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Rechts und Links

Joseph Roth: Rechts und Links - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleRechts und Links
publisherKiepenheuer & Witsch
year2006
isbn3462036718
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Mittagsglocken verhallten. Der Zug der Benagelten verlor sich in einer leichten Wolke aus Staub und Lärm. Die Straße blieb verlassen, die Menschen saßen zu Hause und in den Restaurants. Im Frühlingswind wehten die Gerüche der Speisen.

Nikolai Brandeis setzte sich auf die Terrasse eines Kaffeehauses. Zwei Männer gingen vorbei, der Klang russischer Laute schlug an sein Ohr. Brandeis mochte keine Schicksalsgenossen. Er vermied Gelegenheiten, bei denen er gezwungen war, die übertreibenden Erzählungen der Emigranten von ihrer verflossenen Pracht mit höflicher Gläubigkeit anzuhören und, was sie von ihrem gegenwärtigen Elend wider Willen verraten mochten, in höflicher Blindheit zu übersehen. Wer unter ihnen war denn nach der Flucht etwa wiedergeboren wie er? Alle schienen ihr Leben in Rußland zurückgelassen zu haben. Der Balalaika-Klang ihrer Sehnsucht langweilte ihn wie der Militärmarsch der Windjacken, die eben vorbeigezogen waren. Obwohl er selbst desertiert war, begriff er einen Patriotismus nicht, der ein existierendes Vaterland beweint, als wäre es vom Ozean verschlungen worden. Die Leute weinten um ihren silbernen Samowar.

Dennoch gerieten die russischen Worte, die er eben gehört hatte, gleichsam in eine unbekannte Abteilung Brandeis', eine Abteilung, die der Frühling geöffnet zu haben schien. Sie fielen in seine Erinnerungen an den ukrainischen Februar wie langerwarteter Regen auf durstige Felder. Die Erinnerungen blühten auf. Nun unterschied er deutlich die zarten Nuancen und Grade des heimatlichen Frühlings. Er erinnerte sich an Tage im Februar, an denen die Sonne gegen zwölf Uhr mittags auf einmal und für die Dauer von knappen fünf Minuten eine tröstliche Hitze entwickelte, so daß die Eiszapfen an den Dächern plötzlich zu tropfen begannen und daß es war, als hätte die Sonne eine kurze Sommerprobe gemacht. Das Blau des Himmels war noch winterlich und kobalten. Nur an seinen Rändern wurde er hell, fast weiß, als wäre er dort vereist wie Wasser. Dennoch atmete er mit einem warmen, traulichen Atem, schon mit einem vorweggenommenen Duft lauer Sommerregen. Schon enthielt er dem menschlichen Auge noch unsichtbares Material für sommerliche Wolken. Dann erhob sich ein Wind aus Nordost. Mitten im Tropfen vereisten die Zapfen aufs neue. Schneller als an den vorhergehenden Tagen, obwohl sie doch bestimmt kürzer gewesen waren, fiel der Abend ins Dorf. Im fahlen Silber schimmerten nur noch die Birken vom Wäldchen herüber, die verstreut zwischen den anderen Bäumen standen wie junge Tage zwischen alten Nächten. Auf den Feldern erwachten die kleinen, rötlichen Reisigfeuer, um die ringsum Kartoffeln brieten, und der Wind trug den süßen Duft der brennenden Zweige ins Dorf. Über den weiten Sumpf, dessen gefahrlose Wege die vertrauten Weiden anzeigten und der zwischen der Straße und dem Walde lag, konnte man heute noch wandern, ohne sich an die Richtung der Weiden zu halten. Noch war alles gefroren und splitterte wie sprödes Glas unter dem genagelten Absatz des Stiefels. Aber wie oft noch würde man so sicher über den Sumpf gehen können? Nicht mehr als zwanzigmal! Dann kamen die blauen Irrlichter wieder, die irdischen Gestirne. Morgen, wenn der Mond abzunehmen begann, konnte es wieder soviel Schnee geben wie in den ersten Tagen des November. Die Schneeflocken fielen heftig, aber man wußte, daß sie nach zwei, drei Wochen verschwinden werden. Ungefähr so, dachte Brandeis, dürfte es heute dort aussehen. Und hier sitze ich, und die Boten des Frühlings sind diese armen städtischen Bäume, die Natur des Magistrats, die Dummköpfe, die exerzieren, und der Bratenduft aus den Küchen der Häuser. Wozu bin ich denn hier?

Es war ihm, als gehörte die russische Sprache, die er eben vernommen hatte, zu jenem Vorfrühling, der in seiner Erinnerung auferstand, ja als wäre die russische Sprache nicht das Verkehrsmittel einer bestimmten Art von Menschen, sondern die Muttersprache jener heimatlichen Natur selbst, der Birken, der Weiden, des Sumpfs, der Eiszapfen, des Windes, der Sonne und der Feldfeuer. Warum wieder die Emigranten? Wer weiß, in ihnen allen lebte heute die gleiche Erinnerung wie in ihm. Deshalb war es so gut, heute und an ähnlichen Tagen Russisch sprechen zu hören. Er zahlte und ging.

