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Raffles als Richter

Ernest William Hornung: Raffles als Richter - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleRaffles als Richter
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
year1912
translatorBerta Pogson
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150121
projectid9367aa33
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Sechstes Kapitel. Kamilla Belsize

Schwerlich hätte man für einen Regentag einen bessern Zufluchtsort finden können als das »Landhaus von Kensington«, wie Raffles es nannte. Da gab es eine viereckige, geräumige Halle mit bequemen Klubsesseln, bereitliegenden Zeitschriften und Zigaretten und einem Kaminfeuer, sobald die Sonne nicht zum Vorschein kam. Die Zimmer gingen von der Halle ab, und die Bibliothek war nicht das einzige, das an den Wintergarten stieß, sondern auch der Salon hatte offenbar eine Tür dahin, denn ich hörte Stimmen von dort, als ich mir unter den Palmen und Farnen eine Zigarette anzündete. In mir stieg der Gedanke auf; wie schwer dem armen Herrn Garland wohl seine Aufgabe würde, die junge Dame, die Raffles am vergangenen Abend nicht der Erwähnung für wert gehalten, zu beruhigen und zurückzuhalten; und doch muß ich gestehen, hatte ich es nicht eilig, ihm diese unangenehme Aufgabe abzunehmen, obwohl sie für mich nichts weiter bedeutete, für ihn aber Angst und Qual. Wie aber die Dinge einmal lagen, fand ich mich schon mehr als genug in ihre Angelegenheiten verwickelt. Bis vor wenigen Stunden war ihr Name mir ein leerer Schall gewesen, und noch gestern hätte ich mich besonnen, Teddy Garland im Klub zuzunicken, so selten waren wir uns begegnet. Nun aber half ich Raffles dem Vater das Schlimmste über den Sohn verheimlichen und stand davor, dem Vater beizuspringen, um vor der Schwiegertochter das, was sich als ebenso schlimm entpuppen konnte, geheim zu halten. Außerdem aber hatte ich Raffles' und meine eigenen Missetaten vor aller Welt zu verbergen.

Ich durchwanderte eine Reihe Gewächshäuser, die sich an den Wintergarten anschlossen, jedes mit besonderer Temperatur und besonderem Duft, und immer noch prasselten die dicken Tropfen des uns so willkommenen Regens auf die Glasdächer herab. In einer Grotte voller Farnkräuter, wo eine kleine Fontäne ihr Plätschern mit dem tosenden Wassersturz von oben verband, hörte ich plötzlich Stimmen neben mir und wurde Fräulein Belsize vorgestellt, ehe ich mich noch von meinem Erstaunen erholt hatte. Meine überraschte Miene muß sie plötzlich zum Lachen gebracht haben, denn den ganzen Tag sah ich kein solches Lächeln mehr auf ihrem Antlitz, das mich auf der Stelle zu ihrem Sklaven machte; ich glaube auch, sie war mir dankbar, daß ich sie unbewußt, wenn auch nur einen Augenblick, erheitert hatte.

So begann unsre Bekanntschaft in angenehmer Weise, und das war ein Glück, denn Herr Garland machte sich nur allzu bald aus dem Staube. Es ging aber nicht ganz so angenehm weiter, wie im Anfang. Fräulein Belsize war nicht gerade schlechter Laune, doch immerhin etwas verstimmt, und ich fühlte die lebhafteste Teilnahme für ihre Enttäuschung. Sie war einfach, aber tadellos gekleidet mit unauffällig angebrachten Bandrosetten in der Farbe der Blauen von Cambridge und einem großen malerischen Hut, der ihr entzückend stand. Und nun vergeudete sie all diese Reize, die für das große Publikum bei Lords berechnet waren, an einen völlig fremden Menschen in einer feuchten Grotte, und das einzige geistreiche Trostwort, das mir einfallen wollte, war, daß es bei Lords jetzt noch ungleich feuchter sein müsse.

»Sie können immerhin noch froh sein, daß Sie sich hier unter Dach und Fach langweilen dürfen, Fräulein Belsize.«

Sie bestritt nicht, daß sie sich langweile. »Dort gibt es doch auch Schutz genug,« sagte sie nur.

»Gedrängt voll von beschmutzten Kleidern und durchnäßten Schuhen. Sie müßten vermutlich zu dem Pavillon hinüberschwimmen.«

»Aber wenn dort alles unter Wasser steht, wie können sie dann heute noch spielen?«

»Das können sie nicht, darauf gehe ich jede Wette ein.«

Das war eine voreilige, unbedachte Bemerkung.

