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Rechts und Links

Joseph Roth: Rechts und Links - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/roth/rechtsli/rechtsli.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRechts und Links
publisherKiepenheuer & Witsch
year2006
isbn3462036718
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121019
projectidfa73ff99
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XV

Paul ging in ein Restaurant. Er konnte nicht essen. Der Zustand, in dem er sich vor dem Besuch bei Brandeis befunden hatte, sollte also jetzt beständig werden. Wer weiß, wie lange die Antwort Brandeis' brauchen konnte! Die nächsten Tage und Nächte würden vergiftet sein. Er hätte in diesen Stunden einen guten Freund gebraucht, einen Bruder, eine Mutter. Unmöglich, nach Hause zu gehn. In den Straßen bleiben. Es war das beste. Wie ein Obdachloser herumgehn.

Zum erstenmal sah Paul Bernheim die Grenzen seines Vermögens. Er sah sich ohne Aufenthalt und sicher den gefährlichen Ufern der Armut entgegentreiben. Bis jetzt hatte ihn der endlose Ozean des Reichtums umgeben. Es genügte ihm, den genauen Umfang seines Vermögens zu kennen, um schon dessen Ende zu sehen. Für einige kurze Stunden wurde ihm klar, daß seine Hoffnungen, seine außergewöhnliche Begabung, sein Charme, seine Sicherheit, daß sie alle Folgen seiner materiellen Geborgenheit waren, Früchte des Reichtums wie die Pflanzen im Garten seines väterlichen Hauses. Es war, als ob durch die Begegnung mit Irmgard und ihrem Onkel und durch die Aussicht auf die Vermählung mit der chemischen Industrie Paul Bernheim erst das ganze Ausmaß der Bitterkeit erkannt hätte, die der Besitz einer kleinen Summe in dieser Welt bedeutet. Seine fünfundzwanzigtausend Mark schienen tatsächlich an Wert zu verlieren, nur weil sie auf einmal die riesigen Summen des Hauses Enders in der Nähe fühlten. Der Besuch bei Brandeis hatte ihn gedemütigt. Denn Paul Bernheim gehörte selbstverständlich zu den Menschen, die sich nichts zu vergeben glauben, wenn sie zum Beispiel um Liebe und Freundschaft bitten, die aber einen baren Verlust an ihrer Würde erleiden, wenn sie sich eine materielle Unterstützung gefallen lassen müssen. Unter den Werten, die sie ein für allemal in ihrer frühen Jugend klassifiziert haben, bewahrt das Geld einen höheren Rang als das Herz und das Leben. Sie wären imstande, das Blut, das ihnen jemand schenkt, um sie am Leben zu erhalten, leichter entgegenzunehmen als eine geliehene oder geschenkte Summe. Ja, Paul begann Brandeis langsam zu hassen, mit dem Haß, der die Dankbarkeit ersetzt und ihren Namen und ihr Gesicht annimmt.

Paul Bernheim sah sein eigenes Antlitz unter den Gesichtern der namenlosen Toten in der Vitrine der Polizei. Er erinnerte sich an jenen Abend, an dem er aus Übermut sich hatte verhaften und auf ein Lastauto verladen lassen. Es war seine einzige Begegnung mit der andern Welt gewesen, mit der gesetzlosen, heimatlosen, nächtlichen. Seine eigene Zukunft nahm die verwüsteten Angesichter der unbekannten Toten in der Vitrine an. Als Knabe hatte er manchmal mit dem freiwilligen Tod gespielt, eine scharfe Messerspitze gegen die nackte Brust gehalten, aus Eitelkeit und in der Hoffnung, daß sein Ende einen allgemeinen Aufruhr zu Hause, in der Stadt und in der Welt vielleicht verursachen würde. Schon hörte er seine Eltern klagen, den Nachruf des Lehrers, die ehrfürchtigen und scheuen Gespräche der Kameraden.

Das überwältigende Mitleid, das er damals für sich gefühlt hatte, überfiel ihn heute wieder. Er wollte sich beweinen und beweint wissen. Ein zärtliches Gefühl der Kameradschaft trieb ihn in die Nähe der Bettler an den Straßenecken und der Männer, denen man die Verlorenheit ansah, den Hunger, die Obdachlosigkeit, die Verwüstung. Es kam ihm nicht einen Augenblick in den Sinn, daß er jeden von seinen neuen und so plötzlich erworbenen Freunden mit einem Zehntel seines Vermögens reich und sorglos gemacht hätte. Paul Bernheim sah keinen Unterschied zwischen dem Bettler, der die Hand um Almosen ausstreckte, und einem Mann, der, um eine Millionärin zu heiraten, eine »gesellschaftliche Stellung« bei Brandeis gesucht hatte.

