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Rechenschaft

Carl von Ossietzky: Rechenschaft - Kapitel 21
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleRechenschaft
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorBruno Frei
year1972
isbn3436016101
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081202
projectid9b67043c
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Der Minister und der Große Kurfürst

Der viel umstrittene sozialistische Minister hat neulich im Parlament gesagt, auch ihm fehle es nicht an Respekt vor den preußischen Traditionen. So hänge zum Beispiel in seinem Arbeitszimmer das Bild des Großen Kurfürsten. Die Monarchisten murrten und lachten dazu, die Republikaner applaudierten. Ich halte es in diesem Fall mit den Monarchisten.

Verehrter sozialistischer Minister, zweierlei ist möglich. Entweder Sie fanden das Bild vor wie Tisch und Stuhl und Papierkorb, dann ließen Sie es eben am Platz, ohne dabei gerade von der Gipfelluft preußischer Geschichte umwittert zu sein. Oder ein geheimrätlicher Obertapezier drängte sich als Expert für standeswürdigen Wandschmuck auf, und Sie entschieden sich für den Herrn Kurfürsten: a) weil so was auf mehr konservativ gerichtete Besucher immer einen angenehmen Eindruck macht, b) weil dieser Dynast zu lange einbalsamiert ist, um die Inquisitorentalente Ihrer ganz radikalen Genossen zu reizen. Aber daß dieser majestätische Herr mit den apoplektischen Gewitterbacken nun gerade als seelische Kraftstation fungiert für die Stunden, in denen Sie an Preußen verzweifeln, lieber Gott, das zu behaupten, dazu gehören schon die Wunderwege einer Parlamentsdebatte.

Was war, Herr Minister, der Große Kurfürst für Sie vor Ihrer Ministerschaft? Eine verschwommene Schulerinnerung, nicht mehr. Über Ihrem Schreibtisch da hingen wohl Karl Marx und der alte Liebknecht und irgendein Parteiveteran, der Ihren ersten Aufstieg sorglich hütete und förderte. Und über dem Sofa vielleicht vergilbte, polizeiliche Strafverfügungen, Trophäen aus der Wanderzeit, rote Schleifchen und eine längst blaß gewordene rote Nelke von jener Maifeier, da Sie, fiebernd vor Erregung, zuerst zu den Massen sprechen durften.

Gewiß, Herr Minister, es wird Ihnen schwergefallen sein, sich von diesen Reliquien zu trennen. Ihr Herz zitterte, und etwas in Ihnen opponierte, als Geheimrat Obertapezier Ihnen devotest erklärte, daß so etwas in Ministers Arbeitszimmer nicht gehöre. Und mag man Ihnen schon die Herrlichkeit der Vergangenheit an die Wände kleben, ohne daß Sie es hindern dürfen, irgendwo in dem weiten Raum wird wohl eine Ecke frei sein für die Niederungen der Gegenwart. Kennen Sie Käthe Kollwitz, Herr Minister, die größte und warmherzigste Frau, die jemals in der Welt den Zeichenstift führte? Kennen Sie die gräßliche Wahrheit ihrer Proletarierfrauen, kennen Sie diese zermergelten Gesichter mit leergebrannten, hoffnungslosen Augen, diese eingesunkenen Brüste und diese schrecklich gewölbten Leiber, vom Fluch der Fruchtbarkeit gezeichnet? Geben Sie einem solchen Bildchen Raum in Ihrem Zimmer, und Sie werden, wenn Sie zweifeln, Sohn des Volkes, nicht in der preußischen Geschichte zu suchen brauchen. Wer weiß, vielleicht war Ihre eigene Mutter eine solche Frau, und sie würde ungläubig gelächelt haben, hätte ihr ein Engel die frohe Botschaft zugeflötet, ihr Sohn würde einmal mit dem Herrn Großen Kurfürsten auf du stehen.

Tun Sie ihn weg, den dicken Mann mit der riesigen Wollperücke. Was soll er Ihnen, wenn Ihr Blick einmal hilflos über die Wände irrt, weil die trockenen Akten unter Ihren Händen wie heißer Wüstensand zu glühen beginnen? Glorie des Helden zerpustet schnell, das Leid schwärt weiter. Was der den triumphierenden Feinden nachrief, die ihm den oft verkauften Degen aus der Hand schlugen, das schreit tausendfach desperater aus so einem armen, armen Arbeitstier: »Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor ...«

(Das Tage-Buch, 3. April 1926)

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