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Valentin Williams: Ramosi - Kapitel 7
Quellenangabe
authorValentin Williams
titleRamosi
publisherGeorg Müller
printrunbis 10. Tausend
yearo.J.
translatorOtto Klement
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2017010
projectidfa10eaa5
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Als Joan Averil am Ende dieser ereignisreichen Nacht ins Bett kroch, jagten chaotisch die Erinnerungen durch ihr fieberndes Hirn. Es war ein Schauertanz fürchterlicher Gestalten. Lange lag sie wach und sah die Sterne über dem Hotelpark vor der nahenden Morgendämmerung erblassen.

Sie dachte an ihre Flucht durch die Zwergentür, über einen dunklen Gang, den ihre erregte Einbildung mit lauernden schwarzen Ungeheuern bevölkert hatte, an den großen, verödeten Hof, und schließlich an ihr heimliches Entschlüpfen durch ein Tor auf eine stille Gaffe. Rings um sie her war die Nacht von Stimmengewirr und dem Tumult zusammengerotteter Haufen durchtobt. Aber die Gasse – sie entsann sich dieser Einzelheit genau, sah Cradocks Kopf mit dem Turban aus dem Tore lugen – die Gasse war leer!

Dann folgte ein endloses, schweigendes Laufen durch Nebengäßchen und schmale Straßen – sie im schwarzen Überkleid ihres Begleiters, das er abgestreift hatte, um ihr Silberkleid zu verhüllen, und Cradock an ihrer Seite in einer weißen Bluse und den bauschigen Hosen der ägyptischen Bauern. Zottige Nachtwächter, auf ihre Stäbe gestützt, beglotzten sie mißtrauisch unter den Lampen an den Straßenecken. Eine verspätete Droschke, die Cradock auf einem breiten Boulevard erspähte, nahm sie auf, und dann folgte Ruhe, Ruhe und das Gefühl vollkommener Erschöpfung, während sie auf Gummirädern durch das schlafende Kairo holperten.

Sie hatten sich vor dem Hotel getrennt, als die Hallenuhr gerade die zweite Frühstunde schlug. Am Aufgang zur Terrasse hatte Cradock sie noch einen Augenblick aufgehalten, um sie nach ihren Erlebnissen zu fragen. »Verzeihen Sie,« hatte er gesagt, »ich weiß, daß Sie schrecklich müde sind, aber es ist wichtig.«

Kurz hatte sie ihm das Erscheinen des Wahrsagers, Husseins zeitweiliges Verschwinden und seine Gewalttätigkeit nach der Rückkehr geschildert. Ob sie etwas von Simopulos gesehen habe? Sie schüttelte den Kopf. War auch nicht die Rede von ihm gewesen? Nein. Hatte sie den Namen von Said Husseins unerwartetem Gast nennen hören? Als sie abermals stumm verneinte, hatte Cradock, noch bevor sie ein Wort des Dankes sprechen konnte, sie stehen lassen und war im Wagen wieder in das Dunkel davongefahren.

Er schien unermüdlich, zäh und ohne Nerven, ein Mann wie aus Stahl. Was hatte er für ein energisches, kühnes Gesicht, und wie ernst, wachsam und treu blickten seine blauen Augen! Wie sicher hatte er sie durch alle die Wirrnisse der Nacht geleitet!

Auf den flüchtigen Bildern, die an ihrem Geiste vorüberflirrten, trat die winzige Tür des kleinen Hofes am deutlichsten hervor. Sie sah sie vor sich weit auf – mit einem großen Fragezeichen quer über dem Pfosten. Denn sie war verschlossen gewesen, als Cradock sie untersucht hatte, und dann – mit einemmal, und gerade im Augenblick höchster Gefahr – stand sie offen! Wer hatte ihnen den Weg zur Rettung freigemacht?

Sie mußte Dave fragen. Schläfrig fühlte sie eine Beruhigung beim Flüstern des Namens. Sie mußte ihn noch vieles fragen. Wann würde sie ihn wohl Wiedersehen? Sie hätte es so gern gewußt und mit diesem Gedanken schlummerte sie endlich ein.

*

Die Tage vergingen. Joan verbrachte manche Stunde bei Edith Simmons im Krankenhaus. Wie alle, deren Leben sich in engen Grenzen abspielt, fühlte sich die Zofe ohne die Erfüllung ihrer täglichen Pflichten höchst elend und bestand darauf, daß ihr Joan wenigstens eine Handarbeit bringe, mit der sie sich beschäftigen könne. Nur das Bewußtsein, daß ihre Entlassung aus dem Spital davon abhing, konnte sie dazu bewegen, ihren ausgemergelten Körper der Spritznadel des Arztes auszuliefern. Sie unterwarf sich dieser Prozedur mit einer Art grimmigen Widerstrebens, und führte auf einem Zettel, den sie heimlich unter ihrem Kopfkissen verwahrte, ein genaues Verzeichnis der Injektionen. Denn sie war fest entschlossen, wenn die angeordneten sechs Einspritzungen den bazillenvernichtenden Weg in ihre Venen gefunden hätten, das Bett zu verlassen.

Cradock ließ sich nicht wieder blicken. Er telephonierte auch nicht, um sich nach Joans Befinden zu erkundigen. Sie hörte nichts mehr vom Prinzen, nichts von Simopulos, nichts von Nadja Alexandrowna. Vergebens durchstöberte sie die in Kairo erscheinenden englischen und französischen Zeitungen nach einer Anspielung auf Unruhen im Araberviertel. Gab es denn keine Polizeiberichterstatter in dieser Stadt? Sie konnte es nicht begreifen.

In ihrer seelischen Unruhe erinnerte sie sich an Bastable. Er hatte eine hohe Stellung bei der Regierung und war außerdem Cradocks Freund. Sie wollte ihn zum Mittagessen einladen und vorsichtig ausforschen. Aber von seinem Amt kam die Mitteilung, daß er auf unbestimmte Zeit verreist sei.

Eines Abends jedoch – ungefähr zehn Tage nach ihrer Rückkehr aus Luksor – fiel ein Schatten auf ihr Buch, als sie nach dem Souper in der maurischen Liegehalle saß und las. Sie blickte auf.

Cradock stand vor ihr – im Smoking. Er nahm sich darin recht stattlich aus, sagte sie sich, und gleichzeitig fiel ihr ein, daß sie ihn ja noch nie im Gesellschaftsanzug gesehen hatte. Auf dem Schiffe hatte er offenbar auf dergleichen Äußerlichkeiten keinen Wert gelegt. Aber sie fand, daß er einen müden, abgespannten Eindruck machte. Er schien etwas von seiner gesunden, gebräunten Farbe eingebüßt zu haben; sein Gesicht war blaß und noch magerer als sonst.

»Ich fahre morgen nach Luksor zurück«, begann er ein bißchen unbeholfen. »Und da dachte ich, ich könnte vorher rasch nochmal hier vorsprechen, um zu sehen, wie es Ihnen geht.«

Sie spürte die Verlegenheit zwischen ihnen. Es war ihm natürlich peinlich, daß er sie nicht schon längst einmal besucht hatte. Aber er war eben nicht wie andere Männer – er verschmähte jeden konventionellen Zwang. Außerdem hielt er sich ihr gegenüber nicht zu Artigkeiten verpflichtet, wohl aber war sie selber tief in seiner Schuld. Deshalb wurde sie weich und meinte lächelnd: »Wie lieb von Ihnen! Ich fürchtete schon, Sie würden mir keine Gelegenheit geben. Ihnen für meine Rettung zu danken.«

Er errötete wie ein Schuljunge.

»Aber setzen Sie sich doch!« bat sie, um ihm über seine Schüchternheit hinwegzuhelfen. »Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?«

Das lehnte er ab, doch nahm er gern Platz.

»Sie müssen mich für recht unvorsichtig halten,« fuhr sie fort, »weil ich mit einem Ägypter in das Araberviertel soupieren ging – nur mit dieser Russin als einzige Begleitung.« Sie fühlte, wie seine Augen neugierig auf ihr ruhten. »Aber wir waren ja doch eigentlich in den Palast des Prinzen eingeladen; erst im letzten Augenblick erfuhr ich, daß wir uns anderswo treffen sollten. Und da mochte ich nicht mehr zurück.«

»Sie konnten ja nicht wissen, wer Said Hussein ist! Er gibt sich den Anschein, ein kultivierter Europäer zu sein, aber wenn man nur ein wenig kratzt, lugt alsbald der Orientale hervor.«

»Was haben Sie nun weiter getan? Ist etwas Wichtiges geschehen?«

»Kommen Sie in den Garten hinaus! Ich kann hier nicht sprechen.« Sie lächelte im stillen, während sie sich in ihren Umhang hüllte. Ein anderer hätte gesagt: »Wäre es Ihnen recht, wenn wir im Garten spazieren gingen?« Oder so ähnlich. Aber Dave redete mit ihr wie ein Mann zum andern.

Sie schritten durch die Drehtür über den Gang hinter der Hotelbar und traten ins Freie unter die Sterne. Schwarz hoben sich die Palmenzweige gegen das leuchtende Himmelszelt ab, und durch das Gitter am Gartenende sah man die farbigen Lampen eines Restaurants jenseits der Straße. Aus den strahlenden Fenstern der Dar drang Musik zu ihnen herüber.

»Hussein ist verschwunden«, berichtete Cradock. »Simopulos auch. Als ich Sie damals verließ, holte ich mir von der Polizei eine handvoll Leute und kehrte zu jenem Haus zurück. Es war leer. Die Schurken hatten sich samt und sonders schleunigst in Sicherheit gebracht.«

»Aber was für Beziehungen sollte denn Said Hussein zu Simopulos haben?«

»Schleichhandel mit Altertümern. Der Grieche war Husseins Vertrauter. Seit Monaten spürt die ägyptische Regierung einer raffinierten Organisation nach, die tatsächlich alle Ausgrabungsstätten in Ägypten umfaßt und deren Zweck die Beraubung der Gräber ist. Überall hatten sie ihre Agenten unter den Arbeitern – Ali war einer davon – ebenso wie unter den Fellachen in den Dörfern; selbst angesehene Händler wurden zur Teilnahme gepreßt. Es war eine förmliche Schreckensherrschaft. Niemand wagte, sich ihr zu widersetzen; denn ihr Kundschafterdienst funktionierte vortrefflich. Wenn je eine Anzeige beim Departement für Antiquitäten einlief, so pflegte der Denunziant bald darauf auf geheimnisvolle Weise zu verschwinden. Bisweilen fand man seine Leiche erst nach Wochen in irgendeiner Bergschlucht, oder sie wurde aus dem Nil geholt. Das Haupt der Organisation war bekannt unter dem Namen ›Ramosi‹.«

Sie waren auf ihrer Promenade am Ende des Parks angelangt. Ein paar Gartenstühle standen dort um einen Tisch im Schatten einer Palme. Sie setzten sich.

