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Valentin Williams: Ramosi - Kapitel 2
Quellenangabe
authorValentin Williams
titleRamosi
publisherGeorg Müller
printrunbis 10. Tausend
yearo.J.
translatorOtto Klement
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2017010
projectidfa10eaa5
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Brüllend wie ein heranbrausender Zyklon raste das große, weiße Automobil durch die nächtliche Einsamkeit. Wie ein Trichter erstreckte sich vor ihm die schnurgerade französische Landstraße, von hohen Pappeln eingesäumt, die sich unter peitschendem Regen bogen und schüttelten. Das jagende Hämmern der Maschine übertönte das Tosen des Sturms. Schwarz war die Nacht. Treibende Wolken verdeckten Mond und Sterne und der tief herabhängende Himmel schien auf den Wipfeln der vorbeifliegenden Bäume zu lasten. Am Steuer hüpfte und zitterte im Rhythmus der Bewegung eine hockende Gestalt, die Hände leicht auf dem tanzenden Rad, die bebrillten Augen auf den gelben Lichtkegel vorangerichtet. Neben dem Lenker und im Wageninnern saßen noch drei vermummte Gestalten, aber sie sprachen nicht und rührten sich nicht. So waren die vier Stunden lang durch den Sturm gefahren, schweigend und unpersönlich, wie die verlassene leblose Gegend, die sie umgab.

Aber nun minderte sich die Geschwindigkeit, und das große, weiße Auto stolperte fast zaghaft über die Löcher des Fahrdamms.

»Wir biegen hier ein«, sagte der Fahrer auf Englisch, aber mit italienischem Akzent. »Haben Sie die Güte, Signor Seaton, die Schutzscheibe ein wenig abzuwischen! Unter den Bäumen ist's so finster wie am Höllentor!«

Aus dem Hintergrund hörte man eine tiefe Stimme: »Schon da, Monsieur Lucca?«

»Jawohl, Mr. Aronstein!«

»Gott sei Dank! Ich und Nachbar Ismail sind beinahe erfroren.«

»Es ist eine Nacht zum Umkommen«, bemerkte der Mann neben dem Lenker, nach rückwärts gewendet. »Ich hoffe sehnlichst, daß Simopulos Whisky im Hause hat.«

»Amen!« antwortete inbrünstig die Stimme aus dem Hintergrund, und wieder verfiel die Gesellschaft in tiefes Schweigen. Der Wagen klomm eine schmale Allee hinan, deren triefende Zweige beinahe ein Dach bildeten. Zur Rechten zeigte sich zwischen Granitsäulen ein offenes Tor. Auf den Säulen stand der Name: »Villa Scarabée«. Ein Kiesweg schlängelte sich über eine Böschung mit verstreuten Palmen und Pinien. Unerwartet leuchtete aus der höllischen Dunkelheit ein glimmendes Pünktchen, und plötzlich sah man im Lichte der Scheinwerfer ein weißes Haus mit grünen Fensterläden.

Jäh, fast schmerzlich verstummte das Pochen des Motors, als das Auto hielt. Eine Tür öffnete sich und eine Fülle von Helligkeit strömte über den kotbespritzten Wagen. In der geöffneten Tür stand ein Herr im Smoking.

»Da sind Sie endlich!« war sein Gruß. »Er wartet schon seit neun Uhr auf Sie!« Er bewillkommnete jeden einzelnen der vier Reisenden, die mit steifen Gliedern dem Auto entstiegen. »Alle Wetter!« rief Aronstein, ein dicker, großer Mann mit kleinen Augen und einer fleischigen Nase, »das war eine tolle Fahrt! Hoffentlich haben Sie einen guten Tropfen gegen die Nässe, Bruder Simopulos!«

»Aber keinen von Ihren verfluchten Schnäpsen!« warf Seaton ein. Sein schwerer Mantel war aufgegangen und enthüllte die Eleganz seiner Erscheinung. Ein Monokel blitzte ihm im Auge.

»Aber nein!« antwortete der Mann im Tor. »Ich habe drinnen eine Kiste Vorkriegswhisky, der es verdient, getrunken zu werden. Nur herein, meine Herren, Sie werden bald warm werden! Lassen Sie den Wagen, wo er ist, Lucca, es geschieht ihm nichts!«

Er tat sehr zuvorkommend, sehr beflissen und lächelte mit dem Diensteifer eines Menschen, der seiner selbst nicht ganz sicher ist. Trotzdem er, bis auf einen kleinen Schnurrbart, glatt rasiert war, trat sein Bartwuchs so stark hervor, daß die untere Partie seines gelblichen Gesichts wie in einen violetten Schatten getaucht schien.

Geschäftig schritt er in das Haus voran. Die vier Männer ließen ihre Überröcke in der von Mimosenduft erfüllten Vorhalle und betraten ein großes Zimmer, wo bereits der Tisch zum Abendbrot gedeckt war. Man gruppierte sich um den offenen Kamin, in dem die Olivenholzscheite leise knisterten.

»Ich habe den Diener zu Bett geschickt«, erklärte der Hausherr, »und hoffe, daß niemand auf Förmlichkeiten hält. Hier ist Straßburger Pastete, Hummermayonnaise, kaltes Huhn und Schinken. Sie finden Whisky am Büfett und auch einen Rotspon, den ich Ihnen sehr empfehlen kann. Mein lieber Seaton, Sie waren schon einmal hier – darf ich Sie bitten, mich zu vertreten, während ich rasch hinaufeile, um unseren Freund von Ihrer Ankunft zu verständigen!«

Als Simopulos zurückkehrte, fand er seine Gäste schmausend bei Tisch. Er pflanzte sich vor das Feuer, und eine Wolke blauen Rauches stieg aus der langen Bernsteinspitze, die er in der sorgfältig gepflegten Hand hielt. Seine schmalen schwarzen Augen wanderten ruhelos von einem zum anderen.

Mit einem befriedigten Grunzen schob Aronstein den Teller von sich und nahm eine Zigarette aus der Silberkassette neben ihm. »Na, Simopulos,« sagte er, »es gibt wahrscheinlich keinen zweiten Macher im Geschäft, der mich veranlaßt hätte, die umständliche Reise von New York nach Cannes auf mich zu nehmen, um einen Kerl zu treffen, von dem ich bis jetzt noch nie etwas gehört habe. Hoffentlich steckt eine große Sache dahinter, he?« Er blickte im Kreise umher.

»Ich glaube, Simopulos weiß zu gut, wo sein Vorteil liegt«, meinte Seaton, »und wird mich nicht wegen einer Lappalie von London hierherlotsen.« Er sprach mit merkwürdig klangloser Stimme und die Undurchdringlichkeit seiner Züge, noch durch das Monokel betont, gab allem, was er sagte, einen undefinierbaren Beigeschmack.

»Und mich von Turin, per bacco!« bekräftigte Lucca.

»Seien Sie versichert, meine Herren,« – Simopulos hob beschwichtigend die Hand – »Sie werden keinen Grund haben, Ihr Hiersein zu bedauern. Ich bin unglücklich. Sie so weither bemühen zu müssen, aber leider blieb mir keine Wahl. Mein Freund Ramosi hat eine Abneigung gegen lang vorher festgesetzte Zusammenkünfte. Ich mußte seine zufällige Anwesenheit an der Riviera benutzen, um die Gelegenheit dieser privaten Begegnung in meiner Villa herbeizuführen. Ich mußte Sie alle nach Lyon bitten, um dort meine weiteren Nachrichten abzuwarten, weil es ungewiß war, wohin sich mein Freund begeben würde, aber ich will offen mit Ihnen reden – auch aus dem Grunde, weil ich möglichst diskret vorgehen wollte. Denn von dem Geschäft, das wir zu besprechen haben, soll niemand sonst etwas erfahren. Monsieur Ramosi weilt oben in meinem Arbeitszimmer und es wird mir ein Vergnügen sein, Sie ihm vorzustellen!«

Er hatte eine weiche ölige Stimme und nahm nach Orientalenart eifrig die Hände zu Hilfe, um seinen Worten besonderen Nachdruck zu verleihen. –

»Warten Sie einen Augenblick«, warf Aronstein ein. »Wenn ich mich auf ein Geschäft einlasse, weiß ich gern woran ich bin. Ich schätze Sie, lieber Simopulos, als einen der besten Kenner von ägyptischen Altertümern, aber ich kenne nicht Ihren Freund, und meinen Herren Kollegen hier ist er ebenso unbekannt. Wer also ist dieser Ramosi überhaupt?«

