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Rechts und Links

Joseph Roth: Rechts und Links - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/roth/rechtsli/rechtsli.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRechts und Links
publisherKiepenheuer & Witsch
year2006
isbn3462036718
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121019
projectidfa73ff99
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XVIII

Alle Landstraßen der Welt sehen einander ähnlich. Alle Bürger der ganzen Welt sehen einander ähnlich. Die Söhne sehen ihren Vätern ähnlich. Und wer zu dieser Erkenntnis gelangt ist, könnte verzweifeln an der Aussichtslosigkeit, jemals irgendeine Veränderung zu erleben: Ja, sosehr sich die Moden ändern, die Staatsformen, der Stil und der Geschmack, so deutlich sind die alten, ewigen Gesetze in allen Formen zu erkennen, die Gesetze, nach denen die Reichen Häuser bauen und die Armen Hütten, die Reichen Kleider tragen und die Armen Lumpen, und auch jene Gesetze, nach denen die Reichen wie die Armen lieben, geboren werden, krank werden und sterben, beten und hoffen, verzweifeln und verdorren.

Wir gehen dazu über, das Haus des aufgestiegenen Paul Bernheim kennenzulernen, und es ist nicht unwichtig, sich an das Haus seines Vaters zu erinnern. Der alte Bernheim hatte die Bäume und die Mauer umlegen lassen, und der junge ließ eine Mauer errichten und in die jungfräuliche Erde seines Geländes alte, ausgewachsene Bäume einpflanzen. In seinem Garten standen keine Zwerge mehr. Aber die Fabrik, Grützer und Compagnie erzeugte auch keine Zwerge mehr, sondern, aus dünnem, milchigem und hohlem Porzellan weibliche Figuren von einem gewissen stachligen Charakter. Ihre Gliedmaßen erinnerten an die Form von Fichtennadeln. Ihre Brüste waren kleine Pyramiden, ihre Bäuchlein Parallelogramme, ihre Ellbogen Lanzenschäfte und ihre dreimal geknickten Knie gemahnten an die medizinischen Modelle, welche die Folgen der Rachitis anschaulich machen.

