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Raum und Kraft

Hermann von Helmholtz: Raum und Kraft - Kapitel 5
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authorHermann von Helmholtz und Heinrich Hertz
titleRaum und Kraft
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
editorE. Wildhagen
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Antwortrede, gehalten beim Empfang der Graefe-Medaille

Als moderner Mensch, der, wo er auch hinfällt, immer auf die Füße fallen muß, keine Zeit hat über verlorene Möglichkeiten zu trauern, sondern aus der Lage, wie sie ist, das Beste zu machen suchen muß–übrigens auch warten gelernt hat–, nahm ich die Lage, wie sie war, und studierte einstweilen Medizin. Dies erwies sich schließlich als ein Gewinn. Abgesehen davon, daß ich in dieser Weise zu einer viel breiteren Kenntnis der gesamten Naturwissenschaft gelangte, als sie im regelmäßigen Wege den Studierenden der Physik und Mathematik zuteil wird, und abgesehen von den günstigen Bedingungen, welche jene Periode einem physikalisch geschulten jungen Mediziner bot, so habe ich bei diesem Studium für meine späteren ophthalmologischen Bestrebungen einen tiefen Eindruck davon gewonnen, welche Summe fruchtloser Gelehrsamkeit und unnütz verbrauchter Druckerschwärze an die Theorie der Akkommodation verschwendet, und welcher Abgrund von Nichtwissen unter dem Namen des schwarzen Stars beschlossen war, ein Abgrund, der sich nun freilich, nachdem er durchleuchtet worden ist, noch viel geräumiger gezeigt hat, als man damals ahnen konnte.

Es war vielleicht nötig, daß der Physiker, der diese Aufgabe lösen sollte, einen tiefen Eindruck von ihrer Wichtigkeit und ihrer anscheinenden Hoffnungslosigkeit hatte, um bei Auffindung der ersten günstigen Spur bereit zu sein, denjenigen Grad von Arbeit daranzusetzen, der doch immer noch nötig war, um die Lösungen für die praktische Anwendung fertigzumachen. Und vielleicht war es auch nötig, daß dieser Physiker berufen wurde, Physiologie als Professor vorzutragen. Denn ein Professor steht unter einer sehr wirksamen wissenschaftlichen Disziplin. Er ist genötigt jährlich den ganzen Umfang seiner Wissenschaft so vorzutragen, daß auch die großen Köpfe der nächsten Generation, die schon unter seinen Zuhörern stecken, befriedigt sind. Auch ich war, um meinen Zuhörern getreue Rechenschaft vom Stande der Sache zu geben, gezwungen, mir selbst die einschlägigen Fragen nach allen Richtungen hin durchdringend zu überlegen.

Historisch genommen bin ich nun dieser Physiker gewesen; aber es gab damals noch fünf oder zehn andere junge Forscher in Deutschland, die zweifellos, wenn sie unter gleichen Bedingungen vor dieselben Aufgaben gestellt worden wären, in ganz folgerichtiger Weise genau dasselbe geleistet haben würden, wie ich. Hier kann ich mir selbst in meinem Gewissen kein besonderes individuelles Verdienst zuschreiben. Das Verdienst gebührt eigentlich meinem großen Lehrer, dem gewaltigen Johannes Müller, dafür daß er die Kühnheit gehabt hat, einen jungen Militärarzt, der einige kleine physiologische Untersuchungen mit höchst ungenügenden experimentellen Hülfsmitteln durchgeführt und veröffentlicht hatte, der noch nicht einmal Privatdozent war und in der Tat sich damals noch so unsicher im Vortrage fühlte, daß er vor seiner eigenen ersten Vorlesung nicht wenig gezittert hat, diesen herauszugreifen und ihn dem preußischen Kultusministerium als geeigneten Kandidaten für die Professur der Physiologie in Königsberg vorzuschlagen. Darin sprach sich die damals neue Einsicht in die Größe der Rolle aus, welche die Physik in der Physiologie zu spielen habe. Übrigens war es ein kühner Griff, und durch die Erteilung Ihrer Ehrengabe sprechen Sie heute im Grunde eine Anerkennung für Johannes Müller aus.