Er achtete nicht auf die Richtung, die er eingeschlagen hatte. Er wollte in ein Restaurant gehn, obwohl er keinen Hunger fühlte, aus Pflichtgefühl und dem Gebot zufolge, das eine große, essende Stadt dem einzelnen auferlegt, der schweigsamen Suggestion der konventionellen Mittagsstunde. Er stellte fest, daß man seine Erinnerungen nicht anders nennen konnte als Heimweh. Zum erstenmal lernte er es kennen. Er erschrak. Was geht in ihm vor? Entsteht vielleicht wieder ein neuer Nikolai Brandeis?

Ohne es zu wissen, war er in die Marburger Straße gekommen. Seinen Füßen hat sich das Heimweh zuerst mitgeteilt, ihnen, den Werkzeugen der Wanderung. Sie sind selbständig gegangen. Jetzt stand er wieder vor dem russischen Restaurant, in dem er während des ersten Monats nach seiner Ankunft gegessen hatte und nie mehr später. Die Einrichtung war geändert, ein reicher Wirt führte dieses Gasthaus jetzt, die Kellner trugen steife Hemden, es gab eine Zigarettenverkäuferin in blauer Pagenuniform und Garderobenmarken aus Messing. Er warf einen Blick auf die Spezialitäten auf dem Tisch in der Mitte. Sie hatten ihre erste Echtheit verloren, die aus der alten, ärmeren Zeit. Sie glichen bereits Kompromissen, geschlossen mit Berliner Traditionen. Sie machten die Entwicklung aller Emigranten mit. Der Schnaps, den er bestellt hatte, war mild und lächerlich. Er sagte es dem Kellner, mit einem Ausdruck verletzter Eitelkeit, auf russisch. Man brachte ihm einen anderen Schnaps.

Zwei Männer am Nebentisch hörten zu sprechen auf und sahen ihn mit dem Wohlwollen an, das man unbekannten Schicksalsgenossen entgegenbringt. Er grüßte sie. Sie kamen ihm sympathisch vor. Beide waren kahl, man sah die Reflexe der früh entzündeten Lichter auf ihren Schädeln. Aber sie unterschieden sich so sehr voneinander, wie nur Russen es können, die Angehörigen einer großen Nation, die aus vielen kleinen besteht. Versöhnlich gestimmt, wie er heute war, gab er allen Emigranten recht. Dieser kleine Schwarze mit der gelblichen Gesichtsfarbe und dem schwarzen Schnurrbart stammt aus der südlichen Ukraine. Der große Blonde, mit dem langen Schädel und den Augen ohne Brauen und dem rosa Teint, der so leicht schamhaft wirkt, ist aus Polen oder Balte. Dennoch sind sie beide ausgezeichnete Russen. Sie haben den gleichen Geschmack, eine ähnliche Art der Verdauung, ihr Körper reagiert in gleicher Weise auf Alkohol. Genauso wie bei mir, dem Deutschen und Juden. Allen gemeinsam ist die Art der körperlichen Bedürfnisse. Nikolai Brandeis trank den nächsten Schnaps seinen Nachbarn zu.

Er hörte, was sie sprachen. Es war die Rede von einem gewissen Jossif Danilowitsch, der behauptet hatte, er würde jetzt in Paris eine noch ertragreichere Inflation erleben. Es erschien plötzlich dem schweigsamen Brandeis, daß es von größter Wichtigkeit sei, seine Nachbarn zu warnen und auf dem Umweg über sie den ihm völlig unbekannten Jossif Danilowitsch. Er mischte sich ins Gespräch. Man hörte ihn gerne an. »Es wird von der ganzen französischen Inflation nur eins übrigbleiben: der viel geringere Goldwert des Franken. Frankreich hat nicht etwa zuviel Banknoten im Umlauf wie seinerzeit Deutschland. Die Banque de France besitzt auch Gold genug, nämlich 3654 Goldmillionen, also im Augenblick etwa sechzig Prozent der ausgegebenen Banknoten. Das französische Publikum glaubt an den Wert des Franken, eine psychologische Tatsache, die von größter Wichtigkeit für die Stabilisierung ist. Man wird entweder die Schulden gewaltsam konsolidieren oder das Kapital belasten oder, was das wahrscheinlichste ist, eine Auslandsanleihe aufnehmen, als Garantie genügt das Gold der Banque de France.

Immerhin kann sich auch die Banque de France entschließen, ihre Goldreserven sofort anzugreifen, und meiner Rechnung nach würden ihr noch 2500 Goldmillionen als Garantie für die Banknoten bleiben. England wird gewiß nicht zu den hartnäckigen Gläubigern Frankreichs gehören, es wird Konzessionen machen. Frankreich wird aufhören, noch weiterhin naiv an die phantastischen Summen zu glauben, die aus Deutschland herauszuschlagen sind. Und das wird schon die halbe Rettung sein.«

Es war ihm ein Vergnügen, die beiden aufzuklären. Sie lauschten. Sie schienen begriffen zu haben, daß sie hier mit einem großen Kenner sprachen, der die Börsengeschäfte mit der Überlegenheit eines Weltpolitikers verfolgte. »Wir wollen auch nach Paris, aber aus anderen Gründen, nicht geschäftlich.«

»Nun«, sagte Brandeis, »dann kann ich Ihnen nur raten, mit größeren Ausgaben zu rechnen, als Sie es wahrscheinlich tun.«

Er erhob sich. Sie baten ihn um seine Adresse. Einen Augenblick bereute er schon, daß er sich mit ihnen eingelassen hatte. Er gab ihnen die Adresse.

