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Valentin Williams: Ramosi - Kapitel 8
Quellenangabe
authorValentin Williams
titleRamosi
publisherGeorg Müller
printrunbis 10. Tausend
yearo.J.
translatorOtto Klement
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2017010
projectidfa10eaa5
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In der Verborgenheit des großen Hotelparks zu Cannes steht zwischen der hohen Gartenmauer und dem steil zur Straße abfallenden Fels eine einsame Bank, von der aus man durch künstlich gestutzte Pinien einen Zipfel blauen Himmels und des noch blaueren Meeres erhaschen kann. Es ist ein stilles Fleckchen, denn es liegt hinter den Tennisplätzen, die für die meisten Gäste die Grenze ihrer Entdeckungsreisen bilden. Die alten Pinien schützen vor Zugwind, und die Lage gen Süden gönnt der Sonne freien Zutritt. Wenn es am grauesten Tage nur irgendwo einen Sonnenstrahl gibt, so scheint er gewiß in diese verwunschene Nische. Die milde Luft duftet nach Harz und tönt melodisch vom Summen der Bienen. Hin und wieder klettern schlanke Eidechsen hurtig über das glatte Gestein.

Sturm und Regen hatten die ganze Nacht bis in den späten Vormittag getost. Aber um die Mittagshöhe trocknete der Himmel seine Tränen, und nun gleißte die Sonne hervor und wandelte all die feuchten Tropfen an Strauch und Blumen in schimmernde Diamanten.

Joan Averil hatte dies friedliche Plätzchen am Tage ihrer Ankunft entdeckt. Der Zauber seiner Ruhe hatte ihr in manch öder Stunde Trost gespendet. Wieder saß sie jetzt dort und genoß den würzigen Geruch der Pinien und des nassen Grases, das nach satter Erde duftete, genoß Sonne und leuchtendes Meer und lauschte beglückt dem Zwitschern der Vögel in den Bäumen.

Vier Uhr war es erst, doch ihre Gedanken eilten sehnend um eine Stunde voraus. Denn um fünf Uhr hatte Dave versprochen zu kommen. Zeitig in der Frühe schon hatte er mit ihr telephoniert, und der tiefe Klang seiner Stimme schuf ihr süße Erregung und seligen Frieden zugleich.

Ob sie geschlafen habe, fragte er. Ein wenig. – Ob sie sehr müde sei nach dem wilden Abenteuer von gestern? O ja, einigermaßen. – Er müsse sofort nach Nizza fahren, erklärte er, weil Ardisson darauf bestehe, ihn wegen der Protokollierung des Falles auf die Präfektur zu schleppen. Um fünf aber werde er zurück sein. Er hätte ja soviel mit ihr zu bereden. »Schlafen Sie einstweilen wieder ein!« bat er. »Und ob Sie von mir träumen oder nicht – Sie werden immer bei mir sein!« Und dann hatte er abgeläutet.

Eine Zeile aus einem alten Schulbuch kam ihr in den Sinn, als sie sich auf der Bank zurücklehnte, und die sanft schwingenden, regenfeuchten Pinienzweige betrachtete. »Die Liebe erquickt wie die Sonne nach dem Regen.« Ihre Seele hatte endlich Ruhe gefunden und wärmte sich in dem neuen Gefühl wie dieser funkelnde Garten rings im warmen Nachmittagslicht.

Wer war der Mann, der sie ihre Vergangenheit vergessen ließ? Sie wußte es nicht und es kümmerte sie nicht. Ob er Geld hatte? Sie besaß genug für beide. Würde sie in dem einsamen Haus am Felsgebirge wohnen? Sie war bereit, ihr Heim in einer Grabstätte aufzuschlagen, wenn sie nur bei ihm sein durfte. Liebte er sie? Welch törichte Frage! Und auch sie liebte ihn! Und er, der standhaft und unverrückbar war wie seine thebanischen Berge – er würde sie niemals enttäuschen ...