Der Augenspiegel hat sich mir recht eigentlich aus der Nötigung entwickelt in der Vorlesung über Physiologie die Theorie des Augenleuchtens vorzutragen. Warum leuchtet das menschliche Auge unter gewöhnlichen Umständen nicht, da doch in seinem Hintergrunde eine zwar kleine, aber hellweiße Stelle liegt, der Querschnitt des Sehnerven, welche Licht, wie das glänzendste Tapetum von Tieraugen, reflektieren muß? Warum leuchten Tieraugen unter Umständen so besonders hell, trotzdem sie nur von einer fernen kleinen Flamme beleuchtet werden? Die Fragen waren nicht schwer zu beantworten, sobald sie gestellt wurden; jetzt ist die Antwort allgemein bekannt. Sobald sie beantwortet wurden, waren auch die Mittel gegeben, die man anwenden mußte, um den Hintergrund eines menschlichen Auges zu beleuchten und ihn deutlich zu sehen.

Die Ophthalmometrie dagegen entwickelte sich aus der Frage nach der Theorie der Akkommodation, über welche unzählige Meinungen aufgestellt waren, von denen die meisten sehr leicht zu widerlegen, keine zu beweisen war. Hierbei bin ich selbst lange durch einen Irrtum, den ich bekennen muß, zurückgehalten worden.

Daß die schwachen Lichtreflexe der Linse, die sogenannten Sansonschen Bildchen, von anderen gesehen waren, hatte ich gelesen, sie zu sehen gesucht, anfangs auch geglaubt sie zu sehen, dann erkannt, daß, was ich gesehen, ein Hornhautreflex von dem Spiegelbild einer vorderen unbelegten Fläche eines Glasspiegels gewesen war, den ich zur Beleuchtung angewendet. Die anderen Beobachter hatten ihre Methode nicht genau beschrieben; ich hielt es für möglich, daß das Ganze eine Täuschung sei. Als ich endlich jene schwachen Bildchen zum ersten Male unzweifelhaft gesehen und sie nicht einmal so lichtschwach gefunden hatte, wie ich vorausgesetzt, wußte ich auch, daß nun der Vorgang der Akkommodation bis in alle Einzelheiten aufgehellt werden könne. Inzwischen war mir Cramer unter Donders' Leitung zuvorgekommen; er hatte die Veränderung der vorderen Linsenfläche schon vollständig erkannt. Die Feststellung der sehr kleinen Veränderungen der hinteren Linsenfläche erforderte genauere Beobachtungsmethoden, und diese führten zu dem von mir ausgebildeten System der Ophthalmometrie. Erst nachdem die Gestaltveränderungen der Linse nach allen Seiten hin sichergestellt waren, konnte eine richtige Theorie über die Mechanik des Akkommodationsapparates gegeben werden.

Eine andere Seite der Ophthalmologie, auf die ich schon früh durch Johannes Müllers Lehre von den spezifischen Sinnesenergien hingelenkt wurde, war die Theorie der Farben. Da ich nicht gern in meinen Vorlesungen über Dinge sprach, die ich nicht selbst gesehen hatte, machte ich Versuche, in denen je zwei Spektralfarben sich mischten. Zu meinem Erstaunen fand ich, daß Gelb und Blau gemischt nicht, wie man bisher allgemein behauptet hatte, Grün gaben, sondern Weiß. Grün geben gelbe und blaue Farbstoffe bei ihrer Mischung, und man hatte bis dahin immer die Mischung der Farbstoffe mit der der farbigen Lichter als gleichbedeutend betrachtet. Das ergab zunächst eine eingreifende Abänderung aller bisher aufgestellten Gesetze der Farbenmischungen. Aber es schloß sich noch Wichtigeres daran. Zwei Meister ersten Ranges, Goethe und David Brewster, waren der Meinung gewesen, im Grün könne man das Gelb und das Blau direkt sehen. Sie hatten es eben bei allmählicher Mischung durch den Pinsel entstehen sehen und glaubten ihre Empfindung dieser Erfahrung gemäß in zwei Teile zerlegen zu können, die gar nicht darin steckten. Es war dies eine der Tatsachen, die mich zuerst zur empiristischen Theorie der Wahrnehmungen herüberdrängte. Sie bezeichnet noch jetzt den Gegensatz zwischen meinem Standpunkt in der Farbentheorie und dem von Herrn Emil Hering und seinen Anhängern, welche die Meinung festhalten, man könne unmittelbar aus der Empfindung deren einfache Teile herauslesen.