Der gelbe Schimmer in Simopulos' Gesicht verdunkelte sich. Seine rastlosen Augen irrten nervös umher. »Die Frage hat nichts mit unserer Angelegenheit zu tun! Das einzig Wichtige für Sie ist, ob das Angebot meines Freundes Sie interessiert oder nicht.«

Seaton widersprach mit seiner tonlosen Stimme: »Trotzdem wäre es am Platze, daß wir Bestimmteres über die Persönlichkeit Ihres Freundes erführen. Daß er Ihr Freund ist, spricht für seinen Charakter, aber es ist kein unbedingter Beweis für seine geschäftliche Zuverlässigkeit. Was mich betrifft, so kann ich es mir nicht leisten, meine Londoner Firma mit einem Pack levantinischer Gauner ins Gerede zu bringen. Solche Affären haben wir immer Ihnen überlassen, mein Bester.«

Simopulos schien das Beleidigende dieser Worte absichtlich überhören zu wollen. »Meine Herren,« sagte er von seinem Platz am Feuer, »Spekulation ist die Seele Ihres Geschäfts. Wenn Sie Ramosis Vorschläge ruhig angehört haben, bleibt Ihnen jede Entscheidung unbenommen. Ich selber aber bin mir keinen Augenblick im Zweifel, wie diese Ihre Entscheidung ausfallen wird.«

Aronsteins mächtiger Körper türmte sich neben den Tisch. »Ich will's riskieren, schauen wir uns den Kerl mal an!«

Auch die anderen erhoben sich.

»Noch ein Wort, bevor wir gehen!« bemerkte der Hausherr. »Mein Freund ist daran gewöhnt, zu seinen eigenen Bedingungen zu verhandeln. Jeder Versuch, diese Bedingungen zu drücken, würde ebenso vergeblich sein wie der, seine Identität festzustellen. Das letztere wäre überdies Zeitverschwendung und –« Furcht sprach aus seinen schmalen Augen – »auch gefährlich!«

Peinliches Schweigen. Seaton unterbrach die Stille: »Dann ist also Ramosi nicht sein wirklicher Name?«

»Nennen wir es ein Geschäftspseudonym«, erwiderte der Grieche, und den anderen voranschreitend, führte er sie aus dem Zimmer.

*

Violett war der vorherrschende Ton des Raumes, in den Simopulos die Gäste geleitete. Schwere violette Vorhänge dämpften den Lärm der Nacht, das wilde Peitschen des Regens und die dumpf rollende Meeresbrandung. Violette Blumen füllten die Vasen und auch das Licht war violett, denn die elektrische Leselampe, die auf einem kleinen Seitentisch stand und die einzige Beleuchtung bildete, war mit einem violetten Seidenschirm verhängt.

Das Zimmer war derart verdunkelt, daß die Bücherregale an der Wand in die Unendlichkeit zu ragen schienen. An einem dieser Regale, neben der Lampe, stand ein Mann und las. Der dichte violette Teppich dämpfte die Schritte seiner Gäste und er bemerkte ihre Anwesenheit erst, als sich die Tür hinter ihnen hörbar schloß. Auch als er sich ihnen zuwandte, war das Licht so gedämpft, daß sie, geblendet von der Helle des Treppenhauses, kaum mehr als seine Silhouette unterscheiden konnten. Nur seine rechte Hand war deutlich zu sehen; sie ruhte geballt, unmittelbar unter dem Lampenlicht auf dem Tischchen – eine feine kleine Hand mit hellem Flaum. Im übrigen hatte man den unbestimmten Eindruck von bräunlichem Haar, das ziemlich unordentlich aus der Stirne gestrichen war, von einer Hornbrille, deren Gläser so undurchsichtig schienen, daß sie die Augen verzerrten, von einem kleinen, dunklen Schnurrbart und einer hohen kräftigen Figur in einem ausgezeichnet geschnittenen Tuchanzug.

Simopulos stellte die Herren mit einer gewissen zaghaften Ehrerbietung vor, die nicht ohne Eindruck blieb. »Mr. Bender Aronstein – Mr. Mortimer Seaton – Signor Aldo Lucca! – Mr. Ismail.«

»Bitte, nehmen Sie Platz, meine Herren!« sagte Ramosi mit einer metallischen Stimme, der das Befehlen Gewohnheit schien. Er selbst setzte sich an den Schreibtisch, das Gesicht im Schatten. »Sie handeln mit ägyptischen Altertümern. Ich auch. Ihre Tätigkeit auf unserem beschränkten Markt ist mir unbequem. Das ist der Grund, warum ich Herrn Simopulos bat, diese Konferenz zu vermitteln.

»Gott verdamm mich!« Mit einer raschen Bewegung ließ Seaton sein Monokel aus dem Auge fallen, fing es geschickt auf und begann es emsig mit einem grauen Seidentuch zu polieren.

»Sie wissen,« fuhr Ramosi unbewegt fort, »wie ungeheuer schwierig es neuerdings ist, die Schätze der ägyptischen Vergangenheit aufzutreiben, die Ihre Kunden nur zu gerne kaufen würden, wenn das Angebot der Nachfrage entspräche. Zweifellos sind in den letzten Jahren die Lieferungsmöglichkeiten bedeutend eingeschränkt. Habe ich recht?«

»Und ob Sie recht haben!« Aronstein wackelte beistimmend mit dem Kopf wie ein Bär.

»Das Regierungsdepartement für Antiquitäten hat, da sein Wirkungskreis und seine Macht gleichermaßen wuchsen, auch seine Wachsamkeit vergrößert. Sein Ziel ist die unerlaubten Kanäle zu sperren, auf die Sie zur Ergänzung Ihres Warenlagers ausschließlich angewiesen sind. Selbst jene Altertümer, die früher ausländische Forscher auf Grund ihrer Lizenz den Händlern verkaufen durften, werden immer seltener, da die ägyptische Regierung die Ausgrabungen mehr und mehr als eine rein nationale Angelegenheit betrachtet. Der daraus entstandene Mangel bewirkt eine Preiserhöhung der echten Exemplare und schafft gleichzeitig einen Anreiz Altertümer zu fälschen. So liegen die Dinge jetzt zu einer Zeit, in der die neuen sensationellen Ausgrabungen das öffentliche Interesse für Ägyptologie stark belebten. Stimmen Sie mit mir überein, Mr. Seaton?«

»Gewiß! Aber was wollen Sie dagegen tun?«

»Das werde ich Ihnen gleich sagen. Ich kann die Zeit zurückstellen. Ich kann Sie zurückversetzen in die Tage Mustafa Agas, jenes unermüdlichen Händlers, der als britischer Konsularagent in Luksor vor vielen Jahren die Galerien der europäischen Sammler mit den ausgewähltesten Kostbarkeiten füllte – –«

Seaton steckte das Seidentuch in den Ärmel, richtete das Monokel im Auge und musterte überlegen den Sprecher. »Unsinn! Es gibt heute in Ägypten kein unkontrolliertes Ausgraben mehr. Ein Eingeborener mag wohl hie und da bei der Buddelei einen Skarabäus beiseite bringen, aber das ist auch alles.«

»Ich behaupte nicht, daß ich imstande bin, das goldene Zeitalter wieder aufleben zu lassen, als ganz Ägypten ein Dorado für den intelligenten Schatzsucher war. Aber solange überhaupt noch ausgegraben wird, bin ich bereit, Sie mit den besten Stücken zu versorgen. Wenn Sie – meine Herren – genügend Käufer zur Hand haben – ich kann jedenfalls die Ware liefern.«

»Die Käufer sind da!« Aronstein bohrte den spitzen Blitz seiner kleinen Augen in Ramosis undurchdringliches Gesicht.

»Aber von Ihrem Anteil an dem Geschäft bin ich nicht so überzeugt!«

Der andere hob die schlanke Hand. »Herr Aronstein, im Mai vorigen Jahres bezahlten Sie 1 500 Dollar für eine Schnur Amethyste, die Ihnen von einem Mann namens Holt angeboren wurden. Er erzählte Ihnen, daß die Schnur bei den Ausgrabungen der schottischen Expedition in Der-el-Medina gestohlen wurde. Das war nicht ganz richtig. Die Kette kam aus Der-el-Bahri!«

»Sie scheinen genau informiert zu sein«, knurrte finster der Amerikaner.

