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Raffles als Richter

Ernest William Hornung: Raffles als Richter - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleRaffles als Richter
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
year1912
translatorBerta Pogson
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150121
projectid9367aa33
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Achtes Kapitel. Die Lage der Dinge

Nach dieser qualvollen Szene besaß ich natürlich Takt genug, mich sofort zu empfehlen, während Raffles auf die dringlichen Bitten seiner Freunde noch blieb. Obgleich es mir leid war, ihn so im Stich zu lassen, war ich doch froh, nach all den Aufregungen in Ruhe mein Mittagsmahl im Klub einnehmen zu können. Die Abspannung fühlte ich um so mehr, da wir auch die ganze Nacht aufgesessen hatten, und nur mit Mühe brachte ich es fertig mir alles, was in diesen vierundzwanzig Stunden geschehen war, zu vergegenwärtigen. Fast schien es unglaublich, daß dieselbe Sommernacht und der darauffolgende Tag zuerst Raffles' Ankunft und unsre Orgie in dem Klub, in dem keiner von uns Mitglied war, gesehen hatte, darauf das verblüffende Sturzbad im Albany, die Beichte und unsre Verhandlungen während der Nacht, die Niederlage des Wucherers am nächsten Morgen und Teddy Garlands recht unzeitgemäßes Verschwinden; darauf die langen Stunden im Hause seines Vaters, der Regen und die List, die die Situation einstweilen retteten, um schließlich die Katastrophe und den Triumph des Geldverleihers über Raffles und seine Freunde herbeizuführen und zu verstärken.

Allerdings eine verwirrende Folge von Begebenheiten, und doch waren es nur die letzten drohenden Worte Levys und die neue Gefahr, in der Raffles sich befand, die meine Sinne schreckhaft erregten. Der anscheinend vollkommene Ruin der Garlands war mir ein Rätsel, doch verschwendete ich kaum einen Gedanken daran; mich beschäftigte es nur, ob der Untergang dieser armen Menschen den unsern – Raffles' und meinen – nach sich ziehen würde. War das Karlsbader Verbrechen wirklich herausgekommen? Hatte Levy nur gezögert, ihn auf der Stelle zu denunzieren, um ihn um so besser der Polizei angeben zu können? Diese Zweifel plagten mich während des Essens und verfolgten mich auch den Rest des Abends, bis Raffles selbst mit einem so raschen, federnden Schritt, als gehöre ihm die ganze Welt, mich im Rauchzimmer aufsuchte.

»Aber, bester Bunny, nicht einen Gedanken habe ich weiter an die Sache verschwendet,« antwortete er auf meine nervös erregten Fragen. »Und Dan Levy, der ist nicht der Narr, etwas zu behaupten, was er nicht beweisen kann. In Scotland Yard würde ihn niemand anhören, denn was geht's sie an, was in Karlsbad geschah. Auch weiß keiner besser als unser guter Shylock ...«

»Doch hat er die Wahrheit auf den Kopf getroffen,« unterbrach ich ihn, »damit ist die Schlacht schon halb gewonnen.«

»Dann hätte ich die größte Lust, diese Schlacht auszufechten. Was ist ihm denn geschehen? Er hat sein Eigentum zurückerhalten, nicht einen Pfennig eingebüßt, aber weil er mit mir um etwas ganz andres in Streit gerät, glaubt er mich mit dem Dieb identifizieren zu können. Das ist aber nicht seine innerste Überzeugung, solch ein Narr ist er nicht. Dan Levy ist absolut kein Narr, sondern der hervorragendste Gauner, mit dem ich bisher zu tun hatte. Wenn du mehr über all seine Schleichwege hören willst, so komm mit nach dem Albany, und ich werde dir die Augen öffnen.«

Seine eigenen waren voller Leben und Feuer, obwohl er sie sicherlich seit seiner Ankunft am Abend vorher nicht geschlossen hatte. Er fühlte sich aber stets um Mittemacht am wohlsten und sein Geist strahlte am hellsten, wenn die Sterne am Firmament ihren leuchtendsten Glanz verbreiteten. An dem berüchtigten Daniel fand er sicher einen ebenbürtigen Gegner – »einen Halunken so recht nach meinem eigenen schwarzen Herzen, Bunny, einen würdigen Feind«. Er sehnte sich förmlich nach einem neuen Kampf um einen größeren Einsatz! Doch war der Einsatz diesmal so hoch, daß sogar Raffles hoffnungslos den Kopf schüttelte. Sein Gesicht wurde sehr ernst, als er nun auf die mitleiderregende Lage seiner Freunde zu sprechen kam.

