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Rechts und Links

Joseph Roth: Rechts und Links - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/roth/rechtsli/rechtsli.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRechts und Links
publisherKiepenheuer & Witsch
year2006
isbn3462036718
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidfa73ff99
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Dritter Teil

XVII

Um sieben Uhr abends, zwei Stunden später als seine Angestellten, verließ Nikolai Brandeis sein massives Bürohaus. Um diese Stunde schlossen die drei Warenhäuser, die ihm gehörten, die Kaufläden in den dreiunddreißig Häusern, die ihm gehörten, die sechshundertundfünfzig Beamten und Angestellten zogen schwarze Anzüge an, suchten ihre Abonnements hervor, ihre kleinen Mädchen und ihre vergrämten Frauen und begaben sich in die Theater, die Kinos und Konzerte zu ermäßigten Preisen, die Bürodiener und die Lohnkutscher betraten die Bierkneipen und führten die schmalen Gläser, gefüllt mit schäumender, uringelber Flüssigkeit an die langhaarigen Schnurrbärte. Um diese Stunde strömten die fünftausend Arbeiter aus den Fabriken, deren Aktien Brandeis besaß, in die feuchten Säle voll von kaltem Pfeifenrauch, dumpfem Gestank der Bierfässer, säuerlichem Menschenschweiß, um Politik zu hören. Um diese Stunde gingen die Herren Sekretäre und Oberbeamten ins Kasino zum Spielchen, in die Vorstandssitzung des Stahlhelms, in das Komitee vom Weißen Kreuz, in die Bezirksorganisationen des Reichsbanners, in den Wochenabend der Kreiszahlstelle. Um diese Stunde legten die Chauffeure der hundertundzwanzig Last- und Warenautomobile, die in Brandeis' Namen durch Straßen und Städte fuhren, ihre Livreen ab, hängten sie an dünne Bügel in numerierte Wandschränke, zogen ein billiges, praktisches Zivil an und genossen die Freiheit, die knappe zwölf Stunden maß an Länge und an Breite. Das war die Stunde, in der die Redakteure des demokratischen Blattes, dessen heimliche Aktien Brandeis heimlich gehörten, den Abenddienst begannen, schmale, glänzende und ausgefranste Lüsterröckchen anzogen und auf die Glockenknöpfe aus weißem Kautschuk drückten. Die Boten kamen auf Fahrrädern mit Parlamentsberichten, mit Gerichtssaalberichten, mit Tagesneuigkeiten, lila kopiert auf billigem Holzpapier, mit politischen Korrespondenzen, und in den ledergefütterten und stickigen Telephonzellen begannen die Apparate zu klingeln, aus Amsterdam und Rotterdam, aus Bukarest und Budapest, aus Kalkutta und Leningrad, und der Leitartikler hatte sein Thema gefunden, wanderte auf und ab und predigte Sätze, denen eine Schreibmaschine das klappernde Echo gab. Alle diese Menschen glaubten, frei zu sein. Kaum kannten sie den Mann, der ihnen Brot gab und Margarine, Kunstbutter und prima Tafelbutter. Sie hielten sich aufrecht und zitterten vor Kündigungen, sie demonstrierten am Sonntag und verbargen pornographische Ansichtskarten vor ihren Frauen, sie herrschten über ihre Kinder und bangten um eine Gehaltserhöhung, sie redeten Leitartikel und zogen die Hüte vor dem Bürochef.

Brandeis kannten sie nicht. Nikolai Brandeis, den Organisator, ja den Schöpfer eines neuen Mittelstandes, den Erhalter des alten, Nikolai Brandeis, der den Organisationen der Mittelständler Rabatte verlieh, der an der Billigkeit der Waren reich wurde, der die Menschen kleidete und nährte, der ihnen kleine Kredite gab und niedliche Häuschen an den Rändern der Städte, der ihnen die Blumentöpfe bescherte und die zwitschernden Kanarienvögel und die Freiheit, die Freiheit, die zwölf Stunden maß an Länge und Breite.

Nikolai Brandeis verließ mit seinem Ersten Sekretär, dem Oberst Meister, um sieben Uhr abends das Büro. Am Abend, vor dem Weggehen, hatte Brandeis plötzlich zu reden begonnen. Der Oberst verstand zuerst sehr wenig. Ähnliche Augenblicke erlebte er, wenn ihm zufällig irgendein Buch in die Hand geriet. Dann verschwammen die Worte zuerst. Hierauf bemühte sich der Oberst, sie einzeln herauszustrählen und noch einmal zu betrachten. Denn er wunderte sich, daß es möglich war, die Worte zu verstehen und nicht ihren Zusammenhang. Jetzt, da Brandeis sprach, überfiel ihn ein ganz unbestimmter Verdacht, daß es sich hier um das handelte, was er »Philosophie« zu nennen gewohnt war. Und erst spät begann er zu begreifen, aber nicht mit seinem alltäglichen Verstand, sondern mit der Hilfe von Nerven, von deren Existenz er früher niemals etwas geahnt hatte.

»Nun«, fuhr Brandeis fort, »bin ich sozusagen vor dem Ziel. Jeder andere an meiner Stelle würde so sprechen. Aber ich, ich habe nicht ein einziges Leben hinter mir, sondern zwei oder vielleicht mehr. Und ich fühle seit einiger Zeit, daß ich wieder ein neues beginnen muß.