»Das muß ich wohl! Ich selber nämlich hatte an Benjamin Holt dieses Schmuckstück verkauft. Er bekam es für 20 ägyptische Pfund – das wären also etwa 100 Dollar.«

»Verteufelt komisch!« kicherte Seaton.

»Mr. Seaton«, erklärte Ramosi liebenswürdig, »scheint jetzt auf meine Kosten etwas schadenfroh zu sein. Ich muß gestehen, ich habe von seinem Urteil ebenfalls keine hohe Meinung. Er zahlte an den Händler Madabegh in Luksor 200 Pfund für einen Skarabäus der Königin Hatschepsut – zweihundert Pfund – nachdem Madabegh ihn von mir für fünfunddreißig bekommen hat!«

»Ich glaube Ihnen kein Wort!« versetzte Seaton scharf. Die anderen aber lachten, am lautesten Aronstein.

»Meine Herren,« versicherte Ramosi freundlich, »Sie ruinieren den Markt. Meine Organisation in den Ausgrabungsgegenden ist vollkommen. Ich wünsche nicht, daß mir andere Leute hineinpfuschen und die Preise bei den Eingeborenen verderben. Ich will nicht nur den wissenschaftlichen Kenner beliefern. Der Laie ist mir ebenso wichtig. Was will er? Beschädigte Töpfe, zerfetzten Papyrus? Nein, er sucht Juwelen, goldene Figuren, schöne Glasurnen und Alabasterkrüge. Das alles kann ich Ihnen verschaffen unter Ausschaltung des Zwischenhandels. Ich habe zwar schon meine Agenten für die Warenverteilung, aber ich bin bereit. Sie in meinen Wirkungskreis aufzunehmen!«

Von Aronsteins breitem Gesicht war das Lächeln geschwunden. Scharf betrachtete er den Redner und sein großer Mund schloß sich wie eine Falle um seinen Zigarrenstummel. Dann beugte er sich vor. »Haben Sie was zu zeigen als Beweis?«

Mit gelangweiltem Ausdruck wandte sich Ramosi an Simopulos. »Zeigen Sie Ihnen die letzte Sendung!«

Hinter Ramosis Sessel war eine Tür. »Wenn Sie mit mir kommen wollen ...« forderte der Grieche auf. Die vier Händler folgten ihm in den Gang. Ramosi blieb unbeweglich am Schreibtisch sitzen. Dann hörte man das Murmeln erregter Stimmen und die Herren kamen, lebhaft durcheinander sprechend, wieder zurück.

»Hören Sie,« rief Aronstein, »haben Sie vielleicht noch mehr so niedliche Sachen als Überraschung versteckt, wie die dort hinten?«

»Die Tell-el-Amarna-Figuren sind einfach wundervoll!« schwärmte Seaton begeistert. »Was verlangen Sie für diesen Kopf?«

»Und erst die Edelsteine ...!« Lucca preßte die zitternden Finger an den Mund und küßte sie schwelgerisch. Nur Ismail, der Ägypter, sagte nichts; er beobachtete Ramosi mit schwarzen Augen, die aus einem ledernen Gesicht starrten.

»Ich glaube wir werden das Geschäft miteinander machen können«, ließ sich wieder Aronstein vernehmen. »Aber natürlich müssen Sie uns vernünftige Preise einräumen; denn schließlich ist die Geschichte doch ein bißchen riskant und ...«

»Herr Aronstein ...!« Ramosis ruhige Stimme unterbrach den sprudelnden Redefluß des Amerikaners. »Ich verabscheue jegliches Schachern. Ich werde meine Bedingungen stellen, und Ihnen, meine Herren, steht es frei sie anzunehmen oder abzulehnen.«

»Entschuldigen Sie!« Seaton mischte sich ins Gespräch. »Sie waren aufrichtig genug uns zu sagen, daß Ihr Geschäft nicht ganz sauber ist. Wenn ich richtig verstanden habe, ist es Ihnen gelungen, die Diebstähle bei den Ausgrabungen gewissermaßen zu organisieren. Gut! Aber möchten Sie nicht ein übriges tun und uns verraten, wer Sie eigentlich sind?«

Eine Pause trat ein. Der Mann am Schreibtisch blickte zu Simopulos hinüber. »Haben Sie den Herren nicht die Voraussetzung dieser Zusammenkunft mitgeteilt?«

Der Grieche warf Seaton einen flehenden Blick zu. »Ich habe Mr. Seaton ausdrücklich gewarnt ...

Der Engländer unterbrach ihn. »Das ist alles ganz schön, aber ...«

Aronstein zerrte ihn am Rock. »Papperlapapp,« flüsterte er, »geben Sie Ruh! Und nun zum Geschäft!«

Seaton zuckte die Achseln und schwieg. Aber er hatte einen trotzigen Zug um den Mund und in sein blasses hochmütiges Gesicht trat ein feindseliger Ausdruck.

»Was also die Bedingungen anbelangt –«, begann Ramosi gelassen. Seine Stimme war beherrscht und ein viertel Zoll Asche haftete fest am Ende seiner Zigarette, die er zwischen den schmalen Fingern hielt. Er war vollkommen ruhig, der unbewegteste und kühlste Mann im Zimmer.

*

Zwei Tage später hatte Aronstein in Monte Carlo einen Gast zum Abendessen. Es war ein milder Abend, als er die Front des Kasinos entlang schlenderte, und die Luft war erfüllt vom Duft der blühenden Sträucher.

Das Restaurant, in dem er einen Tisch bestellt hatte, war überfüllt. Der Luxusdampfer »Aquatic«, von seiner gewohnten atlantischen Route für eine Mittelmeerreise abkommandiert, war morgens angekommen. Von seinem Schlafzimmer aus hatte Aronstein das Schiff schon gesehen. Es lag unweit vom Land und seine riesenhaften Dimensionen ließen die weißen Häuser mit den roten Dächern auf den Höhen von Monaco fast zwerghaft erscheinen. Es kam aus New York über Gibraltar, Algier und Tunis und sollte um Mitternacht nach Neapel und Alexandrien weiterfahren.

Aronstein setzte sich schwerfällig an seinen Tisch und blickte auf die Uhr. Seaton, sein Gast, war unpünktlich. Er kam sogar so spät, daß sein Gastgeber sein Glas schon bis zur Neige geleert hatte.

Seaton erschien in einem jener doppelreihigen Smokings, wie sie König Alfons von Spanien in Deauville eingeführt hatte. »Bedauere, daß ich Sie warten lassen mußte,« erklärte er, »aber ich war heute sehr beschäftigt, Ismail hat sich bereit erklärt, nach Ägypten zu fahren!«

Aronstein sah rasch auf. »Um Ramosi zu identifizieren?«

»Ja! Doch ich hoffe, daß mir das schon gelingt, noch bevor Simopulos heute nacht abfährt. Ich habe einen Privatdetektiv engagiert, der den Griechen während der letzten achtundvierzig Stunden, eigentlich schon seit unserer Zusammenkunft in der Villa Scarabée, beobachtet. Er rief mich vorhin im Hotel an, um mir mitzuteilen, daß er wahrscheinlich imstande sein würde, mir heute gegen zehn Uhr bereits den wahren Namen Ramosis hierher zu melden.«

»Was hat es aber dann für einen Sinn Ismail auszuschicken?«

»Mayer – das ist der Detektiv – könnte uns vielleicht doch im Stich lassen. Außerdem haben wir nicht viel Zeit zur Verfügung. Simopulos reist um Mitternacht mit der ›Aquatic‹ nach Alexandrien. Um Ismail an Bord unterzubringen, mußte ich ihm heute nachmittag einen Platz sichern, und das war verteufelt schwer, kann ich Ihnen sagen, denn das Schiff ist gesteckt voll, wie ein Heringsfaß. Falls Mayer seine Aufgabe nicht lösen kann, so wird eben Ismail die nötigen Informationen einholen. Wenn er sich an Simopulos hält, muß er früher oder später Ramosi drüben begegnen.«

