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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Neunter Brief

Alexander Fairford, Signetschreiber, an Mr. Darsie Latimer.

Theurer Mr. Darsie!

Da ich bisher Ihr factor loco tutoris oder richtiger ausgedrückt (da ich ohne gerichtlichte Vollmacht handelte) Ihr negotoirum gestor, so verursacht diese meine Stellung zu Ihnen mein gegenwärtiges Schreiben. Da ich ferner öfters Rechnungen über meine Auslagen vorlegte, welche gehörig nicht allein von Ihnen (den ich nicht dazu bringen konnte, mehr als die Ueberschrift und die Totalsumme anzusehen), sondern auch von dem ehrenwerthen Mr. Samuel Griffith in London gutgeheißen wurden, so kann ich auch gewißermaßen als Ihr functus officio betrachtet werden; doch hoffe ich, auf jeden Fall werden Sie mich nicht als einen unberufenen Einmischer zur Rede stellen, wenn ich mich auch hier und da um Ihr Wohlergehen bekümmere. Die Gründe, welche mich zum Schreiben bewogen, sind dermalen zwiefach.

Ich habe einen gewissen Mr. Herries von Birrenswork, einen Edelmann aus einem sehr alten Hause, getroffen, der aber in früheren Zeiten in Mißhelligkeiten verwickelt war, auch weiß ich noch nicht, ob sie ganz ausgeglichen sind. Birrenswork behauptet, Ihren Vater genau gekannt zu haben, von dem er sagt, er habe Ralph Latimer von Langcote-Hall geheißen, und in Westmoreland gelebt; auch erwähnte er manches von Familien-Angelegenheiten, die höchst wichtig für Sie zu wissen wären; er schien jedoch nicht Willens, sie mir mitzutheilen, und somit konnte ich also höflicher Weise nicht weiter in ihn dringen. So viel aber weiß ich, daß Mr. Herries an der letzten verzweifelten und unglücklichen Geschichte von Anno 1745 Theil nahm, und darüber beunruhigt ward, obgleich das nun wahrscheinlich vorüber ist. Ueberdieß neigt er sich, wenn er sich schon nicht öffentlich dazu bekennt, zur papistischen Religion. Beide Gründe nun schreckten mich ab, ihn einem Jünglinge zu empfehlen, dessen Grundsätze, Staat und Kirche betreffend, vielleicht noch nicht so fest begründet sein mögen, daß nicht irgend ein plötzlicher Windstoß einer abweichenden Lehre sie umstürzen könnte. Denn ich habe bemerkt, daß Sie, Mr. Darsie, mit Ihrer Erlaubniß, ein wenig am alten Sauerteig des Pfaffenthums hängen, und obschon ich, Gott bewahre, nicht behaupten will, daß Sie der Protestantisch-Hannövrischen Erbfolge auch nur im Geringsten abgeneigt wären, so haben Sie doch auch immer mit Vergnügen den prahlerischen, übertriebenen Berichten der hochländischen Edelleute von den damaligen unruhigen Zeiten zugehört, die jene besser mit Stillschweigen übergehen sollten, da sie ihnen eher zur Schande als zur Ehre gereichen. Auch habe ich nebenbei gehört, daß Sie sich mehr als nöthig in der Nachbarschaft der verpesteten Sekte der Quäker aufhalten – ein Volk, das weder Priester noch König, weder bürgerliche Obrigkeit noch selbst die Herrschaft unserer Gesetze anerkennt, und weder in civilibus noch criminalibus ein Zeugniß oder einen Eid ablegt, wäre der Verlust, der ihnen daraus entsteht, auch noch so groß. Es wäre gut, wenn Sie über diese Ketzereien »die Schlange im Grase« oder »den Fuß aus der Schlinge« lesen wollten, da beide Abhandlungen über diese Lehre mit vielem Beifall aufgenommen wurden.