Er wollte nach Hause mit dem vagen Entschluß, irgendwelche Vorbereitungen für irgendein Ende zu treffen. Er stellte sich vor, daß es angenehm war, den Revolver aus der Schublade zu ziehen, die Korrespondenz zu ordnen, vielleicht einen Brief zu schreiben und alle traditionellen Handlungen und Griffe eines Selbstmordkandidaten auszuführen. Er freute sich mit der Aussicht auf die Heimlichkeit einer Stunde, in der man nach überlieferter Weise vor dem Schreibtisch sitzt und Abschied vom Leben nimmt. Eine Stunde, deren dämmernde Zartheit und deren wehmütiger Widerschein nur an einen Winterabend vor dem Kaminfeuer erinnert, wenn noch kein anderes Licht entzündet ist.

Er stand wieder vor seiner Wohnung und sah durch die Gitter seines Briefkastens einen hellen Brief schimmern. Er zögerte, den Briefkasten aufzumachen. Noch, schien es ihm, war sein ganzer Tribut an Wehmut nicht entrichtet. Noch hatte er die Wollust der freiwilligen Agonie nicht bis zum Grunde ausgekostet. Zwar glaubte er nicht ehrlich an einen endgültigen Tod. Aber Menschen seiner Art fühlen für einige Stunden die Notwendigkeit, ihr Unglück zu übertreiben, sie wollen nicht gestört, nicht getröstet sein. Es ist, als zwänge sie irgendeine Gerechtigkeit, für das sorglose Leben, das sie führen dürfen, zu büßen; als bescherte auch ihnen das Schicksal ihre »Krisen«, damit sie wenigstens eine Not kennenlernen, die sich in ihrer Phantasie zuträgt. Paul Bernheim hätte gerne gewünscht, noch erheblich länger zu leiden, dem endgültigen Tod so nahe zu kommen, daß eine Rettung nur noch ein Werk des Himmels sein konnte oder wie ein Werk des Himmels erscheinen mußte. Dieser Brief, von dem er befürchtete, daß er eine Rettung war, kam zu früh, zu einfach und zu billig. Dieser Brief machte der Krise ein zu schnelles Ende. Dies war ihm klar: daß er sich etwas vergeben hatte, indem er zu Brandeis gegangen war. Seine Heirat, sein Leben und die ganze Zukunft, von der er nicht zweifelte, daß sie groß und leuchtend sein würde, hätte er nun diesem Brandeis zu verdanken. Und vielleicht nur deshalb, das heißt: aus Scham, verletztem Hochmut, gekränkter Eitelkeit, flüchtete er sich in den Gedanken an den Tod. Aber so hochmütig und eitel er auch war, diese Eigenschaften reichten nicht aus, um Paul Bernheim einen freiwilligen Tod einem abhängigen Leben vorziehn zu lassen! Nein! Sie reichten gerade für die Wehmut einer Selbstmordstimmung.

Aber es scheint, daß es den Leuten seines Schlages nicht einmal vergönnt ist, ein eingebildetes Unglück ganz zu tragen. Es scheint, daß die Schutzengel, von denen die Bernheims zu jeder Zeit umgeben sind, darüber wachen, daß ihren Pfleglingen die große Not fernbleibe wie die große Lust und daß ihr Leben sich in den lauen Sphären abspiele, in denen die Winter milde sind und die Sommer kühl und in denen die Katastrophen das Aussehen leichter Trübungen annehmen. Niemals sollte Paul Bernheim der lächelnde Segen verlassen, der über seinem Vater, seinem Haus, seiner Kindheit, seiner Jugend, seinem Oxford, seinen Talenten geruht hatte. Ein friedliches Glück hielt ihn gefangen. Niemals sollte er jener Region entkommen können, in der man Genüsse hat, statt zu genießen, Freuden erlebt, statt sich zu freuen, Pech hat, statt unglücklich zu sein, und in der man so leicht lebt, weil man so leer ist.

Er öffnete den Briefkasten. Es war ein Brief von Brandeis. Eine Mitteilung, daß Brandeis froh sein würde, Herrn Paul Bernheim zu den Direktoren seines Hauses zu zählen. Er braucht mich, kombinierte Paul, weil er mit einer Beziehung zu Enders rechnet. Er hält nichts von mir und meiner Kraft, die er im Brief eine wertvolle nennt. Ich soll sein Instrument sein, ganz einfach. Ich will nicht!

