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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Zehnter Brief

Darsie Latomer an Allan Fairfort.

Der Knoten verwickelt sich, Allan. Ich habe einen Brief von dir und einen von deinem Vater. Der Letztere versetzt mich in die Unmöglichkeit, das gütige Verlangen des Ersteren zu erfüllen. Nein – ich kann nicht zu dir kommen, Allan – und das aus dem triftigsten Grunde, weil ich den ängstlichen Wünschen deines Vaters weder entgegenhandeln kann, noch will. Ich nehme es ihm nicht übel, daß er meine Abwesenheit wünscht. Es ist natürlich, daß er seinem Sohne wünscht, was dieser so sehr verdient – nämlich einen vernünftigeren, gesetzteren Gefährten, als ich es ihm zu sein scheine. Und doch weiß ich bei mir selbst, wie viel Mühe ich mir gab, mir jenen Anstand, jenes gesetzte Wesen anzueignen, das man eben so wenig im Verdacht hat, es möchte die Schranken durchbrechen, als man einer Eule zutraut, daß sie Schmetterlinge fängt.

Aber umsonst faltete ich die Augenbrauen, bis daß ich Kopfweh davon trug, um den Ruf eines ernsten, soliden, überlegenden Jünglings zu erlangen. Immer glaubte dein Vater in den Falten meiner Stirn irgend einen jugendlichen Possen versteckt zu sehen, der mich zu einem gefährlichen Gesellschafter des Consulenten in spe und des Richters in ultimatum machte. Indessen tröste ich mich mit Corporal Nyms Philosophie: »Es muß halt so sein!« – Ich kann nicht in das Haus deines Vaters kommen, da er es nicht wünscht; und was dein Hierherkommen betrifft, so schwöre ich dir bei Allem, was mir theuer ist, daß wenn du dich einer solchen unsinnigen Handlung schuldig machst (die gewissenslose Grausamkeit gegen deinen Vater gar nicht zu erwähnen), ich, so lange ich lebe, nie ein Wort mehr mit dir wechseln will. Es ist mein völliger Ernst! Ueberdies gibt mir dein Vater, während er mir gewissermaßen die Rückreise nach Edinburg verbietet, die stärksten Gründe an Händen, meinen Aufenthalt dahier zu verlängern, indem er mir einen Strahl der Hoffnung leuchten läßt, von deinem alten Freunde, Mr. Herries von Birrenswork genauere Nachrichten über meine Herkunft zu erhalten, mit welcher der alte Demagog bekannt zu sein scheint.

Dieser Edelmann nannte den Namen meiner Familie in Westmoreland, mit welcher er mich für verwandt hält. Meine hiesigen Nachforschungen nach einer solchen Familie blieben fruchtlos, da die beiderseitigen Gränzbewohner wenig von einander wissen. Doch will ich gewiß noch einen Engländer finden, der im Stande ist, mir Auskunft zu geben, da mich die verzweifelte Kette, die der alte Griffith meinen Bewegungen anlegt, verhindert, England persönlich zu bereisen. Wahrscheinlich bietet sich hier doch wohl eher die Gelegenheit dar, etwas zu erfahren, als an einem andern Orte; was meinen langen Aufenthalt in dieser Gegend um so mehr entschuldigen wird, da es mit der Zustimmung deines Vaters geschieht, dessen Meinungen mehr Grund haben werden, als die eines wandernden Kameraden.

Wäre auch der Weg, welcher zu einer solchen Entdeckung führt, mit Gefahren gepflastert, so würde ich dennoch keinen Augenblick anstehen, ihn zu betreten. In Wirklichkeit aber ist keine Gefahr vorhanden. Nenn die Tritonen der Solway die Ebbenetze meines ehrlichen Josua selbst niederreißen sollten, so bin ich weder ein Don Quixote in Ansichten, noch ein Goliath in Körperstärke, um sie zu beschützen. Es fällt mir nicht ein, ein dem Einsturze nahes Haus mit meinen Schultern stützen zu wollen. Ueberdies gab mir Josua zu verstehen, daß, falls die Drohung ausgeführt werden sollte, die Gesellschaft, deren Mitglied er ist (da einige davon profanen Ansichten huldigen), die Aufrührer gerichtlich verfolgen und Schadenersatz fordern würde, was er stillschweigend dulden wird, trotz seiner strengen Grundsätze über das Widerstandleisten. Folglich wird die ganze Sache den Weg des Rechtens gehen, und wenn ich mich je darein mische, so soll es nur geschehen, um die Klage vor dein Gericht zu bringen; ich wünschte daher, daß du dich vorläufig mit allen schottischen Gesetzen über Salmfischerei vom Lexa quarum abwärts, bekannt machen möchtest.