»Warum kommt Teddy dann aber nicht nach Haus?«

»Ja,« suchte ich wieder einzulenken, »man kann ja nie mit Bestimmtheit etwas im voraus sagen, es kann sich noch aufklären, und diese Chance müssen sie jedenfalls abwarten; jedenfalls können die Spieler nicht eher fortgehen.«

»Ich meine nur, Teddy hätte doch wenigstens zum Frühstück nach Hause kommen können, wenn er auch nachher wieder fort muß.«

»Er kann ja jeden Augenblick kommen,« sagte ich, diesen Strohhalm ergreifend, »und zwar A. J. mit ihm.«

»Meinen Sie Herrn Raffles?«

»Ja, Fräulein Belsize. Für mich gibt es nur einen A. J.«

Kamilla Belsize wandte sich ein wenig in dem Korbstuhl, dem sie ihr duftiges Kleid anvertraut hatte, und unsre Augen begegneten sich fast zum erstenmal. Jedenfalls hatten wir vorher noch keinen so langen Blick getauscht, denn ihre Augen waren den trägen Goldfischen in dem kleinen Bassin des Springbrunnens gefolgt, während ich ihr kühn geschnittenes Profil und den geschwungenen Nacken bewunderte, als ich versuchte, ihr jeden Gedanken an Lords auszureden. Nun aber trafen sich unsre Augen, und die ihren verwirrten mich; sie waren sanft und doch leuchtend, gütig und doch spöttisch, unbekümmert kühn und durchdringend – alles dies und noch mehr sehe ich jetzt in der Erinnerung in ihrem Blick; damals aber blendeten sie mich.

»Herr Raffles und Sie sind also intime Freunde?« sagte Fräulein Belsize, auf eine Bemerkung des alten Garland, als er mich vorstellte, zurückgreifend.

»O ja,« erwiderte ich.

»Sind Sie mit ihm ebensosehr befreundet wie Teddy?«

Ich sagte nur, ich sei schon länger sein Freund als Garland. »Raffles und ich kennen uns von der Schule her,« fügte ich stolz hinzu.

»Wirklich? Ich hätte geglaubt, seine Schulzeit habe vor der Ihrigen gelegen.«

»Nein, er war nur einige Klassen höher als ich.«

»Und wie war denn Herr Raffles als Schulkamerad?« fragte Fräulein Belsize nicht gerade in einem Ton, als ob sie Günstiges zu hören erwartete; aber ich entsann mich ihres Verlöbnisses und glaubte eine leise Eifersucht im Spiel.

»Er war der beste Kricketspieler, der beste Turner, schnellste Läufer, Anführer bei allem und unser König im kleinen.«

»Und Sie beteten ihn vermutlich an?«

»Er war mir alles.«

Meine Gefährtin hatte ihre Aufmerksamkeit wieder den Goldfischen zugewendet, nun aber sah sie mir mit dem spöttischen Leuchten in ihren Augen voll ins Gesicht.

»Dann müssen Sie jetzt aber recht enttäuscht sein.«

»Enttäuscht?« fragte ich und machte ein möglichst belustigtes Gesicht. »Warum?« Doch fing ich an, mich unbehaglich zu fühlen.

»Ich weiß natürlich nicht viel von ihm,« bemerkte Fräulein Belsize, als habe ihr Interesse an ihm nachgelassen, »aber weiß denn irgend jemand etwas über Herrn Raffles, außer daß er ein vollendeter Kricketspieler ist?«

»Ich,« sagte ich mit unbesonnener Lebhaftigkeit.

»Und was ist er außerdem?«

»Der beste, treueste Mensch auf der Welt und noch manches andre.«

»Und worin besteht dies andre?«

»Fragen Sie Teddy danach.«

»Das habe ich schon getan,« antwortete Fräulein Belsize, »aber Teddy weiß nichts. Er wundert sich selbst oft darüber, daß Raffles es sich leisten kann, so viel Kricket zu spielen, ohne eine bestimmte Tätigkeit zu haben.«

»Wirklich?«

»Viele Menschen wundern sich darüber.«

»Und was sagen sie über ihn?«

Einen Augenblick zögerte das junge Mädchen, betrachtete mich und dann die Goldfische, bevor sie sagte: »Mehr, als sie Worte zu ihrem täglichen Gebet nötig haben.«

»Meinen Sie damit,« stieß ich hervor, »über die Art, wie Raffles seinen Lebensunterhalt erwirbt?«

»Ja.«

»Können Sie mir nicht sagen, was man so alles über ihn erzählt?«

»Aber wenn nichts Wahres daran ist?«

»Ich werde Ihnen sofort sagen können, was wahr ist und was nicht.«

»Wenn mir nun aber beides vollkommen gleichgültig ist?« fragte sie mit einem strahlenden Lächeln.

