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Valentin Williams: Ramosi - Kapitel 6
Quellenangabe
authorValentin Williams
titleRamosi
publisherGeorg Müller
printrunbis 10. Tausend
yearo.J.
translatorOtto Klement
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2017010
projectidfa10eaa5
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Mit einem persischen Fes auf dem Kopf und in einen schwarzen Mantel gehüllt, eilte Simopulos aus seinem Hotel die windigen Arkaden der Klot-Bei-Straße entlang. Er überquerte einen belebten Platz und gelangte über holpriges Pflaster in das Labyrinth der verrufenen Gäßchen am Fischmarkt.

Es war Sonntagabend, die freie Zeit der nubischen Diener, und in den schmalen Gassen herrschte lebhaftes Treiben. Der Grieche, der unter dem Mantel die Hände fest an den Körper gedrückt hielt, verlangsamte seine Schritte und schlenderte nun gemächlich im Strom der flutenden Menge, vorbei an finsteren Hauseingängen, wo im matten Öllampenschein Frauen die vorüberstreifenden Männer lockten. In den kleinen Kaffeehäusern verübten einheimische Orchester eine scheußliche Musik.

Zuweilen legte sich schmeichlerisch eine dunkle Hand auf des Griechen Arm und versuchte, ihn aufzuhalten. Doch behutsam löste er sich und machte auch nicht halt, als sich die Menge plötzlich staute, um zwei Streitlustige zu begaffen, die, leichenblaß vor Wut, einander an einer Straßenecke grob beschimpften. Er schritt ruhig weiter, ohne scheinbar darauf achtzugeben, daß ihm ein hochgewachsener Eingeborener mit grünem Turban ständig folgte.

Nach einer Weile bog er in eine Gasse ein, die enger noch war als die anderen, und schwenkte um die Ecke einer Kaffeestube, deren Besitzer in Hemdärmeln von seinem Schanktisch aus zwei braune Soldaten beim Würfelspiel beobachtete. Endlich geriet der Spaziergänger in eine Sackgasse, die an ihrem Ende von einer großen Mauer und an den anderen zwei Seiten von hohen alten Häusern eingeschlossen war. Verstohlen spähte er über die Schultern zurück, und da die Gasse leer schien, glitt er geschmeidig in ein Haustor, um von dort ungestört Ausschau halten zu können. Aber niemand war zu erblicken.

Mit schlauem Lächeln schlich der Grieche aus seinem Versteck hervor und verschwand in einem anderen Tor, wo dumpfer Trommelschlag ihn empfing. Er durchquerte einen Hof und betrat ein längliches, schmales Zimmer, das von Licht überglänzt und mit lärmenden Menschen angefüllt war. Auf den Bänken rings an den Wänden lachten, scherzten, sangen und krakehlten Männer und Frauen, und um kleine Tische scharten sich dichtgedrängte Gruppen. Von Zeit zu Zeit bahnte sich ein Pärchen den Weg durchs Gewühl und verschwand über eine dunkle, schmutzige Treppe in der Ecke.

Als Simopulos vom Eingang her das chaotische Bild prüfend überblickte, erhob sich ein Mädchen von ihrer Bank und kam mit schaukelnden Hüften auf ihn zu. Sie hatte junge, zarte Arme, und unter der Kohle ihrer Brauen blickten die reinen, ehrlichen Augen eines Kindes. Sie lächelte den neuen Gast kokett an und murmelte etwas mit leiser, singender Stimme.

Simopulos sah sich unruhig um, dann nickte er fast unmerklich und folgte der Führerin über die Wendeltreppe. Aus der Dunkelheit eines übelriechenden Ganges schob sich eine dunkle Gestalt. Man hörte das Schlurfen loser Pantoffeln und raspelndes Raunen in arabischen Lauten. Das Mädchen war stehengeblieben, und der Grieche entlohnte sie. Er wartete, bis er ihre Fußbänder klirren hörte, als sie von dannen trippelte. Dann wandte er sich: Eine Hand packte die seine und leitete ihn durch pechschwarze Finsternis. Türknarren – grauer Lichtschimmer – ein leeres Faß an einer Lehmmauer – Straßenpflaster. Eine Banknote wurde in einen schmierigen Gürtel gesteckt; der geflüsterte Ausruf »Inschallah!« klang als demütiger Dank zurück. Der Grieche trat auf die schweigende Gasse, schaute vorsichtig den leeren Weg hinauf und hinab und begann dann, die Hände unterm Mantel, sich in Laufschritt zu setzen.

Kaum hatte die Finsternis ihn verschluckt, als hinter dem Faß eine hochgewachsene Gestalt zum Vorschein kam und dem Enteilenden in langen, federnden Sprüngen folgte.

Simopulos rannte über das Straßenpflaster. Nun war er außerhalb des verrufenen Viertels, und sein Weg schlängelte sich an kleinen Geschäften vorbei, die meist schon geschlossen waren – höchstens, daß irgendwo im Lampenlicht ein einsamer Schuster seine verspätete Arbeit beendete oder ein bebrillter Schneider mit untergeschlagenen Beinen auf seiner Bank hantierte.

Der Läufer bekreuzte sich, als er am griechisch-orthodoxen Dom vorbeikam, überquerte die Trambahnschienen, und wieder verschlang ihn ein Netz kleiner Gäßchen. Er atmete schwer, der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirn, und sein Mantel flatterte lose. Immer noch drückte er die Hände eng an den Körper.

Endlich, im Schatten einer kleinen Moschee, begannen die Kräfte ihn zu verlassen. Er mäßigte seine Hast und blickte zurück. Die Straße lag verlassen, aber jenseits der Moschee-Ecke glaubte er das leise Tripp-Trapp sich eilig nähernder Schritte zu hören. Vor einer Haustür stand ein leerer Wagen. Dahinter verbarg er sich, spähte durch die Radspeichen und horchte angestrengt. Das Trappen war verstummt, aber trotzdem rührte er sich eine Weile nicht. Seine Kleider klebten feucht am Körper, und sein Herz hämmerte vor Angst.