Was deine Lady vom Mantel betrifft, so wette ich, daß an jenem merkwürdigen Morgen die Sonne so deine Augen verblendete, daß dir Alles grün vorkam; und trotz der Erfahrung, die James Wilkinson bei den Füsilieren gemacht haben mag, trotz seines verneinenden Pfeifens, wage ich es dennoch, eine halbe Krone einzulegen, daß sie am Ende nur ein *** Mädchen ist. Laß dich selbst durch das Gold nicht vom Gegentheil überführen. Leicht wird sie dir das und (o der ungeheuren Beute) die Sporteln einer ganzen Session obendrein, wieder ablocken, wenn du nicht sehr auf deiner Hut bist. Aber verhielt es sich auch wirklich nicht so, läge auch wirklich unter diesem Besuche irgend ein geheimnißvoller Schein Verborgen, so glaube mir es, ist er gewiß von der Art, daß weder du ihn ergründen, noch ich es wagen darf, ihn zu erklären, da, wenn ich mich irre (und Irrthum ist doch möglich), ich lieber in den Stier des Phalaris kriechen wollte, stände er auch glühend vor mir, als von deinen Witzen bespöttelt zu werden. Klage mich keines Mangels an Zutrauen an; denn sobald ich nur das Geringste in der Sache erfahre, theile ich dir es mit; während ich aber noch im Finstern tappe, werde ich mich wohl hüten, verständige Leute zu rufen, damit sie zusehen mögen, wie ich mir wahrscheinlich die Nase an einem Pfosten verstoßen werde. Wunderst du dich darüber:

»Erstaune nur, bis einst die Zeit an's Licht es bringt!«

Unterdessen, bester Allan, laß mich mit meinem Tagebuche fortfahren.

Am dritten oder vierten Tag nach meiner Ankunft in Mount Sharon, lastete jener kahle Sanduhrmann, an den ich dich eben verwies, die Zeit, viel schwerer auf mir als anfangs. Die trockene Moral des Josua sowohl, als die hugenottische Einfachheit seiner Schwester, verloren für mich mit dem Reiz der Neuheit vieles von ihrer Originalität, auch drückte mich die Einförmigkeit meiner Lebensart ganz entsetzlich. Es war, wie du dich ausdrückst, als hätten die Quäker die Sonne in ihre Taschen gesteckt – war schon Alles umher sanft und mild, ja selbst lieblich, so war doch in dem ganzen häuslichen Leben und Treiben eine Einförmigkeit, ein Mangel an Interesse, eine unveränderliche, hoffnungslose Schläfrigkeit, die mir das Leben dort unausstehlich machte. Zweifelsohne empfand weder Wirth noch Wirthin diese Leere, diesen Mangel an Reiz, der dem Gaste so lästig war. Der kleine Kreis ihrer Beschäftigungen, Mildthätigkeit und Erholungen waren bestimmt; Rahel hatte ihren Hühnerhof und ihr Treibhaus, Josua seinen Garten. Ueberdieß gewährten ihnen ohne Zweifel ihre Andachtsübungen manchen Genuß, so daß die Zeit sanft und unmerklich mit ihnen dahingleitete, während sie mir, der ich mich nach Strömen und brausenden Wasserfällen sehne, ganz unbeweglich da zu stehen schien. Ich dachte daran, ob ich nicht nach Shepherd's Busch zurückkehren solle, und fing an, den kleinen Benjie und die Angelruthe mit einiger Sehnsucht zurückzuwünschen. Der Schurke hat sich hergewagt und lauert, um mich hie und da zu erblicken; ich vermuthe, der kleine Fischer angelt nach einigen Sechspencestücken. Aber das wäre in Josua's Augen, als wälzte sich die eben erst gewaschene Sau von Neuem im Koth herum, und so lange ich sein Gast bin, habe ich mir fest vorgenommen, nicht so heftig gegen seine Vorurtheile anzustoßen. Dann wollte ich die bestimmte Zeit meines Aufenthaltes verkürzen, aber ach! auch das war unmöglich. Ich hatte eine Woche bestimmt, und wie voreilig auch mein Versprechen geleitet worden war, so mußte es doch heilig, ja selbst buchstäblich gehalten werden.

