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Rechenschaft

Carl von Ossietzky: Rechenschaft - Kapitel 58
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleRechenschaft
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorBruno Frei
year1972
isbn3436016101
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Flaschenteufel

Kanzler a.D.

Der verstorbene Wilhelm Cuno war nicht nur der erste von rechts kommende Kanzler, sondern auch so etwas wie ein Vorläufer der »grundsätzlich neuen Staatsführung«. Er kam nicht aus dem Kreis von Parlamentspolitikern und Parteiführern; ein Reichspräsident betraute ihn nach dem Ratschlag unverantwortlicher Gutachter. Cuno brauchte die präsidiale Autorität noch nicht zu bemühen, auch der Professor Carl Schmitt war damals noch nicht erfunden. Die nationale Parole des Ruhrkriegs verschaffte ihm bombensichere Majorität. Mit der notwendigen Liquidation fiel auch Cuno; zurück blieb Inflation, Separatismus, drohender Marsch auf Berlin. Neun Jahre später durften dunkle Kräfte abermals eine repräsentative Nullität auf den Kanzlerstuhl lancieren. 1923 grassierte noch der Aberglaube von der Überlegenheit der Wirtschaftsführer, seitdem hat diese Kategorie so ziemlich ausgelitten. Im vergangenen Frühjahr holte man sich einen der Industrie verschwägerten Amateur mit guten Sprachkenntnissen, dessen Kapazität über die eines brauchbaren Dolmetschers nicht hinausging. Franz von Papen regierte ein halbes Jahr, und seine Tätigkeit wird am besten zusammengefaßt unter der Stichmarke: Der Herr im Sommer. Die Schlußbilanz ist nicht heiterer als die Cunos. Wir haben allmählich genug von den gutgeschnittenen Gentlemen mit Widderprofil, deren dünne kosmopolitische Politur den mäßig begabten Ministerialbeamten nicht vergessen machen kann.

Noch in den letzten Jahren hat Cuno eine rege Kulissentätigkeit entfaltet. Durch das Medium der von ihm ausgehaltenen »DAZ« brachte er sich wiederholt als Reichskanzler in Empfehlung; ebenso gehörte er zu jenen Wirtschaftsgebietern, die dem angeblich antikapitalistischen Hitler die zärtlichste Fürsorge zuteil werden ließen.

Auch der Romantiker Papen revoltiert gegen den aufgezwungenen Ruhestand und versucht sich einstweilen in bescheidenen Kabalen. So ist seine heimliche Zusammenkunft mit Hitler postwendend – und wohl nicht ganz ohne Mithilfe des Herrn von Schleicher – in die Presse gelangt. Oder ist wieder einmal irgendwo eine Mappe liegengeblieben? Der elegante Herr von Papen schlürft immer auf Holzsohlen durch die Politik. Selbst wo er auf Zehenspitzen auftritt, krachen die Bohlen, wo er flüstert, steht immer unglücklicherweise ein Lautverstärker. So bleibt er der ewige Attaché, der seinem Chef immer feuchte Finger bereitet, und er wird es bleiben, bis zu der Zeit, wo er sich endlich damit begnügt, in den paar noch erhaltenen Salons der großen Welt zu erzählen, daß auch er einmal Prinz in Arkadien war.

Kanzler z. b. V.

Herr von Schleicher ist seinen offenen und geheimen Gegnern im Komplottieren über. Auch diesmal hat er schnell und scharf pariert. Kaum daß Hitler und Papen zusammensitzen, ist die werdende Konspiration schon aller Welt offenbar. Aber Schleicher selbst war auch nicht müßig. Er hat mit Gregor Strasser und selbst mit Röhm Fühlung genommen; er setzt der Nazipartei, um sie bündnisreif zu machen, gleichsam Blutegel an. Das erinnert an den alten »Simplicissimus«-Witz: »Er wird ein guter Ehemann, er ist schon etwas kränklich.«

Wir registrieren die Vorgänge auf der Rechten und um die Regierung herum mit dem Interesse des Beobachters von der andern Seite und ohne Parteinahme für einen der heldenmütigen Gralsritter, die ohne Helm und Lanze nicht anders und nicht vorteilhafter wirken als konkurrierende Teppichjuden. Muß man gewissen Republikanern immer wieder zutuscheln, daß es sich bei alledem um Familienstreit handelt, bei dem uns nicht die Beteiligten angehen, sondern nur die strittigen Objekte? Denn dazu gehören auch wir, dazu gehört Deutschland.

