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Rechenschaft

Carl von Ossietzky: Rechenschaft - Kapitel 17
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleRechenschaft
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorBruno Frei
year1972
isbn3436016101
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das heimliche Heer

Wir haben auch unsere kleinen Geheimnisse.

Sherlock Holmes

In den bewegten Tagen, gerade jetzt vor zwei Jahren, konnte man es zuerst hören, in Wirtshäusern und Barbierstuben, überall, wo Menschen klatschend und Gerüchte kolportierend beisammensitzen: »X Y ist gestern zur Übung einberufen worden.« Und wenn man fragte, zu was für einer »Übung« denn, so hieß es: »Gott, Sie wissen ja, es werden doch massenweis junge Leute eingezogen, gedrillt und wieder entlassen.« Und man nannte Plätze am Rande der Stadt, Schulen, Kasernen, leere Fabriken, die angeblich voll von Soldaten sein sollten.

Das war in den frohen Tagen Cunos. Jeder munkelte von dem, wovon keine Zeitung sprach. An der Ruhr wurde sabotiert, in München deklamiert; die »Verbände« rüsteten, die Herrschaft zu ergreifen. Cuno ging, die Gerüchte vom heimlichen Heer blieben. Plötzlich erfolgte eine Warnung der Regierung: Junge Leute, so las man, erschienen in Scharen in den Kasernen, um sich anwerben zu lassen; – das sei zwar patriotisch, aber nicht statthaft. Dann kam der Zwischenfall von Küstrin. Das Reichswehrministerium erklärte mit sanften Aurikelaugen, es handle sich nur um eine Erneute »national-kommunistischer Haufen«. Eine Spezies, von der man weder vorher noch nachher etwas gehört noch gesehen hat. Wahrscheinlich haben die Kasematten von Küstrin die ganze Rotte Korah bis auf den letzten verschluckt. Eine demokratische Zeitung, die einen Bericht brachte, in dem es hieß, die »National-Kommunisten« hätten gerade so ausgesehen wie die Soldaten, wurde kurzerhand verboten. Denn das Reichswehrministerium in seinem harten Tatsachensinn duldet keine müßigen Spekulationen.

So wurde weiter getuschelt, kolportiert, dementiert. Zeitungen wurden verboten, Publizisten eingesperrt, Landesverratsprozesse an- und abgedreht. Wenn im Reichstag einer das Thema »Schwarze Reichswehr« anschnitt, empfahl Herr Geßler, die Krone aller Bürgermeister, mit jovialem Lächeln Kaltwasserbehandlung.

... aber am 30. Januar 1925 erklärte Herr Luther, der neugebackene Reichskanzler, man habe doch einige tausend Studenten zu Übungen herangezogen, und zwar »in Zeiten, als unsere innerpolitischen Verhältnisse eine besonders gefährliche Spannung zeigten«. Also doch.

Herr Luther hat eine Frage damit berührt, aber nicht beantwortet. Er hat immerhin zugegeben, daß sie existiert. Warum? Ist die Dementierspritze des Militär-Ministeriums leck geworden? Oder will selbst die jetzige konservative Regierung einer Erbschaft aus Cunos Zeiten ledig werden? Jedenfalls, der Reichskanzler hat mit einem Höchstmaß amtlicher Offenheit das Vorhandensein des Problems zugestanden. Er wird es nicht übelnehmen, wenn andere das sezieren, was er nur betastete. Und deshalb sollte auch die Presse der Parteien, die seine Regierung stützen, etwas geschliffener reden von der kürzlich erschienenen Denkschrift der Deutschen Liga für Menschenrechte, die den Versuch unternimmt, dort fortzufahren, wo der Herr Reichskanzler aufhörte. Dieses Memorandum der Liga (»Deutschlands geheime Rüstungen?« Von E. J. Gumbel, Berthold Jacob, Polizeioberst Lange, General von Schoenaich, Otto Lehmann-Rußbüldt und Kapitän Persius) gehört zu jenen nicht erfreulichen, dennoch bitter notwendigen Aufräumungsarbeiten, die nicht beliebt sind, nach denen es aber im Lande reinlicher aussieht. Die Verfasser halten sich mit sicherm Takt an das Erreichbare und Beweisbare, sie meiden Konstruktionen und lassen vor allem Urkunden sprechen, die fast alle schon publiziert. Es ist eine Sottise ohnegleichen, wieder von »Landesverrat« zu faseln angesichts einer Schrift, die nicht mehr sein will als eine Kompilation, deren Zweck allerdings ist, in der Aneinanderreihung von vielem Kleinen eine große Gefahr aufzuzeigen.