Alle diese Betrachtungen versetzten mich gestern Abend in eine gewisse Ungeduld, so daß ich meinen Hut ergriff, und mich zu einem Streifzug außerhalb der angebauten Meierei und des verzierten Bodens von Mount Sharon vorbereitete, gerade als ob ich dem Reiche der Kunst entschlüpfen und mich der freien, ungezwungenen Natur überlassen wollte.

Kaum empfand ich mehr Vergnügen, als ich zuerst diese freundliche Wohnung betrat, als jetzt – (so unbeständig, unbeharrlich ist die menschliche Natur!) – wo ich von ihr zu den weiten Dünen zurückkehrte, die mir früher so öde, so traurig schienen. Die Luft, die ich einathmete, schien mir reiner und wohlduftender. Die Wolken, hoch über mir auf Sommerlüftchen dahinschwebend, tanzten fröhliche Reigen über meinem Haupte, indem sie bald die Sonne verdunkelten, bald ihren Strahlen erlaubten, sich in durchsichtigen Streifen über verschiedene Theile der Landschaft zu erströmen, besonders über den breiten Spiegel des fernen Meerbusens von Solway.

Ich nahete mich der Scene mit dem leichten Schritte eines befreiten Gefangenen, und wie John Bungan's Pilger hatte ich gehend in meinem Herzen Stoff zum Singen gefunden. Es war, als ob meine Fröhlichkeit durch das Unterdrücken derselben zugenommen hätte, und als hätte ich in meiner jetzigen freudigen Stimmung ein Recht, die Ersparnisse der Woche durchzubringen. Eben wollte ich ein fröhliches Lied anstimmen, als ich zu meiner freudigen Ueberraschung drei oder vier Stimmen hörte, die recht brav das alte Trinklied sangen:

Denn all' unsre Leute waren selig und fröhlich,
»Sie saßen zusammen beim Krug;
»Zwei waren mein,
»Drei waren dein,
»Und dreie gehörten Sir Thom o'Lyne,
»Als sie wollten zur Flöße, waren sie fröhlich und selig,
»Sie saßen zusammen beim Krug«

Als der Chorus endigte, folgte ein lautes herzliches Gelächter zum Beifallszeichen. Von Tönen angezogen, die mit meiner gegenwärtigen Laune so sehr übereinstimmten, nahete ich mich dem Orte, von dem sie herkamen – dennoch mit Vorsicht – denn die Dünen hatten, wie mir oft zu verstehen gegeben wurde, keinen guten Namen; und die Anziehungskraft der Musik, ohne gerade in Melodie mit jener der Sirenen zu wetteifern, hätte doch für einen unvorsichtigen Liebhaber ähnliche unangenehme Folgen haben können.

Ich ging also vorwärts, weil ich hoffte, daß die Ungleichheit des Bodens, auf welchem Hügel und Sandgruben abwechselten, mir gestatten würde, die Musiker in Augenschein zu nehmen, ehe ich von ihnen bemerkt werden könnte. Als ich mich näherte, ward das alte Liedlein wieder von Neuem begonnen. Die Stimmen schienen die eines Mannes und zweier Knaben zu sein; sie waren rauh, hielten aber richtig Takt und verriethen zu viel Geschicklichkeit, um gewöhnlichen Landleuten anzugehören.