»Das Haus, in dem Sie in jener Nacht weilten, gehört angeblich einem gewissen Osman el Maghraby, der sich Said Husseins Geschäftsführer nennt. In Wirklichkeit ist er, wie gewisse Papiere in unserem Besitz erweisen, Ramosis Agent in Kairo. Simopulos gilt als Leiter des Kundschaftsdienstes, und ein Armenier namens Voronian versieht das Amt eines Sekretärs. El Maghrabys Haus grenzt an eine verlassene Karawanserei. – Sie erinnern sich des Hofes, durch den wir entkamen – und stand mit ihr durch eine Tür in Verbindung. Im ersten Stock dieser alten Herberge, in einem feuerfesten Raum mit einer Eisentür, entdeckten wir eine herrliche Sammlung von Altertümern, teils in Stahlkassetten verwahrt, teils versandbereit in Kisten verpackt. Die Bücher der Ramosi -Organisation befanden sich ebenfalls dort. Aber das eine, letzte Beweisstück, das wir brauchen, um das Haupt der Bande zu identifizieren, fehlte leider.«

»Was ist das für ein Beweisstück?«

»Die Anubisstatuette!«

»Die Figur, die damals, als ich in Ihrem Hause übernachtete, gestohlen wurde?«

Er nickte. »Ich wollte sie mit voller Absicht stehlen lassen. Wir wollten herausfinden, wohin die Diebesbeute gebracht wird. Wir mußten die Kerle auf frischer Tat ertappen. Wir können von keinem einzigen der Gegenstände im Hause El Maghrabys nachweisen, daß sie gestohlen sind, weil die Stücke sehr geschickt bei den Ausgrabungen entwendet oder ohne Kontrollmöglichkeit von Bauern aus der Erde gehoben wurden. Das bereitete uns die ganze Zeit über Schwierigkeiten. Daher bewog ich die Direktion des Kairoer Staatsmuseums, mir jene Anubisfigur zu leihen; sie wurde erst vor vier Wochen von einem Beamten der Regierungsausgrabungen gefunden, und außer unseren eigenen Leuten wußte niemand von ihr. Ich vergrub sie an meiner Arbeitsstätte und ließ sie mir von Ali stehlen. Simopulos hätte bei der kleinen Moschee sein sollen, um sie zu übernehmen, aber er hatte sich verspätet, und der Bote verwechselte in der Finsternis Sie mit ihm und händigte die Figur Ihnen aus. Ich gab ihm nochmals Gelegenheit, sie zu rauben. So gelangte sie endlich in Simopulos' Hände, und ich verfolgte den Griechen mit seiner Beute von Luksor bis in die Karawanserei neben El Maghrabys Haus. Dort verlor ich endgültig seine Spur. Das Museum ist jetzt seine Figur los, und meine Mission ist mißlungen.«

»Dann befand sich also die Figur nicht unter den aufgestapelten Sachen?«

»Nein, die Kerle machten sich so eilig aus dem Staube, daß sie die Bücher und alles andere zurückließen. Aber die Figur nahmen sie mit. Und so ist mir die letzte Möglichkeit, die Persönlichkeit Ramosis festzustellen, zunichte gemacht.«

»Und was mag aus Simopulos geworden sein?«

»Er muß durch einen kleinen ebenerdigen Gang geschlüpft sein, den ich in der Dunkelheit übersehen habe. Er führt zu jenem Zimmer, das Ihrer Beschreibung nach dasjenige sein muß, wo Sie den Prinzen verließen, nachdem Sie den Wahrsager angehört hatten. Ich nehme an, daß der Grieche dort Hussein traf, ihm die Figur auslieferte, und dann mit den anderen die Flucht ergriff.«

»Sie glauben also, daß Said Hussein mit Ramosi identisch ist?«

»Darüber kann kaum ein Zweifel bestehen. Aber, wie gesagt, ein vollgültiger Beweis war nicht zu erbringen. Und so kehre ich morgen wieder nach meinem Ausgrabungsfeld zurück!«

»Nach alledem ist wohl anzunehmen, daß Hussein von vornherein die Absicht hatte, mich in jenes Araberhaus zu locken?«

»Natürlich! Er brauchte es für seine Geschäfte, die das Tageslicht scheuten.«

Joan schwieg eine kleine Weile und sann. Dann hob sie den Blick und sah Cradock zögernd an.

»Was haben Sie?« fragte er.

»Ich zerbrach mir den Kopf – über Sie und Frau Alexandrowna in dem Zimmer gegenüber.«

Er blickte sie durchdringend an. »Sie haben uns gesehen?«

Sie nickte. »Durch das Gitter. Aber nur einen Augenblick. Ob Madame Alexandrowna gewußt haben mag, warum Said Hussein mich in jenes Haus bugsierte?«

»Nein!« entgegnete Cradock rasch.

»Sie wissen das bestimmt?«

»Sie ist schon seit langem seine Geliebte.«

»Sie scheinen sie gut zu kennen?«

Sie blinzelte ihn unter den Augenwimpern an. Sein Gesicht blieb völlig ruhig. »Vor dieser Nacht,« erwiderte er ernst, »hatte ich sie lange nicht mehr gesehen – – mehr als zwölf Jahre.«

Nun verstand sie plötzlich. Tränen traten ihr in die Augen. »Oh,« stammelte sie, »das ahnte ich nicht ... es kam mir wahrlich nicht in den Sinn ...« Sie schwieg bedrückt und sah ihn an. »Dann war es also Said Hussein ...«

Er nickte. »Verurteilen Sie sie nicht! Sie hatte damals kein Geld, und eine Frau wie sie hat doch so viele Wünsche! Wenn sie es von mir verlangt hätte, hätte ich ihr alles gegeben, was ich besaß. Aber ich war jung und unerfahren – mir kam das alles nicht zum Bewußtsein. Sie tut mir leid, weil sie nun mit diesem abgefeimten Schurken leben muß.«

»Also ist sie mit ihm geflohen.« Joan streckte die Hand aus, voll tiefen Mitgefühls. »Wie traurig muß das für Sie sein!«

Er lächelte nachdenklich. »Ich hab' es längst verschmerzt. Als ich jetzt Nadja wiedersah, da erkannte ich, daß die Vergangenheit für mich tot und begraben ist. Und diese Feststellung hat mich erleichtert und froh gemacht.«

Er war aufgestanden, als wolle er sich verabschieden, und nun erhob auch sie sich. »Ihr Männer seid doch alle gleich. Es fällt euch so leicht, zu vergessen. Ist es nicht auch bei Ihnen so?«

Er senkte den Kopf. »Ich nehme nach Luksor eine Erinnerung mit,« antwortete er langsam, »die schwerer zu vergessen sein wird als der Schmerz vor zwölf Jahren. Es ist die Erinnerung an Sie.« Er blickte sie hilflos an. »Seit dem Augenblick, da ich Sie damals auf der ›Aquatic‹ in meinen Armen hielt, liebe ich Sie. Weil ich das von Anfang an wußte, war ich so unhöflich und barsch und versuchte mein Gefühl niederzuringen. Ich hatte auch gar nicht die Absicht, heute abend hierherzukommen, aber ich mußte Sie doch noch einmal Wiedersehen. Ich kann Ihnen keine Liebeserklärung machen, wie sie die Frauen gewöhnlich von Männern erwarten. Ich weiß nicht, wie man das anstellt, und Sie würden mir ja auch gar nicht zuhören. Bis jetzt hat es für mich nur eine Frau gegeben, und wenn nicht Sie in mein Dasein getreten wären, so hätte keine mehr in meinem Leben eine Rolle gespielt. Mein Gott, wenn ich nur ...«

Er brach ab. Sie sah ihn an – ihre Augen schimmerten feucht. »Es tut mir leid, Sie erschreckt zu haben«, murmelte er. Er bot ihr die Hand. »Leben Sie wohl!«

Flehend hingen ihre Blicke an seinem schmerzvoll erregten Gesicht. »Hören Sie mich an!« bat sie. »Sie dürfen nicht schlecht von mir denken! Ich war unfreundlich und grausam zu Ihnen, war voreingenommen und blind ... o ja, es ist wahr ... und ich – ich allein bin daran schuld, daß Ihre Mission nicht erfolgreich zu Ende geführt werden konnte. Denn wenn ich nicht so töricht gewesen wäre, hätten Sie mir doch niemals aus jenem Hause zu helfen brauchen. Sie sagten einmal, daß Sie sich vor mir fürchteten. Sie meinten damit: vor der Liebe! Auch ich fürchte mich davor! Es hat nur einen Mann in meinem Leben gegeben – meinen Gatten. Ich glaube, ich habe ihn lieb gehabt, jedenfalls hing ich so vertrauensvoll an ihm. Ich war ja ein ganz junges Mädchen, als ich ihn heiratete, und er war schön und ... aufmerksam ... er schien mich zu lieben. Ich dachte, daß wir keine Geheimnisse voreinander hätten ...« Ihre Stimme begann zu zittern. Eine Träne rollte über ihre Wange und hinterließ eine nasse Spur. Cradock hob abwehrend die Hand. »Oh – warum erzählen Sie mir das? Es wühlt nur alte Wunden auf ...«

»Ich muß es Ihnen sagen, damit Sie mich verstehen. Nachdem wir drei Jahre und einen Monat verheiratet gewesen waren, kam mein Mann bei einem Automobilunglück ums Leben. Sein Wagen geriet auf einer Bergstraße ins Schleudern und stürzte in eine Schlucht. Als ich die Nachricht erhielt, konnte ich mir nicht erklären, wie er dorthin gekommen war, denn er hatte die Absicht gehabt, seinen Anwalt in Chicago aufzusuchen. Neben ihm, unter dem zerschmetterten Wagen, fand man die Leiche einer Frau. Sie war seine Geliebte gewesen – jahrelang; hatte in einer Villa in Lake Placid gewohnt. Er bestritt ihren ganzen Unterhalt – ich sah später die Belege. Dort hatte er sie – ich erfuhr es von der Dienerschaft – häufig besucht, während ich wähnte, daß er Polo spiele oder geschäftlich unterwegs sei. Sie unterhielt schon vor seiner Heirat Beziehungen zu ihm, und kaum nach einem halben Jahr kehrte er zu ihr zurück ...« Sie schwieg einen Augenblick und biß sich in die Lippen. »Ich versuchte, nachsichtig zu sein. Männer sind vielen Verlockungen ausgesetzt, das weiß ich. Aber ich fragte mich: Wo ist der Mann, dem ich jemals wieder ganz vertrauen könnte? Damals in der Nacht auf dem Schiff, als ich Sie zum ersten Male sah, da empfand ich – – genau so, wie Sie es mir sagten – daß wir Freunde sein könnten. Wenn Sie bei mir sind, fühle ich mich geborgen, und ich weiß, daß Sie mich nicht im Stiche lasten würden. Aber dann stürmen wieder die Erinnerungen der Vergangenheit auf mich ein, und ich sage mir: Nie, niemals wieder ...!«

Er hatte ihre Hände gefaßt und zog sie zu sich heran. Nun schloß er sie in seine Arme. »Joan,« flüsterte er zärtlich, »lassen Sie mich versuchen, das Vergangene auszulassen!«

Einen Herzschlag lang ruhte sie widerstandslos an seiner Brust. Ihre tränenfeuchten Lider streiften seine Wange. Dann seufzte sie und machte sich behutsam los. »Mein Lieber, Guter – das kann nicht sein ...

»Geben Sie mir doch ein wenig Hoffnung! Lasten Sie mich zurückkommen und Sie wieder fragen, wenn Sie vergessen haben!«

»Ich kann nicht vergessen!« stöhnte sie auf. »Ich werde nie vergessen! Und ich könnte Sie niemals glücklich machen!«

Sie hörte seine Schritte auf dem Kies. Als sie aufblickte, war er fort. Ein linder Hauch wehte fern her vom Ufer des heiligen Stroms. Durch silbern schimmernde Wolken brach sanft das Mondlicht und beschien eine bitterlich schluchzende Frau.

*

Als Cradock das Vestibül seines Hotels betrat, übergab ihm der Nachtportier einen Brief. Er steckte ihn achtlos in die Tasche und ging zum Aufzug. Er wollte tags darauf mit dem Frühzug nach Luksor fahren und hatte vorher noch vieles zu erledigen, Papiere zu ordnen und den Bericht an Bastable aufsetzen.

Der Portier lief ihm nach. Die beiden kannten einander schon seit vielen Jahren. In mancher Hinsicht sind die großen Hotels in Kairo wie die Londoner Klubs. Ihre Türhüter ersetzen, dank ihrem Gedächtnis für Namen und Gesichter, oft eine ägyptische Lokalchronik. Ihre Bekanntschaft mit der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft an den Ufern des Nils erstreckt sich vom Delta bis zur Grenze von Kordofan. Sie kennen alle Geheimnisse und allen Klatsch.

»Mr. Cradock!«

Der Angerufene wandte sich um. Diskret senkte der Portier seine Stimme. »Eine Dame hat nach Ihnen gefragt, mein Herr! Sie bat dringend, sofort verständigt zu werden, wenn Sie nach Hause kämen.«

»Eine Dame, Ziegli?« Cradocks Stimme klang müde und gleichgültig. Zerstreut blickte er in das ehrliche Gesicht des Schweizers. »Wer ist es?«

Die Züge des Mannes waren wie eine Maske. Sein feines Taktgefühl hätte nimmermehr zugelassen, daß der andere seine Kenntnis jener alten Geschichte erriet, die einmal eine Woche lang alle Lästerzungen Kairos in Bewegung gesetzt hatte.«

»Madame Alexandrowna, mein Herr!« erwiderte er schlicht. Wenn Cradock bei dieser Mitteilung irgendeine Gemütsbewegung empfand, so unterdrückte er sie. Sein Gesicht war so undurchdringlich wie das des wackeren Herrn Ziegli.

»Wo ist sie?« fragte er.

»In der Bar, Herr Cradock!«

Bis auf den Mixer im Fes, hinter dem langen Tisch mit der glänzenden Messingstange, schien der Barraum leer zu sein, als Cradock ihn betrat. Dann erblickte er Nadja auf der anderen Seite des großen Zimmers. Sie saß nachdenklich in einem Klubsessel in der Ecke. Ein ansehnlicher Haufe von Zigarettenresten lag im Aschenbecher neben ihr. Sie trug ein dunkles englisches Kostüm und einen kleinen Glockenhut.

