Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Rechts und Links

Joseph Roth: Rechts und Links - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/roth/rechtsli/rechtsli.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRechts und Links
publisherKiepenheuer & Witsch
year2006
isbn3462036718
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121019
projectidfa73ff99
Schließen

Navigation:

XIV

Statt am Donnerstag, wie es vorgesehen war, kam der Onkel Irmgards, Herr Carl Enders, erst am Sonntag. Wenn seine Frau einen Zweifel über Irmgards Sicherheit in Berlin äußerte, so sagte der Herr Enders: »Du kennst Irmgard nicht! Du lebst überhaupt noch in deiner Zeit! Du kennst die jungen Menschen von heute nicht!« Er verehrte den Fortschritt, die Jugend, alle neuen Erfindungen, das Tempo und den Sport. Er fühlte sich in der neuen Zeit wie zu Hause, und er konservierte seine Jugend und seine Gesundheit, nur um eine noch neuere zu erleben. Wenn er in einer der populärwissenschaftlichen Zeitschriften, die er abonnierte und die er mit einer verschwiegenen Geilheit las, als wären sie Pornographie, die Voraussage einer totalen Sonnenfinsternis in Mitteleuropa zu Ende des dritten Jahrtausends sah, so erschütterte ihn die Unmöglichkeit, tausend Jahre zu leben. Und es war in der Tat, wenn man ihn betrachtete, gar nicht einzusehen, aus welchem Grunde ein Mann wie er nicht unsterblich sein sollte. Seine Ingenieure und Beamten, seine Chemiker und seine Gehilfen, seine Werkmeister, seine Kassierer und seine Sekretäre arbeiteten für ihn, obwohl er selbst den ganzen Tag beschäftigt war, obwohl er selbst die Tätigkeit liebte und was er von ihr erzählen konnte. Er war zwecklos fleißig. Die Philosophen der Welt, die Dichter und Denker, die Erfinder und Entdecker dachten für ihn und lieferten seinem Gehirn die notwendige Nahrung. Um ihm eine Freude zu bereiten, überquerten Flieger den Ozean, umkreisten Rekordsammler die Erde auf Fahrrädern, Schlitten und Paddelbooten, gingen Forscher im Eismeer zugrunde, brachen Akrobaten das Genick beim dreimaligen Salto mortale. Er las mit Begeisterung am Ende eines jeden Jahres die Bilanz der Unglücksfälle und hielt alle überfahrenen Fußgänger für schuldig. Langsam sein und keine Geistesgegenwart haben hieß für ihn ein Verbrechen gegen das Tempo begehen, das er verehrte. Er selbst verspätete sich gerne, plauderte Überflüssiges, präsidierte zahllosen Konferenzen, fuhr von Stadt zu Stadt, hielt sich in Museen auf, sammelte Minerale, besuchte Konzerte, in denen moderne Musik gespielt wurde, finanzierte moderne Wohn- und Nutzbauten und Theater, in denen die Regie überraschende Experimente machte. Vor dem Kriege war er einer der eifrigsten Anhänger Kaiser Wilhelms des Zweiten gewesen ... Während des Krieges war er ein Annexionist, weniger aus politischer Überzeugung als aus Vorliebe für Katastrophen. Nach dem Umsturz wurde er einer jener demokratischen Konservativen, die es nur in Deutschland gibt: Sie können Patrioten sein und Kosmopoliten, sich in der Gesellschaft eines Prinzen geehrt fühlen und ihn mitleidig belächeln, den Sozialismus anerkennen und ihn für eine Utopie halten, Arbeiterkolonien bauen und die Arbeiter aussperren, gute jüdische Freunde haben und Ehrenämter in antisemitischen Vereinen, für eine konservative Partei stimmen, sogar als deren Mitglied gewählt werden und sich über einen Sieg der Linken freuen, den Bolschewismus ablehnen und die russischen Sowjets lieben.

