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Rechenschaft

Carl von Ossietzky: Rechenschaft - Kapitel 43
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleRechenschaft
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorBruno Frei
year1972
isbn3436016101
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Winterkönig

Die nationalsozialistische Fraktion hat den Reichstag mit einer wilden Kriegserklärung verlassen. Da sie ohnehin auf antiparlamentarischem Boden steht, bedeutet dieser Schritt mehr als eine Obstruktion, nämlich ein Bekenntnis zu revolutionären Mitteln. Der Augenblick ist dazu nicht günstig. Hitler, dem Spiel der großen Politik nicht gewachsen, hat mit den Seinen die Flucht in die Hysterie vollzogen. Den bürgerlichen Parteien wird die Sache etwas unheimlich. Dingeldey rückt ab, das Landvolk rückt ab, sogar die »Deutsche Allgemeine« will nicht mehr mitmachen. Niemals hat es Anbiederung, niemals Fühlung wegen Regierungsbeteiligung gegeben. Ein Individuum namens Seeckt hat niemals gelebt. Alle sorgen mit einemmal für Abstand, und in den Brutanstalten des Dritten Reiches hält die preußische Polizei Razzien ab.

Infolgedessen haben auch liberale Blätter, die seit dem 14. September nichts unversucht gelassen haben, um der neuen Mode entsprechend möglichst aufgenordet zu erscheinen, wieder Courage bekommen und blasen hinter dem fliehenden Feind Viktoria. Wir raten zu größerer Vorsicht, denn noch ist der Feind nicht allzusehr geschlagen. Er kann plötzlich kehrtmachen und blind draufloshauen, und es wäre doch schade um diese Helden, die sich vor einem Feind, den sie für tot halten, unnötig exponieren. Es darf auch nicht ganz in den Hintergrund geschoben werden, daß nicht nur die Nazis, sondern auch die Rechte des Parlaments selbst eine empfindliche Niederlage erlitten haben. Was man etwas schamhaft Reform der Geschäftsordnung nennt, bedeutet für den Reichstag einen erheblichen Verlust an Befugnissen. Das Interpellationsrecht ist gründlich zerhackt, die Immunität von Abgeordneten in unentschuldbarer Weise preisgegeben worden. Es darf der Regierung nicht mehr das Mißtrauen ausgedrückt, sondern nur das Vertrauen entzogen werden – ein nicht unbeträchtlicher Unterschied! Und schließlich müssen Anträge auf Ausgaben künftighin mit einem Deckungsvorschlag verbunden sein, eine Malice, die besonders bei sozialpolitischen Anträgen spürbar werden wird, denn die Heranziehung von einigen besonders fetten und überflüssigen Posten des Reichswehretats dürfte wohl nicht als geeignete Deckung aufgefaßt werden. Der Reichstag sinkt damit in die Bedeutungslosigkeit der alten Zeit zurück, er wird wie früher zur reinen Jasagemaschine. Die Regierungsbureaukratie wird in Zukunft ihre Erlasse beginnen: »Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden ...«

Der Reichskanzler hat das Parlament mit der Drohung neuer Notverordnungen zu Paaren getrieben. Zwischen der Scylla des Artikels achtundvierzig und der Charybdis Hitler blieb den armen Deputierten nichts übrig, als den Etat zu genehmigen und eine Kappung ihrer eignen Rechte zu erdulden. Es gehört viel Optimismus dazu, hier von einer Aktivierung des Parlaments zu reden. Nennt man einen aufgescheuchten Geflügelstall aktiv? Die Sozialdemokratie aber, unfähig zu eigner Initiative, fährt im Winde einer fremden; sie muß dabei froh sein, wenn ihr eben noch gestattet wird, die Ruderdienste auf der schwarzen Galeere des Herrn Brüning zu übernehmen, obgleich sie weiß, daß der Hafen, wohin es geht, der Arbeiterschaft und ihren Gewerkschaften klimatisch nicht grade zuträglich ist. Aber es hilft nichts, die Partei muß rudern.