Endlich kroch er hervor, stolperte keuchend weiter. Über eine breite Fahrstraße hinweg schlüpfte er durch ein Nebengäßchen und stand vor dem im Winde knarrenden Holzgitter eines ummauerten Hofes. Die kleine Tür, die es umrahmte, gab dem Rütteln des Ankömmlings nach. Noch einmal schaute dieser sich um. Die Gasse war leer. Eilends glitt er in den Hof.

Als die kleine Tür zufiel, erschien eine hochgewachsene Gestalt am Ende der Gasse.

Finster war der Hof, finster auch lagen die gewölbten Nischen unter seinen halb verfallenen Galerien. Durch ihre Löcher in der Decke blinkte der Sternenhimmel. In der Mitte des Hofes waren etliche Wagen aufgefahren, durch deren Wirrnis sich Simopulos mühsam einen Weg bahnte, um auf ein Licht am Fuße einer Galerietreppe zuzuschreiten. Er benutzte aber die Stufen nicht, sondern gewann einen niedrigen Eingang zur Linken und gelangte durch einen dunklen Korridor in eine Halle, wo ein Diener in Scharlachlivree sich in einem Liegestuhl rekelte.

»Wo ist der Prinz, Makhmud?« fragte Simopulos. »Ich muß ihn auf der Stelle sprechen!«

Der Mann winkte ängstlich ab. »Unser Gebieter trägt heute die Tracht seines Volkes, und es sind Frauen da. Der Pascha weiß, daß der Prinz unter solchen Umständen nicht gestört werden darf.«

»Melde ihm trotzdem, daß ich gekommen bin!«

»Pascha, ich wage es nicht!« Immer furchtsamer stierten die Augen des Schwarzen. »Said Hussein ist mit Scheich Abdullah, dem heiligen Mann, zusammen und mit einer Europäerin.«

»Madame Alexandrowna?«

»La, la!« Makhmud schüttelte den Kopf.

»Die Amerikanerin!«

Des Griechen Gesicht verzerrte sich. Herrisch wies er auf die Tür. »Tue, was ich dir sage! Ich werde deinem Herrn alles erklären!«

Zögernd trottete der Schwarze hinaus. Es vergingen fünf Minuten, bevor er wieder erschien. »Der Prinz will Sie empfangen!« Said Hussein erwartete den unwillkommenen Besucher in einem kleinen, viereckigen, mit Seidenteppichen behangenen Zimmer und begrüßte ihn kurz und gereizt.

»Ich liebe es nicht, wenn man sich gewaltsam Eingang zu mir verschafft, Simopulos! Um Ihretwillen muß ich meine Gäste vernachlässigen. Was ist denn los? Warum sind Sie hier?«

»Den ganzen Tag habe ich versucht, mit Ihnen in Verbindung zu kommen. Ich wagte es nicht, das Hotel zu verlassen, bevor ich wußte, wo Sie sich aufhielten. Man sagte mir schließlich, daß ich Sie bestimmt nach zehn Uhr hier treffen würde.« Simopulos zog unter dem Mantel ein Paket hervor und legte es auf den Tisch. Unter einer Seidenhülle barg es die goldene Statuette eines kauernden Hundes.

»Hm!« Said Hussein wurde um ein weniges freundlicher, als er das kostbare Stück in Augenschein nahm. »Anubis, achtzehnte Dynastie, was? sehr schön! Woher – –?«

»Von Cradocks Ausgrabung in Der-el-Bahri.«

»Wirklich? Aber warum machen Sie sich die Umstände, es mir persönlich zu überreichen?«

»Weil wir beobachtet werden, Said Hussein!«

Der Prinz lachte. »Dazu ist ja schließlich das Departement für Antiquitäten da!«

»Ich wollte, Sie wären nicht so tollkühn!« warnte der Grieche. »Es fehlte nicht viel, daß diese verfluchte Figur uns gründlich Pech gebracht hätte.«

Der Prinz zog die Augenbrauen in die Höhe.

»Wieso? Wenn Sie von Cradocks Ausgrabung stammt, so fand sie doch Ali, nehme ich an?«

»Ja, aber man muß Verdacht geschöpft haben, denn vor mir wartete schon ein anderer, um Alis Boten abzufangen.«

»Man? Wer ist ›man‹?«

»Cradock!«

»Und die Beweise?«

»Ich habe in der darauffolgenden Nacht einen Überfall auf Cradocks Haus unternehmen lassen – – die Figur war dort!«

»Gut!« bemerkte der Prinz heiter. »Sie können mir das Fundstück dalassen. Sie selbst werde ich heute abend nicht mehr brauchen.«

Simopulos schleuderte seinen Mantel auf einen Stuhl.

»Ist das der ganze Dank für meine Mühen? Wissen Sie, daß jeder einzelne von uns von der Bergwand in Quarnah bis hierher belauert wurde?«

Ein jähes Aufmerken huschte über des Prinzen Züge. Aber er blickte gleichgültig drein, als er erwiderte: »Die Schuld liegt mehr an Ihnen, lieber Simopulos! Ihr scheint da allesamt ein schönes Durcheinander angerichtet zu haben.«

»So? Und Sie?! Können Sie mir vielleicht erklären, wieso es kam, daß, als Shadly den Einbruch bei Cradock verübte, Ihre reizende Frau Averil dort übernachtete? Sollten Sie nicht lieber in der Wahl Ihrer Freundinnen etwas vorsichtiger sein? Ich weiß, daß diese Dame sich jetzt hier befindet ...«

Eine kleine Ader pulste sichtbar auf Said Husseins Schläfe. Seine Hand öffnete und schloß sich nervös.

»Halten Sie es für Ihres Amtes, mir Ratschläge zu erteilen?«

Aber der Grieche achtete der Warnung nicht. Die Furcht hatte ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben. »Sie können tun, was Sie wollen!« brach er los. »Aber ich – – ich will nichts mehr mit Ihnen zu schaffen haben! Schritt für Schritt überwachte man mich von Luksor nach Kairo.« Er senkte die Stimme.