Glauben Sie mir, daß ich müde bin? Müde, nicht weil ich zuviel gearbeitet habe, sondern weil ich ohne eine Gesinnung arbeite, ohne einen Ehrgeiz, ohne ein Ziel. Heute noch bin ich der selbständige Verwalter der Macht, die sich in meinem Hause angesammelt hat, aber morgen schon bin ich ihr Gefangener. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, warum ich so reich geworden bin? Sie halten mich für einen großen Kaufmann? Nicht wahr? Sie irren sich, Herr Oberst! Ich verdanke alles der Widerstandslosigkeit und der Ohnmacht der Menschen und der Einrichtungen. Nichts in dieser Zeit wehrt sich gegen Ihren Druck. Versuchen Sie, einen Thron zu erlangen, und es wird sich ein Land finden, das Sie zum König ausruft. Versuchen Sie, eine Revolution zu machen, und Sie werden das Proletariat finden, das sich erschießen läßt. Bemühen Sie sich, einen Krieg hervorzurufen, und Sie werden die Völker sehen, die gegeneinander ausziehn. In einigen Wochen, in einigen Monaten, in einem Jahr vielleicht könnte es mir gelingen, die Industrie dieses Landes zu erobern. Ich bin dahintergekommen, daß es nur die Namen sind, die noch ihren alten, mächtigen Klang haben und den und jenen erschrecken. Sie hören von einem Herrn Generaldirektor, Sie gehn zu ihm ins Zimmer – und auf einmal bedauern Sie alle Ihre Vorbereitungen und kommen sich lächerlich vor. Sein Titel steht nur auf der Tafel an der Tür. Sind Sie einmal in seinem Büro, dann sehn Sie, daß die ganze Macht des Generaldirektors nur von vier Nägeln, einer gläsernen Tafel an der Tür gehalten wird – und die Tür und die Tafel und die Nägel kommen Ihnen imposant vor im Vergleich mit der Persönlichkeit, zu der sie gehören. Glauben Sie mir, der Generaldirektor gehört seiner Tafel, seiner Visitkarte, seiner Rolle, seiner Stellung, der Furcht, die er verbreitet, den Gehältern, die er bewilligt, den Kündigungen, die er ausspricht, nicht umgekehrt! Von dieser Gefahr bin ich heute schon bedroht. Die Abzeichen meiner Macht werden anfangen, imposanter zu werden als ich. Ich werde nicht mehr den Launen folgen können, die meine einzige Freude sind. Ich kann den Herrn Bernheim anstellen, wenn es mir Freude macht, und zusehn, wie er wächst, mit der Chemie verschwägert wird, wie er ein großes Haus und einen Namen bekommt. Ich freue mich, wenn sein Bruder, ein Völkischer, in einer jüdischen Zeitung Artikel schreibt. Aber morgen schon könnte die Zeitung mächtiger werden, als mir lieb ist, und zum Beispiel meine Anonymität enthüllen. In der Stunde, in der man meinen Namen so ausspricht, wie man die Namen der populären Mächtigen nennt, bin ich ohnmächtig. Denn der Name schwillt an und bezieht Kraft von mir und braucht meine Kräfte, um zu tönen – nichts mehr, als um zu tönen...

Und dennoch – und deshalb spreche ich mit Ihnen, reizt mich die Chemie, das einzig Unheimliche in dieser Klarheit, in der ich lebe. Es ist Gefahr vorhanden, daß ich mich ihr ausliefere. Und zum erstenmal wäre ich einer Übermacht ausgeliefert. Alles andere war kleiner als ich: dieser lächerliche Mittelstand, der meine Devise ist, der meine Warenhäuser füllt, die Beamtenorganisationen, denen ich Brot und Anzüge liefere, diese Häuser, die Bank mit den kleinen, sicheren Krediten, meine Direktoren mit den 150 000-Mark-Gehältern. Aber die Chemie ist ein Element. Ich könnte genauso ohnmächtig werden wie ihre Aktionäre, ihre Chemiker, ihre Generaldirektoren. Seitdem ich mit der Imperial Chemical Industry in Verbindung stehe, erschrecken mich die wunderbaren Phänomene in der Welt der Chemie. Alles ist hier wunderbar. Ich habe sonst keinen Respekt vor Zahlen. Hier zum erstenmal erschrecken mich die 10 000 Arbeiter von Höchst am Main, die 11 000 der Badischen Anilin, die 95 Fabriken der I.G., die 108 000 Angestellten, die 143 000 der angegliederten Fabriken, die 600 Tonnen Phosgen, die jährlich erzeugt werden. Denken Sie, daß die Kunstseide, aus der die Strümpfe Ihrer Tochter gemacht sind, mit dem Giftgas verwandt ist, mit dem der Krieg geführt wurde. Nitroglyzerin ist beides! Welch ein Name! Nitroglyzerin!

Halten Sie mich für einen Schwärmer, Herr Oberst? Sie haben recht! Zum erstenmal könnte man mich dafür halten. Es hat sich etwas geändert, es ist etwas mit Nikolai Brandeis vorgegangen. Ich weiß nicht, ob wir noch viele Male unser Büro zusammen verlassen werden. Gute Nacht!«

Er hat mich nicht verstanden, dachte Brandeis. Ich habe ihm auch nicht alles gesagt. Ich könnte ganze Tage sprechen, und es wäre das Wichtigste nicht gesagt. Fremde Kräfte überwältigen mich. Seitdem –. Er dachte nicht weiter. Er kam oft bis zu dieser Grenze. Dann begann ein Reich, weit, unübersichtlich, unbekannt, keinem Gedanken erreichbar und keiner Vorstellung. Es war wie die Grenze der Welt, der Brandeis einmal entgegengewandert war.

Er ging immer langsamer, je näher er seinem Hause kam.

