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Rahel

Ellen Key: Rahel - Kapitel 5
Quellenangabe
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typebiography
authorEllen Key
titleRahel
publisherVerlag von Edgar Thamm, Halle A.S.
year
translatorMarie Franzos
printrunZweite durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III. Liebe.

I.

Trotz Strindberg, Weininger and anderer Frauenverächter hat unsere Zeit eine rasche Zunahme der Schätzung des Mannes für die Persönlichkeit des Weibes miterlebt. Ein Zeichen unter vielen ist es, daß Ehen und Liebesverbindungen zwischen jüngeren Männern und Frauen, die einige oder mehrere Jahre älter sind, als sie selbst, in unserer Zeit immer häufiger werden.

Freilich sind solche immer vorgekommen. Aber da waren sie in einigen Fällen durch die Dankbarkeit des Mannes für Hilfe oder Verständnis verursacht, in anderen Fällen durch Berechnung, z. B. um ein Reich, ein Erbe oder ein Amt zu gewinnen, manchmal schließlich waren sie eine Folge jenes sinnlichen Zaubers, den gewisse Frauen bis in ihr spätes Alter bewahren.

Das für unsere Zeit Neue liegt darin, daß die Ursache immer häufiger gegenseitige Liebe ist.

Stendhal führt mit Recht Madame Dudeffand als Beweis dafür an, daß »l'amour passion« – oder wie Rahel sagt: »die neue europäische Liebe« – in vorgeschrittenem Alter auftreten kann. In unserer Zeit ließen sich weit mehr Beweise dafür anführen. Die Liebe gleicht jetzt jenem Krokus, den man Zeitlose genannt hat, weil er im Herbst und im Frühling gleich rasch und üppig aufschießt Die Aehnlichkeit läßt sich noch dadurch vervollständigen, daß die Blume, die im Frühling ungefährlich ist, es im Herbst nicht sein soll.

Heute kann man mehr als einen Mann sehen, der – wie der junge Spanier Mora für Mlle. Lespinasse – in glühender Liebe für eine zehn Jahre ältere Frau entbrennt oder sogar wie der junge Italiener Rocca sich in eine zwanzig Jahre ältere verliebt Rocca wurde von diesem Gefühl im ersten Augenblick ergriffen als Mme. Staël sich über die Bahre beugte, auf der der verwundete Jüngling ruhte. Als Freunde ihm sagten, daß sie ja seine Mutter sein könnte, antwortete er: dies sei ja nur ein Grund mehr sie zu lieben, und er wolle sie so hingebend lieben, daß sie ihn schließlich heiraten würde – wie dies ja auch geschah. George Sand, das wunderbarste aller Frauenwesen – feurig wie Wein, mütterlich wie Milch, gesund, reich und freigebig wie die Erde, die sie getragen, bezaubernd, unberechenbar und gefährlich wie das Meer, wurde ebenso von jüngeren wie von gleichalterigen und älteren Männern geliebt. Elizabeth Browning war um drei Jahre älter als Robert Browning, ein Altersunterschied, der für ihr Glück bedeutungslos war. Andere berühmte Frauen ließen sich in diesem Zusammenhang anführen, ich beschränke mich darauf, an George Eliot zu erinnern. Ihre Ehe mit dem dreißig Jahre jüngeren Mr. Cross war mir wie vielen anderen ein Rätsel, bis ich durch einen in die Verhältnisse Eingeweihten eine Erklärung erhielt, die mittelbar durch einen Passus in Herbert Spencers Autobiographie betätigt wurde. Er deutet hier nämlich an, daß er George Eliot zur Gattin hätte gewinnen können, wenn er es gewollt hätte, aber er habe sich nicht über ihren ungewöhnlichen Mangel an Anmut hinwegsetzen können.

Die »Gewissensehe«, die George Eliot mit H. Lewes einging – der sich von der Frau, die ihn jahrelang betrogen hatte, nicht gesetzlich scheiden lassen konnte, – soll, so sagte mir mein Gewährsmann, von seiner Seite nicht auf ein großes erotisches Gefühl begründet gewesen sein, sondern nur auf geistiger Sympathie und Dankbarkeit. George Eliot war also selbst nie der Gegenstand eines großen Gefühls gewesen, eines Gefühls, das zum Unmöglichen imstande ist, mit anderen Worten der Liebe, der jede echte Frau zu begegnen wünscht, bevor sie stirbt, bis sie ihr bei dem jungen Mann begegnete, den sie – mit sechzig Jahren – heiratete.

Zu diesen berühmten Frauen, die schließlich bei jüngeren Männern jene Liebe fanden, von der sie ihr Leben lang geträumt, gehört auch Rahel.

Ihre Verheiratung mit einem vierzehn Jahre jüngeren Mann ist ihr einziger kühner Lebensversuch, während ihre Ansichten auf erotischem Gebiet die vorurteilslosesten waren. George Eliot hingegen verbrauchte all ihren Mut für ihre Gewissensehe, und nicht einmal der Schatten eines Reformgedankens auf erotischem Gebiet ist in ihren Büchern zu finden. Verzicht, Unterwerfung, Mitgefühl, Treue, das ist es, was sie verkündet. Sie erfüllte die damals außerordentlich bedeutungsvolle Aufgabe, zu zeigen, daß die evolutionistische Lebensanschauung genügend starke Triebfedern besitzt, um all die altchristlichen Tugenden hervorzubringen. Aber sie prüft den Wert dieser Tugenden niemals aus evolutionistischem Gesichtspunkt! Mit einer psychologischen Intuition, die man nur mit der Shakespeares vergleichen kann, offenbarte sie die Dramen, die sich in einfachen Lebensverhältnissen und halberwachten Seelen abspielen: in der Seele der Kinder und des Volkes. Aber die Psychologie und Ethik der Liebe und Ehe hat George Eliot, trotz ihrer eigenen Lebensschicksale, ebensowenig vertieft wie meine große geniale Landsmännin Selma Lagerlöf. George Sand hat in dieser Beziehung eine unvergleichlich größere Bedeutung besessen als George Eliot, Die Schwestern C. und E. Brontë haben in ein paar Gestalten mehr von dem liebenden Frauenherzen offenbart als George Eliot in ihrer ganzen Dichtung. Mme. Staël griff in »Delphine« die unauflösliche Ehe an; in »Corinne« stellte sie die Tragik der genialen weiblichen Persönlichkeit dar: die die Vorurteile des Mannes über die »Weiblichkeit« verletzt und so die erotische Anziehung ihrer Persönlichkeit schwächt. Rahel erlebte die letztere Erfahrung selbst mit Finckenstein und Urquijo. Schon vor »Delphine« und lange vor George Sand sprach sie aufrührerischere Gedanken aus als die beiden französischen Schriftstellerinnen.

Und so wie Mme. Staël, wie George Eliot hatte Rahel schon ihr größtes Gefühl einem anderen gegeben, als sie Varnhagen begegnete. Keine von ihnen erlebt so das Glück, so zu lieben, wie sie geliebt werden; aber sie erleben, daß ihre weibliche Persönlichkeit in ihrer voll entwickelten genialen Eigenart fähig ist, eine große Liebe zu erwecken. Sie sind darum wichtige Beispiele für die Evolution der männlichen Liebe, an der Madame Staël in Corinne verzweifelt hatte.

Aber während der Tod das Problem von Mme. Staëls und George Eliots zweiter Ehe bald löste, wurde Rahels und Varnhagens Bund ein Vorbild für jene glücklichen Verhältnisse, in denen so manche moderne Frau in schon vorgerücktem Alter die erotische Erfüllung ihres Wesens erlebt.

* * *

Rahels drei Liebesgeschichten sind typisch für die drei Grundformen der weiblichen Erotik: Liebe zur eigenen Liebe, Liebe zum Mann und Liebe zur Liebe des Mannes. Mit tausend feinen Schattierungen können sie ineinander übergehen, aber in der Liebe jeder Frau ist doch eine dieser Formen die vorherrschende.

Die Liebe der Männer hat bis auf weiteres nur zwei Grundformen: die Mehrzahl liebt in der Liebe sich selbst; nur eine Minderzahl liebt die Persönlichkeit der Frau.

Und doch will das neue Weib nur diese Liebe.

Das neue Weib, dessen sieghafte Revolution unsere Zeit miterlebt, begann schon im achtzehnten Jahrhundert hervorzutreten. Eine ihrer ersten Offenbarungen war die durch ihre Dichtung, ihre Kultur, ihre geistige Befreitheit, ihre Liebeskraft bemerkenswerte H.C. Nordenflycht in Schweden. Andere waren Mary Wolstonecraft-Godwin und Elizabeth Browning in England; in Frankreich könnten mehrere Namen genannt werden, unter denen die hervorragendsten Mademoiselle de Lespinasse und Madame Staël sind. In Deutschland entsprechen diesen Frauen Rahel und einige andere bedeutende Frauengestalten, namentlich unter den Frauen der romantischen Schule.

Das all diesen Frauen Gemeinsame ist, daß sie die Liebe nicht so sehen, wie noch die Mehrzahl ihrer Zeitgenossen sie sah – als den tändelnden und nur leicht verwundenden Amor – sondern in Gestalt des lebensgefährlichen Eros. Die Liebe war für sie nicht eine flüchtige Jugendepisode, auf die sie vom Ernst des Lebens aus lächelnd oder gerührt zurückblickten, nein, sie war selbst der Ernst des Lebens. Diese Frauen besitzen die höchste geistige Kultur ihrer Zeit, ganz so wie Heloise auf der Höhe ihrer Zeit stand, aber das hindert sie nicht, gerade so wie sie in einer Leidenschaft aufzugehen, einer ursprünglichen, naturstarken, flammenden und verzehrenden Leidenschaft. In welcher Zeit, in welchem Lande eine Frau mit dieser ganzen und großen Liebe geliebt hat, da hat diese Liebe für sie selbst die Einheit der Seele und der Sinne bedeutet, und zugleich die Forderung – oder wenigstens die Hoffnung – so geliebt zu werden, wie sie selbst liebte: mit einer Liebe, die die ganze Persönlichkeit des Mannes, seine menschliche, geradeso wie seine männliche Wesensart umfaßte. Man vergleiche z.B. die »Briefe der portugiesischen Nonne«, Schwester Marianne (herausgegeben von Carl Larsen, Inselverlag): »Briefwechsel zwischen Abälard und Heloise«, aus dem Lateinischen übersetzt und eingeleitet von Dr. Paul Adler (Diederichs). »Lettres de Mlle. Lespinasse«, herausgegeben von Comte Guibert (Garnier Freres, Paris, 1906).

Und Goethes Briefe an Frau von Stein, die Diderots an Sophie Voland zeigen, daß es auch damals schon Männer gab, die mit der feinsten Schätzung der ganzen Persönlichkeit der Geliebten zu lieben vermochten; die diese in allen ihren Schattierungen genießen, die mit der Geliebten alles teilen mußten, von den Andachtsstunden des Gedankens, bis zu den Früchten des Sommertags, und die nur so teilend sich wirklich besitzend fühlten.

Aber im großen ganzen waren sowohl diese Frauen wie diese Männer ihrer Mitwelt weit voraus, was jenes Gefühl betraf, das Rahel die »neue, europäische Liebe« nennt.

Ihre erste Märtyrerin war Heloïse, sie, die mit bewußtem Willen ihre ganze Seele und all ihre Sinne der Liebe gab, sie, die lieber Abälards Freudenmädchen heißen wollte als des Kaisers Gemahlin; sie, die mit rücksichtsloser Ehrlichkeit ihre weißglühende Leidenschaft beichtet, ihre Sehnsucht, ihr Leid, sie, die mit Stolz fühlt, daß ihre Seele durch dieses Feuer groß geworden, daß diese Treue gegen sich selbst ihr Adel ist. Sie besaß schon den klaren Blick des neuen Weibes für sich selbst und ihre Liebe, und sie leidet schon die Qualen, die in unserer Zeit unzählige Frauen gelitten haben, als sie erfuhren, daß die Liebe des Mannes nie ihrer Seele gegolten habe. Bei ihr findet man schon die einheitliche Liebe: die flammende Leidenschaft und die innige Zärtlichkeit, den Trotz gegen das Schicksal, das dem Liebesbedürfnis – dem höchsten und reinsten ihres Wesens – die Befriedigung versagt, und den Mut zu leiden, ja eher zugrundezugehen als nicht geliebt, d.h. gelebt zu haben.

Heloise hat ganz gewiß im Lauf der Zeiten die eine oder andere Seelenschwester gehabt, obgleich diese nicht ihre Macht besaßen, diese ihre Seele auszudrücken. Man sehe u.a. Kort Breysig: Die Entstehung der Liebe (Zukunft).

Aber erst mit Werther trat der männliche Typus hervor, auf den diese Frauen gewartet hatten, ein Mann von solcher Seelenfeinheit, so rasch vibrierender Sensibilität, so tiefem Liebesbedürfnis, daß auch für ihn die Liebe die Lebensfrage wurde, ein Mann, der eine Heloisennatur so lieben konnte wie eine solche »grande amoureuse« geliebt sein wollte: mit allen Sinnen als Weib, mit der ganzen Seele als Persönlichkeit. Dr. W. Nowack hat in seiner interessanten Studie: »Liebe und Ehe im deutschen Roman zu Rousseaus Zeiten, 1747–1774« daran erinnert, daß in der Renaissance das Weib wie der Mann ohne irgend welche »Emanzipationsbestrebungen« nach vollendeter Persönlichkeit strebte, weil ihr Recht in dieser Beziehung selbstverständlich war; daß schon damals vergeistigte Liebe zwischen Ausnahmenaturen hervortrat und stets außerhalb der Ehe, während Rousseau nicht so weit kam, weil er kein Verständnis für die Entwicklung der weiblichen Persönlichkeit hatte. Erst Goethe, der mit jeder Herzensfaser das neue Evangelium vom Sieg der Leidenschaft über die Vernunft eingesogen hatte, vertiefte Rousseaus Lehre und wurde der Entdecker der modernen Liebe. Werther vergeistigt seine Liebe zu Seelenverwandtschaft, er wird, von dem Individuellen im Wesen der Geliebten hingerissen, von der Poesie ihrer Natur. In Stella will Goethe schon einen Ehekonflikt im Geist unserer Zeit lösen, und er weiß, daß die Sitte umgewandelt werden muß, wenn sie nicht Unsittlichkeit werden soll. In allen seinen Werken zeigt Goethe die Ehrfurcht vor der Harmonie und Schönheit der Frauenseele, ohne die kein verfeinertes Seelenleben zwischen Mann und Frau denkbar ist, ohne die die Leidenschaft weder Hoheit noch Dauer hat ...

Und was Goethe begann, setzte in Deutschland die romantische Schule und Jungdeutschland fort; in Frankreich St.-Simon, Michelet, Stendhal u.a.

Rahel teilte anfangs das Schicksal der zu früh gekommenen Frauen, dem Mann, der ihrer Liebe würdig war, nicht zu begegnen.

Daß der junge Graf Karl von Finckenstein sich in die weder durch Schönheit noch durch Gesellschaftsstellung oder Reichtum ausgezeichnete Rahel nicht nur verliebte, sondern sich auch mit ihr verlobte, zeigt, daß er ein Mann war, der durch sein Gemüt schon der neuen Zeit angehörte, obgleich er im übrigen nicht den Charakter besaß, der dieses Gemüt zu tragen vermochte.

Er und Rahel sahen sich zum erstenmal in der Oper, und ihre tiefe Musikliebe – die sich bei ihm mit einer ausgezeichneten Gesangskunst verband – war die erste Seelengemeinschaft, die sie einander näherte. Sie trafen sich im Gesellschaftsleben, denn Rahel befand sich gerade damals in jenem Stadium, wo sie etwas von all dem nachholte, was ihr ihre Kränklichkeit und ihre Seelenqualen in der ersten Jugend geraubt hatten. Sie war gerade in dieser Zeit jünger als ihre Jahre, mit der aufgesparten Lust an gesellschaftlichen Vergnügungen. So wirkte Rahel, die nun schon fünfundzwanzig Jahre alt war, fast wie ein ganz junges Mädchen, und erst später empfand der anderthalb Jahre jüngere Finckenstein das Drückende in Rahels ihm überlegener Persönlichkeit, während er anfangs seelenvoll genug war, nur ihren Zauber zu empfinden.

Er seinerseits war ein Mann, wie dazu geschaffen, von Rahel idealisiert zu werden. Vor allem besaß sein Wesen jene Verfeinerung des Aristokraten, jene Leichtigkeit und Anmut, die auf Rahel ihr Lebenlang die stärkste Anziehung ausübte. Dazu war er von ungewöhnlicher Schönheit. Die prächtige Gestalt, die edlen Züge des Antlitzes, die sanften blauen Augen, das goldblonde, seidenfeine Haar, das in natürlichen Locken seinen Kopf umgab, alles ließ ihn wie einen leibhaftigen Märchenprinzen wirken. Sein Gesang, seine vielseitige Bildung, sein Natursinn und seine Goethebewunderung, seine leichtgerührte Empfindsamkeit, all dies ließ Rahel an eine tiefe Seelengemeinschaft zwischen ihnen glauben. Und seine Briefe – die nebst einer Locke seines schönen Haares in Rahels Geheimfächern nach ihrem Tode gefunden wurden – sind inhaltsreich genug, damit Rahel glauben mußte, was er ihr stets versicherte: daß er ihr für »ewig« angehöre, daß sie alles Gute in ihm wachrufe, daß sie seine Persönlichkeit bilde, daß er bei ihr eine Klarheit und Wahrheit, eine Mannigfaltigkeit und Gefühlsstärke finde, wie bei keiner anderen.

Die Gewißheit, daß sie ihn liebte, ließ ihn vor Glück weinen, wenn er unter den blühenden Akazien ihre herrlichen Briefe las; und wenn sie in ihrem kleinen Dachkämmerchen zusammen zu den Sternen aufblicken, empfindet er vollkommene Seligkeit. Wie konnte Rahel – da sie ihn doch selbst liebte – daran zweifeln, daß sein Wille Stärke genug besitzen würde, um ihrer Liebe eine Zukunft zu schaffen?