Irmgard, die ihren Onkel kannte, hätte wissen müssen, daß ein Mann von so verschiedenen Veranlagungen und Geschäften nicht rechtzeitig kommen würde. Sie glaubte an die Notwendigkeit seiner Tätigkeiten, seiner Reisen, seiner Liebhabereien. Und sooft er sich auch verspätet hatte, sie nahm es immer für eine Folge unvorhergesehener Hindernisse. Darin glich sie ihrer Tante. Als Herr Enders am Sonntag kam, traf er eine in ihrer Art bereits verliebte Irmgard an. Inzwischen hatte sie sich schon dreimal mit Paul Bernheim getroffen. Einmal beim Fünfuhrtee, einmal auf einem ziellosen Ausflug im Auto, das drittemal waren sie spazierengegangen, langsam, beglückt, statt, wie es verabredet gewesen war, Tennis zu spielen. Morgen wollten sie reiten.

Um zu zeigen, daß er ein Kenner der Jugend sei und die zartesten Symptome an seiner Nichte bemerkte, sagte Herr Enders.

»Wir sind verliebt, nicht wahr?«

Irmgard, die ihren Onkel ebenso für altmodisch hielt wie er sich selbst für modern, war durch den Ausdruck »verliebt« gekränkt. Er bezeichnete einen Zustand, der für einen jungen Menschen von heute nicht ganz passend erschien. Sie wiederholte:

»Verliebt?!« Und nach einer Weile: »Vielleicht nur bereit zu heiraten!«

»Na also«, sagte Herr Enders. »Es freut mich, daß du modern genug bist, die Liebe nicht mit der Ehe zu verwechseln. Denn du weißt, daß du nicht jeden Beliebigen heiraten kannst. Aber du kannst dich in jeden Beliebigen verlieben.«

»Ich bin selbständig, Onkel!«

»Bis zu diesem Punkt!«

Er dachte an die vielen Männer, die sich bei ihm um Irmgard beworben hatten. Es waren Männer verschiedener Kategorien gewesen, Künstler, die er unterstützte und die er von vornherein für unfähig hielt, denn er verband mit der Vorstellung von Kunst eine von geschlechtlicher Impotenz. Er kam nicht zum Bewußtsein seiner Vorurteile, weil er sich unaufhörlich wiederholte und bewies oder zu beweisen glaubte, daß er keine Vorurteile habe. »Ich habe nichts gegen die Armen«, pflegte er zu sagen »weiß Gott, ich versuche, mit den Armen ebenso zu verkehren wie mit den Reichen, aber schließlich kann man sie nicht mir nichts, dir nichts in die Familie nehmen. Ja, wenn es ein Genie wäre, etwas Außergewöhnliches! Ein Eckener sagen wir, ein Einstein, meinetwegen sogar ein Lenin! Ein Kerl!« Und da ihm unter den Armen, die er kannte, kein »Kerl« in den Weg kam, blieben seine Beziehungen zu ihnen distanziert.

Eine Zeitlang hatte er daran gedacht, Irmgard mit einem der Abkömmlinge aus der hohen Aristokratie zusammenzutun, die er unermüdlich unterstützte, einlud, beherbergte und nährte. Er half Zeitschriften begründen, die eine Einigung Europas propagierten, und andere, die einen neuen Krieg vorbereiteten. Und er abonnierte die Zeitschriften auch. Aber ein Instinkt, mächtiger als jede Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit, weil es der Instinkt der Besitzversicherung war, beschützte ihn vor jedem Gedanken an verwandtschaftliche Bande mit einem der armen Freunde. Irmgard sollte einen außerordentlich reichen Mann heiraten. Entweder einen Gutsbesitzer aus alter Familie oder einen jungen Industriellen. Herr Enders wußte nicht, daß es zwischen dem Reichtum und der Armut einen Zustand gibt, der immerhin materielle Nöte ausschließt. Männer, die weniger als eine halbe Million Einkommen jährlich hatten, zählte er zu den Armen. Und wenn er manchmal in die Lage kam, sich »die Armut« vorzustellen, so sah er schreckliche Gesichter: syphilitische Kinder, eine schwindsüchtige Frau, Matratzen ohne Überzug, versetztes Silber. »So lebt heutzutage der Mittelstand«, pflegte er zu sagen. Zum Mittelstand zählte er auch die Direktoren seiner Fabriken. Das Proletariat war seiner Meinung nach versorgt. Erstens hatte es den Sozialismus, zweitens keine Bedürfnisse und drittens die soziale Fürsorge.

