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Gutenberg > Klabund >

Rasputin

Klabund: Rasputin - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleRasputin
authorKlabund
year1929
publisherPhaidon Verlag
addressWien
isbn
titleRasputin
pages1-18
created20020226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1929
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Rasputin

Jefimy, der Vater Grigorys, den man später Rasputin nannte, war Knecht bei der staatlichen Pferdepost,

die in einer eisenbahnarmen Gegend des inneren Rußland, im Gouvernement Tobolsk, verkehrte.

Schnee im Winter, weiße, weite Fläche,

heißa die Troika,

Oft von Wölfen bis zu den ersten Häusern verfolgt –

Graugrüne Steppe, graue, weite Fläche im Sommer –

Über Stock und Stein trieb Jefimy die rumplige Kalesche,

und entsetzt sahen die Passagiere oft aus den Fenstern,

wie der rumplige Kasten mit ihnen durchging.

Grigory, Bauernschädel wie sein fünfzigjähriger Vater, zwanzigjährig, half dem Vater beim Pferdetränken und Pferdestriegeln, fiel auch wohl der Post in die Zügel, wenn sie gar zu wild daherstürmte.

Jefimy war einem guten Tropfen Wodka nicht abgeneigt.

Grigory, der Junge, liebte ebenfalls den Wodka,

die Pferde,

den Tanz

und die Mädchen.

Er strich um die Bauerndirnen mit den bunten Kopftüchern,

sie höhnten ihn: Rasputnik: das heißt Wüstling – woher er seinen Namen bekam,

und sehnsüchtig sah er zuweilen bei vornehmen reisenden Damen in der Postkutsche nach.

Seine Freunde waren Ossip und Porfiri. Aber sein leichter Sinn hinderte ihn nicht, naiv vor jedem Christusbild sich zu bekreuzen,

dem Popen die Hände zu küssen,

und jeden Sonntag geputzt in die Messe zu gehen, wobei er mehr nach den hübschen Mädchen als nach dem Geistlichen sah.

Grigory war damals ein echter Muschik, ein Bauer, wie es fünfzig Millionen davon in Rußland gab:

leichtgläubig und leichtsinnig, listig und lustig, verderbt und fromm.

Er glaubte an Gott.

Er glaubte an den Teufel.

Er glaubte an den Zaren, den Mittler zwischen Gott und Mensch.

Und er glaubte an sich.

Seit Jahrhunderten geht die Sehnsucht des Muschik nach »Land«, nach eigenem Grund und Boden. Seit Jahrhunderten ist er der Knecht des Großgrundbesitzers, dem das Land gehört.

Bei dem Dorfe Pokrowskoje, wo Grigory daheim ist, liegt das Gut Pokrowskoje,

das dem Baron Akim gehört.

Der Baron hat eine junge, jetzt zehnjährige Tochter, Irina genannt, zu der ihr jetzt zwölfjähriger Vetter Felix Jussow in die Schulferien zu Besuch kommt.

Sie spielen zusammen.

Sie sehen einander gern.

Sie rudern zusammen auf dem Schloßteich. Irina beugt sich aus dem Kahn zu den Wasserrosen –

Sie beugt sich immer weiter –

Sie stürzt ins Wasser –

Grigory, der seine Pferde zur Tränke trieb, bemerkt das mit den Wellen ringende Kind.

Er wirft sich ins Wasser,

er rettet die Kleine.

Er bringt sie auf seinen Armen ins Schloß.

Er trieft vor Wasser.

Steht nun triefend im Salon.

Irinas Mama ist indigniert.

Betrachtet ihn mit dem Monokel –

Er ruiniert ihr den ganzen Salon,

der Muschik.

Das Kind ist ja gerettet.

Er kann gehen.

Ach so – man muß ihm wohl eine gewisse Belohnung geben –

Sie reicht ihm ein Zehnkopekenstück.

Grigory sieht erst das Geld – dann sie an –

wirft ihr das Geld vor die Füße,

geht ohne Gruß. –

Jefimy, Grigorys Vater,

liebt einen guten Tropfen Wodka.

Eines Tages hat er wieder ein Gläschen zuviel getrunken.

Er hatte von einem reichen Fahrgast ein hübsches Trinkgeld bekommen, und trank auf jeder Station ein Gläschen.

Er nickte bei der Heimfahrt auf dem Kutschbock ein,

und als Grigory ihn auf der Heimatstation empfing,

fehlte ein Pferd –

Räuber hatten es ihm unterwegs ausgespannt.

Jefimy wurde wegen »Veruntreuung staatlichen Eigentums« angeklagt und zu Gefängnis verurteilt.

