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Valentin Williams: Ramosi - Kapitel 4
Quellenangabe
authorValentin Williams
titleRamosi
publisherGeorg Müller
printrunbis 10. Tausend
yearo.J.
translatorOtto Klement
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2017010
projectidfa10eaa5
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Der Januar war vorüber und die Saison in Kairo hatte, ehe der große Touristenstrom hereinbrach, ihren Höhepunkt erreicht. Joan Averil war noch keine Stunde in ihrem Hotel gewesen, als sie Freunde aus New York traf. Von ihnen wurde sie mit in den gesellschaftlichen Strudel gezogen und nach drei Jahren ruhigen Ehelebens und vierzehn Monaten einsamen Witwentums erschien es ihr beinahe wie eine Offenbarung, daß man ihr nun wieder den Hof machte und daß sie sich im Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit sah. Ihre Tage waren damit ausgefüllt, Ausflüge in die Wüste zu unternehmen, Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, in der Kühle der Basare umherzuschlendern. Außerdem gab es noch Einladungen zu Mittag und Abendunterhaltungen, bei denen zwischen den jungen Offizieren der Garnison regelmäßig ein Wettstreit entbrannte, ob der Gunst, einen Tanz von der ernsten, schönen Amerikanerin zu erhaschen.

Said Hussein war und blieb von bestrickender Liebenswürdigkeit. Am Morgen nach ihrem Eintreffen hatte er Joan abgeholt und sie mit einem wundervollen großen Rennwagen nach den Pyramiden gefahren. Er hatte ihr Reitpferde angeboren, hatte ihr eines seiner Autos und seine Loge in der Oper zur Verfügung gestellt. Dann mußte er in geschäftlichen Angelegenheiten Kairo für vier oder fünf Tage verlassen, aber beim Abschied bat er sie dringlichst, nicht nach Luksor zu reisen, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sie vorher noch zu sehen. Sie hatte ihm das zwar nicht unbedingt versprechen können, aber schließlich doch ihren Aufenthalt verlängert, da sie sich von dem buntwirbelnden Leben dieser merkwürdigen Stadt nicht so rasch zu trennen vermochte.

*

Eine Woche nach ihrer Ankunft in Kairo speiste Joan mit dem Ehepaar Richborough. Man saß in einer der großen, offenen Nischen der luxuriösen Restaurants, von einem weißbraunen Segeltuch beschattet, mit der Aussicht auf die Blumenrabatten des Nilufers. Eine internationale Gesellschaft war um den Tisch versammelt. Darunter eine spanische Herzogin, deren Teintfarbe einer Zwiebelschale glich, und eine magere englische Lady, die aussah, als hätte sie einen Hungerstreik hinter sich. Auch ein paar Mitreisende von der »Aquatic« waren unter den Gästen, und als man Platz nahm, gewahrte Joan die safrangelbe Erscheinung des Griechen Simopulos, der sich verspätet zu haben schien, und nun eilfertig herankam, um sich ihnen zuzugesellen.

Joan hatte ihren Platz neben einem grauhaarigen Engländer mit müdem sorgenvollen Gesichtsausdruck, dessen Namen sie nicht verstanden hatte. Daraus, daß er sein Eiswasser in arabischer Sprache bestellte, schloß sie, daß er in Kairo ansässig sein müsse und wartete auf die Fragen, die erfahrungsgemäß nun bestimmt kommen würden. Aber sie wurde enttäuscht.

»Ich werde Sie nicht fragen wie Ihnen Ägypten gefällt,« begann ihr Tischherr, »weil ich mir bewußt bin, daß Sie dieses Thema bereits gründlich mit jedem einzelnen meiner Landsleute erörtert haben werden.«

Sie lachte: »Das ist richtig! Doch ich werde es Ihnen trotzdem sagen: Ich genieße jeden Augenblick meines Hierseins und den Sonnenschein finde ich einfach märchenhaft.«

Ihr Nachbar blickte zum Strom hinüber, der in der Mittagsglut glänzte. »Ah ... die Sonne!« murmelte er. »Das einzige, was pünktlich ist in Ägypten und der einzige treue Freund!«

»Ist das nicht übertrieben? Sie sind ein Pessimist!«

»Ich nicht. Aber mein Freund Cradock, von dem dieser Ausdruck stammt, ist – –«

»Cradock, sagten Sie?«

»Ja, David Cradock. Sie kamen mit der ›Aquatic‹ herüber – ich glaube, Frau Richborough sagte es mir. Nun, er fuhr mit demselben Schiff –«

»Ich habe ihn kennengelernt«, gestand Joan zögernd. »Ein etwas – etwas sonderbarer Mensch, nicht wahr?«

Der Engländer lächelte. »Ja Cradock ist nicht gerade ein Damenfreund. Das ist sein Unglück. Aber er kennt die Ägypter in- und auswendig, ihre Seele, ihre Gebräuche, ihre Sprache, alle ihre Kniffe. Und wenn man steht, wie er bei den Eingeborenen geachtet und beliebt ist, so beweist es, daß er ein ganzer Mann ist. Eingeborene finden das mit ihrem Instinkt viel besser heraus, Cradock ist trotz seiner merkwürdigen Art eine Herrennatur.«

»Das stimmt nicht recht zu einer Auskunft, die ich über ihn erhielt«, sagte Joan nach einer kleinen Weile. »War er nicht mal in eine üble Affäre verwickelt?«

Ihr Nachbar blickte rasch auf. »Wäre es indiskret, wenn ich Sie fragen würde, was Sie erfahren haben?«

»Nur daß er keinen besonderen guten Ruf genießt und daß er aus dem Staatsdienst entlassen worden sei wegen irgendeines Skandals mit einer Frau!« Das Gesicht des Engländers nahm einen harten Ausdruck an. »Ich hätte das wohl nicht sagen sollen,« fügte sie rasch hinzu. »Vielleicht ist er Ihr Freund?«

Ihr Nachbar nickte. »Schon seit vielen Jahren!«

»Oh! Verzeihen Sie – –«

»Bitte! Woher sollten Sie denn das wissen? Aber wenn Sie wollen erzähle ich Ihnen Cradocks wirkliche Geschichte. Es gibt nicht viele Leute in Ägypten, die sie kennen. Leider scheint es aber einige zu geben, die noch immer bereit sind, einem Wehrlosen einen Tritt zu versetzen, wenn er am Boden liegt. Hören Sie also!

Vor zwölf Jahren war Cradock Sekretär bei der Britischen Agentur in Kairo, wie man die Residentschaft damals nannte. Er war erst dreiundzwanzig Jahre alt und es war sein erster Aufenthalt im Orient. Eine blendend schöne, ausländische Dame verbrachte hier den Winter und der junge Cradock verliebte sich in sie. Sie war ein verführerisches Weib, aber etwa zwei Jahre älter als David und eine geschiedene Frau. Ich tat mein möglichstes, um den Burschen zur Vernunft zu bringen, aber er blieb starrköpfig. Er wollte die Person heiraten, denn er war sicher, daß er niemals wieder eine Frau so lieben könne – und«, die Augen des Sprechers wurden sanft – »es scheint mir jetzt, als hätte er die Wahrheit gesprochen.

Dann kam das Unglück. Eine geheime Nachricht aus der Residentschaft wurde am Baumwollmarkt zur Beeinflussung der Kurse verwertet. Lord Kitchener, damals britischer Resident, ließ Nachforschungen anstellen; die Spur führte über einen syrischen Makler zu einem reichen Ägypter und von da schließlich zu Cradocks Freundin. Die Information war streng vertraulich gewesen und das Schicksal wollte es, daß ausgerechnet Cradock das betreffende Chiffretelegramm entziffert hatte. Es scheint, daß die gefährliche Frau dem unerfahrenen Jungen tatsächlich suggeriert hatte, sich als heimlich ›verlobt‹ zu betrachten. Sie gab vor, seine Sorgen, seine Arbeit, seine Interessen, sein ganzes Leben mit ihm teilen zu wollen und bei einem solchen Gespräch muß ihm jene kleine wichtige Nachricht entschlüpft sein.

Können Sie sich die Wirkung dieser scheußlichen Geschichte auf Kitchener vorstellen, der sowieso nie viel für Frauen übrig hatte?

›Sind Sie sich bewußt‹, donnerte der Lord mit seiner fürchterlichen Stimme, bei der uns allen die Knie wankten, ›sind Sie sich bewußt, daß diese Kreatur eine gewöhnliche Abenteuerin ist und daß sie von Ägyptern bezahlt wird, denen sie jene geheimen Mitteilungen weitergab?‹ Cradock hat den Mut eines Löwen, wenn er gereizt wird. Er brauste auf: ›Das ist nicht wahr!‹ Daraufhin reichte ihm Kitchener wortlos den Polizeibericht. Nun war alles sonnenklar, und der arme Kerl, der bis dahin den Kopf hochgehalten hatte, brach völlig zusammen. Man schickte ihn auf Urlaub und das Auswärtige Amt stellte ihm anheim, selber um seinen Abschied einzukommen. Das, verehrte gnädige Frau, ist die Wahrheit über Cradocks Vergehen. Dumm, unvorsichtig, gedankenlos – alles was Sie wollen! Aber unehrenhaft? Nein! Wenn Sie ihn gesehen hätten, als er zu mir kam, nachdem Kitchener ihn abgekanzelt hatte! Mehr als einmal habe ich meinem Schöpfer gedankt, daß mir keine Jugendeselei so schwer heimgezahlt wurde, wie diese eine Leichtfertigkeit sich an Cradock rächte. Selbst jetzt noch, so oft er mich besucht – traurig und einsam – muß ich daran denken.«

Joans Augen schimmerten feucht, ihr Gesicht war gerötet, und ihre Lippen bebten. »Wie traurig!« murmelte sie. »Jetzt kann ich mir erklären, warum er so verbittert ist! Aber ich finde, daß Lord Kitchener viel zu streng mit ihm verfuhr.«

Bastable schüttelte den Kopf. »Das wird man nicht sagen dürfen! Die britische Herrschaft in Ägypten war stets von der Aufrechterhaltung des britischen Ansehens abhängig. Wir konnten es uns nicht leisten, daß man uns in diesem Lande des Backschisch nachsagt, britische Staatsbeamte nützen geheime Mitteilungen zu spekulativen Zwecken aus.«

»Aber das tat doch Cradock gar nicht! Man hat ihn doch schamlos hintergangen!«

»Gewiß. Aber darauf konnte Kitchener keine Rücksicht nehmen. Er war ein strenger Vorgesetzter, doch immer gerecht. Cradock selbst war der erste, der das zugab.«

Joan lachte gezwungen. »Wie gerecht Ihr Männer doch immer gegeneinander seid,« bemerkte sie spitz, »und wie ungerecht gegen uns Frauen!«

»Joan Averil!« Aimée Richboroughs hohe Stimme rief vom Ende der Tafel. »Sie kommen doch heute abend zum Souper des Prinzen, nicht wahr?«

»Natürlich! Der Prinz telephonierte, daß er mir um dreiviertel neun seinen Wagen schicken wird.«

»Der Wagen holt uns zuerst ab. Es soll eine ganz intime Gesellschaft sein – nur Sie und wir und noch ein paar andere, glaube ich. Ich vergehe vor Neugierde bei dem Gedanken, in ein arabisches Haus eingeladen zu sein.«

»Was ist das für ein Prinz?« fragte Bastable.