»Nur keinen Mittelständler heiraten«, sagte er zu Irmgard. »Man kommt aus dem Elend gar nicht mehr heraus.« Er war ehrlich bekümmert. Sein roter Nacken, seine muskulösen Wangen, seine ganze untersetzte, gesunde Vierschrötigkeit stellte sich in den Dienst seines Kummers. Er sah komisch aus, wenn er besorgt war, fand Irmgard. Sie lachte.

Sie wußte wohl, daß dieser Onkel Schwierigkeiten machen würde, und ihre Sympathie veränderte sich für ihn in Verachtung, die sich auch auf seine körperlichen Eigenschaften bezog. Seine robuste Gesundheit erschien ihr unappetitlich, seine ständige Begeisterung für den Fortschritt nannte sie hypokritisch. Nachdem sie ihn schweigsam ein paar Sekunden lang angesehen hatte, fiel ihr das Wort »Geldsack« ein.

An jenem Nachmittag, an dem sie in der Hotelhalle mit Paul und dem Onkel Tee trank, war sie abwechselnd gereizt, zärtlich, gehässig und verlogen. Für die Dauer von Sekunden verlor sogar Bernheim ihre Sympathie, nur weil er mit ihrem Onkel gefällig sprach. Wenn sie noch geahnt hätte, daß Paul in dieser Stunde nur den Ehrgeiz hatte, ihrem Onkel zu gefallen! Aber sie kannte die Männer nicht.

Worüber sprechen zwei Männer, von denen der eine chemische Produkte erzeugt und der andere kein anderes Interesse hat, als »hinaufzukommen«? Von Kunst. Paul Bernheim glänzte wie gewöhnlich. Man konnte glauben, daß er selbst Bilder sammle. Daß er heute mit Carl Enders zusammen Tee trinken würde: Wer hätte ihm das noch vor einer Woche gesagt? Verändert war die Welt. Warum hatte er seine große Wohnung aufgegeben? Jetzt hätte er Gelegenheit gehabt, ein kleines Diner zu Hause zu geben. Das macht gleich einen ganz andern Eindruck.

»Sie sammeln wohl selbst«, fragte Herr Enders, nicht ohne die Nebenabsicht, auf diesem Wege etwas über die Verhältnisse des jungen Mannes zu erfahren.

»Mein Vater hat viel gesammelt«, log Paul. Und der Sohn hat die Bilder verkaufen müssen, dachte Herr Enders. Aber er sagte etwas anderes:

»Ist Ihr Herr Vater schon lange tot?«

»Vor dem Krieg gestorben.«

»Sie waren natürlich eingerückt.«

»Elfer-Dragoner!« triumphierte Paul.

Also verarmte Familie, replizierte in Gedanken der Onkel. Und laut bemerkte er: »Die Inflation und der Krieg haben doch eine Menge Familien ruiniert. Es ist so manche auf einmal Mittelstand geworden. Unsereins hat oft Gelegenheit zu sehen, wie traurig es mit der Intelligenz bestellt ist.«

»Viele sind auch reich geworden«, sagte Paul.

»Ja, die Neureichen.« Der Onkel sprach dieses Wort mehr mit den Mundwinkeln als mit der Zunge. Es genügte, von den neuen Reichen etwas zu erwähnen, und sofort geriet Herr Enders in schlechte Laune. Nach der Art aller Menschen, deren Großväter schon »neue Reiche« gewesen waren, schätzte er alle gering, die erst heute reich wurden. Von seinem Großvater, dem Begründer der chemischen Dynastie Enders, sprach er als von dem »Manne, der mit den zehn Fingern anfing«. Jene, die heute ähnliches vollbrachten, nannte Carl Enders »die mit den Ellenbogen«. Als wäre ein Ellenbogen ein verächtlicher Körperteil und die Finger aristokratisch. Um der Meinung des Industriellen würdig zu sein, begann Paul, eine von den Anekdoten vorzutragen, deren Held in jener Zeit der populäre Raffke war und die immer mit dem Satz begannen: Herr Raffke kommt zur Neunten Symphonie oder zu »Wallenstein« ins Staatstheater oder sonst zu irgendeiner der Kultureinrichtungen, in denen die alten Reichen sich so gut auskennen. Herr Enders liebte Anekdoten wie die meisten gesunden Männer. Er konnte bei jedem Witz ehrlich lachen, weil er vergeßlich war und es ihm gar nichts ausmachte, ihn zehnmal zu hören.