Völlig gebrochen ging er ins Gefängnis.

An seine Stelle trat nunmehr Grigory als Postillon.

Singend,

peitschenknallend,

fuhr er über Land

die feinen Herren

und die schönen Damen.

Eines Tages hatte er Sehnsucht,

die kleine Irina wiederzusehen,

die für ihn den Inbegriff des höheren Lebens bedeutet.

Er geht bis zum Parkgitter,

sucht sie.

Er pflückt Blumen,

einen Strauß.

Da kommt der Gutsbesitzer, Baron Akim, des Weges:

»Was suchst du da?«

»Ich pflücke Blumen –«

»Das ist mein Grund und Boden:

Bauernlümmel! Und alles, was darauf wächst, ist mein! Wirf die Blumen fort!«

Er zögert.

Der Baron entreißt ihm den Strauß,

die einzelnen Blüten fallen zur Erde.

Grigory sieht ihnen nach.

Er hat eine einzige Blüte behalten.

Der Gutsbesitzer geht,

köpft mit seinem Stock die Butterblumen am Wege.

Irina kommt.

Er nimmt sie auf seine Knie.

Er schenkt ihr die einzige Blume,

Die ihm noch geblieben.

Sie zerpflückt sie.

Sie lächelt.

Er lacht.

Er lacht grimmig.

Sie hört auf zu lächeln.

Sie erschrickt vor ihm.

Er stellt sie auf den Boden.

Der kleine Vetter, Felix Jussow, kommt herbeigelaufen.

Er zieht Irina mit sich fort,

die verstohlen noch nach Grigory sich umblickt.

Jussow: »Laß den schmutzigen Bauern!«

Grigory reckt ihm seine Faust nach.

Eines Tages große Aufregung im Postgebäude von Pokrowskoje:

für eine hochgestellte Person wird an der Station Tobolsk eine Extrapost verlangt.

Wen soll man an den Bahnhof schicken?

Grigory, der Sohn eines Sträflings, kann man der hochgestellten Person nicht zumuten.

Der Postmeister selber, obwohl er lange nicht mehr mit Pferden gefahren,

wirft sich in Gala,

Grigory spannt die Pferde ein,

der Postmeister fährt zur Station.

An dem kleinen Bahnhof entsteigt dem Zug

Anna Wyrubowa,

Hofdame der Zarin,

die gekommen ist, dem Kloster von Pokrowskoje einen Besuch abzustatten und dort fromme Übungen zu verrichten.

Der Postmeister fährt sie nach dem Kloster,

die Pferde gehen durch,

er kann sie nicht bändigen –

da kommt Grigory des Weges,

er fällt den Pferden in die Zügel,

er hat Anna Wyrubowa gerettet.

Sie schenkt ihm ein byzantinisches Christusbild zum Dank und Andenken. Rasputin findet, daß das Bild ihm ähnlich sieht –

Sie forscht nach seinem Namen:

»Wie heißt du?«

»Ich heiße Grigory Rasputin« –

Sie schreibt sich den Namen in ihr kleines Notizbuch.

»Fahr du mich weiter!«

Er fährt sie zum Kloster.

Der Postmeister hat das Nachsehen. –

Von diesem Tage an geht eine Wandlung mit Rasputin vor.

Er geht in seiner Kammer nachdenklich auf und ab.

Er stößt Lisaweta, das Bauernmädchen, das ihn liebt, von sich:

»Geh! Schmutziges Ding du!

Werde ganz andere Liebste haben als dich!« –

Er betrachtet das Heiligenbild, das ihm die Hofdame geschenkt.

Er drückt es an seine Lippen.

Er geht zu dem Abt des Klosters:

»Väterchen, du kannst lesen und schreiben – lehre es mich!

Will dir Rubelchen geben!«

Der Abt erkennt den Burschen, der die Hofdame zu seinem Kloster gebracht.

Die Hofdame hat ihm von Rasputin erzählt.

Rasputin kann ihr Günstling,

ein Günstling des Hofes werden,

wer weiß?

Der Abt gibt ihm Unterricht, lehrt ihn an der Hand der Bibel buchstabieren:

G–o–t–t–

Eifrig liest er dann in der Bibel.

Rasputins heller Kopf lernt schnell.

Bald schreibt er seinen ersten Brief,

mit ungelenken Schriftzeichen,

an die kleine Irina:

»Hast Du Deinen Dich liebenden Onkel Grigory vergessen?

Gottes Segen über Dich!«

Rasputin fängt eine Taube vom Gut,

mit der Irina zu spielen pflegt.

