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Rechts und Links

Joseph Roth: Rechts und Links - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/roth/rechtsli/rechtsli.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRechts und Links
publisherKiepenheuer & Witsch
year2006
isbn3462036718
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII

Eines Nachmittags, als Paul seine Wohnung verließ, sagte ihm der Portier: »Guten Morgen, Herr Bernheim! Grad' über Ihnen im zweiten Stock ist ein Zimmer frei geworden.«

Paul war gerade aufgestanden. Es gehörte zu seinen Eigenheiten, daß ihn alles besonders interessierte, was er kurz nach dem Erwachen erfuhr. Er befand sich in einer gewissen Abhängigkeit vom Portier. Obwohl dieser dreimal in der Woche Trinkgelder in fremder Währung von Bernheim empfing, wußte er doch in Paul unaufhörlich das Gefühl einer Schuld wach zu erhalten und die Vorstellung, daß zwischen den Diensten, die er leistete, und der Höhe der Spenden, die er empfing, immer eine bedeutende Differenz bestehen bliebe. Paul wäre es peinlich gewesen, auf den Hinweis des Portiers nicht näher einzugehn. Im übrigen störte es ihn, über seinem Kopf ein leeres Zimmer zu wissen, in das ein noch nicht bekannter, also schrecklicher Lärm einziehen konnte, ein Spielklub zum Beispiel. Schließlich durfte er auf keinen Fall vor dem Portier einem jener Mieter ähnlich werden, denen es an ein paar wertlosen Geldscheinen gelegen war. Paul erkundigte sich also, als ein Mann von Geschäften, nach dem Preis. »Zehn Dollar im Monat!« sagte der Portier, der vor Bernheim niemals eine andere Währung zu erwähnen wagte. »Ich nehme es«, sagte Paul mit dem schnellen Entschluß, mit dem er etwa am Telephon sagte: »Ich nehme, gemacht!«

In der Tat hatte er ein Zimmer nötig. Je weiter er den Kurfürstendamm entlangging, desto notwendiger wurde das Zimmer. Es war ein nebliger Februartag, an den Straßenecken bestanden die feldgrauen Bettler und Krüppel aus Nebel. Man sah die Passanten erst auf drei Meter Entfernung, die frühen Laternen brannten wie erlöschende Sterne. Paul wußte, daß er sehr traurig gewesen wäre, wenn er in dieser Stunde nicht das Zimmer gemietet hätte. So besaß er für heute eine kleine Sensation. Es war den ganzen Tag keine Post gekommen. An den Tagen, an denen sein Briefkasten leer war, fühlte er sich doppelt verlassen. An solchen Tagen war er ein Pessimist und abergläubisch. Er stellte sich vor, daß irgendeine feindliche Macht entweder die Menschen, mit denen er korrespondierte, am Schreiben verhinderte oder, was sie geschrieben hatten, auf dem Grunde der Postkästen aufhielt, in den Briefsäcken der Postwagen zerfallen ließ. Er selbst schrieb nicht gerne gewöhnliche Briefe. Er telegraphierte oder gab seine Briefe eingeschrieben auf. Gestern und vorgestern hat also kein Mensch an mich gedacht, sagte sich Paul, wenn sein Briefkasten leer war. Ich habe viele Freunde und bin ganz allein. Nicht einmal Marga schreibt mir.

An solchen Tagen bereitete er sich mit langsamer Vorfreude auf die Geschäftskorrespondenz vor, die ihn im Büro im Innern der Stadt erwartete. (Er sagte nicht Stadtinneres, sondern »City«.) Sonst interessierte ihn diese Korrespondenz überhaupt nicht. Ein Geschäftsfreund hatte ihm ein Büro abgetreten, in dem Bernheims Sekretär und ein Schreibfräulein saßen, Anrufe entgegennahmen und notierten, kleine Abschlüsse selbständig »tätigten« und bei größeren in Pauls Wohnung anriefen. Jeden Nachmittag, eine Stunde, nachdem er das Bett verlassen hatte, begab sich Paul in dieses Büro. Hatte er Briefe zu Hause bekommen, so fuhr er im Auto. An den postlosen Tagen ging er zu Fuß, um seine Verlassenheit bis zum Grunde auszukosten. Dann aber auch, um an einem ganz bestimmten Punkt, an dem sich der Schmerz der Einsamkeit in eine linde Wehmut verwandelte, die Hoffnung auf eine möglichst überraschende Geschäftskorrespondenz lange auszudehnen. Unter Umständen konnte sich auch ein Privatbrief unter die geschäftlichen gemischt haben.

Er beschloß nun, das Büro in der »City« aufzugeben und es im zweiten Stock über seiner Wohnung einzurichten. Es gab Stunden am Vorabend, die er allein in seinem Zimmer verbringen mußte, in denen kein Freund sich meldete, kein Brief kam, kein Telephongespräch. Dann fühlte er die Einsamkeit wie ein Gefängnis. Die Frauen, zu denen er Beziehungen hatte, beschäftigten ihn nur, solange er sich in ihrer Nähe aufhielt. Sein ständiges Verhältnis Marga lebte in Wien, sie kam einmal im Monat zu ihm. Sie war eine junge Schauspielerin, die ihr Theater auf keinen Fall verlassen wollte. An einer Berliner Bühne hatte er sie nicht unterbringen können. Aber selbst wenn er Marga bei sich gehabt hätte, seine Verlassenheit wäre nicht kleiner gewesen. Sie brauchte ihn nur, weil es die Sitte erforderte. Er liebte sie nicht, aber auch ihm befahl die Tradition, eine Freundin zu erhalten. Es erhöhte den gesellschaftlichen und sogar den geschäftlichen Kredit.