»Jak sah' in die Sonn' und schrie Feuer, es brennt!
»Tom schnell mit dem Vieh' in den Sumpf herein rennt;
»Jem sieht dort ein Kälbchen und schreit; »ach ein Reh'
»Will reitet Balken statt Pferden, juchhe!«
»Denn all' unsre Leute waren selig und fröhlich,
»Sie saßen zusammen beim Krug;
»Zwei waren mein,
»Drei waren dein.
»Und dreie gehörten Sir Thom o'Lyne.
Als sie wollten zur Flöße, waren sie fröhlich und selig,
»Sie saßen zusammen beim Krug«

Die Stimmen, als sie sich bei verschiedenen Stellen vereinigten, andere schnell übergingen, als sie die Glieder aus der Kette des alten, lustigen Trinkliedes bald auflösten, bald wieder zusammenfügten, schienen selbst einen Anstrich des bacchanalischen Geistes, den sie besangen, zu besitzen, und zeigten deutlich, daß die Musiker sich in demselben freudigen Taumel befanden, wie die Knappen des alten Sir Thom o'Lyne. Endlich bekam ich sie zu Gesicht; es waren ihrer Dreie, die gemüthlich zusammen in einer kleinen trockenen Sandgrube saßen, die von einer natürlichen Sandmauer und einer Hecke von Stechpalmen in voller Blüthe umgeben war.

Der einzige aus dem Trio, den ich persönlich kannte, war der berüchtigte kleine Benjie, der, da er eben seinen Gesang beendigt hatte, mit der einen Hand ein mächtiges Stück Schwarzbrod in den Mund stopfte, während er in der anderen einen schäumenden Krug hielt. Dabei sprühten seine Augen vor Lust bei dem heimlichen Gelage, und seine Züge, die stets einen boshaften Ausdruck haben, verriethen völlig, wie süß gestohlenes Wasser und Brod, geheim gegessen, sei.

Im Stand der Mannsperson und des Frauenzimmers, die dem Benjie bei seinem fröhlichen Mahle Gesellschaft leisteten, konnte man sich nicht irren. Des Mannes langer, lose anliegender Ueberrock, der Kasten der Geige mit dem Tragriemen, der neben ihm lag, und ein kleiner Schnappsack, der einige wenige nothwendige Dinge enthalten mochte; ein klares graues Auge; Züge, die, Spuren stürmischer Kämpfe tragend, dennoch den Ausdruck wilder, sorgenloser Freuden bezeugten, und welche jetzt von der Ausübung der Kunst erhitzt waren, die ihm seinen Lebensunterhalt verschaffte – alles verkündigte einen der peripatetischen Jünger des Orpheus, die man im gemeinen Leben wandernde Bierfiedler nennt. Als ich ihn aufmerksamer betrachtete, bemerkte ich deutlich, daß, wenn schon die Augenlider des armen Musikers offen standen, den Augen selbst doch das Licht fehlte, und daß die Entzückung, mit welcher er sie gen Himmel wendete, nur von dem anscheinenden Ausdruck seiner inneren Bewegung herkam, daß aber die sichtbaren Gegenstände rings umher ihnen keinen Stutzpunkt verliehen. Neben ihm saß seine weibliche Gefährtin, gekleidet in einen Männerhut, einen blauen Ueberrock, der ebenfalls einmal einer männlichen Garderobe angehört haben mochte, und in einen rothen Leibrock. Sie war in Person und Kleidern reinlicher, als es bei Wanderern dieser Art gewöhnlich der Fall ist; und da sie in ihren guten Tagen eine stattliche Putzdame gewesen war, so unterließ sie es auch jetzt noch nicht, ihrem Anzüge einige Sorgfalt zuzuwenden; sie trug ein breites Halsband von Bernstein, silberne Ohrringe, und ihr Kleid war über der Brust mit einer Spange von demselben Metall befestigt.

Auch der Mann sah, seiner gewöhnlichen Kleidung ungeachtet, recht reinlich aus, hatte ein ordentliches seidenes Halstuch schön geknüpft um seinen Hals, durch das ein reines Oberhemd durchschaute. Eben so floß sein Bart, statt einen stachlichten, mehrere Tage vernachlässigten Wirwarr zu zeigen, dick und gehörig häufig, sechs Zoll lang über die Brust herab und vermischte sich mit seinem Haupthaar, das eben anfing, einen kleinen Anstrich des Alters zu verrathen. Um den Anzug vollständig zu machen, war das lose Gewand, das ich schon beschrieben habe, mit einem altmodischen Gürtel befestigt, der mit kupfernen Knöpfen verziert war, an welchen Messer und Gabel befestigt waren. Doch hatte der Mann etwas wilderes, abenteuerlicheres in seinem Wesen, als es bei unseren herumziehenden Geigern gewöhnlich der Fall ist; auch zeugte der Strich seines Bogens, wenn er hie und da mit seiner Violine das kleine Chor dirigirte, von ungewöhnlichem Talente.