»Mir aber liegt so viel daran, daß ich Ihnen aufrichtig dankbar wäre.«

»Vergessen Sie aber nicht, daß ich selbst nicht daran glaube.«

»Was glauben Sie nicht? Was sagt man über ihn?«

»Daß er von seiner Schlauheit und seinem Kricket lebe, sagen die Leute mit vieldeutigem Achselzucken.«

»Ist das alles, was man über ihn sagt?« rief ich aufspringend.

»Ist das noch nicht genug?« fragte Fräulein Belsize mit offenbarem Erstaunen über mein Betragen.

»O ja, übergenug!« sagte ich. »Nur ist es das häßlichste und unwahrste Gerücht, das je verbreitet wurde.«

Diese ironischen Worte sollten natürlich den Eindruck hervorrufen, als sei auch mein erster erleichterter Ausruf nur Ironie gewesen. Ich mußte aber die Entdeckung machen, daß Kamilla Belsize nicht leicht zu täuschen war; nur zu deutlich sah ich es schon in ihren kühnen Augen, ehe sie den Mund öffnete.

»Sie schienen aber auf noch Schlimmeres gefaßt zu sein,« sagte sie schließlich.

»Was kann es noch Schlimmeres geben?« fragte ich, um meine Unbesonnenheit wieder gutzumachen. »Ein Mann wie A. J. Raffles wäre doch lieber alles andre als ein bezahlter Amateur.«

»Sie haben mir aber noch immer nicht erzählt, was er denn in Wahrheit ist, Herr Manders.«

»Und Sie, Fräulein Belsize, haben mir noch nicht erzählt, weshalb Sie an Raffles solch großes Interesse nehmen,« gab ich zum erstenmal schlagfertig zurück und setzte mich befriedigt über diesen Ausfall gegen das junge Mädchen wieder auf meinen Stuhl.

Kamilla Belsize gewann aber doch den Sieg; im selben Augenblick, wo ich die Oberhand zu haben glaubte, machte sie mich über mich selbst erröten. Sie sagte, sie wolle ganz offen und ehrlich mit mir sprechen. Mein Freund Raffles interessiere sie allerdings mehr, als sie eigentlich zugestehen möchte; das komme daher, weil Teddy so außerordentlich viel von ihm halte, und das sei der alleinige Grund und die einzige Entschuldigung für ihre neugierigen Fragen. Ich müsse sie für sehr unartig gehalten haben, nun aber wisse ich ja die Ursache. Raffles sei ein so aufopfernder Freund gewesen, daß sie mitunter gezweifelt habe, ob er auch ein wahrer Freund sei; da habe ich nun die ganze Geschichte in einer Nußschale beieinander.

Allerdings; und ich kannte auch den Kern, der sich darunter verbarg, denn ich selbst hatte seinen bittern Geschmack schon manches Mal gekostet. Er heißt Eifersucht. Es war mir aber höchst gleichgültig, wie eifersüchtig das junge Mädchen war, solange ihre Eifersucht ihr keinen Verdacht einflößte; darüber aber kam mein Gemüt nicht völlig zur Ruhe.

Wir ließen dies Thema gänzlich fallen, und unsre weitere Unterhaltung in der Grotte, dem heißen Orchideenhaus und den andern Treibhäusern, die wir miteinander erforschten, war von sehr erfrischender Oberflächlichkeit und vollkommen im Rahmen einer ersten Bekanntschaft. Trotzdem glaube ich, daß gerade auf diesem flüchtigen Rundgang das Bild von Kamillas Mutter in mir das Gepräge der verarmten großen Dame annahm, die sich auf dem Lande in tiefer Zurückgezogenheit heimisch gemacht hat, umgeben und beobachtet von kleinstädtischen Nachbarn, auf deren Betragen und Manieren durch das Geplauder meiner Gefährtin scharfe Schlaglichter fielen. Sie erzählte mir auch, wie sie das Mißfallen der Nachbarn erregt habe, als sie im Hintergarten Zigaretten geraucht, und sprach die feste Überzeugung aus, daß zum Beispiel auch ich darüber sehr entsetzt gewesen sein würde! Diese Behauptung stellte sie in dem letzten, entferntesten Traubenhaus auf, und im nächsten Augenblick schon entzündeten wir mit neckendem Lachen zwei Sullivans. Ich entsinne mich, daß ihr die Marke nicht unbekannt war, und erfuhr auch, daß es Raffles selbst gewesen, der sie damit bekannt gemacht hatte. Raffles, den sie »nur wenig kannte«, und den sie für einen »so aufopfernden Freund von Teddy Garland« hielt!