Ja. Je näher er seinem Hause kam, desto langsamer ging er. Wie viele Male im Laufe des Tages vergaß er es! Unter den vielen Häusern, die er zusammengekauft hatte, war es eines. Manchmal ging er in ein Hotel schlafen. Er liebte die fremden Hotelzimmer und ihre Gegenstände, die aller Welt gehörten, und die Tapeten, die der Zufall über die Wände geklebt hatte. Er brauchte nur ein Dach über dem Haupt. In seinem Haus umgab ihn der Reichtum wie eine Krankheit. Ein Gärtner, zwei Hunde, eine Garage, Dienstboten, eine knarrende Gittertür und knirschender Sand! Und das Fundament tief eingelassen in eine fremde Erde, ein verwurzelter Beton. Ein Zelt hätte er vielleicht gerne bewohnt. Vieles gehörte ihm, aber nichts besaß er. Viele gehorchten ihm, aber keinem befahl er. Vieles ergab sich ihm, und nichts wurde sein Eigentum. Ihm war, als bestünden seine Häuser nur aus den papiernen Plänen der Architekten, die Waren, die er kaufte und verkaufte, nur aus den Lieferscheinen und Handelsregistern, die Menschen, die für ihn arbeiteten, nur aus den Listen der Arbeitnehmer. Einmal hatte er drei Stückchen Feld besessen, ein kleines, weiß und blau getünchtes Häuschen, ein paar Kühe und zwei Pferde, zehn Bücher und eine Flinte und einen Stock mit metallenem Knauf. Dies alles war verloren! Als hätte er seit jener Zeit nichts anderes gewonnen, lebte Nikolai Brandeis wie ein Enteigneter, zufrieden mit seiner Armut und von ihr beflügelt. Ihm schien, daß es sein Schicksal war, eine Welt, die aus Besitz und Beton bestand, als ein Schatten zu durchstreifen, mit den unheimlichen Fähigkeiten eines Geistes Schätze zu häufen, mit den Händen achtlos Banknoten zu zählen, wie man mit den Füßen in herbstlichen Blättern raschelt, und überhaupt alles, Gegenstände, Waren und Menschen, in Papier zu verwandeln. Gar nichts festhalten und selbst nicht gehalten werden! Andere waren da, um zu gewinnen und liebzugewinnen, zu erben und zu halten, zu schätzen und zu genießen, zu kaufen und zu besitzen. Oder vielleicht war auch der Besitz der andern nicht wirklich? Sie gaben sich nur keine Rechenschaft darüber? Sie glaubten zu halten, und es zerrann? Sie glaubten zu genießen, und es verschwand? Ihr Genuß wie ihr Gefühl zu besitzen waren Funktionen ihrer Phantasie? Es ist wahr, dachte Brandeis, was ich dem Oberst gesagt habe. Alles ist widerstandslos und zerfällt nur nach meinem Willen zu Formen wie Asche und Sand. Nur die Namen sind noch geblieben. Eine einzige reale Macht besteht, wächst, bringt Leben und Tod: die Chemie. Soll ich mich ihr preisgeben?

Zu Hause erwartete ihn Lydia. Länger als ein Jahr wartete sie auf ihn vergeblich. Zwar nahm er sie in sein Bett, umfing sie mit seinen Armen, seinem Geruch und seinem Blick, der in der Finsternis leuchtete, wenn sie die Augen aufschlug, in der ständigen, stets enttäuschten Hoffnung, seine geschlossenen Lider zu sehn und endlich sein Angesicht, in der Wollust verloren. Niemals war es anders als am Tage. Ja, ihr schien, daß es klarer wurde in der Dunkelheit, daß sie vielleicht einmal in der Finsternis das Geheimnis dieses Mannes erraten würde, so wie man das Wesen der Geister nur um Mitternacht erkennt. Sie lauerte vergeblich.

Seine Augen schienen schon die Ferne zu sehen, in der er bald verschwinden wollte. So mächtig sein Körper war, so stark sein Schritt, der auch den Teppichen noch einen Widerhall entlockte und den sie hörte, wenn er anfing, den Kies im Garten zu mahlen, so unwirklich ferne und unerkannt blieb ihr Nikolai Brandeis. Manchmal verhüllte er mit dieser riesigen Hand ihre Brust. Eine große, starke Wärme floß von den Fingern in ihren Körper. Er sprach nicht. »Schweig doch nicht so«, bat sie – in einer unbestimmten Hoffnung, daß sie ihn bewegen könnte, auf eine andere Art zu schweigen. Denn daß er einmal reden würde, reden wie jeder andere Mensch, konnte sie niemals erwarten.