Du mußt wissen, daß viele dieser Bemerkungen die Frucht späterer Beobachtungen waren; denn kaum hatte ich mich der Gesellschaft so weit genähert, daß ich sie von Ferne betrachten konnte, als Freund Benjie's lauernder Begleiter, den er sehr passend Hemp Galgenstrick. nennt, die Ohren spitzte, und als er meine Anwesenheit bemerkte, bellend wie eine Furie dem Orte zusprang, wo ich verborgen bleiben wollte, bis ich einen anderen Gesang gehört hätte. Ich war also gezwungen, schnell aufzuspringen, und den Hemp, der mich sonst gebissen hätte, mit zwei tüchtigen Rippenstößen einzuschüchtern, worauf er heulend zu seinem Herrn zurückkehrte.

Der kleine Benjie schien über meine Erscheinung etwas verlegen; aber da er auf meine Langmuth rechnete, auch wahrscheinlich daran dachte, daß der mißhandelte Salomon nicht mein Reitpferd sei, so heuchelte er schnell eine freudige Überraschung, und erzählte den Wanderern fast in einem Athem, ich wäre »ein großer Herr, hätte viel Geld, und wäre sehr gütig gegen Arme;« und benachrichtigte mich, das wäre »Willie Steensohn – der wandernde Willie – der beste Geiger, der je mit Roßhaaren auf Darmsaiten gespielt hätte.«

Die Frau stand auf und that schön, der wandernde Willie billigte sein eigenes Lob mit einem Kopfschütteln und dem Ausruf: »Alles was der Bub' da sagt, ist wahr!« Ich frug ihn, ob er aus dieser Gegend wäre? »Aus dieser Gegend!« erwiderte der blinde Mann – »ich bin aus jeder Gegend des breiten Schottlands und eines Stückes von England dazu. Doch bin ich gewissermaßen aus dieser Gegend, denn ich wurde da geboren, wo man die Solway tosen hört. Soll ich Euch eine Probe von der Fähigkeit des alten Geigers geben?«

Während er so sprach, präludirte er auf eine Art, die wirklich meine Neugierde erregte; darauf nahm er die alte Melodie vom Galashiels zum Thema und schmückte sie mit wild verwickelten, aber entzückend schönen Variationen aus, während welcher es wunderbar zu bemerken war, wie sein Antlitz, dem doch das Augenlicht fehlte, sich beim selbstbewußten Stolz, beim innig gefühlten Entzücken an der Kunst, verklärte, welcher er im vollen Grade mächtig war.

»Wie gefällt Euch das von einem Zweiundsechziger?«

Ich drückte mein Erstaunen und mein Vergnügen aus.

»Ein Capriccio, Freund – ein altes Capriccio,« sagte Willie; »es gleicht freilich der Musik, die Ihr in Euren Hallen und Schauspielhäusern zu Edinburg habt, keineswegs; aber für die Dünen ist es gut genug. Da ist noch ein Anderes – es ist keine schottische Melodie, aber man hält es dafür – Oswald machte sie selbst, ich bin überzeugt – man hat Viele dafür gelten lassen, aber den wandernden Willie täuscht man nicht.«

Darauf spielte er deine Lieblingsarie vom Roslin Castle mit zahlreichen, schönen Variationen, von denen einige wenigstens gewiß extemporirt waren.