Er trat nicht mehr in sein Zimmer, er kehrte um, den Brief in der Hand. Aber als er wieder in der Straße stand, begann der Brief geheimnisvoll zu wirken. Die Schatten des Todes, unter denen Paul Bernheim die ganzen Tage dahingeschlichen war, zerstreute und vertrieb der Brief. Gleichgültig wie sonst ging Paul an den Bettlern und Verzweifelten vorüber. Sie waren nicht mehr seine Schicksalsgenossen. Er ging, wie er es liebte, in die Halle eines großen Hotels. Er bildete sich ein, daß es der einzige Ort war, an dem man mit Würde unglücklich sein konnte. Noch während er in den breiten, knarrenden Ledersessel glitt, war er überzeugt, daß es jetzt galt zu überlegen, Brandeis abzusagen, einen neuen Ausweg zu suchen. Aber schon als der Kellner vor ihm stand, glaubte Bernheim, daß er anfing, das Schicksal zu meistern. Ja, während er bestellte – einen Whisky-Soda, das Getränk der Sicherheit, weltmännischer Lebenskunst, angelsächsischer Tatkraft –, hatte Paul Bernheim das Gefühl, gesiegt zu haben, als bewiese der Diensteifer des Kellners die Unterwürfigkeit der Welt. In dieser Halle, in der die Reisenden reich, geschäftig und die Taschen anscheinend mit unerschöpflichen Banknoten gefüllt, herumgingen, glaubte Paul, seine legitime Heimat zu erkennen. Noch trennte ihn keine halbe Stunde von seinen Vorbereitungen zum Selbstmord. Nun verstand er nicht mehr seine Verzweiflung. Ja, er hatte Brandeis besiegt. Er bewunderte seine eigene Schlauheit. Kein andrer, sagte er sich, hätte Brandeis überzeugt, einen der klügsten Männer der Welt. Es galt, die eigene Klugheit zu bewundern, und so zögerte Paul nicht, auch Brandeis' Verstand anzuerkennen. Er vergaß die Angst, mit der er zu Brandeis hinaufgestiegen war. Er vergaß, daß er die Stufen gezählt hatte. Er dachte nicht mehr daran, daß Brandeis ihn als Werkzeug brauchen könnte. Und als er den ersten Strohhalm in seinen Whisky tauchte, hatte Bernheim wieder sein altes, hochmütiges und gelangweiltes Gesicht, kokett, modern profiliert, die weichen Haare straff aus der Stirn gekämmt und die hübschen grünen Augen in die Luft und in eine siegreiche Zukunft gerichtet.

Er hatte sein eingebildetes Todesurteil wortlos ertragen. Aber den eingebildeten Sieg allein zu feiern, war er nicht imstande. Doktor König fehlte ihm. Doktor König war ein charmanter Gegner gewesen, das Ideal eines Zuhörers. Aber er war seit Monaten verschwunden, verschwunden, in diesem Berlin, das er sicherlich nicht verlassen hatte und in dem ein Mensch versinken konnte wie im Sand der Wüste. Paul Bernheim beschloß wieder, Sandor Tekely aufzusuchen. Schließlich war die Begegnung mit Tekely segensreich gewesen. Er ging in das ungarische Restaurant.

Tekelys ständiger Platz lag hinter einem Paravent, aber gegenüber dem Spiegel, der das Bild des Eingangs und des Büfetts gefangenhielt, ein aufmerksamer Spiegel. Tekely hatte aus Angst vor Gläubigern, die ihn auch im Restaurant aufzusuchen liebten, diesen Platz gewählt. Er behielt ihn aus Dankbarkeit, obwohl er keinen mehr zu fürchten hatte, und aus Pietät, wie sie ein amerikanischer Milliardär manchmal für die alten Plätze haben mag, auf denen er sich in seinen Anfängen als Zeitungshändler aufgehalten hat. So konnte Tekely den eintretenden Paul Bernheim sofort sehen. Tekely erhob sich und ging dem Gast entgegen, er hatte in diesem Restaurant die Freiheit eines Hausherrn. »Darf man gratulieren?« Als hätte er seit Tagen hier auf den Eintritt Bernheims gewartet, um diese Frage zu stellen.

