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Raum und Kraft

Hermann von Helmholtz: Raum und Kraft - Kapitel 17
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authorHermann von Helmholtz und Heinrich Hertz
titleRaum und Kraft
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
editorE. Wildhagen
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Anmerkungen

Der Zweck der vorstehenden Auswahl ist zunächst, einen Einblick in die Arbeits- und Denkweise des größten deutschen Naturforschers des vorigen Jahrhunderts, Hermann von Helmholtz, zu geben und damit zugleich einen Überblick über die Fortschritte der naturwissenschaftlichen Forschung unter dem Einfluß dieses großen Mannes. Wenn auch einzelne seiner Gedanken durch die neueste Entwicklung überholt sind, so bleibt doch die Art seines Denkens ein Vorbild für alle Zeiten. Es hätte an sich nahe gelegen, die Ausführungen von Helmholtz überall durch Äußerungen seiner Zeitgenossen zu ergänzen. Wir mußten uns aber darauf beschränken, den Aufsatz von J. R. Mayer, in dem er in unscheinbarer Form 1842 seine Entdeckung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie mitteilte, wiederzugeben als Ergänzung zu dem Aufsatz über die Wechselwirkung der Naturkräfte. Das Gesetz von der Erhaltung der Energie ist seither die allgemeinste Grundlage jeder naturwissenschaftlichen Forschung. Selbst das uns allen so selbstverständlich und unmittelbar erscheinende Kausalitätsgesetz hat sich in der neuesten Entwicklung der theoretischen Physik gewisse Umdeutungen gefallen lassen müssen, während wir nach zwei Menschenaltern der Geltung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie wohl annehmen können, daß wir hier ein wirkliches Grundgesetz des Natürlichen vor uns haben. Auch deshalb lag es nahe, in diesem Falle zu der ersten historischen Quelle zurückzugehen.

Aus den vielen fundamentalen Teilproblemen, die im vorigen Jahrhundert eine entscheidende Wendung erfuhren, konnten wir nur die Hertzsche Entdeckung der wellenförmigen Ausbreitung der Elektrizität herausgreifen. Es hätte nahe gelegen, auch etwa die für die Astronomie wie für die Chemie und die Physik–besonders in ihrer modernsten Auszweigung der quantentheoretischen Betrachtung der Vorgänge im Atom–so wichtigen, von Kirchhoff und Bunsen durch eine klare Ausdeutung der Fraunhoferschen Linien begründete, Spektralanalyse zu bringen. Sie hat als Arbeitsmethode eine ungeahnte Fruchtbarkeit entfaltet und besonders nach ihrer Übertragung auch auf die Röntgenstrahlen durch Fritz von Laue eine universale Bedeutung unter den physikalischen Beobachtungsmethoden erlangt. Ebenso hätte auch ein Ausschnitt aus dem Lebenswerk Werner von Siemens' gegeben werden können, der mit seiner Entdeckung des Dynamoprinzips die Energiewirtschaft in ungeahnter Weise revolutioniert hat, oder etwa die erkenntnistheoretische Grundlegung der Relativitätstheorie und die Vorwegnahme fundamentaler relativitätstheoretischer Formulierungen durch den Physiker und Philosophen Ernst Mach, oder ein Ausschnitt aus den Werken von Justus Liebig oder Bolzmann, Clausius oder anderer Naturforscher. Die Entdeckung von Heinrich Hertz, die er in seinem Vortrage vor der Naturforscherversammlung in Heidelberg zum erstenmal einem größeren Kreise mitgeteilt hat, nimmt wegen ihrer praktischen Wendung und ihrer Bedeutung für jeden einzelnen, der nach der Arbeit des Tages seine Erholung durch den Rundfunk ins Haus gesendet bekommt, eine besondere Stellung ein. Sein letztes Werk, dessen Drucklegung er nicht mehr erleben sollte, enthält in seiner Einleitung eins der schönsten Stücke deutschen Schrifttums. Zugleich auch wegen der Bedeutung der Hertzschen Mechanik für die Wende in der physikalischen Gesamtanschauung lag ihr Wiederabdruck nahe.