Aronstein schüttelte zweifelnd den Kopf. »Riskiert Ismail damit nicht sehr viel? Simopulos hat doch ausdrücklich vor jedem Versuch gewarnt, dem wahren Namen dieses Kerls nachzugrasen.«

»Ismail ist Ägypter. Er hat einen glänzenden Vorwand, um nach der Heimat zu reisen; er besucht seinen Vater in Kairo. Und es ist mir von Wert, einen zuverlässigen Mann an Ort und Stelle zu haben, der mich darüber auf dem Laufenden hält, was Simopulos und sein sauberer Kumpan tun und lassen.«

»Zum Teufel!« rief der Amerikaner. »Ist das Geschäft etwa nicht gut? Wenn es gut genug ist für Bender Aronstein, mein Junge, so ist es auch gut genug für Sie! Was wollen Sie eigentlich?«

Nachdenklich richtete Seaton sein Monokel. »Ich lehne mich gegen den Mangel an Vertrauen auf, der aus Ramosis Zurückhaltung spricht.«

»Du lieber Gott, manchmal geht es eben nicht mit offenen Karten! Wenn Sie so viele Jahre im Geschäft wären wie ich, würden Sie wissen, wie ungewöhnlich weitherzig manche Leute in ihren Praktiken mit den Händlern sind. Ich erinnere mich, als ich noch ein kleiner Bub war ... Herrjemine!« Mit starrem Blick brach er ab. »Das ist doch Frau Averil!«

Er verbeugte sich überschwenglich gegen eine anmutige, mädchenhafte Erscheinung im schwarzen Samtabendmantel mit Hermelinkragen, die, in Gesellschaft einer älteren Dame, ihnen gegenüber Platz nahm.

Seaton musterte die Dame kritisch. »Reizend!« sagte er gedehnt. »Die Dicke ist Lady Rachel Hannington. Sie müssen mich Ihrer Freundin vorstellen, Aronstein. Wer ist sie denn?«

»Die Witwe des Herrn Mark Averil aus New York, eine alte Kundschaft von mir. Er kam voriges Jahr bei einem Autounfall ums Leben.«

»Wie eine Witwe sieht sie eigentlich nicht aus.«

»Nun, wenn man's recht bedenkt, weiß ich nicht, ob sie Veranlassung gehabt hat, sonderlich um Mark zu trauern. Es stellte sich nämlich heraus, daß er nicht allein war, als er verunglückte, sondern ein Weib bei sich hatte, das mit ihm reiste. Und diese Tatsache mag die arme Frau Joan wohl härter getroffen haben, als der Tod ihres Mannes selber. Drei Jahre dauerte ihre Ehe und manches Mal, wenn ich hinüberkam in ihr Haus auf Long Island, um Bilder zu schätzen oder etwas Neuangeworbenes anzuschauen, erzählte sie mir ohne Aufhören von ihrem Gatten – so wie eben eine glücklich verheiratete Frau von ihrem Manne erzählt. Und dann dieser Schlag! Dabei war sie das hübscheste, süßeste Geschöpf, das ich je gesehen. Womit nicht gesagt sein soll, daß sie das jetzt nicht mehr sei, aber sie ist eben doch verändert –: leidgereift und irgendwie härter, meine ich. Und sie haßt nun natürlich die Männer!«

Inzwischen befriedigte Joan Averil an ihrem Tische die Neugierde ihrer Gefährtin in bezug auf die Person des wohlbeleibten Herren, der so untertänig gegrüßt hatte. »Es ist der alte Aronstein, der New Yorker Kunsthändler, Rachel. Er verkaufte unsere Bilder als ... als Mark starb.«

»Mein armes Kind, ich hörte erst unlängst in Cannes durch Connie Winter die Wahrheit über dich und Averil. Ich wußte nicht einmal, daß er gestorben sei. Warum hast du mir nie darüber geschrieben?«

Joan zuckte die Achseln und betrachtete mit den grauen Augen ihre Nägel. »Es hat keinen Sinn andere Leute mit den eigenen Sorgen zu belästigen. Was vorbei ist, ist vorbei – man kann nur hoffen zu vergessen!«

»Vergessen –? Was willst du damit sagen –?«

»Ja, meine Liebe, aber man muß sich auch erinnern können: Gebranntes Kind scheut das Feuer!« Und ihrer Meinung mehr Nachdruck zu verleihen, biß sie herzhaft in einen dünnen, harten Toast.

»Du bist doch noch ganz jung, nicht wahr?« fragte Rachel.

»Fünfundzwanzig!«

»Ein wahres Kind also! Und dabei wunderschön! Du verstehst dich vortrefflich anzuziehen und lebst von Haus aus in glänzenden Verhältnissen. Wie lange wird's dauern und man wird dich wieder zu einer Heirat drängen. Sicherlich, meine Joan: Wenn du nicht sehr energisch bist, wird dich eines Tages einer von diesen Teufeln abermals herumkriegen! Oh – ich kenne sie! Ich hasse zwar die Männer nicht, finde sie mit ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Grausamkeit sogar höchst unterhaltsam. Das Leben wäre furchtbar langweilig ohne sie. Aber als mein Richard mit meiner besten Freundin durchging – sie war eine schöne Frau, jedoch nicht halb so schön wie ich,« – Lady Hannington ließ ihre Augen anerkennend über ihre üppigen Formen gleiten – »habe ich mir gesagt: Meine gute Rachel, niemals wieder! Und dabei ist es geblieben. Ich habe eine Menge Freunde und es macht mir Vergnügen, unter den Palmen meiner Villa in Cannes zu sitzen und sie zu beobachten, wie sie sich einbilden in mich oder mein Geld verliebt zu sein. Aber ein Mann ist nur solange erträglich, als man sich ihm nicht unterwirft. Und merke dir, Joanie, mein Kind, selbst der beste verdient die Guillotine!«

Sie sagte das so hart und bestimmt, daß sich ihre junge Begleiterin eines Lächelns nicht erwehren konnte. Es war ein hübsches Lächeln, eine Art innerlichen Leuchtens, das ihr ernstes Gesicht wundersam erhellte.

Lady Rachel wechselte jetzt das Thema. »Du fährst also nach Ägypten?«

»Ja,« erwiderte Joan, »ich hielt es in Amerika nicht mehr aus, sehnte mich nach einer Veränderung. So begab ich mich zunächst nach Paris, um mir eventuell ein Malatelier zu mieten, aber ich war zu nervös und das naßkalte Wetter dort machte mich elend. Immer schon hatte ich mir gewünscht, Ägypten kennenzulernen, und so entschloß ich mich, in Monte den Anschluß an die ›Aquatic‹ zu erreichen. Das Schiff ist allerdings beinahe bis auf den letzten Platz besetzt, aber man hat mir eine kleine Außenkabine versprochen. Was liegt auch daran, wenn ich nur recht bald in die Sonne komme.«

»Die Sonne in Ägypten ist über alle Maßen herrlich. Aber fang nicht wieder an zu grübeln! Denn die Abende dort stimmen melancholisch, wenn man nach Sonnenuntergang vom Nil her die Matrosen singen hört. – Hallo, dein Kunsthändler da drüben bricht schon auf. Nein, es ist sein Freund! Übrigens da fällt mir ein, daß ja ein Bekannter von mir auch mit der ›Aquatic‹ reist!«

»Vielleicht der Grieche Simopulos? Ich traf ihn neulich in Paris im Ritz-Hotel und bin ihm heute morgen hier zufällig wieder begegnet. Er sagte mir, daß er zu meinen Fahrtgenossen gehöre.«

»Nein, es ist ein ägyptischer Prinz, ein höchst amüsanter Gesellschafter. Er war gestern abend im Sportklub. Ich glaube nicht, daß es schicklich wäre, dir einen Brief an ihn mitzugeben; ich werde ihm lieber in der Frühe ein Radiogramm senden, daß er dich an Bord aufsucht.«

»Aber, Rachel, ein Ägypter!«

»Prinz Said Hussein ist so weiß wie du oder ich. Er hatte entweder eine albanische oder tscherkessische Mutter – es war eine ziemlich romantische Geschichte, doch weiß ich's nicht mehr genau. Jedenfalls ist er märchenhaft reich und gibt höchst verschwenderische Feste in Kairo. Richard und ich waren da oft bei ihm zu Gaste. Er wird dir gut gefallen und – großer Gott, was ist das?«

Draußen war ein Schuß gefallen. Ringsum verstummten die Gespräche und alle Köpfe wandten sich zur Tür.