Als Cradock auf sie zutrat, sprang sie rasch auf. »Man sagte mir, daß Sie in der Frühe nach Luksor zurückkehren wollen«, begann sie. »Ich mußte Sie vor Ihrer Abreise unbedingt sprechen.«

Sie war blaß und schien sehr erregt. Er setzte sich neben sie. »Sie sehen übermüdet aus«, sagte er. »Ich werde Ihnen einen Whisky kommen lassen.«

Sie wollte ablehnen, aber er bestand darauf und gab dem Kellner die Bestellung. Sie rauchte schweigend, bis der Barkeeper an seinen Platz zurückgekehrt war. Cradock nötigte sie zu trinken. Er war sehr freundlich mit ihr. »Haben Sie schon zu Abend gegessen?« erkundigte er sich.

»Freilich! Ich speiste im Zuge. Ich kam erst heute abend aus Alexandrien zurück und warte bereits seit halb zehn Uhr auf Sie. Hören Sie mich an, David! Sie wollen Hussein überführen, nicht wahr?« Cradock sah sie forschend an. »Wissen Sie, wo er ist?«

Sie beantwortete die Frage nicht. Mit leiser, leidenschaftlicher Stimme sprudelte sie plötzlich: »Oh, der Schuft, der Halunke!« Tränen erstickten ihre Worte.

Cradock nahm beruhigend ihre Hand. »Nadja,« sagte er sanft, »verlieren Sie nicht die Fassung! Erzählen Sie mir alles der Reihe nach!«

»Er hat mich verlassen«, schluchzte sie. »Ich wage es nicht, wieder in mein Hotel zu gehen. Die Rechnung ist schon seit Wochen nicht bezahlt. Wie oft habe ich ihn gebeten, mir eine Rente auszusetzen, aber er wollte nicht. Jedesmal, wenn ich Geld brauchte, mußte ich darum betteln. Und jetzt, wo er keine Verwendung mehr für mich hat, geht er auf und davon und läßt mich sitzen – wie – wie irgendein Straßenmädchen. Aber kein Mann darf mich ungestraft so behandeln. Er soll sich in acht nehmen, der Schurke!« Sie brach keuchend ab. »Damals, als wir uns beide trafen«, fuhr sie fort, »in jener Nacht, in der auch die Amerikanerin dort war, hatte man mich allein gelassen. Wie hab' ich mich geängstigt, als sie so plötzlich verschwanden und gleich darauf im Nachbarhaus der gräßliche Lärm begann. Ich lief hinab und versteckte mich, und als alles wieder still war und ich mich hervorwagte, war das Nest leer. Hussein, Simopulos, Voronian, Makhmud – alle waren fort! Ich mußte mich auf eigene Faust durch das Araberviertel hindurchquälen, bis ich endlich einer Droschke begegnete, die mich zu Husseins Palast brachte. Er war dort gewesen und hatte etwas Gepäck mitgenommen, aber für mich kein Wort hinterlassen. Ich wollte nicht ins Hotel zurück und blieb über Nacht bei einer Freundin. Andern Tags fuhr ich nach Alexandrien. Husseins Jacht liegt meist dort vor Anker und ich glaubte, auch ihn da zu finden. Aber von der ›Belle Brise‹ war nichts zu erblicken und von Hussein ebensowenig. Überall forschte ich vergebens, bis ich gestern eine Französin traf, eine Bekannte von früher her. Ihr Freund ist ein Grieche, der sich mit der Lieferung von Lebensmitteln für Schiffe befaßt. Unter allen möglichen Vorsichtsmaßregeln und in größter Eile hatte er den Auftrag erhalten, für Husseins Jacht, die in der Bucht weiter oben an der Küste wartete, Vorräte zu beschaffen.«

»Ist die Jacht noch dort?«

»Sie ging vor fünf Tagen nach Marseille ab.«

Cradock runzelte erstaunt die Stirn.

»Er hat Claudines Freund erzählt, daß er beabsichtige, einige Monate an der Riviera zu verbringen. Und das bedeutet die Villa Scarabée ...«

Er blickte sie erwartungsvoll an, und sie lachte bitter. »Das hätten Sie wohl nie gedacht, daß Nadja Ihnen einmal helfen könne, nicht wahr, David?«

»Wo ist diese Villa Scarabée?«

»In La Docca bei Cannes. Angeblich gehört sie Simopulos, aber tatsächlich ist sie Husseins Eigenbesitz. Dort werden Sie ihn finden, David! Er kann jetzt keine großen Sprünge machen, denn ohne sein Geschäft wird er sein bißchen Geld bald aufgebraucht haben. Er steckt bis über die Ohren in Schulden. Sein angebliches Riesenvermögen ist nur Bluff! Längst schon hat er alles verjuxt, was er von seinem Vater erbte!«

»Ich weiß!« sagte Cradock.

»Und dann, nicht wahr, werden Sie ihn verhaften lassen?« Cradock zuckte die Achseln.

»Mein Gott!« rief sie mit kokettem Augenaufschlag. »Seien Sie doch nicht so zurückhaltend gegen mich, mein guter, alter David! Ich weiß ganz genau, warum sich die ägyptische Regierung für Husseins Aufenthaltsort interessiert. Und wenn dieser üble Patron mich jetzt so infam behandelt, dann stehe ich durchaus auf seiten der Regierung! Oh – er soll mich kennenlernen, der herzlose Bursche!« Ihre grünen Augen sprühten Feuer und ihre Zähne preßten sich knirschend aufeinander. »Er hält sich für außerordentlich schlau und gescheit, unser sauberer Herr Hussein! Weil das Haus und die anschließende Herberge El Maghraby gehören, meinte er, könne man nicht vermuten, daß er etwas damit zu schaffen habe. Und erst recht sei niemand da, der nachzuweisen vermöchte, daß all die prächtigen Altertümer gestohlen sind. Oho – wenn er sich nur nicht irrt, der schuftige Kerl. Nicht wahr« – fragte sie noch einmal, und ihre Stimme wandelte sich zur Sanftmut – »nicht wahr. Sie werden ihn verhaften lassen?«

Cradocks Gesicht war sorgenvoll. »Ich habe ja keinen Beweis! Sie müßten es eben selbst zugeben ...«

Sie neigte sich vor. »Und wenn ich Ihnen den Beweis verschaffe?« Einen Augenblick trat Schweigen ein. Aus ihrer Stimme klang etwas, was der Mann mißverstand. Er zog Scheckbuch und Füllfederhalter aus der Tasche. »Vor allem«, sagte er geschäftsmäßig, »will ich wissen, wieviel Sie dem Hotel schuldig sind!«

Sie zuckte zusammen, zupfte nervös an Ihrem Kleide. »Sie haben das Recht, so von mir zu denken!« murmelte sie in heimlicher Scham. »Aber ich mag kein Geld, David!« Sie reckte sich und stampfte mit dem Fuße. »Rache will ich!«

»Ich bitte um Verzeihung – das hätte ich mir denken können!« Er steckte gelassen seine Utensilien wieder ein. Sie hob eine kleine Ledertasche auf die Armlehne und entnahm ihr ein in Seidentuch gewickeltes Paket.

»Nadja!« rief Cradock betroffen.

»Ihr Beweis – hier ist er!« Sie knüpfte das Tuch auf und enthüllte die Anubisfigur.

»Aber wie sind Sie dazu gekommen ...«

»Simopulos brachte sie. In seiner Gegenwart befahl mir Hussein, sie ins Lager hinaufzutragen, wo er seine Schätze verwahrt. Aber ich war wütend, weil ich merkte, daß ich nach Hause geschickt werden sollte, damit er mit der Amerikanerin allein sein könnte. So gehorchte ich nicht sofort. Ich wartete im Packraum, um zu sehen, was zunächst geschehen würde. Und dann kamen Sie ...«

»Das heißt also, daß Sie die Statuette bei sich hatten, als wir uns trafen?«

»Allerdings. Sie stand auf dem Tisch neben mir. Als Frau Averil aufschrie, erriet ich, was vorgefallen war, und statt die Figur ins Lager zu stellen, nahm ich sie an mich, als ich davonstürzte, um mich zu verstecken. Ich dachte, daß sie mir nützen könnte, Hussein zur Aufgabe dieser Frau zu zwingen.« Sie gab das Paket in Cradocks Hände. »Nehmen Sie es und gebrauchen Sie es, um ihn zu vernichten! Sie haben wahrlich keinen Grund, ihn zu schonen.«

Sie erhob sich und legte ihre Pelzstola um die Schultern. »Leben Sie wohl, mein Freund!« Dann fügte sie leise hinzu: »Bevor ich gehe, möchte ich gern von Ihnen hören, daß Sie mir vergeben haben. Ich habe schwer gebüßt, glauben Sie mir, David –«

Er hielt ihre Hand in der seinen. »Das ist nun alles vorbei!« sagte er sanft. »Aber was werden Sie tun? Wohin wollen Sie gehen?«

»Meine Freundin Claudine wird mich ein paar Nächte beherbergen. Nachher – –« Sie zuckte die Achseln.

»Würden Sie Ägypten verlassen wollen?«

Ihre Augen blitzten. »Wenn ich das nur könnte! Wenn Sie wüßten, wie ich dieses Land hasse ...!«

»Gut! Bleiben Sie heute bei Ihrer Freundin! Die Polizei hat vielleicht in Ihrem Hotel nachgeforscht, und das könnte für Sie unangenehm sein. Morgen in der Frühe suchen Sie meinen Freund Bastable auf! Ich werde Ihnen eine Karte an ihn mitgeben. Sie müssen ihm Wort für Wort wiederholen, was Sie mir soeben erzählt haben, verstehen Sie? Er wird auch Ihre Hotelrechnung begleichen, wird Ihnen die Fahrkarte nach Europa zahlen und genügend Reisespesen dazu ...«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Ja. Sie haben der Regierung einen sehr schätzenswerten Dienst geleistet. Jedenfalls dürfte es für Sie am geratensten sein, wenn Sie Ägypten den Rücken kehren. Hier ist Bastables Adresse! Wo werden Sie sich heute nacht aufhalten – für den Fall, daß wir Ihrer bedürfen?« Er notierte die Wohnung, die sie ihm angab. »Bastable wird Sie morgen früh erwarten. Ich werde ihn nachher gleich noch telephonisch verständigen.«

Schweigend nahm sie die Karte und steckte sie in ihr Handtäschchen. »Früher haben wir uns oft in diesem Raume getroffen, David. Lassen Sie uns hier voneinander Abschied nehmen! Ich glaube nicht, daß wir uns jemals Wiedersehen. Ich hoffe, daß Sie endlich glücklich werden ... mit der Frau, die Sie lieben!«

Sie hatte sein Geheimnis erraten. Er las es in ihren Augen. Er sprach nicht, aber sie beantwortete die Frage, die er in Gedanken stellen wollte. »Damals in der Nacht – in der alten Karawanserei – sah ich, wie Sie sie anblickten, als Sie mit ihr in dem kleinen Hof warteten.«

»Dann also haben Sie – Sie – uns die Tür geöffnet?«

Nadja nickte unter Tränen, legte ihre kleinen Hände auf seine Schultern, zog ihn zu sich herab und küßte ihn auf die Stirn. Dann schlüpfte sie rasch davon.

Cradock blieb zurück und starrte in stiller Erschütterung auf die Anubisfigur, die matt durch die Seidenhülle schimmerte. Dann trug er den kleinen goldenen Götterhund in sein Schlafzimmer hinauf und barg ihn im Handkoffer.

Etwas knisterte in seiner Tasche, als er sich bückte, und er fand den Brief, den ihm der Nachtportier bei seiner Rückkehr ins Hotel überreicht hatte.

Es war eine Nachricht von Bastable. »Simopulos' Leiche wurde heute nachmittag aus dem Nil gefischt«, schrieb er. »Vergiftet! Rufe mich an, sobald du nach Hause kommst!«

*

Joan Averil war beim Einpacken. Das heißt, sie musterte in einem reizenden blauen Kimono verzweifelt ihre Garderobe, die den größten Teil des verfügbaren Raumes in ihrem Schlafzimmer überflutete. Kästen, Schubladen, Koffer waren geleert, und ihr Inhalt ergoß sich über Bett, Sofa, Stühle und Tisch. Mitten in dem Wirrsal stand Joan, die junge Stirn von Sorgen zerfurcht.