Irmgard schwieg beleidigt. Um ihre Sympathie für Paul nicht zu verlieren, die jetzt ein Bestandteil ihrer Selbstliebe geworden war, verwandelte sie die Geringschätzung für die Billigkeit seiner Witze in eine Bewunderung für seine Fähigkeit, sich mit dem Onkel zu unterhalten. Herr Enders schied mit dem Verdacht, daß Paul Bernheim zu der armen Intelligenz gehöre. Immerhin lud er den amüsanten jungen Mann nach D. ein, einer Stadt im Rheingebiet, in das Stammhaus Enders. Paul sollte nach einer Woche nach D. kommen. Es war ihm klar, daß er innerhalb dieser Woche eine Stellung haben müßte und keine beliebige. An Brandeis hätte er sich halten sollen!

Es war Paul Bernheim vollkommen klar, daß er jetzt vor dem Ziel stand. Er konnte freilich zu Brandeis gehn. Zu Brandeis gehn und was sonst? Die zweitausend Dollar zurückzahlen und von einem Gespräch alles erhoffen. Vielleicht machte ihm Brandeis einen Vorschlag.

Zum erstenmal nach langer Zeit stand Paul Bernheim wieder am frühen Vormittag auf. Es war ein Donnerstag, sein »guter Tag«. Er glaubte sich zu erinnern, daß ihm der Donnerstag immer Glück gebracht hatte. In der Schule schon. Die Gegenstände, die ihm am liebsten waren, fielen auf den Donnerstag. Die Reifeprüfung hatte er an einem Donnerstag bestanden, und nach Oxford war er am Donnerstag gefahren. Und heute war Donnerstag.

Auch die Sonne schien. Kein Wölkchen am Himmel. Kein Staub. Kein Wind. Die Taxis an der Haltestelle alle offen. Er wollte ein Taxi nehmen, um nicht im Gedränge der Untergrundbahn die notwendige Energie zu verlieren. Er stieg ein wie zu einer Fahrt ins Glück.

Aber in der Köpenicker Straße, vor dem massiven Häuserblock, in dem sich seit einigen Monaten Brandeis' Firma befand, ergriff Paul Bernheim Angst, Angst, wie er sie noch nie gespürt hatte. Wenn er jetzt nichts erreichte, so wollte er nicht einmal nach D. fahren. Er überlegte die Ausrede, die er Irmgard mitteilen würde. Diesen Brief jetzt schon zu stilisieren bereitete ihm eine Erleichterung. Es lenkte ihn von dem Gedanken an die nächste Viertelstunde ab. Er versenkte sich in die Vorstellung von seinem vollständigen Zusammenbruch, um den Zustand der weniger erträglichen Angst vor dem Zusammenbruch leichter zu ertragen.

Er lehnte es ab, in den Lift zu steigen, in den ihn der Portier einlud. Er ging langsam die Stufen hinauf und zählte sie. Sie sollten eine gerade Zahl ergeben, dann wäre alles gut. Als er im ersten Stock stand, hatten sie eine ungerade. Seine Füße stockten. Zum Glück besagte eine Tafel, daß sich die Direktion im zweiten Stock befand. Aus Furcht, daß die Zahl der Stufen noch einmal eine ungerade sein könnte, gab er das Zählen auf.

Er mußte durch einen großen, unheimlich sonnigen Saal, in dem an etwa hundert Schreibtischen gearbeitet wurde. Ein Arbeitssaal nach amerikanischem Muster. An allen vier Wänden riesige elektrische Wanduhren wie in Bahnhöfen. Ein regelmäßiges Rascheln von Papier. Ein halblautes Klappern moderner, schweigsamer Schreibmaschinen. Ein Flüstern, das vom Rechnen der gebeugten jungen Männer herrührte, die unaufhörlich Zahlen hinschrieben und mit Linealen hantierten. Die Wände kahl, die Fenster groß, nackt, ohne Vorhänge. Brandeis liebte es, seine Besucher durch dieses Zimmer führen zu lassen.