Er wollte langsam und auf Umwegen nach Hause kommen. Er lächelte über den Ausdruck »nach Hause«. Seit zwei Jahren wohnte er in der Pension. Auf einmal schien es ihm unmöglich, dort zu bleiben. Die Sonntage waren unerträglich und von den Sonntagen am unerträglichsten der Nachmittag. Aus allen versperrten Zimmern drangen Liebeslaute und Grammophone. Die Inhaberin, die Hofratswitwe, trug heute ein seidenes Kleid aus Schwarz und Grau. In Nikolais Zimmer stand auf dem Kleiderschrank noch der Kasten mit der Geige, das Instrument des Hofrats. »In diesen Zimmern hatten wir immer Quartett!« erzählte die Witwe. Brandeis erinnerte sich an das Weiß und Blau seiner gekalkten Stube. Er roch den Duft von Heu, von Mist, die Dumpfheit der Hühnersteige, die würzige Schärfe im Stall, den warmen, zischenden Urinstrahl der Pferde. Und er erinnerte sich an die Mischung aus Karbol und gekochtem Seefisch in der Pension. Er beschloß, erst am Abend nach Hause zu kommen.

Es wurde früher Abend, als er gedacht hatte. Nun war der Sonntag überstanden. Der Sonntagabend draußen war schlimmer als zu Hause. Er floh.

Zwei Herren warteten auf ihn im »Salon«. Er ging in den Salon. Es waren die zwei Russen, mit denen er im Restaurant gesprochen hatte.

Es erwies sich, daß beide die gleiche Art von Schüchternheit hatten. Beide waren ratlos. Sie unternahmen etwas gemeinsam – nach jenem merkwürdigen Gesetz, das die gleichen Schwächen zueinanderbringt, das zwei häßliche Mädchen zusammen spazierenschickt, zwei Taube in eine Konversation verwickelt und zwei Schüchterne verbindet, die glauben, daß sie, zueinanderaddiert, Kühnheit erzeugen werden. Immerhin schien der Blonde, der jünger war als der Schwarze, zu einem gewissen Mut aus Gründen des Anstands gezwungen. Es war der Blonde, der begann:

»Wir freuen uns sehr, daß wir Sie durch einen Zufall kennengelernt haben. Denn wir brauchen Ihren Rat. Jener Jossif Danilowitsch, von dem wir heute sprachen, hat uns in die unangenehme Situation gebracht. Deshalb sind wir bei Ihnen, und weil wir annehmen, daß Sie sich für Kunst interessieren.«

»Ich? Für Kunst?« sagte Brandeis, »nie im Leben!«

Seine Besucher wurden so betreten, daß er sagen mußte: »Aber das hindert vielleicht nicht, daß ich Ihnen einen Rat gebe. Um was für Kunst handelt es sich denn? Um Bilder?«

»Nein, um Kleinkunst«, begann der Ältere, »wir haben ein Kabarett, von dem Sie vielleicht schon gehört haben. Vor fünf Jahren ist es gegründet worden. Wir haben hier gespielt, dort gespielt, wir haben gute und schlechte Tage gehabt. Aber es ging immer halbwegs, eben mit Hilfe von Jossif Danilowitsch. Solange er Geschäfte machen konnte. Seit der Stabilisierung haben wir nichts mehr von ihm gehört. Wir sind also hierhergekommen. Auf Briefe und Telegramme hat er nicht geantwortet. Inzwischen ist unser Theater in Belgrad. Dort läuft unser Vertrag ab. Nächste Woche müssen wir nach Paris. Aber unsere Einnahmen in Belgrad sind schwach. Bedenken Sie die große Konkurrenz! In Belgrad war der Blaue Vogel, der Goldene Hahn, die Balalaika, die Weiße Hütte. Wir sind die fünften. Und wir geben gute Qualität. Aber das Publikum ist verdorben. Und wir werden kein Geld für die Reise nach Paris haben.«

»Wie heißt Ihr Theater?«

»Der Grüne Schwan«, sagten beide zugleich mit dem Stolz, mit dem Offiziere ihr Regiment nennen.

Nikolai Brandeis erinnerte sich vage, Plakate mit diesem Namen gesehn zu haben. Höflich, wie er heute war, sagte er, daß er von diesem Theater schon viel Gutes gehört habe.

Ob er ihnen helfen könne? fragten beide.

Ehe er sich noch darüber klar wurde, was er sagen werde, entfuhr ihm der Satz:

»Ich habe zufällig in dieser Woche in Belgrad zu tun und werde Sie dort besuchen.«

Die Männer gingen.

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