»Prinz Said Hussein! Ein entzückender Mensch. Wir machten auf dem Schiff seine Bekanntschaft. Kennen Sie ihn?«

Der Engländer streifte sie mit einem merkwürdigen Blick. »O ja, ich kenne ihn sehr gut. Er bietet ein Beispiel dafür, welch große gesellschaftliche Erfolge gewisse Ägypter außerhalb ihrer Heimat aufzuweisen haben. Wir hierzulande nennen Ihren Freund – ohne Titel – einfach Said Hussein.«

»Ist er denn nicht von hohem Adel?«

»Sein Großvater war ein gewöhnlicher Bauer, ein Fellach, der sich durch Bodenspekulationen ein Vermögen zusammenscharrte und nach Europa flüchtete, bevor der damalige Khedive, ein ziemlich erwerbssüchtiger Herr, es mit Beschlag belegen konnte. Er ließ sich in Frankreich nieder, wo sein Sohn, Said Husseins Vater, eine Georgierin heiratete. Sie galt in ihrer Heimat als Prinzessin, und dies machte sich ihr in Paris geborener Sohn zunutze.«

»Alle Briten hier scheinen einen heimlichen Groll auf den Mann zu haben«, verwahrte sich Joan pikiert. »Als ich Major Bearcombe erzählte, daß ich mit dem Prinzen einen Ausflug in die Wüste gemacht hätte, äußerte er sich ähnlich sonderbar wie Sie. Ich weiß, daß Said Hussein die Engländer nicht mag, aber das zeugt doch schließlich nur von seiner Vaterlandsliebe.«

Die Gesellschaft brach auf. »Nun,« sagte Bastable, »wenn Sie immer daran denken, daß er ein Orientale ist, so kann Ihnen nichts geschehen.« Lächelnd reichte er ihr die Hand.

Sie hielt sie einen Augenblick in der ihren. »Ich danke Ihnen, daß Sie mir Cradocks Geschichte erzählten. Ich habe eine Lehre daraus gezogen. Ich werde nie mehr einem Klatsch Glauben schenken.«

Sie blieb in der sonnendurchstrahlten Halle nachdenklich stehen, aber ihre Gastgeberin entriß sie ihren Träumereien.

»Jetzt, meine Teuerste,« rief Frau Aimée lebhaft, »wird uns der Führer ein hochinteressantes Kloster tanzender Derwische zeigen. Ich habe meinen Wagen draußen. Sie – die Fürstin und Lady Rockhampton müssen mich begleiten – und, oh, lieber Herr Simopulos,« – sie hielt den Griechen am Arm fest, als er den Hut in der Hand vorbeigehen wollte – »möchten Sie nicht auch Derwische tanzen sehen?«

»Gnädige Frau, zu meinem Bedauern muß ich verzichten. Ich habe eine dringende geschäftliche Besprechung – ein Auto erwartet mich vor dem Tor!«

Joan ließ sich gern zu dem Ausflug überreden – schon, um nicht den Nachmittag über mit ihren Gedanken allein zu sein. »Seien Sie so lieb,« bat Frau Richborough, »und sehen Sie nach, ob der Führer draußen ist! Ein dicker Mann in Fes und rotem Bademantel. Er soll auch das Automobil rufen. Ich trommle rasch unsere Gesellschaft zusammen!«

Geschäftig eilte sie davon, und Joan glitt durch die Drehtür. Bei der Auffahrt am Fuß der Treppe stand ein riesiger Rennwagen. Sie erkannte ihn sofort. Er gehörte Said Hussein, und am Steuer saß auch der schwarzbraune Chauffeur, der sie neulich zu den Pyramiden hinausgefahren hatte. Eben stieg ein Herr ein, es war Simopulos, der »üble Grieche«, und »dunkle Ehrenmann«, dessen Bekanntschaft der Prinz auf der »Aquatic« so brüsk abgelehnt hatte.

Siehe da, dachte Joan lächelnd: Im Laufe einer Woche war er nun mit Said Hussein so intim geworden, daß er ihm sein bestes Auto überließ! Fürwahr ein rascher Umschwung und beinahe seltsam ...

*

»Willkommen in meinem bescheidenen Heim!« Prinz Said Hussein stand im Frack und weißer Weste, den roten Fes auf dem schöngeformten Kopf, am Eingang seines Palastes, um seine Gäste zu begrüßen. Zu beiden Seiten der Marmorhalle bildeten nubische Diener Spalier und hielten Lampen in der Hand. Sie trugen die alte Scharlachtracht der Mamelucken, kurze Jacken, bauschige Beinkleider und zierliche Pantoffel. Unter ihren schneeweißen Turbanen baumelte der traditionelle Zopf. Lauter prachtvolle Gestalten, keiner unter sechs Fuß, standen sie wie die Statuen, und ihre pechschwarzen Gesichter glänzten, wenn das Lampenlicht sie beschien.

Am Ende der Halle waren die Seidenvorhänge zurückgezogen und enthüllten ein zweites, kleeblattförmiges Tor, dessen oberer Teil ein Stückchen blauschwarzen Sternenhimmel einrahmte. Die Öffnung gewährte einen Blick auf schimmernden Marmor, grüne Baumwipfel und einen zauberhaften Springbrunnen, der plätschernd auf- und niederstieg. Die Luft duftete schwach nach Weihrauch und irgendwo fern verklang eine langgezogene orientalische Melodie.

Joan war sprachlos vor Entzücken. Hinter ihr am Bronzegitter der Einfahrt stand die prachtvolle Limousine, ein Symbol westlicher Zivilisation, vor ihr lag der Osten, märchendunkel und geheimnisvoll.

Am Eingang des Hofes klatschte der Prinz in die Hände. Sofort verstummte die ferne Musik und den weiten Raum durchflutete sanftes Licht. An vier Seiten war der Hof von Galerien umgeben, die von schlanken weißen Säulen getragen und von unsichtbaren Lampen erhellt wurden. In der Mitte leuchtete jener zauberhafte Marmorbrunnen, aus dem das Wasser in grünlich glitzerndem Strahl emporschoß, so daß es schien, als bestehe die Fontäne aus einem Geriesel von Smaragden. Um die Säulen der Arkaden rankten sich blühende Sträucher und zwischen ihnen und dem Brunnen ragten Gruppen hoher Dompalmen, die die Bänke aus Marmor beschatteten.

»Einer der Paschas unter Khedive Ismail baute sich dieses Haus«, erklärte der Prinz. »Wie alle Orientalen liebte er schattende Bäume und fließendes Wasser. Dieser Hof gehörte damals zur Frauenwohnung. Man berichtete, daß er einmal einen Eunuchen strafte, indem er ihn mit dem Kopf nach unten solange in den Brunnen tauchen ließ, bis er ertrank. Das Holzgitter drüben verdeckt den Eingang zum Harem. Dort werden wir speisen – –«

»Verzeihen Sie, Prinz,« unterbrach ihn Bankier Richborough, ein lang aufgeschossener, hohlwangiger, bebrillter Mann, der in Gegenwart seiner Frau selten sprach, »ich fürchte, wir drängen uns auf.«

»Aber wieso denn?«

»Nun ja, ich habe immer gehört, daß der Harem des Orients von Fremden nicht betreten wird. Ich hoffe daher, daß wir Ihre Gastfreundschaft nicht mißbrauchen – –«

Der Prinz lachte schallend: »Mein lieber Herr Richborough, ich bin doch nicht verheiratet. Dieses altertümliche Quartier ist eine Junggesellenwohnung und nichts anderes!«

Frau Aimée Richborough lächelte nervös. »Mein Mann hat einen abgeschmackten Humor, Prinz«, sagte sie scharf. »Sie müssen seine Scherze nicht beachten!«

Längs der Marmorarkaden geleitete der Prinz seine Gäste in einen Gang, der mit herrlichen Perserteppichen behangen war. An seinem Ende vernahm man aus einer halbangelehnten Tür hervor Harfenspiel und leisen Gesang einer Frauenstimme. Man betrat ein viereckiges, in europäischem Stil eingerichtetes Gemach mit englischen Kupferstichen an den Wänden, ein paar Ledersesseln, Bücherschrank, Schreibtisch und einem Stutzflügel in der Ecke – offenbar das Wohnzimmer eines Mannes mit Kunstsinn.

Hinter dem Stutzflügel erhob sich eine Frau. So pechschwarz war ihr Haar und so glatt aus der weißen Stirn gestrichen, daß man fast den Eindruck hatte, als trüge sie eine Kappe aus schwarzer Atlasseide. Über das Musikinstrument geneigt, stand ein junger Mann mit Wespentaille und keck gezwirbeltem Schnurrbart und ein stumpf blickender, feister Ägypter im Fes hatte sich's in einem Sessel bequem gemacht.

»Wenn ich Sie einen Augenblick unterbrechen darf, teure Nadja!« sagte Said Hussein zu der Dame am Flügel. »Ich möchte Sie meinen Freunden verstellen: Herr und Frau Henry Richborough, Frau Joan Averil, Madame Nadja Alexandrowna, Graf Belfort, Osman el Maghraby. So, meine Damen und Herren, ich überlasse Sie jetzt sich selbst, während ich die Getränke braue.«

»Welch herrliches Besitztum!« bemerkte Joan zu Madame Alexandrowna, als ihr Gastgeber sich an einen Seitentisch zurückzog.

Die fremde Frau heftete ihre grünschillernden, langbewimperten Augen auf Joans Gesicht. »Es ist der Orient und der Okzident unter einem Dach«, antwortete sie. »Der Garten ist aus Tausendundeiner Nacht und dies Zimmer« – sie wiegte die wohlgeformten Schultern – »ist Piccadilly – London!« Sie lachte girrend. Ihr leicht fremdländischer Akzent hatte einen eigenartigen Reiz. Ihre Lippen waren voll und rot, ihr Teint warm und zart wie die Farbe einer Teerose. Das elfenbeinweiße Atlaskleid lag eng um ihren üppig erblühten Körper.