»Noch nicht heute!«

»Ah, ich weiß, Sie wollen die Antwort Brandeis' abwarten.«

»Ich habe sie zwar schon –«, sagte Paul Bernheim, und es tat ihm leid, daß er zu Tekely gekommen war. Ja, es war frech von diesem Tekely, alles zu wissen. Er ließ Bernheim nicht das Vergnügen, langsam zu erzählen. Doktor König wäre anders gewesen. Und um bald vergessen zu dürfen, daß eigentlich Tekely ein gewisses Verdienst an den glücklichen Fügungen nicht abzusprechen war, sagte Bernheim schnell:

»Wenn ich Sie nicht damals zufällig getroffen hätte – ich bin Ihnen eigentlich dankbar!«

»Oh, das war kein Zufall«, antwortete Tekely, der Undankbarkeit vorausahnte, »Sie haben mich ja mit Absicht aufgesucht! Ich wollte Sie bitten, wenn Sie nächstens mit Herrn Brandeis zufällig von der Warenhauszeitung sprechen sollten – von der ich Ihnen zuletzt erzählt habe, so erwähnen Sie mich.«

»Ja, ja!« versprach Bernheim schnell und sah auf die Uhr, um einen frühen Abschied vorzubereiten.

»Sie müssen jetzt gehn«, sagte Tekely, der wußte, daß man einen eiligen Menschen nicht zurückhalten darf, wenn man seine Freundschaft nicht verlieren will. »Aber vergessen Sie bestimmt nicht!«

»Nein!« sagte Bernheim verwirrt und ging.

Er hatte wieder das peinliche Gefühl, einem Stärkeren erlegen zu sein, er begann, eine Abhängigkeit von diesem Tekely zu fürchten. Er war unzufrieden wie immer, wenn er ohnmächtig eine unangenehme, eine erniedrigende Szene mitzuspielen gezwungen wurde. Wie oft geschah es ihm eigentlich! Zum Glück vergaß er sie schnell. Er behielt nur die Stunden in treuer Erinnerung, in denen er eine glänzende Rolle gespielt hatte, er besaß die Fähigkeit, über peinliche Situationen in einer so zauberhaften Weise nachzudenken, daß sie nach einigen Tagen eine etwas ungenaue, aber fröhliche Physiognomie aufwiesen. Das einzige schreckliche Erlebnis, das er nie vergessen konnte, war jenes mit dem Kosaken im Krieg, das immer wieder auftauchte, sobald er ein neues Zeugnis seiner Schwäche lieferte, wie eine alte Wunde immer wieder aufbrechen kann, wenn man sich weh tut. Auch jetzt, als er Tekely verließ, dachte er an Nikita. Einen Augenblick verlor er sich in der bangen Vorstellung, daß jener Nikita niemals aufhörte, daß er verschiedene Gestalten annahm, daß er identisch mit Tekely war, identisch mit Brandeis selbst und vielleicht auch mit Herrn Enders, dem Onkel Irmgards.

Paul suchte nach einem Rezept gegen diese Vorstellung. Er kannte aus Erfahrung verschiedene Mittel gegen bedrückende Gedanken, wie ein Kranker, der allerhand schon gegen schmerzliche Anfälle ausprobiert hat. Er stieg in ein Auto, fuhr nach Hause, packte flüchtig seinen Handkoffer und begab sich zur Bahn. Er gratulierte sich selbst zu diesem Einfall, der ihn vor einer schlaflosen Nacht rettete. Er wollte zur Mutter.

Frau Bernheim erschrak, als sie Paul zu früher Morgenstunde ankommen sah. Sie stand in der Küche und sah zu, wie das Mädchen Frühstück kochte. Paul erinnerte sich, daß sie früher, zu Lebzeiten des Vaters, das Frühstück im Bett genommen hatte. Sie saß aufgerichtet, vier Polster im Rücken, unter dem blaßblauen Baldachin und spielte ihre »königliche Haltung«. Ein breites Tablett reichte ihr bis zur Brust, die hinter einem Gewölk aus Spitzen verborgen war. In dem halbdunklen Zimmer, in das die Morgensonne durch die Gitter der Rouleaus in schmalen, starken Streifen einfiel, schwebte ein zarter Geruch von Kölnischem Wasser und Zitronen. Die Erinnerung an diese Morgenstunden war herzbrechend wie die an ein verlorenes Glück. Jetzt stand die Mutter in einem Schlafrock aus braunem Plüsch, der vorn offen war und über dem Frau Bernheim, um ihn geschlossen zu halten, die Arme verschränken mußte. Seit dem Kriege, seitdem sie angefangen hatte zu sparen, beaufsichtigte sie jeden Morgen das Dienstmädchen, damit es nicht zuviel Kaffee verbrauche.