Es war schwer, allein zu sein. Alle peinlichen Gedanken kamen aus der Einsamkeit, wie Züge aus der Ferne kommen. Wenn er allein war, erinnerte er sich an Nikita, an das Spital, an das verlorene England, an das unterbrochene Oxford. Nun war er nahe an die Dreißig. Das dreißigste Lebensjahr erschien ihm wie die letzte Etappe auf dem Weg zur Größe. Wenn man bis dahin nicht ein bedeutender Mann war, so wurde man es nie mehr. Dann verlor auch das Leben seinen Sinn. Denn ein mittelmäßiges Leben zu führen hielt Bernheim für einen Verrat an sich selbst, an seinen Talenten, an seiner genialen Jünglingszeit, an seinem toten Vater. Er konnte sich nur Größe oder Tod vorstellen, wenn er an seine Zukunft dachte. Und je strahlender er sich die Größe ausmalte, desto mehr Angst hatte er vor dem Tod. Die Leere des Todes umgab und erfüllte ihn bereits in manchen Stunden.

Um ihr zu entfliehen, umgab er sich mit Gesellschaft. Es waren Menschen, die von ihm lebten, Schatten, aufgestiegen aus den Nebeln der Zeit und von ihnen gebildet. Alle bewegten sich auf dem ungewissen, unbegrenzten und seine Ausmaße unaufhörlich verändernden Gebiet zwischen der Kunst und dem Hasardspiel. Sie hingen mit dem Theater, mit der Malerei, mit der Literatur zusammen, aber sie schrieben nicht, malten nicht, traten nicht auf. Der erschuf eine Zeitschrift für die Dauer einer Woche. Jener nahm Vorschuß auf einen Zeitungsartikel, den er niemals schreiben konnte. Ein dritter gründete eine Bühne für die Jugend und wurde bei der ersten Vorstellung verhaftet. Ein vierter trat seine Zimmer einem Spielklub ab, konnte nicht mehr in seinem Hause leben und verlor in anderen Spielklubs den Mietpreis, den man ihm zahlte. Ein fünfter, der Medizin studiert hatte, befaßte sich mit Abtreibungen, konnte sie aber der Diskretion wegen nur in seinem Freundeskreis ausführen und bekam also keine Honorare. Ein sechster arrangierte spiritistische Versammlungen und wurde von seinen eigenen Medien denunziert. Ein siebenter leistete der einheimischen Polizei und gleichzeitig fremden Botschaften Spionagedienste, betrog alle und fürchtete die Rache aller. Der achte verschaffte den russischen Emigranten falsche Pässe und vermittelte Aufenthaltsbewilligungen bei der Fremdenpolizei. Der neunte brachte den radikalen Blättern falsche Nachrichten aus den Kreisen der nationalistischen Geheimorganisationen. Der zehnte kaufte sie, bevor sie erschienen waren, und bekam dafür Belohnungen von den konservativen Männern, die Geld besaßen. Es erwies sich in jenen Tagen, daß die Sittlichkeit dieser Welt von nichts anderem abhängig ist als von der Stetigkeit der Valuta. Eine alte Wahrheit, die im Lauf der vielen Jahre, in denen das Geld einen unbestrittenen Wert hatte, vergessen worden war. An den Börsen der Welt wird die Moral der Gesellschaft bestimmt.

All diesen Menschen stand die Wohnung Bernheims Tag und Nacht offen. Er, der einzige unter ihnen, verdiente wirkliches Geld, das heißt fremdes, und daher war er ihnen überlegen. Diese Überlegenheit wurde wertvoller, je mehr sie ihn kostete. In manchen Stunden überschätzte er gerne seine Freunde, um selbst in seinen Augen mächtig zu erscheinen. Er ergab sich der Illusion, endlich das Leben eines wirklichen Herrn zu führen. Und wie dereinst sein Vater, so kaufte er jetzt seine Anzüge, seine Schuhe, seine Hüte in England. Er rauchte englischen Tabak aus englischen Pfeifen, aß Früchte und Grieß und rohes Fleisch und ritt wieder wie in seinen jungen Tagen. Daß er kein eigenes Pferd besaß, machte ihm Kummer. Automobil auf Anzahlung, Chauffeur in Livree. Paul hätte gern Pferde und mehrere Wagen besessen. Überzeugt wie alle Welt, daß die Wirtschaft die Politik und das ganze nationale, ja europäische Leben bestimmte, vernachlässigte er seine kunsthistorischen und seine literarischen Neigungen und sprach nun mehr von »ökonomischen Realitäten«. »Es gilt«, sagte er zu Doktor König, einem seiner Freunde, »den Markt zu beherrschen. Der Markt ist die öffentliche Meinung. Die Zeitungen sind die Sklaven der Banken. Und wer die Banken samt deren Sklaven beherrscht, der regiert den Staat.«

