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Raffles als Richter

Ernest William Hornung: Raffles als Richter - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleRaffles als Richter
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
year1912
translatorBerta Pogson
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150121
projectid9367aa33
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Fünftes Kapitel. Verschwunden

Raffles rief einen vorbeifahrenden Hansom an und packte mich hinein, eh ich noch recht wußte, wie mir geschah.

»Fahr nach dem Klub und hol Teddys Kricketsachen,« sagte er, »wir wollen ihn überreden, gleich seinen Flanellanzug anzuziehen, um Zeit zu sparen. Bestell auch Frühstück für drei, pünktlich in einer halben Stunde, und ich erzähle ihm inzwischen, wie alles gegangen ist.«

Seine Augen strahlten in der Vorfreude, als ich davonfuhr; ich war's zufrieden, dem Erwachen des jungen Mannes zu einem bessern Schicksal, als er es verdient hatte, nicht beiwohnen zu müssen. Im tiefsten Herzen konnte ich ihm die Tat nicht vergessen, bei der Raffles und ich ihn abgefaßt hatten. Raffles mochte die Sache noch so leicht nehmen, ein andrer konnte sich unmöglich auf denselben liebevollen, weitherzigen Standpunkt stellen, nicht so sehr der Sache selbst wegen, als wegen des Vertrauensbruchs an dem Freund. Trotz meiner Voreingenommenheit ging aber dies Gefühl doch nicht so tief, daß ich nicht in Gedanken frohlockt hätte über den Sieg, den ich hatte erringen helfen. Ich dachte an den berüchtigten Wucherer, der das Opfer unsrer skrupellosen Ränke geworden war, für die wir doch nicht zu belangen waren, und das Herz hüpfte in mir im Takt mit der Pferdeschelle. Ich dachte, daß wir auch einmal etwas Gutes getan, dachte an das Unrecht, das wir mit unsrer glücklichen Rechtsverdreherei zuschanden gemacht hatten. Den Jüngling selbst, für den wir gekämpft und gesiegt hatten, hatte ich völlig vergessen, bis ich unser Frühstück bestellte und mir seine Sachen an den Wagen tragen ließ.

Raffles wartete im Hof des Albany auf mich. Ich glaubte, er betrachte bedenklich den Himmel, der nicht hielt, was er in der Nacht versprochen hatte, bis mir einfiel, wie wenig Zeit wir zu verlieren hatten.

»Hast du nichts von ihm gesehen?« rief er, als ich aus dem Wagen sprang.

»Von wem, Raffles?«

»Von Teddy natürlich!«

»Teddy Garland? Ist er fortgegangen?«

»Bevor ich zurückkam,« sagte Raffles finster. »Wo mag er nur stecken?«

Er hatte den Kutscher bezahlt und die Tasche vom Wagen genommen. Ich folgte ihm hinauf in seine Wohnung.

»Was kann das nur bedeuten, Raffles?«

»Das möchte ich auch wissen.«

»Vielleicht wollte er sich eine Zeitung kaufen.«

»Die waren alle schon gekommen, als ich wegging. Ich hatte sie ihm auf das Bett gelegt.«

»Dann wollte er sich vielleicht rasieren lassen.«

»Das wäre eher möglich, er ist aber schon über eine Stunde fort.«

»Länger kannst du ja kaum fortgewesen sein, und als du gingst, schlief er doch noch ganz fest, sagtest du.«

»Das ist eben das Schlimme, Bunny; er muß sich verstellt haben, denn Barraclough sah ihn zehn Minuten nach mir fortgehen.«

»Vielleicht hast du ihn gestört und geweckt, als du fortgingst.«

Raffles schüttelte den Kopf.

»Nie im Leben habe ich eine Tür mit solcher Vorsicht geschlossen. Als ich wiederkam, machte ich Lärm genug in der Absicht, ihn aufzuwecken. Bunny, ich kann dir sagen, ich erschrak, als sich von drinnen kein Ton hören ließ. Er hatte die Türen hinter sich geschlossen, und es dauerte wohl ein paar Sekunden, bis ich den Mut fand, sie zu öffnen. Ich glaubte, es sei etwas Entsetzliches geschehen.«