Dieser Figuren ein halbes Dutzend sah man in Bernheims Vorzimmer. Sie gehörten zu den Geschenken des Herrn Carl Enders und zeugten von seinem modernen Geschmack, oder genauer: von der Mühe, die er sich gab, einen modernen Geschmack zu beweisen. Ohne Zweifel hätten ihm jene Zwerge aus Ton besser gefallen, die im Garten des alten Bernheimschen Hauses standen. Aber er wäre bereit gewesen, sie mitleidig zu verachten. Wenn Carl Enders in die Lage geriet, ein Bild zu kaufen, so achtete er darauf, daß es seinem Verstand und seinen Sinnen widerspreche. Dann war er sicher, ein modernes und wertvolles Kunstwerk gekauft zu haben. Eine lange Übung hatte ihn dazu gebracht, daß seine Wertschätzung automatisch anfing, wo ein Gegenstand sein Mißfallen erregte, und daß er ein empörtes Mißtrauen allem entgegenbrachte, was ihm gefiel. Dieser Methode verdankte er den Ruf, einen »unfehlbaren Geschmack« zu besitzen, und also fuhr er fort, seinem echten Geschmack zuwiderzuhandeln. Ihm verdankte Paul die Anlage seiner Villa, die Einrichtung und die Kunstgegenstände. Das Haus sah einem Schiff ohne Kiel ähnlich. Nur die Fenster, die lang waren und bis zum Boden reichten, so daß man sie als Türen hätte benutzen können, erinnerten den Betrachter, daß es ein Wohnhaus war. Im übrigen war es weiß gestrichen und segelte im Stehen dahin. Ein halbrunder Vorsprung, in dessen Innerem man im Sommer das Frühstück einnehmen konnte, sogar sollte, schien, von außen besehn, Luxuskabinen zu enthalten. Über dem Vorsprung das Dach erinnerte an eine geräumige Kommandobrücke. Im ersten Stock waren die Wände tiefer und die Fenster zierlicher. Weite, steinerne, flache Ränder des Daches überschatteten sie. Darüber war nur noch der Dachboden, ein breites, niedrig gemauertes Rund mit vielen breiten und kurzen Fenstern, die keinen andern Zweck hatten, als unter Umständen hinausgesteckte Fahnen zu tragen. Der Park war weit. Die paar übersiedelten Bäume hielten sich in der Nähe des Hauses auf, wie aus Angst vor der kahlen Weite des Gartens. An »Licht, Luft und Sonne«, drei Elementen, die dem Herrn Enders wie der modernen Architektur heilig waren, schien das Haus Bernheims mehr zu enthalten als die Welt selbst, und man hatte oft den Eindruck, daß die Zimmer von einer Privatsonne erfüllt waren, wenn draußen der Himmel bewölkt und die Luft ein dichter Nebel war. Am liebsten hielt Paul sich vor dem Kamin auf. Dieser Ort, der einmal der natürliche Hauptbestandteil aller menschlichen Wohnungen war, der Höhlen wie der Hütten, ist heutzutage nur noch ein Symbol in den Behausungen der Wohlhabenden und eine Ablagerungsstätte der ganzen im Lauf des Tages angehäuften Sentimentalität. Paul Bernheims Kamin war von einer steinernen Pyramide überdeckt, auf deren breitem Rand ein Glas Wasser, ein Zigarettenetui, buntköpfige Streichhölzer und eine blaue Vase mit Geranien standen. Ein blankes Gitter aus Messing umgab das Feuer, ein Schachbrett aus weißen und schwarzen Steinen, mitten in die hölzerne Diele eingebaut, erstreckte sich vom Kamin fast bis in die Mitte des Zimmers. Ein buntgeblümter Lehnstuhl hielt sich an der rechten Seite auf, ein gepolstertes Stühlchen ohne Lehne links. Ein stählernes Gestell, das einen Photographenapparat ebenso tragen konnte wie Hüte, Regenschirme und Kleidungsstücke, ging überraschenderweise in einen grünen Lampenschirm über, in dessen dichtgefüttertem Innerem eine elektrische Birne blühte. Paul machte die Tür zum Speisezimmer auf. Er liebte es, vom Feuer weg in das milde Licht des Speisezimmers zu schauen, wo weiße, breite Stühle mit leise federnden Sitzflächen aus geflochtenem Stroh einen runden, bräutlich verhüllten Tisch umgaben, der in der Mitte eine weiße Schüssel voll gelber Blümchen trug. Ein Gong in einem Rahmen aus Nickel konnte von jedem Unbefangenen für einen Rasierspiegel gehalten werden. Ein rechtzeitiger Blick nur auf den Klöppel mit dem dicken Knopf aus grauem Gummi, beschützte vor Verwechslungen. Das ganze Haus war unheimlich neu und sauber. Paul Bernheim sah zuerst auf jeden Stuhl, bevor er sich setzte, aus einer unbestimmten Angst vor der noch nicht getrockneten Politur. Es roch nach Lack, Öl und Terpentin – ein Geruch, den Irmgard jeden Morgen mit Fichtennadelduft zu bekämpfen befahl. Doch hüllte man zuerst die Bilder ein, damit sie von den Zerstäubern nicht getroffen würden. Nur im Schlafzimmer Irmgards roch es nach Coldcreme, Lippenstift und Brennschere. Ihrem breiten Bett gegenüber, das von Theatervorhängen umgeben war, hing das exklusive Bild des exklusiven Malers Hartmann, der es Herrn Enders für fünfzigtausend Mark verkauft hatte. Herr Enders, der Maler, Schneider und Friseure nicht gerne bezahlte, weil er sie für öffentliche Einrichtungen hielt, für die man Gemeindesteuern zahlt, wie Straßenpflaster und Laternen, hatte dem Maler Hartmann vorläufig einen Scheck auf zehntausend gegeben in der vagen Hoffnung, daß die Zeit den Rest des schuldigen Geldes vermindern würde. Nichts hielt seiner Ansicht nach der Zeit stand. Sie verzehrte Menschen, Gegenstände und Schulden. Den Maler Hartmann gefährdete sie besonders. Denn er war, je älter er wurde, eine immer leichtere Beute der Frauen, die ihn an den Rand des Grabes zu bringen pflegten, um ihn dort zu verlassen. Herr Enders prophezeite dem Maler immer wieder einen Selbstmord, besonders, seitdem er ihm vierzigtausend Mark schuldete. Die Aussicht auf den Selbstmord machte das Bild nur noch wertvoller. Irmgard konnte es vom Bett aus genau betrachten. Tagsüber hing es günstig den Fenstern gegenüber. Für die Nacht hatte Herr Enders eine besondere Vorrichtung getroffen. Ein schmaler, leuchtender Rahmen aus mattem Glas entzündete sich auf einen Druck an dem Taster, der über dem Bett hing. So konnte Irmgard das Bild in den Schlaf hinübernehmen, einen vorgeträumten Traum.