Ob sich Schleicher mit Adolf verträgt oder mit Gregor gegen Adolf, ob er mit Hugenberg regiert oder ihn an die Wand quetscht – das Prinzip ist immer das gleiche. Es heißt immer Autorität und Militarismus gegen Demokratie, Sozialismus, Republik, es heißt immer Herrenschicht gegen Volk, einerlei ob diese offen durch Agrar- und Industriefeudalismus repräsentiert oder von Hitler- und Seldte-Kohorten maskiert wird. Alle diese Männer, die durch persönlichen Ehrgeiz oder reale Gruppeninteressen getrennt sind, bilden doch Stücke einer ideologischen Front. Sie kämpfen für reaktionäre Mächte, und nur die ungeheure Unsicherheit dieser Zeit hat sie in die absonderlichsten Verkleidungen getrieben.

Inmitten dieser schnell wechselnden Verbrüderungen und Verfeindungen bedeutet der Reichskanzler von Schleicher die stabile Figur. Wir sind nicht wie seine eifrigen Lobredner von seiner staatsmännischen Begabung überzeugt, ebensowenig von seiner Fähigkeit, schöpferische Gedanken zu produzieren. Aber er ist zugleich der Chef der Wehrmacht, deren zentrale Stellung im Staate nicht mehr anzuzweifeln ist, und er verfügt über jenen Mangel weiter Aspekte, der in Deutschland Vertrauen erweckt, weil man das für gesunden Menschenverstand hält. Herr von Schleicher hat sich im innern Ministerialbetrieb gebildet, diesem schwierigen Terrain gehört seine Passion, und dessen Gesichtskreis und taktische Gepflogenheiten trägt er in die große Politik. Aber was er bisher öffentlich verlautbart hat, zeugt von einer phantasielosen Subalternität, die zur Bedeutung nur gelangen konnte in einer Periode allgemeiner physischer Erschöpfung. Wenn in Deutschland ein Politiker schlecht und langweilig redet, glaubt man an die Tiefe seines Gemüts. Wenn er in allgemeinen Phrasen um die Wirklichkeit herumredet und seine Programmlosigkeit mit der greulichen Plattheit salviert, er halte weder von Sozialismus noch von Kapitalismus etwas, so gilt er für ein Genie der Synthese.

Herr von Schleicher ist kein Troupier, sondern ein Bureauoffizier, er vertritt die besondere Nuance der Säbelbureaukratie, wie sie sich in der Bendlerstraße unter den Augen republikanischer Regierungen entwickeln durfte. Das deroutierte und anarchistische Bürgertum hat eine Position nach der andern geräumt und sucht heute die Reste seiner ökonomischen Substanz zu wahren und neu zu befestigen. Weil man an die beherrschenden und ordnenden Kräfte der Gesellschaft nicht mehr zu glauben vermag, deshalb vergottet man den absoluten Staat, der nicht nur das respektheischende Symbol des Sieges über das eigne Volk sein soll, sondern auch die Verheißung künftiger militärischer Triumphe. Dieser Staat ist ein bewußtes Interimistikum, wirklich eine Art »Zwischenreich«, dessen endgültige Form erst im Feuerofen einer neuen kriegerischen Katastrophe gebildet wird.

Eine solche Zeit unentschiedener Übergänge schafft ihre eignen Diktatoren. Sie müssen nur zäh genug sein, das Endziel nicht aus den Augen zu verlieren, elastisch genug, um sich selbst in liberale Episoden einzulassen, ohne deren Geist zu verfallen, intelligent genug, um halbwegs unkompromittiert durch die Außenpolitik zu steuern. Es ist Schleichers Mission, die Exaltationen des extremen Nationalismus ebenso zu dämpfen wie die Ansprüche einer sich neu sammelnden Linken. Es hieße Schleicher überschätzen, in ihm einen Cäsar zu vermuten. Er bleibt ein bewährter Beamter, dem man für alle kommenden Fälle gute Nerven zutrauen darf. Der Kanzler zur besondern Verwendung.