»Die Donatellos sind unpünktlich!« sagte Said Hussein und trat mit einer Kristallschale in den Kreis, »aber hier sind Getränke!«

Sie nippten an ihren Cocktails und plauderten oberflächlich, wie man es vor Tisch zu tun pflegt, bis ein Diener den Prinzen aus dem Zimmer rief. Er kam mit einem dickbäuchigen, bärtigen Italiener und dessen Gattin zurück, einer kleinen Person mit rastlosen Augen.

Man speiste im mittleren Saale des ehemaligen Harems, einem luftigen Raum mit vergitterten Fenstern. Das Holzgitterwerk der Tür gab den Blick nach dem Arkadenhof frei, über den sich das Himmelsgewölbe spannte, vom Licht eines unsichtbaren Mondes durchhellt, der noch nicht hoch genug stand, um den Glanz der Sterne zu überstrahlen.

Eine Gruppe von eingeborenen Musikanten auf der Galerie – eine Violine mit nur einer Saite, ein Dudelsack und eine Trommel trug arabische Musik vor, die ungeübten Ohren, infolge ihrer wenigen Noten und der ewigen Wiederholung des Themas, unheimlich klingt, aber trotzdem doch durch ihren betonten Rhythmus eine sonderbare Anziehungskraft ausübt.

Dann kamen die Tänzer. Zuerst ein geschmeidiger Jüngling, der sich auf den Marmorfliesen drehte, während er einen Stock in den verschränkten Händen hielt. Ihm folgte ein lustiger schwarzer Sudanese, der auf seinem Wollschädel eine brennende Lampe balancierte und den berühmten Lumpentanz vorführte, indem er den Körper hin und her warf, zu dem »Gebet für die Lampe«, das die Musikanten aus voller Kehle mitsangen. Und zuletzt gab es tanzende Frauen, die wie Krähen krächzten und nur mit flatternden Gazeschleiern bedeckt waren.

Eine Pause entstand. – Der Geiger legte sein Instrument beiseite. Der Dudelsack dröhnte mißtönend, pfiff dann ein schrilles Motiv aus zwei oder drei Noten und hielt dabei leise und klagend einen Begleitton fest. Mit heiserer, gutturaler Stimme fiel der Geiger ein. Er war ein schöner Bursche, mit blitzenden Kohlenaugen und regelmäßigen Zügen, in ein schlohweißes Gewand gekleidet. Das, was er hören ließ, war kein Gesang, es war ein Schwall von Leidenschaft durchzitterter Deklamation, die bei ihm am Ende jedes Verses, wenn der Dudelsack sein einfaches Motiv wieder aufnahm, ein Zittern und Keuchen auslöste.

Die Gäste hatten ihr Mahl beendet und saßen beim Sekt, während die nubischen Mamelucken, Körbe mit Orangen, Trauben und Feigen herumreichten. Allmählich erzwang sich das Temperament des Sängers die Aufmerksamkeit der Gäste; das Gespräch verstummte, und es trat Stille ein.

»Was trägt er denn vor«, flüsterte Joan dem Prinzen zu, der neben ihr saß.

»Eine Liebesklage. Wenn Sie ihm zusehen, werden Sie ihm ganz gut folgen können!«

Der Sänger hockte auf der Türschwelle. Sein Profil hob sich von dem Licht des aufsteigenden Mondes ab. Er hatte sich umgewandt, um zu der Gestalt seiner Phantasie zu sprechen. Seine Augen lohten und seine Stimme bebte von der Glut seiner Gefühle. Mit leiser, tief ergreifender Stimme begann der Prinz zu übersetzen:

»O du mit den schwarzen Augen, höre meinen Schmerz! Bei Nacht und bei Tag verzehre ich mich in Sehnsucht nach dir! Der Ochse am Pflug, das Kamel am Wasserrad sind nicht trauriger als ich. Ich suchte dich am Teiche, aber du gingst an mir vorbei. Ich wollte dein Gesicht am Fenster schauen, aber du blicktest nicht heraus!«

Die Klage verstummte, und der Dudelsack pfiff seine karge Melodie. Joan fühlte eine heiße Hand auf ihrem nackten Arm. Die Augen des Prinzen brannten, rötlich glühend, auf ihrem Antlitz, während er weitersprach:

»Wenn ich auf dem Felde arbeite, o Bamba, mit den schwarzen Augen, gräme ich mich um dich. Mittags kann ich nicht essen, in der Nacht liege ich wach und weine vor Verlangen nach dir.

Oh, Sonne meines Herzens, gib mir ein Zeichen, gib mir ein Zeichen deiner Liebe! Du!«

Die leidenschaftliche Stimme schwieg. Joan war tief bewegt. Die Töne des Dudelsacks wimmerten durch den sternhellen Garten. Den Blick auf das dunkelglühende Gesicht des Sängers geheftet, achtete sie nicht auf ihre Umgebung, achtete auch nicht auf den zunehmenden Druck der tastenden Hand, die ihren Arm hinaufkroch und nicht auf das Glitzerlicht in den unbeherrschten Augen des Prinzen.

»Quäle mich nicht, Bamba, denn ich bin ein Mann, furchtbar im Zorn. Laß mich kein Fremder mehr sein zu dir, du mein Augenlicht! Ich habe meiner Mutter gesagt: Vermähle mich mit Bamba oder ich sterbe! Aber wenn ich sterbe, o Bamba, mit den schwarzen Augen, sollst du zuerst mein Schwert fühlen!«

Schrill erhob der Jüngling bei dieser Drohung die Stimme, reckte die Hand empor und brach mit einer jähen Geste ab. Der Dudelsack schwieg.

Leises Murmeln erhob sich, Händeklatschen. »Eine erstaunliche Leistung!« lobte Graf Belfort, dessen Blicke an Nadja Alexandrowna hingen.

»Nur im Orient versteht man die Kunst, zu lieben«, murmelte sie. Ihre Smaragdaugen schienen das stolze Profil des Violinspielers zu verschlingen, der noch immer unbeweglich auf der Türschwelle kauerte.

»Wundervoll!« seufzte Joan und wandte sich zu Hussein.

Der Prinz atmete schwer und ein gespannter Zug lag auf seinem blassen Gesicht. Verstohlen löste er seine Hand von ihrem Arm und lächelte gezwungen. »Er hat seine Sache gut gemacht!« meinte er und warf dem Geiger ein Bündel Banknoten hin. Auf seinen arabischen Zuruf trabten die Musikanten, die Sänger und Tänzer davon. Seinen Sessel zurückstoßend, sagte der Prinz mit belegter Stimme: »Die Luft ist milde, trinken wir den Kaffee draußen unter den Palmen!«

Schweigend gingen sie, als ob der Zauber der Nacht einen Bann über sie gebreitet hätte, nach dem Garten hinaus. Die Musik hatte Joan merkwürdig unruhig gestimmt. Noch zitterten ihre Nerven im Rhythmus des Trommelschlags. Die Angst aus der Stimme des Sängers rührte sie tief. Seltsamerweise hatten sie die edlen, von Leidenschaft durchbebten Züge unvermittelt an ein anderes Gesicht erinnert, das auch von Schmerz zerwühlt war und an tiefblaue Augen, die sich vorwurfsvoll auf sie richteten. In ihr wogte ein Gefühl grenzenloser Einsamkeit und Verlassenheit.

Friedlich und still lag der Garten. Atemlos schien er im silbernen Mondlicht auf ihr Kommen zu harren. Die Nacht war von leisen Geräuschen belebt, dem summenden Geschwirr der Heuschrecken und dem eintönigen Baß der Ochsenfrösche in der Ferne. Unendliche Müdigkeit überkam Joan, und als Said Hussein beim Weiterschreiten seinen Arm in den ihren legte, empfand sie diese Stütze als eine Wohltat. Sie hob das Antlitz zu den Sternen.

»Was für ein großartiger Schauspieler dieser Mann doch war!«

»Vielleicht! Könnte man ihm aber ins Herz blicken, so würde man wahrscheinlich finden, daß er selber diese größte aller Qualen, daß er unglückliche Liebe erduldet. Waren Sie jemals verliebt, Frau Averil?«

»Ich war drei Jahre verheiratet. So muß ich es wohl gewesen sein.«

»Wie ruhig Sie das sagen! Wissen Sie, daß im Osten Männer an der Liebe sterben, die keine Gegenliebe erweckt? Ihre Sehnsucht verzehrt sie, wie die Lampe das Öl aufsaugt, und sie siechen dahin, weil sie nicht mehr den Wunsch fühlen, zu leben. Haben Sie je solche Liebe empfunden?«

»Ich kenne den Liebeskummer wohl, denn auch mir hat die Liebe Leid gebracht.«

»Ich weiß – ich las es in Ihren Augen, am ersten Abend, als ich Sie sah. Und ich war voll Bitterkeit erfüllt gegen den blinden Narren, der das Glück, Sie zu besitzen, nicht begriff ...«

»Mein Mann ist tot!« wehrte sie ihm.

Er achtete der sanften Mahnung nicht. »Ein anderer doch könnte bewirken, daß wieder Zärtlichkeit statt kühler Ruhe aus Ihren Augen spricht!«

Sie zuckte die Achseln. »Ich habe vergessen, was Liebe ist!«

Sie hatten eine kleine Nische erreicht, hinter Palmen verborgen, deren Zweige sich mäßig im Mondlicht wiegten. Der Prinz blieb stehen, nahm ihre Hände in die seinen. Seine Finger prickelten, wie von einem elektrischen Strom durchpulst. »Ich – ich will Sie lieben – und Liebe lehren ...« stammelte er flammenden Auges. Mit ruhiger Würde entzog sie sich ihm. »Nie wieder! Weder Sie noch ein anderer Mann!« Klar und kalt klang ihre Stimme. Sie sah sich um. »Kehren wir nun um, ja?«

»Einen Augenblick!« bat er. »Ich habe Sie hierher geführt, um Ihnen ein kleines Andenken an den ersten Abend in meinem Hause zu verehren.« Er zog ein goldenes Döschen hervor. »Bitte weisen Sie es nicht zurück!«

Die kleine Dose war aus schwerem Gold, mit herrlichen Arabesken verziert und trug einen Verschluß aus Türkisen. Der Prinz drückte sie ihr fast gewaltsam in die widerstrebenden Hände. »Öffnen Sie!«

Sie hob den Deckel und fand auf goldgewebtem Futter einen herrlichen Smaragd, der grünes Feuer sprühte.

»O Prinz, das kann ich nicht annehmen!« Röte stieg in Joans Wangen. »Solch Stein ist doch Zehntausende von Dollar wert! Glauben Sie mir, ich schätze Ihre Aufmerksamkeit sehr, aber – –« Sie reichte ihm die Dose zurück.