Er bindet ihr den Brief um den Hals,

läßt sie fliegen.

Sie fliegt zu Irina,

die erstaunt den Brief liest –

nach Grigory Ausschau hält –

Da kommt ihre Mama,

sieht den Brief,

liest ihn,

zerreißt ihn,

zerrt das Kind mit sich fort.

Der alte Jefimy kommt aus dem Gefängnis zurück.

Niemand will ihn kennen.

Grigory begegnet ihm in der Steppe,

während er die Post kutschiert.

Grigory: »Jetzt bin ich der Postillon!

Ich kenn dich nicht mehr! Scher dich zum Teufel!«

Er schwingt die Peitsche.

Der Alte wandert weiter.

Einige Jahre vergehen.

Irina kommt nach Moskau in die Pension.

Felix Jussow tritt als Kadett ins Heer.

Rasputin kutschiert seine Post.

Er wartet seiner Stunde.

Die Regierung, die bei den bevorstehenden Wahlen zur Duma die Bauern für sich gewinnen will, sendet den Oberpriester Wostorgow als Agitator in die entlegensten Teile Rußlands.

So kommt er auch in das Gouvernement Tobolsk, wo ihn Rasputin mit der Pferdepost von der Bahn abholt

und nach Pokrowskoje bringt.

Im Schulgebäude spricht Wostorgow über die Ziele der Regierung.

Viele Bauern sind anwesend.

Sie sitzen auf den niedrigen Schulbänken. Die Tafel steht noch von der Schulstunde da, mit Zeichen beschrieben.

Auch der Gutsherr von Pokrowskoje ist anwesend, der Baron Akim.

Er nickt beifällig zu den Ausführungen Wostorgows.

Die Bauern versuchen angestrengt, ihm zu folgen.

Da unterbricht eine Stimme den Redner:

»Wann – werden – die – armen – Bauern – Land – bekommen?«

Alles dreht sich um.

Der Baron empört.

Der Redner grinst verlegen.

Rasputin hat den Zwischenruf gemacht.

Er wiederholt ihn.

Bravo der Bauern.

Der Redner spricht:

»Gehorcht dem Zaren und gebt dem Zaren, was des Zaren ist – und der Bauer wird bekommen, was des Bauern ist.«

Der Baron klatscht in die Hände.

Die Bauern sind unzufrieden.

Da löst sich Rasputin aus der Menge und steigt aufs Katheder.

Er fegt den Oberpriester mit einer Handbewegung herunter und spricht

stockend,

ungalant,

aber mit lebendigen Bewegungen und Gesten.

Er spricht, daß Gott die Erde den Menschen allen zur Nutznießung gegeben habe – nicht nur einzelnen –

Der Baron ist empört –

die Bauern lauschen erregt –

Und er spricht weiter:

»Wenn der Zar den Bauer liebt, wie der Bauer den Zaren: so schenkt er ihm Land und Erde, Erde und Land und nimmt es aus den seinen Händen der wenigen und gibt es in die schwieligen Hände der vielen –«

Der Baron springt zornig auf –

Die Bauern begeistert:

Sie tragen Rasputin auf ihren Händen in seine Wohnung:

»Bravo, Grischka, du hast recht! Du sollst in die Duma! Du bist einer der Unseren! Gib's dienen da oben!«

Grigory Rasputin ist in seinem Dorfe berühmt geworden.

Die Bauern scharen sich um ihn,

sie drücken ihm die Hand.

Nur der Baron Akim macht einen weiten Bogen um ihn.

Oberpriester Wostorgow ist nach Moskau zurückgekehrt und erstattet dem Wahlkomitee Bericht.

»Wenn man Erfolg haben will, braucht man Agitatoren aus dem Bauernstande selbst!«

Und er berichtet von dem schlagfertigen Muschik Grigory Rasputin im Bezirk Tobolsk,

der ungebildet und dumpf,

aber ein suggestiver Redner sei.

Man müsse ihm nur das beibringen,

was er dann reden solle –

so würde man in ihm eine unschätzbare Hilfe haben.

Der Vorsitzende des Komitees lacht:

»Man zähmt einen Elefanten, um dann die ganze Herde zu fangen!«

Wostorgow: »Ganz recht!«

Es geht ein Telegramm an das Gouvernement Tobolsk, den Postknecht Grigory Rasputin aus Pokrowskoje sofort nach Moskau zu schicken.

Der Gendarmerie ist das öffentliche Auftreten Rasputins in der Versammlung gegen den Oberpriester Wostorgow bekannt.