Paul Bernheim setzte sich vor den Kamin. Aber heute beruhigte ihn das Feuer nicht. Er war allein in seinem neuen, knisternden, lackierten Haus, in dem er nicht heimisch wurde, weil er unaufhörlich die Übermacht des Herrn Enders fühlte und die der chemischen Industrie. Wo fühlte er sich denn wohl? Im Geschäft bedrohte ihn Brandeis und zu Hause Enders. Ach! Er hatte es sich zu leicht vorgestellt. Er hatte gedacht, daß er nach fünf Monaten ein angesehenes Mitglied der großen Industrie werden könnte. Aber ein Industrieller Enders war noch vorsichtiger und tückischer als ein Finanzmann Brandeis. Paul hatte das sichere Gefühl, daß er vorläufig ein aufgespartes Werkzeug zwischen beiden war. Man sagte ihm nichts. Man ließ ihn in der Schublade liegen, einen Hammer, mit dem man gelegentlich ein paar Nägel einzuschlagen gedenkt. Das bittere Erlebnis mit Lydia war nicht der einzige Grund seiner Aufregung. Er, Direktor in Brandeis' Geschäft, hatte erst auf Umwegen erfahren müssen, daß Brandeis im geheimen die Aktien der Transleithanischen Aktiengesellschaft aufzukaufen begonnen hatte. Ferner, und auch das hatte er erlauscht, daß in Albanien sich eine Holzverwertungsgesellschaft unter der Ägide Brandeis' gebildet hatte. Was wollte Brandeis in Albanien? Man sprach davon, daß er im Verein mit der italienischen Regierung die Eisenbahnstrecken in Albanien auszubauen gedenke und daß er das Material in Rom zu bestellen sich weigere. Die italienische Regierung aber wollte nur unter dieser Bedingung die Konzession für den Eisenbahnbau vermitteln. Allmählich erfuhr Paul Bernheim den Sinn der Reisen, die Brandeis jeden zweiten Monat unternahm. Er fuhr immer wieder nach dem Balkan, aber die Post wurde ihm nach Wien geschickt. Er ist langsam gefährlich geworden, dachte Bernheim. Als er seine stillen Aufkäufe begann, kannte ihn niemand. Man ließ ihn gewähren. Und wollüstig sagte er halblaut in das köstliche Kaminfeuer: »Aber er wird nicht durchkommen, sie werden ihn nicht lassen.« In diesem Augenblick knurrte das Telephon. Irmgard rief an wie jeden Abend. »Wie geht es?« »Wie geht es!« »Alles in Ordnung?« »Alles in Ordnung!« »Sag ein liebes Wort!« »Irmchen«, brachte er mühsam hervor. Er konnte unmöglich Zärtlichkeiten telephonieren. Irmgard verlangte sie regelmäßig, aber in der gleichen Art, in der sie sich nach Dienstboten, Chauffeuren und Wäsche zu erkundigen liebte. »Weißt du?« »Ja!« »Onkel kauft mir ein Pferd!« »Bravo!« rief Paul mit einem Jubel, den er wie ein Würgen fühlte. »Er will dich sprechen.« Herr Enders begann. Seine Stimme klang sehr fern, weil er niemals in die Muschel sprach, sondern in die Luft. Wenn er das Haus verließ, konnte ein Diener telephonieren und Bakterien in der Muschel hinterlassen. Jeden Monat ließ er die Apparate im ganzen Haus auswechseln. »Lieber Junge«, sagte die ferne Stimme, »hast du was Neues von Brandeis?« »Was soll es denn sein?« »Trans- und Cis-AG. Schlägt in unser Fach. Kunstseide in den Sukzessionsstaaten.« »Möglich!« sagte Paul. »Erkundige dich! Irmgard kommt übermorgen! Pupille!« Das war ein Wort, das Enders vertraulichen Telephongesprächen anzuhängen liebte, eine Art Telephonsiegel.