Mit umdüstertem Gesicht fügte er sich ... Wortlos und beklommen ging Joan an seiner Seite zum Palast. Ihre Abwesenheit war kaum bemerkt worden, denn die anderen standen am Brunnen, um einen indischen Zauberer herum, der seine Requisiten auf einem Tuch am Boden ausgebreitet hatte. Es herrschte Begeisterung über seine Kunststücke. Er verzauberte Korke unter metallenen Gefäßen, er zog ein lebendes Hühnchen aus Osman el Maghrabys Fes hervor, ließ es wieder verschwinden und siehe da: Das flaumige Wesen hockte auf Herrn Richboroughs Hemdbrust! Er gab Joan ein Zehnpiasterstück, das sie in der geschlossenen Hand halten sollte, und beim Öffnen der Hand hatte es sich in einen englischen Penny verwandelt.

»Das ist echt ägyptische Magie!« rief Aimée Richborough, als der Gaukler sich unter tiefen Verbeugungen entfernt hatte.

»Pah!« widersprach Belfort, »lauter Schwindel! Seit fünf Jahren lebe ich schon in Ägypten und bin noch nie einem brauchbaren Wahrsager begegnet!«

Der Prinz neigte sich zu Joan: »Möchten Sie sich wahrsagen lassen?«

»Für mein Leben gern!«

»Fürchten Sie sich nicht vor der Zukunft?«

Sie sah ihn unsicher an. »Glauben Sie denn ernstlich an derlei?«

Er zuckte die Achseln. »Ein junger Mann, Scheich Abdullah, genießt einen außergewöhnlichen Ruf unter den Eingeborenen. Er lebt draußen in der Wüste, und die Leute legen weite Strecken zurück, um seinen Rat zu hören. Manchmal kommt er auch nach Kairo. Vielleicht könnte ich ihn einmal herholen lassen.«

»Oh, wie interessant!« rief Joan. »Aber,« fügte sie zögernd hinzu, »ich fahre morgen nach Luksor ...«

»Scheich Abdullah ist jetzt ja nicht hier. Und in so kurzer Frist könnte ich ihn auch nicht verständigen. Aber ich habe Madame Alexandrowna versprochen, daß er ihr ebenfalls wahrsagen soll. Eventuell werde ich Sie dann telegraphisch benachrichtigen.«

»Bitte! Und ist Ihr Scheich wirklich verläßlich? Haben Sie selbst ihn denn schon befragt?«

Der Prinz schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich kenne mein Schicksal. Vor vielen Jahren prophezeite mir meine sudanesische Amme aus dem Sande. Alles was sie mir sagte, traf bisher ein – – bis auf das Ende. Ich werde kein hohes Alter erreichen, und ich werde den Tod durch eine Frau im Zeichen des Ram finden!«

Er sprach nachlässig, aber ein verlorener Blick geisterte in seinen gelben Augen.

*

Als Joan dem Prinzen sagte, daß sie am folgenden Tage abzureisen gedenke, war sie sich eigentlich darüber noch gar nicht klar gewesen. Doch nun festigte die Ankündigung der Absicht ihren Entschluß. Sie hätte dafür wahrscheinlich jeden möglichen Grund angeführt, nur nicht den wahren. Immer wieder stellte sie an sich dieselbe Frage, während sie im nächtlichen Luxuszug das Panorama der mondbeglänzten Landschaft betrachtete, wie es am Fenster des Schlafwagens vorüberglitt.

Sie sagte sich, daß sie ruhelos sei, daß sie irgendwo allein sein wolle, um nachzudenken. Das Leben in Kairo war ein ewiges Ringelspiel gewesen, ein Kaleidoskop von Bekanntschaften – und niemals ein Mensch, dem man sich wirklich anvertrauen konnte! Sie war des mondänen Treibens müde, müde der wohlerzogenen Engländer, die alle aus der gleichen Form geschnitten zu sein schienen wie Pennys aus dem Münzamt, müde der aalglatten anderen Salonhelden mit ihren Handküssen, ihren Bücklingen, ihren öden Komplimenten.

Joan ärgerte sich über sich selbst, denn sie hatte ihre Seelenruhe verloren. Etwas Unerklärliches war mit ihr geschehen. Ihr Herz war für Liebe tot. So oft hatte sie sich das gesagt, daß sie es glaubte. Aber für Mitleid schien es wohl nicht tot zu sein. Denn sie war sich eines überwältigenden Gefühls des Erbarmens bewußt mit jemanden, der – wie lange war das schon her – von ihr verkannt worden war. Da Cradock in den Bergen von Luksor lebte, spielte sie manchmal mit dem Gedanken, ob sie ihn wohl wiedertreffen würde ...

Eine harte Stimme unterbrach ihre Betrachtungen. »Wir sind da, gnädige Frau!« Simmons stand an der Coupétür und ihre Züge trugen jenen mürrischen Ausdruck der Mißbilligung, der ihnen schon seit der Ankunft in Kairo eigen war.

Die Hitze, der Dunst, die Gerüche, die Moskitos, die unerhörte Tatsache, daß zum Beispiel »ein schwarzer Kerl« ihrer Herrin das Bad im Hotel bereitete, dazu die nationale Gier nach Backschisch und eine störende Magenaffektion, wie sie Neuankömmlinge in Ägypten nicht selten befällt – all das hatte ihre Nerven erschüttert und die gewohnte Düsterkeit ihrer Weltanschauung noch vertieft.

Luksor! Ein langes, niedriges Stationsgebäude mit einem Bahnsteig, der vor Staub weiß funkelte, dahinter Massen grüner Pflanzen, eine Schar von malerischen, geduldigen Eingeborenen, die zwischen ihren Habseligkeiten im Schatten der Wände kauerten, ein gestikulierender, bebrillter Stationsvorstand, ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr und die Sonne, die, ein greller Fleck am blauen Himmel, die ganze Landschaft mit kristallklarer Helle durchflutete!

Verwirrt von dem Lärm und dem Durcheinander stieg Ivan von der Plattform herab, mit Simmons an ihrer Seite, die die Lippen fest aufeinandergepreßt und den Handkoffer eng an sich gedrückt hielt.

Ein Schrei! Joan wandte sich um. Ein schöner junger Ägypter, in ein fließendes leuchtend blaues Gewand gehüllt, hatte die eine braune Hand auf den Handkoffer gelegt, während er mit der anderen versuchte, einen großen Blumenstrauß in die Hände der empörten Kammerzofe zu drücken.

»Schon gut!« grinste er und zeigte zwei Reihen prachtvoller Zähne. »Ich Mussa – –«

»Sie freches Scheusal!« Simmons stieß ihn mit ihrem Regenschirm zurück, von dem sie sich, ungeachtet der historischen Regenlosigkeit Luksors, nicht trennen wollte. »Nehmen Sie Ihre häßlichen Pfoten von mir fort oder ich rufe die Polizei, verstanden?«

»Schon gutt!« wiederholte freundlich der Ägypter. »Ich Mussa Ihr Führer, Miß! Sie Telegramm geschickt für mich, ja?«

»Es stimmt schon, Simmons!« meinte Joan lachend, »er ist unser Führer.«

Ein drängender Haufe von Trägern in Turbanen und bunten Gewändern umringte die Reisenden. »Entschuldigen Sie, Miß!« sagte Mussa, indem er blitzschnell seine Blumenhuldigung auf Joan übertrug. »Gehen Sie mir nach, bitte, ich habe Wagen! Das Gepäck – es wird schon ordentlich sein!«

Mit einer Geste der Selbstverständlichkeit nahm er von Joans Regenschirm Besitz, dem einzigen Handgepäck, das sie bei sich trug und bahnte sich den Weg geschickt durch das Gewühl. Er hatte einen vornehmen Gang und eine prachtvolle Haltung, und er war glücklich. Denn er hatte seine Kundschaft mit Kennerblick eingeschätzt: Sie war jung – das bedeutete, daß sie in Geldangelegenheiten kaum knauserig sein würde; sie war gut gekleidet – das bedeutete Reichtum; und als Amerikanerin mußte sie ja wohl Millionärin sein! Mussa schwelgte in Hoffnungen ...

Zwei flinke Pferdchen zogen den kleinen Wagen die schmale Straße hinab, an offenen Geschäften vorüber, wo Handwerker über ihrer Arbeit hockten. Mussa thronte strahlend auf dem Bock neben dem Kutscher, der dunkelrot vor Zorn mit immer lauterer Stimme Warnungen ausstieß: »Nach links, Scheich! Effendi, Effendi, achte auf deine Füße! Oh, Wagen nach rechts!« Und dazu ließ er fast ununterbrochen seine helle Alarmglocke schallen. An den gelblichen Säulen des Ammontempels glitten sie vorbei, hinter dem sich die mittelalterlichen Häuser der Stadt türmten und gelangten nun zu einer Straße am Flußufer, wo sich plötzlich die majestätische Pracht des Nils vor ihnen erschloß. Und jenseits des breiten glitzernden Stromes glühte das hohe Braunsteingebirge im perlenden Morgenlicht.

*

Der Sonnenschein, die Weite, die Schönheit des Landschaftsbildes erfüllten Joans Herz mit tiefem Frieden. Weltenfern dem ruhig gleitenden Fluß und den schweigenden Bergen lag die nervöse Hast des Alltags. Joan fühlte ihre Sorgen weichen. »Ich glaube, daß ich hier glücklich sein werde«, sagte sie leise. »Haben Sie jemals ein herrlicheres Land gesehen, Simmons?«

Die Zofe, den Schirm fest zwischen den Knien, schnüffelte hörbar. »Es scheint hier sehr schlecht zu riechen!« knurrte sie zweifelhaft. – Tage, getaucht in Sonnengold, kamen und gingen. Joan sah sich in ihren Erwartungen nicht betrogen: Der Aufenthalt in Luksor behagte ihr. Das Hotel war zwar voll von wohlhabenden Reisenden aller Nationen und abends gab es gesellschaftliche Veranstaltungen und Toilettenprunk in Hülle und Fülle. – Joan aber hielt sich mit Absicht diesem geräuschvollen Treiben fern. Sie zog es vor, ihr eigenes Leben zu leben, verbrachte manch stille Stunde auf ihrem Zimmerbalkon, von wo aus sie das beruhigende Grün des Gartens und die grauroten Gipfel der Berge überblicken konnte, oder ruhte in einem Strandsessel auf der Terrasse, um das überwältigende Schauspiel des Sonnenunterganges zu genießen.