Diese Reihe von Arbeiten führte mich dann schließlich zu dem Entschluß, die ganze Physiologische Optik neu durchzuarbeiten, was ich in dem von mir herausgegebenen Handbuch getan habe.

Überblicke ich nun diese Reihe von Arbeiten, so kann ich, ganz aufrichtig gesprochen, nicht erkennen, daß ich in diesem Gebiete–ich will von anderen nicht reden–mehr gewesen wäre, als bestenfalls und mit den Augen eines sehr wohlmeinenden Beurteilers angesehen, ein aufmerksamer, fleißiger, gut geschulter Arbeiter, welcher, sagen wir »gut«, getan hat, was er zu tun gelernt hatte, und was zu tun eben gelernt werden kann. Stehen einem solchen nun nicht andere Ansprüche gegenüber von anderen, die anderes geleistet haben, was zu tun nicht gelernt werden kann?

Diese Frage führt auf Betrachtungen zurück, die ich einst als Prorektor dieser Universität, an dieser Stelle stehend, zu entwickeln gesucht habe, nämlich die Frage nach dem verschiedenen Charakter, den die wissenschaftliche Tätigkeit in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft aufweist. Damit hängt auch eine verschiedene Richtung der geistigen Begabung zusammen, welche für die eine oder andere Richtung geschickter macht. Beschränken wir uns hier auf die der Beobachtung und Beherrschung der reellen Welt gewidmeten Zweige der Wissenschaft, so wird das eine Extrem wohl am reinsten in der theoretischen Physik zur Erscheinung gebracht. Hier finden wir die vollendete Beherrschung des Stoffes durch genau definierte, ausnahmslos herrschende Gesetze, deren Folgerungen mit der feinsten Schärfe des mathematischen Denkens zu entwickeln sind. Soweit das gelingt, wird der ursächliche Zusammenhang von allem Dunkel, allem Mystischen befreit; die Kräfte der Natur, die so bezwungen sind, fügen sich nicht nur theoretisch dem Wissen des Menschen, sondern sind auch die Diener seines Willens. Die Erinnerung neuer Einsichten dieser Art erfordert eben deshalb oft genug die höchste Entwicklung menschlicher Verstandestätigkeit, zu der nur wenige Individuen fähig sind. Was aber an solchen Kenntnissen einmal errungen und in der genauen und durchsichtigen Form der Wissenschaft zusammengefaßt ist, läßt sich sicher und vollständig anderen Geschlechtern überliefern.

