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Rechenschaft

Carl von Ossietzky: Rechenschaft - Kapitel 32
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleRechenschaft
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorBruno Frei
year1972
isbn3436016101
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zörgiebel ist schuld!

Conférenciers des Unglücks hatten sich schon tagelang vor dem 1. Mai auf ein Massaker in der Baugrube am Alexanderplatz und auf etwa zweihundert Tote festgelegt. Daß die Wirklichkeit sich auf den Wettlauf mit der Phantasie nicht einließ, liegt nicht an den Zeitungen, von denen einige in Panikmacherei Tollheiten leisteten, sondern an der Besonnenheit der Berliner, die nicht einmal durch die hysterischen Freiluftübungen ihrer Polizei aus dem gewohnten skeptischen Gleichmaß zu bringen waren. Immerhin liegen zweiundzwanzig Tote und über hundert Schwerverletzte zu viel da, Opfer, geblieben zur höhern Ehre des traurigen Prestigestreits zwischen Sozialdemokratie und Kommunistischer Partei. Es ist tausend gegen eins zu wetten, daß sich die Kommunisten mit jedem nichtsozialistischen Polizeipräsidenten über die Abwickelung des schwierigen Tags verständigt hätten. Aber es ist mit noch größerer Sicherheit zu wetten, daß auf die Idee, den Maiumzug der Arbeiterschaft zu untersagen, kein wilhelminischer Jagow, ja, kein noch so scharfmacherischer Statthalter Hugenbergs gekommen wäre. Einen durch jahrzehntelange Tradition fast sakral gewordenen Aufzug, eine letzte Erinnerung an die alte sozialistische Weltgemeinschaft kurzerhand zu verbieten, das bringt kein Bourgeois fertig, dazu gehört schon einer jener wohlzugeschnittenen Parteisozialisten, deren Energie sich ausschließlich im Abbau der alten sozialistischen Werte und Riten betätigt. Herr Zörgiebel, der sich durch nichts für sein jetziges Amt qualifiziert hat, zählt zu jenen aus dem Geiste der Ochsentour empfangenen Würdenträgern, die sich für ganz verteufelte Realpolitiker halten, wenn sie das, was sie gestern anbeteten, heute mit den Stiefelspitzen traitieren.

Hätte es eigentlich schlimmer werden können, wenn die beiden rivalisierenden Parteien ihre gewohnten öffentlichen Demonstrationen abgehalten hätten? Die großen Züge hätten, wie immer, Disziplin gewahrt, in den Abendstunden erst wäre es zu mehr oder weniger ernsten Rempeleien und Prügeleien gekommen. Dann hätte sich vor bescheidenem Hintergrund jener Zwist zweier Farben abgespielt, für den Shakespeare die ewige Symbolisierung gefunden hat:

Ich bitt dich, Freund, laß uns nach Hause gehn!
Der Tag ist heiß, die Capulets sind draußen –

Aber selbst über Veronas Bürgerkämpfen waltete eine unparteiische, wenn auch schwache Hand. Doch in Berlin sitzt unglücklicherweise das Haupt der Capulets als Ordnungspolizei angestrichen im Chefzimmer. Als Sachverwalter des sozialdemokratischen Parteivorstandes hat Herr Zörgiebel den Maiumzug verboten, sachliche Motive hatte er nicht dafür. Weil in der Lindenstraße und bei Herrn Leipart gefürchtet wurde, die Kommunisten könnten jetzt nach ihren Erfolgen bei einigen Betriebsratswahlen glanzvoller aufziehen als die Sozialdemokraten, deshalb mußte das Verbot aufrechterhalten bleiben.

Ich will nicht die erregte Sprache der Kommunisten in den letzten Apriltagen verteidigen, die durchaus die Illusion zu erhalten suchte, daß die Partei sich um Herrn Zörgiebels Anordnungen nicht scheren werde. Aber ich kann auch mit bestem Gewissen nicht sagen, ob nicht schließlich doch in den Sektionen in letzter Stunde noch gebremst wurde. Schließlich ist eine oppositionelle Massenpartei kein Schafstall, wo mit Sonnenuntergang die Tür zugesperrt wird, sondern eine Kollektion oft schwer behandelbarer Einzelwesen. Daß auch bei disziplinierten Körperschaften das Temperament durchgehen kann, dürfte Herr Zörgiebel wohl voriges Jahr zu Pfingsten erfahren haben, als sein Vizepräsident unter die Gummiknüppel der eignen Leute geriet. Nachdem er aber fest entschlossen war, sich an dem Maitag der Arbeiterschaft zu vergreifen, mußte er auch den Nachweis führen, daß Gefahr im Verzuge sei, und deshalb wurde Berlin gradezu von Polizei überflutet und, ehe sich noch etwas ereignet hatte, ein Bild geschaffen, als wäre der Bürgerkrieg im vollen Gange. Mit dem militärischen Aufwand zog eine böse und gereizte Stimmung ein, und es ist ein wahres Wunder, daß nicht noch viel mehr passiert ist.