Eingedenk der Ratschläge des Prinzen ließ sie sich nicht von Mussa müde hetzen. Sie besuchte Grabmäler und Tempel, aber ganz willkürlich und weigerte sich ihres Führers unverdautes Wissen über sich ausgießen zu lassen. Es genügte ihr, auf den warmen Steinen zu sitzen und um die Ruinen ihre Träume zu spinnen. Oft ging sie ohne Plan und ohne Führerbuch nach Karnakh, ließ den beleidigten Mussa mit samt dem Wächter am großen Pylon zurück und wanderte allein durch die geweihten Stätten.

Eines Morgens ritt sie zum Tal der Könige. Zur Abwechslung wollte sie, statt im Restaurant, einmal hoch im Gebirge oberhalb des terrassenförmigen Tempels der Königin Hatschepsut zu Mittag essen. Man brach zeitig auf, denn der Tag versprach heiß zu werden. Bald rann der Schweiß über die braunen Wangen des Treiberjungen, der, den Eßkorb auf der Schulter, hinter ihrem und Mussas Esel hertrabte und den Saum seines zerfetzten Kittels im Munde hielt.

Aus der Schlammregion des Nils, wo ein einsamer Reiher melancholisch stand und schwarzweiße Eisvögel über den Wassern spielten, kam man auf die sandige Straße, die zu einem Bewässerungskanal führte. Braune Männer, nur mit einem Hüftentuch bekleidet, hockten in den leeren Melonenbeeten. Auf den Feldern schüttelten, umhüllt von gelben Staubwolken, dunkle Gestalten Phosphatsäcke aus. Unter einem Strohdach knarrte ein Wasserrad und sein eintöniges Geräusch verschmolz mit den hohen Tönen, die ein nackter Bub, platt auf dem Rücken liegend, seiner Rohrflöte entlockte. Von Baum zu Baum flogen grellgrüne Bienenfresser, deren Flügel wie Kupfer glänzten, und im Sandboden pickten niedliche ägyptische Tauben.

An einem Seitenweg, nach den Memnonssäulen hielt ein schlottriger, zerlumpter Junge in Leinenschuhen einen Esel an. Es war ein schönes großes Tier mit einem maurischen Sattel aus scharlachrotem Saffian und einer rotgelben Satteldecke. Daneben stand ein gutgekleideter Mann in europäischem Reitanzug und Gamaschen, der sehr nervös schien. Er sprach eifrig mit einem wildaussehenden, vierschrötigen Fellach mit großen schwieligen Füßen. Der Kerl machte einen unangenehmen Eindruck, denn es fehlte ihm ein Auge, und die leere rote Höhle lenkte unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf die Unruhe seines Partners.

Gesicht und Haltung des Fremden fielen Joan auf, als sie um die Biegung trabte. Sie brachte ihr Reittier zum Stehen. »Guten Tag, Herr Simopulos!« rief sie fröhlich.

Der Mann im Reitanzug erschrak so heftig, daß er seine Gerte fallen ließ. »Hallo, Frau Averil!« antwortete er überrascht. Dann warf er seinem Gefährten ein hastiges Wort zu. Der hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden habe und lief mit langen Schritten zu den Säulen hinab. Simopulos nahm die Reitgerte auf und trat zu Joan heran. »Ich wußte nicht, daß Sie in Luksor sind!« Voll Anerkennung ließ er den Blick über ihre Kleidung fallen, ihren sandfarbenen Filzhut, die lange Reitjacke, die gerippten Breeches und die braunen schwedischen Stiefel. »Sind Sie schon Kairos müde?«

»Ich kam nach Ägypten, um mich auszuruhen«, lächelte sie. »Das Leben in Kairo war mir zu anstrengend. Seit wann sind Sie hier? Sie wohnen nicht im Hotel?«

»Nein, ich wohne auf einer Dahabije, einem Privatdampfer auf dem Fluß. Ich kam für ein paar Tage aus Kairo, um nach einem Besitz zu sehen, an dem ich beteiligt bin. Werden Sie sich längere Zeit in Luksor aufhalten?«

Joan zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht, ich habe den Ort lieb gewonnen. Es ist mir, als ob ich hier immer bleiben könnte!«

Der Grieche blickte auf den Eßkorb zu Füßen des Eseltreibers. »Sie machen einen Tagesausflug, wie es scheint?«

»Ich fürchte, ich bin keine richtige Touristin! Ich bummle nur planlos umher, wie ich gerade Lust habe.« Mit dem elfenbeinernen Fliegenwedel zeigte sie auf das braune Gebirge. »Sehen Sie den Berg da drüben, Mussa und ich werden hinaufklettern, bis wir ein schattiges Plätzchen finden, wo man sich's gut schmecken lassen und dann ein wenig schlummern kann. Jedenfalls,« – sie blitzte ihn schelmisch an – »wenn Sie sich kräftig genug für den Aufstieg fühlen, dürfte das Mittagsmahl wohl auch für zwei ausreichen!«

»Es gibt nichts, was ich lieber täte! Aber ich werde in Luksor erwartet.« Er sah auf seine Uhr. »O Gott, ich muß mich beeilen!« Er zog den Hut und reichte ihr die Hand. »Leben Sie wohl, gnädige Frau! Ich habe mich sehr gefreut, Ihnen zu begegnen!« Er bestieg seinen Esel und trabte davon. Sein zerlumpter Diener rannte hinter ihm drein. Auch Joan setzte ihren Ausflug fort. Es fiel ihr flüchtig ein, daß Simopulos merkwürdigerweise nicht den Wunsch eines Wiedersehens geäußert hatte. Beim Geländer, außerhalb des Tals der Könige stiegen sie ab. Zu dieser frühen Stunde störten weder Führergeschwätz noch eilige Schritte wißbegieriger Touristen die Stille der Schluchten. Aus der Wächterhütte über dem Grabmal Tutanchamons ringelte sich eine Rauchwolke in die ruhige Luft.

Mussa war zurückgeblieben, um die Esel nach der Straße zum Hatschepsuttempel zu schicken, wo sie sie am Nachmittag vorfinden wollten. Aber Joan hatte sich nicht aufgehalten. Sie durchschritt den hochgewölbten Eingang der Grabstätten und begann den steilen Pfad zu dem schmalen Sattel emporzuklimmen, der wie eine Scheitellinie das Königstal von den felsigen Grüften Der-el-Bahris trennt. Es war ein anstrengender Aufstieg. Einmal blieb sie stehen und sah weit drunten das flatternde Gewand des jungen Ägypters, der mühsam und schwitzend, den Korb in der Hand, den Berg heraufkeuchte. Sie hatte den Hut abgenommen, und als sie sich dem Gipfel näherte, blies ihr eine frische Brise die glatten braunen Haare um die Ohren.

Auf einem kleinen Plateau wartete sie bis Mussa kam, und dann schritten sie zusammen auf dem weißen Reitweg, der seit Jahrhunderten von den unbeschlagenen Füßen der kleinen Esel aus dem schiefrigen Kalkstein des Kammes ausgehämmert worden war. Über eine Stunde marschierten sie längs des Sattels, bald aufwärts, bald abwärts, über verfallene Stufen hinweg, die in die Felsplatten eingeschnitten waren und einen Abhang von Geröll entlang.

Plötzlich zeigte Mussa mit dem braunen Finger hinunter. Sie standen gerade auf einer ausspringenden Kanzel, die sich wie ein Schwibbogen aus der Felsmasse hervorschwang.

»Das ist Haus von Miestär Lomas, was macht Ausgrabung in Der-el-Bahri!« verkündete der Führer.

Im Schutz des Berges in einer halbkreisförmigen Öffnung zwischen den Klippen durchschnitt ein niedriges Dach das Profil des Felsengebirges. Vor einer kleinen Veranda schlängelte sich der Weg wie ein weißer Faden zur Talstraße hinab.

»Sehr gutter Mann, Miestär Lomas«, fuhr Mussa fort. »Versteht viel von Altertümern. Kauft oft von Luksor-Händler. Er jetzt in England. Wir sehr traurig darüber ...

Lomas? Der Name kam Joan bekannt vor. Natürlich – der Mann, bei dem Cradock arbeitete! »Sie meinen Professor Lomax, nicht wahr?«

»Ja, Professor Lomax!« wiederholte der Führer freundlich.

Sie blickte mit Interesse auf das Gebäude. Wie einsam es lag! Keine menschliche Behausung in der Nähe und kein grünes Plätzchen – nichts als die kahle, braune oder weißstaubige Öde von Berg und Tal.

»Kennen Sie Herrn Cradock, Mussa?« fragte sie plötzlich.

»Miestär Cradock, sehr stiller Mann. Niemand kennt ihn recht!«

Joan lächelte; denn diese Beschreibung schien sehr treffend. Im Schatten eines gewaltigen Felsblocks verzehrte Joan behaglich ihr Mittagsmahl und lehnte sich dann, das Gesicht gen Himmel, zurück, um »dem Schweigen zu lauschen«, wie sie es bei sich nannte. Bisweilen schrie klagend ein Geier hoch über dem Tal, und einmal jubilierte aus der blauen Weite des Himmelsgewölbes ein Lerchenlied.

Nachdem sich auch Mussa satt gegessen, wurden die Eßschalen verpackt, und über einen tiefer gelegenen Weg machten sich die beiden nach Der-el-Bahri auf.

Die rosabraunen Tempelsäulen wurden im Tal schon sichtbar, als vom Berg her Stimmenlärm an ihr Ohr drang. Joan lugte hinab. Auf dem unteren Teil des Abhangs lief eine Kette winziger Gestalten, mit Körben auf den Schultern, zwischen einer Felsenhöhle und einer Art Abladeplatz emsig hin und her. Eine Wolke feinen weißen Staubes, so dicht, daß er zeitweise die Träger dem Blick entzog, lagerte über dem Bilde.

Man sei dort mit Ausgraben beschäftigt, erklärte Mussa. Auf Joans Wunsch führte er sie über einen abschüssigen Steig in die Nähe der Arbeitsstätte. Hinter einem Felsblock machte Joan halt und schaute zu, wie drei oder vier Eingeborene aus der gähnend schwarzen Höhle ihre Körbe leichtfüßigen Jungen überreichten, die bei ihrer Hantierung lustig sangen.

Ein dunkelhäutiger Aufseher stand am Anfang der Reihe, eine düster drohende Erscheinung mit einem Stock in der Hand. Von Zeit zu Zeit schlug er derb auf die wehenden Gewänder der kleinen Burschen, um sie zu größerem Eifer anzuspornen. Als der Mann Joan erblickte und zu ihr emporsah, erkannte sie den einäugigen Schwarzen, den sie am Vormittag mit Simopulos am Kanalufer gesehen hatte.

Der Fellach wandte sich hastig ab, denn aus der Tiefe des Berges hatte eine klangvolle Stimme »Ali!« gerufen. Dann trat aus der Staubwolke heraus, die vor dem Höhleneingang aufwirbelte, und selber über und über mit Staub bedeckt, eine hohe Gestalt.