»Ihr habt da noch eine Geige, mein Freund,« sagte ich – »habt Ihr einen Kameraden?« aber entweder war Willie taub, oder seine Aufmerksamkeit war noch den Tönen zugewendet. Die Frau antwortete für ihn: »Ja, Sir, freilich haben wir einen Gefährten, ein mißgestalteter Kerl wie wir. Wohl könnte es mein Liebster besser haben, wenn er wollte, denn manches ruhige Plätzchen in gar manchem anständigen Hause ist meinem lieben Willie angeboten worden, wenn er nur ruhig auf einem Orte bleiben und den Edelleuten vorspielen wollte.«

»Still, Weib, still!« sagte der blinde Mann, indem er ärgerlich seine Locken schüttelte; »betäube den Herrn nicht mit deinen Thorheiten. Zu Hause sitzen und den Edelleuten vorspielen! Aufstreichen, wenn es der Lady gefällt, und den Bogen niederlegen, wenn Mylord es befiehlt! Nein, das ist kein Leben für Willie. – Schau um dich, Maggie – laure doch, Weib, sieh, ob du den Robin nicht kommen siehst. – Der Teufel hole ihn, er treibt sich gewiß mit vollen Segeln bei der Punschbowle eines Schmugglers herum, und wird die Nacht nicht abkommen.«

»Ist das das Instrument Eures Gefährten,« sagte ich, »wollt Ihr mir erlauben, meine Fertigkeit darauf zu erproben?« ich schob zugleich der Frau einen Schilling in die Hand.

»Ich weiß wahrlich nicht, ob ich Euch Robins Geige anvertrauen darf,« sagte Willie geradezu. Seine Frau gab ihm einen Stoß. »Geh' weg, Maggie,« sagte er, den Wink nicht beachtend; »wenn dir auch der Herr Geld gegeben hat, so muß er doch deßwegen nicht gerade eine Hand haben, die den Bogen zu führen versteht, und ich will Robins Geige keinem Ignoranten anvertrauen. – Nun das ist nicht so gar arg,« fügte er hinzu, als ich das Instrument probirte; »ich glaube, Ihr versteht es wohl ein bischen.«

Um ihn nun in seiner günstigen Meinung zu erhalten, fing ich an, so künstlich verwickelt zu phantasiren, daß ich glaubte, es müßte Crowdero selbst vor Neid und Bewunderung in eine Marmorsäule verwandelt haben. Ich ging von einer Skala zur andern über, ließ meine Finger von einer Saite zur anderen fliegen, spielte Arpeggio's- und Harmonica-Töne, ohne jedoch die Bewunderung zu erregen, die ich erwartet hatte.

Willie hörte mir wirklich mit gespannter Aufmerksamkeit zu; aber kaum hatte ich geendigt, als er augenblicklich auf seinem Instrumente die phantastische Verbindung von Tönen, die ich hervorgebracht hatte, nachahmte, und eine so lächerliche Parodie meines Spiels machte, daß ich, wenn es mich gleich ein wenig verdroß, doch selbst in ein herzliches Gelächter ausbrach, in welches Benjie mit einstimmte, den seine Ehrfurcht vor mir durchaus nicht daran verhinderte; während das arme Frauenzimmer, welches wahrscheinlich fürchtete, ich möchte diese Familiarität übel nehmen, zwischen ihrer ehelichen Ehrfurcht vor ihrem Willie und dem Wunsch, ihm einen zurechtweisenden Wink zu geben, zu schwanken schien.

Endlich hörte der alte Mann von selbst auf, als hätte er mich durch seine Nachahmung genüglich zurechtgewiesen; und sagte: »Trotz dem allen könnt Ihr mit ein wenig Uebung und guter Anleitung recht gut spielen lernen. Aber Ihr müßt lernen, mit Herz zu spielen, Freund – Herz hineinzulegen.«

Ich spielte eine Arie im einfacheren Geschmack, und erhielt nun entschiedeneren Beifall.

»Das ist nun schon etwas, Freund, wahrhaftig Ihr seid ein gewandter Bursche!« Die Frau zupfte ihn wieder am Rock. »Der Herr ist ein Gentleman, Willie – du mußt nicht so mit ihm sprechen, Schätzchen!«

»Den Teufel muß ich!« sagte Willie, »warum darf ich nicht? Und wäre er auch zehn Mal adelig, so kann er doch den Bogen nicht so führen wie ich; kann er es wohl?«

»Nein gewiß kann ich es nicht, mein ehrlicher Freund,« sagte ich, »und wenn Ihr mich in das naheliegende Haus begleiten wollt, so soll es mich freuen, eine Nacht mit Euch zubringen zu können.«

