er uns aufzuwinden gelassen, Steenie. Hem, Hem! Wir müssen an's Geschäft gehen, Steenie; es gibt viel zu thun, und wenig Zeit, es zu bewerkstelligen.«

Hier öffnete er den unglückseligen Band; ich habe einmal vom Buche des jüngsten Gerichts sprechen hören, gewiß ist es das Buch über die Grundsteuer verarmter Pachter.

»Stephen,« sagte Sir John immer in demselben zarten, weiblichen Tone, »Stephen Stevenson, oder Steenson, Ihr seid im Rückstand mit der Grundsteuer von einem ganzen Jahr; der letzte Zahlungstermin ist schon verstrichen.«

Stephen. »Verzeihen Ew. Gnaden, Sir John, ich zahlte ihn Eurem Vater.«

Sir John. »Ihr habt dann ohne Zweifel eine Quittung, Stephen, und könnt sie vorzeigen.«

Stephen . »Dazu blieb mir wirklich keine Zeit übrig, wenn Ew. Gnaden verzeihen; denn kaum hatte ich das Silber hingelegt, kaum hatte es Se. Gnaden, Sir Robert, empfangen, um es zu zählen und die Quittung zu schreiben, als ihn die Schmerzen ergriffen, an denen er starb.«

»Das war ein recht unglücklicher Zufall,« sagte Sir John nach einer Pause, »aber Ihr werdet es wohl vor Zeugen bezahlt haben. Ich will nur einen Beweis talis qualis, Stephen. Ich möchte es nicht zu genau mit einem armen Manne nehmen.«

Stephen. »Auf mein Wort, Sir John, es war Niemand im Zimmer, als Dougal Mac Callum, der alte Kellermeister. Aber wie Ew. Gnaden wohl wissen, ist er seinem Herrn nachgefolgt.«

»Das ist wieder sehr unglücklich, Stephen,« sagte Sir John, ohne seine Stimme auch nur um einen Ton zu verändern. »Der Mann, welchem die Zahlung geleistet ward, ist todt, und der, der zusah, ist auch todt – auch ist das Geld nirgends gesehen oder gehört worden. Wie soll ich nun das Alles glauben?«

Stephen. »Ich kann es nicht sagen, Ew. Gnaden; da ist aber ein kleines Verzeichniß der Münzsorten, aus denen es bestand; denn, Gott steh' mir bei, ich borgte es aus zwanzig Beuteln; auch bin ich überzeugt, daß ein jeder von diesen Männern mit einem heiligen Eid schwören wird, zu welchem Gebrauche ich das Geld geborgt habe.«

Sir John. »Ich zweifle gar nicht, daß Ihr das Geld geborgt habt, Steenie, für die Zahlung aber muß ich Beweis haben.«

Stephen. »Das Geld muß im Hause sein, Sir John. Denn da Ew. Gnaden es nicht bekommen hat, und Ew. gnädiger Herr Vater es nicht mitgenommen haben kann, so muß es doch Einer im Hause gesehen haben.«

Sir John. »Wir wollen die Leute ausfragen; das ist nicht mehr als gehörig.«

Aber Bediente und Mägde, Pagen und Reitknechte, alle läugneten steif und fest, je einen Geldsack gesehen zu haben, wie mein Großvater ihn beschrieben hatte. Zu allem Unglück hatte er keinem von ihnen gesagt, daß er den Grundzins zahlen wollte. Eine Magd nur hatte bemerkt, daß er etwas unter dem Arme trug, hatte es aber für seine Pfeife gehalten.

Sir John Redgauntlet befahl den Dienern hinauszugehen, und sagte dann zu meinem Großvater: »Steenie, Ihr seht, es geht Alles in Form Rechtens; da Ihr aber besser als ein Anderer wissen müßt, wo das Geld ist, so bitte ich Euch hiermit höflichst, dem Gaukelspiel ein Ende zu machen; denn Stephen, Ihr müßt entweder zahlen, oder auswandern.«

»Gott vergeh' Euch Eure Meinung,« sagte Steenie, dem nun der Verstand still stand. – »Ich bin ein ehrlicher Mann.«