Er machte sie glücklich und unglücklich zu gleicher Zeit, als wären Glück und Unglück, Seligkeit und Verzweiflung untrennbare Zwillinge. Sie wußte nicht mehr, ob er grausam war oder zärtlich und ob ihre eigene Liebe nicht Furcht oder Neugier war. Minutenlang haßte sie seine Fremdheit, sehnte sie sich nach der einfachen, verständlichen menschlichen Roheit Grischas zurück. Immer wieder gab sie sich einen Aufschub, nachdem sie beschlossen hatte, Brandeis zu verlassen und den Grünen Schwan wieder aufzusuchen. Wenn er sich in zwei Wochen nicht ändert, dachte sie, werde ich fliehen. Er änderte sich nicht, und sie blieb. Ihre bescheidene Phantasie, gebildet an den bescheidenen Kenntnissen der Schriftsteller von den Seelen merkwürdiger Menschen, gebot ihr manchmal eines der kleinen Mittelchen, die in Romanen verschrieben werden. Sie begann, die lächerlichen Möglichkeiten zu erörtern. Vielleicht konnte sie ihn eifersüchtig machen? Aus den armseligen Erfahrungen ihres vergangenen Liebeslebens versuchte sie, Rezepte zusammenzustellen, Situationen zu komponieren, die kleinen Tricks einer jahrhundertealten literarischen Tradition wachzurufen, die das Leben so wunderbar fälscht. Aber sie sah in sein Gesicht und erkannte auf einmal, wie lächerlich ihre Bemühungen waren. Alle Gesetze wurden ungültig in seiner Nähe. Er schrie nicht einmal. Niemals erhob er seine Stimme so, daß man sie etwa hätte hören können, wenn man durch eine Tür von ihm getrennt war. Manchmal fühlte man seine Anwesenheit nicht, obwohl man ihn sah. Sein schwerer, großer Körper lastete auf ihr, ihre Zähne bissen seinen mächtigen Hals, ihre Finger zeichneten die steinernen Konturen seiner Schulterblätter nach, in ihren Haaren verlor sich der Atem seines Mundes. So lag sie eingehüllt in seiner Wucht und vergaß für Augenblicke, daß er kein Mann war wie andere. Aber plötzlich zwang sie die Sehnsucht, die Augen aufzuschlagen und verstohlen nach oben zu schielen. Und ihr Blick stahl erschrocken das Weiß seiner offenen Augen. Wohin blickte Brandeis? Was suchte er an der nächtlichen Wand über ihren Haaren? Konnte sein Auge die Wände durchbohren? Sah er den Horizont seiner Heimat? In diesen Minuten entbrannte in ihr ein kleiner, aber tödlicher Haß. Sie hätte ihn stechen mögen, um zu sehen, ob er sterblich war.

Sie lebte gefangen im Haus. Er schickte ihr Schneider und Kaufleute, aber nicht einen einzigen Gast. Er wollte keine Menschen sehn. Die Menschen waren wie Häuser und Waren. Er handelte mit ihnen, während des Tages, in seinem Büro. Sie war jung, sie zählte ihre Jahre. Zweiundzwanzig. Sie warf ihm diese geringe Zahl vor, als wäre ihre Jugend seine Schuld. Einmal sah er sie weinen. Er verstand. Aber er saß, ungeschickt und mächtig, vor dem kleinen Jammer einer kleinen Frau. Er fürchtete sich vor seinem eigenen Mitleid. Er haßte die Zärtlichkeiten, die der Trost befahl. Er war nicht imstande, ein Elend zu messen an dem Menschen, der es im Augenblick empfand. Er konnte niemals verstehn, daß die geringen Ursachen, die einen Schmerz erzeugen, weder den Umfang noch die Tiefe des Schmerzes bestimmen. Er maß das Unglück Lydias an dem absoluten Unglück der Welt. Er sah gleichgültig zu, wie sie weinte. Zum erstenmal weinte sie vor einem gleichgültigen Mann. Es war die erste Demütigung, die sie zu erleiden sich einbildete. Ihr kleines Gehirn sann auf Rache. Sie begann, Launen zu zeigen. Sie versuchte sich in der Ausübung einer engen Despotie. Sie überraschte Brandeis mit unerwarteten Wünschen. Sie wollte Menschen sehn. Er ging eines Abends mit ihr ins Theater. Schweigsam, nicht ohne Bitterkeit. Er haßte schon das Foyer. Er hatte Angst vor dem ersten Akt, er erwartete das Spiel wie eine Katastrophe. Die Experimente der Regisseure aus den ersten Jahren nach dem Krieg waren milder geworden, der Radikalismus der Dramaturgie begann, Konzessionen an die Nerven des Publikums zu machen. Brandeis vertauschte die Angst gegen eine weit gefährlichere Langeweile. Ein paarmal hatte er sich mit Lydia in den Logen der Theater gezeigt, auf einem Ball, in einem Konzert. Dann hatte er aufgehört, sich um die traditionellen gesellschaftlichen Veranstaltungen zu kümmern, die eine neue Zeit fortsetzte, ohne eine Gesellschaft. Es war ihm nur notwendig erschienen, sich in Abständen von einigen Monaten zu überzeugen, daß er für Vorgänge auf Podien und Bühnen jedes Interesse verloren hatte. An diesem Abend war seine Gleichgültigkeit so groß, daß er das Publikum zu betrachten anfing. Er stellte fest, daß ihn mehr Leute kannten, als er angenommen hatte. Seine Anonymität war gefährdet. Die Menschen halten es nicht aus, dachte er, ohne Heilige und Teufel zu leben. Sie haben gefunden, daß ich unheimlich bin. Ich habe es satt, diesen Dummköpfen als eine Art Dämon aus dem Osten zu erscheinen. Diese Rolle mögen die reichen Juden aus Kischinew, Odessa und Riga spielen, die nichts anderes wünschen, als in Berlin geboren zu sein. Wie er sie so sah, Gesicht an Gesicht, Physiognomien, die aus Glatzen entstanden zu sein schienen, von Friseuren modelliert, als hätten diese nicht nur Haare, Bärte und Bartlosigkeit herzustellen, sondern auch Nasen, Stirnen und Münder – begann er zum erstenmal zu begreifen, daß ihn eine einzige Leidenschaft getrieben hatte, Geld zu machen, eine einzige Leidenschaft, die stärker sein kann als alle ihre Schwestern: die Verachtung. Man kann von ihr ergriffen werden wie von der Liebe, vom Spiel und vom Haß. Man kann eine »tödliche Verachtung« fühlen. Es hatte dieser belichteten Reihen dichtgesäter Gesichter bedurft, damit Brandeis sich seiner Leidenschaft bewußt werde, ebenso wie man sich beim Anblick eines Menschen seiner Liebe bewußt werden kann. So viele, die er nicht kannte, grüßten ihn. Sie wußten, daß er sie nicht kannte. Dennoch lächelten sie ihm zu, beschworen ihn, ihnen zu erwidern. Sie hatten die zudringliche Untertänigkeit der Leute, die für wohltätige und öffentliche Zwecke Geld sammeln. Sie strecken die Hände aus und haben Angst, man könnte sie mit Bettlern verwechseln. Da war die Pause. Sie gingen im Kreis in einem Wartezimmer auf glattgebohnertem Parkett und fürchteten auszugleiten. Zwischen der Unsicherheit ihrer Füße, die in den neuen Stiefeln mit allzu glatten Sohlen steckten, und dem Gefühl der Vornehmheit, das sie vom Namen des Staatstheaters, von der Livree der Platzanweiser und von ihren eigenen Smokings bezogen, bestand noch ein leerer Raum, den ihre Körper vergeblich auszufüllen suchten. Die Leiber verschwanden zwischen den festlichen Gesichtern und den gleitenden Füßen. Wie ein kreisender Rahmen schwankten sie um das leer gebliebene, spiegelnde Oval der Parkettmitte, das niemand zu betreten wagte aus Angst, allein zu sein. Brandeis erinnerte sich an jenen Sonntag, an dem er den politischen Umzug auf dem Kurfürstendamm betrachtet hatte. Auch damals hatten sie die Mitte frei gelassen. Mit denselben Gesichtern umschritten sie die Pause im Theater. Die Windjacken lagen in der Garderobe. Verwandelt waren nur die Arme. Sie schlenkerten nicht. Sie hingen wie schwarze Prothesen am Smoking. Von den Abendkleidern der Damen, welche die Schönheitspflege manifestierten, fiel sachte ein bunter Widerschein auf die weißen Gesichter der Männer, das Farbenspiel eines gesellschaftlich gehobenen Geschlechtsverkehrs. Jeder fühlte, daß er einer Premiere beiwohnte. Jeder war froh, daß ihr auch der andere beiwohnte. Denn erst zusammen ergaben sie das bunte Bild für den Vorbericht des Theaterreferenten.