Hier wandte ich mich um, und bemerkte, daß Benjie ein Lächeln zu unterdrücken suchte, in welchem gewiß etwas Boshaftes versteckt lag. Ich faßte ihn plötzlich beim Ohr und brachte ihn zu dem Geständniß, daß er lache, weil er sich den Empfang vorgestellt habe, der wahrscheinlich dem Geiger von den Quäkern auf Mount Sharon werden würde. Ich stieß ihn von mir, indem ich aber doch zugleich recht froh darüber war, daß er mich an etwas erinnerte, was ich im Augenblick vergessen hatte; ich lud also den Wanderer ein, mit mir nach Shepherd's Busch zu gehen, und nahm mir vor dem Mr. Geddes von dort aus sagen zu lassen, daß ich diesen Abend nicht nach Hause kommen würde. Aber der Minstrel schlug auch diese Einladung aus. Er wäre für heute Nacht zu einem Tanz in die Nachbarschaft versprochen, sagte er, indem er dabei einen derben Fluch über die Nachlässigkeit oder Faulheit seines Gefährten ausstieß, der immer noch nicht an dem bestimmten Ort erscheinen wollte.

»Ich will statt seiner mit Euch gehen,« sagte ich in einem Anflug toller Laune, »und Ihr sollt einen Kronenthaler haben, wenn Ihr mich für Euren Kameraden einführen wollt.«

»Ihr, statt Rob dem Landläufer, mich begleiten! Wahrhaftig, Freund, Ihr seid nicht blöde,« antwortete der wandernde Willie in einem Tone, der meinem Schwank den Untergang drohte.

Aber Maggie, der das Bieten eines Kronenthalers nicht entgangen war, fing an über dieses Thema eine mürrische Lektion zu lesen. »O Willie! liebster Willie, wann wirst du einmal vernünftig werden? Da gibt es eine Krone zu verdienen, wobei du nichts mehr zu thun hast, als einem Manne den Namen eines andern zu geben. Und weh' mir! Ich habe weiter nichts als einen Schilling, den der Herr mir gab, und eine Scheidemünze; und du willst deinen Eigensinn nicht einmal so weit beugen, das Silber aufzuheben, das dir zu Füßen fällt. Du wirst wie ein Karrengaul auf dem Mist sterben! Und was kann ich dann Besseres thun, als mich niederlegen und mitsterben? Denn du willst weder dich noch mich am Leben erhalten.«

»Halt' deine unsinnige Zunge, Weib,« sagte Willie, doch weniger bestimmt als vorher, »ist er denn ein wirklicher Gentleman, oder ein verstellter?«

»Ich halte ihn für einen rechten Gentleman,« sagte die Frau.

»Und ich halte, daß du wenig davon verstehst,« sagte Willie; »laßt doch einmal Eure Hand betasten, Nachbar, wenn es Euch gefällig ist.«

Ich reichte ihm die Hand. Er sagte zu sich selbst: »Ja, ja, diese Finger haben noch keine harte Arbeit gethan.« Dann fuhr er mit seiner Hand über das Haar, das Gesicht und das Kleid, und fuhr in seinem Selbstgespräche fort: »Ja wohl, duftendes Haar, ganz richtig, der Rock vom feinsten Tuch, wenigstens siebenzehnhundert Schnürlein auf dem Rücken, ganz richtig. – Aber wie, mein lockerer Vogel, wollt Ihr so für einen reisenden Geiger gehalten werden?«

»Meine Kleidung ist ganz einfach,« sagte ich, denn wirklich hatte ich aus Höflichkeit gegen den Quäker meinen gewöhnlichsten Anzug angelegt; »ich kann leicht für einen jungen Pächter gehalten werden, der auf einen Scherz ausgeht. Kommt, ich will die Krone, die ich Euch versprach, verdoppeln.«

»Der Teufel hole Eure Kronen,« sagte der uneigennützige Spielmann. »Es ist wahr, auch ich möchte gern ein bischen mit Euch herumstreichen – aber ein Pachter mit einer Hand, die nie Pflug oder Egge führte, das geht nicht! – Ihr könnt eher für einen Ladendiener aus Dumfries, oder für einen wandernden Studenten oder so etwas gelten. Aber höre, Bursche, wenn du glaubst, du dürfest dich mit den Dirnen dort herumtreiben, so irrst du dich, und wirst schlimm wegkommen, sag' ich dir; denn die Fischer sind wilde Katzen, und vertragen keinen Spaß.«

Ich versprach höflich und vorsichtig zu sein, und um mir die gute Frau zu gewinnen, drückte ich ihr die versprochenen Geldstücke schon jetzt in die Hand. Die scharfen Organe des blinden Mannes entdeckten den kleinen Kunstgriff.