Doktor König, der linksgerichtet war, mit Rußland sympathisierte und sich für einen Revolutionär hielt, dem nur eine Revolution fehlt, hörte mit der Andacht zu, die Gegner der bürgerlichen Gesellschaftsordnung für deren Stützen immer bereithalten. Bernheim hielt ihn für einen mächtigen Führer des Proletariats, und er sah in Bernheim einen geheimen Vertrauten der Schwerindustrie. So saßen sie einander gegenüber, die Repräsentanten zweier feindlicher Mächte, persönlich objektiv bis zur Freundschaft und jeder erfüllt von dem Gedanken an die Wirkung, die er auf den andern ausübte. »Wir werden noch mit Rußland Geschäfte machen!« sagte Paul zu ihm mit versöhnlicher Ironie.

»Ihr werdet dort das Geld verdienen, das wir euch hier abnehmen werden!« erwiderte Doktor König. Am Abend saßen sie nebeneinander am Spieltisch. Doktor König verlor. Er führte sein Unglück im Spiel auf seine Weltanschauung zurück, die ihm gebot, das Geld zu verachten. Er lieh also Geld bei Paul, der gewann und der diesen Umstand nach der traditionellen Manier mit seinem Unglück in der Liebe erklärte. Am Abend vertrug er keine Politik. Da zog er zum Beispiel die Anekdoten Kastners vor, der manchmal pornographische Werke zum Durchblättern brachte. Kastner bekam sie von Leuten, die in Geldverlegenheit waren, in Kommission. Bernheim hatte ihm schon mehrere abgekauft. Er benützte sie zur Zerstreuung der Damen, die ihn besuchten und denen er sagte: »Ich muß Sie ein halbes Stündchen allein lassen, ich habe zu tun. Blättern Sie inzwischen diese Zeitschriften durch. Nur rühren Sie mir ja nicht jene Werke an. Es ist Gift für Frauen!« Wenn er schon nach einer Viertelstunde zurückkam, sah er die Frau über den verbotenen Büchern sitzen.

Einigemal in der Woche gab er größere Soupers, die erst im Morgengrauen zu Ende gingen. Da bediente sein Chauffeur in weißen Handschuhen. Nach dem Essen las ein junger Dichter aus Dramen vor. Man löschte den Kronleuchter aus und ließ nur in den Ecken mit dunkelblauem Batik verhängte Birnen angezündet. Der Dichter las in einem Lehnstuhl. Die Zuhörer legten sich auf die Polster, deren Bernheim etwa hundert besaß. So stellte man Sofas her. In dem Maße, in dem sich die dramatischen Handlungen verwickelten, vergrößerte sich die Aufmerksamkeit der Zuhörer für die Nachbarinnen. Während der Dichter den letzten Akt las, lagen die meisten schon im Dunkeln, als lägen sie hinter einem bereits gefallenen Vorhang.

Die Batiklampen waren ausgelöscht. Hie und da sah man eine leuchtende Hand, die sich nach einem Glas ausstreckte. Im Nebenzimmer ließ der Chauffeur ein gedämpftes Grammophon spielen. Jemand summte mit. Schwankend erhob sich ein Paar, um zu tanzen, und fiel nach einigen Drehungen wieder hin, als wäre der Mechanismus abgelaufen, der, eingebaut in ihren Leibern, ihre Gliedmaßen bewegte. Die meisten brachten noch die Kraft auf, Zigaretten zu rauchen. Sie verbreiteten zugleich mit dem Rauch den schalen Geschmack ihrer Münder, und der Geruch von Wein, Zigaretten, Puder und Parfüm ergab zusammen den von Menthol und Zahnpasta. Ehe der Morgen graute, brachte der Chauffeur, dessen Handschuhe ewig weiß blieben, ein Wunder, leuchtend im Dunkeln, schwarzen Kaffee in winzigen Täßchen. Die Damen und jene Herren, die goldene Armkettchen trugen, führten die Tasse zum Mund, indem sie die kleinen Finger spreizten.