Die einzelnen Abschnitte sind entnommen aus: »Vorträge und Reden« von Hermann von Helmholtz, Band 1 und 2, Braunschweig, 5. Auflage, 1903, ferner aus »Gesammelte Werke« von Heinrich Hertz, Band 1-3, Leipzig 1895 sowie aus einer von W. Preyer herausgegebenen Briefsammlung von Robert von Mayer, Berlin 1889.

Hermann v. Helmholtz

 

Über das Streben nach Popularisierung der Wissenschaft (S. 13)

Die Vorrede zu der Übersetzung von Tyndalls » Fragments of Science« von 1874 wurde gekürzt, da die Polemik von Helmholtz gegen die Anschauung des Physikers und Spiritisten Zöllner, des Münchener Professors, in ihren Einzelheiten heute nicht mehr interessiert. Helmholtz schreibt in seinen Vorbemerkungen:

»Die in dem Anhange der zweiten Vorrede gegen Zöllners eigene Behauptungen gerichtete unverblümte Kritik mochte ich nicht unterdrücken, wenn auch dieser Autor inzwischen gestorben ist. Seit er sich in das Treiben der spiritistischen Kreise hineinziehen ließ, ist es unter den Propheten dieser Lehre Sitte geworden, auf ihn als einen großen Naturforscher hinzuweisen, um Laien dadurch zu verblüffen. Die genannte Vorrede ist geschrieben worden, ehe noch etwas von Zöllners spiritistischen Neigungen bekannt geworden war, ja nach dem, was er über Tyndalls Beschreibung einer spiritistischen Sitzung bemerkt hatte, mußte man ihn für einen überzeugten Gegner des Spiritismus halten. Die Vorrede mag also stehenbleiben als ein Zeugnis für das Urteil, was man in naturwissenschaftlichen Kreisen über Zöllners angeblich wissenschaftliche Leistungen ganz unabhängig von dem Streit über Spiritismus fällen mußte. Daß er in diese letztere Verirrung fallen konnte, war allerdings die beste Rechtfertigung für die früher an ihm geübte Kritik.«

 

Die Tatsachen in der Wahrnehmung (S. 22)

Berliner Rektoratsrede vom 8. August 1878. Diese Abhandlung ist der zusammenfassende Ausdruck der philosophischen Grundanschauungen von Helmholtz. Ihre zeitgebundene Einleitung konnte aus stilistischen Gründen nicht weggelassen werden. Grundlegend ist seine Auseinandersetzung mit Kant, die Gedankengänge anbahnt, die von der neueren Naturphilosophie übernommen worden sind. (Vgl. das auch sonst als systematische Fortentwicklung der in diesem Bande behandelten Probleme in der Deutschen Buch-Gemeinschaft erschienene Buch von Reichenbach »Atom und Kosmos«.)

 

Antwortrede (S. 57)

Gehalten am 9. August 1886 in Heidelberg, nachdem er als erster die von der Ophthalmologischen Gesellschaft neu gestiftete Graefe-Medaille erhalten hatte, in Anerkennung dessen, daß er durch seine Erfindung des Augenspiegels (1850) die Augenheilkunde mit einem Schlage auf eine wissenschaftliche Basis stellte. Der Augenspiegel, der inzwischen immer unter Beibehaltung des Helmholtzschen Prinzips mannigfache technische Ausgestaltungen erfahren hat, ermöglichte in das Innere des Auges hineinzusehen und krankhafte Veränderungen, vor allem der Netzhaut, zu erkennen.

 

Das Denken in der Medizin (S. 64)

Rede, gehalten am Stiftungstage des medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Instituts 1877. Diese Rede hat zur Zeit wieder eine akute Bedeutung erhalten durch den Prinzipienstreit in der Medizin. Gegenüber den Versuchen gewisser Kreise, die künstlerische Intuition an Stelle der Wissenschaft als Grundlage der medizinischen Praxis zu fordern, dürfte der Standpunkt Helmholtz' auch heute der richtige sein, daß eine auf strenge wissenschaftliche Schulung und die Ergebnisse der exakten Forschung gestützte Intuition dem reinen Künstlertum in einer so verantwortungsvollen Tätigkeit wie der des Mediziners überlegen ist.