Eine Frau, die ihre Garderobe am Ende der Saison begutachtet, ähnelt einem General, der nach Beendigung der Schlacht Heerschau über seine Truppen hält. An jedes Kleid, ebenso wie an jedes Bataillon, heften sich Erinnerungen. Denn den Frauen ist die Gabe verliehen, mittels ihrer Kleider die Vergangenheit aufleben zu lassen. Für einen Mann sind die Anzüge nur Gebrauchsgegenstände, wie etwa Stock oder Pfeife. Den Frauen bedeuten die Gewänder vertraute Gefährten. Um sich ein Ereignis ins Gedächtnis zurückzurufen, wird ein Mann das ungefähre Datum nennen; eine Frau hingegen wird sagen: »Es war an dem Tage, als ich das schwarze Kleid mit dem korallenroten Aufputz trug!«

So durchlebte Joan, als sie all die zarten, duftigen Dinge um sich herum Revue passieren ließ, noch einmal die ereignisreichen Tage seit ihrer Abreise nach Ägypten. Dort lag das goldene »Tutanchamon«-Kleid, das sie an dem Abend getragen, als sie mit Rachel Hannington in Monte Carlo soupiert hatte, an jenem Abend, wo sie ein paar Stunden später David Cradock zum erstenmal sah. Am Kopfende des Sofas lag das weiße Kostüm, das sie beim Lunch der Richbouroughs angehabt hatte, als Bastable ihr Cradocks Geschichte berichtete. Ihr meergrünes Kleid mit dem Silberbrokat flüsterte abgerissene Verse des Bambaliedes, das leidenschaftlich in den sternhellen Garten des Prinzen hinausgeklungen war. Hier war ihre Reitjacke, die von Luksor erzählte und vom spiegelnden Strom, von grünen Palmen und glühenden Bergen, von einem langen, niedrigen Haus und einer Veranda, wo sie nun immer eine einsame Gestalt zu sehen vermeinte, die schweigend über das Felsental starrte.

Erinnerungen, Erinnerungen! Sie knisterten in jeder Samt- und schmiegsamen Seidenkreppfalte. Das Silbergewand, das sie zum letzten Zusammensein mit Hussein gewählt, blickte sie vom Bett her an. Die kotbeschmutzten, verdorbenen Brokatschuhe erzählten noch eindringlicher von den aufregenden Begebnissen dieser denkwürdigen Nacht. Es schien, als wäre das Kleid, in einer der merkwürdig lebensähnlichen Stellungen, die leblose Gegenstände bisweilen annehmen, wie eine tote Frau – eine Joan Averil, die gestorben war.

Die Vergangenheit stieg auf, und es wurde ihr bang ums Herz. Sie wandte sich ab. Über einem Stuhl hing das einfache schwarze Kleid von jenem Abend – es war erst zwei Tage her – als Cradock gekommen war, um ihr Lebewohl zu sagen. Joan hängte es in den Schrankkoffer. Sein Anblick schmerzte sie. Sie schloß den Schrank und blieb nachdenklich vor ihm stehen.

Ihr Gemüt war von Zweifeln zerrissen. Vorgestern, als Cradock von ihr schied, hatte sie sich die Augen getrocknet und war mit dem festen Entschluß zur Ruhe gegangen, nach Europa zurückzukehren, sobald Simmons aus dem Krankenhaus entlassen wäre – also binnen drei Tagen. Sie wollte in Paris ein Atelier mieten und, wie beabsichtigt, ernsthafte Kunststudien treiben. Die Saison in Ägypten war ohnehin in einem Monat vorbei, und sie hatte keine Lust, in Kairo zu bleiben. Auch eine Reise nach dem Sudan lockte sie nicht, und in Luksor – würde sie Cradock begegnen ...

Aber beim Morgengrauen geriet ihr Vorsatz ins Wanken. Es gab so vieles noch zu tun, bevor man den Plan verwirklichen konnte. Es mußten die Koffer gepackt, die Hotelrechnungen bezahlt und an ein ganzes Regiment von Dienerschaft Trinkgelder ausgeteilt werden. Man mußte sich für eine bestimmte Route entschließen und Schiffskarten für sich selber und für Simmons bestellen. Joan hielt es für ratsam, zu warten, bis ihre Zofe bei ihr sei. Dann würde man ja sehen. Sie hatte schließlich doch keine besondere Eile ...

Dann begann abermals ein Umschwung einzutreten. Sie sagte sich, daß sie der Entscheidung feige ausweiche. Selbstbetrug war nie ein Fehler von ihr gewesen. Im tiefsten Herzen gestand sie sich die Wahrheit: sie wollte Ägypten nicht verlassen, weil sie fühlte, daß ihre Abreise eine endgültige Trennung zwischen David und ihr bedeuten würde. Nun, sie mußte den Mut ihrer Überzeugung aufbringen: sie würde stark genug sein, das Meer zwischen ihm und sich zu wissen. Zu diesem Entschlusse kam sie, als sie nach dem Abendbrot in ihrem Schlafzimmer saß. Sie blieb an dem Abend noch lange wach und räumte Kästen und Koffer aus, weil sie am folgenden Morgen zu packen beabsichtigte.

Nun aber war sie unentschlossener denn je. Es liegt eine merkwürdige Endgültigkeit im Einpacken, und als sie an die Aufgabe herantrat, wurde ihr das Herz bleischwer. Mitten zwischen ihren Kleidern, deren jedes ihr von David zuflüsterte, forschte sie zum hundertsten Male, ob sie ihn liebte. Sie konnte keine Antwort darauf geben, aber sie wußte, daß sie stets an ihn dachte, und es schien ihr, als werde sie immer ewig an ihn denken müssen ...

Und es fielen ihr die Worte Abdullahs, des Wahrsagers, ein. Er hatte sie mit einem Manne verglichen, der einen Schatz besaß. Einst hatte er ihn verloren, so lautete die Allegorie, aber er hatte ihn wieder erlangt und nun sicher verwahrt. Zwei Männer näherten sich, um ihn zu stehlen; der eine brachte Gaben, der andere Leid. Dieser zweite trug schließlich den Schatz davon – wie hatte der Scheich nur gesagt? – »auf einem Schiff weit übers Meer!«

Mit einiger Beklemmung erriet sie plötzlich, daß die Parabel allen Ernstes auf sie angewendet werden könnte. Sie hatte ihr Herz Mark Averil geschenkt, und – nach wieviel unsagbarem Schmerz? – hatte sie sich ihr seelisches Gleichgewicht zurückerkämpft. Said Hussein hatte mit Geschenken um sie geworben; er war vielleicht der Mann, vor dem sie sich hüten sollte, und David Cradock der traurige Pilger, der ihr Leid brachte. Hatte er ihr Herz gestohlen? Ihre Augen trübten sich, und sie schüttelte leise den Kopf, wie um sich zu sagen, daß sie es nicht wüßte. Aber er war ja nach Luksor gereist, und nun war sie es, die »auf einem Schiff weit übers Meer« fahren wollte.

Wieder und wieder ließ sie die Gedanken zu der Szene in dem alten arabischen Haus zurückschweifen, als der Scheich, auf dem Diwan hockend, in gutturalem Arabisch mit hoher, schriller Stimme gesprochen hatte. Wie hatte die Prophezeiung geendet? Mit dem Versprechen des Friedens. »Lang ist der Weg der Beschwerden durch die Berge der Grabstätten. Aber das Ende der Fahrt heißt Friede und Zufriedenheit!« Das schien sich auf Cradock zu beziehen. Oder bezog es sich auch auf sie? Bedeutete es vielleicht, daß sie gemeinsam Frieden finden würden?

Verstört blickte sie um sich. Warum hatte sie David fortgehen lassen. Sie mußte ihn Wiedersehen! Mit allen Fasern ihres Herzens sehnte sie sich nach seiner tröstenden Gegenwart, nach seiner ruhigen Stärke, seiner Treue und Güte. Sie schlüpfte hastig in ein Leinenkleid. Noch in der kommenden Woche wollte sie nach Luksor zurück. Simmons konnte nachkommen. Sie würde David aufsuchen und ihm aufrichtig gestehen, daß sie sich getäuscht habe – und wenn er noch derselben Meinung sei ...

Schon beim Ankleiden ahnte sie, daß sie das nicht tun könne. Nicht weil sie zu stolz war, sich vor David zu demütigen. Er schien nicht der Mann, der seine Meinung änderte. Aber sie fürchtete sich vor sich selbst – vor dieser Frau, die sie aus ernsten grauen Augen ansah, während sie vor dem Spiegel saß und sich das Gesicht für den Ausgang puderte. Schon einmal hatte sie einem Manne ihr ganzes Vertrauen geschenkt; der hatte es egoistisch ausgenutzt und in den Schmutz gezogen. Sie konnte wohl Liebe, aber nie wieder Vertrauen in die Ehe bringen ...

Nun hatte dieser unangenehme Mentor, die Vernunft, endlich wieder Macht über ihr Denken bekommen. Was wußte sie denn überhaupt von Cradock, von seiner Herkunft? Nichts. Wahrscheinlich war er ein blutarmer Abenteurer, ein britischer Mitgiftjäger. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, Joan –! Und erinnere dich an Rachel Hanningtons Warnung: »Wenn du keinen festen Willen hast, wird dich eines Tages doch einer herumkriegen!« – Nimm dich zusammen, mein Kind, dich hat nur der Zauber der ägyptischen Nächte verhext! Fahre nach Europa – verbanne diesen Mann aus deinen Gedanken, und nach sechs Monaten wirst du ihn vergessen haben!

Joan erhob sich rasch vom Ankleidetisch, griff sehr eilig nach Handschuhen und Schirm, verließ ihr Zimmer so hastig, daß die Vernunft, die eine gemächliche Person mit gesetztem Benehmen ist und eine starke Abneigung gegen jegliche Hetzerei hat, verdutzt zurückblieb. So kam es, daß statt dieses düsteren Ratgebers die Romantik, die flugs jede Gelegenheit wahrnimmt, an der Seite der jungen Frau durch das Mittagsgedränge der Korsostraßen wandelte.

Joan war fest entschlossen gewesen, sofort ihre Schiffskarte zu lösen, um möglichst bald in Europa zu landen. Aber die Romantik führte sie an allen Reisebureaus vorüber zur Eingangshalle von Cradocks Hotel. Dort ließ die Führerin sie im Stiche, denn die Vernunft fegte mit entrüsteten Mienen auf sie zu.

Ohne sich bewußt zu sein, zu welchem Zweck sie gekommen, schritt Joan zur Portierloge. »Können Sie mir sagen, ob Herr Cradock nach Luksor zurückgefahren ist?« fragte sie.

»Nein, gnädige Frau!« lautete die höfliche Antwort. »Herr Cradock ist nach Europa abgereist.«

Nach Europa!? Dann war also er es, der »auf einem Schiff weit übers Meer« fuhr!

»Nach Europa?« wiederholte sie. »Wann ist er denn fort?«

»Gestern, gnädige Frau!«

»Nach London wohl?«

Der Portier sah in einem Buche nach. »Nein – nach Frankreich, glaube ich. Die Adresse, die er uns hinterließ, lautet: Postlagernd Cannes!«

Joan Averil trat mit festem Entschluß in den Sonnenschein hinaus und fand das staubige Kairo wunderbar schön und heiter. Es war ein leuchtender Tag, und Straßen und Plätze quollen über von Menschen. Sie freute sich des bewegten Bildes, und fühlte wieder die Anziehungskraft dieser merkwürdigen Stadt, wo alle Nationen des Orients einander begegneten und vier verschiedene Alphabete in seltsamem Kauderwelsch von den Firmenschildern grüßten. An einer verkehrsreichen Kreuzung stand in elegantem blauen Waffenrock ein irischer Verkehrspolizist, der Joans wegen ein Militärauto anhielt und freundlich in ihr sonniges Gesicht lachte. Sie blickte ihn strahlend an, und der Irländer wackelte begeistert mit dem Kopfe, als stumme Anerkennung ihrer zarten Schönheit.

Joan ging geradewegs ins Reisebureau. In der Tür stieß sie mit Molly Dalton und ihrem Vater zusammen, einem alten Herrn mit Sportmütze und Shagpfeife. Joan errötete schuldbewußt. Denn die Freundin war schon seit drei Tagen in Kairo und hatte bereits zweimal im Hotel angerufen.

»Joan, Liebling,« rief Molly und umarmte die Wiedergefundene, »ich habe mir schon den Kopf darüber zerbrochen, was aus dir geworden sein mag! Wie lange bleibst du noch? Wir haben eben Karten gelöst für den Mittwoch-Dampfer nach Marseille.«

»Ist das das Europaschiff?«

»Ja«, sagte Vater Dalton.

»Also,« bemerkte Joan gelassen, »wenn ich noch Platz bekomme, so möchte ich gern Mittwoch mit euch zusammen reisen!«

»Oh, Joan – wie herrlich!« jubelte Molly entzückt. »Colin wird morgen in Kairo sein und speist abends mit uns. Mach uns die Freude und komme auch!«

»Mit größtem Vergnügen! Doch laß uns erst meine Fahrkarte holen!«

*

Lady Rachel Hannington schleuderte durch die Spielsäle. Es war ein Galaabend und das Kasino überfüllt. In einer Hand hielt sie ein Paket neuer Tausendfranknoten, die unter der Bankschleife knisterten, in der anderen Geldtäschchen, Zigarettendose und Taschentuch.