Einer nach dem andern gingen die Gäste weg, ohne Abschied, zwischen Nacht und Tag, und wie aus Angst vor dem Tag. Eine halbe Stunde, nachdem der letzte das Haus verlassen hatte, wußte Paul noch nicht, ob er schon allein war. Also machte er, einem Nachtwächter ähnlich, die Runde durch seine Zimmer. Beim ersten Schimmer des Morgens suchte er in den Winkeln zwischen den verstreuten und aufeinandergehäuften Polstern nach Schlafenden. Er hätte gerne noch einen Gast zurückbehalten. Nur fürchtete er, es zu sagen, damit nicht alle blieben. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Zimmer verlassen waren, begann er, einige Melodien aus seiner Jugend zu spielen. Der Wintertag kroch mit bleierner Langsamkeit an die Fenster. Paul ließ seine Finger ihrer eigenen Erinnerung gehorchen und unkontrolliert über die Tasten gehn. Die Klänge, die sie hervorriefen, erreichten seine Ohren spät, als hörte er aus einem entfernten Zimmer einen Fremden spielen. Die Melodien kamen gleichzeitig mit den ersten Geräuschen der erwachenden Straßen. Paul erinnerte sich an die Morgenstunden seiner Kindheit, an die Stunde vor dem Schulbesuch, an die kurze und dennoch so lange Viertelstunde vom Erwachen bis zum Aufstehen, in der er mit doppelt geschärften Sinnen die Laute des Morgens in den fernen Straßen und in den nahen Zimmern vernommen hatte. Der Duft von frisch gebranntem Kaffee und Fett, in dem die Eierspeise hörbar prasselte, durchzog das ganze Haus. Er setzte sich noch in der Straße fort. Wenn Paul das Haus verließ, begleitete ihn dieser bestimmte Geruch ein Stück. Die ersten leichten Bauernwagen rollten in die Stadt. Schwer ächzend und wie aus Erz, tauchte an der ersten Biegung der Spritzwagen des Magistrats auf, damals noch von zwei breitknochigen, monumentalen Pferden gezogen, die ihre dröhnenden Hufschläge selbst zu zählen schienen. Die singenden Rufe der Straßenhändler hallten wider von den Wänden der morgendlichen, leeren Höfe, und aus den offenen Fenstern erscholl als eine Antwort der Gesang eines aufräumenden Dienstmädchens. Einen nach dem andern sah Paul seine Schulkameraden wieder. Er konnte sie noch nach dem Alphabet aufzählen bis Morgenstern, dann verloren sich die Namen in der Nacht der Vergangenheit.

Aus ihnen allen ist was geworden, wenn sie nicht im Krieg gefallen sind, dachte Paul. Und wie weit waren sie damals hinter mir! – Mit der unerbittlichen Nüchternheit, die einer durchwachten Nacht folgt, entlarvte Paul Bernheim eine seiner Täuschungen nach der andern. Es waren die einzigen Stunden, in denen er sich über die Armseligkeit seiner Freunde, den falschen Glanz seines Wohllebens Rechenschaft gab. Es war, als ob die fröhliche Echtheit jener Eindrücke, die aus einer fernen Zeit immer noch ihr Echo herüberschickten, die Leere dieser Gegenwart enthüllten, wie man falsche Perlen erkennt, sobald echte in ihre Nähe kommen. Ein drohender Eisberg, schwamm das dreißigste Lebensjahr heran. Der Ehrgeiz plagte, ein körperliches, unheilbares Leiden. Wenn er mich verließe, dachte Paul, wenn man ihn operieren könnte! Es war kein Charakterzug, es war ein überflüssiges und krankes Organ. Und wie ein Geiziger seine unfruchtbaren Schätze zählt, so zählte Paul seine unfruchtbaren Talente. Er konnte malen, musizieren, schreiben, amüsant sein, er verstand etwas von Geschäften, von Menschen, von der Nationalökonomie, von der Weltpolitik. Es ging ihm nicht schlecht, er verdiente Geld. Aber nicht genug, um mächtig zu sein, und zu wenig, um die tröstliche Bitterkeit der Armut zu kennen. Es mußte noch irgendein Geheimnis geben, das Geheimnis des Erfolgs. Darauf konnte man mit der Zeit kommen. Vielleicht eine glückliche Heirat. Wieder rann ein Tag durch die Fenster, ein schrecklicher Tag. Er brachte Leere, Kälte und die Einsicht in die wirkliche Lage der Dinge, die Einsicht, die den Schrecken gebar und den Schatten des Todes weckte, die Rettung vor der Mittelmäßigkeit allerdings: Aber welch eine Rettung! Und wie man die Augen schließt vor einer hereinbrechenden Katastrophe, so schloß Bernheim die Augen vor dem hereinbrechenden Tag, er legte sich schlafen.

Nicht mehr als zwei Stunden durfte man der Arbeit widmen. Die Geschäfte gingen von selbst. An zwei Telephongesprächen mit Merwig zu Hause verdiente man für einen Monat zum Leben. An der Differenz zwischen dem Dollarwert an den schwarzen und legitimen Börsen dreier Städte verdiente man den Luxus. Es war endlich gelungen, den alten Merwig zu einer Verbindung mit Leuten von der schwarzen Börse zu überreden. Sonst wäre er gekündigt worden. Ohne Mitleid, Paul sagte: »Ohne Schwäche.« »Nur nicht sentimental sein!« sagte Paul ein paarmal im Tag.

