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Rechenschaft

Carl von Ossietzky: Rechenschaft - Kapitel 15
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleRechenschaft
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorBruno Frei
year1972
isbn3436016101
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1525 – Florian Geyers Jahr

Die Läufte stellen sich auf den Kopf. Zu Ostern entstieg der Heiland dem Grabe. Pfingsten schlägt man ihn wieder ans Kreuz.

Hellpach hat in einer seiner Wahlreden gesagt, das deutsche Volk sei allzu verliebt in seine Vergangenheit. Ein gutes Wort, aber, wie alle solche Worte, nur halbwahr, viertelwahr. Was man so Pflege der Tradition nennt, das bedeutet in Wirklichkeit nur die Freigabe einiger Prunkräume deutscher Geschichte zu Besichtigungszwecken. Das sind so Prunkräume wie alle des Genres, etwas fad, etwas verlogen. Wenn der Franzose sein Pantheon mit zuviel Gloire parfümiert, so stellt der Deutsche seine Ruhmeshalle mit Plüschmöbeln voll. In solchem Hausrat haben wir die repräsentativen Gestalten unserer tausendjährigen Geschichte kennengelernt, und man versteht danach die unwirsche Bemerkung des jungen Georg Büchner über die »Eckensteher der Weltgeschichte«.

Aber daß es im weiten Haus der Geschichte versponnene Ecken und Winkel gibt, reizend zu träumen, hohe feierliche Hallen und schauerliche Grüfte, freundliche Giebelstuben und fürchterliche Folterkammern, das macht der skabrösen Methodik der Herren Konservatoren Kummer. Deshalb halten sie uns alles bis auf ein paar sauber und langweilig gefegte Appartements verschlossen wie Blaubarts heimliches Gemach. In keinem Lande der Welt wäre es denkbar, ein Volk buchstäblich um seine Geschichte zu prellen. Was unsere so stupide und so patriotische Steißtrommlerschaft aus dem Geist der Vergangenheit gemacht hat, das ist eine greuliche Vogelscheuche mit Kanonenstiefeln und teutonischem Umhängebart, im Bauch eine Walze mit der Wacht am Rhein.

Zu den schändlichsten Attentaten der Schule gegen den deutschen Geist gehört die völlige Konfiskation des großen Bauernkrieges von 1525. An diese mächtige und farbenreiche Epoche wird nicht soviel Zeit gesetzt wie an die aufgeplusterten Ruhmestaten des kleinsten aller Habitués der Siegesallee. Und so wird niemand daran denken, niemand in diesem jubiläumsseligen Volke!, daß gerade um Ostern vor vierhundert Jahren in Oberdeutschland, am Rhein, im Thüringischen, im Salzburgischen der »gemeine Mann« aufstand wider seine weltlichen und geistlichen Peiniger. Daß am Ostersonntag, dem 16. April, Weinsberg gestürmt und des Helffensteiners gräfliche Gnaden durch die Spieße gejagt wurden. Daß sich gerade zwischen Ostern und Pfingsten eine Tragödie abspielte, ein bäuerlich Trauerspiel, ohnegleichen unter allen deutschen Begebenheiten.

1525, das ist das Jahr der leidenschaftlichen Prediger evangelischer Freiheit, der plänevollen Schreiber und Ratsherren, der verwegenen Soldaten, die sich an die Spitze armer, schlechtbewaffneter Haufen stellten, um das große Wagnis zu unternehmen, im Zeichen des Bundschuhs dem deutschen Volk die deutsche Erde zu erobern. 1525, das ist das Jahr Thomas Münzers und Wendel Hiplers. Und Florian Geyers vor allem. 1525, das ist das Jahr Florian Geyers, wie 1789 das Jahr Mirabeaus, wie 1848 das Jahr Robert Blums, wie 1918 das Jahr Karl Liebknechts.

Wer eine blasse Erinnerung nur bewahrt an Gerhart Hauptmanns so selten, selten aufgeführtes Werk, wer des alten Zimmermanns Geschichte des Bauernkrieges kennt und liebt (was tut eigentlich der Verlag Dietz für dies lebensvollste und demokratischste unserer Geschichtsbücher?), dem ist für immer der Begriff 1525 zusammengeflossen mit der Gestalt des fränkischen Ritters, der seine adlige Sippe verließ, um mit den bäurischen Brüdern zu kämpfen und unterzugehen.

Die Fürsten sind schnell mit der Bewegung fertig geworden. Ihre überlegene Artillerie und Doktor Luthers Segen verschafften ihnen bald Übergewicht. Es war kein Heldenstück, begeisterte, aber mangelhaft armierte Bauerntrupps ohne kriegerische Schulung auseinanderzufegen. Was noch blieb, hat eine servile Historiographie vollendet. Sie hat von Florian Geyer fast nicht mehr übriggelassen als den Namen. Sie hat den gütigen Karlstadt zum irren Fanatiker, den hinreißenden und mutigen Führer Thomas Münzer zu einem feigen Scharlatan gestempelt. Sie hat ein Geschlecht von Winkelrieden, das die nackte Brust in einen Wald von Piken warf, in einen demagogisch verhetzten Pöbelhaufen, dem's ums Raufen und Brandschatzen zu tun war, umgefälscht. Über das Blutgericht der Sieger schweigt sie lieber ganz. Daß die großen und kleinen Potentaten unter ihren Landeskindern ärger wüteten als hundert Jahre später die Panduren, Wallonen, Franzosen und Schweden zusammengenommen, auch darüber macht sie nicht viel Worte. Das alles wird unterschlagen. Aus einer Volkserhebung von unerhörter Allgemeinheit, die unter ihren großen, weiten Plänen die Zertrümmerung der elenden Kleinstaaterei, die Schaffung eines geschlossenen, zentralen Nationalstaates hatte, so wie es im gleichen Jahrhundert England und Frankreich wurden, hat sie einen sturen, sinnlosen Helotenaufruhr gemacht, dessen Niederwerfung Verdienst war. Im Blut wurde die Bewegung erstickt. Klio, die geduldigste der Musen, ließ sich wie immer den Griffel führen.

Wer aber etwa in diesem Jahr zwischen Ostern und Pfingsten hinunterkommen sollte in die winklige gotische Welt um den Main, der möge nicht vergessen, daß hier einmal um das deutsche Schicksal gewürfelt wurde. Es ist ein schöner und lockender Gedanke, an einem späten Nachmittag, wenn die Sonnenstrahlen schon weicher und müder durch bunte Scheiben brechen, in einem der alten Ratskellerchen dort den Römer zu heben und ein Trankopfer zu weihen dem Gedenken derer, die unter dem Bundschuh starben. Vielleicht hat hier vor vierhundert Jahren, in diesem selben kühlen, feuchten Gewölbe ein Mann im schwarzen Harnisch gesessen, das Glas erhoben, wie du, Spätgeborener, doch nicht in Erinnerung, sondern versunken in eine Zukunft, von der er erhoffte, was eingeritzt stand im Knauf seines Schwertes: Nulla crux, nulla Corona ...

(Das Tage-Buch, 11. April 1925)

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