Brandeis vermißte hier seinen jüngsten Direktor, Paul Bernheim, und dessen Bruder Theodor. Das ganze bunte Bild wäre von Paul und seiner jungen Frau nach Brandeis' Meinung noch heftiger belebt worden. Von anderen Bekannten war nur der Theaterkritiker des demokratischen Blattes zu sehn, das von Brandeis abhängig war. Aber der Kritiker kannte seinen Brotgeber kaum, nur Handelsredakteure wissen Bescheid. Die Beschäftigung mit der Kunst macht die Menschen harmlos. Bernheim ging vielleicht gar nicht zu Premieren, Bernheims gesellschaftliche Stellung erlaubte es vielleicht gar nicht mehr. Ich werde ihn einladen, dachte Brandeis. Ich werde ihn mit Lydia bekannt machen. Hoffentlich verliebt er sich.

Die junge Frau Bernheim war für zwei Wochen zu ihrem Onkel Enders gefahren. Eine kleine Familienfeier, nichts von Bedeutung, Paul Bernheim hatte sich mit einem eintägigen Besuch begnügt. Zum erstenmal betrat er Brandeis' Haus. Zum erstenmal sah er die Frau, mit der Brandeis lebte. Er kam, erfüllt von den Gerüchten, die von der kaukasischen Fürstin verbreitet wurden und an die er glaubte. Denn es ist in einer Zeit, in der die Wahrheiten selten werden, nichts so glaubhaft wie ein Gerücht; und je billiger und abenteuerlicher es klingt, desto bereitwilliger empfängt es die Phantasie der romansüchtigen Menschen.

Paul Bernheim gehörte zu den gläubigsten Empfängern romanhafter Gerüchte. Er sammelte sie, wie er Anekdoten sammelte, in einem ledergebundenen Büchlein mit Goldschnitt, in das er verborgen zu schauen pflegte, bevor er zu erzählen begann. Sauber geschieden waren in seinem Gehirn die sogenannten Geschichten von der sogenannten Wirklichkeit. Aber es machte ihn glücklich, wenn eine Geschichte in die Wirklichkeit seiner Umgebung hineinspielte. Nach der Art der Europäer, die geographische Begriffe literarisch werten, hielt er den Osten für rätselhaft, den Westen für gewöhnlich. Und der Osten begann gleich hinter Kattowitz und reichte bis zu Rabindranath Tagore. In diese Region placierte er Brandeis. Etwas östlicher lag Lydia. Sie war nämlich eine Frau und nach Tekelys Erzählungen aus dem Kaukasus und wahrscheinlich fürstlichen Geblüts. Der Kaukasus allein hätte schon genügt.