Es war David Cradock.

Bei seinem Erscheinen stockte die Arbeit. Aus hundert braunen Gesichtern, die wie das seine, weiß verschmiert waren, starrten ihn große Augen an. Er sagte etwas zu dem einäugigen Aufseher, worauf dieser mit schlenkernden Armen zum Schacht ging. Eine kurze Handbewegung, dann – und als ob er einen Hebel in Bewegung gesetzt hätte, ward die ganze Bande wieder lebendig. Der Gesang wurde wieder aufgenommen, die Kette bewegte sich von neuem, und abermals hob sich der Staub in dicken Wolken empor. Vom Felsblock beinahe verborgen, starrte Joan den Engländer voll Verwunderung an. Das war nicht der verschlossene Einsiedlerkrebs, den sie auf dem Schiff kennengelernt. Eine fröhliche Lebhaftigkeit lag über der selbstbewußten Gestalt in Khakikleidung, ruhige Sicherheit, Kraft und Stolz. Selbst sein Anzug schien ihm besser zu passen, und sein Gesicht strahlte von Zufriedenheit.

Er stand am Schachteingang und überblickte die vorbeiziehende Kette. Plötzlich schnellte seine Hand empor und packte einen hinkenden kleinen Burschen an der Schulter. Es war ein ungefähr zehnjähriger Junge mit geschorenem Schädel und runder weißer Kappe und einem einzigen spärlichen Lappen um den spindeldürren Körper. Einer seiner staubigen Füße war in einen blutbefleckten Fetzen gewickelt.

Cradock ließ sich auf ein Knie nieder, nahm mit gewandten Fingern die schmutzige Binde ab und enthüllte einen kleinen braunen Fuß, der gefährlich angeschwollen war. Er klatschte in die Hände und rief etwas auf arabisch. Aus einem Zelt weit unten am Berghang erschien ein arabischer Diener. Cradock erteilte ihm einen Befehl, worauf der Mann mit einem Waschbecken und einem Handtuch herbeikam. Cradock riß das Handtuch in zwei Stücke. Mit der einen Hälfte reinigte er das verletzte Glied und aus der anderen fertigte er einen provisorischen Verband, den er geschickt um die Wunde legte. Der Knirps ließ sich alles wortlos gefallen, die großen, dunklen Augen vertrauensvoll auf seinen Samariter geheftet. Der hob, als er fertig war, den Knaben in die Arme des Dieners, der ihn behutsam zum Zelt trug.

»Ali!« Cradocks Mienen hatten sich verfinstert und seine Augen glühten in ihrer staubigen Umrahmung. Kurz und barsch befahl er den Aufseher zu sich, der mit demütiger Gebärde etwas zu erklären oder sich zu entschuldigen schien. Aber Cradock unterbrach ihn heftig und stieß einen Schwall von murrenden, gurgelnden arabischen Worten hervor.

Die Arbeiter verlangsamten ihre Schritte. Schelmengesichter grinsten verstohlen unter der Staubkruste. Die Männer, die bis zu den Hüften aus dem Schacht ragten, und eben noch wütend darauflos gearbeitet hatten, benützten die Ruhepause, um sich den Sand aus den Augen zu wischen; sie stießen einander heimlich an und wackelten vor Vergnügen mit den Köpfen. Noch immer schalt Cradock weiter, ohne die Stimme über das tiefe eintönige Murren zu erheben.

Joan verstand natürlich nichts von dem, was er sagte, aber sie konnte den Sachverhalt deutlich von den Mienen des Aufsehers lesen. Über Cradocks breite Schulter hinweg beobachtete sie, wie sich unter der Wirkung der scharfen Strafpredigt das Braun des Fellachgesichts in tiefste Schokoladenfarbe verdunkelte, wie das eine Auge tückisch lohte und der Schnurrbart ins Zittern geriet. Immer wieder schien der stämmige Eingeborene zusammenzuzucken, und seine braunen Hände fielen schlaff herab, während er den Vorwürfen seines Herrn Stand zu halten versuchte. Endlich brach Cradock mit einer raspelnden Silbe ab, wandte sich und schritt zum Zelt hinunter.

Joan wartete, bis er verschwunden war, bevor sie ihren Weg fortsetzte. Mussa strahlte vor Vergnügen. »Miestär Cradock – spricht sehr gutt in unserer Sprache!« gurgelte er verzückt. »Er weiß sie besser als viele Araber ...«

»Was bedeutet das alles?« forschte Joan im Weiterschreiten.

»Miestär Cradock sehr böse auf den Aufseher, weil er zwingt den Jungen, zu arbeiten mit wehem Fuß. Miestär Cradock sagt ihm viel Unangenehmes darüber. Nächstes Mal, wenn Ali einen Jungen mit Wunden arbeiten macht, Miestär Cradock wird einen Stock nehmen und ihn prügeln – sagt Miestär Cradock!«

»Er hat recht!« meinte Joan.

»Dieser Ali, sehr schlechter Mensch!« bemerkte Mussa nachdenklich. »Ich glaube, er wird vielleicht Schlimmes tun gegen Miestär Cradock ...!«

Am Fuß der langen Rampe, über die vor mehr als dreißig Jahrhunderten leichte Wagen zum Tempel der Pharaonin Hatschepsut gerast waren, warteten ihre Esel. Sie ritten durch den goldenen Glanz des Nachmittags zum Nil zurück. Dort ließen sie die Tiere aus dem Fluß ihren Durst löschen, und vom Sattel befreit, sich im warmen Sande kollern. Den Strom überquerten sie mit einer kleinen Fähre des Hotels, deren Bootsmänner zum Rudertakt ein eintöniges Liedchen summten. An der Landungsbrücke entließ Joan Mussa für den Rest des Tages und schritt langsam den Weg zwischen den bunten Blumenbeeten hinauf.

*

Auf der Straße vor dem Hotel schien ganz Luksor versammelt. Touristen kehrten von ihren Ausflügen heim und helle Kleider schimmerten unter den kühlen Arkaden, wo schöne Frauen die kostbare Ware indischer Seidenhändler bewunderten.

Von der Terrasse, wo die Teetische standen, hörte Joan ihren Vornamen rufen. Eine weißgekleidete Gestalt lief ihr winkend entgegen.

»Molly!«

Joans Gedanken flogen zu einer langen dunklen Pinienallee zurück, die angenehm nach Harz duftete und in der zwei junge Mädchen, eine mit glatten braunen Haaren, die andere sehr blond und niedlich, in ihren schwarzen Klosterkleidern für die Schwester Tannenzapfen sammelten. Sie hatte Molly Dalton seit jener Zeit nicht wiedergesehen, als sie vor dem Krieg gemeinsam im Brüsseler Kloster ihre Pensionszeit verlebten.

Wie alt sie sich bei dieser Erinnerung verkam! Zehn Jahre waren vergangen seit dem Abschiedsmahl, wo sie sich mit allerlei Versprechungen für das nächste Schuljahr in der Pinienallee getrennt hatten, ohne zu wissen, daß es kein nächstes Schuljahr mehr geben werde und daß das Schweigen über dem friedlichen Klosterpark nur die Stille vor dem Sturm war. Einen Monat später zitterten Brüssels Straßen unter den Tritten feldgrauer Bataillone und dem Rattern der Munitionswagen, und die Luft bebte vom fernen Dröhnen der Geschütze.

Und hier war nun Molly Dalton wieder – so hübsch wie nur je, mit den hellrosa Wangen und den sanften Veilchenaugen, mit Haaren, die zwar nach der Mode geschnitten waren, sich aber doch in schönen Wellen um ihren schlanken Hals schmiegten.

»Joan, Liebling!« rief Molly. »Du in Ägypten? Dich schickt der Himmel! Komm schnell, sonst ist er weg!«

Molly packte die wiedergefundene Freundin am Arm und fegte mit ihr den Kai entlang.

»Aber Molly. Wo? Wer?«

»Beim Tempel! Morgen ist der letzte Vollmondstag! Und Papa hat Leibweh. Oh, bitte, beeile dich, sonst wird er schon fort sein!«

»Aber, mein Kind, ich bin ja ganz schmutzig! Ich muß baden und mich umziehen ...«

»Das macht nichts! Es ist ja nur Colin ...«

»Wer ist das?«

»Ein Künstler! Er ist Zeichner bei der schottischen Ausgrabungsgesellschaft, die dort drüben arbeitet. Wir sind – – wir sind verlobt. Und, Joan, du bist doch verheiratet, nicht? Ja, natürlich, ich erinnere mich genau!«

Joan Averil blieb atemlos stehen. »Meine Liebe, du bringst mich um! Ich bin den ganzen Tag auf den Bergen umhergeklettert und kann dieses Tempo unmöglich aushalten. Wohin gehen wir?«

»Nur bis zum Luksor-Tempel. Er skizziert dort. Wenigstens tat er so, als ich ihn vor einer Stunde verließ ...!« Sie legte die hohle Hand an den Mund und schrie: »Colin, Colin!«

Von den gelben Säulen am Ende der Promenade klang ein Ruf durch die stille Luft zu ihnen herüber.

»Gott sei Dank, er ist noch da!« sprudelte Molly vergnügt. »Komm nur, Joanie, er wird dir alles erklären.«

In dem viereckigen Hof, mit seinen doppelreihigen Säulenreihen, erhob sich ein rothaariger Jüngling von seiner Staffelei.

»Colin!« rief Molly begeistert. »Wir sind gerettet! Das ist Joan Willmot, die in der Schule in Brüssel meine beste Freundin war. Und sie ist verheiratet. Du hast mir damals ein Stückchen deines Hochzeitskuchen aus Amerika geschickt, erinnerst du dich, Joan?«

Nachdem sich der junge Mann die Hand an einem Leinwandfetzen abgewischt hatte, reichte er sie Joan. »Das trifft sich ausgezeichnet!« erklärte er. »Wie nett von Ihnen, daß Sie Mollys Gardedame spielen wollen! Dann ist ja alles in Ordnung, nicht?«

Joan blickte amüsiert von einem zum andern. »Hätte einer von euch vielleicht die Liebenswürdigkeit, mir zu verraten, worum es sich handelt?«

»Aber Molly!« schalt der Maler. »Hast du ihr denn noch nichts gesagt?«

»Sag du's ihr doch!« schmollte seine Braut.