»Sie sagten, ich könne dir alles erzählen, Bunny; nur die Ziffern will ich für mich behalten, bis ich sie schwarz auf weiß habe. Ich versprach, darüber nachzusinnen, ob es nicht noch eine letzte Hoffnung gibt, die armen Fliegen aus dem Netz der blutdürstigen Spinne zu erlösen. Es gibt aber keine, wie ich dir leider gestehen muß.«

»Was mir ganz unverständlich ist,« sagte ich, »ist, daß Vater und Sohn in die gleiche Falle gegangen sind – der Vater ist doch ein Geschäftsmann.«

»Das war er eben niemals,« erwiderte Raffles, »das ist der Grund alles Übels. Er erbte ein großes Geschäft, war aber kein großer Geschäftsmann; daher waren seine Teilhaber froh, als er vor einigen Jahren austreten wollte. Als ihm sein Kapital ausgezahlt wurde, verfiel er auf den Besitz, auf dem du den heutigen Tag verbracht hast; der wurde sein Ruin, denn der Preis war schon enorm. Man kann ein recht schönes Haus in einer der besten Straßen oder einen hübschen Besitz auf dem Lande für weit weniger haben, aber gerade das Gemisch von beiden reizte die guten Leutchen, und besonders Frau Garland hatte damals ihr ganzes Herz gerade an dies Grundstück gehängt. Sie mußte es bald genug mit der bessern Welt vertauschen, die arme Seele – noch bevor das letzte Treibhaus fertig geworden war. Nun muß der arme Alte die Sache allein ausbaden.«

»Ich begreife nur nicht, daß er danach nicht versuchte, den ganzen Kram loszuwerden.«

»Den Gedanken und den Wunsch hat er zweifellos gehabt, aber solch einen Besitz wird man nicht so im Handumdrehen los; es ist weder Fisch noch Fleisch. Die Leute, die nach Häusern suchen und genügend Geld haben, wollen entweder noch näher zur Stadt oder weiter draußen wohnen. Anderseits gab es auch einen guten Grund, das Grundstück festzuhalten, denn Kensington baut sich allmählich an. Da der alte Garland ein sehr großes Terrain besitzt, so hätte er in absehbarer Zeit für Bauplätze gute Preise erzielen können; es war keine schlechte Kapitalsanlage, wenn er nur genügend für die Ausgaben des täglichen Lebens und zur Unterhaltung des großen Besitzes übrig behalten hätte. So aber wurde er bald gewahr, daß er inmitten all der Pracht eigentlich ein Bettler war. Anstatt nun, wenn auch mit Verlust, zu verkaufen, wagte er, was schon so manchen zu Fall gebracht hat.«

»Was war das?«

»Goldminen!« erwiderte Raffles kurz. »Damals wurden sie gerade stark gekauft, und der alte Garland hatte anfangs Glück; da war er verloren. Du weißt, wenn ein alter Tiger einmal Blut geleckt hat ...! – Der ehrsame Brauer wurde zum wüsten Spieler und konnte bald seine Verluste nicht mehr decken. Er brauchte Tausende, fast von heut auf morgen; da war keine Zeit, eine Hypothek aufzunehmen, sondern das Geld mußte sofort beschafft werden. Er nahm zehntausend bei Dan Levy auf und – versuchte sein Glück nochmals.«

»Und verlor wieder?«

»Verlor wieder, borgte von neuem, diesmal gegen eine Hypothek auf sein Haus, und der langen Rede kurzer Sinn ist, daß jeder Stein und jeder Fußbreit Erde, die man für sein Eigentum hält, schon seit Monaten und Jahren in Levys Besitz ist.«