Man liebt nicht die Frauen, man liebt die Welten, die sie repräsentieren. Obwohl Lydia ein europäisches Gesicht hatte und ebensogut in Köln wie in Paris wie in London zur Welt gekommen sein konnte – in Wirklichkeit war sie aus Kiew –, sah Paul Bernheim in ihr den »kaukasischen Typ«, und da er noch keine Ahnung von ihrer Vergangenheit im Grünen Schwan hatte, verlieh er ihr im stillen prompt die Marke: echte, distinguierte, köstlich fremde Dame. Seine Lust, sich selbst seine Welt- und Frauenkennerschaft zu bestätigen, trieb ihn zu frühen und flinken Formulierungen. Ja, während er die Frau für sich charakterisierte, hörte er sich schon laut von ihr erzählen, und zu der Bewunderung, die er für den Kaukasus und dessen Kinder empfand, addierte er noch jene, die ihm selbst von seinen fiktiven Zuhörern gespendet wurde. Er war so glücklich über den Eintritt einer Geschichte in seine Wirklichkeit, daß er jene noch erweiterte und diese vernachlässigte. Er gehörte selbstverständlich zu den Männern, die sich mit einem Schlag verändern, wenn sie in die Nähe einer Frau kommen, an deren Eroberung ihnen einmal gelegen sein könnte. Ein echtes Exemplar der Gattung Gesellschaftsmänner, das er war, holte er seine alten Charmeurtugenden hervor, und er begann, Geschichten aus jenem Oxford zu erzählen, das niemals seine Wirkung auf Männer und Frauen verfehlte. Er war seit mehr als einem Jahr der erste fremde Mann, mit dem Lydia sprach. Sie verglich den massiven, schweigsamen Nikolai Brandeis mit dem beredten und unaufhörlich bewegten Paul Bernheim. Es gab im Verlauf dieses Abends sogar ein paar Augenblicke, in denen zwischen ihr und Paul ein geheimes Einverständnis gegen Brandeis zu schweben schien. Als Paul fragte: »Sie haben selten Gäste?« antwortete sie sehr schnell: »Niemals!« so schnell, daß sie zu verstehen gab, daß sie diese Frage erwartet hatte. Brandeis sagte darauf leise: »Ich liebe keine Fremden.« »Und Sie, gnädige Frau?« fragte Bernheim. Darauf gab sie keine Antwort. Nikolai Brandeis' Augen waren unbeweglich, mit offenen Lidern auf den Tisch gerichtet, aber sie umfingen auch die Wände, die im Schatten standen, und die beiden Menschen neben ihm, und ihr hartes, wachsames Licht durchströmte den ganzen Raum. Wie es seine Art war, hielt er beide Ecken des Tisches mit seinen großen Händen fest, so als wollte er sich auf sie stützen, um sich zu erheben. Aber manchmal schien es Paul, daß Brandeis im Begriffe war, den Tisch umzustoßen. Deutlich fühlte er auf einmal seinen Haß gegen Brandeis, als hätte es erst dieser Frau bedurft, um dem Verhältnis zwischen den beiden Männern eine Klarheit und einen Namen zu geben. Sein erstes Gefühl war Neid. Der fremde Mongole – sagte sich Paul, und er verwendete dabei, ohne es zu wissen, die Terminologie seines Bruders Theodor – besitzt diesen jungen Körper jede Nacht. Denn er betrachtete natürlich den Beischlaf als eine Bestätigung dafür, daß der Mann besaß und die Frau besessen wurde. Dieser Mann, dachte er weiter, den nichts anderes treibt als die Gier, Geld zu verdienen, behandelt die Frau nach östlichen Manieren und sperrt sie in einen Harem ein. Gewiß ist er eifersüchtig. Wie sollte er auch in meiner Anwesenheit nicht eifersüchtig sein? Bis jetzt war es Paul Bernheim gelungen, den hartnäckig immer wieder auftauchenden Gedanken, daß er seinen Aufstieg Brandeis zu verdanken habe, hurtig zu verscheuchen. Er bekam hundertfünfzigtausend Mark jährlich Gehalt, dafür arbeitete er drei Stunden im Tag und repräsentierte. Seine Konferenzen mit Krankenkassen, mit Betriebsräten und Versicherungsgesellschaften betrachtete er ohnehin als seiner unwürdig. Er hegte gegen Brandeis den Verdacht, daß er absichtlich einen so gefährlichen Mann wie Paul Bernheim vom sogenannten »Außendienst« fernhielt und besonders vom Verkehr mit Banken. Während doch gerade die Banken sozusagen Pauls richtiges Fach waren. Es ärgerte ihn, daß Brandeis so schnell und sicher Theodor geholfen hatte. Er beneidete seinen Bruder beinahe um diese Stellung in der Redaktion. Denn er selbst, Paul, hatte sich doch zu einer direkten, öffentlichen Wirkung berufen gefühlt. Und was hätte es Brandeis geschadet, Paul Bernheim zu einem der drei mächtigen Verlagsdirektoren zu machen? – Er fürchtet mich! tröstete sich Paul, während in ihm selbst die Furcht vor Brandeis wach wurde wie ein alter Schmerz. Sehr ferne und verschwommen tauchte die düstere Erinnerung an Nikita Bezborodko auf. Noch gestand er es sich nicht ein. Aber schon suchte er nach einem schwachen Punkt im Leben seines Feindes. Seiner eigenen Schlauheit glaubte er diese Einladung in das Haus zu verdanken, die er selbst einen »Einbruch« nannte. Natürlich hatte Brandeis einen »schwachen Punkt«. Diese Frau eben. Die Romane, in denen ein großer Geldmann vergeblich um die Liebe einer kleinen Frau wirbt, bis er sie schließlich an einen gewandten Kenner der Frauenseelen verliert, hatten die psychologischen Fähigkeiten Bernheims gebildet. Schon glaubte er die ganze Entwicklung der Dinge vorauszusehen. Auf diesem Gebiet, wenn auf keinem anderen, war er Brandeis gewachsen. Hier wollte er sich rächen. Da er aber sentimental genug war, sich ohne eine moralische Deckung nicht rächen zu können, hielt er es für notwendig, Lydia zu lieben. Und also liebte er sie.

Gleich am nächsten Tage wollte er mit beiden im Auto spazierenfahren. Er erwartete, daß Brandeis ablehnen werde. Aber Brandeis sagte zu.