Aber wie selten ist die junge Liebe stark! Ebenso selten als sie klarblickend ist, Sie ist in den meisten Fällen, diese junge Liebe, das berückende und berauschende Gefühl, jetzt endlich selber dieses Wunderbare zu erfahren, wovon die Dichter gedichtet und das die eigenen Träume umkreist haben; selbst dieses »Hangen und Bangen« zu empfinden, die Zärtlichkeitsausdrücke der Liebe zu tauschen, ihre großen schönen Worte zu hören und auszusprechen! Rahel gestaltete – wie unzählige hochentwickelte junge Mädchen vor und nach ihr – bei all dem Finckenstein zu einem andern um, als er war, und erst allmählich entdeckte sie, daß sie sein wirkliches Wesen nicht gekannt hatte, das Wesen, das nur Taten offenbaren können. Die Worte hingegen, die Liebende einander schreiben oder sagen, zeigen nur, was sie zu sein wünschen, oder was sie sich selber zutrauen, nicht was sie sind.

Als die Probe kam, zeigte es sich auch, daß Finckenstein ein schwaches Kind war, außerstande, ein großes Gefühl zu empfinden, darum auch außerstande, für das schwache, das er empfand, zu kämpfen.

Sein Vater war tot, und er lebte mit seiner Mutter und seinen vielen Schwestern auf dem Familiengut zusammen. Diese weiblichen Angehörigen beteten ihn mit einer eifersüchtigen Zärtlichkeit an, die ihn keinem Weibe gönnte; und dazu kamen noch die Adelsvorurteile, die von dem Gedanken, daß er eine Gattin von bürgerlicher – und noch mehr von jüdischer – Abkunft in ihren Kreis einfuhren sollte, tief verletzt waren. Allerdings hatten einige der schönen und reichen Jüdinnen Berlins vornehme Ehen geschlossen, aber dies hatte ihren neuen Verwandten keinerlei Freude bereitet So fanden sich viele Gründe für Finckensteins Mutter und Schwestern, ihm zu beweisen, daß die Heirat mit Rahel ihm selbst zum Unglück gereichen würde. Und so beginnt er in den Briefen an Rahel – wie alle schwachen Seelen – über das Schicksal zu jammern. Bald beteuert er Rahel seine Liebe, bald schreibt er, daß er es nicht ertragen kann, die Seinen leiden zu sehn. Rahel, die ihn liebt, hofft noch immer » ihm zu Liebe zu lieben«, sie glaubt seinen Versicherungen, leidet seine Leiden, und sie handelte » toll und richtig« wie sie es selbst nennt, indem sie an ihm festhielt, solange sie an seine Beteuerungen glaubte. » Helden waren wir beide nicht«, sagt sie, » er in seiner Weise nicht, ich in meiner Weise nicht«. Aber allmählich sieht sie ein, und schließlich spricht sie es auch aus: daß er sich bei ihr nicht glücklich fühlt – so wie darum auch sie nicht bei ihm – weil sie ihm imponiert. Sie begreift, daß seine Angehörigen an Macht gewinnen, weil sie selbst die Macht verloren hat, denn er fühlt sich unter dem Einfluß ihrer starken Persönlichkeit unbehaglich. Einmal ums andere stellte sie ihn vor die Wahl zwischen ihr und den Seinen; er kam zu ihr zurück, aber nur, um gleich wieder mit seinen Lamentationen zu beginnen. Rahel überhastete die Entscheidung nicht, sie wurde auch nicht von verletztem Stolz dazu getrieben, sondern einzig und allein von dem Gefühl, daß nur das Glück, das für beide notwendig war, ein wirkliches sein konnte. Ihre Verlobung dauerte vom Jahre 1796 bis 1800; unter unablässigen Liebesbeteuerungen und Tränen von seiner Seite, gemischt mit den für eine Natur wie die seinige unvermeidlichen Versicherungen: daß es ihm nicht an Energie fehle, aber – daß sein Herz darunter litte, den Seinen Leiden zuzufügen!

Und so fiel die Entscheidung so aus, wie sie in solchen Konflikten auszufallen pflegt. Rahel, die am berechtigsten litt, aber am wenigsten klagte, wurde geopfert, und die eifersüchtigen egoistischen, kleinsinnigen Schwestern trugen den Sieg davon.

So blind war der Mann, der die Liebe einer Rahel gewonnen hatte. Aber es ist zweifellos, daß Finckensteins Gefühl für Rahel insoweit echt war, daß sie ihm die Stärke zu einer anderen Wahl hätte geben können. Die meisten Frauen in Rahels Lage hätten sich der Machtmittel bedient, die sie in ihrer Liebe, ihrem Leid, ihrer Persönlichkeit besaß.

Rahel tat nichts dergleichen. Sie hoffte solange als möglich, daß sein Gefühl ebenso stark sei als seine Worte. Als sie einsah, daß es weich und bleich war wie seine Schönheit, gab sie den Kampf auf.

Aber sie tat es erst nach Leiden, in die sich alle Bitterkeit der Vergangenheit mischte. Es war schon schwer für sie gewesen, wieder Hoffnung zu fassen, für sie, die durch ihre Geburt und ihre früheren Schmerzen so überzeugt war, zum Leiden geschaffen zu sein, die an dem Weg, über den die Glücklichen wanderten, im Schatten gestanden hatte, mit geschlossenen Händen, gewiß, daß in ihre Hand kein Goldapfel fallen würde. Und nachdem sie das Wunderbare erlebt, daß das Leben sanft die geschlossenen Hände geöffnet und seine schönste Gabe in sie gelegt hatte, konnte sie die Liebe nicht als etwas betrachten, um das sie kämpfen mußte. Sollte sie auch aufs neue einsam sein, nachdem sie Gemeinsamkeit gekostet, gedemütigt, nachdem sie Genugtuung erfahren, arm, nachdem sie Reichtum besessen – dies mußte sie eher ertragen als ihr innerstes Bewußtsein zu verletzen, das Bewußtsein des neuen Weibes: daß kein Mensch das Recht hat, einen anderen durch irgend eine andere Macht festzuhalten als die innerste Notwendigkeit dieses andern. Hatte der Geliebte selbst, sein Gefühl nicht die Stärke, die notwendig war, um ihnen beiden das Glück zu sichern, dann war ja auch nicht jener Inhalt vorhanden, der ihrer Verbindung Berechtigung, ihrem Zusammenleben Wirklichkeit geben konnte. Kein falscher Stolz, keine übel angebrachte Rücksicht bestimmten Rahel. Sie besaß in hohem Grade die Ueberzeugung der neuen Liebe, daß man vor allem Pflichten gegen seine Liebe hat, in erster Linie die, das Unwesentlichere dem Wesentlichen zu opfern.

Und als Rahel Finckenstein die volle Freiheit zu wählen gab, hegte sie noch im tiefsten Innern die Hoffnung der Liebenden – diese Hoffnung, die auch von der Unwahrscheinlichkeit leben kann – daß er sie wählen würde. Er zeigte im Gegenteil, wie recht jene Freundin Rahels gehabt hatte, die sein Herz mit einer Spielzeuguhr verglich, mit Ziffern und Zeiger, aber ohne Uhrwerk!

Rahel stand nun da, enttäuscht nicht nur vom Glück, sondern enttäuscht durch das Wesen des Geliebten. Sie klagte ihn nicht an: Er hatte, sagte sie, nach seiner Natur gehandelt, sie trug die Schuld, die nicht erkannt hatte, wie seine Natur beschaffen war!

Aber eine solche Erkenntnis ist nie ein Trost, oder zum mindesten ist der Weg zu dieser Trostquelle sehr weit Anfangs fühlte Rahel, wie alle, die ähnliches erlebt haben, daß die Schläge des Schicksals leicht sind, im Vergleich damit, sich in einem Menschen so tief enttäuscht zu sehen. Das ist die Qual, die die Persönlichkeit bis in ihre Grundfesten erschüttern kann, die ein auflösendes Gift in den geistigen Organismus trägt; und vor allem sind Naturen wie die Rahels dieser Qual ausgesetzt Denn diese haben ein grenzenloses Vertrauen zu dem Adel anderer, und das ganze Leben wird mit einem Schlag verwirrt, wenn dieses Vertrauen gerade durch den Menschen erschüttert wird, der es in unbegrenztem Maße eingeflößt hat. Die Spuren eines solchen Leids verwischen sich niemals. Ja, es liegt stets ein gezogenes Schwert zwischen uns und dem Leben, nachdem es – gerade als es uns am hellsten zu lächeln schien – uns plötzlich an der Kehle packte wie ein Mörder. Das kindergleiche Vertrauen zur Natur ist unmöglich, wenn wir entdeckt haben, daß sie es mit uns nicht gut meint.

Und Rahel, die schon soviel gelitten hatte, glaubte sich nun zum Unglück auserkoren. Mit einem tiefen Wort drückt sie ihre Erfahrung und die sovieler aus, wenn sie von dem Schuldgefühl spricht; das man durch den Schmerz empfindet. Das ist nicht die Grübelei über die Fehler und Irrtümer, durch die man selbst eine der Ursachen seines Schmerzes gewesen sein kann. Nein, es ist, wie Rahel sagt, das Gefühl, nicht mehr eines der reinen Wesen der Natur zu sein, eine würdige Schwester all dieser stillen, gesunden, schönen Wesen – weil man die Mißhandlung durchgemacht hat, in die Verzweiflung versunken ist, in der man das Dasein hinwerfen wollte, um nur nicht weiter leiden zu müssen. Wenn ich meine Wunden zur Schau tragen sollte, es wäre eine Schlachtbank! Oh, glauben Sie nicht, daß das, was ich Ihnen sage, übertrieben ist. Darum bin ich nur erschrocken, wenn mir etwas widerfährt, weil es auf ewig ist. Ein zartes Gemüt beleidigen, heißt es verderben.

... Die Bekanntschaft mit dem Unglück infamiert, ich lasse es mir nicht ausreden! Man ist kein reines Geschöpf der Natur, kein Geschwister der stillen Gegenstände mehr, wenn man einmal aus Schmerz, Erniedrigung, zusammengeängstet in Verzweiflung, gern seine Existenz gegeben hätte, um nicht schmerzfähig zu sein; wenn man alles, die ganze Natur für grausam gehalten hat ...

Es ist keine von den Traurigkeiten, die wieder vergehen; die wie ein durch Wolken gebrochener Schein eine Gegend angenehm melancholisch verdunkeln und erhellen. Nein, die Gegend selbst ist zerstört, und meine ewig himmlische Laune kann nur Sonnenblicke darauf werfen ...

Man ist entweder dem Wahnwitz oder dem Tode oder der Genesung ausgesetzt; mir sind die beiden ersten nicht widerfahren. Ich bin besser, kann ich auch nicht sagen; ich bin jenseits, möchte ich sagen ... vom Schicksal beschimpft, aber nicht mehr beschimpfbar. Unglück ist Schimpf vom Schicksal.

Was ich nicht bekommen habe, kann ich vergessen, was mir aber geschehen ist, kann ich nicht vergessen. Behüte Gott jeden, dies zu verstehen.
Von diesem Augenblick an fühlte Rahel sich nicht mehr einheitlich: das heißt, sie lebte mit zwei Weltanschauungen, die im Innersten verzweifelnde, die ihre unmittelbare geworden war, und die lebensliebende, die nicht mehr die unmittelbare war, sondern die durch tägliche Siege erkämpfte Fähigkeit, » reiner, williger und reicher als irgend eine andere« den Reichtum des Daseins aufzunehmen.

Rahel sah Finckenstein elf Jahre später wieder, im selben Jahr, in dem er starb. Und wie tief sie gelitten, zeigen ihre Worte sowohl nach ihrem Wiedersehen, wie nach seinem Tode. Er war gekommen, » Kalt wie ein Frosch, beschämt wie ein ertappter Schelm«; er hatte von seiner schönen Frau erzählt, und Rahel schrieb nachher in ihr Tagebuch ein paar Seiten, die zeigen, daß sie sich selbst so ohne Schönheit, Anmut, Zauberkraft fand, daß dieser ihr eigener Mangel ihr eine Erklärung für ihr Unvermögen gab, Finckenstein wirkliche Liebe einzuflößen. Aber nach seinem Tode fühlt sie, daß die Verachtung, die er ihr im Leben einflößte, doch nicht aufgehört hatte. Denn der Tod konnte ihr Urteil über seine Erbärmlichkeit nicht ändern.

Es läßt sich darüber diskutieren, ob Weininger mit seiner Meinung recht hat, daß der Hauptbestandteil des Genies das Gedächtnis sei. Sicher ist, daß es eine Grundbedingung für Gefühlstiefe ist.

Rahel gehörte zu jenen, die sich nie durch den Tod oder die Zeit bestechen lassen. Ihr Herz hatte laut »dein Mörder!« gerufen, als Finckenstein ruhig vor ihr saß. Und sie wollte dieses ihr Herz nicht ändern, das die Natur selbst » aufrührerisch und mild« geschaffen hatte.

Ein Meer von Bitterkeit stieg in ihr bei dem Gedanken auf, daß dieser Mann solche Macht über sie gehabt hatte, ja noch hatte. »Wie eine ihm zugestandene Kreatur fühlte ich mich, er hat mich verzehren dürfen.«

»Aus jeder Flamme aber noch bring ich das unversehrte und auch empörte, ganz für sich selbst lebende Herz heraus ... Hätte er gestern durch einen Zauberring alles, was in den zwölf Jahren vorgefallen ist, ungeschehen machen können, so hätte er sich mein ganzes Leben wieder anlocken können, wenn er gewollt hätte! Dieses Laster nun von mir (denn wie soll ich es nennen, wie ansehen! – Ich tadle mich nicht: ich kenne mein Herz ganz: es ist gierig, es muß lieben; und es ist treu, denn es ist stark und ganz) – wird Tugend genannt, bei solchen Frauen, denen es gut geht.«

Um die Stärke dieser Worte recht zu verstehen, muß man sich daran erinnern, daß Rahel dies schrieb, als sie Varnhagens Verlobte war.
Das mildeste Urteil, das sie über ihn fällte, war streng genug: daß er ein Kind sei, das Werte zerstört hatte, von deren Größe es keine Ahnung gehabt.

* * *

In der ersten Zeit nach dem Bruch fand Rahel die bestmögliche Hilfe in einer Krankheit, die ihr die Ruhe und das Recht gab, sich in der Einsamkeit zu Resignation durchzukämpfen. Als sie dann, mit der Empfänglichkeit der Genesenden, wieder begann, ihren Sinn neuen Eindrücken zu erschließen, nahm sie eine Freundin – Gräfin v. Schlabrendorff – nach Paris mit. Die reichen Erlebnisse, die dies veranlaßte, kamen zur rechten Zeit, Rahels volle Empfänglichkeit wie ihre feine Auffassung zeigen sich in den Briefen an die Daheimgebliebenen, von denen sowohl Jean Paul wie Friedrich Schlegel meinen, daß sich ein besseres Bild des Pariser Lebens und der Franzosen als das, welches Rahel in ihren Briefen gab, gar nicht denken lasse.

Die beste Hilfe, die Rahel in ihren Bemühungen, die Lebensliebe wiederzugewinnen, fand, brachte ihr doch ein junger Landsmann. Es war ein dreiundzwanzigjähriger Jüngling, Bokelmann, den ein gemeinsamer Freund ihr geschickt hatte. Mit ungewöhnlicher äusserer Schönheit verband er eine Seele, offen wie eine Blume. Mit Wärme schloß er sich an Rahel gerade in dem Augenblick an, wo jedes Herz für Zärtlichkeit am empfänglichsten ist: wenn seine Wunden sich zu schließen beginnen.

Die verständnisvolle Sympathie des Jünglings wirkte so, wie milde Lüftchen auf das niedergetretene Gras wirken: Blatt um Blatt richtet sich von neuem empor und fängt den Tau und die Sonne auf. Aber noch war Rahel nicht für eine neue Liebe bereit, und ihre eigene Freude an dem reichen, reinen jungen Gefühl, das ihr entgegentrat, entwickelte sich zu keiner anderen Art von Liebe als die, in der man nichts verlangt, in der man » das Liebliche nicht besitzen, nur blühen sehen will«. Und als sie nach ein paar Monaten des Zusammenseins in Paris voneinander schieden, sieht man aus Rahels Briefen, daß sie auch seine Neigung in dieses schöne Gefühl ohne Namen umwandeln will, das Rahel so richtig charakterisiert, wenn sie sagt, daß man sich ja aneinander freuen kann, wie man sich an einem lieblichen Kind, dem man zufällig begegnet, freut, ein Glück, das jedem angehören kann und das nicht den Willen einschließt, den Gegenstand der Liebe zu besitzen.

Und auf beiden Seiten wurde auch – nach mehrjährigem Briefwechsel – das Verhältnis nur eine schöne Erinnerung.

Auf dem Heimweg besuchte Rahel ihre in Amsterdam verheiratete Schwester. Sie nahm die Natur und Kunst Hollands und Belgiens mit feinem Verständnis auf. All die Herrlichkeiten der Kunst, die sie sich auf dieser Reise aneignete, riefen ihre Sehnsucht nach Italien wach. Aber wie sie später sagt, das Glück » mit meinen Sinnen und einem frohen starken Herzen Italien, das schöne, zu sehen« wurde ihr niemals zu teil.

Daß sie sich jetzt wieder sehnen konnte und daß diese Sehnsucht sich gerade dem Süden zugewendet hatte, zeigt, daß sie wieder jene Lebensliebe empfand, die sie erloschen gewähnt.

Sie drückt ihr Bewußtsein der Veränderung mit den Worten aus, daß » wir rouge et noir ewig mit uns ohne Willen spielen«: ob man gewinnt oder verliert, man fühlt doch, daß man lebt.

Schon in ihrem tiefsten Leid hatte Rahel sich gesagt, daß das Leben noch Freudequellen hatte, obgleich der Schmerz sie ihr jetzt verbarg. Sie hatte durch Bokelmann » das Notwendigste an Liebe« erlebt »Es muß sich einer an dem freuen, was in uns notwendig war, und unser niemals ruhendes Gewissen uns schaffen: und so müssen wir wieder an seiner Arbeit uns freuen!« und sie konnte jetzt in ihr Dachkämmerchen als eine Getröstete zurückkehren, wenn auch von jener Resignation erfüllt, die das noch junge Wesen sich alt fühlen läßt. »In meiner Seele ist Ruhe, in meinem Gemüt Gleichgewicht, in meinem Geist die gehörige Schnellkraft wiedergekommen.«

»Am Ende sind alle unsere Tränen und herbsten Leiden doch nur um den Besitz; und man kann nie etwas anderes besitzen, als die Fähigkeit, zu genießen.«

»Was die Menschen so eigentlich recht unglücklich macht, ist, daß man sich nicht entschließen mag, nicht glücklich zu sein. Sind wir aber einmal bis dahin gehetzt, so tritt plötzlich das Alter ein. Unser Bestreben ist nicht mehr nach dem Unendlichen, wir teilen das Leben und nehmen, wie man zu sagen pflegt, den Augenblick mit. Tränen, Glanz und Wut hat ein Ende; wir werden starr, freundlich und haben Falten. Das Alter kommt plötzlich und nicht nach und nach, wie man denkt; wie jede Erkenntnis.«

Im Alter ist dagegen die Resignation unser einziges Mittel, um uns noch jung zu fühlen. Und dahin hatte Rahel noch einen weiten Weg.