»Es ist nichts, meine Damen –!« Der Kellner neigte sich beflissen zu Rachels Ohren. »Ein Autoreifen, er maken paff! Alles gutt!«

»Keine Aufregung, meine Damen und Herren!« rief eine satte Stimme vom Tisch nebenan. »Es ist nur ein Pneumatik geplatzt!«

Man nahm die Unterhaltung wieder auf und gleich darnach begann die Musik zu spielen. Lady Hennington und Ivan setzten ihre Mahlzeit fort. Es entging ihnen, daß der Geschäftsführer unauffällig zu dem Tisch glitt, an dem Aronstein die Rückkunft seines Freundes erwartete, der knapp vorher abgerufen worden war. Sie bemerkten auch nicht den überstürzten Aufbruch des Kunsthändlers. Weder sie noch sonst ein Gast des Restaurants wußte, daß, während fröhliches Lachen durch den Saal schwirrte, die Leiche eines elegant gekleideten Herrn, in einem doppelreihigen Smoking, wie ihn König Alfons in Deauville eingeführt hatte, rasch aus der Telephonzelle geschafft wurde. Die diskrete Organisation in Monte Carlo klappte, wie immer, ausgezeichnet.

*

Die »Aquatic« lag fahrbereit. In dem hellen Lichtkegel einer Bogenlampe, die über einer Laufbrücke angebracht war, näherte sich eine heftig schwankende Barkasse.

»Achtung, klar!« brüllte ein Offizier, der bis zum Halse vermummt am Geländer lehnte. »Es ist, Gott sei Dank, die letzte Ladung«, sagte er durch die Zähne zu dem Passagier an seiner Seite, einem schlanken Mann in schwerem Reisemantel. »Sobald die Insassen der Barkasse an Bord sind, fahren wir ab, Mr. Cradock!«

»Das Schiff scheint verdammt voll zu sein?« fragte der andere.

»Das ist immer so bei diesen Mittelmeerfahrten. Es gab schon kaum mehr ein freies Bett, als wir New York verließen. Sie hatten Glück noch eine Außenkabine zu bekommen, trotzdem Sie erst in Monte eingestiegen sind. – Geradeaus steuern!« donnerte er plötzlich in die Nacht. »Verstehen Sie denn nicht, Mensch?«

Auf den rollenden Wogen, tanzend und schunkelnd, bahnte sich das kleine Fahrzeug den Weg längsseit zu dem Ozeanriesen. Die Laufbrücke hob und senkte sich, während die Passagiere an Bord kletterten. Cradock fing Bruchteile ihrer Gespräche auf, als sie den Steg entlang stolperten. »Vorwärts, bitte!« ersuchte ein ungeduldiger Steward, der am oberen Ende stand, um den Ankömmlingen behilflich zu sein.

Es hatte abends geregnet und die Laufbrücke war ölig und schlüpfrig, als der letzte, verspätete Passagier von der Barkasse heraufkam. Es war eine schlanke Frauengestalt in einem Samtabendmantel mit Hermelinkragen und schmalen, sandalenartigen Schuhen aus goldenem Stoff. Als sie die Höhe erreichte, rutschte ihr Fuß in dem Augenblick aus, als sich der Laufsteg hinter ihr jäh emporhob. Sie wäre – denn der Steward hatte gerade mit dem Gepäck einer anderen Dame zu tun – mit dem Gesicht platt auf den Boden geschleudert worden, wenn nicht Cradock vorgesprungen wäre und sie aufgehoben hätte. Sie landete heftig in seinen Armen, das Gesicht gegen das rauhe Tuch seines Mantels gepreßt. Sehr behutsam stellte er sie auf die Beine. Unter der Bogenlampe war es taghell und beide konnten einander deutlich sehen. Die junge Frau blickte empor in ein männlichbraunes Antlitz und in ein Paar ruhige blaue Augen mit jenen eigenartigen Falten an den Winkeln, die vom Starren in blendendes Tropenlicht herzurühren pflegen. Es war ein mageres, beinahe mürrisches Gesicht mit langer gerader Nase und einem energischen, ein wenig bitteren Zug um den Mund. Der hochgewachsene Mann hatte athletisch breite Schultern und seine Finger umfaßten ihren Arm wie Stahlklammern.

Sie hatte ihn nur wenige Sekunden lang betrachtet; denn plötzlich kehrte er ihr wortlos den Rücken und schlenderte den offenen Kajütengang hinunter in das Innere des Schiffs. Auch sie sagte nichts, aber sie blieb stehen, wo er sie hingestellt hatte und spielte zerstreut mit der Perlenschnur an ihrem Hals.

Ein erregter Ruf drang in ihre Träumereien. »Hallo, gnädige Frau, hoffentlich haben Sie sich nicht verletzt?«

Sie wandte sich um und blickte in ein glattes, olivenfarbiges Gesicht, das sie besorgt anlächelte.

»Es ist alles in Ordnung, ich danke Ihnen, Herr Simopulos! Meine lächerlichen Schuhe waren schuld, ich bin ausgeglitten!«

»Wenn der Mann Sie nicht aufgefangen hätte, wären Sie bös hier auf den Pfosten gestürzt. Bitte nehmen Sie meinen Arm und gestatten Sie, daß ich Sie nach Ihrer Kabine geleite.«

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie meine Zofe finden könnten. Sie heißt Simmons – eine magere Person, man kann unmöglich verkennen, daß sie Engländerin ist. Sie kam heute nachmittag mit meinem Gepäck an Bord.«

Da sagte jemand in nächster Nähe mit feierlicher Stimme:

»Hier, Frau Averil!« Fräulein Simmons hatte ihre strengste Miene aufgesetzt. Mausgraues Haar, straff aus der Stirn gekämmt, tiefliegende Augen, vorstehende Backenknochen und verkniffene Lippen sind nicht gerade Attribute der Schönheit; aber wenn Edith Simmons ungehalten war, konnte man ihre Züge nur mit dem verhängnisdrohenden Gesicht eines Henkers vergleichen.

»Ah, da sind Sie ja, Simmons! Haben Sie meine Kabine gefunden?«

»Dort, bitte gnädige Frau!« antwortete die Zofe mit Grabeston und ging in die Richtung der Kajütentreppe. »Kabine kann man es wohl kaum nennen. Ein Loch, das in den Gang hinausgeht und ohne Fenster. Es scheint eher ein Besenschrank als ein Platz, den ich einer Dame zum Schlafen anbieten würde.«

Aber Joan hatte sich schon an den Starrsinn ihrer Kammerzofe gewöhnt. Sie hatte sie schon in New York engagiert. Edith Simmons, die sich achtzehn Monate in Amerika aufgehalten hatte, war zu sehr für das Alkoholverbot, aber sonst mißbilligte sie dort ziemlich alles. Sie hatte daher mit Freuden eingewilligt, den Staub dieses Landes von ihren etwas groß geratenen Füßen zu schütteln und Joan nach Europa zu begleiten. Simmons' Ansichten waren immer etwas melancholisch gefärbt. Diesmal jedoch erwies sich ihr Pessimismus leider als berechtigt. Die schmale, luftlose Kabine lag tatsächlich sehr tief, beinahe in gleicher Höhe mit dem Wasserspiegel, auf dem sogenannten D-Deck, dem untersten Passagierdeck. Das Schiff schlingerte und schnaubte und Joan stellte sich mit Entsetzen vor, wie sie trotz ihrer Seetüchtigkeit eine stürmische Nacht in dem kleinen, heißen Raum verbringen würde.

Sie sah zur Tür zurück: »Aber das ist ja D 5! Man hat mir D 7versprochen. Ist jemand in D 7, Simmons?«

»Ein Mann!« Die Zofe stieß das genau so heraus, wie wenn man sagen würde: eine Viper! Edith Simmons verabscheute das männliche Geschlecht.

»Das ist unerhört,« erklärte Joan, »ich gehe sofort zum Geschäftsführer und beschwere mich!« Aber der Geschäftsführer, höflich und zuvorkommend, konnte sie nicht zufriedenstellen.