Die Broschüre setzt ein mit einer Wertung des bekannten Artikels von General Morgan in »Quarterly Review«. Die Behauptungen dieses englischen Juristen mit dem Generalstitel sind mehr oder minder bekannt: nach ihm soll die Reichswehr nur die herausgesteckte Attrappe des heimlich rüstenden Deutschlands sein; sie wäre nicht Wirklichkeit, die Wirklichkeit wäre vielmehr der »Schatten«, den sie über das Land werfe – das alte Heer. Alles sei darauf eingestellt, sie jederzeit in eine große, moderne, schlagbereite Armee zu verwandeln. Der Artikel Morgans ist ohne Zweifel exzellente Journalistenarbeit, ein ungemein ingeniöses Pamphlet. Stark vor allem im Psychologischen, in der Zerfaserung der deutschen militaristischen Mentalität, unzuverlässig dagegen, bizarr kombinierend und übertreibend in allem Tatsächlichen. Der Leser, der sich auf Untertöne auskennt, wird zudem bei ihm eine gewisse, mühsam verhohlene Sympathie für die von ihm angeblich entlarvte heimliche Armee und ihre Organisatoren mitschwingen fühlen.

Wenn man die Imaginationen Morgans ad acta legt und sich an das in der Denkschrift reproduzierte Urkundliche hält, so ergibt sich, daß Verbände wie Stahlhelm, Werwolf usw., die nach Mitteln und Einfluß auch heute, nach dem Schwinden der eigentlichen Konjunktur, noch immer eine ansehnliche Macht repräsentieren, in der Reichswehr von jeher nur eine Form gesehen haben, die durch »nationale Reserven« zu füllen ist. Immerhin muß auch die Leitung der Reichswehr, wenigstens im Prinzip, diesen Standpunkt teilen, denn es heißt in der offiziellen Vorschrift »Führung und Gefecht der verbundenen Waffen« (Verlag Offene Worte, Charlottenburg 1923): »Die Vorschrift nimmt Stärke, Bewaffnung und Ausrüstung des Heeres einer neuzeitlichen militärischen Großmacht als Grundlage an, nicht nur das nach dem Friedensvertrag gebildete deutsche 100 000-Mann-Heer.«

Hier scheiden sich bürgerliche und militärische Auffassung. Der Militär sieht in der Reichswehr nicht einen neuartigen, durch die besondere Situation Deutschlands bedingten Organismus, sondern die Miniatur-Nachbildung der Wehrorganisation einer neuzeitlichen militärischen Großmacht, flexibel und jederzeit erweiterungsfähig. Diese Auffassung ergibt sich zwangsläufig aus der ganzen Einstellung des Berufsmilitärs, für die Zukunft zu sorgen ist seine Pflicht. Aber die bürgerliche Auffassung hat ihrerseits die Pflicht, sich so weit durchzusetzen, daß die sogenannten militärischen Notwendigkeiten sich der Autorität des Staates unterzuordnen haben. Woran keine vielleicht berechtigte Empfindlichkeit, keine romantische Pflege der »Tradition« etwas ändern darf.

Die Denkschrift wählt ihre Beispiele vornehmlich aus den Jahren 1923 und 1924. Es ergibt sich aus dem reichhaltigen Material, daß an zahlreichen Plätzen Ausbildungskurse stattfinden, daß an Universitäten Werbestellen eingerichtet waren, daß z.B. die Garnison Marburg am 2. März 1924 mit etwa tausend Studenten zu einer achttägigen Übung ausrückte, daß militärische Dienststellen mit privaten Organisationen Hand in Hand arbeiteten, daß innerhalb der Schwarzen Reichswehr Offiziersausbildungskurse stattgefunden haben. Das alles wird durch Proben aus den Erlassen der Wehrverbände, aus privaten Korrespondenzen und Pressemeldungen dokumentarisch belegt. Zahlreich waren die Versuche, das Treiben zu maskieren, doch überrascht zuweilen auch eine Offenheit, die nur durch eine hoffnungslos unpolitische Verblendung erklärt werden kann.