* * *

Kein Zug bezeichnet Rahels Natur besser – und keiner macht sie in höherem Grade zu unserer Zeitgenossin – als daß sie niemals die Liebe bereut, die ihr so großes Leid verursacht hat, und sich auch nicht einredet, daß sie nie mehr lieben können wird. Sie weiß, die » welche Schmerzen haben, haben doch das Meiste« ... »Ich habe wie Posa verloren und möchte doch nicht zu den Menschen gehören, die nicht sich aufs Spiel setzen.

Wer ohne Panzer seinen Busen in der harten Welt umherträgt, der muß verwundet werden; das wüßt' ich nur nicht. Der Schreck ist das meiste, und wenn man das Bluten noch für Sterben hält. Wunden werden immer kommen, aber nicht unerwartet.«

Und in diesen Zügen offenbaren sich die großen Naturen. Nur die leben, die sich selbst verschwenden.

II.

Rahel sprach eine große Wahrheit aus, als sie sagte, daß bevorzugte Seelen, königliche Naturen, lange unschuldsvoll bleiben, daß sie nur mit Mühe einsehen lernen, daß es Niedrigkeit gibt und diese Erfahrung immer wieder von neuem vergessen, in dem Sinn nämlich, daß sie sich den Menschen und dem Leben stets von neuem vertrauensvoll zuwenden, obgleich sie das Unrecht, das sie erlitten, weder verziehen noch vergessen haben.

Rahel selbst war eine dieser Naturen, die sich an das Böse erinnern, ohne daß diese Erinnerung warnend wirkt; die aus allen Erfahrungen lernen, nur nicht aus dieser, daß es Naturen gibt, die nicht so adelig sind wie ihre eigene. Und so konnten schmerzliche Erfahrungen nicht hindern, daß Rahel noch einmal liebte und auch diesmal einen Mann, durch den sie noch viel tiefer leiden sollte.

Rahel hatte nun das gefährlichste Alter im Leben einer Frau erreicht, die Dreißig, wo sie wie nie zuvor und nie später für die Erotik im vollsten Sinne des Wortes bereit ist. Wenigstens für die nordische Frau – und als solche kann man Rahel betrachten – gilt es, daß sie in der ersten Jugend nur mit der Seele liebt. Aber in dem erwähnten Alter sind sowohl die Sinne wie die Seele erwacht; mit ihrer ganzen Natur will die Frau dann die Erfüllung ihres Wesens durch die Liebe und die Mutterschaft. Sie will es noch mit der ganzen Frische der Jugend, aber mit einer neuen Stärke. Die Liebessehnsucht des ganz jungen Weibes hat das Leben vor sich; das Vollreife Weib weiß, daß es von dem Höhepunkt des Lebens, auf dem es steht, bald heruntersteigen muß, und daß mit jedem Jahr die Möglichkeit größer wird, daß sie sterben muß, ohne – im heiligen und vollen Sinn des Lebens selbst – gelebt zu haben.

Selten sind die Naturen, die in einer ersten Liebe ihre ganze Macht zu lieben verausgabt haben. Und am allerwenigsten war Rahel eine solche Natur. Der Frühlingssturm hatte einen Zweig unmittelbar vor der Blütezeit geknickt, – es bedurfte aber nur neuer Wärme in der Luft, damit alle Knospen sprangen.

Das geschah, als Rahel 1802 den Mann kennen lernte, der der Gegenstand der großen Liebe ihres Lebens wurde, der Liebe, wie sie in einem Menschenleben nie zweimal wiederkommt, der Liebe, für die jede frühere Liebe nur Vorbereitung und von der jede spätere nur Nachklang ist Nur diese Liebe läßt alle Kräfte des Wesens so steigen, wie die Frühlingsflut in Quellen und Strömen steigt; sie füllt das ganze Wesen so wie die Weinpresse von den gereiften Trauben des Weinberges erfüllt wird; sie sammelt alle früheren in Schmerz oder Freude vergossenen Tränen in ihrem Opferbecher. Unerwidert ist diese Liebe niemals; stets ist sie die dämonische Anziehung zweier Wesen. Diese unwiderstehliche und verhängnisvolle Leidenschaft kann zwei einander ganz würdige Wesen zum Glück oder Untergang vereinen. Aber sie kann auch zwei Wesen von sehr verschiedenem Wert zum Unglück eines oder beider zusammenzwingen.

Und ein solches Schicksal wurde Rahel durch die Liebe, die ihr ganzes Wesen zur Flamme machte und ihre Jugend zu Asche verbrannte. Es war psychologisch notwendig, daß dieses Schicksal Rahel durch einen Mann treffen mußte, der in jeder Beziehung von Finckenstein verschieden war; verschieden wie der Süden vom Norden verschieden ist und das rote Blut vom blauen.

* * *

Durch seinen Gesandten wurde der spanische Legationssekretär in Berlin, Don Raphael d'Urquijo bei Rahel eingeführt Alles, was sein Volk an auserlesener Schönheit und ritterlichem Zauber besitzt, war in ihm vereinigt, und zugleich hatte er jene Unmittelbarkeit und Lebensfülle des Naturkindes, die stets die stärkste Anziehung auf Rahel ausübte. Urquijo kam aus einem ländlichen Heim in Nordspanien, und sein Aeußeres war typisch für den baskischen Volksschlag. Seine feinen Züge besaßen in gleichem Grade Adel und Kraft; seine Augen waren so wie die Augen, die Velasquez gemalt hat: bald flammende und strahlende Feuer, bald tiefe, schwarze Brunnen.

Seine spanische Würde und südländische Anmut vereinten sich mit einer natürlichen Ungezwungenheit, die jede seiner Bewegungen voll Grazie machte. Die Stimme besaß jenen Wohllaut, der auch das alltägliche Wort adelt und das zärtliche unwiderstehlich macht. Zu all dem Bezaubernden kam noch das Neue, Eigenartige seiner fremden Nationalität. Eine solche wirkt im Anfang als geheimnisvolle und persönliche Eigenart. Man braucht Zeit, bis man entdeckt, daß dieses Interessante, das mit unbekannten Reichtümern und seltenem Zauber lockt, nur zu dem Wesen der Rasse oder des Volkes, nicht zu dem der Persönlichkeit gehört.

Bei Urquijo wie bei Rahel entstand die Liebe schon bei der ersten Begegnung, und die zunächst folgende Zeit war sehr glücklich. Sympathischer Seelenaustausch, innige Zärtlichkeit, erotischer Zauber vereinte sie. Die einzige Unruhe in ihrem Zusammenleben verursachten die Skrupel, die sein Ehrgefühl ihm hinsichtlich einer Jugendverbindung verursachte, die er daheim in Spanien geschlossen hatte, Skrupel, die doch bald verschwanden, als Urquijo erfuhr, daß diese Jugendliebste ihn viel früher betrogen hatte, als er sie zu lieben aufgehört.

Doch nun begann ein schwerer Konflikt, der zwischen Rahels nach allen Seiten hin freigebiger und offener Natur, ihrer vertrauensvollen, von aller Eifersucht freien Liebe und dem empfindlichen, eifersüchtigen Besitzrechtsgefühl des Spaniers. Außer den unvermeidlichen Mißverständnissen, die dadurch entstanden, daß sie gegenseitig mit ihren nationalen Sitten nicht vertraut waren, kamen – durch die eben erwähnte Verschiedenheit in ihrer Art zu lieben – stets andere hinzu.

Rahel, die Urquijo lauter große, reine und gute Gefühle zutraute, hoffte, daß seine Eifersucht – wie unvernünftig, ja wahnsinnig sie ihr auch vorkam – die Stärke seiner Liebe bewies. Sie tat alles, um ihm zu zeigen, wie tief sie ihn liebte. Aber sie konnte ihn nicht wild und eifersüchtig lieben wie eine Spanierin, sie mußte mit der Hoheit und Einheitlichkeit ihrer eigenen Natur lieben. Und es half nichts, daß sie in ihrer hochsinnigen Seelenreinheit, in ihrer kindergleichen Gutgläubigkeit vollkommen war. Denn gerade die Züge, die ihre Hingebung beweisen, schienen ihm ihre Kälte zu beweisen. Liebe ist die größte Ueberzeugung – Auge, Ohr, Gefühl, Herz, alles ist unwiderstehlich überzeugt: kann man widerstehen, dann liebt man nicht, aber darum lieben auch nur Menschen, das heißt hohe, überzeugungsfähige Geschöpfe, sagt Rahel selbst.

Daß Urquijo selbst ein erotisches Verhältnis ernst nahm, das zeigen einerseits seine oben erwähnten Skrupel, andererseits die Tatsache, daß er später ein aus allen Gesichtspunkten unbedeutendes Berliner Mädchen heiratete, das seine Geliebte geworden war. Aber er konnte den Ernst in Rahels Gefühl nicht verstehen, weil es von seinem eigenen zu verschieden war.

Eine äußere Schwierigkeit lag darin, daß Urquijo die deutsche Sprache wohl verstand, aber nicht sprechen konnte, und daß Rahel seine Sprache überhaupt nicht kannte, so daß ihr Briefwechsel – außer, wenn Rahel ab und zu einmal ins Deutsche verfällt – so wie auch ihre Gespräche französisch geführt wurden. Nur ein unbedeutender Teil des Briefwechsel ist erhalten, aber aus diesem Rest kann man schließen, was diese Briefe Rahels gewesen sein müssen, die Varnhagen später zu lesen bekam, und in denen er eine solche Lebensfülle, eine so flammende Glut fand, daß er sich nur ein Gegenstück dazu denken konnte: die – gleichfalls zerstörten – Briefe Rousseaus an Madame d'Houdetot. Von Urquijos Briefen sind nur einige unbedeutende Billets erhalten.

Der Konflikt, der schließlich Rahel auch von Urquijo trennte, war nicht wie bei Finckenstein der alte zwischen Geburtsvorurteil und Liebe. Es war ein ganz moderner Konflikt, der zwischen des Mannes und des Weibes Art, zu lieben, und er war noch weiter dadurch kompliziert, daß Urquijo ein Maß von Eifersucht besaß, das sogar das gewöhnliche Maß des Spaniers übersteigt und dazu ein geringes persönliches Selbstvertrauen.

Wo ein Othello ist, tritt immer ein Jago auf. Diese Rolle spielte hier Urquijos Freund, ein spanischer Graf, der um Rahel geworben, aber einen Korb bekommen hatte, und der nun stets Urquijo gegenüber auf Rahels Ueberlegenheit als einen Grund hinwies, ihr zu mißtrauen.

Als Rahel fand, daß ihre vielen Freundschaftsverhältnisse und geselligen Freuden Urquijo als ein Diebstahl an ihm erschienen, gab sie das Gesellschaftsleben auf, zog auf das Land und traf mit niemandem außer mit ihm zusammen. Aber nicht einmal dies konnte ihn überzeugen. So verging ein und ein halbes Jahr, während dessen Rahel ihr Glück nach Augenblicken rechnen konnte, während der Schmerz mit jedem Tage zunahm. Seine Macht über sie war noch immer dieselbe. Nach der erregtesten Stunde kann ein zärtliches Wort von ihm »ihre Seele ausheilen«, ihr Herz von neuem öffnen, die Liebe wieder und wieder aufs neue wecken und ihm entgegenströmen lassen.

Wie ist es denkbar, meint Rahel, daß er von seinem krankhaften Mißtrauen nicht zu heilen sein soll, und daß sie nicht schließlich glücklich werden müssen, da sie einander lieben; da sie beide gute, einfache, reine Herzen sind, mit anderen Worten alles besitzen, was not tut, um lieben zu können? Denn, fährt Rahel mit tiefer Wahrheit fort, man kann nicht lieben, wenn man nicht diese wesentlichen Eigenschaften hat: dieselben, die die Religion verlangt. Wie kann er glauben, daß sie zuviel »Geist« hat, um ihn lieben zu können? Ihr ganzes Genie ist ja ihre Macht zu lieben! Sieht er nicht, daß » der Zauber so wirkt«, daß sie immer mehr und mehr von ihm abhängt; ja, daß seine Gegenwart sie stets aus einem » Schmerzensgefühl« erlöst? Sie sagt ihm, daß, was auch kommen mag, ihr Herz ihm für das ganze Leben angehört. Und sie muß es ja besser kennen als er, da es doch das ihre ist? Wie kann er es tadeln, daß sie ihr Gefühl offen zeigt? Ist es nicht der Adel einer Frau, lieben zu können? Ja, die Frau hat keinen andern Rang und keinen andern Stand, und sie für ihr Teil wollte immer ihre Liebe zeigen, wollte niemals verbergen, daß sie nur für ihn lebte. Die Treue versteht sich von selbst, sie ist eine Bedingung der Liebe. Ohne ein treues Gemüt kann man gar nicht lieben, nicht leben, möchte ich sagen; denn was weiß man von sich selbst, wenn man sich nicht treu fühlt? Dann kann man sich ja selbst nicht wiedererkennen!

Wie ich dich liebe, deine Seele liebe! Glaube mir, ich erkenne ich durchdringe sie; keine ihrer Regungen entgeht mir; die meine ist ihrer wert, und ich errate, verstehe sie. Das ist mein Geist, mein Witz; glaube nie, daß ich anderen habe, nur diesen! Ich bin geschaffen, dich zu lieben, und das ist alles ... Welch Wunder, daß du mich liebst. Ja, ich glaube es, aber es ist viel ...

Sie fleht ihn an, nicht zwischen seinem Verstand und seinem Herzen zu unterscheiden; denn lauscht man dem Verstände recht, so stimmt er immer dem Herzen zu! Sie zeigt ihm wieder und wieder, daß das, was ihm an ihr unbegreiflich scheint, daher kommt, daß er nicht einsieht, wie eins mit ihrer Liebe, wie ganz unweltlich sie ist; daß sie » einfach bis zur Dummheit« ist, und daß dies gerade die Eigenschaft ist, die sie an sich selber liebt.

In jedem Augenblick, in dem sie sich in Harmonie mit ihm gefühlt, hat sie die religiöse Weihe ihrer Liebe empfunden und gehofft, daß sie ihr ganzes Leben heiligen wird. Denn schon jetzt macht sie ja den einen dem andern heilig, und sie baut darauf, daß er einsehen wird, daß dieses ihr Zusammenleben – » voller Seele, Vollgefühl, Herzensehrlichkeit« – die einzige Wirklichkeit ist, während seine Zweifel lauter Unwirklichkeiten sind.

Wie groß – und wie unklug! – ist nicht Rahel in ihren Versicherungen, daß sie auf seine Liebe baut! Aber die Frauen, die die Liebe des Geliebten auf die Probe stellen wollen, sind, meint Rahel, entweder » verrückt oder sie lügen, oder sie lieben nicht!« Sie wollte alle Leiden auf sich vereinigen, damit er vom Schmerz verschont bliebe, und sie würde doch mitten im Leid glücklich sein, wenn er sie nur liebte. Sie sucht ihn davon zu überzeugen, daß die Liebe, wenn sie echt ist, » eine Kraft des Herzens, ein Feuer der Seele, eine Einheit der Geister, eine Reinheit des ganzen Wesens ist«; ja, daß diese Herzenswärme dieselbe ist, die Religionen geschaffen und Feldschlachten gewonnen, die das Dasein aufgebaut und alle heiligen Bande geknüpft hat.

Sie klagt, daß die Natur und die Verhältnisse ihr versagt haben, ihre Seele durch äußere Schönheit zu offenbaren. Denn es wäre ihr höchstes Glück gewesen, sich so demjenigen offenbaren zu können, » für den allein ich allen Reiz mit meinem Blut erkaufen möchte, für den allein ich lebe und schön sein möchte.«

Als Urquijo – vor einer Reise – ein paar Stunden in ihrem Heim ausgeruht hat, erzählt sie ihm nachher, wie sie neben ihm gesessen und sich an seinem ruhigen Schlummer erfreut hat, wie sie über ihm gewacht als eine Schwester, als ein Weib, das ebenso sicher sein war, wie das Herz in seiner Brust; wie die Luft rings um ihn glühend von Zärtlichkeit war, und wie sie ihre Seelen verflochten und sie beide in stillem Gebet emporgehoben hat.

Es blieb Rahel ein ewig qualvolles Rätsel, daß eine Frau, die so in jeder Tat und mit jedem Wort die Einheitlichkeit und Innigkeit ihrer Gefühle offenbarte, den Gegenstand ihrer Liebe nicht davon überzeugen konnte. Sie war doch offenbar, wie die Wärme der Sonne, wie die Frische der Luft. Warum wurde sie nicht wie diese großen natürlichen Dinge erkannt und geschätzt? Und als sie sich wieder und wieder sagen mußte, daß er ihr doch nicht glaubte, da wurde das ganze Dasein für sie zusammenhanglos, so als wenn seine Grundgesetze aufgehoben wären. Wenn er ihre Liebe nicht erwidert hätte – dies hätte sie begreifen und sich darein ergeben können. Aber ihr ganzes Wesen sträubte sich gegen diese Mißhandlung ihres Gefühls, diese Blindheit gegen ihr Wesen, dieses unergründliche und grausame Rätsel.