 

Über die Wechselwirkung der Naturkräfte und die darauf bezüglichen neuesten Ermittlungen der Physik (S. 90)

Vortrag, gehalten am 7. Februar 1854 in Königsberg. 1872 bei der Übernahme in die »Populären wissenschaftlichen Vorträge« von Helmholtz selbst überarbeitet. Es handelt sich hier um die erste gemeinverständliche Darstellung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie. In der Geschichte der Wissenschaft gibt es viele Beispiele dafür, daß der gleiche wichtige Fund annähernd zu der gleichen Zeit von mehreren gemacht ist. Es sei erinnert an die fast gleichzeitige Grundlegung der Infinitesimalrechnung durch Newton und Leibniz; oder an die Theorie der Entstehung von Planetensystemen in der »Naturgeschichte des Himmels« von Kant, die Laplace ein Menschenalter später, anscheinend unabhängig von Kant, ebenfalls formuliert hat, oder etwa an die gleichzeitige Entdeckung des Sauerstoffes durch Scheele und Lavoisier. Im vorigen Jahrhundert ist besonders interessant das gleichzeitige Auftauchen nichteuklidischer Geometrien in verschiedenen Köpfen, wobei allerdings ein mehr oder weniger direktes Zurückgehen auf Gedankengänge von Gauß wahrscheinlich ist. Auch das Dynamoprinzip wurde von Werner von Siemens mit nur vierzehn Tagen Vorsprung vor dem Engländer Wheatestone veröffentlicht. Ein der Kant- Laplaceschen Theorienbildung analoger Fall ist die Auffindung der Vererbungsgesetze durch Gregor Mendel, die nach fast vierzigjähriger Vergessenheit selbständig von Correns und de Vries gleichzeitig und unabhängig voneinander wieder entdeckt wurden. Auch das Gesetz von der Erhaltung der Energie von J. R. Mayer, dessen erste Mitteilung, die hier wieder abgedruckt ist, keinerlei Beachtung gefunden hatte, wurde von Helmholtz 1847 in einer umfassenden Darstellung formuliert, ohne daß Helmholtz geahnt hätte, daß schon ein anderer ihm zuvorgekommen sei. Sein Verhältnis zu J. R. Mayer hat er später bei verschiedenen Gelegenheiten klargestellt und die Priorität Mayers anerkannt, wobei er allerdings als strenger Wissenschaftler es sich nicht versagen konnte, auf die Unvollkommenheiten der Mayerschen Begriffsbildungen hinzuweisen. Diese Haltung ist ihm von mancher Seite verargt worden. Eine ganz ausgezeichnete, sehr verständlich geschriebene Darstellung der Geschichte der Entdeckung des Prinzips von der Erhaltung der Energie hat Max Planck in der Einleitung seiner 1887 veröffentlichten Abhandlung: »Das Prinzip der Erhaltung der Energie« gegeben. Seine von der philosophischen Fakultät Göttingen preisgekrönte Schrift bildet jetzt den Band 6 der Teubnerschen Sammlung »Wissenschaft und Hypothese«. Auf diese Geschichte, die in vorsichtigster und sachlichster Weise das Verdienst der einzelnen Forscher an der Entdeckung und Ausgestaltung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie darstellt, sei verwiesen.

Die hier vorliegende Ableitung und Fassung des Energiegesetzes ist besonders dadurch bemerkenswert, daß Helmholtz die Gelegenheit benutzt hat, um die umfassende Anwendungsmöglichkeit des Prinzips auf die Verhältnisse im Kleinsten wie im Größten, wie besonders auch auf die Gesetzmäßigkeiten der Lebensvorgänge zu beleuchten. Wie keine andere Darstellung enthält dieser Aufsatz ein großartiges Weltbild, das in seinen allgemeinen Zügen trotz des Ausbaues durch die neuere Forschung seinen Wert behalten hat. Von dem Wiederabdruck des Anhangs konnte abgesehen werden.