Sie gehörte für eine gewisse Zeit des Jahres zum ständigen Inventar von Cannes, und alle Welt wußte das. Wenn ihr Auto unter den herbstlichen Farben der Promenadenstraße erschien, öffneten die Hoteliers ihre Fensterläden, füllten die Blumenständer und sagten: »Sieh da – Fräulein Hannington! Die Saison kann beginnen!« Wenn ihre große Nase unter der Strahlenkrone ihres Goldhaares in der Drehtür der Spiegelsäle auftauchte, so verlieh dies Ereignis dem Abend ein besonderes Gepräge. Sogar von den Gesichtern der Croupiers wich bei ihrem Erscheinen der gewohnte Ausdruck eingestampfter Melancholie.

In dem Gedränge kam sie nur langsam vorwärts. Gut die Hälfte all der eleganten Besucher, die sich um den Spieltisch scharten, schien sie persönlich zu kennen. Alle paar Augenblicke blieb jemand stehen, um sie zu begrüßen. Ein wahrhaftiger König – und ein nicht entthronter noch dazu – beugte sich über ihre Hand, als sie vorüberschwebte, und fragte nach ihrem Befinden. Ein russischer Großfürst, der sich mit dem Familienschmuck ins Privatleben zurückgezogen hatte, küßte ihr die Fingerspitzen und wagte die originelle Bemerkung, daß der Sonnenschein an der Riviera zauberhaft köstlich sei. Ein griechischer Bankier winkte ihr vom Zwanzigtausend -Louis-Tisch herüber und wies auf einen freien Platz neben sich. Ein eleganter Italiener mit weißer Kamelie im Frackknopfloch, der eifrig mit einer schlanken Erscheinung in Grün plauderte, verbeugte sich ehrerbietig.

»Wie geht's, Marchese?« sagte Lady Rachel und reichte ihm im Vorüberschreiten die Hand. »Schon aus Ägypten zur – –?« Sie hielt plötzlich inne. »Joan Averil!« rief sie überrascht.

Beim Klang ihrer Stimme sah die junge Frau auf. »Rachel!«

»Marchese,« befahl Lady Hannington, »Sie sind entlassen! Ich entführe Ihnen Frau Averil. Oder warten Sie –: Sie könnten uns zwei nette Plätze in der Bar verschaffen, vielleicht am Fenstertisch, wo man ungestört plaudern kann! Und kommen Sie morgen zum Souper zu mir – halt – nicht morgen! Übermorgen erst, am Donnerstag! In der Villa Eglantine, um neun, nicht wahr? Ich werde Frau Averil auch einladen. Da können wir uns alle miteinander hübsch über Ägypten unterhalten. Auf Wiedersehen!«

Der Marchese verneigte sich und schritt zur Bar hinüber. Etwas, was in der Höhe ihres Ellbogens wie ein Hund schnüffelte, veranlaßte Rachel, sich umzusehen. Es war ihr Freund, der griechische Bankier, ein untersetztes braunes Individuum mit einer Nase wie Cyrano von Bergerac und einem Gesicht wie ein Aufseher von Galeerensträflingen.

»Ich habe Ihnen Ihren Platz aufgehoben«, grunzte er auf französisch. »Später!« winkte sie ab und wandte sich ab. Dann hängte sie sich an Joan Arm und führte sie in die Bar.

»Und nun«, fragte sie, als sie gemütlich saßen, »erzähle mir, woher du so plötzlich kommst. Wo wohnst du? Und warum hast du mich noch nicht besucht?«

»Ich bin erst seit gestern abend hier. Heute wollte ich dich übrigens anrufen.«

»Und wie hat dir Ägypten gefallen?«

»Oh, sehr gut! Der Sonnenschein war wundervoll!« Ihre Stimme klang gleichgültig. Rachel Hannington sah ihr prüfend ins Gesicht. »Hast du dich mit dem Prinzen Said Hussein bekanntgemacht? Ich hatte ihm damals gleich ein Radiogramm geschickt.«

»Ich weiß, Rachel! Es war sehr lieb von dir, und ich Saumselige habe dir nicht einmal geschrieben, um dir dafür zu danken.«

»Niemand schreibt heutzutage noch Briefe!« bemerkte Lady Rachel mild. »Telephon und Radio werden das Schreiben bald zu einer vergessenen Kunst machen. Ein ungemein fesselnder Mensch, dieser Prinz, nicht wahr?«

»Sehr!«

»Weißt du, Joanie, besonders erholt siehst du eigentlich nicht aus! Du bist zwar ebenso hübsch wie früher, aber irgendwie hast du dich verändert. War denn Ägypten so anstrengend?«

»Ja, ziemlich. Du kennst doch Kairo, Rachel.«

»Nun ja – von früher her. – Aber nun solltest du dich ausruhen! Obgleich Cannes in der Hauptsaison ...« – sie ließ den Blick über die Reihe von schwarzen Röcken und nackten Rücken gleiten, die die hohen Hockstühle der Bar zierten – »kaum der richtige Ort dafür ist. Warum bist du überhaupt hierher gekommen. Mit Freunden vielleicht?«

»Nein – nur mit Simmons. Ich dachte mir, ich könnte, bevor ich nach Paris weiterreise, noch ein wenig an der Riviera bleiben, um mich an den Klimawechsel zu gewöhnen. Ich war auch noch nie in Cannes, trotzdem ich Nizza und Monte kenne.« Ein leises Erröten stieg in ihre blaffen Wangen.

»Aber du kannst doch nicht allein in einem Hotel wohnen, Kind! Diese riesigen Lärmbuden sind jetzt wie Irrenhäuser. Du mußt zu mir übersiedeln ...«

»Sehr freundlich von dir, Rachel! Aber ich bleibe doch lieber da, wo ich bin ...«

»Papperlapapp!«

»Nein, wirklich! Meine Pläne sind so ungewiß. Vielleicht fahre ich schon bald ...«

»Aber, Joanie, in meiner Villa bist du doch frei und ungehemmt! Und kannst abseits von all diesem Trubel deine Nerven kräftigen! Du ahnst nicht, wie himmlisch es dort oben unter den Orangenbäumen von La Docca ist. Ich habe die entzückendste Terrasse mit einer herrlichen Aussicht über das Meer. Man möchte gar nicht glauben, daß man nur zehn Minuten vom Kasino entfernt ist!«

Joan schüttelte den Kopf. »Denke nicht, daß ich deine Liebenswürdigkeit nicht zu schätzen weiß, Rachel! Aber ich möchte dir nicht beschwerlich fallen. Ich fürchte, daß ich gerade jetzt keine angenehme Gesellschaft für dich bin.« – Rachel Hanningtons Augen wurden sanft. »Quälst du dich noch immer um Mark, du Arme?«

Joan vermied ihren Blick. »An ihn denke ich fast gar nicht mehr – das ist vorüber!«

Die ältere Freundin wechselte geschickt das peinliche Thema. »Ich bin entzückt von deinem Kleide, Liebste! Es steht dir reizend!«

Joan sah an sich herab. »Meinst du? Es ist ein Modell, das ich heute morgen erst hier kaufte. Denn ich bin vollkommen derangiert angekommen und hatte nichts mehr zum Anziehen. Wenn ich auf längere Zeit hierbleiben sollte, werde ich mich gründlich neu ausstaffieren müssen!«

Rachel Hannington blickte zum Eingang hinüber. »Mein griechischer Seeräuber wird nicht wissen, wo ich hingeraten bin. Wir wollten zusammen ein bißchen die Bank ärgern. Ist dir jemals ein so brutal aussehender Kerl vorgekommen? Na – er ist fabelhaft reich und außerdem – das muß man wirklich sagen – ein sehr anständiger Verlierer! Hör zu, Joanie, wenn du nicht zu mir ziehen willst, so mußt du dich wenigstens zu meiner Donnerstagsgesellschaft einfinden. Kennst du denn irgendwen in Cannes?«

»Ich traf heute nachmittag zufällig ein paar Bekannte aus Philadelphia. Und dann ist da dieser italienische Marchese, mit dem ich vorhin sprach. Er fuhr seinerzeit auch mit der ›Aquatic‹ hinaus. Außerdem, glaube ich, kenne ich noch einen Engländer aus Ägypten, einen Herrn Cradock, der sich jetzt hier aufhält.« Sie warf einen nervösen Blick auf Lady Hanningtons ruhiges Gesicht. »Kennst du ihn vielleicht auch, Rachel?«

»Stammt er nicht aus dem Geschlecht der Barrasford?«

»Das weiß ich nicht. Er heißt mit Vornamen David.«

»David Cradock? Hm. Ja – ich habe von ihm gehört, aber persönlich kenne ich ihn nicht. Wohl aber kannte ich einen Herbert Cradock. Der stand bei der indischen Armee und ist bei einem Grenzgefecht gefallen. Sein jüngerer Bruder soll in Ägypten leben. Man sagt, er beherrsche sämtliche Idiome dieses Landes. Auch heißt es, daß er ein Sonderling sei. Von seinem Hiersein wußte ich nichts. Hallo, da kommt ja mein Seeräuber!«

Joan sah auf. Sie erblickte den Griechen nicht sogleich, dagegen einen anderen Mann, der am Nebentisch allein saß und sie scharf anstarrte. Er sah sehr mager und ausgehungert aus und steckte in einem ziemlich schäbigen Smoking. Über seine hervortretenden Backenknochen spannte sich die schlaffe Haut wie eine Zeltbahn über ihre Stützen. Mit den zottigen Augenbrauen über den schwarzen Stechaugen und mit seiner schmalen Geiernase erinnerte er an einen Raubvogel.

Aber nun wackelte Rachel Hanningtons Partner durch das Gedränge des Bareingangs auf sie zu und rieb sich erwartungsvoll die Hände. Joan sah auf die Armbanduhr. Halb eins.

Lady Rachel raffte ihre Sachen zusammen. »Ich werde morgen den ganzen Tag bei den Brockways in Cap d'ail verbringen«, sagte sie. »Aber vergiß nicht, daß du Donnerstag abend zum Souper zu mir kommen sollst, Joanie! Es wird gut sein, wenn ich dir mein Auto schicke. Willst du mir jetzt nicht zuschauen, wie ich die Bank sprenge? Gehen wir, Themistokles!«

Aber Joan entschuldigte sich, entschlüpfte zum Haupteingang und fuhr in einer Droschke nach ihrem Hotel. –

Sie fand keinerlei Gefallen an Cannes und seinem geräuschvollen Kasinobetrieb. Die überhitzten Spielsäle mit ihren drängenden Massen von raffgierigen Gesichtern verursachten ihr Unbehagen, und über die aus Vornehmheit und aufgeschminkter Halbwelt zusammengewürfelte Gesellschaft in der Bar entrüstete sie sich. Sie war keineswegs prüde. Sie wußte, daß alle möglichen Fische im Netz einer Riviera-Spielbank zappeln; in einer anderen Stimmung hätte sie vielleicht die Abwechslung der Bilder, die Pracht der Toiletten, der Nervenreiz des Hasardspiels gefesselt oder belustigt.

Aber Joan war ruhelos; und ihre Ruhelosigkeit machte sie tadelsüchtig. Nun weilte sie also hier in Cannes und wußte nicht, weshalb. Und doch, wenn sie spazieren ging oder den Wellen zusah, die donnernd mit weißen Schaumkämmen gegen den Damm prallten, ertappte sie sich dabei, wie sie die Gesichter der ihr Begegnenden musterte, ob sie nicht zwei brennende Blauaugen in einem sonnengebräunten Gesicht erspähen könne ...

Es wurden wöchentlich Listen mit dem Verzeichnis der Hotelbesucher herausgegeben. Sie kaufte sich eine und verbrachte eine öde Stunde mit ihrem vergeblichen Studium. Sie ging mit der schwachen Hoffnung ins Kasino, Cradock vielleicht dort zu treffen, aber die Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wenn sie nur gewußt hätte, was sie ihm sagen sollte! Denn dann hätte sie ihm ja schreiben können: Briefe postlagernd Cannes würden ihn, wenn die Auskunft des Kairoer Hotels stimmte, doch jedenfalls erreichen. Aber vermochte sie ihm die Frage zu beantworten, die er ihr sicher stellen würde, wenn sie sich wieder gegenüberstanden?

Sie brauchte jemand, dem sie sich anvertrauen konnte. Sie hätte gern Rachel Hannington ihr Herz ausgeschüttet, aber sie fürchtete, bei deren etwas zynischen Lebensansichten nicht dem richtigen Verständnis zu begegnen. Und außerdem: Was mochte ihr ein freundschaftlicher Rat nützen? Hier ging es um grundsätzliche Dinge, die sie selbst und allein entscheiden mußte.