»Durch Verpfändung?«

»Es sind ganz anständige Hypotheken, was die Zinsen anbelangt; nur liegt die Klausel darauf, daß nach sechs Monaten das ganze Geld erhoben werden kann. Für die ersten zehntausend aber muß der Alte ganz schändliche Zinsen entrichten und wird dadurch völlig ausgesogen. Natürlich ist er außerstande zu zahlen, wenn die Forderung an ihn herantritt; er hielt sich aber noch für ziemlich sicher, weil Levy ihn nie drängte. Jeden Tag kann Levy von dem ganzen Grundstück Besitz ergreifen, aber bisher lag ihm nichts daran, es leer stehen zu haben, da das doch nur den Wert der im Preis steigenden Grundstücke hätte beeinträchtigen können; so lullte sich der alte Garland denn in ein Gefühl von Sicherheit ein. Wer kann wissen, wie lange unter Umständen dieser Zustand noch gedauert haben würde, wenn wir nicht heute morgen den Fuchs überlistet hätten.«

»So ist es unsre Schuld, A. J.?«

»Die meinige,« sagte Raffles reuevoll. »Die Idee stammt wohl ganz allein von mir, Bunny; deshalb würde ich meine Hand darum geben, wenn ich den alten Gauner beim Wort nehmen und den Vater ebenso wie den Sohn retten könnte.«

»Aus welchem Grunde kann er sie nur beide in seine Netze gelockt haben?« fragte ich. »Was war seine Absicht, als er dem Sohn eine große Summe borgte, wo der Vater ihm schon mehr schuldete, als er zurückerstatten konnte?«

»Es gibt wohl verschiedene Gründe,« antwortete Raffles. »Diese Art Leute haben es gern, wenn man ihnen mehr schuldet, als man zahlen kann; denn an dem Kapital liegt ihnen nicht halb so viel als an den Zinsen. Und am wenigsten wollen sie jemand verlieren, den sie einmal gepackt haben. In diesem Fall merkte Levy gewiß bald genug, wie sehr der alte Garland an seinem Jungen hängt – wie er ihm keinen Wunsch versagen kann – und ihn doch nicht ahnen lassen will, wie schwer ihm das wird. Da suchte Levy über den Jungen etwas zu erfahren; auch da war das Geld knapp, und am Ende würde er die Verlegenheit des Vaters aufspüren und dann Ungelegenheiten machen. ›Besser, wenn sie beide das gleiche Geheimnis zu bewahren haben,‹ denkt er, ›dann werden sie beide den Mund halten und ich habe sie sicher, wenn ich die Schlinge zuziehen will.‹ Deshalb macht er sich an Teddy heran, bis ihm auch der auf den Leim geht, und versorgt Vater und Sohn mit Geld, bis plötzlich diese Klage gegen ihn eingereicht wird und er nun die Schlinge um den eigenen Hals verspürt. Du siehst, wie alles ineinander paßt. Nun bedrängt er seine kleineren Schuldner, denn der Prozeß wird ihn auf alle Fälle Tausende kosten.«

»Wenn er ihn nur verliert!« sagte ich und trank mein Glas bis zur Neige leer, während Raffles sich die unvermeidliche Ägypterin entzündete. Einen Teil dieser verständlich dargestellten Schachzüge Levys hatte er aus den Enthüllungen seiner unglücklichen Freunde entnommen. Das rasche Begreifen einer verwirrten Situation und das Lösen der einzelnen Züge und Fäden war charakteristisch für Raffles. Ich meinte dann, Fräulein Belsize sei wohl nicht dageblieben, um die ganze demütigende Auseinandersetzung mit anzuhören, aber Raffles antwortete mir kurz, sie sei dabeigewesen. Ich mußte ihm die Worte förmlich aus dem Munde ziehen, um zu erfahren, daß sie das ganze Elend so groß und ruhig ausgenommen, wie ich es von den klaren, furchtlosen Augen eigentlich erwartet hatte; Teddy hatte ihr ihr Wort zurückgeben wollen, aber Kamilla war nicht darauf eingegangen. Als ich aber ihrer Handlungsweise Beifall zollte, war Raffles auffallend kühl. Mir fiel der sonderbare Gegensatz auf, wie wenig geneigt Raffles war, über Kamilla Belsize zu sprechen, und dagegen ihr Eifer am Morgen, über ihn etwas zu erfahren. Jedenfalls hatten sie nicht viel Sympathie füreinander, und ich begriff nicht recht, woher diese Abneigung stammen mochte.