»Auch ich bin es, Stephen,« sagte Se. Gnaden; »und hoffentlich auch alle Leute in meinem Hause. Aber wenn ein Schurke unter uns ist, so muß es nothwendigerweise der sein, der eine Geschichte erzählt, die er nicht beweisen kann.« Er schwieg einen Augenblick und setzte dann ernster hinzu: »Wenn ich Eure Streiche recht verstehe, Stephen, so wollt Ihr von einigen boshaften Gerüchten über die Angelegenheiten meiner Familie, und besonders von dem plötzlichen Tode meines Vaters Nutzen ziehen; Ihr wollt mich um das Geld betrügen und wohl gar noch meinen Ruf angreifen, indem Ihr zu verstehen gebt, ich hätte den Grundzins, den ich jetzt fordere, schon erhalten. – Wo glaubt Ihr, daß das Geld ist? – ich verlange es zu wissen!«

Da mein Großvater sah, daß Alles gegen ihn zeuge, gerieth er fast in Verzweiflung – er drehte sich von einem Fuß auf den anderen, warf seine Blicke in alle Ecken der Stube umher und schwieg.

»Heraus mit der Sprache, Herr!« rief der Laird, indem er den eigenen Blick seines Vaters annahm, wenn dieser in Zorn gerieth, ja es schien sogar, als bildeten die Falten seiner Stirn dasselbe furchtbare Zeichen des Hufeisens. – »Heraus damit, Herr! ich will wissen, was Ihr denkt; – glaubt Ihr, ich hätte das Geld?«

»Ferne sei es von mir, das zu sagen,« erwiderte Stephen.

»Habt Ihr denn auf irgend Jemand Verdacht, daß er es genommen hätte?«

»Ich möchte es keinem Unschuldigen zur Last legen,« sagte mein Großvater; »und ist auch Einer schuldig, so habe ich doch keine Beweise.«

»Wenn ein wahres Wort an der Geschichte ist,« sagte Sir John, »so muß das Geld doch irgendwo sein; ich frage Euch, wo glaubt Ihr, daß es sei? – Ich verlange eine deutliche Antwort!«

»In der Hölle, wenn Ihr doch meine Gedanken wissen wollt,« schrie mein Großvater, auf's Aeußerste gebracht – »in der Hölle bei Eurem Vater und seinem silbernen Pfeifchen!«

Schnell lief er jetzt die Treppe hinab (denn nach diesem Worte war das Wohnzimmer kein Aufenthaltsort mehr für ihn) und hinter sich hörte er den Laird, so arg wie nur je Sir Robert es that, Gift und Hölle fluchen, und nach Amtmann und Häscher brüllen.

Mein Großvater eilte zu seinem Hauptgläubiger Laurie Lapraik, um zu versuchen, ob er etwas mit ihm anfangen könnte; aber als er ihm seine Geschichte erzählte, bekam er noch Scheltworte in den Kauf – Dieb, Bettler, Schurke, waren die gelindesten Ausdrücke; auch die alten Geschichten rührte Laurie wieder auf, daß er seine Hände mit dem Blut der Heiligen Gottes befleckt habe, gerade als könne ein Unterthan sich dem Aufgebot des Lairds entziehen, und noch dazu eines Lairds, wie Sir Robert Redgauntlet. Jetzt waren meinem Großvater die Bande seiner Geduld sämmtlich gesprungen, er vergaß im Streit mit dem Laurie unglücklicher Weise Alles, was er Gott und den Menschen schuldig war, stieß Redensarten aus, die die Zuhörer schaudern machten – kurz, es war nicht mehr derselbe Mensch; toll und wild verbrachte er den Tag.

Endlich trennten sie sich und mein Großvater ritt durch den finsteren Tannenwald von Pitmurkie nach Hause. Ich kenne den Wald, ob er aber finster oder hell ist, das kann ich nicht sagen. – Am Eingang des Gehölzes ist ein brachliegendes Almend und am Ende des Almends ein kleines, einsames Wirthshäuschen; Steene verlangte von der Wirthin (Tibbie Faw war ihr Name) ein Glas Branntwein, denn er hatte den lieben langen Tag nicht das Geringste zu sich genommen. Tibbie ging ihn ernstlich an, etwas zu sich zu nehmen, er aber verweigerte es, zog den Fuß nicht aus dem Steigbügel, leerte das Glas in zwei Zügen und brachte bei jedem einen Toast. Der Erste hieß: »dem Andenken des Sir Robert Redgauntlet, nicht eher möchte er im Grabe Ruhe finden, bis er seinem armen Unterthanen Recht verschafft.« Der Zweite: »auf die Gesundheit des bösen Feindes, wenn er ihm den Geldsack wieder verschaffen oder sagen wollte, wo er hingekommen sei, denn er sähe, daß die Welt ihn doch für einen Dieb und einen Betrüger halten würde, und das wäre ihm ärger, als der Verlust von Haus und Hof.«

