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Rechenschaft

Carl von Ossietzky: Rechenschaft - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleRechenschaft
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorBruno Frei
year1972
isbn3436016101
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Schutz der Republik – die große Mode

Es hat sich in diesen letzten Monaten in Deutschland etwas geändert. Es sind Leute sichtbar geworden, die die Republik verteidigen wollen. Sie haben eine Organisation geschaffen, die heute schon das ganze Land umfaßt. Hörsings Gründung, das Reichsbanner Schwarzrotgold, hat überraschend schnell Epoche gemacht. Eine nützliche und notwendige Gründung. Der Staat vermag sich nicht zu schützen, blamiert sich in Kompromissen mit der Reaktion. Es war Pflicht der Bürger einzugreifen. Etwas spät kam die Erkenntnis zwar, aber immerhin ...

Das Reichsbanner hat den Kamelotts der Rechtsparteien die Straße streitig gemacht und die Farben der Republik öffentlich gezeigt, den Deutschen Tagen Republikanische Tage entgegengestellt. Das ist für unsere Verhältnisse allerhand. Aber das Reichsbanner zeigt auch die bedenkliche Tendenz, es dabei bewenden zu lassen. Und hier hat die Kritik einzusetzen. Wer aus der Geschichte von fünf Jahren gelernt hat, weiß es, daß nicht die Völkischen, die Monarchisten die eigentliche Gefahr bilden, sondern die Inhaltlosigkeit und Ideenlosigkeit des Begriffes deutsche Republik und daß es niemandem gelingen will, diesen Begriff lebendig zu machen. Schutz der Republik ist gut. Besser, darüber ins reine zu kommen, was an dieser Republik schützenswert und was nicht zu halten ist. Diese Frage umgeht das Reichsbanner, richtiger noch: es hat wahrscheinlich noch gar nicht erkannt, daß eine solche Frage überhaupt besteht.

Unsere Republik ist noch kein Gegenstand des Massenbewußtseins, sondern eine Verfassungsurkunde und ein Amtsbetrieb. Wenn das Volk die Republik sehen will, führt man ihm die Wilhelmstraße vor. Und wundert sich, wenn es ziemlich begossen nach Hause geht. Nichts ist da, was die Herzen schneller schlagen ließe. Um diesen Staat ohne Idee und mit ewig schlechtem Gewissen gruppieren sich ein paar sogenannte Verfassungsparteien, gleichfalls ohne Idee und mit nicht besserem Gewissen, nicht geführt, sondern verwaltet. Verwaltet von einer Bureaukratenkaste, die verantwortlich ist für die innen- und außenpolitische Misere der letzten Jahre und die alles frische Leben mit kalter Hand erstickt. Wenn das Reichsbanner nicht aus sich heraus die Idee findet, die mitreißende Idee, und der Jugend nicht endlich die Tore aufstößt, dann wird es nicht zu einer Avantgarde der Republik, sondern zu einer Knüppelgarde der Bonzokratien, und deren Privileg wird in erster Linie geschützt und nicht die Republik.

Das Reichsbanner verfügt über ein Bundesorgan. Dieses Organ ist beschämend sehenswert. Da ist neben Aufsätzen längst abgestempelter, zum Teil überfälliger Persönlichkeiten ein Verzeichnis von Artikeln der Magdeburger Einkaufszentrale, von der Einheitswindjacke angefangen bis zu »Plakate, Eichenlaubrand, mit Adler, Text: ›Frei Heil‹, ›Hoch die Republik‹, ›Herzlich willkommen‹«. Eine Rubrik führt den Titel »Granatsplitter«, eine andere »In der Kantine«. Das ist, liebe Kameraden, wie er leibt und lebt der Stil der mit Recht gelästerten alten Armeezeitungen. Kommt ihr wirklich nicht über eine so klägliche Kopie hinaus? Habt ihr denn eine so unbezwingliche Sehnsucht nach Eichenlaub und Adlern, und muß man sich in der Republik wie in der Kantine fühlen? Es droht ein großer Aufwand kleinlich vertan zu werden. Die unverkalkten Elemente der Linksparteien brauchten ein Betätigungsfeld. Ihre Aktivität war in der Tat nahe daran, sich an den Gittern des Parteikerkers zu vergreifen. Also mußte abgebogen, mußte ein bißchen Camouflage getrieben werden. So gab man ihnen ein eigenes Revier, aber grenzte es fürsorglich ab. Und machte aus einer Sache, die eine Sache des Geistes hätte sein müssen, eine Mützen- und Uniformangelegenheit, eine unverfälschte Kriegervereinsangelegenheit mithin. So leitete man die Parteirebellion in erlaubte Kanäle ab, und anstatt den neuen republikanischen Typ zu bilden, lackierte man den alten Unteroffizierstyp mit neuen Farben. Und aus einer breiten, hoffnungsvollen Bewegung ist eine Mode geworden, keine Gesinnung, eine Mode, diesmal zur Abwechslung: Schutz der Republik!, launenhaft, flexibel wie alle Moden.

Und der Effekt? Reichsbanner zelebriert Verfassungsfeiern, Reichsbanner macht Stechschritt, Reichsbanner drapiert Potsdam schwarzrotgold, Reichsbanner prügelt sich mit Kommunisten – und Fechenbach sitzt im Zuchthaus. Das ist der Humor davon. Wenn aber das Reichsbanner so viele entschlossene Kerle hätte wie der Kapitän Ehrhardt unter seinen Leuten, so säße Fechenbach heute nicht mehr im Zuchthaus. Französische Demokraten entrissen den spanischen Weltbruder, den sie nicht einmal von Angesicht kannten, den Klauen des Diktators. Der Gedanke an ein irgendwo in der Welt begangenes Unrecht ließ sie nicht schlafen. Die deutschen Demokraten und Sozialisten sind solider organisiert. Es ist gar nicht wahr, daß sie so knochenschwach sind, wie man immer glaubt, sie haben nur ein so furchtbar dickes Fell. Außerdem sind sie gesetzes- und verfassungstreu. Jemanden aus dem Gefängnis holen, das hieße doch illegal vorgehen! Gott bewahre! Reichsbanner marschiert. Und Fechenbach sitzt im Zuchthaus.

Derweilen aber werden weiter Einheitswindjacken vertrieben und Militärbrotbeutel und Satinschärpen, einfache Ausführung, do. bessere Ausführung, gefüttert, do. Seidenmoiré, mit Goldfransen (siehe Bundesorgan). Frei Heil! Wer auf den ewigen Korporal im Deutschen spekuliert hat, der hat noch niemals falsch spekuliert. Auch der Stahlhelm, auch die Bismarckbünde vertreiben Kokarden und Brotbeutel.

Zwischen Schwarzweißrot und Schwarzrotgold soll eine Welt liegen. Wirklich, wirklich?!

Variationen über ein deutsches Thema.

(Das Tage-Buch, 13. September 1924)

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