Grigory Rasputin wird nachts aus dem Bett heraus von Gendarmen verhaftet, die ebenso wie die Bauern glauben, er solle in Moskau vors Gericht.

Er wird in Ketten gelegt.

Bauern und Bäuerinnen küssen ihm die Hände.

Er wird in viele Tage langer Fahrt

im Viehwagen

zwischen Kälbern und Schweinen,

von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett begleitet, nach Moskau transportiert.

Er bekommt aus demselben Eimer Wasser zu saufen wie das Vieh, schmutzig,

mit struppigem Bart

kommt er in Moskau an –

Da erwartet ihn auf dem Bahnhof

Wostorgow

und einige Damen des Komitees,

denen Wostorgow von dem sonderbaren Muschik erzählt –

Wie ein Märtyrer entsteigt Rasputin dem Wagen – ungepflegt – struppig – schmutzig –

Wostorgow begrüßt ihn

das Mißverständnis von seiner Verhaftung klärt sich auf.

Die Ketten werden ihm abgenommen.

Er wird im Triumph an einen Wagen geleitet.

Rasputin schlägt die Pferde mit der Hand auf die Flanken –

»Verstehe etwas von Pferden«,

sieht sich im Kreise um,

»und Menschen!«

Fährt durch die Straßen der großen Stadt. Erstaunt blickt Rasputin

die eleganten Läden,

die hohen Häuser,

die vielen Menschen,

die prächtigen Kathedralen,

den Reichtum,

die Armut,

das Getriebe.

Dämmerung.

Lichter blitzen auf, zehn, hundert, tausend.

Im Haufe Wostorgows.

Wostorgow mustert ihn von oben bis unten: »So kann ich dich den vornehmen Herrschaften nicht präsentieren.« –

Er führt ihn ins Badezimmer, das Rasputin mißtrauisch mustert.

Es wird ein Bad gerüstet,

Rasputin in die Wanne gesteckt.

Wostorgow selbst bürstet ihn ab.

Ein Dienstmädchen bringt ein seidenes Russenhemd,

Hosen, langen Rock, hohe schwarze Stiefel – Rasputin zieht sich an.

Wostorgow hängt ihm noch ein Kreuz um den Hals.

»Jetzt siehst du sehr würdig drein,

Grigory Rasputin! Komm!«

Tee bei der Gräfin Ignatiew.

Viele vornehme Damen.

Auch Anna Wyrubowa, Hofdame der Zarin.

Gespannte Erwartung

auf den angekündigten Bauern,

den Muschik,

den Sohn der russischen Erde,

von dem, wie Dostojewski einst geweissagt hat,

das Heil Rußlands kommen soll.

Rasputin wird gemeldet.

Wostorgow geht voraus,

Rasputin wartet allein im Vorzimmer.

Dort hängt ein Bild der Menschenmutter

Eva in Lebensgröße,

eine nackte weibliche Gestalt.

Rasputin betrachtet erst verwundert

dann erfreut

das Bild,

zieht aber plötzlich sein Messer aus dem Stiefelschaft und schneidet der Figur ein Kreuz in die nackte Brust.

Die Gräfin Ignatiew kommt ihn holen –

Rasputin weist auf das Bild:

»Es ist nicht wohlgetan, die Menschenmutter Eva nackt allen lüsternen Blicken preiszugeben –«

und er schlägt das Kreuz über das Bild.

Die Gräfin ist ob solcher naiver Frömmigkeit gerührt:

»Ich will das Bild morgen auf den Speicher bringen lassen.«

Rasputin, mit großer Geste:

»Nein – jetzt – heute – sofort!«

Die Gräfin, fasziniert, klingelt.

Zwei Diener treten ein.

Sie gibt den Befehl.

Die Diener heben das Bild ab –

Da erkennen sie den kreuzförmigen Schnitt –

Die Gräfin tritt näher –

Wo Rasputin das Kreuz über das Bild geschlagen,

ist ein kreuzförmiger Schnitt im Bild:

Ein Wunder,

ein Wunder ist geschehen

Und ein Wundermann,

ein heiliger, uns erstanden!

Im Salon der Gräfin entsteht eine ungeheure Aufregung.

Alle Damen betrachten das Bild.

Auch Anna Wyrubowa.

Da tritt Rasputin auf sie zu,

legt die Hand auf ihren Arm:

»Erkennst du mich?« (Er duzt nach Bauernsitte alle Menschen.)