»In Paris hat man nicht das Recht, Ihnen D 7 zu versprechen, Mrs. Averil!« sagte er und prüfte seine Liste mit gerunzelter Stirn. »Und ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen anweisen könnte. Wir bekamen vierzehn Passagiere in Monte dazu. Es war ohnedies nicht leicht für alle Platz zu schaffen.«

»Aber man hat mir D 7 versprochen«, wiederholte Joan beharrlich, »und Sie müssen Sie mir geben. Dieser Herr muß eben die andere nehmen, das ist sehr einfach!«

»Wenn Sie sich für ein, zwei Tage mit D 5 begnügen würden,« meinte der Beamte verbindlich – er war ein verheirateter Mann und hatte beträchtliche Angst vor energischen Frauen – »vielleicht in Neapel ...«

Aber Ivan, die von einer langen Reihe zäher Amerikapioniere abstammte, lehnte den Gedanken eines Kompromisses entrüstet ab. »Sie müssen sofort zu diesem Herrn gehen und ihm erklären, daß ein Irrtum vorliegt. Wenn er ein Gentleman ist, wird er sicher gern seinen Platz mit mir tauschen. Wer ist es denn überhaupt?«

Der Geschäftsführer sah auf der Liste nach. »Ein gewisser Cradock – ja – Mr. David Cradock!« –

»Nun bitte, tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe!«

Müde und erschöpft lehnte sich der Beamte über das Pult; denn Mitternacht war schon vorüber und ein arbeitsreicher Tag lag hinter ihm.

»Erlauben Sie!« sagte er dann und schritt durch die Halle auf einen hochgewachsenen Mann zu, der ihnen den Rücken kehrte und die Schiffsanzeigen las. Sie wechselten ein paar Worte. Darauf entfernte sich der Fremde, ohne sich umzublicken und der andere kam resigniert zu Joan zurück. »Es nützt nichts! Mr. Cradock will nicht tauschen. Wir werden übermorgen in Neapel sein, gnädige Frau und wenn ...«

»Ist das dort Mr. Cradock?« Schon rannte Joan, bebend vor Empörung davon, der verschwindenden hohen Gestalt nach. Aber es schien, daß sich ihr ungalanter Reisegefährte auf dem Schiff weit besser auskannte als sie. Sie verlor ihn in den Irrgängen des unteren Decks bald aus den Augen.

Niedergeschlagen langte sie endlich, von einem hilfsbereiten Steward auf den richtigen Weg gewiesen, bei ihrer armseligen Kabine an. D 5 lag zusammen mit D 7 und dieser beinahe gegenüber in einer kleinen weißen Sackgasse. Die Tür von D 7 war geschlossen, aber als sie zögernd davor stehen blieb, hörte sie, daß sich drinnen jemand bewegte. Mit raschem Entschluß klopfte sie kräftig an. »Herein!« rief eine tiefe Stimme.

Ein Mann stand am Bett mit dem Rücken zu ihr und packte einen Handkoffer aus. Die Kabine gefiel Joan auf den ersten Blick. Sie war bedeutend größer als die ihrige und sehr kühl, denn die Luke stand weit offen und man sah draußen, nun schon ziemlich fern, die Lichter von Monte Carlo auf einem nachtdunklen Hintergrund.

»Curtis,« sagte der Mann, »wer ist das Frauenzimmer, das mich aus meiner Kabine verdrängen ..In diesem Augenblicke wandte er sich um und die Worte erstarben ihm im Munde.

Joan erkannte den schlanken Unbekannten, der sie aufgefangen hatte, als sie auf der Laufbrücke zu Fall gekommen war. Ob das Erkennen gegenseitig war, konnte sie nicht feststellen, denn der Mann verzog keine Miene. »Ich bitte um Entschuldigung!« sagte er steif. »Ich dachte, es wäre der Steward. Wünschen Sie etwas?« Er hatte den Mantel abgelegt und trug einen abgetragenen Stoffanzug, dessen Hosen an den Knien durchgedrückt waren. Seine schweren, braunen Schuhe waren derb und schlecht geputzt. Trotzdem hatte er das Aussehen und die Sprache eines Angehörigen bester Kreise.

Joan fühlte, wie ihr das Blut in den Kopf schoß.

»Ich kam, um Ihnen zu sagen, daß ein Irrtum bei der Zuteilung der Kabinen unterlaufen ist. Diese gehört mir. Ihre ist D 5 gegenüber. Sie müssen mir D 7 überlassen!«

»Doch wohl kaum«, erwiderte er ruhig. »Dies ist wirklich meine Kabine, der Geschäftsführer wird es Ihnen bestätigen. Ich sagte ihm bereits, daß ich nicht daran denke D 7 aufzugeben. Ich bedauere!« Er entnahm dem Koffer seinen Pyjama und legte ihn aufs Bett.

Ein schmaler Goldschuh stampfte ungeduldig auf den Teppich.

»Meinen Sie im Ernst, daß ich in einer Kabine ohne Fenster schlafen soll?« Es gelang ihr nicht, das leise Zittern ihrer Stimme zu verbergen. Sie war wütend und dem Weinen nahe.

»Ich habe den Schiffsplan nicht eingeteilt«, antwortete der Mann und stellte das Rasierzeug auf den Waschtisch.

»Das ist nicht anständig von Ihnen«, platzte Joan heraus. »Ich habe noch nie in einem fensterlosen Zimmer geschlafen. Sie eignen sich in meiner Abwesenheit meine Kabine an und ... und ...«

Der Mann am Bette hörte ein leises Aufschluchzen. Er blickte nun doch noch einmal auf, sah ihr vom Wind zerzaustes Braunhaar, sah das zorngerötete Gesicht, die verdächtig glänzenden Augen –

»– – und wenn ich Sie bitte, sie mir zu überlassen, so weigern Sie sich?«

Er beugte sich vor und drückte auf die Glocke an der Wand.

»Ich wußte nicht, daß von einer Bitte die Rede war«, bemerkte er. Das Gesicht des Steward erschien an der Tür.

»Curtis,« sagte der Mann am Bette, »Es liegt eine Verwechslung der Kabinen vor. Diese Dame übersiedelt hierher und ich nehme D 5. Bitte, lassen Sie sofort meine Sachen hinüberbringen!«

Joan Averil sagte nichts. Der Steward, der seinen Ärger über die Arbeit zu nachtschlafender Zeit nur mangelhaft verbarg, begann Cradocks Habseligkeiten aufzulesen, während sich der enteignete Besitzer von D 7 kurz vor Joan verbeugte und stolz aus der Kabine schritt.

Sie blieb zurück und blickte auf die blauen Kleidungsstücke auf dem Bett. Merkwürdigerweise kam ihr zum Bewußtsein, daß sie solchen Männerpyjama seit jener letzten Nacht nicht mehr gesehen, als Mark Averil sie vor vierzehn Monaten verließ, um die angebliche Geschäftsreise nach Chicago anzutreten, die in einer Bergschlucht so fürchterlich endete. Sie schauerte zusammen und blickte um sich. Am Waschtisch tanzte das Rasierzeug einen kleinen Shimmy. Alles in der Kabine bewegte sich zitternd und die offene Luke umrahmte nun einen runden, tiefschwarzen Fleck: Die ›Aquatic‹ befand sich auf hoher See.

*

Joan Averil starrte über das schaumbedeckte, schieferblaue, winterliche Meer. Hinter dem Heck verschwanden die zerklüfteten Felsgipfel der Insel Monte Christo in einer Hülle schneeweißer Wolken. In der Ferne sah man die graue Masse Korsikas im schwachen Sonnenlicht. In stolzer Verachtung des durchfurchten Meeres pflügte die ›Aquatic‹ gelassen ihren Weg nach Neapel. In der Nacht war es recht bewegt gewesen, aber jetzt fuhr das Schiff mit Volldampf und ohne merkliche Erschütterung. Am Promenadendeck servierten die Stewards entlang den Liegestühlen Erfrischungen.

Als Joan rasch über das Deck schritt, blickte sie flüchtig auf die Reihe belebter, in ihre Lektüre vertiefter oder gleichgültiger Gesichter. Außer Simopulos kannte sie keine Seele an Bord. Abends würde man die neuen Passagierlisten bekommen und dann würde sie erfahren, wer in Monte Carlo eingestiegen war. Vorläufig freute sie sich ihrer Einsamkeit.

