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Rechenschaft

Carl von Ossietzky: Rechenschaft - Kapitel 18
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleRechenschaft
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorBruno Frei
year1972
isbn3436016101
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081202
projectid9b67043c
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51 Prozent

Es gibt ein spezifisch deutsches Laster, das ist: daß man die Unwissenheit in allen politischen Dingen zu einem Vorzug umschwindelt. Anstatt dem dummen Michel die Schlafmütze um die Löffel zu hauen, bekränzt man seine Denkfaulheit mit Eichenlaubsalat.

Man kann allem Politischen grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen – unter Berufung auf sehr große Geister. Diese Attitüde läßt sich verteidigen, wenn auch schwer praktisch durchführen. Ein einziger Steuerzettel schon kann die Goethe- und Schopenhauer-Zitate durchlöchern ...

Aber nicht ein immerhin recht seltenes Sonderlingstum soll hier charakterisiert werden, sondern ein nationaler Kernschaden, der in den sogenannten Bildungsschichten weit ärger grassiert als im »Volk«. Zur Illustration ein paar Zahlen, der »Deutschen Allgemeinen Zeitung« entnommen. In Deutschland erscheinen gegenwärtig 3152 Zeitungen, die sich wie folgt auf die verschiedenen Parteirichtungen verteilen:

Nationalsozialistisch 14 (0,5 %)
National, einschl. Deutschnational 392 (12,4 %)
Deutsch-Volksparteil. 48 (1,6 %)
Zentrum 284 (9,0 %)
Demokratisch 166 (5,6 %)
Sozialdemokratisch 142 (4,5 %)
Unabh. Sozialdemokratisch 2 (0,06%)
Kommunistisch 20 (0,7 %)
Bayr.-Volksparteilich 96 (3,4 %)
Föderalistisch 4 (0,12%)
Fremdsprachig 7 (0,22%)
Wirtschaftlich 141 (4,5 %)
Konfessionell 13 (0,5 %)
Amtlich 188 (5,9 %)
Parteilos u. nicht angegeben 1635 (51,0 %)

Diese Tabelle macht alles begreiflich, was in den letzten Jahren bei uns geschehen ist. Sie erleuchtet die letzten dunkelsten Winkel des geistig-politischen Problems Deutschland. Nicht, daß die Deutschnationalen an der Spitze marschieren, bleibt gravierend, sondern die Tatsache, daß über die Hälfte aller Zeitungen unter der Etikette »parteilos« segeln. Denn das heißt, aus dem Statistischen ins Erfahrungsgemäße übertragen, daß diese Blätter reaktionär sind, monarchistisch, militaristisch, daß sie nichts anderes sind als dürftig verkappte deutschnationale Parteiblätter. Deutschnationale Interessen, Parteiinteressen also sind es, die dort wahrgenommen werden unter dem Deckmantel der Überparteilichkeit. 51 % aller deutschen Blätter fahren also unter falscher Flagge, speisen unter dem Abzeichen der Neutralität, Parteiarsenale popularisieren, harmlos maskiert, die Formeln und die Ideologie einer Partei, die sie gedungen.

Zugegeben, daß das ausgesprochene Parteiblatt in seiner Selbstgerechtigkeit, Orthodoxie und Grobschlächtigkeit auch nicht gerade einladet, das angeblich parteilose Blatt ist einfach ein Stück Buschklepperei.

Es wäre alles nicht so schlimm, wenn das Publikum kritischer wäre. Aber der Deutsche liest nur ein Blatt und hat zu diesem Blatt keine Distanz. Er rebelliert zur Not, wenn er in einer lokalen, ihm vertrauten Angelegenheit einen Irrtum bemerkt, aber die politische Darstellung, die politische Information nimmt er als etwas Gottoffenbartes hin. Wenn die Zeitung im Titelkopf sich als »parteilos« geriert, er nimmt es als bare Münze hin und freut sich, hoch, hoch über allem parteipolitischen Tumult zu stehen in erhabener Abgeklärtheit. Natürlich ist er »national«, aber das ist die Zeitung auch, schlechtweg »national«. Lieber Himmel, das hat doch nichts mit Politik zu tun?

51% verkleben, verschmieren täglich das Gehirn ihrer Leser. Wo ein Auge, stutzig geworden, selbst sehen, selbst prüfen will, da baut die nächste Nummer schon eine dicke papierene Wand.

In diesen 51 Prozent quartiert das deutsche Mißgeschick. Diese 51 Prozent haben Gustav Landauer und Erzberger und Rathenau erschlagen. Diese 51 Prozent haben zu allem militärischen Unverstand gejauchzt und die Vernunft mit Füßen getreten. Wenn es heute noch ein Deutschland gibt, die 51 Prozent sind daran völlig unschuldig.

(Das Tage-Buch, 4. Juli 1925)

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