Es finden sich in Urquijos Briefen ein paar, während einer Krankheit geschriebene Zeilen, die einen Leitfaden zum Verständnis des Rätsels geben, namentlich, wenn man sie im Zusammenhang mit seiner späteren Geschichte sieht. Er schreibt: »Deine Ruhe, die unter anderen Verhältnissen mein Unglück wäre, lindert mein hartes Schicksal etwas. Ich will Dich so wenig als möglich sehen, wenn Du mir nicht das Gegenteil befiehlst. Du mußt den Grund ahnen. Deine Worte trösten mich, aber Deine Gegenwart schürt das Feuer.«

Wenn Rahel sich später mit Bitterkeit fragte, warum er an das unbedeutende Mädchen glaubte, das zuerst seine Geliebte und dann – nachdem er sich von ihrer Liebe überzeugt hatte – seine Gattin wurde, dann ist die Antwort vielleicht diese: Sie gab ihm den Beweis ihrer Liebe, den Rahel nicht gegeben, und der – für die südländische Erotik – der einzig überzeugende ist. Dazu kam auch, daß Urquijo sich mit vollem Rechte Rahel inferior fühlte, daß er ihr Interesse für ihre Freunde sah, und daß er sehr geringes Vertrauen zu seiner Gabe, Liebe zu erwecken, besaß. Urquijo hat ganz gewiß unter seiner Unfähigkeit, sich überzeugen zu lassen, tief gelitten, so wie Rahel unter ihrer Unfähigkeit, zu überzeugen. Mittelbar hat Rahel gestanden, daß sie bereut hat, sich aus Mangel an Mut der Liebe nicht ganz hingegeben zu haben, nämlich als sie sich mit Pauline Wiesel vergleicht. »Es ist ein Unterschied zwischen uns: Sie leben alles, weil Sie Mut und Glück hatten: ich denke mir das meiste, weil ich kein Glück hatte und keinen Mut bekam. Nicht den, dem Glück das Glück abzutrotzen, es ihm aus den Händen zu ringen. Ich habe nur den des Tragens erlernt«, schreibt Rahel an Pauline.

Rahel klagt auch über den Irrtum, »daß man als Unsinniger sein Leben in Schmerz, Unsinn, Dürre, Sand und Wust, in wahnsinnigem Torheiten hinrinnen läßt, nicht beachtend, daß kein Tropfen zweimal fließt, der Diebstahl an uns selbst geschieht und gräßlicher Mord ist. Bloß weil wir ewig Approbation haben wollen, aus der wir uns nichts machen, und nicht tapfer genug sind, menschlich Antlitz nicht zu fürchten und dreist zu sagen, was wir möchten, wünschen und begehren. Nichts ist heilig und wahr und unmittelbare Gottesgabe, als echte Neigung; ewig aber wird die bekämpft, für anerkanntes Nichts. Das Fremdeste lassen wir uns aufbürden und so kommen wir uns selbst abhanden ...«

»Nur Neigung und Herzenswünsche! Kann ich ihnen nicht leben, bin ich dazu zu elend, zu verworfen, zu heruntergerissen und mißhandelt, so will ich sie von nun an in mir ergründen und sie anbeten! Gottes starker Wille ist das im Herzen – im dunkeln, blutwogenden – das keinen Namen bei uns hat – deswegen täuschen wir uns, bis es tot ist.«

Wenn auch diese Aussprüche aus vielen Erfahrungen, fremden wie eigenen, hervorgegangen sind, so ist es doch wahrscheinlich, daß Rahel irgend ein bestimmtes Versäumnis gegenüber den Forderungen der Leidenschaft im Sinne hatte, als sie diese Worte niederschrieb. Aber war es das oben Angedeutete, dann ist es sicher, daß Rahels Mangel an Mut nicht nur durch die Rücksichten verursacht wurde, die sie erwähnt, sondern – wie bei vielen anderen Frauen – durch die Ueberzeugung, jener Zauberkraft zu entbehren, die das Wagestück zum Sieg macht. Der Mann, dessen Liebe sie bewahren sollte, der müßte erst mit ihrer Seele verschmelzen und sie verstehen!

Hier lag wahrscheinlich der Brennpunkt aller Gegensätze: zwischen dem nordischen und dem südländischen Blut, zwischen der Liebe des Mannes und der des Weibes, und dazu zwischen einem hochentwickelten Weib und einem gewöhnlichen Mann, die überdies durch Rasse und Nationalität getrennt waren. Und schließlich der Gegensatz zwischen zwei grundverschiedenen Temperamenten und zwei grundverschiedenen Auffassungen der Liebe!

Dieser Gegensatz macht Rahels Unglück typisch für viele entwickelte Frauen unserer Zeit

Rahel gehörte der immer wachsenden Gruppe von Frauen an, die wohl Sinnlichkeit besitzen, aber den Mann nicht durch diese gewinnen wollen, sondern die wünschen, daß die sinnliche Einheit die Folge der vereinten Flamme zweier Seelen sei. Die Männer fühlen sich hingegen von jenen Frauen, die durch die Macht ihrer eigenen Sinnlichkeit die des Mannes erregen und so – wenn sie selbst eine Seele haben – allmählich auch die seine gewinnen, mehr angezogen und glauben sich von ihnen mehr geliebt.

Die Reinheit und Wahrheit von Rahels Wesen machte es ihr unmöglich, die sinnlichen Mittel anzuwenden, durch die jene letztere Art von Frauen die Männer behalten und beherrschen. Und es wurde Rahels ungeheure Qual, Urquijos Gefühl durch das schwinden zu sehen, was sie selbst als die Stärke und Schönheit ihres eigenen Gefühls empfand. Auch in Rahels Liebe war Leidenschaft, aber diese war die Brandung eines Meeres der Hingebung und Treue.

Aus Rahels Worten kann man sich die Art von Urquijos Anklagen denken. Von den Auftritten, die sich täglich wiederholten, hat sie einen geschildert, aus dem man auf die übrigen schließen Wann Sie gingen zusammen im Tiergarten spazieren, als Rahel eine ihr unbekannte, ungewöhnlich schöne Dame erblickte und sie näher ansehen wollte. Dieses Interesse Rahels für jemand anderen als ihn selbst brachte Urquijo außer sich, und als Rahel zu seinen Vorwürfen seufzte, rief er aus: »Finckenstein hat dich ja schon schlecht behandelt, du mußt doch daran gewöhnt sein.«

Bei diesen Worten erlebte Rahel einen jener Augenblicke, in denen das Dasein für uns in Trümmer geht, Augenblicke, in denen alles uns Umgebende sich uns mit der größten Klarheit einprägt Rahel erinnerte sich auch für immer, daß sie » in tiefem Walde standen, gegen das Wasser in der Abendsonne«, als diese Worte fielen. Und sie antwortete: » Wenn diese Worte in einem Drama gesagt würden, so würden die Zuhörer erzittern und in Tränen ausbrechen.«

»Das ist wahr«, antwortete er. »Aber das soll dich von mir loslösen und dir zeigen, daß wir nicht zusammen leben können.«

Rahel hatte solange ausgeharrt, als sie an seine Liebe glaubte, sogar noch ausgeharrt, als er ihr sagte: Ich liebe dich, aber ich achte dich nicht; als er ihr sagte, er glaube, sie betrüge ihn mit anderen; sagte, daß sie ihn nicht liebe. Aber als er schließlich sagte, daß er sie achte, aber nicht liebe, da fand sie die Stärke, sich loszureißen, obgleich jede Fiber vor Schmerz zitterte und jeder Blutstropfen von jenem Zauber erfüllt war, den er für sie noch immer besaß und niemals verlor.

Solange er von seiner eigenen Liebe gesprochen, von seinen Zweifeln an der ihren – während er diese durch seine Eifersucht zur Raserei anfachte – war ihr dieser Bruch unmöglich gewesen. Jetzt fand sie, wie sie später sagte, den Mut, aber nur im Zornesmut über die ihrer unwürdige Behandlung; nur in der Ueberzeugung, daß es sich jetzt um » den Wert und die Möglichkeit ihres Seins« handelte, obschon » es die reinste Flamme war, die ihr Herz verbrannte«. »Einmal lebt' ich ganz für einen Menschen. Ich liebt' ihn bis zur Tollheit! Denn er, sein Anblick war mir das Jetzt und das Künftige und in einem Sinn blieb es wahr – auch gedacht' ich in meiner Seele ihn nicht zu verlassen.

Ich log: ich sprach die Forderungen meines Herzens, die Gebühren meiner Person nicht aus, um das mörderische Nein nicht in Worten zu hören; ich ließ mich ersticken; ich wollte mich nicht durchbohren lassen: elende Feigheit! Ich wollte, Unglückselige, das Leben des Herzens schützen; ich stellte mich vor, ich stellte mich hinter, ich log und log und log.«

So erniedrigend darf man sich auch in der größten Leidenschaft nicht vom Schmerz auseinanderzerren und herumschleppen lassen. Man ergibt sich der Liebe, guter oder schlechter, wie einem Meere, und nun bringt Glück, Kraft und Schwimmkunst dich über, oder es verschlingt dich als sein. Darum sagt Goethe: Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat? ...

Da packt' ich mordgewaffnet mein eignes Herz mit meiner Hand und ging: wie aus dem Leben. Denn ich wußte, es war wie zu einem schwarzen Tod, und schrieb selbst: Ich wähle die Verzweiflung, die ich nicht kenne. Es war ein langes Morden. Und es entstand eine Wüste, die schrecklicher als Schmerz, Riß und Vermissen des Geliebten ist. Tadle mich, wie ich die feige Niedrigkeit tadle! Aber dies bedenke: daß die Natur in ihn und in mich zu diesem Zauber – einen Zauber für mich gelegt hatte, wogegen das hellste Bewußtsein des Denkens nicht schnell genug arbeiten konnte. Der Eindruck war stärker. Dies ist Liebe.

In der ersten Zeit ihrer Verzweiflung sagte sich Rahel, daß Urquijo sie nie geliebt hatte, da er so blind gegen ihr tiefstes Wesen sein konnte, daß sowohl er wie Finckenstein nur » Schatten, von meinem Feuer koloriert«, waren. Aber auch diesem Gedanken gegenüber hatte Rahel jenen amor fati, der nichts von dem Schicksal unerlebt wünscht, das sie verurteilt hat, einsam zu bleiben, obgleich Menschen sich um sie drängten und » unbefriedigt sterben zu müssen«, obgleich sie selbst eine Welt zu geben hatte. Dieses ganze Leben ist mir entrissen, wenn ich auch den Himmel in mir trage ... Ich fühle eine ganze Tränenflut in der Brust über dem Herzen, und jedes erinnert mich an alles. Nichts scheint mir mehr einzeln: ich fühle mich ganz gefangen. Mit dem höheren Leben tröste ich mich nicht! Ein schönes Erdenleben würde das nicht ausschließen. Es erhöht und schärft jeder Augenblick mir das immer innigere, tiefe Gefühl des unfaßbaren Verlustes! – Es gelangt keine Freude zu meinem Herzen; wie ein Gespenst steht er unten und drückt es mit Riesengewalt zu. Und nur Schmerzen kommen dahin; dies Gespenst, dies verzerrte Bild, ich lieb' es.

Oh, den einzigen Vorteil gewährt der wahre Schmerz, wenn er zur Besinnung dringt, daß er nie wieder kommen kann, daß er uns wirklich von dem Stück Leben losgeschnitten hat, woran er blutend riß. So ging es mir.« (Ende 1806.)

Herzensübel sind Wohltaten, Liebesschmerzen verworfene Liebe, Wonne ...

So bereu' ich nichts. Und ruhe auf meinen gehabten Plagen und Schmach sanft wie auf Lorbeeren und der schönsten Myrte. Wer untersucht, wie ich: dem geht's nicht besser. Mein Leid ist also menschlich und zu kleinem Jammer zu groß!«

»Nie habe ich gelebt und nie gesagt, was Leben ist: Liebe, die nicht Gift wird, die nicht Schmerz bleibt.«

Wie oft sie sich auch – wie unzählige andere Frauen – gefragt hat, warum ihr höchstes Gefühl das mißhandeltste wurde, so hatte sie doch im Innersten die Gewißheit empfunden, die aus unzähligen unbeschreiblichen und unsagbaren Dingen quillt, und die sich nicht ergrübeln läßt: die Gewißheit, trotz alledem doch von Urquijo geliebt worden zu sein. Und als dieser sie mehrere Jahre später wieder aufsuchte, und sie dadurch veranlaßt wurde, seine Briefe wieder zu lesen, da fühlte sie, daß diese ebenso gewiß wie ihre eigenen der Ausdruck einer wirklichen Liebe waren. Sie entschloß sich, an ihn die Frage zu richten, die sie in unzähligen Nächten und Tagen gleich einem Dolche in ihrer Seele hin und her gedreht, die Frage, ob er wirklich geglaubt, daß sie ihn betrogen habe? Als Urquijo eifrig beteuerte, daß er dies nie geglaubt, sammelte sich in Rahels Antlitz, in ihrer Stimme all das Grauen, mit dem jahrelange sinnlose Qualen uns erfüllen, und sie rief aus: »Warum haben Sie es dann gesagt?« Urquijo beantwortete die Frage nicht, aber versicherte in höchster Erregung, daß es für den, der liebt, keinen Frieden gebe; daß namentlich er ein sehr unglückliches Herz habe, daß er sich stets als der wenigst Schöne, wenigst Liebenswürdige, wenigst Bedeutende unter den Männern fühle, und darum nicht an die Liebe eines Weibes zu glauben vermöge.

Daß Rahel dies nachher seine »alte Litanei« nannte, zeigt, welchen wesentlichen Anteil dieser Mangel an Selbstvertrauen an dem Konflikt hatte; vielleicht auch, daß Rahel die Echtheit von Urquijos Leiden unterschätzte. Er versicherte z.B. wieder und wieder, daß es ihm undenkbar erschienen sei, daß ein so auserlesenes Wesen wie Rahel einen Mann wie ihn lieben könnte.

Rahel, die einen Tropfen Trost erhoffte – den, daß er schließlich ihre Liebe einsehen und erkennen würde – erhielt ihn also nicht. Wie sie selbst sagt: Urquijo glaubte, daß sie eine »Ehrenrettung« für ihre weibliche Tugend wollte, und die gab er ihr. Was sie aber mit ihrer ganzen glühenden Seele ersehnt hatte, eine Ehrenrettung ihrer Liebe, die blieb aus.

Und sie, die ihn strahlend wie einen jungen Gott vor sich sah, kam nie auf den Gedanken, daß vielleicht in ihm wie in ihr die zarten Flügel des Selbstvertrauens schon in der Kindheit geknickt waren.

Die einzige Verteidigung, die sie für ihn fand, war, daß er sie ebenso unschuldig getötet hatte, wie das »Beil, das einem großen Manne den Kopf abhaut«; daß er seiner Natur nach ja nicht einmal ahnen konnte, daß es »je ein solches Geschöpf geben kann wie ich es bin«.

Aber damit erklärte sie das Geheimnis nicht, sie versetzte es nur in das Gebiet des Unbewußten.

Durch zahllose frühere Wesen und zahllose geheimnisvolle Einflüsse werden Jahrtausende, ehe wir geboren werden, die feinen Fäden gesponnen, die mit unwiderstehlicher Macht einen Lebenden an den andern fesseln.

Als später andere sich über Rahels Liebe zu einem Manne mit soviel Fehlern wunderten, antwortete sie, daß sie seine Fehler wohl immer gesehen habe – denn die Liebe sei nicht, wie man meine, die blinde, sondern die klarsehendste Gottheit – aber daß eine solche Einsicht nichts mit der Liebe zu tun habe. Wir und alles, was wir wissen, bezieht sich auf etwas, was wir nicht wissen; und daher kann man auch soviel schwatzen, wo nichts dahinter ist, und schweigt so selten, weil es doch schwerer ist, an das zu denken, was man nicht sieht ...«

Wohl hat sie versucht, » diese Liebe zu zerlegen, damit sie nie wieder lebe«. Aber die Kraft dazu hat ihr gefehlt; denn sie ist von der » neuen europäischen Liebe« in ihrer ganzen verhängnisvollen Macht ergriffen. »Ich glaube, hätte der Gubernator dieser Erde nur ein Exempel solcher Liebe in all ihren Wendungen und Möglichkeiten, in ihrer höchsten Kraft, Echtheit und Reinheit gewollt, gepaart mit dem höchsten Bewußtsein über sich selbst und also in größthöchster Möglichkeit ihrer Martern, aus der ganzen Seele Umfang, wie mit Facetten versehen, um jeden Schmerz reflektierend zurückzuschicken, so wäre es mit mir genug gewesen.« Immer steht sie ohne Antwort vor ihrer eigenen Frage, warum sie gerade durch diesen Mann zum ersten und einzigen Male in ihrem Leben » dieses Liebesfieber, diese völlige Befriedigung im Anschauen seiner Person« empfinden mußte. »Dieser Mensch, dieses Geschöpf hat den größten Zauber über mich verübt, verübt ihn darum noch. Dem gab ich ... mein ganzes Herz und dies können einem nur Liebe und Würdigkeit zurückgeben, sonst kriegt man's nie. Gibt es also Fluchzauber? Gibt es, sich einem Teufel ergeben? Als er aus dem Zimmer war, fiel ich laut schreiend, das Herz gegen die Rippen zersprengt, hin und frug Gott, ob man ein, Herz veräußern könnte, er wüßte ja, daß man ohne Herz nicht weiter leben kann ... Es ist, als müßte er mir etwas herausgeben, was er von mir hat, und seine Liebe könnte mich noch entzünden und heilen. Bis ich nicht einen stärker lieben kann ... bleibt der notwendige Teil meiner Selbst zum Glück zurück, der Quell des hellsten, intimsten Seins begraben unter schwerem Fluch und Zauber.

Ah! Ewiges Schicksal, wahr wirst du bleiben, solange ein Bestandteil einer Faser von mir zusammen bleibt. Wahr wirst du ewig, gewesen sein! Wahr! Wahr war das Ewig, was ich dem tauben ewig schrieb ... Wahr, daß ich das Bild für meine Sinne fand; mein Herz für ewig zu ihm schleuderte; wahr, daß er mich nicht empfand; wahr die schreckliche Disharmonie. Wie wenige lieben! Unter Generationen nur eines. Treue liegt in den Sinnen: im Schauen des Geistes in das Herz; in seiner Mächtigkeit. Dies große Geschenk habe ich Elende ohne des Glückes Krone, ohne seinen Einklang ...«

»O! Welche Krankheit ist eine Liebe! Wieviele Willkür, wieviel Tollheit darin, weil auch die Willkür sich gleich zur Ohnmacht verkehrt: Dies ist der Zauberklang, der Lebensfunke darin, der das Mark hoch, auflodernd verzehrt – wie krank ist der, der lieben muß. Und dies ist unsere echte Liebe – nickt die erste – wo kein Stäubchen von uns konserviert wird, wo wir den letzten Blutstropfen ehrlich geben. Da hilft nur ehrlich leiden.«

Sie fühlt, »wie die ganze Welt einer Seele zur Folterbank dienen kann; wie eine Seele, vom Himmel zur Erde auseinandergezerrt sein. kann – diese Verzerrung ist Leidenschaft – wie niedrig man sein kann, daß unser inneres Schicksal von den Göttern herrührt. Und daß großes Unglück große Verachtung verdient.«

Rahels hier angeführte, teilweise an Varnhagen gerichteten Geständnisse, welche Macht Urquijo noch immer über sie besaß, haben ein interessantes Gegenstück in einem Briefe, den Madame Staël, – damals mit Rocca verheiratet – an Benjamin Constant schrieb, ein Brief, in dem sie ihm eigentlich ohne Worte sagt, daß solange ihr Herz schlägt, er in diesem Herzen einen Platz hat, den kein anderer je besessen, noch besitzen kann.