Sie zögert –

»Kannst du dich nicht besinnen? – Ich habe dir einmal das Leben gerettet!«

Und er zieht das Heiligenbild hervor,

das Anna Wyrubowa ihm einst gegeben – Anna Wyrubowa:

»So wart Ihr der Heilige, der in Gestalt eines Postknechtes den durchgehenden Pferden in die Zügel fiel?«

Sie küßt ihm die Hand.

Alle drängen sich um ihn.

»Segne uns, Väterchen!«

Unter den Damen ist auch

Irina.

Eine Verwandte der Gräfin Ignatiew.

Sie ist sechzehn Jahre alt geworden.

Schön,

strahlend.

Rasputin tritt auf sie zu:

»Irina – Täubchen – auch dir habe ich einmal das Leben gerettet – im Weiher –«

Irina errötet.

Sie fühlt seine faszinierenden Augen auf sich gerichtet.

Ihr wird schwindlig.

Sie tritt zurück.

Wostorgow kommt gar nicht mehr zur Geltung.

Der Plan mit dem »Bauernagitator« wird gar nicht mehr erwähnt.

Denn statt dessen ist ein neuer Heiliger aufgetaucht,

aus niederem Stande, wie einst Christus selbst.

Die vornehmen Damen der Residenz reißen sich darum,

ihn zum Tee bei sich zu haben.

Es geht eine sonderbare mystische Kraft von ihm aus.

Er beginnt bei den Gesellschaften zu predigen, mit einfachen,

leicht faßlichen,

suggestiven Worten,

die bei der verderbten Moskauer Gesellschaft auf fruchtbaren Boden fallen.

So predigt Rasputin:

»Hat Christus nicht gesagt, ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen – und nicht die Gerechten? Um Buße zu tun – muß man zuvor sündigen: Und wie befreit man sich am heiligsten von der Sünde? Indem man sie tut! Wie befreit man sich von der Feuersbrunst der Begierde? Indem man sie löscht!«

Gebannt hängen die Blicke der Damen an seinen Lippen, die solche lästerliche Worte von sich geben.

Grigory Rasputin kommt nach Hause,

in die kleine Wohnung,

die seine Verehrerinnen eingerichtet.

Geht an den Spiegel.

Sieht hinein.

Will sich sehen,

sich erkennen.

Wer bin ich?

Ein guter Mensch?

Ein Heiliger?

Ein Teufel?

Er zieht Grimassen vor dem Spiegel.

Seine eigenen Augen faszinieren ihn.

Da hört er Musik vom Hof herauf.

Geht an das Fenster.

Hofsänger singen ein russisches Lied.

Er lächelt,

er lacht.

Und plötzlich beginnt er zu tanzen.

Wild –

Immer wilder,

bis er erschöpft im Sofa zusammenbricht.

Es klopft an seine Tür.

Mehrmals.

Das Dienstmädchen bringt den Tee.

Er umarmt sie, daß das ganze Geschirr zu Boden fällt.

Sie läßt sich widerstandslos in seine Arme gleiten.

Irina trifft sich mit Jussow.

Sie reiten zusammen aus.

Irina erzählt von Rasputin.

Jussow schwingt verächtlich seine Gerte:

»Er ist ein Schwindler!

Ein Betrüger!«

Irina trifft bei einem Morgenritt, als sie allein reitet, zufällig im Park auf Rasputin. Sie will an ihm vorbereiten,

da ruft Rasputin dem Pferd einige Worte zu. Und das Pferd bleibt zitternd stehen und ist auch mit der Peitsche und den Sporen nicht vorwärts zu treiben.

Rasputin lächelt:

»Irina, Täubchen, du mußt einmal zu mir kommen, beichten – oder bist du kein sündiger Mensch?«

Irina: »Ihr seid kein Priester! Ihr habt nicht die Weihen!«

Rasputin: »Aber die Gnade Gottes hat mir die Priesterschaft verliehen!«

Er gibt dem Pferd einen Streich.

Das Pferd galoppiert von dannen.

Rasputin sieht Irina nach.

»Die körperliche Reinigung«, so predigt Rasputin, »hat mit der seelischen Reinigung Hand in Hand zu gehen.«

Eine der russischen Badestuben.

Ein Dutzend Damen um Rasputin versammelt.

Er predigt.

Es ist heiß in der Badestube.

Er wirft seinen Überrock ab.

Alle Frauen geraten in Ekstase.

Er tauft sie neu.

Er spritzt das Wasser über ihre eleganten Kleider,

die sie sich dann herunterzureißen beginnen.

Sie tanzen rasend,

halbnackt

um ihn herum,

der sie blasphemisch segnet.

Da

wird die Tür aufgerissen,

Polizei.

Der Priester Wostorgow,

Angewidert von Rasputins Treiben,

hatte sich mit der Polizei in Verbindung gesetzt.