Am nächsten Tag ließ er sich allerdings entschuldigen. Er bat Bernheim, Lydia allein auszuführen. Sie fuhren mit der Geschwindigkeit von siebzig Kilometern. Eine Schnelligkeit, die von allen modernen Schriftstellern, welche die Beziehungen zwischen den menschlichen Herzen und den Motoren studiert haben, für ähnliche Situationen vorgeschrieben ist. Paul, der seit seiner Heirat angefangen hatte, sich wieder mit der zeitgenössischen Literatur zu beschäftigen und sogar mit Schriftstellern zu verkehren, kannte sich vortrefflich in der Ausbeutung der Naturschönheiten mittels eines beschleunigten Tempos aus: »Jeden zweiten Tag rase ich so durch die Welt dahin«, sagte er zu Lydia. »Das Automobil hat uns die Natur erst richtig sehen gelehrt. Es ist herrlich, wie die Straße, die Bäume, die Häuser verschlungen werden. Mein Chauffeur ist ein Feigling. Über fünfundfünfzig, sechzig kommt er nicht hinaus. Ich aber denke: Wer so schnell arbeitet, muß auch schnell genießen. Gefährdet sind wir den ganzen Tag, auch wenn wir ruhig im Büro sitzen. Aber glauben Sie mir: Ich möchte die Gefahr gar nicht missen.« »Sie waren sicher im Krieg?« »Vier Jahre, Kavallerie.« »Sie reiten leidenschaftlich?« »Einmal, zweimal in der Woche. Wollen Sie mit mir ausreiten, gnädige Frau?« »Ich fürchte mich etwas.« »Doch nicht in meiner Gesellschaft? Wir geben Ihnen ein frommes Tier!« In Lydia Markownas Erinnerung erwachten die Photographien aus einer Serie »Die Dame zu Pferde«, die auf Glanzpapier und blaugrün schimmernd in einer »führenden« Modezeitschrift erschienen war, neben einer andern Serie, »Mutter und Kind«, und einer dritten, »Ehen in der Gesellschaft«. Sie sah die diskreten Texte unter den Bildern: »Frau Generaldirektor Blumenstein« und »Gräfin von Hanau-Lichtenstern zu Roß« oder »Beim Morgenritt« oder »Im Herrensattel«. Und alle Vorstellungen von Vornehmheit, die sich aus Mangel an lebendigem Material auf die Klischees der Photographen, in die Redaktionsstuben der illustrierten Zeitungen und in die Aufnahmeateliers der Filmgesellschaften gerettet zu haben schien, erwachten in dem Gehirn Lydia Markownas und entzündeten in ihr einen gesellschaftlichen Ehrgeiz. Wo gäbe es die Tochter eines Uhrmachers aus Kiew, die solchen Lockungen nicht erlegen wäre? Denn ihr Vater war ein Uhrmacher gewesen, sie selbst hatte sich schon in jungen Jahren berufen gefühlt, in eine höhere Klasse aufzusteigen, und Gedichte von Puschkin, verbunden mit einem normalen schauspielerischen Talent, sollten ihr dazu verhelfen. In dem Sommer, in dem Nikolai Brandeis aus der Roten Armee desertierte, starb der Vater Lydias. Sie flüchtete. Sie geriet als Kellnerin in ein russisches Restaurant, wo sie die Trinkgelder zurückwies und infolgedessen, und weil die Phantasie der Besucher auffallender Beispiele für die Grausamkeit der Revolution bedurfte, in den Ruf einer Fürstin geriet. Es war das Restaurant, in dem ein paar Emigranten, frühere Schauspieler, den Grünen Schwan gründeten. Sie nahmen Lydia mit. So erfüllte sich auf Umwegen ihr Wunsch. Es war zwar nicht das Moskauer Akademietheater, dessen Mitglied sie wurde, aber immerhin ein Theater. Da alle ihre Kameraden paarweise lebten, sie allein und Grigori, der Kosak, einzeln schliefen, legte sie sich nach einigem Zögern zu diesem. Die Truppe ersparte die Miete für ein Hotelzimmer. Als sie Brandeis folgte, ahnte sie einen phantastischen Aufstieg. Aber statt, wie sie gehofft hatte, mit Hilfe eines reichen und verliebten Mannes endlich in die erträumten Sphären einer »großen Welt« zu gelangen, wurde sie selbst das verliebte Mädchen eines schweigsamen und also gefährlichen, unverständlichen und ewig fernen Gebieters. Sie war eifersüchtig auf diese langen Tage, die Brandeis irgendwo verbrachte, sie wußte nicht, wo. Denn er hatte ihr verboten, ihn während des Tages aufzusuchen. Sie überlegte, ob sie es wagen dürfte, sich bei Paul zu erkundigen. Hatte Brandeis noch andere Frauen? Sie träumte manchmal, daß er mehrere Frauen in mehreren Häusern ebenso eingeschlossen hielt wie sie. Würde er nicht eifersüchtig werden? »Hoffentlich ist Herr Brandeis nicht eifersüchtig!« sagte Paul plötzlich mit dem leisen, zaghaft probierenden Spott, mit dem die beruflichen Verführer von den abwesenden Rivalen zu sprechen pflegen. »Nein!« sagte sie. »Ich wäre es an seiner Stelle!« Lydia war ihm dankbar. Die Frauen glauben einer Versicherung, die sie gerade brauchen. Seit Jahrhunderten verführt man sie mit Lügen und nicht mit Wahrheiten. Niemals hatte sie von Brandeis ein Kompliment gehört. Schnell fragte sie: »Und Ihre Frau?« und bereute es sofort. »Meine Frau?« wiederholte Paul verwundert, als hätte er sie vollkommen vergessen. »Sie müssen mit ihr zusammenkommen!« sagte er. Sie beschloß, Brandeis zu fragen, ob die Frau Bernheim hübsch, klein, zart, groß, blond oder schwarz sei. Sie war wie alle andern erst dann beruhigt, wenn sie neben dem Mann, den sie kannte, auch etwas von der Frau erfuhr, die zu dem Mann gehörte oder wenigstens scheinbar gehörte.