Paul Bernheim machte sich auf eine der »wichtigen Konferenzen« gefaßt. Hier gilt es, eine Stunde oder zwei zu warten. Um so besser. Ich habe Zeit, mich zu beruhigen.

Aber schon ein paar Minuten später holte man ihn zu Brandeis.

Brandeis saß in einem kleinen, verdunkelten Raum. Die Besucher, die aus der schmerzlichen Helligkeit kamen, sahen im ersten Augenblick gar nichts. Er holte aus dem Wandschrank Kognak und zwei Gläser, Zigarren, Zigaretten, Streichhölzer. Er stellte alles mit behutsamen Bewegungen vor Bernheim hin, lautlos, als wären seine großen, kräftigen und behaarten Hände, die Tischplatte, die Flasche, die Gläser und die Schachteln aus Samt.

Er goß zwei Gläser voll.

Bernheim trank mit einem Schluck. Er ärgerte sich, daß Brandeis nur nippte.

»Ich trinke sehr langsam«, sagte Brandeis.

»Ich habe eine alte Schuld«, begann Paul.

»Die Summe ist so gering«, unterbrach Brandeis, »daß es eine Verschwendung wäre, von ihr zu sprechen. Ich muß Sie um Entschuldigung bitten. Ich hätte Sie besuchen sollen. Sie könnten geglaubt haben, daß ich absichtlich eine Begegnung mit Ihnen vermeiden will. Durchaus nicht! Es ist inzwischen die Notwendigkeit eingetreten, den Umfang meiner Geschäfte zu regeln und zu erweitern. Ich war besetzt. Ich freue mich über Ihren Besuch. Aber ich hoffe, daß Sie ihn nicht jener Summe wegen gemacht haben.«

»Nein, Herr Brandeis. Offen gestanden: Ich bin mit einer Bitte gekommen.«

»Das ehrt mich.«

Eine lange Pause folgte. Keiner von beiden rührte sich. Man hörte aus der Ferne einen Vogel zwitschern. Pauls Augen hatten sich an den Dämmer dieses Zimmers gewöhnt. Er unterschied die dunkelrote Farbe der Teppiche und die rostbraune Täfelung der Tür zu seiner Linken. Es war nicht jene, durch die er gekommen war. Die Dämmerung kam von den dunklen Rolläden hinter den Fenstern, die dennoch offenstanden. Ein zarter Wind wehte durchs Zimmer.

Es schien unmöglich, jetzt wieder anzufangen. Brandeis griff nach der Flasche, um einzuschenken.

»Ich habe den größten Teil meines, unseres Vermögens verloren«, begann Paul wieder. »Ich muß mich nach einer Beschäftigung umsehn. Ich besitze nicht mehr als fünfundzwanzigtausend Mark.«

»Die Summe ist nicht klein –«, sagte Brandeis. »Aber schließlich, wie man es betrachtet. Sie kann groß und klein sein. Für Sie ist sie wahrscheinlich klein. Ich könnte Ihnen vielleicht den Rat geben, einen Rat geben –«

»Nein, Herr Brandeis, es ist zu spät. Ich muß in dieser Woche auf eine Stellung, auf einen Namen, eine Position rechnen können.«

Brandeis nippte noch einmal. Dann sah er in das Gläschen. Und als hätte er daraus die Zukunft gelesen, fragte er langsam:

»Sie wollen wahrscheinlich heiraten?« Er sprach dieses Wort sehr weich aus, mit einem h, das wie ein voller Konsonant klang.

Paul nickte.

»Gut, Herr Bernheim, ich will mich umsehn.«

Paul erhob sich. Brandeis begleitete ihn zur Tür. Er streckte die Hand aus.

»Kann ich den Namen der Dame wissen?«

»Ich bin noch nicht verlobt«, sagte Paul zögernd. Er fürchtete, die Hand aus der weichen, warmen Umklammerung Brandeis' zu befreien.

»Aber ich bitte Sie um Diskretion. Ich möchte mich um Fräulein Enders bemühen.«

»Enders, Chemie?«

»Ganz richtig.«

»Ich werde Ihnen schreiben.«

Paul ging. Brandeis schrieb auf einen der Zettel, die sauber geschnitten, viereckig und schimmernd auf seinem Schreibtisch lagen und an Oblatenplättchen erinnerten, folgendes: »Enders-Bernheim«.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.