»Auch heute nacht spürte mir einer nach. Ich glaube, er hat meine Fährte verloren, aber ich weiß es nicht bestimmt. Ah, das ist Ihnen unangenehm, nicht wahr? Was wird aus dem Geheimnis des Herrn Ramosi, wenn man meine Spur bis hierher verfolgt? He? Wenn man mich erwischt, so erwischt man auch Sie – vergessen Sie das nicht, Hussein! Uns ist der Boden unter den Füßen zu heiß geworden, sage ich Ihnen!« Wieder kam wilde Wut über ihn. »Ich gehe!« schrie er. »Ich gehe! Ramosi kann sich einen anderen Handlanger suchen!« Keuchend sank er in einen Sessel.

Der Prinz klatschte in die Hände. »Kaffee, Makhmud!« befahl er dem Diener. »Aber von dem abessynischen, den der Pascha so gern trinkt!«

Ein Vorhang teilte sich, und Nadja Alexandrowna erschien in der gewölbten Tür hinter Simopulos' Sessel. »Wie schade!« rief sie. »Ihr habt den Zauber gebrochen mit eurem Gelärm! Scheich Abdullah ist wütend fortgegangen. Hallo, Simopulos?«

Hussein machte ihr ein Zeichen. »Laß ihn in Ruhe, Nadja!« Er wies auf die Statuette. »Trage das ins Lager hinauf! Dann nimm das Auto und fahre heim!«

»Und die Amerikanerin?«

»Du kannst mir den Wagen zurückschicken! Ich werde sie dann selbst nach Hause begleiten.«

Nadja hatte die Anubisfigur an sich genommen. Nun wandte sie sich um und blickte den Prinzen an. »Nein! Wenn sie bleibt, bleibe ich auch!«

Said Hussein brannte sich eine Zigarette an und warf über das Zündhölzchen hinweg einen drohenden Blick. »Du wirst tun, was ich wünsche!«

Die Russin warf den Kopf in den Nacken.

»Ich soll dich mit dieser Frau allein lassen?«

Sie lachte höhnisch.

Er schritt durch das Zimmer und trat ihr von der anderen Seite des Tisches entgegen – zeigte auf eine verhangene Tür in der Ecke.

»Geh!« sagte er hart.

Sie versuchte, ihm Trotz zu bieten, aber unter seinem Blick wurde sie furchtsam. »Hussein, laß ab von der Fremden!« bat sie und stellte die kleine Statue wieder nieder. »Sieh mich an! Bin ich nicht schön? Vor kaum zwei Monaten erst bin ich zu dir zurückgekommen, und schon wendest du dich von mir ...« Sie dämpfte die Stimme, damit der Grieche sie nicht höre. Aber der saß zusammengeduckt und schien nichts von alldem zu merken, was um ihn her vorging.

Der Prinz deutete wieder nach der Tür.

»Gehorche!«

»Hussein – – –« stammelte sie.

Makhmud trat geräuschlos herein, in der einen Hand eine Messingkanne, in der anderen eine Porzellantasse in goldenem Gestell. Herr und Diener wechselten einen verständnisvollen Blick.

Der Prinz klopfte dem Griechen auf die Schulter.

»Raffen Sie sich auf, Simopulos! Hier – – trinken Sie!«

Nadja zögerte noch. »Hussein ...«

Er sah sie nicht einmal an. »Geh!« heischte er. Mit einer kleinen, rührenden Bewegung der Schulter nahm sie die Figur und verschwand aus dem Zimmer.

Makhmud füllte die Kaffeetasse bis zum Rande und stellte sie vor Simopulos hin. Hierauf entfernte er sich. Gierig schürfte der Grieche den Trank. Dann entnahm er der Schachtel, die ihm Said Hussein reichte, eine Zigarette und steckte sie in Brand.

Der Prinz ließ sich auf einen Stuhl nieder und streckte die langen Hände vor sich auf den Tisch. An seinem verkrüppelten Finger leuchtete der Smaragd. »Man hat Sie also von Luksor aus verfolgt?« fragte er und spielte mit einem Papiermesser, während er die Augen auf das Gesicht seines Gegenübers heftete. »Wer mag es gewesen sein?«

»Am Bahnhof schon spionierten ein paar Polizisten. Und heute abend, als ich durch die Gassen am Fischmarkt ging, vernahm ich Schritte in meinem Rücken. Ich versuchte, bei El Gharbi meinen Verfolger durch eine List abzuschütteln. Aber später, hier in der Nähe, hörte ich sie wieder, die leisen Schritte, die im Finstern hinter mir herliefen. Es war entsetzlich! Ich habe Herzklopfen davon bekommen!«

Er wischte die perlende Stirn mit seinem Taschentuch. Hussein starrte ihn unverwandt an. Das Antlitz des Griechen hatte eine grünliche Leichenfarbe.

»Teufel!« Simopulos schleuderte die Zigarette weg. »Diese Glimmnudel ist scheußlich. Ich glaube ... sie ist feucht ... Hussein!« Er griff sich ächzend an die Brust. »Ich bin sehr rasch gelaufen ... vorhin, den ganzen Weg ... Ich bin ... es ... nicht gewöhnt ... Herz ... überanstrengt. Oh!«

Er stöhnte nach Luft und hob das verzerrte Gesicht. Sein Blick begegnete dem Husseins, als der Prinz ihn von seinem Platz aus gleichmütig betrachtete. Sein Sprechen wurde zu rasselndem Gekrächz: »Mein Gott! ... Sie werden es doch nicht wagen ... Ah!«

Er hatte sich mühsam erhoben – mit einem letzten, erstickenden Schrei. Schaum trat auf seine Lippen, sein Mund öffnete und schloß sich röchelnd. Die Fäuste in der Brust verkrampft, stürzte er vornüber.