Nun, da sein Büro über seiner Wohnung installiert war, fühlte er sich weniger einsam. Droben saßen Leute, die er bezahlte. Sie lebten von ihm, also mußten sie ihm zur Verfügung stehen. Anders als die Freunde, die das Geld, das man ihnen lieh, mit der Freundschaft bezahlt zu haben glaubten. Gegen drei Uhr nachmittags schritt er langsam die Treppe zum Büro hinauf. Wenn er nur den Schlüssel ins Schloß steckte, begannen drinnen zwei Schreibmaschinen zu klappern. Über sie gebeugt, als hörten sie ihn nicht kommen, saßen beide Mädchen. Sie stürzten sich nach der Sitte weiblicher Bürokräfte raubtierhaft auf einen gleichgültigen Brief und zermalmten ihn zwischen den Gestängen der Maschinen. Ein Vorgang, der dem Brotgeber gefällt, nicht, weil ihn der Fleiß freut, sondern die Furcht, der er begegnet. Auch Paul Bernheim freute sich solcher Untertänigkeit. Der Sitte der Zeit gemäß, die eine Epoche der mutigen und schnellen Entschlüsse war und in der sich der Handel unter dem Einfluß des Krieges wie eine Strategie benahm bis zu dem Grade, daß sogar die Geschäfte »Operationen« zu heißen anfingen, der Sitte dieser Zeit gemäß überflog Bernheim mit einem raschen Blick die Schreibtische, die Korrespondenz, die ihm aufgeschnitten und griffbereit dargeboten wurde. Er liebte es, in einem Augenwinkel das Bild des zaghaft wartenden Sekretärs aufzunehmen, der seinen Herrn in der Lektüre nicht zu stören wagte. Paul Bernheim wurde dann leutselig – eine Fähigkeit, die ebenfalls einen Machtgenuß beschert.

»Na, zeigen Sie nur mutig her, was Sie haben.«

Er betrachtete den schlechten, harten und glänzenden Stoff des Anzugs, den der Sekretär trug, und fühlte die Freude aus den Knabenjahren, wenn er mit dem Zeugnis in der Hand von den Kollegen Abschied nahm, auf die noch eine Nachtragsprüfung wartete.

»Telephonische Abschlüsse?«

»Vier bis jetzt«, sagte der Sekretär, »Allgemeine Boden, Agrar, Kredit und Herr Robinson.«

»Robinson? Wieviel?«

»500 im ganzen!«

»Chinesische?«

»Nein, Amerika!«

»Hören Sie was von Ergo, Im et Ex?«

»Die Apparate setzen sich nicht durch, Herr Bernheim. Es hat keinen Sinn, wenn ich mir eine Meinung erlauben darf.«

»Nein!« sagte Bernheim, »keine Meinung« – und er las in der Seele des Sekretärs die Worte: Er hat recht, wer zahlt noch fünfzehn Dollar die Woche?

»Wir wollen«, fuhr Bernheim fort, »die Sache im Auge behalten. Nase muß man haben!« Das Telephon schrillte, gleichzeitig hörten die fleißigen Mädchen zu klappern auf. Der Sekretär machte einen Sprung, um den Apparat noch zu erreichen, ehe sich Bernheims Hand ausgestreckt hatte. Einen Augenblick hörte man die Stille. Sie ging von den beiden Maschinen aus, die eben noch so gelärmt hatten, und von den zwei Mädchen, auf deren Gesichtern die leere Andacht lagerte, mit der sie manchmal einem Gottesdienst beiwohnten und einer fremden Hochzeit.

»Wer ist dort?« fragte Bernheim den Sekretär. Der legte die Muschel weg mit der dienstbeflissenen Entschiedenheit, mit der er für fünfzehn Dollar wöchentlich alle Telephonabonnenten abgelegt hätte. Zwischen der Notwendigkeit, leise zu sprechen, und der Angst, ein Flüstern würde die Ehrerbietung vermindern, fand er eine Art abgebrochener Sprechweise, unvollkommene Wendungen, als wären Andeutungen weniger vernehmbar als vollendete Sätze.

»Granich Düsseldorf fragt, morgen signiert!« stammelte er.

»Lassen Sie warten!« befahl Bernheim, »bin in einer Konferenz.«

Der Sekretär telephonierte:

»Tut mir leid, bitte zu warten oder gefälligst eine Stunde später anzurufen. Herr Bernheim ist in einer wichtigen Konferenz.« Er hielt es für nötig, die Konferenz »wichtig« zu nennen. Auf diese Weise macht man sich unentbehrlich.

In der Tat war Paul Bernheim froh, wenn man von seinen wichtigen Konferenzen sprach. Er liebte wie alle Welt diese harmlosen Täuschungen, und er verwendete sie aus Angst, er selbst könnte das Opfer einer ähnlichen Lüge geworden sein. Aus diesem Grunde sagte er:

»Rufen Sie Herrn Robinson an, sagen Sie, ich bin in einer wichtigen Konferenz und erwarte morgen seinen Besuch.«

»Herr Robinson«, sagte der Sekretär, nachdem er telephoniert hatte, »bittet Sie, zu ihm zu kommen. Gerade morgen hat er keine Zeit!«

»Dann soll er warten!« entschied Bernheim mit einer gespielten Heftigkeit. Die Antwort Robinsons ärgerte ihn, noch mehr aber, daß er sie nicht vorausgesehen hatte. Er hätte noch gerne weitere Aufträge gegeben, aber er wurde abergläubisch! Heute wird alles schiefgehn!

Er wollte sich erheben und Schluß machen. Es klingelte noch einmal. »Ihr Herr Bruder«, sagte der Sekretär.

Paul fragte: »Du, Theodor?«

»Ja«, sagte Theodor, »geh nicht fort, ich bin in fünf Minuten bei dir.« Theodor kam.