 

Der Flaschenteufel

Niemals ist in Deutschland mehr intrigiert worden als heute unter der präsidialen Autorität. In den Jahren der Weimarer Koalition verstimmte der parlamentarische Kuhhandel, das Couloirtreiben der Parteiführer, niemals aber war der Parteiführer so sakral, so ausschlaggebend wie heute, wo der Parlamentarismus ausgeschaltet ist und niemand ohne Verachtung von ihm spricht. Wie unter der Republik das Kaisertum noch gespenstisch fortlebte, so führt auch heute noch die Demokratie ein Scheindasein weiter, so als wäre nichts gewesen.

Deutschland ist äußerlich ruhiger geworden, aber alle Elemente, die im vergangenen Jahr bis an den Rand des Bürgerkriegs trieben, sind noch vorhanden und ebenso die wirtschaftlichen Ursachen. Die neue Regierung hat bisher nicht gezeigt, daß sie auch nur einen produktiven Einfall hat; wie sehr Schleicher selbst bis über die Ohren in der verquasten neukonservativen Ideologie steckt, beweist die Berufung grade Herrn Gerekes auf den augenblicklich wichtigsten Posten als Kommissar für Arbeitsbeschaffung. Hier zeichnen sich die Anfänge der nächsten Pleite gründlich ab; Gereke trägt alle Voraussetzungen in sich, für Schleicher das zu werden, was Treviranus für Brüning geworden ist.

Der Teufel des Bürgerkriegs tobt nicht mehr frei herum, man hat ihn eingefangen und in eine notdürftig versiegelte Flasche gesperrt. Aber wird das Siegel halten, und wird nicht doch einmal eine von einem fanatisierten Hirn geführte Hand die Flasche einfach zu Boden werfen? Dann wird der verschlossene Geist ausströmen und sich groß und schrecklich erheben, und die Gefahr wird nicht geringer, weil sich so viele heute in dem Glauben schaukeln, sie wäre längst vorüber und alles wieder halbwegs normal.

Man beliebt heute, den Nationalsozialismus mit der Boulange zu vergleichen, die kam und schnell verging. Die gegenwärtige Krise der Hitler-Bewegung ermutigt die Herren des Braunen Hauses ganz gewiß nicht zu einem großen Feuerwerk, bei dem mehr brennen kann als ihre geschmackvoll gewählten Stilmöbel. Aber man darf Hitler eben nicht danach beurteilen, was er erreicht, sondern nur danach, was er angerichtet hat. Als Haupt einer Millionenpartei hat er nicht gewagt, die gierig ersehnte Macht an der Schulter zu packen, hat er sich mindestens in einer fast komischen Weise wieder fortmanövrieren lassen. Aber seine Mission hat er trotzdem erfüllt. Deutschland nimmt die Diktatur als selbstverständlich hin, demokratische Prinzipien zählen nicht mehr, und jede Partei hat sich vom Nationalsozialismus infizieren lassen. Im Grunde könnte die Nazipartei heute mit gutem Gewissen vom Schauplatz abtreten, sie hat in kurzer Zeit mehr getan, als ihre Auftraggeber von ihr erwarten durften. Sie hat keine fascistische Regierungsform geschaffen, wohl aber Deutschland den Fascismus ins Blut geimpft, sie hat, was sie die Befreiung nennt, nicht durchgesetzt, wohl aber die Stimmung bereitet, in der eine neue Katastrophe möglich wird. Niemand wagt mehr, die natürliche Berechtigung der Reichswehr zur Alleinherrschaft öffentlich anzuzweifeln. Soweit es noch eine Linke gibt, ist sie herzlich zufrieden, daß Herr von Schleicher ihr die unangenehme Verpflichtung zu selbständigem Handeln abgenommen hat. Mit einem nicht unbehaglichen Gruseln stellt sie sich vor, wie der böse Feind in der Flasche rumort, und hält sich für gerettet, weil ein General draufsitzt.

(Die Weltbühne, 10. Januar 1933)

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