Sie fuhren langsam in die Stadt zurück, weil der Abend kühl wurde. »Tanzen Sie?« fragte Paul, denn er dachte an die auffälligste Möglichkeit, dem Körper dieser Frau nahe zu kommen. »Oh«, sagte sie harmlos und ohne die Folgen abzuschätzen, »seit dem Grünen Schwan nicht mehr!« »Wieso Grüner Schwan?« »Es ist ein Kabarett.« »Und?« fragte Paul. »Ich habe dort gespielt!« Seine Überraschung war grenzenlos. Sie wäre kaum größer gewesen, wenn man ihm etwa gesagt hätte, daß seine Frau nicht eine geborene Enders sei. Nichts bekümmert einen Menschen wie Bernheim mehr als die Erfahrung, daß er nicht mit einer Fürstin, sondern mit einer Schauspielerin im Wagen sitzt. »Oh!« sagte er. Und wie er einmal auf dem Maskenball plötzlich die Fähigkeit verloren hatte, die intimen Berührungen an Fräulein Irmgard Enders fortzusetzen, so verlor er hier umgekehrt die andere Fähigkeit, distanziert zu bleiben. Mechanisch drängte sein Bein an das Knie seiner Begleiterin. Er vergaß zu sprechen. Er hielt an, und ohne ein Wort zu sagen, versuchte er, den Arm um Lydia zu legen.

Sie begriff, welchen Sinn seine Bewegung hatte, und eine Sekunde später auch, aus welchen Ursachen sie kam. Sie fühlte die gleiche stumme, verzweifelte Scham wie damals, als Grischa sie Brandeis verkauft hatte. Aber heute gelang ihr nicht einmal ein Schrei mehr. Es war, als hätte ihr Herz schon die Gewohnheit, Beschämungen leise zu dulden. Es war kein neuer, erstmaliger Schimpf mehr, den sie erlitt, sondern ein wiederholter, die Erinnerung an jenen ersten. Nicht aus Verzweiflung, sondern eher aus einem instinktiven Bedürfnis, sich zu verteidigen, brach sie in ein leises Schluchzen aus. Die Tränen sind die einzige Waffe der Wehrlosen.

Es dauerte ein paar lange Minuten, bevor Paul Bernheim begriff, daß er Lydia beleidigt hatte. Wie seine Mutter imstande war, in einem Staatsbeamten eine andere Qualität von Ehrgefühl zu vermuten als etwa in einem Hauslehrer, so gestattete ihr Sohn Paul einer Schauspielerin nicht, sich ebenso beleidigt zu fühlen wie eine Fürstin aus dem Kaukasus oder gar eine geborene Enders aus dem Rheinland. Aber konnte der Zufall seiner Mutter gelegentlich nicht recht geben, so zeugte seine Anschauung von seiner verschiedenen Klassenehre der Frauen von einer besonderen Ahnungslosigkeit, von jener, die er mit allen seinen Kollegen, den Verführern, teilen durfte. Denn nichts ist so unabhängig vom Stand, von der Klasse, von der Familie, von der Beschäftigung und von der Erziehung wie der Ehrbegriff der Frauen. Es sind die gleichen Gelegenheiten, bei denen sich Prinzessinnen wie Prostituierte beleidigt und geschmeichelt fühlen. In dem Augenblick, in dem Paul begriff, warum seine Begleiterin weinte, tat es ihm leid, denn er war gutmütig, und er beklagte außerdem eine »verpatzte Gelegenheit« – wie man im Jargon der Männer aus dem gehobenen Stand zu sagen pflegt. Er hielt an. Ohne ihn anzusehn, das Gesicht gesenkt, verließ Lydia den Wagen. Sie ging geradeaus, sie sah nicht auf den Weg. Er stieg ab und ging ihr nach. Er sagte etwas, aber sie hörte ihn nicht. Die Scham erfüllte sie mit einem betäubenden Brausen. Endlich sah er ein, daß nichts mehr zu retten war. Und seine Sorge wandte sich wieder seinem Packard zu, den er mitten auf der Landstraße stehengelassen hatte. Er kehrte um, lenkte langsam in einen Seitenweg und blieb mit dem erschütternden Gefühl zurück, eine Niederlage erlitten zu haben.

Die Sentimentalität ist eine Schwester der Grobheit. Und nichts ist selbstverständlicher als die Tatsache, daß Paul Bernheim auf dem ganzen Heimweg verliebt und wehmütig an Lydia dachte. Sie erschien ihm begehrenswerter als früher, kostbarer in dem Grade, in dem sie ihm endgültig verloren war.

Zu Hause fiel sein erster Blick auf die große Photographie seiner Frau. Er fand Irmgard langweilig, spröde, grobknochig. Der Sport hatte seiner Meinung nach ihre Muskeln männlich gemacht, ihre Schultern um zwei Zentimeter zuviel geweitet, ihre Hände waren stark, groß und trocken. Lydia war zart, schmiegsam, und ihre Haut mochte eine gelblich getönte Glätte haben, ihre Brüste dunkelbraune Monde. Ein Schauder lief ihm über den Rücken.

Lydia wartete lange auf Brandeis. Er kam spät, gegen Mitternacht. Er sah ihre roten Augen, fragte nicht und ging wieder fort.

Es war eine der Nächte, die er in einem gleichgültigen Hotelzimmer zu verschlafen gedachte.

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