Er trug zum erstenmal nach langer Zeit wieder Zivil, daheim welkten die Windjacken. Pauls Einladung, sich zu setzen, lehnte er ab. Er stand im Dämmer des Winterabends, ein paar Schneesternchen glänzten noch und zergingen eilig auf den Schultern seines Mantels. Er hielt den Hut in der Hand – man hätte ihm ansehn können, daß er ihn lieber mit beiden Händen gehalten hätte. Gedemütigt, so in der Wohnung des Bruders. Paul war ihm fremder in der Mitte der fremden Möbel, zwischen den Wänden, die Paul, nur Paul gehörten. Es war nicht das Haus der Mutter, in dem Theodor immerhin das Gefühl, enterbt zu sein, genoß, eine erhabene Bitterkeit, die auch Besitzrechte verleiht. Ob er mir helfen wird? Bis zu dem Augenblick, in dem er an Pauls Türklingel gedrückt hatte, war er ohne einen genauen Plan herumgegangen. Es war ihm unmöglich gewesen, sich vorzustellen, was er zuerst sagen würde, was Paul antworten könnte. Nun wußte er nichts zu sagen. Jäher fiel die Dämmerung ins Zimmer. Paul machte kein Licht. Es war, als riefe er den dunklen Himmel gegen Theodor zu Hilfe.

Bevor es Nacht wird, sage ich es, dachte Theodor.

»Ich brauche mindestens zweitausend Dollar sofort!« sagte Theodor endlich.

»Ich habe sie nicht!«

»Ich muß heute nacht weg. Mit Gustav. Du kennst ihn nicht. Er hat was angestellt.«

»Was sagst du? Was hast du damit zu tun?«

»Du kannst mich der Polizei ausliefern, wenn du willst. Ich bin beteiligt!« Und weil es ihm plötzlich einfiel, daß Paul ihn für einen gemeinen Verbrecher halten könnte, sagte er hastig:

»Es ist politisch.«

Die letzte Silbe dieses Wortes zischte noch in Pauls Ohren. Die Nacht war hereingebrochen. Paul erinnerte sich wieder an Nikita.

»Ich habe kein Geld!«

»Telephoniere, leih dir, sofort, schnell!« begann Theodor, jetzt mit lauter Stimme, als fände er, daß nun, da die Nacht schon da war, Vorsicht keinen Sinn mehr hatte.

»Und was geschieht«, fragte Paul langsam, »wenn ich dir kein Geld gebe?«

»Du!« schrie Theodor. Er griff nach dem Tisch, ein gläserner Briefbeschwerer glitt von selbst in seine Hand. Er warf den Gegenstand auf den Fußboden. Es dröhnte.

In diesem Augenblick schrillte die Türklingel. Paul öffnete. Nikolai Brandeis trat ein.

Er war ein großer, kräftiger Mann in den Vierzigern, mit überraschend weichen, tigerhaften Bewegungen und einer tiefen und sanften Stimme, deren Reiz in dem fremden Akzent bestand, den sie auf die Worte legte. Manchmal schien es, daß Brandeis absichtlich die Silben falsch betonte. Wer ihn kannte, war überrascht von der Schnelligkeit und der Vielfalt seiner Intelligenz und verwundert über die Zähigkeit, mit der er immer wieder seine alten Fehler machte. Ja, er hatte die unhöfliche Gewohnheit, einen Satz, den ihm jemand sagte, sofort in seiner eigenen Melodie und falsch betont zu wiederholen, als wollte er den Sprecher verbessern oder als vergewisserte er sich, daß er richtig verstanden habe. Diese Eigenschaft machte die Menschen gegen ihn mißtrauisch. Wenn die Menschen es schon nicht gerne sehn, daß man ihre Fehler verbessert, so werden sie erbittert, wenn man nicht einmal ihre Korrektheit gelten läßt. Brandeis blieb ihnen fremd. Sie konnten nur einen ganz bestimmten Grad von Fremdheit ertragen, sogar sympathisch finden. Brandeis aber übertrieb. In einem Bilderatlas für Völkerkunde, in einem Museum als harmloses Porträt an der Wand hätte man ihn nur »exotisch« gefunden. Er aber lebte.

Er schien von einem unbekannten Geschlecht breitknochiger und hünenhafter Mongolen abzustammen. Sein schwarzer Spitzbart schloß sein breites, herzförmiges Angesicht so mustergültig ab, daß er wie künstlich und angeklebt wirkte, und da überdies die Oberlippe rasiert war, konnte man einen Augenblick glauben, Brandeis hätte nach einem Maskenfest vergessen, den Bart abzunehmen. Überraschend war die hellgraue Farbe seiner schiefgestellten, schmalen Augen. Merkwürdigerweise erhob sich über diesem dreieckigen Gesicht und im Gegensatz zu seiner braungelben Farbe eine weiße hohe und breite Stirn, die wie von einem anderen Menschen entlehnt war. Und erst die dünnen, in einzelne Strähnen zerfallenden, mattschwarzen Haare hatten wieder eine Beziehung zum Antlitz, zum Bart und zu der Lage der Augen.