Leise klatschte der Prinz in die Hände. Makhmud erschien. Hussein deutete auf den zuckenden Körper, der gekrümmt war wie ein Bogen. »Voronian mag sich um ihn kümmern, sage ihm, daß er sich später dann bei mir melden soll!«

Dann schob er den Vorhang in der Zimmerecke zur Seite, schritt eilig durch das Bronzegittertor und über die Stufen in das Gemach hinauf, wo er Joan verlassen hatte.

Kaum ein anderer Europäer kannte das Araberviertel so gut wie David Cradock, und ebenso, wie er im Labyrinth der Gassen zu Hause war, war ihm auch der verwickelte Gedankengang der Orientalen vertraut. Als Simopulos von seinem Hotel aus sich nach rechts gewandt hatte, nahm sein Verfolger sofort an, daß der Fischmarkt sein Ziel und das Haus des El Gharbi sein nächster Bestimmungsort sein werde. Nachdem der Grieche tatsächlich in die Sackgasse eingebogen war, durchschaute sein hartnäckiger Schatten den ganzen Plan.

Es war nicht das erstemal, daß ein Verbrecher versucht hatte, in jener gastfreundlichen Lasterhöhle seine Spur zu verwischen. Immer weiter war Cradock der Fährte des Griechen gefolgt und hielt nun an der Umzäunung des Hofes, hinter der Simopulos verschwunden war.

Vorsichtig versuchte er die kleine Tür zu öffnen; aber sie war jetzt versperrt. Das Holzgitter befand sich in einer langen, breiten Lehmmauer. Cradock maß die Entfernung vom Boden bis zum Sims. Dann zog er den Gürtel enger, drückte den Turban fester und sprang. Seine Hände faßten den glatten, runden Sims. – Mit raschem, kraftvollem Schwung zog er sich empor, warf ein Bein über die Mauer und glitt jenseits zu Boden.

Das geräumige Grundstück erkannte er sofort als eine verfallene Okella, eine jener Herbergen, die in alten Zeiten den Karawanen als Raststätte gedient hatten. Sie bestanden aus einem rings von Lagerhäusern umgebenen Hof, während die Gemächer für die Kaufleute im ersten Stock unter den Galerien zu liegen pflegten. Ein einziges Licht blinkte von einer Treppe am Ende des Hofes her.

Cradock blieb neben der Mauer stehen und horchte. Alles war still und niemand zu sehen. Behutsam zwängte er sich durch ein Gewirr von Wagen.

Der ganze große Platz lag im Finstern, bis auf die einsame Lampe am Fuße der Treppe. Leise erstieg er die Stufen und sah sich vor einer Tür.

Sie war angelehnt! Ein Lichtschimmer drang durch den Spalt. Er lauschte – schob dann sacht die Tür mit dem Fuße zurück. Lautlos ging sie in geölten Angeln nach innen auf.

Er blickte in ein kahles Zimmer. An einer Seite standen Tische, mit Holzspänen bedeckt, und auf dem Boden lagen Koffer umher. Zur Rechten in der Wand war eine Eisentür. Von der gegenüberliegenden Wand ragte ein Balkon ins Freie, der mit schadhaften Holzstäben verschalt war. Von der Decke der Nische hing eine Lampe herab, und darunter, mit einem Rücken zu ihm, stand eine Frau im Abendkleid.

Cradock verharrte wie angewurzelt auf der Schwelle. Aber es war nicht der Anblick an sich, die Erscheinung einer Europäerin in pfaublauem Brokat in diesem kahlen Raum der verfallenen Herberge, was ihn sprachlos machte. Es war vielmehr die Haltung ihres Kopfes, die Linie der Arme, die Art, in der ihr kohlschwarzes Haar über die kleinen Ohren zurückgekämmt war – Dinge, die in dem Mann eine jähe Erinnerung aufflackern ließen – eine Erinnerung, die jetzt einen Herzschlag lang den Gedanken an seine Mission verwirrend zurückdrängte.

»Nadja!« Kaum lauter als ein Hauch wehte seine Stimme. Blitzschnell wandte sich die Frau am Tische. Sie hielt ein Taschentuch in der Hand, und Tränen rannen über ihr Gesicht. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die hagere, dunkle Männergestalt und wich in wildem Schreck gegen das von Würmern zerfressene Gitterwerk des Balkons zurück.

Plötzlich kam der Mann auf sie zu, packte sie an der Schulter und zog sie in den Lichtkreis der Lampe. »Was tun Sie in diesem Hause, Nadja?«

Beim Klang der englischen Worte verschwand der verstörte Ausdruck ihrer Augen und heiße Freude leuchtete auf.

»David!« jauchzte sie. »Endlich! Nach all den Jahren!«

Mit düsterem Blick wiederholte er: »Was tun Sie hier?«

Sie streckte mit lockender Gebärde die Arme nach ihm aus: »Das ist doch ganz gleichgültig, da ich nun dich wiedergefunden habe! Warum – o warum hast du meine Briefe nie beantwortet, David? Ich hätte dir alles, alles erklärt! Ach – schau mich doch nicht so finster an! Hab' ich mich denn so sehr verändert? Bin ich nicht mehr deine Nadja, deren Haar du so oft geküßt ...?«

Barsch unterbrach er sie. »Wem gehört dieses Haus?«

Sie zuckte die nackten Schultern.

»Nun?« In seinem Ton grollte ein Drohen.

»Said Hussein!« Sie sah ihn rasch aus den Winkeln ihrer grünen Augen an.

Ein Schatten schien über Cradocks unbewegliches Gesicht zu gleiten. »Wo ist Simopulos?«

»Das weiß ich nicht!« trotzte sie.

Er ergriff ihren Arm. »Lügen Sie nicht, Nadja. Ich sah ihn eben dieses Gebäude betreten!«

»Er ist beim Prinzen! Ich verließ die beiden, als sie unten ... Um Gottes willen! Was ist das?« Ein gellender Schrei zerriß die Stille des Hofs.