Fort ritt er, wohin? darum bekümmerte er sich nichts. Finstere Nacht ward es, finsterer noch im Dunkel der Bäume; er überließ es seinem Pferde, sich selbst den Weg zu suchen, als das Thier, so ermattet und müde es vorher war, plötzlich anfing, sich so furchtbar zu bäumen, um sich zu schlagen und zu toben, daß mein Großvater sich kaum im Sattel halten konnte. Unterdessen steht auf einmal ein Reiter ihm zur Seite und spricht: »Da habt Ihr ein hitziges Pferd, Freund; wollt Ihr es verkaufen?« – Er spricht's und berührt mit der Gerte den Hals des Pferdes, und siehe, da geht es wieder seinen alten, schläfrigen Schritt. »Aber es scheint ja, als verrauche das Feuer bald,« fuhr der Fremde fort, »so geht es auch mit dem Muthe gar vieler Menschen, die da glauben, sie könnten große Dinge verrichten, bis es dazu kömmt.«

Mein Großvater hörte kaum darauf, spornte sein Pferd und rief: »Guten Abend, Freund!« Der Fremde aber schien noch nicht abbrechen zu wollen; denn Steenie mochte reiten wie er wollte, der Fremde hielt immer gleichen Schritt. Endlich ward mein Großvater, Steenie Steenson, halb ärgerlich, und (um die Wahrheit zu sagen) auch halb und halb furchtsam.

»Was wollt Ihr von mir, Freund?« sagte er, »seid Ihr ein Räuber, ich habe kein Geld; seid Ihr ein ehrlicher Mann, dem es an Gesellschaft fehlt, ich bin weder zum Scherz noch zum Sprechen gelaunt; habt Ihr den Weg verfehlt, ich kenne ihn selbst kaum.«

»Erzählt mir doch die Ursache Eures Kummers,« sagte der Fremde, »zwar genieße ich nicht den besten Ruf in der Welt, aber ich bin einzig in meiner Art, wenn es gilt, meinen Freunden beizustehen.«

Mein Großvater erzählte ihm also die ganze Geschichte von Anfang bis zum Ende, jedoch mehr, um sein Herz zu erleichtern, als daß er gehofft hätte, er würde ihm helfen können.

»Es ist freilich ein schwieriger Fall,« sagte der Fremde, »doch glaube ich, Euch helfen zu können.«

»Wenn Ihr mir das Geld auf lange Zeit hinaus borgen wollt, Sir – sonst gibt es auf Erden keine Hülfe für mich.«

»Aber unter der Erde kann es geben,« erwiderte der Fremde. »Kommt her, ich will offen mit Euch reden; ich könnte Euch wohl gegen eine Verschreibung das Geld leihen, aber ich glaube, Ihr werdet über die Zahlungsart Bedenken tragen. So wißt denn, daß Euer alter Laird Eurer Flüche und des Wehklagens Eurer Familie wegen, im Grabe keine Ruhe findet; wenn Ihr es aber wagen wollt, ihn zu besuchen, so wird er Euch die Quittung geben.«

Bei dem Vorschlage standen meinem Großvater die Haare zu Berge, aber er dachte, sein Gefährte wäre wohl ein launiger Bursche, der ihn nur erschrecken wollte und ihm am Ende doch das Geld leihen würde. Ueberdies war er vom Branntwein erhitzt, vor Kummer der Verzweiflung nahe; er sagte also: »er habe Muth genug, der Quittung wegen bis an die Pforten der Hölle – und noch einen Schritt darüber zu gehen.« – Der Fremde lachte laut auf.

Fort ging's also durch das dichteste Gehölze, als plötzlich das Pferd am Thore eines großen Hauses stehen blieb; hätte mein Ahne nicht gewußt, daß er wenigstens zehn Meilen davon entfernt wäre, so würde er sicher geglaubt haben, das wäre das Schloß Redgauntlet. Sie ritten in den Vorhof, über die verwitterte Zugbrücke, dann durch das alte gothische Thor; die Vorderseite des Hauses war hell erleuchtet, da ertönten Pfeifen und Geigen, da wurde getanzt und jubilirt, wie im Hause des Sir Robert am Weihnachtsabend und an Jubilate, oder an anderen Festen. Sie stiegen ab und mein Großvater band, wie es ihm schien, sein Pferd an denselben Ring, an den er es denselben Morgen befestigt hatte, als er zu dem jungen Sir John ging.