Man wußte von diesem auffälligen Mann nur, daß er, wie viele Tausende, Rußland während der Revolution verlassen hatte. Da er keine Familie, keine Verwandten, keine Freunde aufzuweisen vermochte, da er während seiner Anwesenheit in Berlin keine Freunde gewonnen hatte, weder mit Fremden noch mit Einheimischen verkehrte, sondern nur mit dem und jenem Geschäfte machte, und zwar Geschäfte jeder Art, begannen die Leute, auf ihn aufmerksam zu werden und ihn unbestimmter Laster zu verdächtigen. Er wurde schnell bekannt. Denn der Haß und das Mißtrauen machen populärer als die Wertschätzung und die Liebe. Wer ihn einmal sah, vergaß ihn nicht mehr. Man erlag dem melancholischen Reiz der Stimme und vermutete ein Geheimnis in diesem Mann.

Man konnte ihm in den Banken, in den Wartezimmern der Direktoren, auf der Börse, in den Kaffeehäusern der Geschäftsviertel begegnen. Man wußte ferner, daß er in einer kleinen Pension im Westen wohnte, wo er seine Mahlzeiten nicht einnahm. Manchmal sah man ihn zu einer späten Stunde in einem der geschlossenen Spielklubs. Da saß er in einer Ecke, trank, zahlte und ging. Die Gasthäuser waren geschlossen, er betrachtete die Spielklubs lediglich als deren Stellvertretungen. Einladungen nahm er nicht an. Er ging immer zu Fuß. Von allen Menschen, mit denen er Geschäfte machte, war er der einzige, der keinen Wagen besaß, und übrigens der einzige, der niemals Eile zu haben schien. Man sah ihn mächtig, langsam, herausfordernd langsam die Straßen daherkommen, einen Stock mit metallener Spitze gegen den Himmel gerichtet wie ein an einem Riemen geschultertes Gewehr, die Hand mit dem Stockgriff in der Tasche geborgen, den Hut mit schmaler Krempe über den Augen. So sah er gerüstet aus, und seine Sicherheit war die eines Menschen, der an der Spitze eines großen Gefolges einherschreitet.

Er hatte ein paar Monate früher ein umfängliches Geschäft mit Paul Bernheim gemacht. Es hatte sich darum gehandelt, einige hundert alter, schlechter Feldküchen, die in einem Depot in der Steiermark lagen und um die sich der Staat nicht kümmerte, weil er nicht genug begabt war und weil die Gegenstände der Kontrolle der alliierten Waffenkommission unterlagen, als altes Eisen nach Jugoslawien billig zu verkaufen. Nur verlangte der Käufer das Angebot von einer regelrechten Firma in Österreich. Brandeis versprach einen Gewinn von dreißig Prozent, wenn die Bank Bernheims als Käufer in der Steiermark und Verkäufer nach Jugoslawien auftreten würde. Die Kaufsumme war gering, die Bestechung eines Bezirkshauptmanns und eines Finanzbeamten wollte Brandeis selbst durchführen. Bernheim hatte fast kein Risiko. Er ging auf den Vorschlag ein. Nachdem das Geschäft zustande gekommen war, erhielt er zu seinem Erstaunen statt der abgemachten dreißig Prozent von Brandeis fünfundvierzig. Paul fürchtete eine Falle und sandte Brandeis die fünfzehn Prozent zurück. Er erhielt einen Brief, in dem Brandeis sich entschuldigte und die Überweisung von fünfundvierzig als einen Irrtum aufklärte.

Seit jener Zeit hatte Bernheim nichts mehr von Brandeis gehört. Daß dieser heute kam, am Abend, zu einer Stunde, in der Paul seinen Bruder unerwartet bei sich sah, verstärkte die Rätselhaftigkeit des Fremden und die Ängstlichkeit Bernheims. Was wollte Brandeis? Wußte er von seinem Bruder? Stand er mit der Polizei in Verbindung? Drohte ihnen beiden etwas?

Es dauerte einige Sekunden, ehe Paul ein Wort fand. Er stand, die Hand noch an der Klinke der Tür, die er eben nach dem Eintritt Brandeis' geschlossen hatte, und so, als wollte er das Haus dem Fremden übergeben und es verlassen. Brandeis hielt den Stock gesenkt wie zum Zeichen, daß er sich schon in einem Zimmer befand. Er behielt den Hut auf dem Kopf. Er wartete. Schließlich, als Paul immer noch schwieg, sagte er: »Sie haben drinnen einen Gast, und ich störe Sie. Vielleicht ist es besser, ich gehe.«

Theodor hatte indessen Licht angezündet. Er saß in einem breiten Sessel, schmal, blaß und erfroren. Als ihm Brandeis kurz und aus der Entfernung zunickte, senkte Theodor nur die Lider.

Paul hatte gehofft, den Bruder würde die Anwesenheit des Fremden vertreiben. Aber Theodor sagte mitten in die Stille:

»Wann kannst du mir das Geld geben?«

»Es ist unmöglich –«, sagte Paul.

Theodor erhob sich. Er erhob sich schnell, mit vorgeworfenem Oberkörper, ohne die Hände aus den Taschen zu ziehn, und die Bewegung wirkte wie eine gehässige und bedrohliche Antwort, hingeschleudert von dem ganzen gespannten Körper.