Daß eine gewisse Stimme, ein gewisses Lächeln, ein gewisser Blick, ein gewisses Naturell vor allen anderen Wesen, nahen oder fernen, ein anderes Wesen zwingt, in seinem Zauberkreis zu bleiben, auch wenn dieser Zauberkreis ein Höllenring ist, so wie ihn Dante geschildert hat, das ist das Rätsel. Und Rahel grübelte ihr Lebenlang über dieses Rätsel nach. Aber das Grübeln kann den Kopf weiß machen, ohne einen Funken Licht in das Irrationelle zu bringen, in dem das Wesen der Liebe besteht. Durch all ihr Brüten über das Schicksal ihrer Liebe erlangte Rahel auch keine andere Gewißheit als die: » Ich kenne die Krankheit, ich habe sie genossen.« Und sie drückt ihre Gedanken über das Leben mit Goethes Worten aus: »Wie wunderbar, daß uns nicht allein das Unmögliche, sondern auch so manches Mögliche, versagt ist ...«

* * *

Noch im Jahre 1807 fühlte sie sich nicht » wie eine Verwundete, sondern wie eine Vernichtete«. Und sie weiß, daß sie niemals »zusammenwachsen« kann. Aber sie war » nicht für die Berührung der Welt tot«, obgleich sie nicht mehr jenen Punkt in der Seele besaß, »wohin ein Leben geht, wohin es strömt«.

Allmählich fühlte sie doch, daß sie lebte, genießen, sich zerstreuen, » die Welt fühlen« konnte; ich habe, sagt sie, » meinem Herzen manche Neigung eingeimpft, wofür ich keinen Namen habe. Ich beginne, Ruhe Uebersicht und Freude über die Uebersicht meiner selbst« zu empfinden. Es ist allmählich neues Grün in jene Wüstenei gekommen, die sie ihr Herz nennt; sie hat angefangen, zu erfahren, daß » es Klarheit und Glück in und durch uns selbst gibt«. Daß ein Herz voll » schlechtbehandelter Liebe« zu sich selbst zurückkehren kann, zu seinem » eigenen innern Land«. Ja, sie fühlt, » solange man lebt, liebt man, wenn man einmal geliebt hat. Und dieses Leiden ist noch eines der besten. Ich sträube mich nicht gegen mein Herz: das ist meine Kunst.«

Rahel gehörte nicht zu den armen, starren und selbsterfüllten Naturen, die trauern wollen, die ihre Wunden wieder und wieder aufreißen, wenn sie sich zu schließen beginnen.

* * *

Eine Frau, die sich trotz aller Leiden lebendig bewahrt, die l'esprit gai et le coeur triste hat, übt gewöhnlich eine große Anziehungskraft auf die Jugend aus. Und gerade in diesen Jahren gewann Rahel einen neuen Vertrauten in einem jungen Mann, der so wie David Veit nur ihr Freund war und blieb, aber dies im allervollsten Sinn des Wortes. An ihn wie an Veit sind mehrere von Rahels bedeutungsvollsten Briefen gerichtet.

Dieser junge Mann war Alexander v. Marwitz, aus einer angesehenen Adelsfamilie, deren Gut nahe von Berlin lag. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, als er Rahel im Jahre 1809 kennen lernte und hatte gerade die militärische Laufbahn, die ihm qualvoll war, aufgegeben, um als Landmann und Gelehrter auf seinem Gut zu leben. Aber er fühlte sich – wie die meisten tiefangelegten jungen Menschen seines Alters – unglücklich durch die Kluft, die zwischen seinem idealen Willen und der ihn umgebenden Wirklichkeit lag, zwischen seiner heißen jungen Kraft und den unbedeutenden Zielen, für die er sie einsetzen konnte; und seine Schwermut nahm die Form des Selbstmordgedankens an.

In dieser Dunkelheit fand er Hilfe bei Rahel, von der er in seiner bewundernden Dankbarkeit schrieb: »Sie mag wohl jetzt das größte Weib auf Erden sein.«

Sie half ihm nicht nur durch die Sympathie mit seinem Leiden, sondern auch dadurch, daß sie ihn empfinden ließ, wie notwendig er ihr war. Sie lehrte ihn, daß Naturen » mit den doppelten Gaben, dem zweifachen Sinn« lernen müssen, die Einsamkeit zu tragen und ihren Trost darin zu finden, für andere zu wirken, denn das Leben der nur klagenden ist ein elendes Leben! Wohl war es wahr, daß die Zeit keine Großtaten zu vollbringen bot, aber was allen blieb, war » das allernächste gut zu machen«. »Sie können der Zeit nicht entfliehen. Jeder Mensch ist in seine Zeit gebannt. Unsere ist die des sich selbst ins Unendliche bis zum Schwindel bespiegelnden Bewußtseins.«

»Leben, lieben, studieren, fleißig sein, heiraten, wenn's so kommt, jede Kleinigkeit recht und lebendig machen, dies ist immer gelebt, und dies wehrt niemand.«

Aber tun dieses Verständnis zu zeigen und diese Ratschläge geben zu können, mußte sie erst selbst jene Weisheit erringen, die sie in Worte wie diese zusammengepreßt hat:

»Das gestählte Herz, die sich alles gewärtige Seele, der nichts bleibt, als ihr eigenes Gewissen; die von diesem innersten Punkt des Seins aus sich auf ihr selbst stemmt und so ihre Existenz erwartet.«

Sie hatte ihm ihre Ueberzeugung beigebracht:

»Es gibt ein Universum, in dem entwickeln wir uns. Und es ist ganz gleich, welches Schicksal wir haben, wenn wir zu Sinne gekommen sind: die Entwicklung ist unser Schicksal.«

Das Zitierte zeigt, wie Rahel eigene Wunden heilte. Und um dem Freunde zu der Erkenntnis zu verhelfen, daß ein Mensch größere Qualen tragen kann, als seinen eigenen jugendlichen »Weltschmerz«, scheute sie nicht davor zurück, ihm ihre tiefsten Leiden zu enthüllen.

Und so gelang es ihr wirklich, den Freund zu retten, von dem sie sagt, daß seine Gegenwart ihr »wie das Auge der Welt« geworden war, so viel Trost und Freude hatte er ihr in dem Zusammenleben bereitet, dessen Art sie so charakterisiert: »Wir leben wie zwei Studenten, wovon der eine eine Frau ist.«

Nicht als Selbstmörder, sondern als Held im Freiheitskampf 1813 beschloß Marwitz sein Leben.

III.

Während Rahel so anderen half, war sie selbst noch immer eine Leidende. Nach der großen vulkanischen Eruption schrieb sie: »Herkulanums hat man ewig abzutragen.«

Sie war noch unter Ruinen begraben, als sie vor ihrem Grabe eine junge Stimme ein lockendes Lied von neuem Leben singen hörte.

In der bewegten Zeit des Verhältnisses zwischen Rahel und Urquijo sah Varnhagen Rahel zum erstenmal in einer Berliner Familie, wo er Hauslehrer war. Mit Interesse, doch nur aus der Ferne betrachtete er die berühmte Rahel; sie dürfte den achtzehnjährigen Jüngling wohl kaum beachtet haben, es sei denn, als ein Mitglied des Kreises literarisch interessierter und beschäftigter junger Männer, dem ihr Bruder Leopold angehörte.

Varnhagen von Ense war am 21. Februar 1785 in Düsseldorf geboren. Sein Vater war Arzt, und als dieser starb, beschloß der fünfzehnjährige Knabe auch diese Laufbahn einzuschlagen. Seine Mittellosigkeit machte die Studien jedoch langwierig, und er änderte seine Pläne mehr als einmal, ehe sie zur Ausführung kamen.

Sein zweiter Lehrerposten war in Hamburg. Und da verliebte er sich in die Mutter seiner Schüler, Fanny Herz, eine Witwe, die mehrere Jahre älter war als er. Da sie seine Neigung erwiderte, kam es zu einer geheimen Verlobung. Diese dauerte während seiner Studienjahre fort, so daß er noch immer in dem erwähnten Verhältnis zu Fanny Herz stand, als er 1807 zum zweitenmal in Rahels Nähe kam, auch damals in ihrem Freundeskreise in Berlin. Sie machte sogleich einen starken Eindruck auf ihn, und seine Ahnung von ihrem einzigen Wert wurde zur Gewißheit, als er die unbedingte Bewunderung, ja Ehrfurcht sah, mit der sein verehrter Lehrer Schleiermacher Rahel behandelte. Später sah Varnhagen sie bei Fichtes Vorlesungen, aber erst an einem Frühlingstage 1808 wagte er es sich auf einem Spaziergange Rahel zu nähern und ein Gespräch anzuknüpfen, bei dem es ihm gelang, sie so zu interessieren, daß sie ihn aufforderte, sie zu besuchen.

Rahel, die damals gerade siebenunddreißig Jahre war, betrachtete anfangs den dreiundzwanzigjährigen Varnhagen als einen jungen Mann, dem sie, wie Marwitz, in seinem Lebenskampfe helfen konnte. Bald erlebte sie jedoch zum zweitenmale die Erfahrung, die sie durch Bokelmann durchgemacht hatte: daß ein seelenvoller Jüngling seiner Schwärmerei den Namen Liebe gab – da es für die höchsten Gefühle keinen anderen Namen gibt als diesen einzigen. Und wie damals hielt sie auch Varnhagens erotisch gefärbte Schwärmerei für etwas Vorübergehendes und konnte selbst anfangs keine andere Liebe fühlen als die wunschlose, die nur Freude über den Jüngling selbst war und Dankbarkeit für seine Sympathie.

Aber der Ausgang wurde ein anderer, und Varnhagen erhielt eine Bedeutung in ihrem Leben, die die Bokelmanns ebensosehr übertraf, wie Urquijos Bedeutung die Finckensteins übertroffen hatte.

* * *

Varnhagen gehörte zu den damals so wie heute seltenen Männern, für die das seelische Moment in der Liebe das sinnliche übertrifft oder doch zum mindesten aufwiegt; für die das psychologische Interesse die stärkste intellektuelle Leidenschaft ist, und bei denen die geistige Empfänglichkeit größer ist als die Schaffensmacht. Goethe nennt Varnhagen eine »sondernde, suchende, trennende und urteilende Natur«, und diese Art von männlichen Naturen findet man am häufigsten bei der obenerwähnten kleinen Gruppe von Männern, die die weibliche Persönlichkeit lieben. Ausnahmen lassen sich freilich finden, in erster Linie Goethe. Aber im allgemeinen werden Männer, die von ihrer eigenen Kraft ganz erfüllt sind, nicht mit ganzer Seele von weiblichem Seelenleben, weiblicher Eigenart hingerissen. Der schaffenskräftige, in seine eigene Welt versunkene Mann bereitet darum der geliebten Frau selten das Glück, sich in ihrer allerpersönlichsten Eigenart verstanden und gewürdigt zu fühlen: sie ist für ihn noch immer das Geschlechtswesen. Der gar nicht oder wenig produktive Mann zeigt sich einer Frauenseele gegenüber viel häufiger eifrig lauschend, fein erwidernd, rasch vibrierend. Solche Männer haben immer viele Freundinnen und – wenn ihr äußeres Wesen nicht unmännlich ist – flößen sie auch tiefe und erotische Gefühle ein. Das weibliche Seelenleben hat für sie denselben Reiz wie die weibliche Körperlichkeit für die Mehrzahl der Männer. Denn sie sind mit dem neuen Sinn ausgerüstet: dem Sinn für die Frauenseele.

Oft fühlen sich gerade diese Männer in der Jugend nicht zu den jungen Mädchen hingezogen; denn ihrem eigenen verfeinerten Gefühlsleben, ihrer intellektuellen Reife, ihrer Leidenschaft für die Kultur – vor allem die Selbstkultur – ihrem psychologischen Forscherinteresse gegenüber nehmen sich die jungen Mädchen allzu unentwickelt oder unbestimmt oder unbedeutend aus. Und dies ist um so mehr der Fall, als die seelenvollsten jungen Mädchen häufig in den Jahren vor zwanzig – ja oft auch später – die Eigenart, die sich in ihnen entwickelt, scheu verbergen, so wie gewisse Blütenknospen ihre Farbe, bis die Blume voll entfaltet ist.

Bei Frauen in reiferem Alter hingegen finden diese jungen Männer leichter die ausgeformte Eigenart, das differenzierte und durch die Erfahrung vertiefte Seelenleben, die verfeinerten Empfindungen, die vielseitige Kultur, die für sie an einem weiblichen Wesen am anziehendsten ist.

Und weil in unserer Zeit die Frauen – durch das reichere, freiere Leben, das sie führen können – sowohl ihre äußere wie ihre innere Jugendlichkeit immer besser bewahren, werden Liebesverhältnisse und Heiraten zwischen Männern der eben erwähnten Art – aber auch von anderer Art – und älteren Frauen immer häufiger.

Kein Zeichen der Zeit ist bedeutungsvoller für die Evolution der männlichen Liebe als dieses. Denn die Liebe des Mannes hat dann in den meisten Fällen jenen Verlauf genommen, den die seelenvolle Liebe des Weibes immer nimmt: sie hat zuerst die Seele entflammt und die Flamme der Seele hat die Sinne entzündet.

Freilich geschieht es nicht selten, daß ein solcher Mann in reiferen Jahren von Liebe zu einem jungen Weibe ergriffen wird. Aus dem Gesichtspunkt der Gattung ist dies oft sogar wünschenswert – wenn die erste Frau sich darauf gefaßt gemacht hat, den zweiten Frühling, den ihr Leben empfangen hat, durch einen schließlichen Verzicht, bezahlen zu müssen.

In jedem Fall sind solche Verbindungen zwischen jüngeren Männern und älteren Frauen oft in hohem Grade entwickelnd für beide. Nietzsche empfahl sie sogar an. »Unnatürlich«, wie die Gedankenlosigkeit sie nennt, werden sie erst, wenn die Frau den Mann zurückhält, sei es mit der groben Macht, die das Gesetz gibt, oder mit der feineren, über die der Schmerz verfügt. Solange die Zwangsehe besteht und solange die Menschen nicht jene Entwickelungsstufe erreicht haben, daß sie ein geliebtes Wesen ebensowenig mit der Leiche seiner Liebe zurückhalten wollen, als sie die Leiche, den toten Körper des Geliebten bei sich behalten wollten, ist eine Verbindung zwischen Männern und Frauen, bei denen der Altersunterschied in der einen oder anderen Richtung groß ist, freilich oft unnatürlich, nicht in ihrem Beginn, aber in ihrer Fortdauer.

Doch immer häufiger sieht man heutzutage ein lebenslängliches Glück zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann oder umgekehrt, weil diese Menschen ein wirkliches Verantwortlichkeitsgefühl für den Erfolg ihres Lebensversuches haben, und ein wirkliches Verständnis für die Mittel, durch die sich eine Liebe lebendig bewahren läßt.

In dieser wie in so vielen anderen Beziehungen war Rahel ihrer Zeit weit voraus und begriff vom ersten Augenblick an, daß vollkommene gegenseitige Freiheit und Ehrlichkeit die einzigen bindenden Bande sein dürfen.

* * *

Die tiefste Macht der eben geschilderten Männer über die Frauen besteht vielleicht in ihrer grenzenlosen Sehnsucht nach den Frauen. Diese Don Juan-Naturen auf dem Gebiete des Seelenlebens werden – wie Rahel später von Varnhagen sagte – nicht von irgend einem einzelnen Weib ganz gefesselt. Aber das ganze Frauengeschlecht fesselt sie desto unwiderstehlicher. Ueberall finden sie Frauen, denen sie ihre Erlebnisse beichten, ihre Leiden klagen können, die sie trösten, wenn sie in ihrem empfindlichsten Punkt verletzt werden, sie stützen, wenn sie in ihrem Selbstvertrauen wanken. Die Frau wird der Spiegel, in dem ihre Selbstbetrachtung ihnen ihr eigenes Bild vergrößert zeigt; das Oel, das ihre Arbeitslampe nicht entbehren kann.

Dies bestätigt sich auch in Varnhagens Verhältnis zu Rahel. Er begegnete ihr zu einem Zeitpunkt, als er zu der weiten und schönen Empfänglichkeit seiner eigenen Natur auch noch die der Jugend hatte; als er durch eine schon vielseitige Kultur und frühe intellektuelle Reife seinem Alter weit voraus war, während seine Persönlichkeit noch ein Chaos von einander widerstreitenden Anlagen, Wünschen und Gefühlen ist. Sowohl in bezug auf seine Lebensbahn wie auf Lebensanschauung und Liebe suchte er nach dem für ihn Wesentlichen. Und nun fühlte er sich durch Rahel »gleichsam mit einem Ruck auf ein erhöhtes Lebensfeld versetzt«. Er stand vor einer Natur, die der Gegensatz seiner eigenen war, einer Natur in ihrer Eigenart, ebenso stark ausgeprägt wie fest abgeschlossen. Dazu war diese Natur die einer Frau, und einer Frau, deren vollkommene Offenheit ihm gestattete, in die Tiefe ihrer Seele zu blicken, und deren unbegrenzte Freigebigkeit nur mit ihrem unerschöpflichen Reichtum zu vergleichen war. Varnhagen gibt seinen ersten Eindruck Rahels so wieder: »Eine leichte, graziöse Gestalt, klein, aber kräftig von Wuchs, Fuß und Hand auffallend klein; das Antlitz von reichem schwarzen Haar, umflossen, verkündigte geistiges Uebergewicht, die schnellen und doch festen dunklen Blicke ließen zweifeln, ob sie mehr geben oder aufnehmen, ein leidender Ausdruck lieh den blassen Gesichtszügen eine sanfte Anmut. Sie bewegte sich in dunkler Kleidung fast schattenartig, aber frei und sicher, und ihre Begrüßung war so bequem als gütig. Was mich aber am überraschendsten traf, war die klangvolle, weiche, aus der innersten Seele herauf tönende Stimme, und das wunderbarste Sprechen, das mir noch vorgekommen war. In leichten, anspruchslosen Aeußerungen der eigentümlichsten Geistesart und Laune verband sich Naivität und Witz, Schärfe und Lieblichkeit, und allem war zugleich eine tiefe Wahrheit wie von Eisen eingegossen, so daß auch der Stärkste gleich fühlte, an dem von ihr Ausgesprochenen nicht so leicht etwas umbiegen oder abbrechen zu können. Eine wohltätige Wärme menschlicher Güte und Teilnahme ließ hinwieder auch den Geringsten gern an dieser Gegenwart sich erfreuen.«

Varnhagen schildert diese erste Zeit des Zusammenseins so:

»Unendlich reizend und fruchtbar war diese Erstlingszeit eines begeisterten Umganges, in welchem auch ich die besten Güter zum Tausche brachte, die ich besaß ... Unser Vertrauen wuchs mit jedem Tag ... Weit entfernt, Billigung für alles zu finden, vernahm ich manchen Tadel, und anderes Mißfallen könnt ich unausgesprochen erraten; nur fühlte ich wohl, daß die Teilnahme für mich dabei nicht litt, sondern eher wuchs, und bei diesem Gewinn konnte mir alles übrige nichts anhaben ... Mir war vergönnt, in das reichste Leben zu blicken ... Dieses Leben erschien unzerstörbar jung und kräftig, nicht nur von Seiten des mächtigen Geistes, der in freier Höhe über den Tageswogen schwebte, sondern auch das Herz, die Sinne, die Adern, das ganze leibliche Dasein war wie in Frische und Klarheit getaucht, und die reinste erquickende Gegenwart stand herrschend mitten zwischen erfüllter Vergangenheit und hoffnungsreicher Zukunft ...