Sie erstand noch ein Kleid für das Souper bei Rachel. Gegen die Abendgewänder, die sie in Ägypten getragen, fühlte sie eine Abneigung. Dieses neue bestand aus plissiertem Crêpe Georgette; es wirkte sehr schlicht und war daher ganz besonders teuer. »Madame sehen aus wie eine Braut!« hatte die hübsche Verkäuferin gesagt. Joan lächelte bitter; ihr Brautkleid hatte sie beim Tode Mark Averils verbrannt ...

Aber das Mädchen hatte recht, gab Joan zu, als sie am Donnerstag abend noch einmal in den Spiegel blickte, bevor sie hinunterging und in das wartende Auto stieg. Das Kleid verlieh ihr ein jugendlich-mädchenhaftes Aussehen.

Das Auto ratterte rasch davon – an den Lichtern des Kasinos vorüber zum Hafen, wo weiße Jachten in langen Reihen längs des Ufers verankert waren, und federte auf der Straße von La Bocca am Meeresstrande dahin. Nach einer Weile verlangsamte es sein Tempo und bog in einen Weg zwischen den Mauern von Villen ein, die hinter hohen Bäumen hervorlugten. Dann wieder kam eine steil ansteigende Straße, unter einem Blättergewölbe. Als sie an zwei Granitsäulen vorbeifuhren, spritzte der Schlamm unter den Reifen der schweren Limousine hervor.

Im Hinauslehnen sah Joan ein weißes Haus mit grünen Fensterläden im Lichtkegel der Scheinwerfer auftauchen.

Über dem Tor glänzte ein beleuchtetes Fenster; sonst aber lag die Villa in Finsternis. Keine anderen Automobile waren an der Auffahrt zu erblicken. Spaßig, dachte Joan; da kam sie also wirklich einmal pünktlich als erste an!

Der Chauffeur half ihr beim Aussteigen. Er hatte den Motor nicht abgestellt, und sobald sie draußen stand, schlug er die Wagentür zu, sprang auf den Lenkersitz und glitt lautlos um die Ecke zur Rückseite des Gebäudes. Ein elektrisches Licht glomm an der Vortreppe. Gespenstisch öffnete sich das Haustor. Da niemand sichtbar war, schritt Joan hinein. Die Tür hinter ihr fiel zu.

Sie sah sich um und erblickte einen Neger. Er war in Abendkleidung, schien sich aber in seinem Anzug sehr unbehaglich zu fühlen. Als Joan in sein dunkles, mürrisches Gesicht blickte, meinte sie, den Mann schon irgendwann gesehen zu haben.

Ein plötzliches Gefühl des Grauens stieg in ihr hoch. Rachel Hannington konnte natürlich einen schwarzen Diener haben, aber dergleichen Leute gaben sich meist lächelnd, dienstbeflissen und geschäftig und waren nicht solch ungeschickte, finster blickende Wilde wie dieser Kerl hier. War sie versehentlich in ein falsches Haus geraten? Unmöglich! Rachel hatte doch ihr eigenes Auto geschickt, um sie abzuholen.

Da sagte eine wohlbekannte Stimme hinter ihr: »Guten Abend, Frau Averil!«

»Said Hussein – –!«

In jähem Entsetzen wandte sich Joan wieder zur Tür. Doch dort hatte sich drohend der Neger aufgepflanzt! –

Sie riß sich zusammen, um ihre Fassung zu bewahren. Aber die weiße Halle schien sich um sie zu drehen, und es wurde ihr übel vor Angst.

»Wie wunderschön Sie sind!«

Sie träumte nicht! Es war wirklich Husseins gleißnerische Stimme, Er stand am Fuß der Treppe, in tadellosem Smoking, der eine der schwarzen Perlen seiner Hemdenbrust sehen ließ. Er hielt die Hände verschlungen und sagte, während sich ihr Busen hob und senkte und sie ihn krampfhaft ansah, nochmals und wieder: »Wunderschön, wunderschön!«

Sie hüllte sich fester in ihren Mantel und versuchte, der Situation mit Ruhe beizukommen. »Ich bin scheinbar in das unrichtige Haus geraten. Dieses gehört nicht Rachel Hannington?«

»Nein! Aber es liegt kein Irrtum vor. Es war mein Plan, Sie hierherzubringen. Ich habe das Auto geschickt.«

»Dann lassen Sie es, bitte, sofort wieder vorfahren, damit ich an mein Ziel gelangen kann!«

Er schüttelte langsam den Kopf. »Nein!«

Wie eine Ebenholzfigur stand an der Haustür der Schwarze als Schildwache. »Bitte, befehlen Sie Ihrem Diener, daß er mich vorbeiläßt!« stammelte sie.

Said Hussein trat näher heran. »Joan, ich habe Sie hierhergebracht, weil ich mit Ihnen sprechen muß. Wenn Sie alles gehört haben, was ich Ihnen sagen möchte, können Sie gehen, wohin Sie wollen!«

Ihre Hände waren eiskalt, aber eine Welle rasenden Zorns verdrängte ihre Furcht. »Wie können Sie es wagen, mich gegen meinen Willen hier festzuhalten?« fragte sie und stampfte mit dem Fuß. »Öffnen Sie sofort die Tür!«

Er kam mit einer flehenden Geste auf Sie zu. »Ich weiß, daß mein Benehmen sehr unpassend ist und Sie vielleicht erschrecken muß. Aber ich hatte das Bedürfnis, Sie wiederzusehen, und es blieb mir keine andere Wahl.«

Der einschmeichelnde Ton seiner Entschuldigung vermochte Joan nicht zu täuschen. Sie kannte jetzt den Orientalen, der unter dem glatten Aussehen lauerte. »Ich jedenfalls wünsche nicht mit Ihnen zu sprechen und hoffte, Sie nie mehr wiederzusehen!« rief sie voller Wut. »Merken Sie sich das ein für allemal! Und nun lassen Sie mich gehen!«

Er rührte sich nicht – betrachtete sie unausgesetzt mit seinen gelben Hyänenaugen.

Verzweifelt faltete sie die Hände. »Wir waren einst befreundet«, stammelte sie. »Wenn Sie der Gentleman sind, der zu sein Sie vorgaben, so lassen Sie mich endlich in Ruhe! Ich bitte Sie darum ...«

Seine Augen glitzerten rötlich. Wieder trat er einen Schritt näher. »Öffnen Sie!« schrie sie außer sich. »Oder ich rufe um Hilfe!«

»Das nützt Ihnen gar nichts. Es gibt im Umkreis von einem halben Kilometer nur noch ein Haus, und das steht seit Monaten leer.«

Ein Vorhang teilte sich am Ende der Halle, und hastig trat ein Mann hervor. Er hatte stechende Augen, die unter dichten Augenbrauen blitzten, und jenes Vogelgesicht, das Joan am Abend zuvor in der Kasinobar aufgefallen war. Er mußte wohl gehört haben, daß Rachel Hannington ihr vorgeschlagen hatte, sie mit dem Wagen holen zu lassen. So also war es Hussein möglich geworden, sie in dies Haus zu locken.

Der Neuankömmling blieb stehen, als er Joan erblickte. Er schien von draußen zu kommen, denn er trug eine Tuchkappe und über der Schulter einen Mantel.

»Ist alles in Ordnung, Voronian?« fragte der Prinz.

Der Armenier nickte. »Das Motorboot liegt vor dem Felsen am Fuße des Weges, jenseits des Geleises.«

»Haben Sie nach Golfe Jouan telephoniert?«

»Ja. Sie sind dort seit vier Uhr klar zur Abfahrt.«

»Sie können gehen! Ich werde läuten, wenn ich Sie brauche.«

Der Mann legte die Hand an die Stirn und verschwand hinter dem Vorhang. Said Hussein wandte sich zu Joan.

»Kommen Sie!«

Sie wich zurück. »Was wollen Sie von mir?«

»Ich sagte es Ihnen schon. Ich habe mit Ihnen zu sprechen. Hier können wir nicht reden. Gehen wir in mein Zimmer hinauf!«

Sie schüttelte den Kopf. »Sagen Sie mir hier, was Sie zu sagen haben, und lassen Sie mich dann frei!«

»Kommen Sie!« wiederholte er.

Sie rührte sich nicht. Aber er fühlte, daß er gewonnen hatte. Ohne zu sprechen wandte er sich und ging die Stufen empor. Schluchzend und zitternd folgte sie ihm.

Im ersten Stock, vor einer Tür der Treppe gegenüber, wartete der Prinz und führte sie in ein matt beleuchtetes violettes Zimmer, dessen Wände bis zur Decke mit Büchern bekleidet waren. In der Mitte stand ein Schreibtisch und dahinter sah man, halb verborgen, eine zweite Tür. Hussein wies auf ein schwarzseidenes Sofa. Auf dem Schreibtisch standen eine Flasche Champagner und ein paar Gläser auf einem Tablett. Er füllte ein Glas und reichte es Joan. Sie lehnte schweigend ab und beobachtete ihn gespannt aus ihrem Sofawinkel, während er das Weinglas unberührt wieder zurückstellte und sich dann in den Lehnstuhl an den Schreibtisch setzte.

Er zündete eine Zigarette an und neigte sich vor. »Ich weiß, daß ich mich scheußlich gegen Sie betragen habe, Joan, doch es war nicht meine Schuld. Sie haben mich vom ersten Augenblick an bezaubert, als ich Sie sah. Man nennt mich einen Frauenkenner, aber Sie sind in so vielem anders als Ihre Evaschwestern, und bei Ihnen haben alle meine Bemühungen mich nicht weitergebracht. Wir waren gute Freunde – und sonst nichts. Jedesmal, wenn ich trachtete, das Weib in Ihnen zu wecken, stieß ich auf Schranken aus Eis. Das hat mich halb wahnsinnig gemacht ...« Er streifte die Asche von seiner Zigarette und betrachtete ihr glühendes Ende. »Ich habe in meinem Leben manche Frau geliebt, aber keine so begehrt wie Sie. Sie haben es nicht gemerkt oder nicht merken wollen. Sie wissen nicht, welche Anstrengung es mich schon an Bord des Schiffes kostete, mich im Zaum zu halten. An jenem Abend dann, als Sie mit den Richboroughs bei mir zu Gaste waren und wir nachher mitsammen in den Garten gingen – nun – da habe ich beschlossen, daß Sie mein sein sollten. Ich war bestrebt, Ihnen auf europäische Art meine heiße Verehrung anzudeuten, langsam, behutsam, als sei eine Frau eine Blüte, die bei der Berührung vergeht, und nicht ein Lebewesen mit pulsendem Blut. Aber Ihre Kälte blieb. Ich versuchte es mit einem Geschenk, einer Kleinigkeit nur, aber einzig in ihrer Art. Ich kannte Frauen des Westens, deren Herzen ein solcher Smaragd geöffnet hätte. Aber wieder besiegten Sie mich. Oft hab' ich mich gefragt, wie es mir damals in jener Nacht gelungen ist, meine Gefühle zu bezähmen. Vielleicht hatte mich Ihre Kälte entwaffnet. Doch ich weiß, daß ich, nachdem Sie gegangen waren, im Marmorhof auf und ab raste wie ein Verzweifelter ...«

Er warf die Zigarette fort und trommelte wild mit den Fingern auf der Platte des Schreibtisches, als ringe er nach Selbstbeherrschung. Starr, mit einer Apathie völliger Hilflosigkeit, lauschte Joan den erregten Worten, während seine langen, schlanken Finger klopften und klopften. »Ihr Frauen des Westens wißt nicht, was Liebe ist. Ich sagte Ihnen das schon damals – erinnern Sie sich. Ihr küßt und heiratet, bringt Kinder zur Welt und sinkt ins Grab, ohne euch jemals aus eurer unerschütterlichen Ruhe aufrütteln zu lassen. Und doch, Sie ... Sie ... haben die Fähigkeit, zu lieben. Ihre Beherrschtheit und Ihre Kälte sind nur ein Schild, den Sie zwischen Ihr glutfähiges Herz und die Welt stellen. Aber Ihre Augen können Sie nicht verhüllen. Und Ihre Augen sind hungrig. Sie hungern nach Liebe ...«

Langsam faßte sie wieder Mut. Wenn er nur dort blieb, wo er war. Solange sich der Schreibtisch zwischen ihnen befand, hatte sie nichts zu fürchten. Aber wenn er näher kam, wenn diese Basiliskenaugen über den ihren glühten, meinte sie, daß ihr Herz aufhören müsse zu schlagen. Worauf nur zielte er hin? Und warum, warum dieses fortwährende Trommeln mit den Fingern? ... Sie hatte sich von ihren Gedanken ablenken lassen. Was sagte er jetzt?