»Gott,« sagte mein Ahne, »wenn Sir Roberts Tod nur ein Traum wäre!«

Er klopfte an das Thor der Halle, wie er es gewöhnlich that, und siehe da, wie gewöhnlich, öffnet ihm auch sein alter Bekannter Dougal Mac Callum die Thüre und spricht: »Pfeifer Steenie, seid Ihr da, Bursche? Sir Robert hat eben nach Euch gefragt.«

Mein Ahne glaubt zu träumen – er sieht sich nach dem Fremden um, der war weg. Endlich wagt er zu sagen: »Ha, Dougal, lebt Ihr denn noch? Ich dachte ja, Ihr wäret gestorben.«

»Kümmert Euch nichts um mich,« sagte Dougal, »sondern nehmt Euch in Acht; nehmt von Niemanden etwas an, weder Essen noch Trinken, auch kein Geld; nur eben Eure Quittung.«

Indem er das sagte, führt er ihn durch Hallen und Vorplätze, die meinem Ahnen wohl bekannt waren, in das große, mit Eichenholz getäfelte Wohnzimmer. Da erschallten unzüchtige Gesänge, da funkelte der rothe Wein, da hörte man Gotteslästerungen und Zweideutigkeiten, gerade wie zu Schloß Redgauntlet, als es in höchster Blüthe stand.

Aber, Gott halte uns in seinem heiligen Schutz, welche schreckliche Gespenstergestalten saßen um den Tisch! – Mein Ahne kannte viele von ihnen, die längst schon heimgegangen waren. Da saß der stolze Middleton, der ausschweifende Rottes, der geizige Lauderacle, auch Dalgell mit seinem Kahlkopf und dem Barte, der den Gürtel berührte; Earshall, die Hände befleckt mit Cameron's Blut, und der wilde Bonshaw, der die Glieder des gottseligen Cargill's zusammenschnürte, bis sein Blut in Strömen floß, Dumbarton Douglas dazu, der zwiefache Verräther an König und Vaterland. Der Blut-Advocat Mac Kenyie saß auch da, er, den die anderen seines weltlichen Verstandes und seiner Einsicht wegen zu einem Gott machen wollten. Auch Claverhouse war da, schön, wie im Leben, mit seinen langen, schwarzen Locken, die gekräuselt herabfielen auf das Panzerhemd; die linke Hand lag auf dem Schulterblatte, die Wunde zu verdecken, die ihm die silberne Kugel gemacht hatte. Er saß von den Anderen abgesondert, und schaute sie mit schwermüthigen, stolzen Blicken an, die aber lärmten und sangen und lachten, daß das Zimmer wiederhallte. Aber entsetzlich verzog sich zuweilen das Lächeln, und das Lachen ging in so wildes Kreischen über, daß meinem Ahnen die Nägel blau wurden und das Mark erbebte in seinen Gebeinen.

Auch die am Tisch aufwarteten, waren gerade eben dieselben verruchten Diener und Soldaten, die auf Erden ihr ruchloses Thun und Treiben beendigt hatten. Da war der lange Kerl von Nethertown, der den Argyle fangen half, – da der Gerichtsdiener des Bischofs, den sie den Teufelsranzen nannten; auch die ruchlosen Waffenknechte mit ihren verbrannten Röcken, und die wilden hochländischen Amoriter, die Blut vergossen, wie Wasser; auch mancher stolze Diener, mit hochmüthigem Herzen und mit blutigen Händen, der vor den Reichen kroch und sie noch schlechter machte, als sie waren. Und noch gar, gar viele kamen und gingen und verrichteten ihr Geschäft, als lebten sie noch.

Mitten in dem furchtbaren Tumult gebot plötzlich der Sir Robert Redgauntlet mit einer Donnerstimme dem Pfeifer Steenie, sich seinem Platze zu nähern. Da saß er also, die Füße ausgestreckt und mit Flanell umbunden. die Halfter-Pistolen neben ihm, das große Schlachtschwert am Stuhl angelehnt, gerade so wie mein Großvater ihn zuletzt auf Erden sah.

