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Rechts und Links

Joseph Roth: Rechts und Links - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleRechts und Links
publisherKiepenheuer & Witsch
year2006
isbn3462036718
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121019
projectidfa73ff99
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XX

Ein paar Tage später verließ Nikolai Brandeis den Zug an einer jener Grenzstationen, die er oft passiert hatte, ohne mehr von ihnen gesehen zu haben als die öde, grenzenlose Traurigkeit ihrer Rangierbahnhöfe, den provisorischen, etappenmäßigen Aspekt ihrer hölzernen, braungeteerten Baracken und die kollegiale Eintracht der verschieden uniformierten Zollwächter zweier Länder. Er blieb in der kleinen Stadt, die er vom Bahnhof nach einer halben Stunde Wanderung erreicht hatte, als brächte ihm erst dieser Aufenthalt und die endliche Verwirklichung einer oft verspürten flüchtigen Laune den Beweis seiner wiedergewonnenen Freiheit. Die stillen Einwohner der kleinen Stadt sahen sich nach ihm um. Sein Gesicht schien aus demselben Stoff gemacht zu sein wie sein großer, rostbrauner Mantel, und obwohl sein Hut, sein Anzug, seine Schuhe einen europäischen Schnitt hatten, wirkten sie doch wie Kleidungsstücke, die von den Söhnen eines fremden Volkes in einem unbekannten, unerreichbar fernen Land getragen werden. Langsam ging Brandeis durch die kleinen und schmalen Gassen, die noch kleiner und schmaler wurden, wenn er in ihnen erschien. Hinter ihm und vor ihm wehte die Weite.

Noch wußte er nicht, wohin er gehen würde. Überall schien ihm die Erde gleich zu sein. In allen Städten aller Länder gebar sie mit unendlich geduldiger und schmerzlicher Güte die schwächlichen Paul Bernheims, die Gefangene ihrer törichten Wünsche wurden; die kläglich verworrenen Theodors, die im ewigen, dichten Schatten der öffentlichen Pathetik lebten; die Gewalthaber, denen die Macht zur Ohnmacht wurde und die im Giftgas erstickten, das sie erzeugten; die Allerweltsmenschen, die aus Budapest kamen und hinter den Paravents saßen; die kleinen Mädchen, die geliebt sein wollten und ihre kleinen Herzchen verloren.

Ohne mich, dachte Brandeis, wird die Welt ihren ewigen, langweiligen Gang weitergehn. Paul Bernheim wird schließlich zur Chemie kommen. Herr Enders wird im nächsten Krieg das Vaterland retten, Theodor wird die Leitartikel des Blattes schreiben, dessen Aktien mir gehören. Ich werde fahren: wohin? Die Häfen der ganzen Welt warten auf mich.

Gegen sechs Uhr nachmittags stieg er wieder in den Zug. Um diese Stunde begannen die beinernen Stricknadeln der alten Frau Bernheim zu klappern und die Schreibmaschine im Hause ihres Sohnes Theodor. Frau Irmgard entließ den Hausarzt und bereitete sich vor, ihrem Mann das traditionelle süße Geheimnis mitzuteilen. Einen Erben trug sie im Schoß. Herr Sandor Tekely begab sich ins ungarische Restaurant in der Augsburger Straße. Die Chauffeure der Brandeisschen Automobile vertauschten ihre Livreen gegen billige Zivilanzüge. Die Beamten riefen ihre Mädchen an und holten die Theaterbillets aus den Brieftaschen, Billetts zu ermäßigten Preisen. Die Abendredaktion begann. Die Redakteure zogen die Lüsterröckchen an und spitzten die roten Bleistifte. Und die Nachrichten stürmten klingelnd in die ledergepolsterten Telephonzellen, aus Bukarest und Budapest, aus Amsterdam und Rotterdam, aus London und Bombay, aus Kairo und New York. Ihren alten, langweiligen Gang geht die Welt.

Es war das letztemal, daß man Brandeis sah. Seit jenem Tage wußte niemand mehr etwas von ihm zu berichten. Er stieg in den Zug, und es wurde wieder ein neuer Nikolai Brandeis geboren.

Und also beginnt hier ein neues Kapitel.

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