»... Ein Motorboot erwartet uns am Fuße des Felsens, drei Minuten von hier. Es bringt uns zu meiner Jacht – sie liegt bei Golfe Jouan dampfklar vor Anker. Wir fahren irgendwohin – nur wir beide – Sie und ich. Und ich will Ihnen den Himmel auf Erden bereiten!«

Er schwieg und blickte sie erwartungsvoll an. Was war das für ein wahnwitziger Vorschlag? Wild hämmerten ihre Pulse. Er hatte sich erhoben – ging langsam um den Schreibtisch – setzte sich neben sie.

»Wenn Sie wollen, daß ich Sie heirate – nichts stünde dem entgegen. Wir werden einen Konsul aufsuchen, der uns traut. Joan, Geliebte, so sprich doch nur ein Wort!«

»Was ... was wollen Sie?«

»Komm mit mir!«

Sie starrte ihn fassungslos an. Er versuchte ihre Hand zu ergreifen, doch sie entzog sie ihm.

»Sie sind erstaunt über mein Ansinnen – ich sehe es. Aber ich habe mir geschworen, daß Sie mir gehören müssen, und noch nie ließ ich von etwas ab, was ich mir vorgenommen. Ich kann Sie glücklich machen, Joan! Ich bin reich ... und ... und werde Sie auf Händen tragen ... und ... Sie lieben, wie ich nie eine Frau geliebt!«

Seine Stimme erstickte in einem heiseren Flüstern, und wieder suchte er ihre Hand. Aber sie wich ihm aus, lehnte sich zurück – begann schallend zu lachen. Es war ein hysterisches Gelächter, die Entspannung überanstrengter Nerven. Aber der Mann fühlte nur dumpf, daß sie sich über ihn lustig machte, und in seinen Zügen ging eine Veränderung vor.

»Sie scheinen wahnsinnig zu sein!« stieß sie heraus.

»Was ich heut abend tat, mag Wahnsinn sein. Aber es ist ein Wahnsinn aus Liebe.«

Sie stand auf, blaß und zitternd – aber entschlossen, ein Ende zu machen. »Ist es das, was Sie mir sagen wollten?«

»Ja!«

»Darf ich jetzt nach Hause gehen, bitte?«

Sein Gesicht verdunkelte sich. Seine Pupillen wurden klein wie Stecknadelspitzen und schwammen in roten Kreisen.

»Sie lieben einen anderen?« schrie er erbost.

Sie schüttelte den Kopf. Er packte sie am Handgelenk.

»Wenn ich wüßte, daß es Cradock wäre ...«

»Herr Cradock bedeutet mir nichts ...«

»Wissen Sie das bestimmt?« höhnte er. »Wer mag ihm wohl gesagt haben, daß Sie an jenem Abend mit mir in El Maghrabys Hause soupieren würden? Wie kam sein rechtzeitiges Erscheinen zustande? Begreifen Sie denn nicht, daß er Sie nur im Interesse seiner Spionage für die Polizei mißbrauchen wollte?«

Sie entriß ihm ihre Hand. »Ich weiß nicht, was Sie da faseln. Ich habe Herrn Cradock nichts erzählt.«

»Joan – gut – ich glaube Ihnen! – Nun ... das Motorboot erwartet uns. Kommen Sie mit mir –! Lassen Sie uns eilen!«

»Ich gehe nicht mit Ihnen, Said Hussein!«

Sie atmete schwer, mit ineinander verkrampften Händen.

»Ist das Ihre Antwort? Ihre einzige und letzte?«

»Kommen Sie mir nicht zu nahe!«

Sie riß das Champagnerglas vom Schreibtisch. Der Wein spritzte auf ihren Arm, als sie es schleudernd hob. Aber er wehrte lachend das schwache Wurfgeschoß ab, daß es splitternd an der Tischkante in Scherben zerbarst.

Mit flammenden Augen sprang er gegen sie an. »Noch eine Stunde Zeit bleibt mir für die Liebe ... und für dich ...!«

Er hatte in keuchendem Ringen die Arme um sie geschlungen und zerrte ihren Mantel herab. Sein heißer Atem überlohte ihre Wange, und seine Finger zerrissen ihre Achselspangen – –

Plötzlich ertönte von irgendwo aus dem schweigenden Haus ein dumpfer Knall.

Schlaff fielen ihm die Arme herab. Er trat erschrocken zurück und horchte. Einen Augenblick herrschte gespannte Stille. Dann hörte man – Hussein bestürzt, doch wachsam in der Zimmermitte; Joan, einer Ohnmacht nahe, an die Wand gelehnt – auf der Treppe draußen das Knarren fester Schritte.

Hussein verlor keine Zeit. Er stürzte hinter den Schreibtisch und riß die Geheimtür auf, die im Bücherschrank eingebaut war. Zu ihrem Erstaunen sah Joan, wie er dort vor einem breitschultrigen Mann in schwarzer Kleidung zurücktaumelte, der nun, einen steifen Hut auf dem Kopf und einen Revolver in der starken, roten Faust, beherzt ins Zimmer trat. Im gleichen Augenblick ließ eine Stimme von der anderen Tür ihr Herz erbeben.

»Ist Ihnen etwas geschehen?«

David Cradock hatte die Frage gestellt, als er vom Treppenhaus herankam. Ihr tränenbenetztes Antlitz war so weiß wie ihr Kleid. Mit schreckhaft stieren Augen hielt sie mühsam ihr Gewand zusammen, das, halb zerfetzt, eine leuchtende Schulter frei ließ.

Während er sie voller Besorgnis ansah, wich die Angst aus ihrem Blick, das Blut schoß ihr in die Wangen, und ein rührendes Lächeln grüßte zu ihm hinüber.

Da plötzlich wußte sie, daß er der rechte Mann für sie sei. Nicht dem Schurken Said Hussein, der mit verzerrtem Gesicht in die Seitentasche griff, während er in das Zimmer zurückwankte, nicht dem zerbrochenen Glase, nicht dem Wein, der über den Teppich floß, galt Davids erster Blick, sondern ihr – – ihr allein!

Verflogen war die Unentschlossenheit, verflogen Zweifel und Qual vieler peinvoller Stunden. Als sich beider Blicke trafen, fühlte sie, daß der Wahrsager richtig prophezeit hatte. Das Ende ihrer unruhereichen Fahrten war da, und der Name ihres Rastortes hieß Friede! –

Erschöpft von banger Erwartung stand sie zwischen Lachen und Weinen, und ihre Liebe zu ihm strahlte ihr aus den Augen. Als Cradock dies Lächeln sah, erhellten sich seine Züge.

Hinter dem Schreibtisch reckte der Prinz zähneknirschend die Hände in die Höhe; denn in einer Entfernung von kaum zehn Schritt hielt ihn der Mann im steifen Hut mit schußbereiter Waffe in Schach.

»Ich würde an Ihrer Stelle keine Schwierigkeiten machen, Hussein«, rief Cradock und näherte sich dem Tisch. »Makhmud liegt unten in der Halle mit einer Kugel im Schenkel. Er war unvernünftig, und mein Freund hier, Kriminalinspektor Ardisson von der Kriminalpolizei in Cannes, mußte ihn warnen. Und Ihr Helfershelfer Voronian hat sich in Ihrem Motorboot davongemacht. Haben Sie die Handschellen bereit, Inspektor? Ich schieße Sie nieder wie einen tollen Hund, Hussein, wenn Sie versuchen, irgendwelche Kniffe anzuwenden!« Er hob die Pistole, die bisher in seiner gesenkten Rechten verdeckt war.

Der Mann im steifen Hut zog einen klirrenden Gegenstand aus der Rocktasche. »Her die Hände!« – Ein Klicken. – »Fertig!« verkündete Ardisson.

Langsam hob der Gefesselte den Kopf und blickte Cradock höhnisch an. »Das schlägt doch eigentlich kaum in Ihr Fach? Ich wußte nicht, daß Sie bei der Polizei angestellt sind. Bin ich das Wild, oder ist es diese Dame?«

»Ich bin schon seit langem hinter Ihnen her, das wissen Sie!« entgegnete Cradock scharf. »Aber nun habe ich Sie endlich, Monsieur Ramosi!«

Hussein zog die Brauen in die Höhe. »Wie war der Name?«

»Verstellen Sie sich nicht länger – das Spiel ist aus! Die Kairoer Polizei hat das Versteck Ihrer Diebesbeute aufgespürt.«

»Wirklich? Und wie wollen Sie beweisen, daß die Einzelstücke einer Kunstsammlung gestohlen sind?«

»Durch die auf Ihr Anstiften geraubte Anubisfigur, die eine Zeugin in Ihrem Besitz sah.«

Des Prinzen Augen waren voll Haß. »Mein Gott, Cradock,« murmelte er, »Sie haben lange gewartet, um sich wiederzunehmen, was einst Ihnen gehörte. Jedenfalls«, fuhr er fort, wieder in seinem hämisch-scherzhaften Tone, »hoffe ich in Ihrem Interesse, daß Sie glaubwürdigere Zeugen haben als Nadja Alexandrowna. Und, nebenbei bemerkt, möchte ich gern wissen, ob Ihnen ein derartiger Argwohn das Recht gibt, mein Haus in La Bocca zu überfallen und mir Handschellen anzulegen ...«

»Sie haben noch weit mehr auf dem Kerbholz, Said Hussein ...« Die rotgelben Augen sandten einen flackernden Blick zu dem Engländer hinüber. »Wenn unser Gespräch noch weitergeführt werden soll,« sagte er mit übertriebener Gleichgültigkeit, »so möchte ich um die Gunst bitten, mich setzen zu dürfen – falls Ihr leicht erregbarer französischer Freund nichts dagegen hat!« Er ließ sich lässig in einen Sessel fallen.

»Erinnern Sie sich zum Beispiel an Seaton, Hussein?« fragte Cradock kühl.

»Ich habe diesen Namen nie gehört.«

»Und doch lernten Sie den Mann hier in diesem Hause, ja sogar in diesem Zimmer, vor kaum zwei Monaten kennen!«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden!«

»Seaton wurde – zwei Tage nach dieser Zusammenkunft – in der Telephonzelle eines Restaurants in Monte Carlo tot aufgefunden. Man vermutete Selbstmord, aber Sie werden darüber besser orientiert sein. Soll ich Ihnen sagen, wie sich die Sache verhielt? Ein Privatdetektiv Mayer, der in Seatons Auftrag Ihre Spur verfolgte, hatte Sie als Ramosi identifiziert und rief Seaton an, um ihm das mitzuteilen. Wegen dieser für Sie gefährlichen Erkundung wurde der arme Seaton von Ihnen oder von einem Ihrer Leute meuchlings umgebracht. Auch Mayer blieb seither verschwunden, und es ist sehr wahrscheinlich, daß ihn das gleiche Schicksal ereilte.«

Husseins Gesicht war hart wie Granit. »Mein guter Cradock, Sie nehmen Ihren neuen Beruf viel zu ernst! Was soll all der Unsinn über Seaton und Mayer und Ramosi, lauter Leute, mit denen ich nie etwas zu tun gehabt habe!«

»Und Simopulos?«

Die Züge des Prinzen schienen leichenfahl; vielleicht aber erweckte das violette Licht diesen Eindruck. »Ein höchst widerwärtiges Subjekt, dieser Grieche«, bemerkte er wegwerfend.

»Sie haben ihn vergiftet, weil Sie fürchteten, daß man ihn von uns unter Kontrolle genommen hatte!«

»Lieber Freund, Sie sind nicht ganz bei Trost ...«

»Der Pförtner in Osman el Maghrabys Haus hat ein Geständnis abgelegt. Er half Makhmud bei der Zubereitung des präparierten Kaffees.«

Hussein bewegte nervös den scheckigen Kopf. »Diese Ägypter schwatzen alles mögliche, wenn sie glauben, daß die Polizei es hören möchte.«

»Der Zeuge, der sah, wie Sie Simopulos den Gifttrank reichten, ist kein Ägypter, Hussein! Man hat übrigens die Leiche des Griechen gefunden.«

Der Prinz rückte unruhig hin und her – seine Stirn begann feucht zu glänzen. »Ach, was!« knurrte er. »Wie können Sie behaupten, daß gerade diese Schale Kaffee die Ursache von Simopulos' Tod gewesen sein müsse? Und daß ich von dem Gift gewußt habe? In Ägypten trinkt jedermann den ganzen Tag Kaffee – das ist Ihnen genau so bekannt wie mir. Und es ist ein Land geheimer Femen ...«

Er vergaß offenbar, daß er gefesselt war, denn er versuchte, mit der rechten Hand eine erklärende Bewegung zu machen. Aber er riß dabei die Linke mit, so daß er nun mit ausgestreckten Armen eine flehende Stellung einzunehmen schien.

