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Rechts und Links

Joseph Roth: Rechts und Links - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleRechts und Links
publisherKiepenheuer & Witsch
year2006
isbn3462036718
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIII

Der große Saal des Kasinos, in dem das Fest stattfand, war in ein Labyrinth verwandelt. Unerwartete Winkel zwischen vorgetäuschten Mauern, Logen und Verstecke hatten den Zweck, die Gäste, die sich geheimen Genüssen hingeben wollten, nicht nur unsichtbar zu machen, sondern auch in der ständigen Furcht vor Überraschungen zu erhalten. Denn es gab keine Ecke, die nicht tückisch genug war, abgeschlossen zu scheinen und dennoch einen verborgenen Zugang zu besitzen. Es war die Innenarchitektur eines Sadisten. Paul Bernheim stellte sich endlich in der Nähe des Eingangs auf, um die Ankommenden sehen zu können. Aber Brandeis kam nicht. »Ich habe es mir denken können«, sagte Paul. »Als ob dieser Sandor Tekely mir nicht schon oft falsche Sachen erzählt hätte.« Traurig war er und bitter. In dieser Gesellschaft des Hockeyklubs kannte einer den andern auch in der Verkleidung. Ja, es war anzunehmen, daß jeder vom andern vorher gewußt hatte, in welchem Kostüm sein Bekannter kommen würde. Alle Anwesenden hatten so sehr das Gefühl, zu einer Familie zu gehören, daß sie die paar verlorenen Fremden, die wahrscheinlich alle nur der Tekely mitgebracht hatte, mit dem erstaunten, etwas erzürnten Blick ansahen, den man für Eindringlinge übrig hat. Auf zwei einander gegenüberliegenden Estraden lebten sich die Musiker aus. Sie ließen keine Pause aufkommen. Wenn eine schüchterne Stille aufzublühen begann, nachdem eine Kapelle einen Tango beendet hatte, fiel die andere Kapelle mit einem Jazz über die lautlose Minute her und zermalmte sie zwischen Trommel und Saxophon. Unermüdlich tanzten die Paare. Paul Bernheim sah keine Möglichkeit, in dieser geschlossenen, wenn auch sehr verkleideten Gesellschaft einem entscheidenden Schicksal zu begegnen, wie er es heute noch den ganzen Abend gehofft hatte. Er trug einen dunklen Domino, ein Kostüm, das, wie ihm schien, der Begegnung mit einem entscheidenden Schicksal entsprach. Aber es meldete sich kein Schicksal.

Sagen wir lieber: Es meldete sich scheinbar kein Schicksal. Denn ein Mädchen in einer Art Haremskostüm, mit goldenen Schuppenbrüsten und einem türkisblauen, breiten Band um die Stirn, in wehenden, weißen Pumphosen und blauen Sandalen mit goldenen Spangen zog Paul Bernheim in einen der Winkel, mit sanfter Gewalt, wie sie Frauen anwenden, die ein ehrsames Leben führen, und die den Eindruck erweckt, daß sie nichts anderes wollten als die Bewegung eines Freudenmädchens aus einer Hafenstadt nachahmen. Es war schon gegen zwei Uhr morgens, und Bernheim hatte nichts mehr Entscheidendes zu erwarten. Also ergab er sich dem wortkargen Genuß, den Körper des Mädchens an sich zu ziehen. Die Frau verlangte zu trinken, und er erhob sich, um ihr ein Glas Champagner zu bringen – denn man verteilte Champagner in Gläsern am Büfett. Er fühlte ihre Bemühungen, die leichte Erregung, in der sie sich bereits befand, noch zu verstärken.

Wozu war ein Kostümfest gut? Ich langweile mich, dachte sie. Alle kennen mich und wagen nicht einmal einen Scherz. Dieser junge Mann ist fremd. Er ist vielleicht nicht klüger als die anderen, aber er hat den Vorzug, mich nicht zu kennen.

Sie sagte ihm also kurz entschlossen, daß sie sich langweile. Sie klagte über die scheuen Männer, die sie alle beim Rufnamen und sogar beim Spitznamen kannte. Sie entfachte Pauls Ehrgeiz und erinnerte ihn an die glückliche Zeit seiner ersten Jugend, in der er sorglos und mit der Aussicht auf Oxford die Mädchen seiner Heimat gerade noch bis zu dem Grad verführt hatte, der ihre Heiratsfähigkeit nicht verminderte. Es war immerhin noch eine verhältnismäßig keusche Zeit gewesen, dachte er. Damals hätte mich kein Mädchen so aufrichtig behandelt, auch nicht auf Kostümbällen. Die stete Neigung, die er von seiner Mutter ererbt haben mochte, jeden Fremden ohne Unterschied des Geschlechts sofort in eine der sozialen Schichten einzureihen, ließ ihn aus dem Betragen des Mädchens den Schluß ziehen, daß es nicht zu jener Gesellschaft gehörte, die er die »allerbeste« zu nennen pflegte. Und nach der Art der Männer, welche die Widerstandsfähigkeit einer Frau nach den Einnahmen ihres Vaters berechnen, entschloß er sich, so weit, das heißt: so nah zu gehn, wie es die Abgeschiedenheit und die Dunkelheit des Ortes erlaubten.