 

Über die physiologischen Ursachen der musikalischen Harmonie (S. 127)

In diesem Vortrag gibt Helmholtz einen Ausschnitt aus dem Arbeitsbereich seiner »Lehre von den Tonempfindungen«. Auf diesem Gebiet, das Helmholtz bei seiner Liebe für die Musik zeit seines Lebens auf das eindringlichste beschäftigt hat, verdanken wir gerade ihm eine volle wissenschaftliche Aufklärung für viele anscheinend willkürliche Ausdrucksweisen unserer Musikschöpfer. Erst durch die neuerliche Hinwendung zu den akustischen Problemen durch die Bedeutung des Rundfunks sind die Helmholtzschen Gedanken in Einzelheiten weiterentwickelt worden, nachdem sie über ein halbes Jahrhundert die einzige wissenschaftliche Grundlage gebildet haben. Die Akustik war, da sie trotz ihrer großen Bedeutung für unser geistiges Dasein nur eine Anwendung allgemeinerer physikalischer Grundtatsachen bildet, lange Zeit das Stiefkind der Physik. Die »Lehre von den Tonempfindungen« ist eins der interessantesten wissenschaftlichen Werke, das gerade auch dem musikalischen Laien in leicht faßlicher Weise unerschöpfliche Anregungen zu bieten vermag, um so mehr als Helmholtz über eine ganz umfassende Kenntnis der Musikliteratur verfügte. Seine Beschäftigung mit der Musiktheorie hatte für ihn selbst allerdings den Nachteil, daß er im höheren Alter kaum ein Konzert anhören konnte, ohne ständig unabsichtlich die Obertöne und ihre Verhältnisse mitzuhören. Der Aufsatz ist aus Gründen der Einheitlichkeit um einige kleinere, für die Gesamtdarstellung nicht wesentliche Abschnitte gekürzt.

 

Optisches über Malerei (S. 159)

In diesem Aufsatz hat Helmholtz 1876 mehrere Einzelvorträge zusammengefaßt, die er in verschiedenen Städten über dieses Thema gehalten hat. Seine in der Einleitung ausgesprochene Definition des Zweckes der künstlerischen Aufgaben der Malerei ist natürlich Ausdruck seiner Zeit. Hätte Helmholtz eine moderne Bilderausstellung gesehen, wer weiß, ob dieser allem Neuen so aufgeschlossene Mann sich nicht bereit gefunden hätte, seine Anschauungen zu revidieren!

 

Über den Ursprung und die Bedeutung der geometrischen Axiome (S. 202)

Helmholtz schreibt selbst:

»Dieser Vortrag ist ein Versuch, den Inhalt einer in den ›Göttinger Gelehrten Anzeigen‹ vom 3. Juni 1868 veröffentlichten Untersuchung einem Kreise von Nichtmathematikern zugänglich zu machen und gibt in stark überarbeiteter Form einen Vortrag wieder, den ich in diesem Sinne im Dozentenverein zu Heidelberg 1869 gehalten hatte. Die zweite Hälfte namentlich wurde erst für die Veröffentlichung in den ›Populären wissenschaftlichen Vorträgen‹, Heft III, hinzugefügt und ist durch die unglaublichen Mißverständnisse und Entstellungen veranlaßt worden, denen Riemanns und meine Arbeit in der philosophischen Polemik begegnet war.«

Durch die Erkenntnis, daß auch nichteuklidische Geometrien möglich sind, ist ein zweitausendjähriger Entwicklungsgang in der Mathematik zum Abschluß gebracht worden. Das auf einer vollzähligen Zusammenstellung der Axiome, d. h. nicht beweisbaren Voraussetzungen, begründete, von Euklid (etwa 300 vor Christus) mit größter Klarheit methodisch entwickelte geometrische System litt an einem schon früh empfundenen Mangel. Das fünfte Postulat, das sogenannte Parallelenaxiom, das z. B. die Grundlage für die Dreiecksberechnung ist, enthält einen unanschaulichen Faktor in seinem Regressus auf die Unendlichkeit. Schon früh empfand man daher die Notwendigkeit, dieses Axiom auf andere Axiome zurückzuführen. Die Geschichte der Mathematik enthält eine große Zahl solcher Versuche. Erst Gauß kam um 1800 zu der grundlegenden Erkenntnis, daß es sich in allen Fällen nur um Scheinbeweise handeln kann. Der erste klare Umriß einer nichteuklidischen Geometrie findet sich 1818 bei Schweikart, der in wenigen Grundsätzen eine nichteuklidische »Astralgeometrie« entwickelt. Er sowohl wie Gauß haben ihre diesbezüglichen Untersuchungen nicht veröffentlicht, Gauß, weil er »das Geschrei der Böotier fürchtete«. Die erste Veröffentlichung des durch deutsche Schule gegangenen Lobatschefskij erfolgte 1829 in Kasan unter dem Titel »Über die Grundlagen der Geometrie« und wurde schnell, da ihr durch Gauß der Weg geebnet war, wissenschaftliches Allgemeingut. Um dieselbe Zeit hatte Johann Bolyai, der Sohn eines vertrauten Freundes von Gauß, ebenfalls eine nichteuklidische Geometrie entwickelt. Gauß schrieb hierzu: »Wenn ich damit anfange, daß ich solche (die Arbeit Johann Bolyais) nicht loben darf: so wirst Du gewiß einen Augenblick stutzen: aber ich kann nicht anders; sie loben hieße mich selbst loben: denn der ganze Inhalt der Schrift, der Weg, den Dein Sohn eingeschlagen hat, und die Resultate, zu denen er geführt ist, kommen fast durchgehends mit meinen eigenen, zum Teil schon seit dreißig bis fünfunddreißig Jahren angestellten Meditationen überein. In der Tat bin ich dadurch auf das äußerste überrascht.´