Ihren Nachbar vom D-Deck hatte sie nicht wieder getroffen. Zum Morgenfrühstück im Restaurant war er nicht erschienen. Ihre Wangen brannten, wenn sie an die beleidigende Art des seltsamen Menschen dachte. Er hatte sie wie ein Kind behandelt. Innerlich fühlte sie aber doch Gewissensbisse. Vielleicht war sie ein bißchen anmaßend gewesen – schließlich hatte dieser brummige Kerl sie vor einem schlimmen Sturz bewahrt und es fiel ihr ein, daß sie ihm nicht einmal gedankt hatte. Er hielt sie gewiß für sehr ungezogen.

Langsam hatte sie das Ende des Decks erreicht. Sie bog um die Ecke und stieß gerade auf den Mann, an den sie eben gedacht. Er stand am Geländer und blickte auf die große Fläche, die gewöhnlich als Zwischendeck diente, nun aber, in Ermangelung von Passagieren dritter Klasse bei dieser Mittelmeerfahrt, verlassen dalag. Hastig trat er gegen die Deckwand zurück, um sie vorbeizulassen.

Aber Joan blieb stehen. »Herr Cradock, ich schulde Ihnen noch meinen Dank dafür, daß Sie mich gestern abend, als ich an Bord kam, vor einem unangenehmen Sturz bewahrten.«

Er wandte die Augen ab und schwieg. Ohne sich einschüchtern zu lassen fuhr Joan mit einem Anflug von Humor fort: »Hoffentlich haben Sie D 5 heute nacht nicht gar zu unbequem gefunden?«

Noch immer sah sie der Mann nicht an und sprach auch nicht. Statt dessen kehrte er ihr plötzlich den Rücken und ging mit ziemlich eiligen Schritten davon.

»Na – so etwas!« Joan schnappte empört nach Luft. Da hörte sie ein unterdrücktes Lachen hinter sich. Simopulos war auf sie zugekommen, sehr elegant, mit weicher Kappe, wolligem Mantel und weißbraunen Deckschuhen.

»Cradocks Benehmen Frauen gegenüber ist hoffnungslos, Mrs. Averil«, bemerkte er fröhlich. »Versuchen Sie nicht ihn zu bessern – es wäre unnütze Zeitverschwendung!«

»Seien Sie unbesorgt. Es ist ein Glück, daß ich noch etliche Männer kenne, die nicht so ungeschliffen sind, sonst würde ich das ganze Geschlecht nach ihm beurteilen. Was ist denn eigentlich dieser Herr Cradock?«

»Ein Gräber!«

»Meinen Sie damit einen Bergwerksarbeiter?«

Simopulos kicherte. »Du lieber Gott, nein! Er ist ein Ausgräber. Er arbeitet seit vielen Jahren für den alten Professor Peter Lomar, den Ägyptologen.«

»Wirklich? Das klingt ja sehr interessant!«

Der Grieche zuckte die Achseln. »Unter uns gesagt,« er senkte die Stimme, »ich würde mich an Ihrer Stelle von Cradock fernhalten. Er hat keinen guten Ruf! Er wurde seinerzeit wegen eines Skandals aus dem britischen diplomatischen Dienst entlassen, als er beim Stabe Kitcheners in Kairo war. Jetzt haust er wie ein Einsiedler draußen am Dschebel, das ist das Gebirge hinter der Märchenstadt Luksor.«

»Was hat er getan damals – wissen Sie es?«

»Die Einzelheiten hab' ich vergessen. Eine Frau war in die Affäre verwickelt. Es war eine schmutzige Sache. Ich erzähle Ihnen das nur, um Sie zu warnen.«

Joans Gesicht nahm einen harten Ausdruck an. »Mich brauchen Sie nicht zu warnen. Ich besitze ein viel zu großes Vorurteil gegen schlechte Manieren, um die Bekanntschaft Herrn Cradocks zu pflegen.«

Ein Horn schmetterte lustig im Innern des Schiffes. »Zum Mittagessen!« rief sie. »Ich bin hungrig. Gehen wir hinunter!« –

»Ein graues Meer, das ist nicht gut«, unkte Joans Tischnachbar, ein lebhafter kleiner, brauner Mann, der sich als Mr. Ismail vorgestellt hatte. »Ich wurde in Alexandrien geboren und kenne das Meer. Wir kommen in schlechtes Wetter hinein, Madame, so unlieb es mir auch ist, Ihnen das prophezeien zu müssen.«

Ein angenehmer wohlerzogener Mensch, dieser Ismail – Kunsthändler aus Paris, wie er Joan erzählte. Es interessierte sie zu hören, daß er Aronstein kannte und ihn erst vor kurzem an der Riviera getroffen hatte. Herr Ismail fuhr nach Kairo, um dort seinen Vater zu besuchen.

»Wenn ich Sie in Kairo sehe, Madame,« bat er, »dann kommen Sie mit mir in unser großes Museum! Ich werde Ihnen dort die köstlichsten Juwelen zeigen, wie sie keine andere Sammlung der Welt enthält. Ich darf mich doch zu Ihrem Führer machen, nicht wahr?«

Nach dem Mittagessen war Joan in ihre Kabine gegangen, um sich ein wenig auszuruhen. Sie saß eben vor dem Spiegel und wollte sich für die Teestunde fertig machen, als Simmons erschien.

»Es ist ein Eingeborener da und fragt nach Ihnen, gnädige Frau«, brummte sie. »Er hat etwas Schriftliches für Sie.«

Draußen im Gang wartete untertänig ein kohlschwarzer Mann in prächtiger, scharlachfarbener Kleidung. Bei Joans Anblick legte er die Handfläche in rascher Folge an Stirn, Lippen und Herz und verbeugte sich dabei tief. Dann überreichte er ihr ein Kuvert, adressiert an »Mrs. Averil«. Ziemlich verdutzt über die überwältigende Erscheinung und die exotische Pracht der roten Affenjacke, der Goldschleife und der bauschigen Zuavenhose, öffnete Joan den Brief und las:

»Sehr verehrte Mrs. Averil!

Soeben erhielt ich ein Radiogramm von meiner Freundin Lady Hannington, worin sie mir mitteilt, daß ich Ihnen meine Verehrung zu Füßen legen darf. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie heute abend mit mir und einigen Freunden soupieren würden. Ich würde Sie um halb neun Uhr im Rauchzimmer erwarten.«

Unterzeichnet war der Brief mit »Said Hussein«, und eine Nachschrift lautete:

»Bitte geben Sie die Antwort an Makhmud!«

»Du lieber Himmel!« murmelte Joan, »Rachels ägyptischer Prinz!« Echt weiblich flogen ihre Gedanken sofort zur wichtigen Toilettenfrage. Das goldene Gewand, das sie in Monte Carlo getragen hatte, würde entsprechen. In Paris hatte man es ein »Tutanchamonkleid« genannt. Das schien außerordentlich passend.

Sie wandte sich dem Boten zu. »Bitte sagen Sie dem Prinzen ...« Aber der Araber blitzte sie nur mit den Zähnen an, spreizte die Hände, machte mit der Zunge eine schnalzende Bewegung und wiegte den Kopf hin und her. Sie erfaßte seine Absicht ihr begreiflich zu machen, daß er kein Englisch verstehe. So riß sie die Vorderseite des Briefes ab und schrieb darauf: »Komme mit größtem Vergnügen! Joan Averil.« Es kam ihr ein bißchen gruselig, romantisch vor, als der lange Schwarze sich abermals sehr würdevoll verneigte und mit dem Zettel davonstelzte.

Als sie am Abend das Rauchzimmer betrat, kaum eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit, sah sie in ihrem einfachen enganliegenden Gewand aus Goldgewebe ganz jungmädchenhaft aus. Ihr suchendes Auge fand niemanden, dessen Äußeres auch nur im entferntesten mit ihrer Vorstellung der äußeren Erscheinung eines orientalischen Prinzen übereingestimmt hätte. Ein kräftig aussehender, gutgekleideter Herr mit gelblichbraunem Haar schien die Tür zu beobachten. Aber erst als er auf sie zukam und sie ansprach, erfaßte sie, daß er ihr Gastgeber sei.