In mir erwachte die Neugier, diese beiden Widersacher einander gegenüber zu sehen; es war aber schon ziemlich spät am Nachmittag, als Raffles wieder auftauchte, obwohl der alte Garland mir gesagt hatte, daß er mittags eine ganz hoffnungsvolle Botschaft von ihm erhalten habe. Innerlich fand ich, sie hätten mir schon etwas mehr mitteilen können, wenn man bedenkt, was für eine intime Rolle ich in diesem fremden Haus zu spielen hatte. Ich empfand aber schon große Dankbarkeit, daß Raffles' Hoffnungsfreudigkeit den alten Herrn so angesteckt hatte, daß wir über das Frühstück mit weit geringerer Verlegenheit hinüberkamen, als ich erwartet hatte. Auch verließ er uns nach der Mahlzeit nicht wieder; erst nachdem der Diener ihm die Karte eines Besuches präsentiert hatte, entfernte er sich in großer Eile und Hast.

Nun wurde es für mich wieder schwierig, denn der Regen hatte endlich aufgehört. Fräulein Belsize wäre am liebsten sofort zu Lords gefahren. Ich überredete sie, mit mir in den Garten zu gehen, machte sie auf die glitzernde Nässe des Rasens und die Pfützen auf den Wegen aufmerksam. So würde es auch bei Lords sein, nur noch ein gut Teil schlimmer; das Spiel sei wegen der Nässe und des Schmutzes für diesen Tag sicher aufgegeben worden. Sie wollte es nicht glauben und meinte, wir könnten doch jedenfalls hinfahren und uns überzeugen. Ich sagte darauf, dabei würden wir Teddy sicher verfehlen, und sie eiferte dagegen, ein Hansom brächte uns hin und zurück in einer halben Stunde. Ich suchte Zeit zu gewinnen, indem ich diese Behauptung bestritt, und fügte hinzu, daß der alte Herr Garland uns sicher würde begleiten wollen und zwar in seinem eigenen Wagen. Dieses Wortgefecht fand auf dem völlig aufgeweichten Gartenweg statt, und als das junge Mädchen mich erregt fragte, wie oft ich noch meinen Standpunkt zu ändern gedenke, konnte ich mich nicht enthalten, auf ihre zierlichen Schuhe zu blicken, die tief in den weichen Boden einsanken, und zu erwidern, nach meiner Ansicht sei es für sie an der Zeit, dies zu tun. Fräulein Belsize folgte meinem Rat und wandte mir, nicht eben liebenswürdig, kurz den Rücken; nun aber sah ich, worauf ich schon den ganzen Tag gewartet hatte. Raffles kam den Weg herunter auf uns zu, und ich sah das junge Mädchen zögern und sich steif aufrichten, bevor sie ihm die Hand gab.

»Endlich haben sie das Spiel aufgegeben,« sagte er. »Ich komme direkt von Lords, und Teddy wird auch nicht mehr lange auf sich warten lassen.«

»Warum haben Sie ihn nicht gleich mitgebracht?« war ihre treffende Frage.

»Weil ich Ihnen nur erst die böse Nachricht bringen wollte,« antwortete Raffles diesmal wenig geistreich. »Sie wissen ja, wer im Universitätsmatch spielt, ist nicht immer sein eigener Herr. Jedenfalls darf er Sie nun nicht lange mehr warten lassen.«

Diese Wendung war vielleicht unglücklich, denn Fräulein Belsize nahm sie augenscheinlich übel auf, und ich sah, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, als sie erklärte, sie habe nur gewartet in der Hoffnung, noch etwas von dem Kricketmatch zu sehen. Da das nun ausgeschlossen sei, müsse sie daran denken, nach Haus zurückzukehren, und wolle sich nur von Herrn Garland verabschieden. Dieser plötzliche Entschluß überraschte mich ebensosehr wie anscheinend das junge Mädchen selbst, doch da sie diese Absicht einmal ausgesprochen, machte sie sich auch eigensinnig an die Ausführung und erteilte durch die Tür des Wintergartens, während Raffles und ich durch die Haustür die Halle betraten.

»Ich fürchte, ich habe sie verletzt,« sagte er zu mir. »Im Grunde ist das ganz gut, denn ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß ich über Teddy nichts herausgebracht habe.«

»Warst du den ganzen Tag bei Lords?« fragte ich leise.