*

Joan war, nachdem Said Hussein sie allein gelassen, langsam durch das Gemach geschlendert. Es herrschte in ihm eine wundervolle Harmonie: Alle Farben waren aufs geschmackvollste abgestimmt, von der blaßgrünen Verzierung der Decke bis zu den weichen Tönen der Teppiche am Boden. Kein Laut regte sich. Es schien ihr, als wäre sie dem brausenden Lärm Kairos auf Hunderte von Meilen fern.

Neugierig lugte sie in die kleinen, jetzt leerstehenden Alkoven, von denen ihr der Prinz erzählt hatte. Sie versuchte, sich die behosten Haremsdamen vorzustellen, schrill miteinander schwatzend, wie sie es an den Brunnen in Oberägypten gehört, und dachte daran, wie sie wohl ihre Matratzen verstaut haben mochten, während die frühe Morgensonne durch die Gitterstäbe ihre Glanzkringel wob.

Ihr Gastgeber blieb lange aus. Und wo mochte Madame Alexandrowna sein? Der Scheich mußte seine Sitzung doch längst beendet haben. Joan setzte sich auf einen Seidendiwan an der Wand neben dem vergitterten Erker. Sie fühlte ein leises Unbehagen. Um ihre Gedanken abzulenken, erhob sie sich wieder und trat auf den Balkon.

Er war mit einem alten, wackeligen Holzgitter verschalt, das im Nachtwind schwankte. Mit den Fingern zwischen den knorrigen Stangen, wie schon vor ihr viele Frauen gestanden haben mochten, äugte sie in die Nacht. Aber es war nichts zu erkennen, außer dem undeutlichen Umriß irgendeines Gebäudes gegenüber. Und dann sah sie zu ihrer Rechten das gelbe Flackern eines Lichts.

Der Balkonerker streckte sich mit drei Seiten aus dem Zimmer. Vorn, links und rechts waren kleine vorstehende Nischen mit Fensterchen, die sich öffnen ließen.

Joan schob den Riegel zur Rechten zurück und blickte hinaus. Da war – über einen Zwischenraum von ein paar Metern – drüben genau derselbe Balkon wie der, auf dem sie sich befand. Oben schwebte eine Lampe, und darunter, wo das abgebröckelte Gitterwerk einen Durchblick erlaubte, glänzte ein blausilbernes Schimmern.

Plötzlich fiel Joan ein, daß dies das Brokatkleid Nadjas sei – jetzt zeigte sich auch der Ausschnitt ihres bronzefarbenen Rückens. Eben wollte Joan auf die Holzstäbe klopfen, um die Aufmerksamkeit der Russin auf sich zu lenken, als sich etwas sehr Merkwürdiges ereignete. Die Frau wich gegen die Verschalung zurück und im gelben Lampenschein tauchten Kopf und Schultern eines hochgewachsenen Eingeborenen mit grünem Turban und dunklem Antlitz auf. Eine braune Hand streckte sich vor – man sah undeutliches Flimmern von Silber durch die Lücke: Die Frau ließ sich wortlos aus der Erkerecke führen. Gemeinsam mit dem grünen Turban entschwand sie Joans Blick.

Erregt und mit fliegendem Atem zog sich Joan zurück. Was tat Nadja Alexandrowna? Der Gedanke einer Verbindung mit einem Eingeborenen verletzte die Anschauung der Amerikanerin aufs tiefste. Hatte man sie in dieses Haus gebracht, um ein Stelldichein der Russin zu bemänteln? Nein – sie war sicher, das würde der Prinz niemals dulden. Immerhin waren ihr die Augen nun geöffnet über den Wert Madame Alexandrownas als Begleitdame, und sie beschloß, ihren Aufbruch möglichst zu beschleunigen.

Feste Tritte ertönten auf der Treppe. Rasch nahm sie wieder auf dem Diwan Platz. Said Hussein trat ein, anscheinend ein wenig echauffiert. »Ich bin unglücklich, daß ich Ihnen so lange fern bleiben mußte!«

Sie versuchte freundlich zu sein, aber ihre wachsende Unruhe machte sie förmlich. »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, sagte sie nervös. »Ist der Wagen da? Ich möchte nach Hause fahren. Bitte, verständigen Sie Frau Alexandrowna, daß ich gehe!«

Davon wollte er nichts hören. Es sei ja noch so zeitig. Und er wollte ihr doch das Haus zeigen. Ein andermal, vertröstete sie. Sie habe einen anstrengenden Tag hinter sich und fühle sich müde.

Er hatte sich neben Joan gesetzt. Auf die Ellenbogen gestützt blickte er zu ihrem Gesicht empor. »Madame Nadja wird gleich erscheinen«, erwiderte er mit belegter Stimme. Er rückte näher, und sie spürte seinen heißen Atem auf ihrem Nacken. Ein aufreizend fremder Duft hing an ihm oder in seinen Gewändern.

Joan rückte beklommen zur Seite, setzte sich steif auf und glättete das Kleid auf ihrem Schoß.

Hussein legte seine Hände über die ihren. »Joan ...

Rasch machte sie sich klar, daß sie den Kopf jetzt nicht verlieren dürfe. Die Totenstille ringsum flößte ihr Grauen ein, und mit schwerem Herzen dachte sie an die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage, mitten im Araberviertel, wenn – wenn ...

Gezwungen scherzhaft entzog sie ihm ihre Hände. »Sie müssen brav sein, Prinz! Gehen wir hinunter und suchen wir Madame Nadja, nicht wahr?« Ihre Finger waren eiskalt, und sie merkte, daß ihre Stimme zitterte.

Die Blicke des Mannes glühten wie entzündet, sein Gesicht war leichenblaß und fleckig. Er sah aus, als hätte er zuviel getrunken. Abermals preßte er ihre Hand. »Joan!« gurgelte er mit ersticktem Flüstern.

Erschrocken sprang sie auf. Er schritt auf sie zu und versuchte, sie in die Arme zu schließen. Sie floh auf den Balkon. »Sie sind ... Sie sind betrunken!« rief sie empört.