Paul kehrte zum Kamin zurück. Er wußte genau, daß der Herr Enders jetzt zu Irmgard sagte: »Sei mir nicht bös! Aber dein Mann ist ein reiner Tor!« Diese erahnten Worte vernahm Paul deutlicher als früher die telephonierten. Sollte er jetzt Brandeis aufsuchen? Wozu? Was würde er erfahren? Wenn Lydia aber erzählte? Wie blamabel! Der Ruf eines Gentlemans!

Dieses Wort leitete eine neue Kette von Assoziationen ein. Erinnerungen an die Träume vor der Heirat. Selbständigkeit, Chemie, Beherrschung des Marktes, der Börsen, Geschäfte mit Amerika, Aeroplanfahrten, in zwei Tagen London, Paris, am dritten New York, ein Netz von Macht, gespannt über die ganze Welt, alle Aktien aller deutschen Zeitungen. Zu Hause Gesellschaft, Tennis, Reiten, Boxen. Nicht diese langweiligen Leute, die jetzt kamen. Nicht diese Turnstunden des Morgens nach den Anweisungen des Radios, die Irmgard so liebte, Nein, er war nicht mächtig geworden. Niemand hatte Respekt. Da war sein Junggesellenleben schon vornehmer und freier gewesen. Relativ war Theodor schneller gewachsen.

Paul ging zum Grammophonkasten – auch ein Geschenk des Herrn Enders – und legte die Platte von den fünf Brüdern King aus Wilmington ein. Der Gesang der weichen und tiefen Stimmen vertiefte die Traurigkeit Bernheims bis zu dem gewünschten Grade, in dem sie sich schon in Trost verwandelte. Er setzte sich an den Apparat, um die Kurbel immer wieder aufziehn zu können. Er konnte die Stille des Hauses nicht mehr ertragen. Die Neger mußten singen. Sie sangen die Verlorenheit einer ganzen Rasse und bezogen den fremden, verlorenen Mann in ihre eigene wüste, heiße und schmerzliche Vergangenheit. Mit einem dankbaren und treuen Blick umfaßte Paul das Grammophon. Das einzige von den Geschenken Enders', das er liebte. Wie gut war ein Grammophon. Zwanzig Jahre früher hatte man sich an ein Klavier setzen müssen. Jetzt brauchte man nur eine Kurbel zu drehen. Auch die Mittel des Trostes machten Fortschritte, und die Technik verbannte durchaus nicht die Sentimentalität.

Er ließ sich die Zeitungen bringen und schlug sie an den Stellen auf, wo die vermischten Nachrichten standen. Nicht ohne ein Schuldbewußtsein. Er sagte sich, daß es eines Kaufmannes unwürdig sei, nicht zuerst nach dem Börsenteil zu sehn, aber es war stärker als er, es zwang ihn, nach Kunstbesprechungen zu suchen, nach Theaterreferaten, nach Familientragödien. Der Tag brachte lauter Unglück, also stand auch ein Aufsatz seines Bruders Theodor in der Zeitung, ein Aufsatz über eine Ausstellung von Büchereinbänden, aber auch über Deutschland, Europa, die gelbe Gefahr und Indien. Denn Theodor konnte keine Gelegenheit versäumen. Er mußte immer eine Meinung äußern, und eine Menge sinnloser, aber schlagender Formulierungen standen ihm zur Verfügung. Er hatte sie erlauscht, ihre akustischen Bestandteile aneinandergefügt, zerhackt, umgelegt und mit Tendenzen gefüttert, die aus dem völkischen Gedanken, aus dem Marxismus und von Stirner kamen. Paul machte sich die Mühe aufzustehn, wieder an den Kamin zu gehn und die Zeitung ins Feuer zu werfen. Er gehörte zu den empfindlichen Menschen, die etwas aus der Welt zu schaffen glauben, wenn sie es aus ihrem Blickfeld räumen.

Immer noch sangen die Neger. Das Feuer im Kamin erlosch langsam. Paul Bernheim zündete kein Licht an. Er schlief im bunten Lehnstuhl ein, dessen große, gelbe Blumen giftig die Finsternis durchbrachen.

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