Mein Vorsatz war, von meiner eigenen Arbeit, von der übrigens bis jetzt wenig zu Papier gebracht ist, bei meinen Lebzeiten gar nichts bekanntwerden zu lassen. Die meisten Menschen haben gar nicht den rechten Sinn für das, worauf es dabei ankommt, und ich habe nur wenige Menschen gefunden, die das, was ich ihnen mitteilte, mit besonderem Interesse aufnahmen. Um das zu können, muß man erst recht lebendig gefühlt haben, was eigentlich fehlt, und darüber sind die meisten Menschen ganz unklar. Dagegen war meine Absicht, mit der Zeit alles so zu Papier zu bringen, daß es wenigstens mit mir dereinst nicht unterginge.

Sehr bin ich also überrascht, daß diese Bemühung mir nun erspart werden kann, und höchst erfreulich ist es mir, daß gerade der Sohn meines alten Freundes es ist, der mir auf eine so merkwürdige Art zuvorgekommen ist.« Diese Mitteilung von Gauß wird bestätigt durch die Herausgabe seines Nachlasses, in dem sich bereits 1792 in einem Briefe an Bolyai die ersten Andeutungen dafür finden, daß er die Möglichkeit und Form einer nichteuklidischen Geometrie erkannt hatte.

Den nächsten entscheidenden Schritt tat Riemann, der zeigte, daß nicht nur eine einzige, sondern mehrere in sich geschlossene nichteuklidische Geometrien möglich seien. Auch Helmholtz hat in der Absicht, die zunächst mißverstandenen Gedankengänge Riemanns zu verteidigen, die nichteuklidischen Raumanschauungen erweitert. Den systematischen Abschluß mit dem Beweis dafür, daß sogar beliebig viele widerspruchslose nichteuklidische Geometrien möglich sind, verdanken wir dem großen Göttinger Mathematiker Fritz Klein.

Ein besonderer Wert dieser Helmholtzschen populären Darstellung liegt darin, daß er als erster klar ausgesprochen hat, daß nichteuklidische Systeme auf die Verhältnisse in der Wirklichkeit angewendet werden können, eine Möglichkeit, die von der modernsten Physik mit großem Erfolge zum Beispiel in der Einsteinschen Relativitätstheorie benutzt worden ist.

 

Goethes Vorahnungen kommender naturwissenschaftlicher Ideen (S. 232)

Rede vor der Goethe-Gesellschaft zu Weimar 1892. Einer der letzten großen öffentlichen Vorträge von Helmholtz, der schon im Hinblick auf das Goethejahr 1932 als ein besonders eigenartiger Beitrag angesehen werden kann. Wenn auch Goethes Farbenlehre trotz mancher schöner Einzelbeobachtungen als Ganzes von der wissenschaftlichen Optik abgelehnt werden muß, so ist Goethe doch mit seiner Metamorphose der Pflanzen und seiner berühmten Entdeckung von der Wirbelstruktur des Schädels der große Vorläufer Darwins.