Er lachte. Seine Augen waren gerötet, als schwämmen sie in Blut, und seine Nasenflügel bebten. »Trunken – ja – vor Verlangen nach dir!« stammelte er. »Sei nicht töricht, Joan ...« Er kam einen Schritt näher.

»Bleiben Sie, wo Sie sind!« keuchte sie. »Wenn Sie mich anrühren, schreie ich um Hilfe!«

Wieder drängte er heran, und sie wich scheu zurück. Sie fühlte das Gitterwerk des Balkons an ihrem Rücken, und erkannte, daß sie in einer Falle steckte. »Oh – bitte ... lassen Sie mich ...!«

Da sprang er auf sie zu. Laut hallte ihr Schrei. Er schlang die Arme um ihren Körper und sein Antlitz zuckte gespenstisch im fahlen Licht. Wiederum schrie Joan auf und versuchte, ihren Peiniger mit den Fäusten abzuwehren. Aber seine Umklammerung wurde stählern und dicht über ihr loderten die lüsternen Augen des entfesselten Orientalengesichts.

»Hilfe!« schrie sie noch ein drittes Mal, halb besinnungslos vor Entsetzen.

Ein splitterndes Krachen – das Gitterwerk hinter ihr begann zu schwanken. Ein Teil der Verschalung fiel nach innen: In der Bresche am äußeren Mauerwerk des Balkons schwebte eine hochgewachsene Gestalt und sprang im nächsten Augenblick tigergleich dem Prinzen an die Gurgel.

Zwei Stufen führten aus dem Zimmer zum Balkon hinauf. Der Prinz geriet durch die Wucht des unerwarteten Überfalls ins Stolpern und fiel rücklings zu Boden. Aber durch den Fall wurde sein Angreifer abgeschüttelt und stürzte über ihn hinweg auf den weichen Teppich.

Beide Männer sprangen gleichzeitig auf. Entsetzt, dabei doch in wildester Spannung wankte Joan in die Fensternische zurück. Hussein, halb von Sinnen vor Zorn, stieß unartikulierte Laute hervor, indes ihn sein Gegner schweigend aber mit wachsamer Miene beobachtete. Eine fliegende Glutwelle jagte über Joans Haut. Sie erkannte die brennenden Blauaugen und das kupferfarbene Gesicht – –

Sie faßte wieder Mut, wenn es auch nur ein Mut der Verzweiflung war. Denn sie wußte, daß ihr nichts übrig blieb, als hier auszuhalten und den Ausgang des Kampfes abzuwarten.

»Du Bestie!« knirschte jetzt der Eindringling – seine Stimme klang leise und drohend wie das Knurren eines gereizten Hundes. »Ich hätte nicht übel Lust, dir ein für allemal den Appetit auf weiße Frauen zu versalzen!«

Beim Klang dieser unverkennbar englischen Worte stutzte der Prinz, und die arabischen Flüche erstarrten ihm im Munde.

»Cradock!« staunte er erbost. Ein hämisches Lächeln übergrinste seine bleichen Züge. Spöttisch verbeugte er sich zu Joan hinüber, die immer noch starr an der Fensterbrüstung lehnte. »Ich muß Frau Averil zu ihrem romantischen Ritter gratulieren – oder sollte ich vielleicht lieber ›Freund‹ sagen?« Er blickte nachdenklich auf seine Nägel und höhnte: »Mein bester Cradock, ich scheine dazu bestimmt, Ihnen immer Ihre Weiber wegzunehmen!«

Cradocks Augen flammten, aber er wahrte seine Selbstbeherrschung. »Holen Sie Ihren Mantel!« wandte er sich an Joan. »Ich werde Sie nach Hause bringen!«

»Frau Averil ist mein Gast!« protestierte der Prinz. »Ich werde sie selbst in ihr Hotel begleiten. Und Sie ... machen Sie, daß Sie fortkommen, sonst lasse ich Sie hinauswerfen!«

Cradock rührte sich nicht, und die wieder zuversichtlicher gewordene Joan wollte eben an seine Seite treten, als der Prinz laut in die Hände klatschte und nach Makhmud rief. Im selben Augenblick stürzte sich Cradock auf ihn. Er traf ihn mit der linken Faust in das Auge, und der Ägypter warf sich zurück, um Cradocks Rechter auszuweichen, die schwingend vorwärts hieb. Ein Tisch mit einer Kupferschale, auf der ein metallener Weihrauchkessel stand, fiel krachend um. Durch die Wucht seines Ansturms verlor Cradock beinahe das Gleichgewicht, und als er wieder auf festen Füßen stand, hatte sich Hussein rechts von ihm wie ein geübter Boxer aufgepflanzt.

Hussein zielte nach Cradock, aber der wich geschickt zur Seite und versetzte dem Gegner einen spitzen Stoß in die Rippen. Der Prinz fingierte mit der Rechten einen Scheinangriff und seine Linke streifte den sich rechtsseitig duckenden Cradock an der Schläfe. Aber aus seiner Deckung heraus stieß der Engländer die Linke wuchtig in die Höhe; Hussein strauchelte mit vorquellenden Augen und seine Hände griffen ins Leere. Ehe er sich wieder aufgerichtet hatte, fuhr ihm Cradocks Rechte mit ganzer Kraft ins verzerrte Gesicht. Hussein sank in die Knie und brach wie ein gefällter Baum zusammen.

Doch schon drohte neue Gefahr: In der Tür am Ende des Zimmers tauchte Makhmud auf, des Prinzen riesenhafter Leibmameluck, einen Revolver schußbereit in der Hand. Hinter ihm gewahrte man den weißen Turban eines anderen schwarzen Dieners. Makhmud blieb sekundenlang in der Schwelle stehen, um die Situation zu erfassen: Sein Herr lag hingestreckt am Boden, mit dem Gesicht nach unten, neben dem umgeworfenen Tisch. Cradock neigte sich mit geballten Fäusten über ihn, und im Hintergrund verharrte Joan unbeweglich wie eine Marmorstatue.