»Wie lieb von Ihnen, daß Sie kommen! Sie sind doch Mrs. Averil, nicht wahr? Gestatten Sie, daß ich Ihnen einen Cocktail anbiete, und dann müssen Sie meine Gäste kennenlernen!«

Er sprach ein vollkommen fehlerloses Englisch und seine Stimme hatte einen sympathischen Klang. In dem vorzüglich sitzenden Frack und der weißen Weste mit den vier winzigen Brillantknöpfen sah er wie ein moderner Londoner aus. Es lag ein Ausdruck tiefer Ehrerbietung in seinem Benehmen gegen Joan. Nichts an ihm verriet den Orientalen, außer vielleicht der herrliche Smaragdring, den er am kleinen Finger der rechten Hand trug. Dieser wundervolle Stein lenkte auf ziemlich unangenehme Weise die Aufmerksamkeit auf das Fehlen des letzten Gliedes jenes Fingers, den er schmückte. Eine kleine, auserlesene Gesellschaft war um den Tisch gruppiert, auf dem Cocktails in eisgekühlten Gläsern schwankten und hüpften. Auf der Bar tanzten die Flaschen in ihren Gestellen und dazu klirrten eine Menge Löffel auf einer Tasse. Das ganze Leder- und Holzwerk des Rauchzimmers knirschte und krachte und durch die offene Tür konnte Joan das Klatschen der Wellen hören, wie sie gegen die Seiten des Schiffes prallten. Joan gedachte der Voraussage ihres Tischherrn Ismail.

Der Prinz stellte ihr eine Reihe von Leuten vor: Herrn Henry Richborough, einen New Yorker Bankier und seine Gattin, eine Matrone mit kurzem Haar; einen italienischen Marchese in übertrieben engem Frack mit einer weißen Kamelie im Knopfloch; einen älteren Engländer und eine schwarzgekleidete schwedische Komtesse mit Basedowschen Augen. Beim Souper saß Joan zur rechten ihres Gastgebers und zur linken von Mr. Richborough. Der Tisch war reich mit Blumen geschmückt und neben dem Teller jeder Dame lagen purpurne Orchideen.

»Dies ist also Ihre erste Reise nach Ägypten?« fragte der Prinz. »Ich besitze ein Haus in Kairo und werde es mir zur Ehre schätzen. Sie dort bei mir zu sehen. Wo werden Sie wohnen?«

»Mitten in der Stadt«, antwortete sie. Sie habe diese zentrale Lage gewählt, weil sie beabsichtige, nur ein paar Tage in Kairo zu bleiben, um dann nach Luksor weiterzureisen. »Man erzählte mir, daß es im Januar in Kairo noch recht kalt sein könnte, und ich sehne mich so nach der Sonne.«

Der Prinz nickte. »Nur wer den Sonnenaufgang in Luksor gesehen hat, vermag zu verstehen, warum die alten Ägypter Ammon Ra, den Sonnengott, als höchste Gottheit anbeteten. In Luksor hat man den Nil und die Berge, aber ohne Sonne sind sie nichts. Die Sonne kleidet sie in ihre Schönheit – Ammon Ra, der Leben spendet, wie die Inschriften auf den Gräbern lauten.«

Er sprach lebhaft und fesselnd und seine Augen sprühten. Diese Augen waren das Merkwürdigste an ihm, dachte Joan bei sich. Von rötlichem Schimmer, die Wimpern goldgelb und die dichten Dräuen lohfarben auf der glatten weißen Stirn. Die Augen schienen das Licht einzufangen wie jene Steine, die man Katzenaugen nennt, und wechselten im Spiel von Licht und Schatten die Farbe von Topasgelb bis Rotbraun.

»Interessieren Sie sich für Ägyptologie?« fragte er weiter.

»Ich habe eine Menge Bücher darüber, die ich jetzt nachlesen werde ...«

»Falsch, gänzlich falsch!« seufzte er mit gespielter Verzweiflung. »Den Kopf voll wüster Namen und Daten, werden Sie sich in Luksor einen Führer nehmen und von Grabmälern zu Tempeln und von Tempeln zu Grabmälern pilgern, und der Führer wird Ihre Gedanken mit den unverdauten Brocken seiner Wissenschaft nur noch mehr verwirren. Niemand kann in der Spanne eines Menschenlebens die ganze Bedeutung des pharaonischen Ägyptens völlig erfassen. Warum also versuchen es die Wintertouristen? Lassen Sie die geschichtlichen Tatsachen beiseite, verehrte Frau Averil, suchen Sie nur die Schönheit im Leben dieses merkwürdigen Volkes, dessen Dasein in der Sonne wurzelte!«

»Ich fürchte, ich bin nicht sehr gebildet«, erwiderte sie lächelnd, »und außerdem bin ich furchtbar faul. Ich werde gewiß lieber im Sonnenschein sitzen und träumen, als in den muffigen alten Grabkammern herumzusteigen.«

»Sie wissen Schönheit zu würdigen, das sehe ich. Ihr entzückendes Kleid – aber das ist ja ägyptisch! Solch enganliegendes Gewand mit um die Hüften geschlungener Schleife war die Nationaltracht der Frauen im alten Ägypten. Genau diese Kleider in gerade so lebhaften und glänzenden Farben wie Ihr Goldstoff werden Sie, trotzdem die Künstler seit dreitausend Jahren tot sind, auf den Wänden der Gräber, im Tale der Könige eingraviert finden.«

»Sie erinnern mich an etwas, das mir ein Ägypter sagte, den ich heute mittag bei Tisch kennenlernte. Ein Mann namens Ismail; es ist ein Pariser Kunsthändler. Sind Sie vielleicht mit ihm bekannt?«

Die Luchsaugen flammten sonderbar. Die Finger des Prinzen, mit einem hellen Flaum bedeckt, stahlen sich zu dem Gekräusel seines kurzgeschnittenen Haares, das an den Schläfen schon etwas angegraut war. »Ismail ist ein sehr gewöhnlicher Name in Ägypten«, entgegnete er.

Joan erzählte dem Prinzen von Herrn Ismails Begeisterung für die Edelsteine im Museum von Kairo.

»Er hat ganz recht«, bemerkte der Prinz. »Es ist eine ganz einzigartige Sammlung. Aber ein Museum ist ein Leichenhaus der Schönheit. Ich hielt einmal das kleine Bildnis eines ägyptischen Königs in Händen, für das ich nicht alle Mumien, alle Sarkophage und alle Schatztruhen des Museums eintauschen würde. Der wahre Anbeter der Schönheit füllt sein Haus nicht sinnlos mit Schätzen an. Er wählt ein hervorragendes Exemplar und das genügt ihm!«

Aber nun erfolgte eine Ablenkung, hervorgerufen durch das plötzliche Verschwinden der kuhäugigen Schwedin. Die Wellenstöße hatten mehr und mehr zugenommen und die ›Aquatic‹ bewegte sich jetzt in so groben Schwankungen, daß eine bedenkliche Wirkung auf die kleine Gesellschaft im Speisesaal unausbleiblich schien. Der italienische Marquese, das Gesicht so weiß wie seine Knopflochkamelie, war das zweite Opfer, das fluchtartig den Tisch verließ. So blieben nur Joan, die Richboroughs und der ältere Engländer mit ihrem Gastgeber beim Kaffee.

Endlich erhob sich auch der Engländer.

»Prinz,« stammelte er, »ich versuche mein Schicksal niemals. Ich danke Ihnen für das geradezu lukullische Mahl – aber ich gehe schlafen.«

Richborough sah seine Frau an. »Das nenne ich weise gesprochen, was meinst du dazu, Aimée?«

»Nun, wenn uns der Prinz nicht für unhöflich hält, so glaube ich vielleicht – –«

Said Hussein lachte mit schimmernden Zähnen und schaute fragend auf Joan. Das verlockende Bild einer Wärmeflasche, einer gemütlichen Eiderdaunendecke, eines Buches und einer Leselampe durchblitzte ihr Hirn. »Oh,« rief sie, »ich ginge leidenschaftlich gern schlafen, bevor es zu spät ist!« Darüber mußten alle lachen, und sie brachen in heiterster Laune auf. Als Joan, von dem Prinzen gefolgt, durch den Saal ging, fiel ihr Blick auf Cradock, der allein an einem Tisch sein einsames Mahl verzehrte.

Erhobenen Hauptes schritt sie vorwärts, aber sie fühlte, wie die stählernen Blauaugen ihr Gesicht prüften. Und sie hatte das Empfinden, als läge eine strenge Mißbilligung in seinem Blick.

* * *

 

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