Die halbnackten Damen,

nur ihre Pelze übergeworfen,

werden von den Polizisten ironisch

durch den Schnee

zu ihren Schlitten geleitet,

Rasputin selbst verhaftet

und in ein entlegenes Kloster verschickt

am Weißen Meer.

Ein Skopzenkloster.

Rasputin im Skopzenkloster.

Er tut eifrig mit als Laienbruder:

Messe und Liturgie,

und lernt noch manches von den heiligen Gebräuchen.

Die Skopzen versuchen ihn zu überreden, in ihre Gemeinschaft zu treten und sich entmannen zu lassen.

Rasputin: »Nein – Gott hat Mann und Weib geschaffen – den Kapaun hat er nicht gemacht...«

Die »Rasputiniade«, die so viel Staub in der russischen Gesellschaft aufgewirbelt, scheint zu Ende.

Irina atmet wie befreit auf.

Irina und Jussow, der zum Leutnant im Wolhynischen Reiterregiment avanciert ist, lieben einander.

Er gesteht ihr seine Liebe.

Petersburg – das nördliche Venedig –

Kanäle – gewölbte Brücken –

ein magischer Traum –

Der Zar lebt mit der Zarin, der schönen Alexandra, der Niemka, »der Deutschen«, in glücklicher Ehe.

Vier Töchter, eine schöner als die andere, sind der Ehe entsprossen:

Olga, Tatjana, Maria, Anastasia.

Aber den ersehnten Sohn,

den Thronfolger,

hat ihnen der Himmel versagt.

Die Ärzte werden befragt.

Sie wissen keinen Rat.

In der Verzweiflung ruft die mystisch veranlagte Zarin allerlei Wundermänner, Zauberer an den Hof,

die Hexe Darja,

den Doktor der tibetanischen Medizin:

Hadmajew,

den »heiligen Idioten« Kolja: einen tauben, verstümmelten, buckligen Zwerg.

Jeder verspricht ihr durch seinen frommen Zauber »den Sohn«.

Vergeblich.

Die Zarin verfällt in schwere Melancholie.

Anna Wyrubowa, die Hofdame, ist bei der Zarin.

Anna Wyrubowa, die noch immer an Rasputin glaubt.

Anna Wyrubowa spricht mit der Zarin:

»Es gibt einen Menschen auf der Welt, einen Heiligen, der Euer Majestät zu helfen vermag –«

Die Zarin lächelt gequält.

»Nenne seinen Namen!«

Anna Wyrubowa: »Rasputin!«

Die Zarin: »Ich habe von ihm gehört. Er ist ein unheiliger Mensch und wegen seines lästerlichen Lebens in ein Kloster verbannt worden –«

Anna Wyrubowa: »Zu Unrecht! Laßt ihn rufen! Er wird euch helfen durch die Kraft seines Gebetes!«

Die Zarin verbringt eine schlaflose Nacht.

Der Zar am Morgen an ihrem Bett.

Er reitet zu einer Truppenparade.

Die vier Prinzessinnen sagen der Mutter guten Morgen.

Badmajew, der tibetanische Arzt,

Darja, die Hexe,

Kolja, der Krüppel,

erscheinen –

Sie weist sie hinaus.

Sie läßt sie aus dem Palast werfen,

peitschen,

jagt sie davon wie Hunde –

Anna Wyrubowa erscheint.

Die Zarin: »Rufe mir Rasputin!«

Anna Wyrubowa frohlockt.

Sie schickt ein Telegramm an Rasputin,

Mit dem Rasputin im Kloster prahlt –

»Die Zarin ruft Euch. Haltet Euch bereit!«

Es kommt ein Flugzeug aus Petersburg.

Es geht in den Klosterwiesen nieder.

Verwundert laufen die Mönche herbei,

betrachten den Eisenvogel –

Der Pilot ist beauftragt,

Rasputin so schnell als möglich nach Schloß Zarskoje Selo zu bringen.

Rasputin segnet das Flugzeug,

Segnet die Mönche.

Dann steigt er ein.

Das Flugzeug erhebt sich in die Lüfte.

Geht in Zarskoje Selo nieder,

gerät in Baumkronen,

zerbricht,

zersplittert,

Der Pilot bricht sich das Genick.

Wie durch ein Wunder entgeht Rasputin dem Tode.

Wie ein Phönix der Asche,

entsteigt er dem zerschmetterten Flugzeug, geht durch den Park,

die Pappelallee herauf,

kommt von der Rückseite des Schlosses zu dem Gemach der Zarin,

wo ein riesiger Äthiopier Wache hält.