»Bücken!« schrie Cradock.

Joan sah, wie er sich niederkauerte, und tat unwillkürlich das gleiche, als sich mit hallendem Knall der Revolver entlud. Aber die Entfernung war zu groß und das Licht zu spärlich. Ehe der Schütze ein zweites Mal abdrücken konnte, stürmte Cradock, der blitzschnell etwas vom Boden aufgelesen hatte, mit zwei langen Sätzen vor, und ein glitzernder Gegenstand sauste durch das Zimmer. Er traf den überraschten Neger scharf an der Kopfseite. Im Nu war Cradock bei dem Taumelnden und packte ihn an den Armen. Der Weihrauchkessel, den der Engländer geistesgegenwärtig als Wurfgeschoß benutzt hatte, riß an Makhmuds Schläfe eine klaffende Wunde. Heiß rann das Blut über Cradocks Hände, während er mit dem Schwarzen rang, der sich ächzend in seiner Umklammerung krümmte.

Eine weiße Gestalt warf sich auf Cradock, als er den Mamelucken wie eine Puppe in die Höhe hob und mit dem Schädel auf den massiven Türbalken schleuderte. Man sah, wie Makhmuds Körper sich in kurzen Zuckungen wand und dann zur Reglosigkeit erschlaffte.

Aber der andere Kerl, der ihm zu Hilfe geeilt war, hatte nun die sehnigen Arme um Cradocks Hals geschlungen. Es war ein langer, hagerer, schlottriger Araber, der nach Knoblauch roch. Er klammerte sich krampfhaft an den Engländer und versuchte, ihn von hinten zu erdrosseln. Cradock straffte seine Muskeln am Rücken, neigte sich mit einer raschen Bewegung vor und warf die leichte Last des Eingeborenen im Bogen über seinen Kopf. Der Griff des Mannes löste sich und er fiel gute vier Meter weit weg über den Boden. Cradock packte eines der niedrigen Tischchen, um damit auf den Schwarzen loszugehen. Aber der Araber, der wie ein Gummiball wieder aufgesprungen war, wich dem Schlage aus und huschte unter dem Arm des Engländers hindurch zur Tür hinaus.

Nun war das ganze Haus in Aufruhr. Joan, die den halben Raum des Zimmers durchquert hatte, hörte erregtes Stimmengewirr und das Trappen vieler Füße im unteren Stockwerk. Auch Cradock hatte es vernommen, denn er verriegelte flugs die Tür hinter dem Entwichenen. »Alarm im gesamten Araberviertel«, sagte er lakonisch. »Wir müssen uns schleunigst aus dem Staube machen!«

Er eilte zum Erker und brach mit flinkem Ruck einen Teil des Gitters heraus, dann lugte er über den Balkon hinab. Die Nacht war mondlos und finster. Nur ein paar Sterne flimmerten durch die Wolkenmasse. Ungefähr drei Meter unterhalb war das flache Dach eines Gebäudes sichtbar, das auf beiden Seiten von kleinen Innenhöfen flankiert wurde.

Joan war ihm in die Nische gefolgt. »Wir müssen hinunterspringen!« rief er.

Schwere Schläge donnerten gegen die Tür. Cradock blickte Joan lächelnd an. »Sie sehen, man hat nicht viel Zeit versäumt. Aber es ist eine starke Tür und sie wird schon eine Weile standhalten. Auch das Schloß ist fest. Die Schlösser in einem Harem sind immer gut!« Seine blauen Augen sahen ihr prüfend ins klassische Antlitz. »Ich werde zuerst springen, um Sie aufzufangen. Wollen Sie es wagen? Es wäre schlimm, wenn man uns hier erwischte!«

Sie nickte, so tapfer sie konnte.

Mit kurzen Griffen riß er die morschen Holzstäbe vollends ab, bis das Mauerwerk des Balkons freilag. Er warf das rechte Bein über die Brüstung, das linke folgte, und einen Augenblick hing er an den Händen.

Das Getöse an der Tür verstärkte sich. »Rasch!« flüsterte Joan.

Cradock ließ sich fallen. Er kam leicht und beinahe geräuschlos, wie eine Katze auf allen vieren unten an. Nun erhob er sich und streckte die Arme nach ihr aus. Ihr enges Gewand hinderte sie in ihrer Bewegungsfreiheit. Sie setzte sich auf den Sims, um das Kleid über die Knie zu ziehen – blickte hinab und zögerte. Wie tief sie springen mußte! Und wie schwarz gähnten die Abgründe zu beiden Seiten des schmalen Daches – –

Aber plötzlich bewegte sich etwas hinter ihr, und sie hörte ein unheimliches Röcheln. Der Prinz hatte sich herumgewälzt und lag nun stöhnend auf dem Rücken. Sein mit Blut beschmiertes Gesicht war entsetzlich geschwollen. Dieser Augenblick stärkte ihre Entschlußkraft. Langsam ließ sie sich über das Mauerwerk gleiten.

Ruhig und sicher fing Cradock sie auf. »Wir können nicht hier bleiben«, raunte er ihr ins Ohr. »Ich hatte gehofft, dieses Dach würde auf die Straße führen. Doch leider war das ein Irrtum. Überzeugen Sie sich bitte selbst!«

Ihnen gegenüber ragte eine hohe Mauer, die einen Stall oder ein Wirtschaftsgebäude zu decken schien. Und am Ende des Daches, auf dem sie standen, mündete keine Tür in das Innere des anschließenden Baues, wie man es sonst häufig in den Wohnhäusern des Ostens findet. »Wir müssen es mit einem dieser beiden Höfe versuchen«, fuhr Cradock fort. »Der rechte wird mit dem Haus in Verbindung stehen, durch das ich hereinkam. Eine alte Karawanserei, die völlig verlassen ist, soweit ich feststellen konnte. Simopulos allerdings mag sich vielleicht dort aufhalten. Aber das müssen wir riskieren ...«