Auch das Kissen für den Affen lag ihm zur Seite, das Thier aber war nicht da – wahrscheinlich war das seine Zeit nicht; denn als er sich nahte, hörte er sie sagen: »Ist der Major noch nicht gekommen?« und ein Anderer antwortete: »Der Affe wird kommen, wenn der Tag anbricht.« Und als mein Großvater hinzutrat, da sprach Sir Robert, oder sein Geist, oder auch der Teufel in seiner Gestalt: »Nun Pfeifer, hast du mit meinem Sohn wegen der Grundsteuer abgerechnet?«

Mit vieler Mühe gelang es meinem Ahnen, die Worte hervorzubringen: »Sir John wolle sich ohne die Quittung Sr. Gnaden nicht zufrieden stellen.«

»Du sollst sie für ein Stückchen auf der Pfeife haben, Steenie,« sagte Sir Roberts Geist, »spiele uns auf: Lustig, lieb' Luckie!«

Das war nun gerade eine Melodie, die mein Großvater von einem Zauberer lernte, der sie gehört hatte, als sie bei ihren Zusammenkünften den Teufel anbeteten. Zuweilen hatte es mein Großvater wohl bei den lärmenden Gelagen im Schloß Redgauntlet vorgespielt, nie that er es aber gern; jetzt überlief es ihn eiskalt, als er es nur nennen hörte und darum sagte er zur Ausrede, er hätte seine Pfeife nicht bei sich.

»Mac Callum, du Teufelsbrut,« sagte der entsetzliche Sir Robert, »bringe doch dem Steenie die Pfeifen, die ich für ihn aufgehoben habe.«

Mac Callum brachte ein paar Pfeifen, die wohl dem Donald von den Inseln gehört haben mochten. Als er sie ihm aber einhändigte, gab er ihm einen Wink; Steenie blickte verstohlen aber genau darauf, da bemerkte er, daß die Röhren von Stahl und glühend heiß waren; so war er schon gewarnt, seine Finger fern davon zu lassen. Er entschuldigte sich abermals, indem er sagte, »er wäre zu sehr erschrocken, auch fehle es ihm an Athem.«

»Nun müßt Ihr essen und trinken, Steenie,« sagte die Erscheinung; »denn wir thun selten etwas Anderes hier; und schlecht spricht es sich zwischen einem Gesättigten und einem Nüchternen!«

Nun waren das eben die Worte, welche der blutgierige Graf von Douglas aussprach, um den Abgesandten des Königs aufzuhalten, als er im Schlosse zu Treave dem Mac Lellan von Bombie den Kopf herabschlug; deßwegen nahm sich Steenie um so mehr in Acht. Männlich sprach er: »er wäre weder des Essens noch des Trinkens wegen hergekommen, auch nicht um vorzuspielen, sondern um zu erfahren, was aus dem Gelde geworden wäre, das er ihm bezahlt habe; ja er faßte so viel Herz, daß er den Sir Robert bei seinem Gewissen beschwor (denn den heiligen Namen auszusprechen war er nicht im Stande), und so er hoffe Frieden und Ruhe im Grabe zu finden, ihm keine Falle zu legen, und nun zu dem Seinigen zu verhelfen.

Die Erscheinung fletschte die Zähne und lachte, dann nahm sie die Quittung aus einer großen Brieftasche und händigte sie dem Steenie ein: »Da ist deine Quittung, du erbärmlicher Wicht, und was das Geld betrifft, so wird es mein Hundesohn in der Katzenwiege finden.«

Mein Großvater stammelte seinen Dank, und wollte eben gehen, als Sir Robert laut aufbrüllte: »Halt, du sackdudelnder Hurensohn! wir sind noch nicht fertig! hier gibt man nichts umsonst; so wisse denn, heute über's Jahr mußt du wieder kommen, deinem Meister für seinen Schutz zu huldigen!«

Da löste sich plötzlich meines Ahnherrn Zunge, laut rief er aus: »Ich füge mich in Gottes Willen und nicht in Euren!«

Kaum hatte er das Wort gesprochen, da ward es plötzlich ganz finster und er fiel mit einem so heftigen Schlag zu Boden, daß er Athem und Bewußtsein verlor.