Aber was ist nun eigentlich passiert?

Sicher ist nur, daß der prophezeite Aufruhr nicht losgebrochen ist, daß sich aber in einzelnen Straßen am Wedding und in Neukölln Krawalle entwickelt haben, die von der Polizei mit Maschinengewehren, spanischen Reitern, Panzerwagen und Blockademaßnahmen behandelt wurden. Langsam nur schritten die Operationen fort. Ein Blatt von dem Ernst der »Frankfurter Zeitung« belächelt den Aufwand, und im »B. T.« beginnt am Sonnabend der an die Neuköllner Front entsandte Berichterstatter die Frage aufzuwerfen, mit wem nun eigentlich gekämpft werde. Am 4. Mai weicht überhaupt die Hochstimmung der Presse heftiger Bestürzung und wachsender Ungeduld. Ein ausländischer Journalist ist im Kriegsgebiet erschossen aufgefunden, ein Lokalredakteur von Ullstein, Herr Weymar, mit Beinschuß aus der Hermannstraße transportiert worden. Herr Zörgiebel erklärt mit amtlich gewaschenen Händen zum Fall Mackay: »Dieser Pressevertreter hat trotz meiner Warnung und trotzdem ihn auch der Reviervorsteher des 212. Reviers dringend auf die große Gefahr beim Betreten des Unruhegebietes aufmerksam gemacht hatte, das Sperrgebiet betreten. Von welcher Seite der tödliche Schuß abgefeuert wurde, konnte nicht festgestellt werden.« So ist der Krieg. Über das Malheur des Redakteurs Weymar dagegen schreibt die »Vossische Zeitung«, er habe in den ruhigem Stunden der Nacht versucht, sich der polizeilichen Sperre zu nähern: »Er hielt die Hände erhoben, zeigte den Beamten hinter der Barrikade seinen Presseausweis und rief ihnen zu: ›Nicht schießen, Presse!‹ Fast gleichzeitig, nur wenige Sekunden später, erhielt er einen Schuß ins Bein.« Diese beispielhafte Behandlung eines einzelnen zwingt zu einer kleinen Klarstellung. In der Verlustliste befinden sich zwar harmlose Passanten und einige Frauen, die übers Balkongitter geguckt haben – wahrscheinlich nicht grade während der Feuerkampf wogte –, aber man findet darin niemand von der Polizei. Ich frage, Herr Polizeipräsident, wo ist die Verlustliste Ihrer Beamten? Ich frage nicht aus Zynismus so, denn ich freue mich über jeden, welche Farben er auch trage, der mit heiler Haut aus dem häßlichen Spiel der Waffen herauskommt, ich frage nur zur Ergründung der Wahrheit nach der Verlustliste Ihrer Beamten. Wenn bei einer angeblich so wilden Insurrektion nur die Insurgenten Verluste haben oder nur die Unvorsichtigen und die Schlachtenbummler erlegt werden, dann handelt es sich hier entweder um einen typischen Kriegsbericht, in dem immer die andern zerschmettert werden, während von den Unsern kein Mann verletzt ward – eine Übertreibung, zu der hier kein Anlaß vorliegt, im Gegenteil! –, oder die Geschichte von der Insurrektion ist ein aufgelegter Schwindel, nur ersonnen, um die breite militärische Entfaltung zu rechtfertigen.