Varnhagen hatte in seinem Aeußeren nichts Unwiderstehliches. Er war groß und blond, mit reichem welligem Haar um eine hohe schöne Stirn, graublauen, beobachtenden und doch sanften Augen; einer feinen Nase mit leicht vibrierenden Flügeln, einem noch feineren und sensitiveren Mund. Das Ganze war angenehm, ohne ungewöhnlich zu sein. Die Weichheit, die das Gesicht in späteren Jahren zeigte, trat vermutlich in der Jugend noch deutlicher hervor. So wie er war, übte er keine bezaubernde Macht über Rahel aus. Sie hat selbst gesagt, daß ihr verwundetes und gekränktes Herz nicht die Kraft hatte, allein zu lieben; daß es seine Liebe war, die sie gewann, daß sie sich schämte, solange sie allein liebte, aber als sie fand, daß er wirklich liebte, daß er den innersten Zusammenhang ihres Wesens gefunden, da hielt sie ihr Herz auch nicht mehr zurück. Aber, fährt sie fort, jetzt war es nicht nur Dankbarkeit für seine Gabe oder Rührung über seine Liebe. Diese wäre ihr widerwärtig gewesen, wenn sie nicht auch seinen »Liebreiz« entdeckt hätte; wenn nicht ihre höchste Herzensflamme mit der seinen zusammengeschlagen hätte. Rahels letzte Liebe ist eine Bestätigung des Wortes, das ein dänischer Dichter ausgesprochen hat: »Es ist mit unseren Herzen wie mit der Violine, die, einmal zerschlagen, einen besseren Ton, aber einen schwächern Klang gibt.« Rahel war allerdings zweimal der Liebe begegnet. Aber das erstemal war diese so wenig stark gewesen, daß die Eifersucht und die Vorurteile kleiner Frauenseelen sie besiegen konnten; das zweitemal so wenig feurig, daß die Eifersucht und die Vorurteile des Geliebten selbst sie zu löschen vermochten. Rahel hatte freilich viele Freunde gehabt Aber diese hatten sie in ihrem eigenen Interesse gesucht, weil sie Trost und Kraft oder Lebensanreiz brauchten. Sie war mit einem Worte geliebt worden, ohne verstanden zu sein, verstanden, ohne geliebt zu werden; gesucht und genossen wie eine große seltene Erscheinung. Aber niemals hatte ein Mensch ihr jenes einsamkeitserlösende Gefühl entgegengebracht, das liebendes Verständnis des Einzigsten und Eigensten unserer Seele ist. In ihrem tiefsten Schmerz hatte sie erfahren, daß die Menschen einander so wenig verstehen können, daß sie nicht einmal den Jammer vernehmen, der aus eines jeden Brust ertönt. Oder wenn sie ihn wirklich vernehmen, können sie ihm nicht einmal bei dem geliebtesten Wesen, das sie ganz verstehen, abhelfen. »Einsam sind wir. Diese Klause, worin jede Menschenseele haftet, und wo Liebe dann und wann Leben und Leben vermählt – dies ist der Grund, wovor der Mensch erstarrt.«

Von allen Beweisen für Rahels Einsamkeitsgefühl ist doch keiner bezeichnender als der, daß sie »als eine Schülerin Shakespeares« sich früh und oft mit dem Gedanken an den Tod beschäftigte. Aber nie hatte ihr eigener Tod sie bewegt; nie hatte sie gedacht, daß ihr Tod » irgend einem Menschen leid tun würde; von dir«, sagt sie zu Varnhagen, » wußte ich es; und es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich das dachte, und daß ich wußte, daß ich's noch nie gedacht hatte. So einsam habe ich gelebt.«

Varnhagen, der geborene Menschenforscher, beobachtete sie nicht nur mit durstigem Interesse, sondern nahm sie mit der unbedingtesten Andacht in sich auf. Er empfand mit einer für seine Jahre wunderbaren Selbsterkenntnis seinen eigenen Grundmangel: »Mein Gemüt ist ganz arm auf die Welt gekommen ... es sprudeln keine Quellen in mir ... ich bin leer.« Aber mit derselben Klarheit erkennt er seine Haupteigenschaft: Empfänglichkeit, verständnisvolle und innige Aneignung des Empfangenen, die Kraft zu bewundern und die Kraft zu warten. »Ich bin ein dünner Faden neben dir, schönragender Baum, ich weiß es. Und möchte verzweifeln über meine Unkraft, die so durch Liebe neben dein quellendes stromgewaltiges Leben gestellt ist; ich fühle meine Armut in jedem Sinn gegen deinen Reichtum ...

Aber in dieser völligen Leerheit bin ich immer offen; ein Sonnenstrahl, eine Bewegung, eine Gestalt des Schönen oder auch nur der Kraft werden mir nicht entgehen; ich erwarte nur, daß etwas vorgehe, ein Bettler am Wege ...

Du gehst alle Sphären durch, während ich nur in wenigen wandle ... Aber wenn du zu meiner kommst, findest du mich doch stets – und gehst du in ein Haus, wohin ich dir nicht folgen kann, warte ich ruhig an der Tür ...«

Diese letztere Eigenschaft ist die bei den Menschen im allgemeinen und bei der Jugend im besonderen seltenste von allen. Sie beruht auf der Macht, sich in einen geliebten Menschen so zu vertiefen, daß man mit unbedingtem Vertrauen abwarten kann, daß das, worin er uns ungerecht, unbegreiflich erscheint, sich entwirre und aus ihm selbst heraus erkläre. Und Rahel bereitete Varnhagen – ebenso wie er ihr – mehr als eine Schwierigkeit, namentlich durch ihre unbedingte Ehrlichkeit. Es ist für diese bezeichnend, daß mehrere der oben angeführten Aeußerungen über ihr Gefühl für Urquijo Varnhagen gegenüber – zwischen 1808 und 1812 – gemacht wurden und ebenso bezeichnend, daß sie in der bewegtesten Zeit ihrer Liebe ihre scharfsinnige Kritik gegen Varnhagen selbst richtete.

Und Varnhagens Gefühl bestand diese beiden Proben.

Rahel, die schon soviel gelitten hatte, daß sie nicht mehr an die Möglichkeit eines persönlichen Glücks glaubte, erwachte nun Tag für Tag mit steigender Verwunderung und Rührung über das, was sie erlebte.

Im Sommer 1808 wohnte sie in dem damals ländlichen Charlottenburg, und dahin kam Varnhagen jeden Nachmittag, um – auf Wanderungen in dem kühlen, duftenden Garten oder durch die Alleen, oder dem Ufer der Spree entlang, oder auch auf dem schattigen Platz vor dem Hause sitzend – Gedanken und Erlebnisse auszutauschen. Der Mond ging auf, die Sterne leuchteten, aber die Gespräche dauerten fort, mit oder ohne Worte. Und Rahel fühlte, daß die Luft rings um sie sich verwandelte durch das Verständnis, von dem jeder seelenvolle Mensch träumt, das er in der Freundschaft, in der Liebe sucht und beinahe niemals findet. Aber hat er es gefunden, dann bedarf es nicht mehr der Verkleidungen und Masken, der wärmenden Hüllen oder Verteidigungswaffen. Dann ist man in den Paradiesesgarten versetzt, wo die Luft immer milde, die Nacktheit immer natürlich, die Waffen immer überflüssig sind. Man bewegt sich dort wie ein glückliches Kind in der Wärme liebender Augen.

Je reicher, je zusammengesetzter ein Mensch ist, desto schwerer findet er dieses alliebende Verständnis. Aber findet er es, dann verwandelt es das Dasein so wie eine Wanderung sich verwandelt, wenn man von der heißen, staubigen Landstraße in den weichbemoosten, sonnebeschienenen, duftreichen Wald einbiegt; so wie die Luft sich verwandelt, wenn ein lange bleigrauer Himmel sich zerteilt und eine Sonnenflut auf die Erde hinabstürzt; so wie die Landschaft sich verwandelt, wenn man durch eine Biegung des Weges die Alpennatur hinter sich läßt und Italien – in der Jahreszeit der Rosen oder Trauben – vor sich sieht

Wer dies – wenn auch nur für einen Tag – erlebt hat, ahnt, was Rahel fühlte, als sie zum erstenmal Schritte sich » dem stillen, unerreichten See in der Tiefe des Gemütes« nähern hörte; als sie sich nicht mehr einsam fühlte, als sie allmählich von dem Sonnenrausch der allumfassenden, alles durchdringenden Sympathie ergriffen war, als sie einer Sehnsucht begegnete, die ihr Wesen in allen seinen Schattierungen, Unberechenbarkeiten und Veränderlichkeiten begehrte. Rahel spricht von ihrem Zusammensein, » unserem lustigen, lieben, kindischen, heiteren Umgang, unserm Laufen, Essen, Luftgenuß, Jagen nach Vergnügen; unserm anspruchs-, plan- und zwecklosen Sein ..« Und als das Beste hob sie hervor, daß es ihnen nie einfiel » etwas vorstellen zu wollen«. Ehe sie noch Varnhagen gefunden hatte, schrieb sie:

... »Ich kenne vorzügliche Menschen. Sie sind mir auch gut und lieben mich zu sehen wie einen Fels, wie Wolkengebilde und sturmbewegte Wellen und dergleichen. Keiner herbergt den Menschen in mir, wo sie doch alle untertreten.«

»Du bist der einzige in der ganzen Welt, der mich je lieb hatte, der mich behandelte, wie ich andere. Ja, ich bekenne es dir gerne, mit dem ganzen Drang der Erkenntlichkeit: von dir lernte ich geliebt sein, und du hast Neues in mir geschaffen. Nicht Eitelkeit ... ist es, die ewig mein Wesen mit Befriedigung durchdringt, du wirst es wissen, du! – bei dessen rechter Vorstellung die Tränen mir in die Augen dringen – es ist das endliche, gesunde, kräftige, wahre, wirkliche Empfangen der Seele. Sie nimmt und gibt, und so wird mir ein wahres Leben geboren! Freue dich, wenn du wirklich etwas von mir hältst, und mein Leben und Sein für ein außerordentliches nimmst: Du hast es zu einem menschlichen gestempelt

Ich liebe an dir, daß du mein Wesen erkennst und daß das Erkennen sich in dir ausdrückt und wirkt und äußert, wie es geschieht. Ich liebe dich überaus zärtlich wieder, du hast es hundertmal gesehen.« ...

Und später: »Nur einer in der ganzen Welt erkennt mich an, daß ich eine Person sein soll; will nicht nur einzelnes von mir gebrauchen, verschlucken; liebt mich, wie die Natur mich geschaffen hat und das Schicksal behindert; sieht dieses Schicksal ein: will mir den Rest vom Leben noch lassen, gönnen, erheitern, dem Himmel entgegentragen: will für das Glück, mein Freund zu sein, mir alles sein, leisten und lassen. Dies ist der Mensch, den man meinen Bräutigam nennt.«

Varnhagen schildert seinen Eindruck des Sommers mit den feinen Worten:

»Ich komme mir vor, als wäre ich diesen Sommer in Athen gewesen.«

In Rahels Gesprächen hatte er die höchste Spekulation gefunden, »wie sie im Leben sich gestalten muß, das tiefste Mark der Philosophie« und er fühlte, daß er aus dem Verkehr mit ihr mit freigewordenen Kräften hervorging, mit »einem neu erhellten Wesen«; all das tiefste, beste in ihm selbst hat sie ihm offenbart. »Dein Einfluß strömt in mir ununterbrochen fort, tausendarmig.«

Aber gerade, als Rahel die Urne mit der Asche der Vergangenheit geleert und sie wieder dem Altar näherte, wo neues Feuer zu holen war; gerade als sie ihr Herz in das maigrüne Gras hinausgetragen – so wie man ein winterkrankes Kind hinausträgt – da begannen auch in diesem Verhältnis die » leidenschaftlichen Spannungen«, die sie gefürchtet hatte. Sie, die sich so fertig mit dem Leben gewähnt, daß sie nur » etwas Sonne, Luft und Grün« davon erhoffte und die gerade darum dem Tag » heiter und unbefangen« entgegensehen konnte, sie fühlt jetzt, daß es nicht mehr so ist, als ob der Tag ihr angehört: » Dies Göttergefühl, mein einzig Glück, ich habe es nicht mehr.«

Und der Grund war, daß Varnhagen durch seine erwachende Liebe, seinen Wunsch, die ihre zu gewinnen, seine Unruhe, ihrer unwürdig zu sein, sein fortlebendes Gefühl für seine Verlobte und seine Verbindung mit ihr so aus dem Gleichgewicht gekommen war, daß sie ihn als ein sie angreifendes Wesen empfand und der Verkehr zwischen ihnen » sonderbar schneidend und schmerzend wurde«. »Sie behandeln mich wie eine Mine: mit Hacken, Stangen und Werkzeugen wollen Sie das aus mir holen, was ich enthalte, und Schlacken abschlagen, stoßen, brennen, reißen und es so zu Ihrem Gebrauch läutern! Wenn es aber anders wäre? Und Sie zerquetschten die Pflanze?

Ich fühle mich beengt und beängstigt, weil ich leisten soll, beschämt und verdrießlich, weil ich nicht leisten kann ...«

Und nun brach die Gewißheit über Rahel herein, daß sie ihr zur Ruhe gewiegtes Herz nur hatte erwachen lassen, damit es von neuem getötet werden sollte; daß sie kaum noch fühlte, daß Varnhagen ihr unentbehrlich geworden, als sie auch schon vor der Möglichkeit stand, ihn zu verlieren, und zwar durch zwei Gefahren: die ihrer eigenen Vergangenheit und die der seinen. Denn Rahel verhehlte ihm nicht, daß die Leidenschaft, die Urquijo ihr eingeflößt, Varnhagen ebensowenig wie irgend jemand anderer erwecken konnte; und sie macht ihm klar, daß alle Forderungen nach dieser Richtung nur die Schönheit des Neuen trüben würden, das zwischen ihnen aufkeimte. Sie läßt ihn alle ihre Briefe an Urquijo lesen, obgleich sie fühlt, daß dies sie vielleicht trennen wird. Aber als sie ihm die Briefe gibt, warnt sie ihn, sie zu leicht fahren zu lassen, denn mit ihr würde er eine Welt verlieren; nirgends könne er jemand finden, mit dem das Zusammenleben leichter und mannigfaltiger, die innerste Treue inniger, die Sicherheit und Harmonie größer sein würde: denn freilich war sie nichts in irgend einer bestimmten Richtung; aber ebenso gewiß als man seine Existenz fühlt, wußte sie, daß ihr Gutes einzig war!

Und nicht nur dies. Sie fühlte auch, daß ihre Empfindung für Varnhagen wuchs, daß der Schmerz, ihn zu verlieren, größer sein würde als alle vorhergehenden. Aber dies hindert nicht, daß Rahel – als er beginnt, von seinem noch fortdauernden Gefühl für Fanny zu sprechen, von den innigen Briefen, die er noch immer an sie schrieb, von ihrem Warten auf ihn, von seinem Leiden durch ihr Leid – in voller Uebereinstimmung mit ihren Ansichten handelt, weil diese Ansichten eins mit ihrer Natur waren.

In ihrem bittern Schmerz darüber, daß sie wieder rein und ehrlich gekommen war und sich gezwungen sah, » arm und gekränkt« zu gehen, durchkreuzte sie freilich der Gedanke, daß sie dieses Mal nicht weichen, daß sie den Kampf mit dieser ihr inferioren Frau aufnehmen wollte. Aber bald gibt sie diesen Gedanken auf, und Varnhagen – mit seinem Jammer über das »Wirrsal«, in dem er keinen Ausweg fand, in dem er weder Rahel noch Fanny wählen konnte – erschien ihr bald bedauernswerter als verächtlich. Er hatte vielleicht Recht darin, daß er ein »hypermoderner« Mensch war, daß er wirklich zwei zugleich lieben konnte, daß er viele Liebesverhältnisse sowie viele Freunde brauchte? Er gehörte vielleicht zu den » zerstückelten Neuerern, den kranken Europäern«, und er mußte seiner Natur folgen, so wie sie der ihren. Sie sah ein, daß sie mit ihrer äußerst explosiven Natur wohl heftig, ungleich, ungerecht sein konnte, aber, ruft sie aus, wen » Gott herumtreibt, kann der sich halten und lieblich sein?«

Trotz des Schiffbruchs, der sie an das Ufer geworfen, das die Alten Hades nannten, hatte sie doch den Mut, sich noch einmal auf dasselbe Meer hinauszuwagen, und sie fühlte, daß sie gerade durch diesen Mut, durch die Kraft ihres armen, einsamen, mißhandelten Herzens, von neuem zu lieben, etwas sehr wunderbares war, und daß ihre eigene Macht, viel zu geben, sie auch berechtigte, viel zu verlangen.