Nun, Mr. Darsie, mögen Sie selbst urtheilen, ob Sie zum Wohl Ihrer Seele länger unter diesen Papisten und Quäkern verweilen können, da diese zur rechten Hand abweichen, und jene zur linken abfallen. Haben Sie aber so viel Selbstvertrauen, und glauben Sie den bösen Beispielen dieser Lehre widerstehen zu können, so dächte ich, könnten Sie wohl an Ihrem gegenwärtigen Aufenthalsorte bleiben, bis Sie Mr. Herries von Birrenswork sprechen, der gewiß von Ihren Angelegenheiten mehr weiß, als ich von irgend einem Manne in Schottland glaube. Ich hätt ihn gern selbst darüber ausgefragt, er aber wollte, wie ich schon bemerkte, nicht recht mit der Sprache heraus.

Und nun von etwas Anderem zu reden, habe ich das Vergnügen, Ihnen zu sagen, daß Allan seine Examina im Schottischen Landrecht mit großem Beifall bestanden hat – ein großer Stein von meinem Herzen; besonders weil der ehrenwerthe Mr. Pest mir in's Ohr raunte, für den »Burschen« (wie er ihn vertraulich nannte) brauche man keine Angst zu haben; was mir viel Muth einflößt. Seine öffentliche Prüfung, die in Vergleich dagegen gar nichts ist, wird auf Befehl des hochwürdigen Senior der Facultät, nächsten Mittwoch stattfinden, Freitag wird er mit der Robe bekleidet, und gibt, wie gebräuchlich, seinen Freunden und Bekannten ein kleines Mittagessen. Er und viele seiner Freunde werden wohl wünschen, Sie dabei zu sehen, Mr. Darsie; doch thut es mir leid, daß ihr Wunsch wohl nicht in Erfüllung gehen kann, da Sie durch Ihre Angelegenheiten daran verhindert sein werden, auch unser Vetter, Peter Fairford, deswegen hierherkömmt, und wir kein anderes Zimmer als Ihre Bodenkammer haben. Ferner will ich nach meiner Art und Weise offen mit Ihnen reden, Mr. Darsie; es ist wohlgethan, daß Sie nicht mit meinem Allan zusammenkommen, bis er völlig an seinen neuen Beruf gekettet ist. Sie sind ein liebenswürdiger, junger Mann voller Witz und Scherz, das Ihnen wohl anstehen mag, da Sie (wie ich höre) Vermögen genug besitzen, Ihrer fröhlichen Laune ein Genüge zu leisten. Wenn Sie die Sache reiflich überlegten, so würden Sie wohl einsehen, daß einem wohlhabenden Manne ein ruhiges, gesetztes Betragen ziemt; aber weit entfernt, mit der Zunahme Ihres jährlichen Einkommens auch ernster und bedächtiger zu werden, scheinen Sie, wie es mich däucht, um so sorgloser, je mehr es sich vermehrt. Doch fällt das, in so fern es nur Sie betrifft, ganz Ihrem eigenen Willen anheim. Allan hingegen muß sich (meinen Nothpfennig abgerechnet) erst ein Vermögen begründen; das Kichern und Lachen aber, das nicht aufhört, wenn ihr zusammen seid, würde bald den Puder aus seiner Perrücke und den Pence aus seiner Tasche vertreiben. Doch hoffe ich, ihr werdet euch, wenn Sie Ihre Streifzüge vollendet haben, wiedersehen; denn wie der Weise sagt: Es gibt eine Zeit zum Sammeln und eine Zeit zum Wegwerfen, der Vernünftige aber sammelt erst. Ich verbleibe, werthester Herr, Ihr wohlmeinender, Ihren Befehlen ergebener Freund

Alexander Fairford.

P.S.

Allans Thesis ist über den Punkt: De periculo et commodo rei venditae, und ist ein Muster von Latinität. – Roß-House in unserer Nachbarschaft ist fast fertig, man sagt, es soll in seinen Verzierungen Duff-House selbst übertreffen.

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