»Nun,« begann Colin langsam, »es ist nämlich so: Ich bin mit einer Forschungsexpedition hier und wohne in einem Hause drüben am Berge. Molly möchte unbedingt einmal den Mond über dem Gebirge aufgehen sehen. Dazu muß sie die Nacht in meinem Heim verbringen, denn die Straßen auf der anderen Seite sind nach Einbruch der Finsternis nicht allzu sicher. Jedenfalls kann man keinen Eseltreiber dazu bewegen, nächtlicherweise da zu gehen, denn sie fürchten sich jämmerlich vor den dort spukenden Geistern. Der Mann, mit dem ich zusammenwohne, fährt heute abend nach Kairo und so wird sein Zimmer frei. Mollys Vater hätte mitkommen sollen, aber er leidet an ägyptischen Leibschmerzen. Und morgen ist die letzte Vollmondnacht. Den nächsten Vollmond wird Molly hier nicht mehr sehen, weil sie in der kommenden Woche abreist. Selbstverständlich kann sie nicht die Nacht allein bei mir bleiben. So dachte ich, das heißt Molly meinte – wenn sie eine verheiratete Frau fände ...«

»Joan, du tust es doch, nicht wahr, mein Liebling?« flötete die Freundin.

»Wir haben bloß zwei Betten«, fuhr Colin fort. »Sie können das Zimmer meines Freundes nehmen und Molly bekommt das meinige. Ich selber kampiere auf dem Wohnzimmersofa. Es ist wirklich nicht weiter unbequem. Wir haben natürlich kein elektrisches Licht. Aber wir haben ein Badezimmer und ... und einen sehr angenehmen Koch. Und Mohammed, so heißt der Bursche, ist überhaupt gar kein so übler Herrschaftsdiener ...«

»Aber was wird Vater Dalton sagen?« fragte Joan zögernd.

»Papa? Oh, mit dem werde ich schon fertig!« rief Molly. »Joan, du bist so lieb!«

»Es ist wirklich sehr gütig von Ihnen, Frau – Frau – –«

»Großer Gott, ich habe euch ja nicht bekannt gemacht! Herr Colin Beck – Frau ...« Molly brach verlegen ab. »Oh, Joanie, ich habe den Namen deines Mannes vergessen!«

»Averil!« sagte Joan rasch. »Und wann braucht ihr mich denn nun? Heute schon? Und wie kommen wir hin?«

»Ich glaube, wir verschieben es bis morgen«, erwiderte der Maler. »Dadurch gewinne ich Zeit, um alles zu einem würdigen Empfang vorzubereiten. Außerdem muß ja Molly doch auch erst ihren Vater verständigen. Ich erwarte Sie beide morgen nachmittag um vier an der jenseitigen Landungsbrücke.« Er begann seine Staffelei einzupacken. »Molly – Schatz, ich werde diese Skizze ein andermal für dich fertigmachen. In einer halben Stunde wird's finster und ich habe noch einen weiten Weg nach Haus. Grüß Gott, liebe Frau Averil, ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Liebenswürdigkeit!«

»Nicht nötig,« lächelte Joan, »ich freue mich ja selbst darauf. Umherschleichende Löwen sind doch wohl nicht zu fürchten?«

»Das gerade nicht!« grinste Colin. »Aber Schakale werden wir vielleicht hören. Ihr Geheul klingt wie der Ton einer verstimmten Posaune!«

»Ich gehe mit dir zum Boot hinunter, Colin. Du auch, Joan?«

»Ich möchte lieber hier noch ein wenig sitzenbleiben und den Sonnenuntergang betrachten. Wo treffen wir uns morgen, Molly?«

»Ich komme zum Mittagessen zu dir ins Hotel!«

Das Brautpaar winkte fröhlich zum Abschied und verschwand Arm in Arm hinter der Wirrnis verborstener Säulen. Ein paar Sekunden lang hallten noch ihre Tritte auf den Steinen, dann lag lastende Stille über dem Tempel.

Es war die herrliche Stunde des Sonnenuntergangs. Der Hof war magisch in rosa Licht getaucht. Zwischen den ockergelben Säulen sah man den heiligen Strom, in dem sich die Pracht des westlichen Himmels spiegelte, glutüberhaucht dahinfließen und purpurne Schatten dämpften die zackigen Umrisse der Berge, die wie Schildwachen dem Nil zur Seite ragten. Aus der Häusergruppe oberhalb des Tempels stiegen linde Rauchwölkchen in die Abendluft. Vom Wasser her klang verloren das Geräusch der Stadt, vermischt mit dem melancholischen Gesang der Flußmatrosen. Joan saß und grübelte. Sie war nur drei Jahre älter als Molly Dalton, aber beim Anblick dieser zwei glücklichen jungen Menschen war sie sich wie eine Hundertjährige vorgekommen. Wie selbstsüchtig ist doch Liebe, dachte sie, und immer auf die eigenen Wünsche versessen! Mit keinem Wort hatte Molly sie nach ihrem Gatten gefragt. Wie sollte sie auch, da sie doch das ganze Köpfchen voll hatte von ihrem geliebten Colin! Ein netter sauberer Bursche übrigens und ein echter Künstler. Das merkte man an seinen Händen. Wie sein Auge aufgeleuchtet hatte, als sie und Molly den Tempel betraten.

Ein Luftzug, kühl und feucht, wirbelte den Sand am Tempelboden auf. Es war nun dunkel geworden. Zur Linken blinkten in der Ferne gelbe Lichter am Flußufer und jenseits des Nils lohte die rote Flamme eines Bergfeuers grell in die sinkende Nacht.

Joan erhob sich von dem Säulensockel, auf dem sie gesessen, und es fröstelte sie ein wenig. Wie oft hatte man sie gewarnt, nach Sonnenuntergang in Ägypten ohne Hülle im Freien zu bleiben! Sie blickte auf die Uhr. Beinahe sieben. Es blieb ihr noch Zeit, durch die Stadt zurückzugehen, bevor sie sich zum Abendessen umziehen mußte. Sie wollte den Gang an der Abul-Haddschadsch-Moschee vorüber wählen, ihren Lieblingsweg.

Auf dem Vorhofe Ramses II., hinter dem Tempel mit den Bildern jenes mächtigen Herrschers steht die einfache kleine Moschee, nach einem mohammedanischen Heiligen benannt, dessen sterbliche Überreste in einem Gruftgewölbe ruhen. Es geht die Sage, daß er in dem einst herrlichen Ammon-Tempel die vergrabenen Gold- und Silberschätze Amenhoteps III. entdeckt und um den verderblichen Einfluß dieses Reichtums auf seine Zeitgenossen hintanzuhalten, seine Moschee auf dem verheimlichten Versteck des Schatzes errichtet hatte. Aus einem Winkel des verfallenen Tempels erhebt sich das seltsame weißgetünchte Minarett, und sogar einige der Säulen, die der Pharao einst dem Sonnengott zu Ehren aufgestellt hatte, wurden zur größeren Glorie Allahs in die Wände eingemauert.

Neben der Moschee windet sich ein schmaler Gang zwischen zwei hohen Mauern, ein romantisches Plätzchen, das Joan bei ihren häufigen Besuchen in ihrer Phantasie mit Gestalten aus »Tausendundeiner Nacht« bevölkert hatte. Der Gang mündete auf einen offenen Platz zwischen Lehmhäusern und niedrigen Dächern, von wo ein schmales Gäßchen in den wirren Lärm der verkehrsreichen Marktstraße führte.

Es herrschte schon nächtliche Finsternis, als Joan den Durchgang betrat. An einem Ende verbreitete eine Öllampe, an einen Wandarm befestigt, spärliches Licht. Eben wollte die junge Frau ins Freie treten, als plötzlich auf dem Mauersims, ungefähr einen halben Meter über ihr, ein Turban auftauchte und darunter ein schwarzbraunes Antlitz. Unwillkürlich fuhr sie zurück, denn ein Araber kletterte jetzt hurtig herüber und sprang neben ihr zur Erde. Er trug einen weißumwickelten Gegenstand. Ohne zu sprechen und selbst ohne Joan anzublicken, drückte er ihr hastig das Bündel in die Hand und rannte spornstreichs auf bloßen Füßen über den offenen Platz davon. Joan sah sein Gewand flattern, als er um die Gassenecke bog. Dann verschluckte ihn die Nacht.

Das Paket war klein und schwer und hatte scharfe Ecken. Mit unruhigen Fingern begann Joan die Tuchhülle zu entfernen und trat dann näher zum Licht heran. Ein nahes Geräusch erschreckte sie. Verstört zog sie sich in die schützende Dunkelheit des Ganges zurück und beobachtete, wie ein zweiter Turban hinter der Mauer auftauchte. Eine weißgekleidete Gestalt erschien rittlings auf dem Sims, ein braunes Bein schob sich herüber und – nicht minder flink als sein Vorgänger – schwang sich der Neuankömmling herab.

Der erste Mann hatte so rasch gehandelt, daß Joan nicht einmal einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht zu werfen vermochte. Dieser zweite aber verharrte am Fuße der Mauer und warf spähende Blicke nach rechts und links. Im gelben Lichtkegel der Öllampe erschaute Joan ein schönes, kupferfarbenes Gesicht mit stolzen, brennenden Augen, die unter dem weißen Turban sehr hell aussahen. Schlank und geschmeidig stand der Mann. Völlig reglos. Er schien zu lauschen. Joan lehnte sich an die Mauer und hoffte verzweifelt, die Finsternis möchte ihre lichte Reitkleidung verhüllen. Eine Minute etwa verweilte der Mann. Dann wandte er sich und starrte überlegend in ihre Richtung.

Joan hielt den Atem an. Das Klopfen ihres Herzens dröhnte ihr so laut in den Ohren, daß sie meinte, auch der horchende Fremde müsse es vernehmen. Es kam der Erschrockenen nicht in den Sinn, daß es das richtigste wäre, geradeaus an dem Manne vorbeizugehen. Ihre Füße waren wie auf den Boden genagelt, und indes ein Arm krampfhaft das Paket umschlang, sank der andere kraftlos herab.

Einen schrecklichen Augenblick lang schien es, als wollte der Fremde auf sie zuschreiten. Tatsächlich machte er einen Schritt vorwärts nach der Moschee. Aber dann drehte er sich zu ihrer Erleichterung und verschwand in der Richtung nach der Marktstraße zu.

Noch immer zitterte Joan an allen Gliedern. Mechanisch steckte sie das Paket in die tiefe Seitentasche ihrer langschößigen Reitjacke und eilte ins Freie. An der Gassenecke prallte sie heftig mit einem Mann zusammen, der schweratmend aus der entgegengesetzten Richtung heranstürzte. Es war ein Europäer in Breeches und Gamaschen. Er schob sie mit einer Verwünschung zur Seite und lief über den offenen Platz zu der finsteren Öffnung des Moscheeganges.