»Nehmen Sie noch einen Löffel Kaffee, Anna, aber keinen Eßlöffel!« rief sie, als Paul kam. Sie freute sich immerhin mitten im Schrecken über die unerwartete Ankunft, daß ihr Sohn nicht eine halbe Stunde später gekommen war. Man hätte sonst noch einmal das Gas anzünden müssen.

Man sah zwei graue Haarsträhnen über ihren beiden Schläfen wie zwei Ströme von Sorgen und wie zwei Heerstraßen des Alters. Im weißen Licht der Küche, das von den schimmernden Kacheln einen erbarmungslosen harten und kalten Glanz bekam, war das Angesicht der Frau Bernheim fahl und zerfallen, als könnte man die einzelnen Partien auseinandernehmen, das starke, viereckige Kinn von den Lippen lösen, die Nase von den Wangen, die Stirn von dem übrigen Teil des Kopfes. Die ergrauenden Augenbrauen schienen älter zu sein als die Haare, als stammten sie aus einer früheren Zeit, und die Augen, in denen noch die alte Schönheit wohnte, ohne Zweck und nur ein geduldeter Mieter, lagen zwischen angeschwellten Wülstchen aus Tränen und Schlaf. Die Stimme seiner Mutter erschien Paul Bernheim um einige Grade zu hell, er hatte eine sanftere in der Erinnerung gehabt, als wäre der frühe Morgen eigentlich der Grund ihrer spröden Helligkeit und als käme diese von dem harten Schimmer der Kacheln. Kalt, wie hinter einer Glasscheibe, brannte bläulich die Flamme unter dem Topf auf dem Gasherd. Paul entsann sich nicht, jemals zu dieser Morgenstunde in der Küche gewesen zu sein. Es war eine kleine Enthüllung. Es war, als wäre er der Vergrämtheit des Hauses auf die Spur gekommen, als kenne er jetzt die Quelle des Kummers, die Küche.

Die Frau Militär-Oberrechnungsrat kam später, viel später. Sie stützte sich auf einen Stock am Morgen, sie gewöhnte sich langsam an das Gehen, an die Bewegung, die der Tag notwendig machte, nach der Bewegungslosigkeit der Nacht. Die ganze Last ihres alten Körpers trug der Stock, die Beine folgten ihm nur, unterstützten ihn. Sie erschien Paul als die Verkörperung der Trauer, die über sein väterliches Haus gefallen war. Er begann, sich vor ihr zu fürchten.

Er nahm sein Frühstück in großer Hast und ging in die Stadt. Er wollte erst am Nachmittag wiederkommen. Es erschien ihm unmöglich, dem ganzen Betrieb des Vormittags beizuwohnen. Während er gedankenlos, müde, überwach durch die noch leeren Straßen ging, fiel es ihm ein, daß seine Mutter an diesem Tag sterben könnte. Er stellte sich die tote Mutter vor und fühlte keine Trauer. Er versuchte, sich seine Gleichgültigkeit zu erklären, und ertappte sich bei dem Wunsch, seine Mutter tot zu wissen. Unmöglich, sie mit Irmgard zusammenzubringen. Unmöglich, Irmgard in dieses Haus zu führen.

Er kam spät am Nachmittag zurück. Er kündigte seiner Mutter die Verlobung an, seine bevorstehende Verlobung mit Irmgard Enders.

»Enders?« sagte die Mutter und hob das Lorgnon, als könnte sie in Pauls Angesicht die Herkunft der Familie Enders lesen. Nein, sie war nicht begeistert. Sie kannte keine Enders.

»Es sind die reichsten Leute im Land«, erklärte Paul. Er dachte dabei an den Geiz seiner Mutter. Er irrte sich. Was ihren Sohn betraf, gehörte in ein anderes Kapitel, berührte eine andere Leidenschaft. Zum erstenmal seit vielen Jahren konnte Frau Bernheim den Satz sagen: »Geld ist nicht alles, Paul!« – Er war überrascht.

»Es ist ein großes Glück, Mutter!« sagte Paul.

»Das kann man erst nach zehn Jahren sagen«, erwiderte sie mit einer Weisheit, die nicht aus ihr kam, der Mütterlichkeit überhaupt zu entströmen schien.

Paul versprach, seine Braut mitzubringen.

»Bring sie nur! Bring sie nur!« sagte Frau Bernheim.

Aber er brachte sie nicht, auch später nicht.

Es hatte sich inzwischen etwas Neues ereignet.

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