»Sage der Zarin, Rasputin ist da!«

Anna Wyrubowa hat die Stimme Rasputins gehört.

Sie öffnet die Tür,

läßt Rasputin eintreten,

der voller Würde

an das Bett der Zarin tritt.

Er streichelt ihr unbefangen die Hand.

»Was willst du? Du hast mich rufen lassen!«

Die Zarin angstvoll:

»Man sagt, Ihr seid ein Heiliger und habt die Gabe, in die Zukunft zu sehen. Ich bin so oft betrogen worden. Sagt: werde ich einen Sohn haben?«

Rasputin winkt Anna Wyrubowa:

»Laß uns allein! Sorge, daß wir nicht gestört werden!«

Rasputin allein mit der Zarin, die er mit seinen großen Augen lange ansieht,

dann streicht er ihr mit der Hand über die Stirn:

»Du – wirst – einen – Sohn – haben –

Du – wirst – einen – Sohn – haben –«

Nach einigen Wochen fühlt sich die Zarin Mutter.

Im Palast herrscht größte Aufregung.

Der Zar ist zärtlich besorgt.

Rasputin lebt zurückgezogen in Petersburg. Nur manchmal führt ihn die Wyrubowa zur Zarin,

die an ihn zu glauben beginnt

wie an einen Starost.

Nach neun Monaten –

Ein Hin und Her von Ärzten und Hebammen im Palais –

alles geht auf Zehenspitzen –

Die Stunde der Geburt naht –

Die Zarin gebärt einen Sohn!

Den langersehnten Thronfolger.

Jubel im Palast.

Alles umarmt sich.

Jubel im Volk.

Illumination in den nächtlichen Straßen.

Die glückselige Zarin

hält im Steckkissen

den Sohn an sich gepreßt –

sie weint vor Glück –

Der Zar ist überglücklich –

er empfängt zum erstenmal

Rasputin,

nimmt ihn bei beiden Händen

und verleiht ihm das Amt eines kaiserlichen »Bewahrers der ewigen Lampen«.

Auch der Zar

glaubt fürder an Rasputins übersinnliche Kräfte,

während im Volk

da und dort

Gerüchte auftauchen,

als wäre der Zar

nicht der Vater des Zarewitsch –

Auch Irina,

jetzt zur Hofdame der Kaiserin avanciert,

hört von den Gerüchten,

erzählt Jussow davon –

und wie sie einmal,

hinter einer Säule,

zufällig beobachtete,

wie Anna Wyrubowa Rasputin heimlich zur Zarin führte.

Jussow schließt ihr mit der Hand den Mund: »Die Wände haben Ohren! Schweig!

Und behalte Rußlands Schande für dich –«

Die Gegner Rasputins sind durch das Eintreffen seiner Prophezeiung,

daß die Zarin einen Sohn gebären würde, geschlagen.

Rasputin steht hoch in Gunst

bei Zar und Zarin,

vergeblich versuchen einige Großfürsten,

wie Nikolaj und Dimitrij,

den Zaren zu warnen.

Sie sprechen tauben Ohren.

Die Höflinge versuchen

Rasputins Gunst zu gewinnen,

der,

in Sicherheit gewiegt durch die Gnade der Majestäten, sein altes Leben mählich wieder beginnt.

Nächte lang bringt er, mit Zechkumpanen, »bei den Zigeunern« zu,

in der verrufenen Villa Rhode,

trinkt,

tanzt,

macht den Zigeunerinnen täppische Liebeserklärungen.

Er predigt:

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. – Ich liebe mich sehr. – Also muß ich euch alle auch sehr lieben. Ihr, meine Nächsten –«

 

Die Zarin führt den Thronfolger im Park spazieren.

Irina ist bei ihr.

Rasputin kommt.

Tändelt mit dem Kind.

Die Zarin bemerkt Rasputins Interesse für Irina, »das Täubchen«.

Eifersucht erwacht in ihr.

Rasputin hat jetzt eine Wohnung,

wo er von Bittstellern aller Art überlaufen wird.

In seinem Vorzimmer gibt sich halb Petersburg ein Rendezvous:

Beamte, die Karriere machen wollen,

allein oder durch eine hübsche Frau,

Bankiers, die Rasputin bestechen wollen,

Offiziere, Studenten, Bauern, Arbeiter, Popen, Frauen aller Stände, Dirnen, Damen der Gesellschaft, die Abenteuer suchen.

Viele haben Bittzettel in den Händen. Andere beten den Rosenkranz. Hin und wieder öffnete sich die Tür im Hintergrund und Rasputin erscheint.