»Hast du es schon wieder mit dem Gelde zu thun, du Närrin? Ich schwöre darauf, du hörst lieber zwei Pfennige gegen einander klingen, als die Töne Roxy Dall's, und sollte er auch aus dem Grabe auferstehen. Gehe hin zu Lucky Gregson und laß dir geben, was du brauchst, warte bis morgen um eilf Uhr; und wenn du den Robin siehst, so schicke ihn mir.«

»Ich gehe also nicht mit zu dem Feste?« sagte Maggie im Tone getäuschter Hoffnung.

»Wofür denn?« sagte ihr Herr und Meister; »die Nacht durchzutanzen, damit du morgen keinen Schritt gehen kannst, während wir doch zehn schottische Meilen zu machen haben? Nein, nein; das Sprüchwort sagt: wenn du des Nachts arbeiten mußt, so führe dein Pferd in den Stall und deine Frau in's Bett!«

»Gut, gut, Willie, mein Schätzchen, du verstehst es am besten; aber ich bitte dich, schone dich selbst und denke daran, daß du nicht mit dem Lichte der Augen gesegnet bist.«

»Deine Zunge läßt mich fast wünschen, auch den Segen des Gehörs nicht zu besitzen, Weib,« war Willie's Antwort auf diese zärtliche Ermahnung.

Jetzt mischte ich mich meines eigenen Vortheils wegen hinein. »Das ist Alles gut, ihr lieben Leute, bedenkt aber, daß ich den Buben nach Mount Sharon schicken muß, und wenn Ihr, ehrliche Frau, nach Shepherd's Busch geht, wie, um's Himmels willen, soll ich den blinden Mann dahin führen, wohin er will? Ich kenne die Gegend wenig oder gar nicht.«

»Ach, Ihr kennt mein Männchen noch weniger, Sir,« erwiderte Maggie, »daß Ihr glaubt, er habe einen Führer nöthig; er selbst ist der beste Führer, den Ihr zwischen Criffel und Carlisle finden könnt. Landstraße und Fußpfad, Dorfstraße und Kirchstraße, Chaussée und Kreuzweg, jeden Fuß breit Landes in Nithsdale kennt er.«

»Ja, du kannst sagen in ganz Schottland, gutes Weib,« fügte der Geiger hinzu. »Aber jetzt, Maggie, geh' deiner Wege, das war das erste vernünftige Wort, das ich heute von dir gehört habe. Ich wünsche nur, es möchte eine recht dunkle Nacht, und Wind und Regen geben, damit der Gentleman sehen kann, daß es zuweilen besser ist, blind zu sein, als sehend; denn ich bin im Dunkeln ein eben so sicherer Führer, wie bei Tage.«

Innerlich erfreut, daß mein Gefährte mir diesen Beweis seiner Ortskenntnisse nicht ablegen konnte, schrieb ich dem Samuel einige Worte, mit welchen ich ihm befahl, meine Pferde bis gegen Mitternacht an den Ort zu bringen, den ihm die Überbringerin anzeigen würde, und schickte den kleinen Benjie mit einer Entschuldigung zu dem wackeren Quäker.

Als wir uns nun so nach verschiedenen Richtungen hin trennten, sagte das gute Weib: »Ach, Sir, bittet den Willie nur, er solle Euch eine von seinen Geschichten erzählen, um den Weg zu verkürzen. Er kann wie ein Prediger auf der Kanzel reden, er hätte selbst ein Prediger werden können, aber –«

»Halt' dein Maul, du Närrin! – aber wart' einmal, Mag – gib mir einen Kuß, wir wollen uns nicht in Zank trennen.« So trennte sich unsere Gesellschaft.

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