Heinrich Hertz

 

Einleitende Übersicht zu den Untersuchungen über die Ausbreitung der elektrischen Kraft (S. 261)

1891 wurde Hertz vom Verleger aufgefordert, seine zunächst in Zeitschriften veröffentlichten Arbeiten über die Entdeckung der wellenförmigen Ausbreitung der Elektrizität in einem Sammelband neu herauszugeben. Hierzu hat er eine Einleitung verfaßt, die einen der interessantesten Einblicke in die Entstehung einer neuen wissenschaftlichen Theorie vermittelt. Obgleich sie für Physiker geschrieben ist, ist sie in ihrer Klarheit für jeden naturwissenschaftlich interessierten Laien verständlich. Sie bildet gewissermaßen die historische Einleitung zu dem nächstfolgenden Vortrag.

 

Über die Beziehungen zwischen Licht und Elektrizität (S. 291)

Die von Dr. Johanna Hertz 1927 in guter Anordnung herausgegebenen Erinnerungen, Briefe und Tagebücher von Hertz sind besonders in dem letzten Teil eins der erschütterndsten Dokumente des Kampfes des Genies gegen den körperlichen Verfall und gewähren uns einen einzigartigen Einblick in die wechselvollen Stimmungen während seines durch viele Rückschläge gehemmten Anstieges zu voller Klarheit. Am 1. Januar 1888 schreibt er an seine Eltern: »Aber ich bin jetzt in der Stimmung, die immer eintritt, wenn eine Arbeit fast zu Ende ist, ich muß mir mit dem Verstande vorrechnen, daß die Sache der Mühe wert ist, denn in meinem Gefühl ist sie so schal, alltäglich, gleichgültig, selbstverständlich geworden, daß ich am liebsten gar nicht davon redete.« Oder am 17. März 1888: »Ich habe jetzt die Annehmlichkeit bei der Arbeit, mich sozusagen auf eigenem Grund und Boden zu fühlen und fast sicher zu sein, daß es sich nicht um einen ängstlichen Wettlauf handelt, und daß ich auch nicht auf einmal in der Literatur finde, ein anderer habe das längst gemacht. Hier fängt eigentlich erst das Vergnügen des Forschens an, wo man mit der Natur sozusagen allein ist und nicht mehr über menschliche Meinungen, Ansichten oder Ansprüche disputiert. Das philologische Moment fällt fort und das philosophische bleibt allein übrig, um mich mehr gelehrt als klar auszudrücken.« Oder am 8. September 1889, einige Wochen vor dem Heidelberger Vortrag: »Ich bin schon sehr unglücklich, daß ich mir den Vortrag in Heidelberg aufgeladen habe, und doktere mit schwerer, saurer Arbeit und viel Zeitaufwand an ihm herum, und was ich herausbringe, ist dennoch meiner Meinung (meiner aufrichtigen Meinung) nach für den Laien unverständlich, für den Fachmann trivial, mir selbst ekelhaft. Leider ist diesmal kein Ausweichen, etwas muß ich sagen.« Am 9. Dezember 1893, drei Wochen vor seinem Tode, schreibt Hertz in seinem letzten Briefe an seine Eltern: »Wenn mir wirklich etwas geschieht, so sollt Ihr nicht trauern, sondern sollt ein wenig stolz sein und denken, daß ich dann zu den besonders Auserwählten gehöre, die nur kurz leben und doch genug leben. Dies Schicksal habe ich mir nicht gewünscht und gewählt, aber wo es mich getroffen, muß ich zufrieden sein, und wenn mir die Wahl gelassen wäre, würde ich es vielleicht selbst gewählt haben.«

 

Einleitung zu den »Prinzipien der Mechanik« (S. 307)

ist sein letztes Werk. Am 3. Dezember 1893, vier Wochen vor seinem Tode, berichtet er seinen Eltern, daß die Einleitung sich im Satz befinde. Die weitere Herausgabe des Werkes wurde dann von seinem Schüler Lenard, dem späteren Nobelpreisträger, überwacht. Diese Einleitung bildet ebenso wie die »Einleitung zu den Versuchen« eine völlig selbständige naturphilosophische Abhandlung, die trotz gelegentlicher Verweise auf das nachfolgende Werk auch aus ihrem Zusammenhang herausgelöst vollen Eigenwert behält.