Wie lange Steenie da gelegen sein mochte, das konnte er nicht sagen; als er aber wieder zu sich kam, da lag er auf dem Kirchhof von Redgauntlet, gerade am Eingange der Familiengruft, das Wappen des alten Ritters, Sir Robert, hing über seinem Haupte. Ein schwerer Morgennebel lag auf dem Grase und auf den Grabsteinen rings umher, sein Pferd aber weidete ganz ruhig neben den beiden Kühen des Pfarrers. Steene hätte Alles für einen Traum gehalten, aber er hielt die Quittung in der Hand, schön geschrieben und unterzeichnet von der eigenen Hand des Lairds, blos die letzten Buchstaben der Unterschrift waren etwas unleserlich, wie wenn den Schreiber ein plötzlicher Schmerz erfaßt hätte.

Innerlich von heftiger Unruhe bewegt, verließ er den schaurigen Ort, ritt im Morgennebel dem Schlosse Redgauntlet zu, und bekam endlich mit vieler Mühe den Laird zu sprechen.

»Nun, spitzbübischer Schuldner,« waren seine ersten Worte, »habt Ihr mir den Zins gebracht?«

»Nein,« antwortete mein Großvater, »das nicht; aber ich bringe Ew. Gnaden Sir Roberts Quittung darüber.«

»Was Herr? – Sir Roberts Quittung! – habt Ihr mir nicht gesagt, Ihr hättet keine empfangen?«

»Wollen Ew. Gnaden nicht sehen, ob es mit dieser kleinen Schrift seine Richtigkeit hat?«

Sir John betrachtete jede Zeile, jeden Buchstaben mit der größten Aufmerksamkeit; zuletzt aber das Datum, das mein Großvater nicht bemerkt hatte: » Von dem mir angewiesenen Orte,« las er, » den fünfundzwanzigsten November.– Was! – das war ja gestern! – Elender, du mußt deßwegen in der Hölle gewesen sein!«

»Ich erhielt es von Ew. Vaters Gnaden – ob im Himmel oder in der Hölle, das weiß ich nicht,« sagte Steenie.

»Ich will Euch als einen Zauberer dem geheimen Rath überliefern,« schrie Sir John. »Ich will dich mit einem Holzstoß und einer Fackel zum Teufel, deinem Herrn, schicken!«

»Ich habe die Absicht, mich selbst dem Presbyterium zu entdecken,« sagte Steenie, »um ihnen Alles zu erzählen, was ich die vergangene Nacht sah. Ohnehin sind das Gegenstände, über die ihnen eher als einem Laien ein Urtheil zusteht.

Sir John schwieg, faßte sich und wünschte die ganze Geschichte zu hören; mein Großvater erzählte sie ihm also vom Anfang bis zu Ende, wie ich sie Euch erzählt habe – Wort für Wort, keins mehr und keins weniger.

Wieder schwieg Sir John eine ziemliche Weile, dann sagte er endlich sehr ruhig: »Hört Steenie, Eure Geschichte betrifft außer der meinigen noch viele edle Familien im Lande; habt Ihr sie zum Zeitvertreib erfunden, oder um Euch aus der Gefahr zu ziehen, so ist ein glühendes Eisen durch die Zunge noch das Geringste, was Euch erwartet, und das wäre noch schlimmer, als wenn Ihr Euch die Finger an den glühenden Röhren verbrannt hättet. Doch kann sie auch wahr sein; findet sich also das Geld vor, dann freilich weiß ich selbst nicht, was ich davon denken soll. – Aber wo sollen wir die Katzenwiege finden? Katzen gibt es freilich genug in dem alten Hause, aber ich denke, die werfen wohl ihre Jungen, ohne sich mit Bett und Wiege zu belästigen.«

»Am Besten wäre es, wir frügen den Hutcheon darüber,« sagte mein Großvater, »er kennt die alten Winkel alle so gut, wie ein anderer Diener, der gestorben ist und den ich nicht nennen möchte.«

Als man nun den Hutcheon frug, so sagte er, daß man vor Alters einen nun zertrümmerten Thurm die Katzenwiege genannt hätte. Schon längst wäre er unbrauchbar, nur eine Leiter führe von der Vorderseite des Glockenthurmes dazu, denn hoch erhebe er sich über die Zinnen des Schlosses.

»Da will ich augenblicklich hin,« sagte Sir John; ergriff (wozu? das weiß der Himmel) eine von den Pistolen seines Vaters, die auf dem Tische der Halle lagen, seitdem Sir Robert gestorben war, und eilte auf die Zinnen.