Herr Brüning, als Retter der Demokratie – ein feines Tableau, by Jove! Viel schärfer als die zu einer Fünfminutencourage erwachten Liberalen sieht die »Deutsche Zeitung« die Sache. Gewiß, sie sieht mit den Augen der Enttäuschung, aber sie sieht ohne Illusionen, wenn sie über Brüning schreibt: »Er übernimmt die Losungen der Rechten, wie es Stalin mit denen Trotzkis getan hat, und möchte die Rechte selbst in die Verbannung schicken.« Die Hiebe, die Brüning den Nationalsozialisten gegenwärtig verabfolgt, dienen ihrer Zähmung, nicht ihrer Vernichtung. Er schlägt als Pädagoge, nicht als Feind. Er bemüht sich nach Leibeskräften, dem zähen Fleisch Hitlers etwas Verstand einzubleuen. Gegen den Verbündeten Hitler hat er nichts einzuwenden, alles gegen einen Hitler, der den Chef spielen will. Er hat sich lange genug auf das Bündnis mit der äußersten Rechten eingerichtet und die Republikaner en canaille behandelt, er wird wieder anders können, wenn die erst Umworbenen, dann Geprügelten endlich etwas Vernunft annehmen.

Wäre die Ökonomie im Leben der Völker allein ausschlaggebend und die Persönlichkeit Nebensache, so müßte Hitler heute schon lange deutscher Diktator sein. Er hatte in all den Monaten Millionen Verelendeter für sich und hat sie noch heute. Aber was hat er damit gemacht? Er hat Deutschland in höherm Maße gehabt als Mussolini, ehe er nach Rom zog, und er hat es weder verstanden, die hinter ihm stehenden Kräfte legal noch revolutionär zu verwenden. Wenn von dem stolzen Tempel der deutschen Demokratie noch der eine oder andre Säulenschaft zurückbleibt, also nicht alles in Staub aufgeht, so liegt das an dem trefflichen Walten eines auch hierin deutschen Schicksals, daß nämlich der schreckliche Hammergott der deutschen Fascisterei noch unfähiger ist als seine Gegner. Vor jeder Entscheidung zog sich unser Dutsche flennend in sein seidenes Pyjama zurück und trank Kamillentee. Ein Winterkönig, der sich für ein paar weiße Monate etabliert und mit dem Schnee dahinschmilzt.

Eine Massenbewegung läßt sich vielleicht mit ein paar verlogenen Parolen arrangieren, aber damit allein nicht halten und weitertreiben. Der Nationalsozialismus mit all seinen sozialrevolutionären Phrasen ist und bleibt ein gelbes Unternehmen, eine reich dotierte Improvisation der Schwerindustrie, jäh emporgetragen von der Enttäuschung und instinktiven Rebellion des Volkes. Hätte Hitler bei den Verhandlungen mit Brüning vor ein paar Wochen etwas maßvollere Forderungen gestellt, so wären die beiden bald einig geworden. Aber er überspannte den Bogen so, als wäre ihm der Bruch lieber als der Pakt. Denn einmal in der Regierung, hätte die Partei Farbe bekennen müssen, dann wäre ihr Sozialradikalismus schnell als Schwindel entlarvt gewesen. Zudem drängt die Industrie auch auf einen mildern Ton gegen Frankreich, denn dort ist Geld zu holen; die wilden Rachetöne sind nicht mehr am Platze; kokettieren mit Moskau ist wieder völlig verfemt. Ein Klügerer als Hitler hätte auch dafür den dialektischen Dreh gefunden. Doch da versagte seine politische Intelligenz, er brach die Brücke ab und zog sich, alles verwünschend, in die Wildnis zurück, aus der er nur putschend oder manierlicher geworden wieder hervorkommen könnte, erkennend, daß er nicht zum Herrscher geboren ist, sondern nur zum Instrument.

Wir glauben allerdings nicht, daß ihm nur diese beiden Extreme übrigbleiben. Wahrscheinlich sind in diesem Augenblick schon die geschäftigen Vermittler am Werke, den grollenden Hitler aus seiner Einsamkeit herauszuflöten. Für solche Fälle ist doch Allvater Hindenburg da, der schon einmal Goebbels die Hand zur Versöhnung gereicht hat. So schneidige nationale Kräfte müssen zwar gelegentlich etwas zurechtgeschliffen werden, aber man darf sie nicht desperat machen, und schließlich kann man sie gegen die Roten auch nicht entbehren. Viel wichtiger als das, was Hitler für seine Person oder seine Partei erreicht, ist doch, was er für die gesamte deutsche Reaktion bereits durch seine bloße Existenz erreicht hat. Wirtschaftlich, politisch und geistig – überall Rückschritte und Kapitulationsstimmung. Die Republik ist eine leere Schale geworden, deren auch vorher nicht allzu reicher Inhalt von Herrn Brüning konfisziert worden ist, soweit ihn nicht die tapfern SA-Männer zertrampelt haben. Mögen die im Zeitungsviertel heute Viktoria blasen, morgen wird wieder eine andre Nummer aufgesteckt werden.

(Die Weltbühne, 17. Februar 1931)

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