»Simopulos?«

Er lächelte sie an. »Sie sind in eine merkwürdige Gesellschaft geraten. Aber das werde ich Ihnen ein andermal erzählen. Da unten scheint es glücklicherweise ganz still zu sein. Oben über uns um so weniger!«

Joan warf einen Blick zu dem Fenster drüben hinauf, hinter dem sie vorhin Nadja Alexandrowna gesehen hatte. Die Lampe dort war erloschen und das ganze Gebäude in Dunkelheit gehüllt. In dem Hause auf der anderen Seite, das sie eben verlassen hatten, herrschte wüster Lärm. Die Haremstür schien, nach dem Hämmern zu urteilen, vorläufig noch Widerstand zu leisten, aber dann wurde ein splitterndes Geräusch vernehmbar, das ihren nahenden Zusammenbruch anzeigte. Die Galerien dröhnten vom Tumult vieler Stimmen, und flackernde Lichter bewegten sich hin und her.

Cradock blieb gelassen. Joan bemerkte, daß er seine Gürtelschärpe loswand und über die rechte Seite des Daches in die Tiefe spähte. »Ich muß Sie hinabseilen«, erklärte er. »Ich hoffe sehnlichst, daß sich unten irgendwo ein Ausgang findet. Es ist unmöglich, bei dieser Finsternis etwas zu erkennen.«

Die Schärpe war aus weißer Damietteseide, schwer und sehr lang. Er schlang das eine Ende um ihre Taille und knüpfte einen Knoten. Die wachsende Unruhe im Hause war ein Martyrium für die Nerven, aber der Ausdruck fröhlicher Zuversicht wich nicht von Cradocks Gesicht. Joan vermochte kaum zu glauben, daß dies ihr düsterer Mitreisender von der ›Aquatic‹ sein sollte. Alle Bitterlichkeit schien von ihm geschwunden – in den tiefblauen Augen leuchtete ein gutmütiges Lächeln.

»Das ist nicht gerade die richtige Ausrüstung für eine Klettertour«, scherzte er. »Aber ich werde sie so umsichtig wie möglich handhaben. Hallo, die Tür ist erbrochen!«

Wildes Gebrüll aus dem Raum über ihnen verriet es. Cradock gab ruhigen Tones ein paar Verhaltungsmaßregeln. »Strampeln Sie nicht unnütz mit den Beinen, aber halten Sie sich mit Händen und Füßen von der Mauerwand ab!«

Behende und vorsichtig ließ er sie hinunter. Die Schärpe schnitt durch den Silberstoff ihres Kleides in die Haut, aber es dauerte nicht lange so stand Joan auf der Erde und starrte zu der hohen, dunklen Gestalt ihres Beschirmers empor. Cradocks lange Beine, die in bauschigen weißen Hosen steckten, erschienen jetzt über dem Dachrand, und wenige Sekunden später landete er in kühnem Sprunge neben ihr. Joans schlanke, kühle Finger berührten sein Handgelenk, als er sich aufrichtete. Er suchte das Ziel ihrer ängstlichen Blicke: Aus einem Fenster über ihnen lugte ein dunkles Antlitz im gelben Lampenlicht durch das zerbrochene Holzgitter herab.

»Schauen Sie nicht hinauf!« gebot Cradock leise. »Ihr Gesicht leuchtet weiß aus der Finsternis.« Er zog sie sachte in den feuchten, dunklen Schatten im Schutze der Mauer. Dann sah er sich prüfend um.

An drei Seiten war der kleine Hof von glatten Wänden umgeben; aber gerade ihnen gegenüber wurde die Eintönigkeit der Mauern von einer winzigen Tür unterbrochen. Sie war niedrig und verwittert, eine zwerghafte Tür, die überdies auch durch ihre ungehobelten Bretter etwas von dem runzligen und mürrischen Aussehen eines Zwerges erhielt. Der Hof war klein, rechtwinklig und muffig, wie eine Mistgrube, von schweren, warmen Gerüchen und üblen Ausdünstungen des Araberviertels verpestet. Kehricht lag auf dem schmutzigen Pflaster umher, und als Cradock dies bemerkte, zeigte sich zum erstenmal Besorgnis in seinen Mienen.

Ein dumpfer Aufschlag, dem bald ein zweiter, ein dritter folgte, erschütterte die Mauer hinter ihnen. Dem Rate ihres Gefährten folgend, hielt Ivan den Kopf gesenkt, aber sie wußte, daß ihre Verfolger vom Balkon auf das flache Dach herabsprangen Glücklicherweise lag der Hof völlig im Dunkel.

Cradocks Lippen berührten sie am Ohr. »Warten Sie!« raunte er ihr zu. Er schlich zu der kleinen Tür an der Gegenseite und tastete nach der Eisenklinke. Sie war versperrt.

Zu seinen Häupten vernahm er das Geräusch bloßer Füße, die auf den Dächern umherliefen. Plötzlich erschien ein weißer Turban über der Stelle, an der Joan kauernd hockte – tauchte auf und verschwand. Mit Windeseile rannte Cradock über den Hof zurück. »Wir müssen uns gedulden!« flüsterte er.

Innerlich dankte er Gott, daß die Nacht nicht mondhell war. Aber wenn die Wolken sich teilen sollten, jene Wolken, die einstweilen die Sterne so barmherzig verhüllten, dann waren sie rettungslos der Entdeckung preisgegeben.

Ein heller Triumphschrei von oben – und blendender Lichtschein erhellte die Finsternis um sie her. Ein Araber stand am Giebel des Hauses und schwang eine Fackel in der Hand. Er wies gestikulierend nach unten und grölte nach seinen Genossen.

Im selben Augenblick fühlte Cradock einen leisen Druck am Arm. »Sehen Sie – oh, sehen Sie doch!«

Er folgte der Richtung von Joan Zeigefinger: Die Zwergentür jenseits des Hofes stand offen!!

* * *

 

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