Aber auch in andrer Beziehung war Raffles aus seiner mich ärgernden Zurückhaltung nicht herauszubringen. Wenn mir mehr an Teddy Garland gelegen hätte, würde ich ohne Zweifel schon früher nach einer Erklärung seines absonderlichen Verschwindens gesucht haben, anstatt sie mir bis zuletzt aufzuheben. Mein Interesse an dieser Flucht wurde aber sofort bedeutend erhöht, als Raffles es glatt ablehnte, mir darüber Auskunft zu geben.

»Nein, Bunny, ich werde den Jungen nicht verraten. Sein Vater weiß es und ich weiß es – das ist genug.«

»War es deine Notiz in der Zeitung, die ihn zurückbrachte?«

Raffles blieb, die Zigarette in der Hand, einen Augenblick stehen und sagte mit einem Lächeln, das meine Vermutung bestätigte: »Ich darf wirklich nicht darüber sprechen, Bunny; das wäre nicht fair.«

»Ich finde es auch nicht gerade fair gegen mich,« gab ich zurück, »mir erst den Auftrag zu geben, die Spuren zu verwischen und den ganzen Tag diese Lüge durchzufechten, dann aber mich nicht in das Geheimnis einzuweihen. Das nennt man Gutmütigkeit ausnutzen – aber schließlich – was liegt daran!«

»Das ist recht, Bunny,« sagte Raffles herzlich – er begann wieder umherzuwandern wie ein Löwe im Käfig – »wenn dir etwas daran läge, so müßte ich dich wirklich um Verzeihung bitten, daß wir dich so miserabel behandeln; so aber gebe ich dir nur mein Wort, daß ich dich ungeschoren lassen werde, wenn ich mich wieder an Dan Levy heranmache.«

»Daran denkst du doch nicht im Ernst?«

»Doch, wenn sich mir nur die geringste Chance bietet, mit ihm abzurechnen, ohne daß es dabei auf Leben und Tod geht.«

»Du willst mit ihm abrechnen wegen der Garlands?«

»Ich habe auch noch meine eigene Rechnung mit Dan Levy auszugleichen. Mich reizt ein neuer Angriff auf diesen edlen Herrn, allein um der Sache selbst willen, ganz abgesehen von meinen armen Freunden.«

»Hältst du dies Spiel wahrlich des Einsatzes für wert? Er könnte die geheime Mine unter deinem Leben explodieren lassen.«

Ein abwesendes Lächeln glitt über Raffles' Züge, er dachte dabei an etwas andres, und traurig nickte er mir zu. Er stand am offenen Fenster, drehte sich nun um und lehnte sich hinaus, wie ich vor vierundzwanzig Stunden getan hatte. Ich sehnte mich danach, seine Gedanken zu erfahren, zu erraten, was es war, das er mir, wie ich wohl fühlte, nicht anvertraut hatte, und was ich doch selbst nicht enträtseln konnte. Hinter seiner fröhlichen Streitlust steckte etwas; ja, sogar hinter den guten Garlands und ihrem alltäglichen Mißgeschick mußte sich etwas verbergen; sie waren der Vorwand. Aber konnten sie wirklich die Ursache sein?

Die Nacht war ebenso still wie die vorige; vielleicht hätte mich im nächsten Augenblick ein Blitz erleuchtet. Aber bei dem völligen Erlöschen jedes Tons im Zimmer hörte ich plötzlich leise, gleichmäßig und ganz deutlich ein Geräusch außerhalb der Tür.

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