Es war Simopulos. Man konnte die unruhigen schwarzen Augen des Griechen und sein gelbes Gesicht nicht verkennen, das jetzt in Schweiß gebadet war. Aber Joan wartete nicht darauf, von ihm erkannt zu werden oder auf eine Entschuldigung. Sie hatte nur den einen Wunsch, ihr Hotel so schnell wie möglich zu erreichen.

Die große beleuchtete Halle, das freundliche Lächeln des Schweizer Portiers, der ihr einige Briefe und ein Telegramm überreichte, und das gemütliche Plaudern der Gäste ringsum besänftigte bald ihre Unruhe. Als sie im Lift hinauffuhr, begann sie sich ihrer Ängste zu schämen, und in ihrem Schlafzimmer, beim Lesen der Post, hatte sie ihr Abenteuer beinahe vergessen.

Das Telegramm war von Said Hussein. Scheich Abdullah, der Wahrsager, würde am kommenden Sonntag in Kairo weilen – also übermorgen. Am Abend sei er beim Prinzen zu Gast. Ob Frau Averil am genannten Tage mit Said Hussein und Madame Alexandrowna speisen wolle? In diesem Falle würde der abholende Wagen nach ihrem Hotel gesandt werden. Die Rückantwort war bezahlt.

Sollte sie Luksor schon verlassen? Sie ließ diese Frage vorderhand noch unbeantwortet und sah die anderen Briefe durch. Ein dicker Bericht mit Neuigkeiten aus Boston in der unordentlichen Schrift ihrer Schwester Anne. Joan legte ihn zu späterer Durchsicht beiseite. Dann Rechnungen aus Paris und ein paar Zeilen von Frau Richborough mit Photographien Joans auf einem Kamel, bei der großen Cheops-Pyramide aufgenommen. Auch ein Schreiben des Hotelarztes war dabei, der sich Frau Averil empfahl und bat, sie zu einer Zeit, die ihr genehm sei, in der Angelegenheit ihrer Zofe, Fräulein Edith Simmons, sprechen zu können.

Joan schob den Brief des Doktors weg und sah sich um. Infolge von Simmons' Abwesenheit schien etwas an der gewohnten Umgebung ihres Schlafzimmers zu fehlen. Es war wie ein Polizist ohne Helm, ein Automobil ohne Lenkrad. Denn Simmons lag darnieder, Simmons, die voller Stolz immer betont hatte, noch nie im Leben krank gewesen zu sein – die Seekrankheit natürlich ausgenommen. Dieser eiserne Geist, der vor keinem Menschen die Waffen streckte, war dem heimtückischen Verräter unterlegen, den die Reisenden des Ostens unter dem Namen »ägyptische Leibschmerzen« kennen. Seit Tagen hatte die Zofe Joans dringenden Rat verschmäht, einen Tag im Bett zu bleiben. Gegen Ärzte hegte sie eine abgrundtiefe Verachtung. Nach beendetem Tagewerk zog sie sich grimmig und mit blassen Lippen wie ein verwundetes Tier in ihren bescheidenen Schlafraum auf der Dienerabteilung des Hotels zurück und nahm hinter verriegelten Türen gewisse ehrwürdige Heilmittel ein, die einen hervorragenden Ruf in der seltsamen Arzneikunde der einfachen Leute genießen.

Aber an diesem Morgen war sie so auffallend schwach gewesen, daß Joan darauf bestanden hatte, den Hotelarzt zu benachrichtigen, daß er die störrische Patientin im Laufe des Tages besuche. Die Mitteilung, die der Arzt Joan am Abend nach dem Souper machte, lautete kurz und bündig »Ruhr«. Die Kranke müsse strenge Diät halten und sich einer Spezialbehandlung unterziehen. Natürlich wäre sie im Krankenhaus unter der Obhut geschulter Pflegerinnen am besten aufgehoben. Aber Krankenhaus bedeutete Kairo! Auf alle Fälle würde er telegraphieren und die nötigen Anordnungen treffen. Es war nicht sehr dringend. Freitag oder Sonnabend wäre reichlich Zeit ...

Die Notwendigkeit, diese Neuheit einer schwachen aber wütenden Simmons zu eröffnen, beschäftigten Joans Gedanken an jenem Abend vollauf. Sie war ganz gerührt, als sie merkte, daß Simmons weniger entrüstet über die Mitteilung ihrer Niederlage war, die die Überführung ins Krankenhaus in sich schloß, als über die Aussicht, daß ihre Herrin nun eine Zofe entbehren müsse.

»Was Sie ohne mich tun werden, gnädige Frau, das weiß ich wirklich nicht!« bemerkte sie düsteren Tones. Sie bot, wie sie da im Bette saß, einen außergewöhnlichen Anblick in ihrem hochgeschlossenen Baumwollnachthemd mit langen Ärmeln und dem spärlichen Haar, das straff zu zwei dünnen Zöpfen geflochten war. »Es scheint mir nicht ungefährlich, Sie allein unter den schwarzen Wilden zu lassen, die jederzeit im Schlafzimmer so keck wie Wanzen auftauchten –! Und dann ist Ihre Wäsche zu plätten – auch Reparaturen sind nötig und ... Gott weiß was noch alles ...«

»Zerbrechen Sie sich meinethalben nicht den Kopf, Simmons,« beschwichtigte Joan, »ich habe mich immer selbst um meine Sachen gekümmert, als ich noch zu Hause bei meiner Mutter in Boston lebte.«

»Ihre Sachen waren aber auch in einem jämmerlichen Zustande, als ich sie übernahm!« konstatierte die Zofe verdrießlich. »Jedenfalls werde ich Ihnen fehlen, wenn ich nicht mehr da bin, glaub ich!«

»So dürfen Sie nicht sprechen, Simmons! Ich werde Sie jeden Tag im Krankenhaus besuchen ...!«

»Oh, gnädige Frau!« Das hagere Gesicht starrte ungläubig zu ihr empor. »Sie wollen auch nach Kairo?«

»Du lieber Gott, meinen Sie denn, ich ließe Sie allein hinfahren?« Joan stand auf, um zu gehen.

Ein Fünklein Wärme stahl sich in die harten Augen der Zofe und blieb beschämt darin, wie ein Taschendieb in einer Kirche. Simmons lächelte – sie lächelte wirklich. »Dank Ihnen für all Ihre Güte, gnädige Frau!« grunzte sie. »Es war mir immer ein Vergnügen, für Frau Averil zu arbeiten!«

Joan fühlte, wie sich ihr der Hals zuschnürte. Ein Lächeln und dann ein Kompliment von Simmons! Sie mußte wirklich arg krank sein. Joan drückte ihr die knochige, von Arbeit verhärtete Hand und schlüpfte hinaus. Erst als sie in ihr Schlafzimmer zurückgekehrt war und Said Husseins Telegramm auf dem Ankleidetisch liegen sah, vergegenwärtigte sie sich, daß durch Simmons Zustand die Entscheidung schon vorgenommen war. Sie kritzelte ihre zusagende Antwort auf das Antwortformular und übergab die Botschaft dem Hoteldiener zur Abfertigung. –

Die ganze Zeit über hatte ein gewisser kleiner, aber schwerer Gegenstand, in Leinen gewickelt, unbeachtet in der tiefen Tasche von Joans Reitanzug geruht. Das Kleidungsstück schien sich in empörter Haltung auf dem Sessel zu spreizen, wie es Joan beim Umziehen vor dem Souper hingeworfen hatte. Vor Stunden schon hätte es vom weißen Bergstaub gereinigt, von der gewissenhaften Simmons geplättet und zur gewählten Gesellschaft der Kleider in den Schrank gehängt werden sollen!

Es wurde jedoch fast Mitternacht, ehe Joan sich bequemte, ihr Zimmer aufzuräumen. Das ungewohnte Gewicht der Jacke brachte ihr blitzschnell die Ereignisse des Abends ins Gedächtnis zurück. Mit einigen Schwierigkeiten zog sie das Paket hervor. In der Erinnerung stieg wieder etwas von dem Schrecken auf, den sie empfunden, als die zweite weiße Gestalt auf dem Mauersims erschienen war. Das kupferfarbene Gesicht! Die brennenden Augen ...

Die Tuchhülle erwies sich als nur lose geknüpft. Unter ihr raschelte Papier. Ein arabisches Zeitungsblatt wurde sichtbar. Vorsichtig riß Joan ein Eckchen davon ab und erblickte etwas gelblich Schimmerndes, das sich kühl anfühlte. Entschlossen riß sie das Papier herunter und fand eine kleine Metallfigur von herrlichster Arbeit.

Sie stellte ein kauerndes Tier dar, ein Tier mit langer Schnauze und großen aufgerichteten Ohren, ähnlich einem deutschen Schäferhund. Die Augen – aus Glas oder einer ähnlichen Substanz waren weit geöffnet, starr und von schwarzen Ovalen umrandet; sie verliehen dem Wesen mit den Raubtierklauen ein wildes, herausforderndes Aussehen. Die Figur bestand aus irgendeinem stumpfen gelben Metall, das vom Alter entfärbt schien und an einzelnen Stellen mit brauner Erde bedeckt war. Auf der Vorderseite des rechteckigen Sockels zeigten sich lange Reihen eingravierter Hieroglyphen. Joan befeuchtete ein Handtuch und rieb behutsam den Staub vom Rücken des Hundes. Hell erglänzte das Metall. Ob es Gold war? Auf alle Fälle ein reizendes kleines Bildwerk – mit außergewöhnlicher Genauigkeit ausgeführt. Die Muskeln auf dem langen Rücken schienen sich zu spannen und man meinte, das Tier könne jeden Augenblick zum Sprung ansetzen.

Joan erkannte es sofort als eine der ägyptischen Gottheiten. Hatte sie doch solchen Hund schon mehrfach an Grabmälerwänden gesehen. Sie nahm ihr Führerbuch zur Hand und blätterte aufmerksam. Ah, da war es ja! Ein Mann, der ein Zepter hielt, einen Hundekopf auf der Schulter. »Anubis«, lautete die Unterschrift. Sie schlug in der Liste der Götter nach und las: »Anubis, der Gott der Toten, dessen Funktion mit der Bestattung im Zusammenhange stand. Der Hund war ihm heilig.«

Der Gott der Toten! Joan trat einen Schritt zurück und betrachtete die kleine Figur, die im gedämpften Schein der elektrischen Lampe gespenstisch schimmerte – gespenstisch und furchterregend. Hastig schlug sie aufs neue das Tuch darüber und barg die Statuette in der Lade. Dann löschte sie verwirrt das Licht, öffnete das Fenster, von dem aus man den Nil dunkel im Mondlicht fließen sah, und kroch erschauernd unter das Moskitonetz ihres Bettes.

* * *

 

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