Es war ein gefährlicher Platz zum Klettern, denn die Leiter war alt und mürbe, und eine oder zwei Stufen fehlten. Dennoch ging Sir John hinauf und trat in das Thürchen des Thurmes, so daß sein Körper das wenige Licht wegnahm, das durch das schmale Pförtchen drang. Da fährt etwas wüthend auf ihn zu und stürzt ihn fast rücklings hinab – die Pistole des Ritters geht los, und Hutcheon, der die Leiter hielt und mein Ahne, der bei ihm stand, hörten ein gellendes Geschrei. Eine Minute darauf wirft ihnen Sir John den Körper des Affen zu, und ruft, das Geld habe sich vorgefunden, sie sollten kommen, ihm zu helfen. Richtig lag da der Geldsack und noch manche andere Dinge, die schon längst vermißt wurden. Als Sir John den Thurm genau durchsucht hatte, führte er meinen Großvater in das Speisezimmer, ergriff ihn bei der Hand und redete ihm freundlich zu, sagte, es thäte ihm leid, daß er Mißtrauen in seine Worte gesetzt habe, er wolle aber in Zukunft ein gütiger Herr gegen ihn sein, und ihn auf andere Weise zu entschädigen suchen.

»Denn seht, Steenie,« sagte Sir John, »wenn schon die ganze Erscheinung im Allgemeinen meinem Vater zur Ehre gereicht, da sie zeigt, daß er, als ein ehrlicher Mann, selbst nach seinem Tode einem armen Manne, wie Ihr, Gerechtigkeit verschafft, so wißt Ihr doch, daß Uebelgesinnte leicht einen bösen Schluß über das Heil seiner Seele daraus ziehen könnten. Ich denke also, wir legten den ganzen Wirrwarr dem boshaften Geschöpf, dem Major Weir zur Last, und verschwiegen Euren Traum im Walde von Pitmurkie. Ihr hattet ja überdies zu viel Branntwein zu Euch genommen, als daß Ihr Alles mit Gewißheit behaupten könntet, auch die Quittung da (die Hand zitterte ihm, als er sie in die Höhe hob) – das ist ein wunderliches Aktenstück, so wollen wir sie denn, denke ich, ruhig in's Feuer werfen.«

»Halt, halt, so wunderlich es auch sein mag, so ist es doch ein Zeugniß für die Zahlung meiner Rente,« sagte mein Großvater, der vielleicht fürchten mochte, den Nutzen der Quittung zu verlieren.«

»Ich will den Inhalt zu Euren Gunsten in das Zinsbuch eintragen, und es Euch mit meiner Hand quittiren,« sagte Sir John, »und zwar sogleich. Und kannst du, Steenie, »über die Sache deine Zunge im Zaume halten, so sollst du künftig weniger Zins zahlen.«

»Schönen Dank, Ew. Gnaden,« sagte Steenie, der nun wohl sah, von welcher Seite her der Wind blies, »ohne Zweifel werde ich genau dem Befehle Ew. Gnaden gehorchen; doch möchte ich gern über die Sache mit irgend einem einsichtsvollen Geistlichen reden, denn mir will die Art von Vorladung nicht sonderlich gefallen, welche der Vater Ew. Gnaden –«

»Nenne das Trugbild nicht meinen Vater,« unterbrach ihn Sir John.

»Nun gut; also das Ding, das ihm ähnlich sah,« sagte mein Großvater: »er sprach davon, daß ich nach einem Jahre wieder kommen sollte, und das lastet nun auf meinem Gewissen.«

»Auch gut meinetwegen,« sagte Sir John, »liegt Euch die Sache so schwer auf dem Herzen, so könnt Ihr mit dem Pfarrer des Kirchsprengels reden; er ist ein sanfter Mann, und nimmt um so mehr Rücksicht auf die Ehre meiner Familie, da er auf eine Patronatsstelle hofft.«

Nun willigte mein Großvater gern darein ein, daß die Quittung verbrannt werden sollte, der Laird warf sie also mit seinen eigenen Händen in's Kamin. Dennoch aber verbrannte sie nicht; sondern weg flog sie durch den Schornstein, Funken sprühend und zischend wie eine losgelassene Rakete.