In diesem Augenblick sagte Brandeis: »Wieviel brauchen Sie, junger Herr Bernheim?«

»Zweitausend Dollar wollte mein Bruder. Ich kann sie aber im Augenblick nicht auftreiben. Sie verstehen, jetzt, um diese Stunde!« sagte Paul. »Darf ich Ihnen helfen?« fragte Brandeis. Er zog ein Bündel gerollter Dollarnoten, die mit einem Gummiband gegürtet waren. Er zählte zweitausend Dollar in Hundertscheinen und reichte sie Paul. Brandeis hatte so schnell gezählt, daß zwischen seiner Frage und dem Augenblick, in dem er den Gummi wieder um den Rest schnallte, nur Sekunden vergangen zu sein schienen.

Wortlos – so entschieden wortlos, als wäre er seit Jahrzehnten stumm – gab Paul seinem Bruder das Geld.

Theodor nickte, Paul folgte ihm ins Vorzimmer. Er machte die Tür auf, noch ehe Theodor sie erreicht hatte. Die Brüder gaben einander nicht die Hand. Theodor ging. Langsam schloß Paul die Tür. Als er sich umwandte, sah er das Bild Brandeis' im Spiegel des Zimmers. Brandeis mußte diesen Abschied gesehen haben.

»Ich danke Ihnen«, begann Paul, »ich will morgen –«

»Das ist nicht nötig«, unterbrach die sanfte Stimme, »wir haben größere Geschäfte miteinander zu machen, wenn Sie wollen. Sie sehen, daß ich Geld habe und nicht einmal in der Bank.«

»Offen gestanden«, sagte Paul, »ich hätte ihm nichts gegeben, wenn Sie nicht gekommen wären.«

»Mit Unrecht, mit Unrecht. Wollen Sie diesen jungen Mann der Polizei ausliefern?«

»Woher –«, begann Paul.

»– ich das weiß? Ich weiß gar nichts. Bedenken Sie, wenn ein junger Mensch in dieser Zeit, am Abend, sofort, eine große Summe braucht! Und außerdem kenne ich die jungen Leute. Ihre Emotionen sind kostspieliger, als unsere es waren, auch als Ihre es waren. Was brauchten wir? Frauen. Die Jugend von heute braucht Blut. Und das ist unbezahlbar.«

»Sie verstehen das?«

»Ausgezeichnet! Ich verstehe, daß der Tod diese Menschen so anzieht, wie wir einmal vom Leben angezogen waren. Sie fürchten den Tod, wie wir einmal das Leben gefürchtet haben, sie sehnen sich nach ihm, wie wir uns einmal nach dem Leben gesehnt haben. Glauben Sie nicht, daß es sogenannte schädliche Ideen sind, die diese jungen Leute treiben! Angst und Durst treiben sie wie Tiere. Ideen sind Vorwände – immer Vorwände gewesen –«, die Stimme wurde immer leiser, eine Hand hielt Brandeis auf der Tischkante und spielte auf ihr mit den Fingern, als wollte er dem Holz endlich einen Ton entlocken. »Ideen sind Vorwände, man findet immer welche. Ich werde einem Hund die Tür aufmachen, vor der er in der Nacht bellt, und – entschuldigen Sie den Vergleich – Ihrem Bruder Geld geben, damit er sich rettet. Mich beschwert nur, daß ich ihm keinen Gefallen damit erweise. Denn, sehen Sie, der Hund hat ein Haus und einen Herrn und die Gestalt eines Hundes. Dieser junge Mann aber wird vor lauter verschlossenen Türen stehn, und da er den Leib eines Menschen hat, wird ihm niemand öffnen. Sie sind ja so unglücklich, diese Leute! Sie haben keine Freuden mehr, nur Ideale. Ach, wie traurig sind Idealisten! –

Aber reden wir von Geschäften! Damit ich Ihnen nicht zu edel erscheine, will ich Ihnen gestehen, daß ich Geld so leicht nur hergebe, wenn ich jemanden brauche. Ich brauche Sie! Ich bin, wie Sie wissen, ein Fremder hier. Man traut mir nicht. Ich tue selbst alles mögliche, um die Leute mißtrauisch zu machen. Nun, ein ganz einfaches Geschäft. Ich habe Stoffe an der Hand! Sehr gut, billig, leider von einem hellen Blau, das man nicht trägt. Man könnte auf die entsprechende Mode warten, gewiß. Aber warten? Ich habe mich erkundigt. Man kann die Stoffe färben, aber sie werden dann zu hart. Es gibt nur eine Art, sie zu verwenden, für Uniformen!« Brandeis wartete eine Weile. Er wartete auf eine Zustimmung. Paul schwieg.

»Ich brauchte«, fuhr Brandeis fort, »einen Mann, der den Behörden, Zoll und Gendarmerie und Polizei, Stoffe liefern könnte.«

»Ich werde mich bemühen«, sagte Paul.

»Sie werden selbst liefern«, sagte Brandeis. Er knöpfte den Mantel zu, den er nicht abgelegt hatte, faßte nach dem Stock, der am Stuhl lehnte wie ein lebendiges Wesen, und stand auf. Es schien Paul, daß der Fremde größer geworden war, daß er im Sitzen gewachsen war. Bernheims Blick reichte gerade bis zur Bartspitze des Großen.

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