Rasputin hat zwei Sekretäre, seine Jugendfreunde Ossip und Porfiri,

feine Saufkumpane.

Stolz auf seine Macht,

hilft er aus Eitelkeit gern.

Er kritzelt seine Wünsche auf abgerissene Zettel,

Anweisungen an die Minister.

Er macht Minister.

Er stürzt Minister.

Er, der einfache Muschik, ist zur höchsten Machtstufe emporgestiegen.

Zar und Zarin lauschen seinem Rat.

Der Thronfolger Alexej wächst heran.

Der Matrose Derewenko trägt ihn auf seinen Armen.

Der Zar und Zarin lieben den Zarewitsch abgöttisch –

der von zartester Gesundheit ist.

Der kleine Zarewitsch hängt an »Onkel Grischa«, an Rasputin, der ihm allerlei Märchen erzählt,

mit ihm spielt,

ihn auf sich reiten läßt.

Der europäische Himmel bewölkt sich. Klarer Himmel, an dem ein Gewitter aufzieht.

Blitz und Donner.

Der österreichische Thronfolger ist in Sarajewo von einem Serben ermordet worden. Auf der Straße werden Extrablätter ausgerufen, die sich die Menschen aus den Händen reißen.

Lähmendes Entsetzen und furchtsame Erwartung des Kommenden.

Thronrat in Petersburg.

Der Zar steht am Fenster seines Arbeitszimmers und sieht zum Himmel auf, der sich jäh verfinstert.

Diener bringen Kerzen.

Die Minister versammeln sich.

Kriegsminister: »Wir dürfen dem Krieg nicht ausweichen! Wir sind gerüstet.«

Innenminister: »Wir haben den Krieg nötig, um den Ausbruch innerer Unruhen zu verhindern. Die Bauernfrage ist noch immer nicht gelöst.«

Der Zar, unschlüssig, beißt sich auf die Lippen.

Zarin kommt herein: »Was willst du tun?«

Der Zar zuckt die Achseln.

Er steht am Fenster und sieht dem Gewitter zu.

Die Zarin: »Frage den Wundermann, frage ihn, der uns so oft die Wahrheit gekündet!«

»Rasputin?«

»Ja!«

»Wo ist er?«

»Er wartet draußen.«

Zar: »Laß ihn herein –«

Rasputin kommt.

Schiebt Zeremonienmeister und Diener beiseite,

tritt hochaufgerichtet ins Zimmer,

Er mustert der Reihe nach jeden

mit seinen großen Augen,

Tritt zum Kriegsminister:

»Du bist ein Dummkopf!«

Verlegenheit des Kriegsministers –

Rasputin tritt zum Innenminister:

»Du bist ein Dummkopf!«

Ärger des Innenministers.

Rasputin tritt zum Zaren:

»Du bist –«

lächelt –

»– der Herr über Krieg und Frieden! Wähle den Frieden! Der Krieg wird Rußland vernichten! Liebet eure Feinde! Der Krieg beleidigt Gott! Und denke an eins, was ich dir jetzt sage: Wenn ich nicht mehr sein werde, wirst du auch nicht mehr sein!«

Geht hochaufgerichtet ab,

schlägt die Tür hinter sich zu.

Alle bleiben erstarrt zurück.

Die Zarin: »Das Volk hat gesprochen! Es war des Volkes Stimme!«

Der Kriegsminister nimmt die Erklärung der Mobilmachung aus seiner Aktentasche, bittet den Zaren zu unterzeichnen –

der Zar nimmt das Dokument,

liest,

nimmt den Federhalter,

wirft den Federhalter fort,

geht.

Rasputin bei Ossip und Porfiri,

seinen Kumpanen.

Sie saufen.

Ossip – »Du hast ihnen den Frieden empfohlen? Im Krieg lassen sich allerlei Geschäftchen machen.«

Rasputin: »Mich dauert das Blut der armen unschuldigen Menschen, das fließen wird – um nichts –«

Rasputin legt das Haupt auf den Tisch.

Die beiden andern erheben sich leise und gehen.

Konferenz der Minister.

Polizeiminister: »Wir werden das Attentat eines Deutschen auf den Zaren inszenieren?«

Kriegsminister,

Innenminister,

Leuchten auf: »Ein trefflicher Gedanke!«

Der Zar erhält täglich Drohbriefe –

sie stecken früh in seiner Litewka,

mittags bei Tisch unter seinem Kuvert.

Sie sind von der Ochrana, der Geheimpolizei,

selbst hineingeschmuggelt.

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