Er erfuhr einladende Zurückweisungen. Der Schuppenpanzer lockerte sich. Seine Versuche waren bereits so kühn geworden, daß er in das Stadium geriet, in dem er das Gesicht, also die Individualität der Frau vergaß und nur noch die Nähe des anderen Geschlechts kannte. Da erschrak er vor einem Geräusch. Ein Rokokoprinz war vorübergegangen und hatte halblaut seinen Namen gerufen. Er bat das Mädchen, auf ihn zu warten, und ging dem Prinzen nach. Es war Sandor Tekely.

»Ich gratuliere zu Ihrer Eroberung!« sagte Tekely.

»Mir scheint auch, daß sie hübsch ist«, meinte Bernheim. Er war ein wenig unfreundlich, der Störung wegen und weil Tekely ihm gestern ganz anderes und Wichtigeres versprochen zu haben schien.

»Hübsch ist sie natürlich auch«, sagte Tekely. »Aber das ist nicht die Hauptsache. Sie wissen doch, wer sie ist.«

»Keine Ahnung!«

»Es hat keinen Sinn zu leugnen, lieber, lieber Freund! Sie wissen ganz gut, daß es Fräulein Irmgard Enders ist.«

»Enders – chemische Werke?«

»Ja, kehren Sie schnell zurück.«

Paul Bernheim beeilte sich zurückzukehren. Fräulein Enders hatte ihn erwartet. Aber sie konnte die Veränderung nicht verstehen, die offenbar mit diesem Mann vorgegangen war. Denn es war Paul nun, da er den Namen seiner Partnerin kannte, unmöglich, eine Hand zu rühren. Und während ihm früher ihr Gesicht vollkommen gleichgültig gewesen war, glaubte er jetzt, es sei am wichtigsten zu wissen, wie sie aussehe.

»Ach, du bist langweilig geworden«, sagte Fräulein Enders mit Recht. Und sie wollte sich erheben.

Er hielt sie mit Anstrengung zurück. Noch einmal segnete er den Sandor Tekely. Er begann zu erzählen. Es war immer noch das beste, wenigstens die Zunge zu bewegen, da die Hände schon gelähmt waren. Er fühlte, daß sein Leben von diesem Fräulein abhing und daß er um keinen Preis langweilig erscheinen durfte. Mit dem Respekt vor der chemischen Industrie, der in den Männern vom Schlage Paul Bernheims alle Fähigkeiten der Achtung und der Schätzung ersetzt und alle Wertungen und Maßstäbe bestimmt, mit dem Respekt vor der Chemie, zauberhaft wie ihre Formeln, groß wie die Gläubigkeit der Frommen, die Ergebenheit treuer Monarchisten für Kaiser und Könige und die Verehrung mancher Völker für Tote: mit diesem Respekt begann jetzt Paul Bernheim, Fräulein Enders zu beobachten, zu unterhalten und zu umwerben. Er fürchtete unaufhörlich, die Aufgabe könnte mißlingen. Es war ihm unmöglich, seine frühere Unbefangenheit wiederzufinden. Er sehnte sie herbei. Sie hatte Fräulein Enders gefallen. Aber er bewegte sich zitternd zwischen der Angst, das Bild von der Majestät der Chemie, das er tief in seinem Herzen trug, zu beleidigen, und dem Wunsch, es so geringzuschätzen, daß er die notwendige Freiheit der Tochter großer Männer gegenüber wiederfände.

Er warf sich aufs Erzählen, wie es seine Art war (denn er besaß die literarische Fähigkeit zu lügen), und also berichtete er durcheinander fremde und eigene Erlebnisse, eigene und entlehnte Scherze und Anekdoten, und innerhalb einer Viertelstunde war der alte Paul Bernheim wiederauferstanden, der Charmeur, der Dilettant und der Kenner der Kunstgeschichte. Das Blau seines alten Augenaufschlags aus der Jünglingszeit, das sich mitten zwischen den Inflationsgeschäften ein wenig abgenützt zu haben schien, wurde wieder so leuchtend, daß Fräulein Enders es trotz der Dämmerung bemerken mußte. Er pointierte die Geschichten derart, daß sie wie die echten mythologischen Liebespfeile wenn nicht das Herz, so doch die Phantasie dieses Mädchens treffen mußten. Und er verstand es so gut, ganz zufällig der Held seiner Geschichten zu werden, daß sogar seine Prahlerei die Physiognomie der Bescheidenheit bekam. Er war im besten Zug. Er vergaß nicht, Geschichten, die seinen Mut bewiesen hatten, andere folgen zu lassen, in denen seine furchtsame Menschlichkeit zum Vorschein kam, so daß Fräulein Enders, die schon den unmittelbaren Mut der Tatkraft bewunderte, nun auch den der Aufrichtigkeit zu schätzen begann. Sie unterhielt sich gut in Pauls Gesellschaft. Da sie seinen Erzählungen entnahm, daß er in Oxford erzogen worden war, vermutete sie sofort und automatisch eine Verwandtschaft mit englischer Aristokratie – der einzigen, die noch gelegentlich den Rittern der Chemie imponiert. Als sie den simplen Namen Paul Bernheim erfuhr, denn er hielt darauf, ihn ihr zu sagen, wurde ihr der junge Mann ein wenig rätselhaft, was jungen Mädchen noch mehr gilt als englisch und aristokratisch. Sie sollte von einem guten Freund ihres Hauses abgeholt werden, aber sie zog es vor, Bernheims Begleitung anzunehmen. Ihr Wagen, der an der Straßenecke wartete, und der Chauffeur mit dem durch Technik verschärften Profil eines Lakaien aus alter Rasse versetzten Paul in ein Entzücken, das den Liebhabern vergangener Jahrhunderte nur der Anblick eines Strumpfbands zu entlocken vermocht hatte. Und er geriet in einen Taumel, als er einen englischen Windhund, in wollene Decken verpackt, im Wagen vorfand, einen Hund, der nach Oxford roch und englischem Rasen. Mit einer Anstrengung, die ihm den Atem nahm, überwand er noch im letzten Moment die Pietät für die Gesellschaftsklasse des Fräuleins, und er fand glücklicherweise noch Kraft und Geistesgegenwart genug, knapp drei Minuten vor dem Hotel Adlon den Arm um die Schulter des Mädchens zu legen. Er hatte rechtzeitig daran gedacht, daß körperliche Berührungen am wenigsten vergessen werden.