»Ja, bis auf die Zeit, die ich im Bureau dieses Lappens verbrachte,« erwiderte Raffles und schwenkte dabei eine Zeitung, die diese Bezeichnung durchaus nicht verdiente. »Sieh nur, was sie hier über Teddy schreiben.«

Mein Atem stockte, als Raffles mir den unglaublichen Bericht unter den letzten Telegrammen zeigte; da hieß es, daß E. M. Garland vielleicht nicht imstande sein würde seinen Verpflichtungen als Torwächter der Cambridge-Partei nachzukommen, da sein Vater ernstlich erkrankt sei.

»Sein Vater?« entfuhr es mir. »Sein Vater sitzt ja drinnen hinter der Tür da, mit irgend jemand, der ihn zu sprechen wünschte.«

»Das weiß ich, Bunny, ich habe ihn gesehen.«

»Wie kann nur eine solche wahnsinnige Lüge in ein anständiges Blatt geraten! Ich begreife vollkommen, daß du deshalb auf das Bureau gingst.«

»Du wirst es noch weit begreiflicher finden, wenn ich dir sage, daß ich einen alten Freund dort habe.«

»Du hast natürlich von ihm verlangt, daß er diese Nachricht widerruft?«

»Im Gegenteil, ich überredete ihn, sie aufzunehmen.« Dabei lachte mir Raffles ins Gesicht, wie ich ihn über manche weit gaunerhaftere – aber weniger unverständliche – Tat habe lachen sehen.

»Hast du denn nicht bemerkt, Bunny, wie elend der alte Mann heute morgen aussah? Das brachte mich auf den Gedanken, und die Erfindung beruht immerhin auf einer Tatsache. Begreifst du noch nicht, um was es sich handelt? Ich unternahm zweierlei heute morgen: erstens, Teddy ausfindig zu machen, und zweitens, sein Verschwinden bei Lords zu verheimlichen. Nun habe ich ihn zwar nicht gefunden, aber wenn er noch unter den Lebenden weilt, wird er sicher diese Notiz lesen, und was er dann tut, wirst wohl auch du erraten können! Und bei Lords ist alles voller Teilnahme für ihn. Studley war die Liebenswürdigkeit selbst und wird ihm seinen Platz morgen bis zum letzten Augenblick offen halten. Wenn das nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen heißt, so möge mir dies Kunststück nie gelingen!«

»Was wird aber der alte Garland dazu sagen?«

»Er weiß es schon, Bunny. Ich schrieb ihm vor dem Frühstück, was ich zu tun beabsichtigte, und als ich hier eintraf, kam er einen Augenblick heraus, um zu hören, was ich erreicht habe. Ihm ist alles recht, wenn ich nur Teddy finde und sein Ansehen vor der Welt und ganz besonders vor Fräulein Belsize rette. Sieh dich vor, Bunny – hier ist sie.«

Die Erregung, die sich in den letzten geflüsterten Worten verriet, sah Raffles gar nicht ähnlich; sie war aber nicht so auffällig wie die Veränderung, die mit Kamilla Belsize vorging, als sie aus dem Salon in die Halle trat. Einen Augenblick hatte ich den Verdacht, sie habe gehorcht, dann aber sah ich, daß jede Spur persönlichen Gekränktseins aus ihrem Antlitz gewichen und eine große Angst an dessen Stelle getreten war. Sie kam mit raschen Schritten auf uns zu.

»Ich bin doch nicht in die Bibliothek gegangen,« sagte sie und warf einen Seitenblick auf die Tür zur Bibliothek. »Ich fürchte, Herr Garland hat eine sehr angreifende Unterredung mit jemand da drinnen. Ich habe das Gesicht des Mannes nur im Fluge gesehen, als ich im Begriff war einzutreten, und glaube ihn zu kennen.«

»Wer ist es denn?« fragte ich, denn ich war schon im stillen neugierig gewesen, wer der geheimnisvolle Besuch wohl sein möge, um dessen willen der alte Garland uns so plötzlich und ohne ein Wort verlassen hatte und mit dem er noch immer verhandelte.

»Ich glaube, es ist der schreckliche Mensch, den ich von Ansehen kenne, weil er unten am Fluß, nicht allzu weit von uns, wohnt,« sagte Fräulein Belsize, und kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als sich die Tür öffnete und der schreckliche Mensch in der unheilverkündenden Gestalt Dan Levys eintrat, des in ganz Europa berüchtigten Wucherers – unsres Opfers vom selben Tage und unsres tödlichen Feindes fürs ganze Leben.

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