Jedoch das Gebiet, welches der unbedingten Herrschaft vollendeter Wissenschaft unterworfen werden kann, ist leider sehr eng, und schon die organische Welt entzieht sich ihm größtenteils. Handeln müssen wir aber auch in tausend Fällen, wo wir keine klare Einsicht in den Zusammenhang der Dinge haben, im Staate, im Kriege, in allem Verkehr mit Menschen und so auch in der Heilkunst. Hier tritt nun eine andere Seite intellektueller Begabung in den Vordergrund, deren reinste Form wir im Künstler verkörpert sehen. Reiche Erfahrung gibt eine Kenntnis des typischen Verlaufs der Erscheinungen, die der, der sie hat, nicht in Worten beschreiben kann. Und doch, wenn er zum Handeln berufen wird, so kann er es machen, aber er weiß nicht zu sagen, wie und warum er es so macht. Ich habe die großen Ärzte von jeher als Künstler in diesem Sinne betrachtet, und die Art, wie sie ihre Kenntnisse zu überliefern suchten, als eine Art allegorischer Darstellung, der man unrecht tut, wenn man sie als physiologische Theorie ansieht und den Maßstab einer solchen anlegt. Der als Physiker Begabte sieht in diesen Gebieten nur die leicht erkennbaren Mängel solcher Quasi-Theorien, er handelt unsicher und ohne Erfolg, er fühlt sich unbefriedigt und unglücklich, ist deshalb ohne moralischen Einfluß auf die Patienten und deren Pfleger; kurz, er erkennt hier die Grenze seines Könnens.

Nun erlauben Sie, daß ich meinen Schluß auch in eine allegorische Form bringe, um keine persönlichen Bescheidenheiten zu verletzen. Nehmen wir an, da wir uns in einer Allegorie nicht an die historische Wahrheit zu binden brauchen, bis zu den Zeiten des Phidias hätte man keine hinreichend harten Meißel gehabt, um Marmor mit vollkommener Beherrschung der Form bearbeiten zu können. Höchstens konnte man Ton kneten oder Holz schnitzen. Nun aber findet ein geschickter Schmied, wie man Meißel stählen könne. Phidias freut sich der besseren Werkzeuge, bildet damit seine Götterbilder und beherrscht den Marmor, wie niemand vor ihm. Er wird geehrt und belohnt.

Aber die großen Genies sind, wie ich immer gesehen, bescheiden gerade in Beziehung auf das, worin sie anderen höchst überlegen sind. Gerade das wird ihnen so leicht, daß sie schwer begreifen, warum die anderen es nicht auch machen können. Mit der hohlen Begabung ist aber auch immer die entsprechende große Feinfühligkeit für die Fehler ihrer eigenen Werke verbunden. Demgemäß sagt Phidias in einem Anfall von großmütiger Bescheidenheit dem Meister Schmied: »Ohne deine Hilfe hätte ich das alles nicht machen können. Die Ehre und der Ruhm gebührt dir.« Dann kann ihm der Schmied doch nur antworten: »Ich hätte es aber auch mit meinen Meißeln nicht machen können, du würdest doch ohne meine Meißel wenigstens in Ton wunderbare Bildwerke haben kneten können. So muß ich die Ehre und den Ruhm ablehnen, wenn ich ein ehrlicher Mann bleiben will.«

Nun aber wird Phidias der Welt entrissen; es bleiben Freunde und Schüler, Praxiteles, Paionios und andere. Sie brauchen alle die Meißel des Schmiedes, die Welt füllt sich mit ihren Werken und ihrem Ruhm. Sie beschließen das Andenken des Geschiedenen zu ehren, durch einen Kranz, den der erhalten soll, welcher am meisten für die Kunst und in der Kunst der Bildnerei getan. Der geliebte Meister hat den Schmied oft als den Urheber ihrer großen Erfolge gerühmt, und sie beschließen endlich, ihm den Kranz zu geben. »Gut, antwortet nun der Schmied, ich füge mich. Ihr seid viele und unter euch sind kluge Leute, ich bin nur einer; ihr versichert, daß ich einer euch vielen viel geholfen habe und daß nun in vielen Orten Bildner sitzen und die Tempel mit Nachahmungen eurer Götterbilder schmücken, die ohne die Werkzeuge, die ich euch gegeben, wohl wenig geleistet haben würden. Ich muß euch glauben, denn ich habe nie gemeißelt, und dankbar annehmen, was ihr mir zuerkennt. Ich selbst aber würde meine Stimme dem Praxiteles oder Paionios gegeben haben.«

Hermann von Helmholtz

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