Schon am 1. Mai in den Vormittagsstunden begann der Gummiknüppel zu rasen. Ich lasse hier zwei Zuschriften folgen, die einiges zur Erklärung der Unruhen beitragen können. Herr Siegfried Jacoby, früher Sekretär bei Professor Einstein, schreibt:

»In der Mittagszeit, zwischen ¾ 11 und ½ 1 Uhr kam ich von der Staatsbibliothek mit einem Paket Bücher über den Alexanderplatz. Ich wollte in die Prenzlauer Straße und dann in meine Wohnung in die Neue Königstraße. Als ich am Warenhaus Tietz, vis-à-vis der Untergrundbahn, einen Menschenauflauf sah, ging ich auf die andre Seite, um nicht ins Gewühl zu kommen. Kaum hatte ich den Damm überschritten, als ich von drei Schupobeamten im wahrsten Sinne des Wortes überfallen wurde. Der eine schlug mit einem Gummiknüppel auf meinen Schädel ein, der andre bearbeitete meinen kranken, tuberkulösen Rücken. Die Schädeldecke ist heute noch sehr geschwollen. An der Wirbelsäule, an der ich offene Wunden habe, zieht sich ein dicker roter Streifen hin. Bemerken möchte ich, daß ich wirklich nur durch Zufall über den Alexanderplatz ging, ich mich an keiner Demonstration oder sonst einem Menschenauflauf beteiligt habe. Gesehen habe ich, wie die Polizei ohne Sinn auf Menschen einschlug, die absolut mit politischen Kundgebungen nichts zu tun hatten. Es scheint mir, daß die Beamten es vorerst auf jüdisch aussehende Passanten abgesehen hatten. Ich bin bereit, vor jedem Gericht meine Aussage eidesstattlich niederzulegen.«

Ich möchte hinzufügen, daß Herr Jacoby infolge eines Unglücksfalles stark behindert ist und sich nur mit einem Krückstock fortbewegen kann, also in keiner Weise zu tumultuarischen Episoden prädestiniert ist. Doch wem Herr Jacoby zu politisch ist, der höre einen in der Gegend des Schönhauser Tors praktizierenden Arzt:

»Hackescher Markt: Menschen auf den Bürgersteigen. Polizei beginnt etwa um halb zwölf zu schlagen. Vor dem Postamt etwa zehn Schupos auf einem Haufen, Rücken zur Wand, und schießen in die Menschen; drei Verletzte, ein Knieschuß, ein Bauchschuß, ein Rückenschuß; Kugel steckt unter der Haut am Adamsapfel. – Bülowplatz: Polizei wild; beginnen zu laufen; Menschen laufen etwa fünfzig bis achtzig Meter voraus in die Koblankstraße hinein. Beamte laufen über den Platz, ziehen dabei die Revolver und schießen auf zirka 100 Meter Entfernung in die Koblankstraße hinein. Dabei waren die Beamten gegen fünfzig Meter von den Zivilisten getrennt. – Mir heraufgebracht zum Verbinden zirka zehn Schußverletzungen und zirka zwanzig Schlagverletzungen, die von äußerster Brutalität zeugen. Hiebe über den Kopf, daß die Kopfhaut aufgeschlagen ist und Gehirnerschütterung vorliegt. Ein fünfzehnjähriges Mädchen geht mit den Eltern; der Vater sagt noch, wir werden lieber auf der Straße gehen, da wird man uns nichts tun; im nächsten Moment liegt die Tochter mit Oberschenkelschuß, angeblich nach Zeugenaussagen von dem laufenden Polizeileutnant angeschossen, der auf einen Radfahrer schießen wollte. Fast alle Schüsse trafen von hinten. Die Polizei schreckte nicht davor zurück, abends im Dunkeln einen Arzt, der in seinem weißen Kittel auf dem Balkon stand, um den Samaritern Anweisungen zu geben, von der Straße her mit dem Revolver zu bedrohen.«

Übrigens wird auch in einigen Zeitungen bereits Untersuchung über bestimmte Vorgänge gefordert. Das ist gewiß richtig und zur Feststellung von Sachverhalten notwendig, aber es wäre töricht, jedem einzelnen Schupowachtmeister eine Verantwortung aufzubürden, die in ihrer ganzen Ausdehnung und Wucht von der obersten Stelle getragen werden muß. Schuldig ist nicht der einzelne erregte und überanstrengte Polizeiwachtmeister, sondern der Herr Polizeipräsident, der in eine friedliche Stadt die Apparatur des Bürgerkriegs getragen hat. Mehr als zwanzig Menschen mußten sterben, mehr als hundert ihre heilen Knochen einbüßen, nur damit eine Staatsautorität gerettet werden konnte, die durch nichts gefährdet war als durch die Unfähigkeit ihres Inhabers.

(Die Weltbühne, 7. Mai 1929)

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