Nicht Treue. Freilich nennt sie » Liebe und Treue eins«, aber sie erklärt sogleich, dies bedeute nicht, daß eine sogenannte Liebe nicht aufhören könne. Dadurch erweist sie sich eben als eine Illusion. »Unsere Sinne behalten sich alsdann was Besseres vor, und unser Herz war nicht getroffen und rührte auch nicht unser übriges Gemüt ... Das ist keine Treue, die man sich rettet – aber das ist Treue, die mit unserm Blut tief und gesichert im Herzen sitzt ...« Sie weiß, daß sie selbst zu jenen gehört, die nichts anderes können als lieben, für die die Liebe » Meisterprobe, Krone, Leben und Beglaubigung« ist. Varnhagen könnte die Treue nicht aus ihrem Herzen reißen, ohne das Herz selbst zu zerreißen, ohne all sein Blut in Tränen zu verwandeln, und ohne sich selbst umzuwandeln, so daß sie ihren Glauben an ihn verlöre!

Varnhagen hat ihr das Glück gebracht, und ob es ewig dauerte oder nicht, das änderte an seiner Wirklichkeit nichts. War sein Glück noch bei ihr, dann würde sie närrisch vor Seligkeit werden, aber ohne sein Glück konnte seine Gegenwart nie ihr Glück sein. Und sie ruft schließlich aus: » O, verstehe mich! Könnte ich deinen Kopf halten, dich küssen, so würdest du mich verstehen.«

Was sie verlangt, ist nur, daß er wähle. Es war ja möglich, daß – trotz Rahels Ueberzeugung, » wo ein Herzschlag ist, da ist Ernst«, trotz ihrer Gewißheit, daß » das innere Herz klüger ist als alles« – sie sich irrte und Varnhagens Braut sein » eigentlicher Lebenspuls« war. Und darum fühlte Rahel nur eine Pflicht: Varnhagen vollkommene Freiheit zu geben und zu verlangen, daß er nach Hamburg fahre, um sich durch ein neues Zusammenleben mit Fanny Herz über sich selbst klar zu werden. Nur einen für sie charakteristischen Rat gab sie ihm:

» Hab kein Gewissen!«

Weder sein Mitgefühl mit Rahels Leid, noch mit dem Fannys sollte irgend einen Einfluß ausüben, sondern nur die Rücksichten auf das, was er als sein wirkliches Glück erkannte, sollten maßgebend sein. Du sollst frei sein! Und du bist frei. Kein Wort gegen mich, keine Aeußerung, keine mir gemachte Hoffnung bindet dich ... Dein Sehnen, deine Liebe zu mir kann mich nur beglücken, ein Band, das dich hält, nie, nie! Ein Vogel auf deinem Zweige bist du bei mir.«

»Du mußt sie sehen, die Frau, mußt mit ihr leben. Sind Wunden da, so müssen sie rein ausheilen: entweder durch glückliches Zusammenleben oder reine Trennung. Ich mag dich eher nicht wiedersehen. Stärker, baumfester, reiner, entschlossener, in mich selbst eindringender werd' ich mit jeder Nacht; nichts Schwächliches, Verwundetes, Zweideutiges, Krankes, Erbärmliches in Seelen kann ich dulden.«

»Wenn du mich liebst, wird es sich finden: ich kann nicht mehr ringen, mit und um nichts: und ein errungen Glück ekelt mich von je.«

»Du hältst mich für hart? Ich bin es, Unselige! Und ewig gegen mich! Ich wollte dir nicht zwei leidende Weiber zeigen und zeigte dir ein eisernes. Noch jetzt, wenn du mich verlassen mußt, werde ich nicht jammern. Kommst du, ist mir wohl. Schwanken liebe ich nicht: das ist die Grenze meiner Natur.«

Ohne daß Eifersucht in ihr rast, kann sie der Möglichkeit, ihn zu verlieren, ins Auge blicken. Aber nur, wenn er dadurch ein größeres Glück findet. Für ein erloschenes Gefühl, für falsche Pflichtbegriffe will sie sich nicht opfern lassen. Ging er, so war sie nicht einsamer, als bevor er kam. Und was sie durch ihn an Glück besessen, verblieb ewig ihr eigen. »Du sollst Liebe und Glück und Helle genießen ... Dies ist bei mir kein hyperbolisches, empfindsames Aufopferungsfeuer. Ich halte nichts vom Teilen und Opfern. Aber liebtest du: ich hülfe dich krönen!«

»Ich liebe dich überaus zärtlich wieder, du hast es hundertmal gesehen; ich könnte mein Leben mit dir zubringen; es ist mein sehnlichster, ernster, jetzt einziger Wunsch; ich weihte dir es in Freude und der größten Befriedigung; ich erkenne deinen ganzen Wert, und nicht ein Pünktchen deiner Liebenswürdigkeit und deines Seins – Skale hinauf und Skale hinunter – entgeht mir. Ich bin dir treu, aus Lust, Liebe und der gelassensten Wahl. Ich habe keine Forderung über dich. Ich bin dein Freund, wie es ein Mann sein könnte. Du bist durch mich in nichts gebunden, ich möchte dir mit meinem Blute dienen. Und ist es nicht natürlich, daß ich endlich – und es geschieht deutlich nur durch dich – erkannt sein will ... Denke aber nicht, daß ich dich ganz ohne Unruhe liebe. Dein Besitz ist mir nötig in jedem Sinn. Aber wo Befriedigung war, da bleibt sie. Und in jedem Verlust, in jedem Darben, würde sie mir ewig Nahrung bleiben. Ich habe es besessen, das Lebensglück.«

Sie spielt keinen Heldenmut, sie spricht ihre Trauer offen aus, die sie hindert, das Grün, das Licht, die Schatten zu genießen, an denen sie sich zusammen gefreut, so wie sie ihm auch jedes Wort, jeden Schein und Schimmer mitteilen wollte, der sie erfreut. Sie sagt ihm, daß er bereits mit seinem Eintritt in ihr Leben » ein Sonnenblick über den ganzen Gesichtskreis ihres zu lebenden Lebens« geworden sei; es hat ihr ein Gefühl der Gesundheit, des Stolzes, der Befriedigung gegeben: sie hat gefühlt, daß die Verzauberung ihres Schicksals gebrochen ist, und sie hat den Mut, ihn jetzt zu verlieren und weiterzuleben. Ist es für ihn recht, zu gehen, dann soll er es auch tun, dann wird sie ihn mit derselben Notwendigkeit verlieren, mit der die Blüte vom Baum fällt, und der Baum kann doch auf jeden Fall den Winter überdauern. »Soll ich mich denn vorher morden, weil ich sterblich bin?« ... Es ist dumm, sich zu fürchten; ist jetzt nicht auch Zukunft? Diese will man immer so schön, so sicher haben!«

Es gibt keine Zeit in Rahels Leben, die ihr Wesen klarer beleuchtet als diese. Eine gewöhnliche, selbstsüchtige Frau würde unter den gegebenen Verhältnissen alles getan haben, um Varnhagen in Berlin zurückzuhalten und hätte bald mit Kälte, bald mit Glut seine Eifersucht und seine Leidenschaft angefacht. Eine gewöhnliche selbstlose Frau hätte unter den gegebenen Verhältnissen sich selbst für seine sogenannte »Pflicht« gegen seine Braut geopfert.

Rahel tut nichts dergleichen. Sie schickt ihn nach Hamburg, aber behält – durch ihre Briefe, ihr offen gezeigtes Gefühl – die Stellung, die sie gewonnen; seine Braut hatte durch ihre Gegenwart dieselbe Möglichkeit, und nicht das Opfer einer von ihnen nur seine freie Wahl sollte über sein Schicksal entscheiden. Selbst wollte sie die Krise abwarten, so wie man die Krise des Fieberkranken abwartet. Aber ehe er in der einen oder anderen Richtung entschieden hatte, wollte sie ihn nicht wiedersehen.

In Hamburg fand Varnhagen, daß sein Gefühl für Fanny von Tag zu Tag immer mehr erkaltete, daß die Mißstimmung zwischen ihnen zunahm, daß, auch wenn Rahel nicht gewesen wäre, sich doch das Verhältnis nicht wiederherstellen ließ. Als er zu Rahel zurückkehrte, hatte er es in entscheidender Weise gelöst.

Aber nun begannen die neuen Schwierigkeiten, die dadurch verursacht wurden, daß Varnhagen weder Vermögen, noch ein Amt, noch eine gesellschaftliche Stellung hatte, und daß er Rahels Schicksal nicht früher mit dem seinigen vereinigen wollte, oder konnte, ehe er etwas mehr war als ein Student, dessen Studien nicht einmal abgeschlossen waren. Rahel war mit ihm darin einig, und so blieben sie während ihrer Verlobungszeit mit kurzen Unterbrechungen getrennt, während Varnhagen als Student, Militär, Diplomat seine Bildung vollendete und sich eine Lebensstellung begründete, so daß er ihr etwas mehr bieten konnte als nur seine hingebende Seele. In diesen Jahren der Ungewißheit und der Trennung betätigte Rahel immer vollkommener ihren großen Grundsatz für das Zusammenleben: » Wahr sein und mild werden.«

Den Grundsatz, den sie auch etwas ausführlicher mit diesen Worten formuliert hat: » Sehen, lieben, verstehen, nichts wollen, unschuldig sich fügen; das große Sein verehren, nicht hämmern, erfinden und bessern wollen und lustig sein und immer güter!«

Dies war während Varnhagens sechsjähriger Odyssee nicht immer leicht; denn seine Unentschlossenheit, Planlosigkeit und Unberechenbarkeit verursachten Rahel nicht nur Leid, z. B. durch verfehlte Zusammenkünfte, sondern auch praktische Schwierigkeiten und persönliche Unannehmlichkeiten. Sie hatte ihrerseits die leichte Empfindlichkeit der zweimal tödlich Verwundeten. Sie will sich lieber zurückziehen als beständig von neuem leiden, und sie fürchtet so sehr, ihn zu binden oder zu hemmen, daß ein weniger feiner Seelenkenner als Varnhagen sie für kalt gehalten hätte. Es ist sehr bezeichnend, daß sie niemals den Altersunterschied als ein Hindernis empfand, denn einerseits sah sie immer jünger aus als er, andererseits fühlte sie mit einem ihrer Freunde: zwischen Liebenden »les âmes sont toujours du même âge«. Was sie fürchtete, war, daß sie zuviel gelitten hatte, daß sie nicht mehr Spannkraft, Mut, Vertrauen zum Glück besaß; und was sie wußte, war, daß sie nicht mehr die Anspruchslose, nur Gebende sein wollte. »Ich habe gebüßt genug auf der Erde, mit dem ganzen Erdenleben für die Lüge, daß ich nicht forderte, was ich verlangte und gab.«

Es kommt wohl vor, daß Rahel sich mit einem Tadel übereilt, aber sie gesteht ihr Unrecht bereitwillig zu, und Varnhagen macht es ihr leicht, durch die rührende Liebenswürdigkeit, mit der er ihre Strenge aufnimmt, auch wenn er sie nicht verdient hat. Er fühlte, daß sie im großen ganzen recht hatte, wenn sie seine Aufmerksamkeit auf das lenkte, was sie seine » Lebenspausen« nennt: die Roheiten und Unzartheiten, oder Uebereilungen, durch die er sich Feinde machte, sowie sein ewiges » sich aussprechen« mit jedem, der ihm in den Weg kam, sein weichliches Sympathiebedürfnis und sein unselbständiges » Nachmachen«.

Seine Wurzellosigkeit und Ruhelosigkeit war zum großen Teile durch die Zeitverhältnisse verursacht. Aber sie riefen oft in Rahel den Zweifel hervor, ob denn die Erde für sie nur da sei, um darauf » zu weinen, entzückt zu sein, zu lieben«, aber niemals Wurzel zu schlagen. Und da Varnhagen, auch er ein Goethejünger, das Wort Kultur im tiefsten Sinn auffaßte – als die Bildung, die den ganzen Menschen durchdringt und umgestaltet – war er hoch sinnig genug, um Rahels schonungslose Ehrlichkeit zu lieben, auch wenn sie auf die unfruchtbaren Stellen in seiner Natur hinwies, die er urbar machen sollte. Nichts schildert Rahels Gefühl in diesen ersten Jahren besser als folgende schöne Worte: » Gott, wie freue ich mich deiner Entfaltung! Lieber Kelch, was enthieltest du! An meiner Brust erwärmt, an meiner Liebe! Ich bin so selig und so stolz und so unruhig. Mein Geist und mein Herz hat ein Kind! Dies Kind ist mein Geliebter! ...«

Und wirklich war sie für ihn Mutter und Schwester, Freundin und Geliebte; sie strahlte Geist und Güte aus; ihre Hingebung war ebenso klarsehend und klug, wie zärtlich und werktätig.

Ihr Gefühl zeigt sich echt und gesund bis in all die kleinen Züge, durch die sie beweist, wie immer gegenwärtig er für sie war. Sogar wenn sie etwas aß, das ihm geschmeckt hätte oder die Luft oder eine Wanderung genoß. Und sie jubelt, wenn ähnliche Dinge in seinen Briefen vorkommen. So z. B. als er einmal nur eine harte Holzbank als Nachtlager hatte und dachte: » Wenn Rahel das wüßte.« Diese einzigen Worte hatten wie ein » Wetterleuchten« ihre Seele mit hellem Glück erleuchtet. Denn sie zeigten eine innige, vertrauensvolle, hingebende Liebe und das Bewußtsein, geliebt zu sein. Wäre sie dort gewesen, sie hätte ihn auf der harten Holzbank geküßt, und wie hätte sie es ihm bequem gemacht, denn er hätte an ihrer Schulter ruhen können.

In vieler Weise zeigt Rahel, daß sie ihn nicht » ohne Unruhe« liebt, und bei einem von ihm ausgesprochenen Zweifel rief sie aus: » Hast du nie das Entzücken meiner Augen gesehen, wenn ich deine sah? Den erstickenden Strom von Glückseligkeit, der dann über mich kam?«

Freilich war sie noch immer »unerreichbar« in ihrer Seele und weiß, » diese Mitgift fremder Welten trägt jeder mit sich umher.« Sie fühlte, daß in die Zweifel des Geistes, in die Tiefen der Gewissensprüfung und der Erinnerung nicht einmal die Liebe eindringen kann. Aber im übrigen fühlte sie die Liebe ihr ganzes Wesen durchdringen, und sie kann Varnhagen mit Wahrheit sagen: » Mein Gemüt hast du erreicht, mein ganzes Herz.« Ja, sie scheint sich selbst schattenhaft und gering ohne seine Liebe; an den Tagen, an denen sie ihm nicht geschrieben, hat sie gar nicht gelebt, und seinen Mund, seine Augen zu küssen, sich in sein Herz zu schmiegen ist ihre innige Sehnsucht.

Varnhagen zeigt seinerseits auf tausend Arten die Wahrheit seiner Worte: »Ich habe dich so grenzenlos lieb und auf die innigste Weise, wie nicht Geliebte und nicht Freunde lieb gehabt werden, wie dein Jünger und Verkündiger.«

Er zweifelt, daß sie so sehr unter der Trennung leiden kann wie er, denn sie hat ja – Rahel, nach der er sich immer sehnt. Er hungert nach jeder Zeile von ihr und bittet sie, ihn auch sehen zu lassen, was sie an andere schreibt, denn er geizt nach jedem kleinsten Wort von ihr.

Und doch, wenn ihre Briefe kommen, läßt er sie zuerst ein kleines Weilchen uneröffnet vor sich liegen. Denn der Brief bringt einen Sonnenstrahl ihrer Gegenwart, und ihn auch in der äußern Gestalt zu sehen und zu berühren, schenkte ihm ein wenig von jener Seligkeit, die er empfand, wenn er in ihre Augen bücken, ihre Lippen küssen konnte, mögen sie nun die Tiefe, die Vornehmheit oder die Munterkeit ihres Naturells offenbaren, über das er Jean Pauls Urteil bestätigte, daß die Klugheit und der Witz, wie groß sie auch sein mochten, doch bei Rahel weniger bedeutend waren als die Innigkeit und die Güte. Bei dir, sagt Varnhagen, ist auch das Gewöhnliche ungewöhnlich durch die Echtheit, die aus jeder deiner Lebensäußerungen strahlt. Und er fand einen seiner glücklichsten Ausdrücke für Rahels Persönlichkeit – ihre Festigkeit, Einheitlichkeit, ihre in sich vollabgerundete Abgeschlossenheit – als er sagte, daß sie eigentlich plastisch ausgedrückt werden sollte. Und ebenso drückt Varnhagen sein eigenes Gefühl für Rahels Wesen am allervollkommensten mit den Worten aus, daß sie für ihn das ist, was die Bibel für die Christen. Der Gedanke an sie begleitet ihn überall hin, er ist das Licht seines Lebens und umfaßt den ganzen Kreis seines Wissens, seine Freuden und seine Leiden. Sie, die ewig sehende und schaffende, besät die Gefilde seiner Seele mit ihren lebendigen Worten, von denen jedes in ihm aufkeimt und zu einer vollen Aehre wird, aus der er seine Nahrung schöpft. Er freut sich, daß wenn ihre Briefe sich kreuzen, es oft vorkommt, daß sie denselben Gedanken enthalten, den ein jeder unabhängig vom anderen niedergeschrieben hat; denn er findet darin einen Beweis, in wie hohem Grade sie zusammengehören, wie sie sich über dieselben Dinge freuen und Scherz und Ernst in gleicher Weise verstehen.

Und, schreibt er, wie der Strahl eines Springbrunnens, steigt beständig der Wunsch in ihm empor, alles mit ihr zu sehen, sie über alles sprechen zu hören, ihr Leben sich in alles versenken und wieder blühend aus allem emporsteigen zu sehen!

Du bist, sagt er, so reich, daß zwanzig wie ich nötig wären, um nur ein so sehendes Augenpaar zu bilden wie das deine; und in meinem ganzen Kopfe ist nicht soviel Leben wie in deinem kleinen Finger! Auf allen Wegen dringen seine Gedanken, Träume, Pläne zu ihr, deren bloßes Dasein für ihn wie ein Siegesfest war.

»Daß mein Leben dich gewinnen konnte, gewonnen hat, das macht es mir zu einem der auserwähltesten, die je auf Erden geführt worden,« sagt Varnhagen.