Julius Robert v. Mayer

 

Bemerkungen über die Kräfte der unbelebten Natur (S. 357)

Diese erste Mitteilung über das Energieprinzip ist zwar in ihrer stilistischen Unbeholfenheit und in der etwas ungeordneten Verwendung der physikalischen Begriffe unvergleichbar mit den vollkommenen Darstellungen von Helmholtz und Hertz. Aber gerade darum ist sie für die Geschichte des wichtigsten naturwissenschaftlichen Grundsatzes besonders interessant. Während Helmholtz und Hertz überall das Bestreben haben, die Entstehung ihrer Gedankengänge auch dem Leser zu entwickeln, geht Mayer in Angleichung an philosophische Stileigentümlichkeiten deduktiv vor, kommt allerdings schon in dieser ersten Arbeit zu einem annähernd richtigen Wert für das Wärmeäquivalent. In dem teilweise wiederabgedruckten Brief an Griesinger ergänzt er seine Darlegung zwei Jahre später durch einen Hinweis darauf, wie er durch Fortentwicklung medizinischer Gedankengänge auf das Energieprinzip gekommen ist. Diese Ausführungen sind zugleich der Beweis dafür, daß auch bei ihm harte methodische Arbeit die Grundlage zu seiner großen Entdeckung gewesen ist.

Es muß in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß Leibniz, der schon die Relativität der Bewegung entgegen der Newtonschen Auffassung erkannt und in ihren Konsequenzen für die Mechanik erfaßt hat, auch das Gesetz von der Erhaltung der Kraft als erster mit größter Klarheit in seinen Streitschriften gegen Clarke, den Verteidiger Newtons, ausgesprochen hat.

Hermann v. Helmholtz

(seit 1882 geadelt) wurde geboren am 31. August 1821 in Potsdam, starb am 8. September 1894 in Charlottenburg. Nach medizinischem Studium am medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut wurde er 1848 Lehrer der Anatomie an der Berliner Kunstakademie, 1849 aus Vorschlag des Physiologen Johannes Müller Professor der Physiologie in Königsberg. 1855 ging er nach Bonn, 1858 nach Heidelberg und wurde dann 1871 Professor der Physik und 1888 Präsident der neugegründeten Physikalisch- Technischen Reichsanstalt in Berlin.

1847 veröffentlichte er seine Abhandlung über die Erhaltung der Kraft, 1850 erfand er den Augenspiegel, schuf dann die Standardwerke der physiologischen Optik und der Lehre von den Tonempfindungen, um sich nach seiner Berliner Berufung immer »ausschließlicher der Physik zuzuwenden. Neben vielen andern Entdeckungen verdankt ihm die Elektrodynamik entscheidende Anregungen. Seine Arbeiten über die mechanische Wärmetheorie und eine Reihe von optischen Problemen sind der Ansatz zu moderner Weiterentwicklung. Auch als Mathematiker und Meteorologe schuf er wichtige Grundlagen.

Heinrich Hertz

wurde am 22. Februar 1858 in Hamburg geboren und starb am 1. Januar 1894 in Bonn. Wurde 1885 Professor der Physik in Karlsruhe, von wo er 1889 nach Bonn berufen wurde. Als Schüler von Kirchhoff und Helmholtz hat er trotz seines quälenden Leidens in der letzten Zeit seines Lebens in wenigen Jahren mit seinen für die Funktechnik bedeutungsvollen Untersuchungen über die Elektrizität, die von einer Reihe anderer physikalischer Untersuchungen umrahmt sind, und durch seine Prinzipien der Mechanik entscheidende Ergebnisse zum Aufbau der modernen Physik beigetragen.

Julius Robert v. Mayer.

(seit 1867 geadelt) wurde geboren am 25. November 1814 in Heilbronn und starb ebendort am 20. März 1878. Auf einer Reise als Schiffsarzt nach Batavia beobachtete er zuerst die Erscheinungen, die er in unermüdlicher Arbeit zu dem Gesetz von der Erhaltung der Energie ausbaute. Seine Priorität, die lange unter dem Schatten von Helmholtz unbeachtet blieb, wurde erst spät anerkannt, obgleich er selbst schon von Anfang an die umfassende Bedeutung seiner Entdeckung erkannt und nach allen Seiten zu belegen versucht hat.

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