Mein Großvater ging hinab in das Pfarrhaus; der Pfarrer aber, nachdem er ihm die ganze Geschichte erzählt hatte, sagte, es wäre seine ernste Meinung, daß, obgleich mein Großvater sehr weit gegangen sei, indem er sich mit gefährlichen Dingen selbst in Versuchung gebracht hätte, er aber doch den Lockungen des Teufels (mit Essen und Trinken) widerstanden habe, auch verweigert hätte, ihm durch das anempfohlene Pfeifen zu huldigen, so hoffe er auch, daß wenn Steeme künftig einen ordentlichen, vorsichtigen Lebenswandel führen wollte, der Satan vom Laufe der Zeit wenig Nutzen haben würde. Und wirklich verschwor sich mein Großvater aus eigenem Antriebe, das Pfeifen und den Branntwein auf lange Zeit hinaus – selbst als das Jahr verstrichen und der verhängnißvolle Tag vorüber war, wagte er es nur selten, das Instrument zu ergreifen, oder sich mit einem Glas Usquebaugh zu erfrischen.

Sir John stutzte seine Geschichte mit dem Affen auf, wie es ihm beliebte; so daß Manche noch heutigen Tages glauben, der Grund der ganzen Sache läge in der diebischen Natur des Thiers. Andere hingegen wollen es sich nicht ausreden lassen, daß es keineswegs der böse Feind gewesen wäre, den Dougal und mein Ahne im Zimmer des Lairds gesehen hätten, sondern das boshafte Thier, der Major, der auf dem Sarge seine Sprünge trieb; und was das Pfeifen nach dem Tode des Lairds beträfe, so hätte das der spitzbübische Affe so gut wie der Laird selbst gekonnt, und wohl noch besser. Aber der Himmel kennt die Wahrheit, die zuerst durch die Frau des Predigers herauskam, nachdem Sir John und ihr Ehemann schon längst im Grabe schlummerten. Dann aber mußte mein Großvater, um seinen guten Namen zu erhalten, seinen Freunden die ganze Geschichte erzählen, denn wenn schon sein Körper gealtert war, sein Verstand und sein Gedächtniß hatten noch nichts gelitten. Sonst hätte man ihn wohl beschuldigen können, ein Zauberer zu sein.

*

Der Abendschatten hatte sich schon bedeutend verfinstert, als mein Führer seine Erzählung mit folgender Moral schloß: »Siehst du nun, mein Vögelchen, daß es in einem unbekannten Lande kein kleines Wagestück ist, einen fremden Reisenden zum Führer zu nehmen.«

»Die Schlußfolge kann ich nicht aus Eurer Erzählung ziehen,« sagte ich. »Eures Großvaters Abenteuer schlug sehr glücklich für ihn aus, denn es rettete ihn vom Untergang und von Dürftigkeit; auch seinen Gutsherrn mußte es erfreuen, da es ihn abhielt, eine höchst ungerechte Handlung zu begehen.«

»Ja, Freund, früher oder später mußten doch beide die Folgen fühlen,« sagte der wandernde Willie, »aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Sir John starb nach einer kurzen Krankheit, ehe er noch viel über sechzig war. Und obschon mein Großvater im hohen Alter starb, so fiel doch mein Vater, ein rüstiger Mann von fünfundvierzig Jahren, auf das Pflugeisen und stand nicht wieder auf. Er hinterließ nur mich, sein einziges Kind, eine arme, blinde, vater- und mutterlose Waise, die weder an Arbeit noch an Mangel gewöhnt war. Im Anfang ging's noch leidlich; denn Sir Redwald Redgauntlet, der einzige Sohn des Sir John, der einzige Abkömmling des Sir Robert und, wehe mir! der letzte Sprößling des ehrenwerthen Hauses, nahm mich von meinem Pachthäuschen in sein Schloß und sorgte für mich. Er war ein Freund der Musik, und er hielt mir die besten Lehrer in England und Schottland. Viele Jahre brachte ich bei ihm zu, aber, ach Gott, in den fünfundvierziger Jahren zog er nebst anderen Edelleuten aus – ich mag nicht weiter davon sprechen. Nie ward es mir wieder recht wohl zu Muth, seitdem ich ihn verlor; aber wenn ich noch ein Wort davon rede, so kann ich wahrlich heute Abend keinen Strich mit dem Bogen führen. – Sieh dich doch um, mein liebes Kind,« sagte er mit veränderter Stimme, »du mußt jetzt die Lichter im Thal von Broken-Burn schimmern sehen.«

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