Aber man kann die Aeußerung umkehren und sagen, daß nur eine seltene Natur Rahel gewinnen konnte, und es gibt kein sichereres Zeugnis dafür, daß das Wesentliche in Varnhagens Natur wertvoll war, als daß er mehr als irgend ein anderer Rahel mit dem vollkommenen Verständnis der Liebe verstand. Was ihm im öffentlichen Leben an Schwächen anhaftete, gehört nicht hierher. In einem war er groß: in seinem großen Gefühl. Eines solchen fähig gewesen zu sein, ist der Adelsbrief eines Menschen, ist sein ewiges Leben. Jeder, der mit sehenden Augen den Briefwechsel zwischen Rahel und Varnhagen liest, fühlt auch, daß es noch immer derselbe Eros, dieselbe Sonne ist, die Rahels Dasein beleuchtet, nur eine andere Jahreszeit, nicht mehr Frühling, wie in dem Gefühl für Finckenstein, nicht mehr Hochsommer wie bei dem Gefühl für Urquijo, sondern September, die Jahreszeit, wo noch keine Kälte und keine Armut eingetreten ist, die Jahreszeit, wo die Hitze verschwunden, aber die Wärme geblieben ist, wo der Wind kühl und sanft ist wie Seide, die geklärte Luft tiefblauer und die Sonne goldiger denn je, wo die Gärten von farbenprächtigen Blumen leuchten und reifende Früchte in das tauige Gras fallen, wo die Fülle und der Friede sich verbinden wie in keiner anderen Jahreszeit.

Und Rahel drückte diese Fülle und diesen Frieden durch die Liebe mit dem schlichtesten und größten aller Liebesworte aus: » Vom Leben würde ich, schmerserleichtert, in deiner Gegenwart scheiden.«

IV.

Je inniger ihre Seelen sich vereinten, desto tiefer empfand Varnhagen den Verlust jedes Tages, an dem er von Rahel getrennt war, deren sprudelnde Spontanität im Zusammenleben keine Briefe ersetzen konnten.

Endlich kam die Zeit, wo sie – nach Rahels Worten – ihre Liebe » auf dem bürgerlichen Ambos« bereiten konnten, was ja die Bedingung dafür war, daß » die Bürgersleute sie passieren ließen«. Varnhagen fand es geradeso wie Rahel erbärmlich, daß man » für das Verschiedenartigste in dieser Armenanstalt nur diese Form hat«. Beide unterwarfen sich der Form unter dem Vorbehalt, es zu »ignorieren«, daß sie verheiratet waren. Rahel betont vor wie nach der Heirat, daß wenn Varnhagen ihr » namenloses Freiheitsstreben« nicht verstanden, wenn sie mit ihm nicht in allem hätte wahr sein können, wenn er nicht ganz wie sie über die Unvernunft der Ehe gedacht hätte, sie ihn niemals geheiratet haben würde.

Sie wurden in größter Stille am 27. September 1814 getraut, um sich – infolge einer Berufung Varnhagens – bald wieder zu trennen. Ihre fünf ersten Ehejahre wurden teils in Wien, teils in Karlsruhe und anderswo verbracht, ein unruhiges Leben, während dessen Rahel sich immer mehr danach sehnte, nach Berlin zurückzukommen. Erst im Oktober 1819 wurde dies möglich; aber von dieser Zeit an bis zu ihrem Tode war sie nur ganz kurze Zeit von dem Orte entfernt, den sie liebte, weil sie dort soviel gelitten, geliebt und empfunden hatte. Während der vielen Trennungen, die diese ersten Jahre mit sich brachten, sind Varnhagens Ehemannsbriefe noch inniger als vor ihrer Vereinigung. Immer mehr entdeckt er im Zusammenleben Rahels »Einzigkeit«; sie allein ist im vollsten Sinn gut, geistreich, schön und wahr, und durch die »Liebes- und Lebenswellen«, die sie über ihn strömen läßt, ist sie seine »Beglückerin«. Und sie ruft aus, daß es ein » Glück zum Knien« ist, von ihrem Gemahl solche Liebesbriefe zu empfangen; sie machen sie demütig und unruhig, nicht schön genug zu sein – so daß andere vielleicht Varnhagen wegen seiner Wahl tadeln würden – und zugleich froh, daß sie so jung aussieht, etwas, was ihr sonst zuwider wäre, denn » sie sieht es lieber, wenn die Jahre und das Gesicht zusammengehen«, und es ist ihr Staunen wie ihr Glück, daß Varnhagen » durch einen Zauber, den sie nicht kenne«, in sie verliebt ist. »Ich bin so geliebt und geehrt von ihm, daß ich mich vor Gott schäme und immer in mich gehe, wie ich auch ihm das Leben versüßen will, damit ich's nur etwas verdiene. Mein Hauptglück besteht aber darin, daß ich durchaus nicht merke, daß ich verheiratet bin! Ganz in allem, im größten und im kleinsten frei bin, lebe und mich fühle, Varnhagen alles sagen kann. Ganz wahr sein darf: und daß dies gerade ihn so freut und entzückt. Er ist aber auch glücklich durch mich: nur durch mich. Sie sollen sehen und hören, wie er mir das in der Gegenwart und in Briefen ausdrückt. In Büchern glaubt man so etwas nicht und denkt: Es ist nur gedruckt.

Ich bin völlig frei von ihm, sonst hätte ich ihn nie heiraten können. Er denkt über Ehe wie ich.«
»Ich erkenne aber kein Verhältnis zu einem Menschen für frei und schön an, welches mich beschränkt, wo ich lügen müßte, oder welches meiner Natur Mögliches und Erforderliches ausschließen wollte. Und an Varnhagen schrieb sie:

So sehr es möglich war, deiner Natur möglich, eine wie meine zu verstehen, verstandest du sie: durch großartigstes, geistvollstes Anerkennen: mit einer Einsicht, die ich nicht begreife, da sie nicht aus Aehnlichkeiten der Naturen kommt. Unpersönlicher, großartiger, mit mehr Verstand ist es nicht möglich, daß ein Mensch den andern in sich aufnimmt und behandelt, als du mich. Mehr in des ganzen Herzens Wollen hat nie eine Einsicht in einem Menschen gewirkt, als deine über mich! Anerkannter kann das nicht werden als von mir und mehr in Liebe gewandelt dies Anerkennen auch nicht werden.«

* * *

Daß Rahel nicht im eigentlichsten Sinne des Wortes in Varnhagen verliebt war, daß seine Persönlichkeit sie nicht mit derselben Bezauberung erfüllte wie die ihre ihn, das ist unverkennbar.

Es ist möglich, daß sie an ihr Gefühl für Varnhagen gedacht hatte, als sie sagt: » Nicht unsere erste, wie das Sprichwort heisst, sondern unsere letzte Liebe ist die wahre: die nämlich, welche alle Kräfte dazu nimmt.« Aber dann hat eine augenblickliche Stimmung diese Worte hervorgerufen. Denn ihr Gefühl für Varnhagen nahm nicht alle ihre Kräfte in Anspruch. Ein Beweis unter vielen dafür ist es, daß Varnhagen, nicht Rahel darüber klagte, daß das Berliner Leben ihnen fast nie eine einsame Stunde zusammenließ.

In dem Heim, das sie am längsten – bis zu Rahels Tod – bewohnten, Maurerstraße 36; in den ersten Jahren wohnten sie in der Französischen Straße 20. hatten sie ihre Freude an den großen hohen Räumen, wie auch an einem Nachbargarten wo » wie in einem Forsthause Luft und Geruch herrschte«. In der Wohnung war alles einfach; ein paar Porträts und Büsten sowie Blumen waren das einzige, das nicht zum Notwendigen gehörte. Aber alle Anordnungen waren so behaglich und bequem, daß das Ganze einen geschmackvolleren Eindruck machte als große Eleganz. Daß ein Klavier und Bücher zum Notwendigen gehörten, braucht nicht erst betont zu werden.

Rahel war eine jener – noch sehr seltenen – Frauen, die ein ungezwungenes »Sichausleben« mit Ordnung und Regelmäßigkeit in allen Verhältnissen des Alltags verbinden; auch durch diesen Zug unterschied sie sich ebensosehr von der Romantik als sie Goethe darin glich. Goldene Wahrheiten sagt Rahel über diesen Gegenstand: »Nur die besten Menschen sind exakt. Nur die besten wissen, daß das höchste gereinigte Erdendasein bedingt ist und nicht bestehen kann, ohne höchste Ordnung des Einrichtens der gewöhnlichsten Dinge und Umgebungen, und daß nur dadurch die uns ewig unbegreifliche und unwiderbringliche Zeit ökonomisiert wird; nur die besten Menschen unterwerfen sich diesen Bedingungen.«

»Le positif« des Lebens besteht darin, das abzuleben, was gerade vor uns steht ... Die Gegenwart fühlen, mit ihr sich abgeben können, das ist Lebenstalent; je mehr man davon in sich trägt, je positiver ist man und je mehr Positives wird uns vorkommen.«
Durch diese Eigenschaften gelang es ihr trotz ihrer zunehmenden Kränklichkeit, trotzdem ihre Zeit ihr » geraubt, gestohlen, zerrissen« wurde, ihr Haus in vortrefflicher Ordnung zu halten, Varnhagens Arbeitsruhe zu sichern und doch für ihre eigentlichen Interessen Zeit übrig zu behalten. Aber all dies geschah mit einem so großen Aufwand an Energie, daß sie zuweilen nach einer Einsamkeit seufzte, wo sie in Ruhe krank sein konnte. Denn der Wunsch, Varnhagen nicht durch ihre Unpäßlichkeit zu beunruhigen, veranlaßte sie immer, ihm diese, solange es denkbar war, zu verheimlichen. Rahel ging wie andere nervöse Naturen spät zu Bett und stand spät auf. Die Morgenstunden verwendete sie dazu, den Haushalt und andere praktische Angelegenheiten zu erledigen und Besuche zu empfangen. Später machte sie einen Spaziergang, besuchte irgend eine Kunstausstellung oder Generalprobe oder irgendwelche Freunde. Zum ziemlich späten Mittagessen waren oft ein paar Gäste eingeladen oder ein Vormittagsbesuch zurückgehalten und Rahel sah ihren Hausfrauenstolz darin, einen guten und feinen Tisch zu führen. Nach dem Mittagessen empfing sie ungern Besuch, sondern verwendete die Zeit zu Lektüre und Korrespondenz. Am Abend besuchte sie häufig ein Konzert oder ein Theater, und von dort begleitete sie oft eine ganze Schar nachhause, die in Rahels Salon ihre Kritik übte und der ihrigen lauschte; und die Gespräche wurden oft so lebhaft, das man sich nicht vor Mitternacht trennte. War Rahel wieder am Abend zuhause, so kamen die Besuche ein paar Stunden früher, aber bei Gesprächen und Musik verging die Zeit so angenehm, daß auch dann der Aufbruch selten zeitiger stattfand. Es war ihre eigene Erfahrung, die Rahel mit den Worten ausdrückte: » Fein organisierte Menschen müssen Zerstreuung haben«, und es war ihre Freude, diese anderen in edelster Form zu bieten. Sie selbst unterschätzte freilich ihr Genie, wenn sie behauptet, daß ihre berühmte » Geselligkeit nichts ist als Güte«. Aber ihr Hauptbestandteil war doch die Wärme, die von ihr über alle ausstrahlte, berühmte wie unberühmte, kleine wie große.

* * *

Rahel war bis in ihre innerste Seele eine mütterliche Natur. Sie, die selbst wirkliche Mutterzärtlichkeit entbehren mußte, sprach die schönsten Worte darüber, was die Mutterschaft sein könnte. Vorgestern dacht' ich so über Menschenleid und -Liebe und dachte: die höchste Leidenschaft verliert den schwarzen Zauber, die Todesschärfe, wenn man eine Mutter hat, wie sie sein kann ... Nie kann da das Unglück in solcher Wüste hervorbrechen, und jedes Verhältnis schon wird milde, klar, muß sich reiner gestalten, und das Schlechte weicht von Haus aus vor dem ehrwürdig Lieblichen zurück, in die »Nacht des Herzens« – wie Fichte sagt. Denke dir eine junge liebende Mutter wie ich, die liebste Freundin, die tiefste Vertraute ihrer Kinder, ihr Spielkamerad, in Musik, Gesellschaft, Putz, Leben, Gedanken. Herr des Vermögens, welche innere gewisse Stütze dies ist! Solch eine ist Gottes Statthalter auf Erden. O Gott! Es gibt ein Glück in diesem verwirrten Jammer hier; aber keiner versieht sein Amt und die Welt geht unter ...«

In ihrer Liebe ist die Mütterlichkeit ein wesentlicher Bestandteil. Sie faßt selbst ihr Wesen in die Worte zusammen:

»Ich bin eine Mutter ohne Kinder.«

Und alle Kinder liebten Rahel ebenso innig wie sie sie liebte: ihre eigenen Spielkameraden konnten nicht besser mit ihnen spielen oder tollen als Rahel. Immer hatten sie ihr etwas zu sagen, so wie sie ihnen, und mit Rahel zu sein, war für die Kinder ihres Bruders die höchste Freude. Jean Paul hatte einmal als seine Meinung ausgesprochen, daß sie unverheiratet bleiben sollte. Sie (Rahel) ist eine Künstlerin, sie hebt eine ganze neue Sphäre an, sie ist ein Ausnahmswesen, mit dem gewöhnlichen Leben im Krieg oder weit darüber hinaus – und so muß sie denn auch unverheiratet bleiben.« ( Jean Paul.

Sie antwortet darauf, daß er mit diesen Worten die Ehe tadle: in eine unglückliche würde sie sich niemals finden. »Wer meinen innersten Beifall und meine Neigung verletzt, behält mich nur als eine Gefangene.« Meinte er, daß sie und Varnhagen im innern Sinn schon vermählt waren – und so im äußeren Sinn unvermählt bleiben konnten – dann stimmte sie für ihr eigen Teil sowie für alle ein, die mit Notwendigkeit zusammengehören. Aber hatte Jean Paul mit seiner Aeußerung etwas anderes gemeint, dann irrte er sich ebenso sehr über ihr innerstes Wesen wie ihr böswilligster Tadler, denn er versagte ihr ja damit auch Kinder.

Rahels Ehe blieb kinderlos. Doch sie, die Gott für »jedes bißchen Kinderunschuld« dankte, fand einen Ersatz in der kleinen Tochter ihrer Nichte, Elise, die in Rahels späteren Jahren ihre »Seelenarznei« wurde. Ihre Schilderungen dieses Zusammenlebens, der Aussprüche, des Betragens, der Seelenbewegungen der Kleinen, zeigen, wie leidenschaftlich sie dieses Kind anbetete; und als sie Elise eine Zeitlang bei sich hatte, fühlte sie ihr Herz »zerschlagen«, als sie die Kleine und ihre Geschwister den Eltern wieder zurückgeben mußte. »Ich machte ihnen Fleisch durch Pflege und ließ ihre Seelen wachsen, ihren Geist sich heben und regen.« Den ganzen Tag hatten die Kinder Ansprüche an sie erhoben, und den halber war sie mit ihnen draußen in »Wald, Feld und Garten« gewesen.

Aber nun war es mit der Freude aus, und sie blieb allein mit ihrem Schmerz, daß andere hatten, was sie besitzen sollte, was ihr durch ihre Liebe zukam ... »Es hilft mir nichts, aus der Zeit der verliebten Liebe zu sein, ich leide doch.«

Die neunundfünfzigjährige Rahel klagt so in einem Brief an den jungen Heine!

In einem anderen Briefe an Gentz spricht sie davon, daß sie noch immer ein »Liebherz« hat: »Ich liebe mit neuer, nie erkannter Zärtlichkeit einen reinen Tautropfen des Himmels.« Sie klagt, daß sie auch in dieser Liebe leiden muß, da das Kind ihr nicht im äußeren Sinne angehört, wenn auch im innern, weil es ihr Blut, ihre Nerven hat, weil das Kind »herzweich und herzstark« ist. Zugleich freut sich Rahel, daß Elise sich darin von ihr unterscheidet, daß sie graziös, schön und leichtsinnig ist und darum Gott und den Menschen wohlgefällig. Rahel und Bettina Brentano haben gegenseitig ganz entzückend die Art geschildert, wie sie beide mit Kindern umgehen, wenn Rahel von Bettina sagt, sie betrage sich mit Kindern »wie eine mythologische Bonne«, und wenn Bettina von der Lehrerin ihrer Kinder verlangt, daß sie absolut mit den Kindern ganz so sein soll wie Frau Varnhagen. Und je mehr die Krankheit Rahels Welt auf ihre vier Wände begrenzte, desto mehr war das Stück der ewig jungen Natur, das ein Kind uns bietet, die Freude ihrer Augen und die Ruhe ihres Herzens.

* * *

Schon von Kindheit an hatte Rahels Willensstärke sie trotz physischer Schwäche und schwerer Leiden aufrecht erhalten, die eine andere Natur selbstsüchtig und reizbar, sich selbst und anderen zur Qual gemacht hätten. Sie verwendete anstatt dessen ihre Leiden als Hilfe, um »besser zu sein, Mitleid zu haben, nicht zerstreut zu sein gegen Leidende und Arme«. Und auch wenn sie körperliche Schmerzen leidet, hält sie die Seele durch »Meditation, Einsicht, Schwung, Fröhlichkeit, Güte, Unschuld« aufrecht. Die Jahre lichteten den Kreis ihrer Angehörigen und Freunde, aber es blieben noch genug übrig, damit eine kleine auserwählte Schar sich hie und da um sie versammeln konnte. Einige der Mitglieder dieses Kreises befriedigten in ihrem Heim den Musikdurst, den sie jetzt nicht außer Hause stillen konnte.

Ein paar schwere Erkrankungen hatten schon die Verschlimmerung angekündigt, die zu Neujahr 1833 in ihrem Zustand eintrat. Nach einigen Wochen wechselnden Befindens konnte weder der Lebenswille noch die Liebe den Tod fernhalten. Er trat am 7. März ein, zwei Monate, bevor Rahel zweiundsechzig Jahre geworden wäre.

So endete das neunzehnjährige Zusammenleben, von dem Varnhagen bezeugt hat, daß Rahel in – wie nach – demselben stets »das jüngste und frischeste« in seinem Leben blieb.

Mehrere Jahre nach Rahels Tod sprach Varnhagen aufs neue sein Staunen aus »über die einzige Verknüpfung von Lebenskräften und Tugenden, die sie in ihrem Wesen darstellte. In ihr brannte das Feuer der ursprünglichen Schöpfungskraft noch lichterloh, sie hatte noch alle Wärme, alles Leuchtende eines Menschen, der eben aus Gottes Händen kommt. Ich weiß nichts ihr Aehnliches; Talente und Kräfte mögen andere ebenso haben und mehr; Wesen keiner! Sie wußte es wohl und sagte und schrieb es mir: »Solch eine siehst du nicht wieder.« Sie hatte recht. Eher kann ein Goethe, ein Spinoza, ein Platon sich wieder zeigen als eine Rahel.«

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