»Sie haben recht, Hussein, das ist es.« Cradock schwieg einen Augenblick, dann fuhr er scharfen Tones fort: »Und Ismail?«

Zum ersten Male wandte sich der Prinz völlig um und blickte Cradock gerade ins Gesicht. Seine Farbe war gespensterhaft grau und lila Flecken traten unter seine Augen.

»Und Ismail?« fragte Cradock unerbittlich.

Hussein begann zu lachen. Aber dies Lachen gellte schrill und unnatürlich.

Es versickerte unter den ernsten Blicken der beiden Männer und der Frau, die ihn beobachteten.

»Ismail? Was für ein Ismail? Jeder dritte Mensch bei uns trägt diesen Namen!«

»Der Kunsthändler Ismail, der an Bord der ›Aquatic‹ verschwand!«

»Lächerlich!« Hussein sprach jetzt wieder ziemlich dreist, aber seine Augen flackerten unruhig. »Wir waren doch beisammen, als der Kerl über Bord sprang!«

»Ach!? Und woher wissen Sie diese genaue Stunde seines Verschwindens?«

Hussein zögerte. »Ich dächte doch, – man erzählte sich auf dem Schiff, daß es um Mitternacht geschehen sein soll.«

»Also waren Sie an diesem Mord unbeteiligt?«

Der Prinz bewegte die Hände, daß die Handschellen klirrten. »Mein Lieber, als ich mich an jenem Abend von Ihnen verabschiedete, ging ich mit dem Radiotelegraphisten hinunter und plauderte noch ein paar Minuten vor meiner Kabinentür mit ihm. Dann legte ich mich zur Ruhe und verließ mein Zimmer erst am anderen Morgen zur Frühstückszeit. Ich denke, das sollte Ihnen genügen!«

»Ich behaupte ja gar nicht, daß Sie selber Ismail über Bord gestoßen haben!«

Hussein schien ganz steif zu werden. Er hielt den Kopf gesenkt – nur seine seltsamen Augen sandten, gleich denen eines gehetzten Tieres, rasche Blicke nach rechts und links.

»Ich wiederhole meine Frage: Sie behaupten, daß Sie an diesem Mord unbeteiligt seien?«

»Ich weiß überhaupt nichts davon!« knirschte Hussein trotzig.

Cradock gab dem Inspektor ein Zeichen. Der ging zur Tür hinter dem Schreibtisch und öffnete sie. Das Geräusch zog Husseins Aufmerksamkeit auf sich, und in seiner starren, gespannten Haltung lag etwas so Grauenerregendes, daß es Joan kalt über den Rücken lief.

Im Türrahmen erschien ein kleiner, brauner Mann. Dieser Mann war Ismail!

Er schien noch schwächlicher und unscheinbarer, auch blasser und weniger braun, als er auf der »Aquatic« gewesen war. Er trat langsam heran und heftete seine großen schwarzen Augen aus den Prinzen.

Said Hussein rührte sich nicht. Er stierte mit rückwärts geneigtem Haupt auf die Erscheinung, ein matter Lichtschein übergeisterte sein Leichengesicht.

Cradocks Stimme unterbrach die drückende Stille. »Auf Ihren Befehl, Said Hussein, stach Ihr Leibmameluck diesen Mann auf dem C-Deck der ›Aquatic‹ nieder und warf ihn ins Meer. Aber Sie hatten kein Glück. Die Spitze des Dolches wurde von den Hosenträgern abgelenkt und traf keine empfindliche Stelle. Ismail ist trotz seiner schmächtigen Gestalt ein guter Schwimmer und hielt sich, ungeachtet der stürmischen See, länger als eine Stunde über Wasser, bis er von einem korsischen Fischkutter aufgenommen wurde. Nach langer Krankheit kehrte er nach Paris zurück, und wir erfuhren, daß er noch am Leben sei. Soll ich Ihnen auseinandersetzen, warum Sie sich seiner entledigen wollten? Es war dieselbe Geschichte wie bei Seaton. Ismail hatte Sie als Ramosi erkannt!«

»Ja«, rief Ismail mit einer Stimme, die vor Aufregung bebte. »In jener Nacht, als wir uns hier in diesem Zimmer trafen, bemerkte ich die Verstümmelung Ihrer Hand. Und dann, an dem Sturmabend an Bord, als ich in den Rauchsalon trat, saß dort jemand an einem Tische und trank. Es fehlte ihm genau das gleiche Glied des rechten kleinen Fingers. Ich erkannte daran den Mann aus der Villa Scarabée. Zwar sahen Sie seinerzeit bei der Besprechung hier anders aus: Ihr Haar war damals dunkler und Ihre Augen hielten Sie hinter einer Brille versteckt. Aber ich war meiner Sache trotzdem sicher. Auch Ihre Stimme erkannte ich wieder und – ich fürchtete mich! Aus der Passagierliste hatte ich erfahren, daß Herr Cradock an Bord sei. Er war immer mein Freund gewesen. Ich wußte, daß er helfen würde und mir raten könne, was zu tun sei. Ich suchte ihn überall – auch in seiner Kabine – doch konnte ich ihn nicht finden. Ich wagte nicht, in meinen eigenen Schlafraum zu gehen. So wanderte ich auf Deck auf und ab und wartete, bis er kommen würde, denn ich hatte ihm ein paar Zeilen hinterlassen. Und dann sah ich Sie an der Seite eines Schiffsbeamten vorüberkommen. Ich hatte mich hinter ein Boot geduckt, aber später kam es mir zum Bewußtsein, daß Sie mich erspäht haben mußten, denn Sie machten mit der Hand eine Bewegung ... so! Was das zu bedeuten hatte, wußte ich nicht; bis kurz darauf, als ich mich über die Reling beugte, einer Ihrer gedungenen Schufte mich von rückwärts verwundete, bei den Armen ergriff und hochhob. Ich schrie auf, aber schon war mein Körper halb über Bord. Während ich fiel, sah ich ein Gesicht zu mir herabgrinsen – das Gesicht eines Schwarzen. Ah! In aller Teufel Namen ...« Er begann wütend auf arabisch zu fluchen.

Cradock legte die Hand auf seine Schulter und hieß ihn schweigen. Er wandte sich an den Prinzen. »Haben Sie noch irgend etwas zu sagen?«

Der Gefesselte im Sessel regte sich nicht.

Cradock blickte zu Ardisson hinüber. »Wenn Sie all dem folgen konnten, was hier festgestellt wurde ...«

»Gewiß! Ich verstehe sehr gut Englisch.«

»Ich wollte Ihnen den Nachweis erbringen, daß dieser Ägypter ein ganz gefährlicher Verbrecher ist. Ich hatte die Absicht, mit seiner Verhaftung zu warten, bis die beiden Detektive, die jetzt von Kairo unterwegs sind, mit den Auslieferungspapieren hier eingetroffen wären. Aber angesichts der Tatsache, daß der Halunke, wenn ich nicht irre, diese Dame in sein Haus gelockt hat, um sie hier gegen ihren Willen festzuhalten, und im Lichte der schriftlichen Zeugenaussagen Ismails, die ich Ihnen gab, fühle ich mich berechtigt, Sie zu ersuchen, Said Hussein alsbald den Gerichten zu überliefern. Sind Sie meiner Meinung?«

»Unter allen Umständen!« beteuerte der Inspektor. »Ein Bursche wie der, paßt ins Gefängnis wie eine Erbse in ihre Schote!«

»Dann wäre es also das beste. Sie führten ihn gleich ab?«

»Wir werden ihn erst durchsuchen«, meinte der Beamte.

Mit geschulten Händen tastete er den Gefesselten ab, der noch immer apathisch in seinem Sessel kauerte. Ein dickes Notizbuch, ein Zigarettenetui, ein Schlüsselbund und ein Messer fielen nacheinander auf den Löschkarton des Schreibtisches. Bald kam ein geladener Revolver aus der Hüftentasche dazu. »Vorwärts nun!« donnerte der Inspektor, riß seinen Gefangenen in die Höhe und stieß ihn zur Tür. Als Ardisson einen Schritt vortrat, knirschte etwas unter seinem Fuß.

Cradock wies auf den zerbrochenen Champagnerkelch auf dem Teppich. »Ach so!« sagte Ardisson und streifte ein paar Glassplitter von den Fingern.

Als der Prinz an Joan vorbeiging, sah er sie an. Ein undurchdringliches Lächeln lag auf seinen Lippen. »Meine alte Amme hat also doch recht gehabt! Aber sind nun Sie die Frau oder ist es Nadja?«

»Weiter!« kommandierte Ardisson, und die beiden traten über die Schwelle hinaus. Ismail folgte ihnen – ein Ausdruck höchster Befriedigung verklärte sein ausgemergeltes Gesicht. Cradock blickte den Entschwindenden nach. »Was wollte er damit sagen?« fragte er Joan.

»Er meinte eine Prophezeiung. Man hat ihm einst angedeutet, daß er den Tod durch eine Frau im Zeichen des Ram finden werde.«

»Im Zeichen des Ram?« wiederholte Cradock und stand eine Weile sinnend. Dann hob er Joans Mantel vom Boden auf und hüllte sie darin ein. »Gott sei Dank, daß Ihnen kein Leid widerfahren ist!« Er blickte ihr warm in die Augen. »Was hatte diese Bestie mit Ihnen vor?«

»Reden wir nicht von ihm!« antwortete sie mit leisem Zittern. »Aber wie in aller Welt haben Sie mich hier gefunden?«

»Nicht weit entfernt ist eine leere Villa. Dort wohne ich schon seit fünf Tagen und beobachtete abwechselnd mit Ardisson dieses Haus und seine Bewohner. Ich lag auch heute abend auf der Lauer und sah Sie ankommen. Der Inspektor war dienstlich auf eine Stunde nach Cannes gefahren, und ich mußte auf seine Rückkehr warten, da ich niemand entwischen lassen wollte.«

Von unten rief plötzlich eine heisere Stimme: »Hallo! Hallo!« Doch Cradock achtete nicht darauf. Er sah nur Joan ...

»Wie kommen Sie nach Cannes?«

Das Blut schoß ihr in die blassen Wangen. Ihre Augen waren unter den langen Wimpern verborgen. Sie drehte das Taschentuch zwischen den Fingern. »Ich wollte«, begann sie und brach ab. »Es war ... ich dachte, ich wollte ... Sie wiedersehen!«

Sein Gesicht war jetzt ganz nahe bei dem ihren, aber sie wandte scheu den Kopf zur Seite. Er legte die Hände auf ihre Schultern und zog sie sanft an sich. »Joan ...?« flüsterte er zärtlich. »Joan!«

Sie hob den Kopf und sah ihn an – eine Besiegte.

In diesem Augenblick wurde heftig die Tür aufgerissen. Ein Polizist in Uniform stand auf der Schwelle. »Mein Herr, Sie müssen sofort herabkommen!«

Cradock folgte eilig seinem Wunsch. Joan trat ans Fenster. Vor dem Tore hielt ein Automobil, dessen blendender Scheinwerfer einen Ausschnitt leuchtend grüner Palmen aus der Gartenfinsternis heraushob. In seinem Lichte blitzten die niederstürzenden Regentropfen wie schräge Lanzen.

Nach einer Weile vernahm man das Murmeln von Stimmen und unruhige Schritte in der Halle.

Gleich darauf kam Cradock wieder. »Der Wagen des Inspektors steht draußen. Wir fahren in die Stadt zurück.«

Schweigend gingen sie zusammen die Treppe hinab. Am Haustor brannte die Lampe. Von Ardisson und seinem Gefangenen sah man nichts. Draußen im strömenden Regen wurde der schwarze Umriß eines großen, offenen Autos erkennbar. Ein Polizist stand bei der Haube und füllte den Kühler aus einer Wasserkanne. Sie blieben einen Augenblick stehen und schauten ihm zu.

»Ich muß ihm zu trinken geben«, meinte der Beamte munter. »Der Wagen ist heute nacht schon tüchtig gefahren, und die Maschine hat sich heiß gelaufen.«

Das Wasser gluckste im Kühler, und klatschend prasselte der Regen. Der Mann stellte seine Kanne auf den Kies und begann die Kühlerschraube zuzudrehen, auf der als Glückstalisman eine Maskotte, ein glänzender, silberner Gegenstand, befestigt war. Das weiße Metall glänzte hell im Strahl der Seitenlichter.

Joan legte die Hand auf Davids Arm. »Oh, sehen Sie doch!« flüsterte sie mit furchtsamer Stimme.

Die Maskotte war der Kopf eines Ram. – »Die Prophezeiung!« flüsterte sie und schmiegte sich zitternd an den Geliebten. Er schwieg und schaute ihr ernst und forschend ins erregte Antlitz.

»Was – – was ist geschehen?« fragte sie in banger Ahnung. »Hussein muß in einem Ring Gift bei sich gehabt haben. Er ist tot.«

* * *

 

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