So war es in der Tat. Paul Bernheim war der erste Mann, der auf das Fräulein Irmgard Enders Eindruck machte. Zwei Hauslehrer, die einmal – sie war damals achtzehn Jahre alt im Garten ihres Hauses, an schwülen und erregenden Sommernachmittagen die Gewohnheit angenommen hatten, die Lektionen zu unterbrechen und Liebesbeziehungen zu ihr herzustellen, konnten überhaupt nicht zählen. Es waren Domestiken, deren Berührungen, losgelöst von ihren Persönlichkeiten, sich selbständig vollzogen hatten und eine entfernte Ähnlichkeit mit bezahlten Diensten aufwiesen. Sonst gab es nur harmlose Kameraden, Tennisspieler und Sommerschwimmer, Arosa-Rodler und Charlestontänzer. Dieser junge Paul Bernheim aber hatte die Welt gesehn, mußte Erlebnisse haben, einen merkwürdigen Beruf, nach dem sie zu fragen für unpassend gefunden hatte, kannte merkwürdige Leute und auch gute Gesellschaft, sprach über Pferde, auch über Automobile, und sein Gesicht war sympathisch – Irmgard fand es sympathisch.

Sie stellte sich noch einmal im Kostüm vor den Spiegel. Sie gefiel sich. Sie war gewohnt, sich zu gefallen. Ihre Beine waren keineswegs schlecht! Schlecht konnte man nicht sagen! Die Knöchel waren zu stark, wenn man sie mit dem Umfang der Waden verglich, und erschienen zart, weil sie jetzt Hosen trug. Sonst alles tadellos. Die Brust etwas zu hoch angesetzt. Aber dafür die Schultern stark genug, weiß und aufregend, so daß sie, enthüllt, im Abendkleid, die Brüste fast vergessen ließen. Von Bauch keine Spur. Die Hüften ausladend – kam vielleicht von zuviel Reiten? Die Hände stark vom Tennisrakett, aber lang und die Finger wohl proportioniert. Das blonde Gesicht unscheinbar, der Mund für ihren Geschmack zu klein, besonders da die Zähne zu groß waren. Eine verräterische Falte parallel unter dem Kinn – was war das? Doch erst einundzwanzig Jahre? Kam vielleicht von ihrer ekelhaften Gewohnheit, den Kopf so tief zu senken, wenn sie las. Überhaupt brauchte man nicht zu lesen.

Sie wollte übermorgen – wenn Onkel Carl sie abholen kam – eine Andeutung machen. Vielleicht kannte er den Namen? Gott sei Dank hatte sie keine Eltern mehr. Ihre Kameradinnen Lisa, Inge und Hertha hatten viel weniger Freiheit. Derart konnten sie nicht über Auto, Chauffeur, Hund und Kostümfeste verfügen. Waren allerdings keine Persönlichkeiten. Während Irmgard – wie haßte sie diesen Namen, Geschmack einer Vorkriegsgeneration! –, sie, Irmgard, trotzdem Irmgard, eine Persönlichkeit war! Einen Mann konnte sie selbst finden. Sie hatte einen ausgezeichneten Geschmack. Sie konnte hart sein, verachtete Sentiments, und wenn sie auch die noch fast intakte Jungfernschaft ein wenig störte, so wußte Irmgard doch, daß dieser Fehler mehr die Feigheit der Männer bezeugte als ihre eigene.

Sie legte sich befriedigt schlafen und träumte einen der Träume ihrer Generation: in einem grauen, schmalen Sportwagen guter Rasse und so weiter. Knapp vor den ersten Häusern eines Dorfes verschwand der Traum, und ein Schlaf ohne Bilder und ohne Störung begann und dauerte bis elf Uhr vormittags.

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