Da sah sie ihn plötzlich vor sich stehen! Er mußte geräuschlos in weichen Tennisschuhen über den dichten Rasenteppich gegangen sein. In seinem blauen Rock und der weißen Flanellhose wirkte er beinahe elegant. Er nahm den Hut ab und schaute sie aus ernsten Augen an. »Lassen Sie uns vernünftig miteinander sprechen! Darf ich mich setzen.«

Wie sachlich! dachte sie belustigt. Schweigend machte sie ihm Platz an ihrer Seite.

»Sie wissen im allgemeinen wohl gar nichts von mir, nicht wahr?« begann er und sah zu Boden.

»O doch! Sie gehören zur Familie Barrasford, und Ihr älterer Bruder fiel bei den Grenzkämpfen in Indien.«

Er blickte sie verwundert an. »Das stimmt allerdings. Aber ich will Ihnen etwas anderes sagen. Mein Vater und ich vertragen sich nicht mehr recht, seit ich den diplomatischen Dienst quittiert habe. Ich beziehe von ihm eine Jahresrente von nur fünfhundert Pfund, Er würde mir bedeutend mehr geben, aber er knüpfte eine Bedingung daran, die ich nicht annehmen wollte. Da mein einziger Bruder tot ist, erbe ich, wenn mein Vater stirbt, sein Vermögen, ferner sein Einkommen von zwölftausend Pfund im Jahr und den Titel.«

Sie starrte ihn an. »Was für einen Titel?«

»Aber ich dachte – Sie sagten doch eben selbst, es sei Ihnen bekannt, daß ich ein Barrasford bin?«

»Wollen Sie mir das nicht näher erklären?«

»Da gibt es nicht viel zu erklären. Mein Vater ist Lord Barrasford und ich – ... nun, ich bin sein Sohn!«

»Warum führen Sie aber dann nicht das Prädikat Honourable?«

Er wurde ein wenig verlegen. »Das tut man gewöhnlich nicht, außer auf Briefen und Dokumenten. Und außerdem wäre es mir bei dem Leben, das ich führte, nur lästig gewesen. Wenn ich mich jedoch in England niederlasse, wie das in meiner Absicht liegt, dann werde ich den Titel wohl wieder annehmen müssen ...«

»Wollen Sie denn Ägypten verlassen?«

Er schwieg einen Augenblick, dann platzte er heraus: »Wenn ich die Bedingung meines Vaters annehme, so kann ich es.«

»Darf ich erfahren, wie diese Bedingung lautet, oder ist es ein Geheimnis?«

»Es gibt keinen Erben für den Titel. Und seit Jahren drängt mich mein Vater, zu heiraten. Ich habe mich geweigert ... bis jetzt.«

Sie lächelte, und trotzdem ihre Augen vor Übermut sprühten, suchte sie ihre Mienen in erhabene Würde zu kleiden. »Und haben Sie sich jetzt zu einer Ehe entschlossen?«

Minutenlange Stille. Dann hob er den Kopf und sah sie an. Sie begegnete diesem Blick und sagte kein Wort. Da schloß er sie in die Arme, und mit einem linden Seufzer überließ sie sich seinem Kuß ...

»Warum tatest du das nicht gleich, als du zu mir kamst?« fragte sie mit zärtlichem Eifer.

»Weil ich dir doch diese Aufklärung über mich schuldig war!« antwortete er erleichtert.

»Du wußtest aber doch auch nichts von mir!«

»Ich habe dich!« triumphierte er. »Und das genügt!«

Sie legte ihre Wange an die seine. »Und ich habe dich – das hätte auch mir genügt! Ich hätte dich am liebsten geschüttelt, Dave, als du dasaßest und die Zeit vertrödeltest! Einer Frau einen Heiratsantrag zu machen, indem man von ihren künftigen Söhnen spricht, das nenne ich den Wagen vor das Pferd spannen. Was wäre gewesen, wenn ich nein gesagt hätte?«

»Joan ...!« flehte er.

Darauf fiel so tiefes Schweigen auf das Plätzchen unter den Pinien, daß die zierlichen Eidechsen mit den glänzenden Augen erstaunt hervorlugten und in keckem Spiel über die Steine huschten.

 

Druck von Mänicke & Jahn A.-G. Rudolstadt

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