Der Reichskanzler hat zur Erläuterung für diese Dinge betont, daß es sich um Zeiten gefährlicher innerpolitischer Spannung gehandelt habe. Der Herr Reichskanzler hat in seinen wenigen Sätzen einer bitterbösen Epoche ein Epitaph gesetzt, milde wie alle Grabsprüche. In der Tat handelte es sich um ein furchtbar ernstes Experiment und doppelt verwerflich nach den katastrophalen Erfahrungen mit den Freischärlern in Oberschlesien und anderswo. Die Geschichte der Wehrverbände vom Kapp-Putsch bis zum Hitler-Putsch wird einmal geschrieben werden als Kapitel: Deutschland am Rande der Anarchie! Man braucht nicht zu zweifeln, daß die militärischen Stellen, soweit sie nicht völlig im rechtsradikalen Fahrwasser schwimmen, vornehmlich von innerpolitischen Erwägungen ausgingen. Berufssoldaten, seien sie noch so chauvinistisch gerichtet, wissen sehr gut, daß der Krieg – der Krieg von heute und morgen! – nicht mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe sensationslustiger Jünglinge zweifelhafter Disziplin geführt wird. Aber in Zeiten desolater Wirtschaft und unter Null gesunkener Staatsautorität, hilfloser Kabinette und querulierender Parlamente, da mußten sie sich als die letzte in sich ruhende Größe zum Schutze der bürgerlichen Ordnung fühlen, und ihr kurzer politischer Sinn erklärt es, daß sie alles aufzusaugen suchten, was sie als adäquat anerkannten. Diese Allianz mit den schwarzweißroten Korporationen jedoch, deren Führer zum Teil ganz andere Ambitionen hegten, riß von neuem die Kluft auf zwischen Volk und Wehrmacht. Aus diesen Verbänden mit den alten Symbolen der Monarchie waren die Mörder der besten Republikaner gekommen, kein Wunder, daß das kleine Heer das Odium der Verbände teilen mußte. Die sozialistische Arbeiterschaft betrachtet die Reichswehr als dezidiert antirepublikanisch, der Anhänger der bürgerlichen Linken verfolgt sie zum mindesten mit Mißbehagen und Mißtrauen. Die Schwarze Reichswehr ist bereits heute ein vielleicht, hoffentlich!, erledigtes Stück unholder Vergangenheit. Ihre innerpolitischen Effekte werden nach Jahren noch zu spüren sein.

Übrigens hat jetzt auch der Herr Reichswehrminister endlich die Methode des Totschweigens aufgegeben, und wenn er auch kaum mehr sagte als Herr Dr. Luther, daß er überhaupt darüber sprach, bezeugt deutlich, daß auch er heute die Unmöglichkeit der Freiwilligen-Garden begriffen hat. Aber auch die Politiker der Entente hätten wissen müssen, daß die ständige Observation eines großen Volkes ebenso absurd ist wie die heimliche Aufrüstung des Armeechens der Hunderttausend zu einer neuzeitlichen Kriegsmacht. Es war ja so bequem, immer ein Druckmittel gegen Deutschland in der Hand zu haben, andererseits aber gewiß zu sein, daß es über einen Damm verfüge, fest genug, die kommunistische Welle aufzufangen, ehe sie weiter nach Westen schlug. Die Bolschewistenangst paralysierte die Versailler Orthodoxie.

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Der Scharnhorst von heute schüfe höchstens eine Knüppelgarde, nicht eine vollwertige Kampftruppe. Die heimliche Armee, ob nun Schreckgespenst französischer oder Wunschbild deutscher National-Hysteriker, hat nicht mehr Realität als die Schatten der katalaunischen Kämpfer, die sich nachts in den Lüften würgen. Die Reichswehr ist eine Grenzschutztruppe, eine potenzierte Ordnungspolizei in einem noch längst nicht endgültig stabilisierten Lande. Alles andere ist Traum, ist passé.

Passé défini.

(Das Tage-Buch, 6. Juni 1925)

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