»Aber jetzt glaubst du das nicht mehr?«

»Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll,« sagte Raffles düster. »Nichts ist so ausgeschlagen, wie ich erwartet hatte. Du begreifst doch, daß wir uns vor Dan Levy verraten und uns ohne Zweifel einen erbitterten Feind an ihm erworben haben und zwar einen Feind in nächster Nähe. Das ist eine faule Nachbarschaft, Bunny. Ein kundiges Auge wird uns jetzt belauern, aber darüber würde ich mich schließlich lachend hinwegsetzen, wenn uns nur Teddy nicht auf so unerklärliche Weise abhanden gekommen wäre.«

Nie zuvor sah ich Raffles in so pessimistischer Stimmung. Ich teilte seine schwermütigen Bedenken nicht und sagte nur, weil ihm Teddy am meisten am Herzen zu liegen schien: »Was wollen wir wetten, daß wir den Jungen gesund und munter bei Lords vorfinden?«

»Ich habe vor zehn Minuten dort angeklingelt,« erwiderte Raffles; »da hatte man ihn dort weder gesehen, noch etwas von ihm gehört; außerdem sind ja seine Kricketsachen hier.«

»Möglicherweise war er im Klub, als ich sie holte – ich habe gar nicht nach ihm gefragt.«

»Aber ich, Bunny. Ich habe auch dahin telephoniert, gleich nachdem du wieder fort warst.«

»Dann ist er vielleicht nach Haus gegangen.«

»Das ist noch die letzte Möglichkeit. Sie haben kein Telephon, aber jetzt, wo du hier bist, möchte ich am liebsten hinfahren und sehen, ob Teddy dort ist. Du weißt, in was für einer Verfassung er gestern abend war, und weißt auch, wie manches noch viel schlimmer scheint, wenn man aufwacht und an die Geschehnisse zurückdenkt. Ich hoffe nur, er ist direkt zum Alten gegangen mit der ganzen Geschichte. In diesem Fall muß er ja wegen seiner Kricketsachen wieder hierher zurückkommen. Und, weiß Gott, Bunny, ich höre Schritte auf der Treppe!«

Wir hatten die Türen offen gelassen, und wohl hörte man jemand eilig genug heraufkommen, doch war es nicht der federnde Tritt eines ganz jungen Menschen, und Raffles erkannte das augenblicklich. Er sah sehr enttäuscht aus, als wir uns einen Augenblick unschlüssig anblickten; gleich aber war er zum Zimmer hinaus, und ich hörte ihn Herrn Garland auf dem Vorplatz begrüßen.

»Teddy haben Sie aber nicht mitgebracht?« fügte er hinzu.

»Wollen Sie damit sagen, daß er nicht hier ist?« antwortete eine so angenehme Stimme – im Ton maßloser Enttäuschung – daß Herr Garland meine volle Sympathie errungen hatte, noch bevor wir uns kennen lernten.

»Er war hier,« sagte Raffles, »und ich erwarte ihn jede Minute. Wollen Sie nicht näher treten, Herr Garland, und bei mir auf ihn warten?«

Ich hörte einen Ausruf vorzeitiger Erleichterung von der angenehmen Stimme, dann trat das Paar ein, und ich wurde einem Mann vorgestellt, in dem ich zu allerletzt einen Brauer, der sich zur Ruhe gesetzt hat und nach Aussage des Sohnes sein Geld in der Zurückgezogenheit vergeudete, vermutet hätte. Ich war auf eine Verkörperung sorgloser Wohlhabenheit vorbereitet, einen Menschen, der mit übereleganter Kleidung vielleicht einen alten Militär vorzutäuschen suchte, und drückte statt dessen einem ältlichen gutmütigen Herrn die Hand, dessen Augen freundlich aus ihrer Umgebung von Kummerfalten und Runzeln hervorglänzten und dessen leicht mißtrauische und doch herzliche Anrede sofort mein ganzes Herz gewann.

»Sie haben also auch keine Zeit verloren, den Ausreißer willkommen zu heißen!« sagte er. »Sie sind fast ebenso schlimm wie mein Sohn, der nicht mehr zu halten war; er sagte, er müsse Raffles entweder noch gestern abend oder heute früh sehen und werde deshalb vielleicht die Nacht in der Stadt bleiben.«

Noch lag eine Spur von Sorge in dem Gesicht des Vaters, die sich aber völlig verflüchtigte, als Raffles einen vollkommen wahrheitsgetreuen Bericht über das Verbleiben des jungen Mannes abstattete, sich aber über sein Verhalten, seine Taten und Worte nicht im geringsten ausließ.

»Und was sagen Sie zu der großen Neuigkeit, Raffles?« fragte der alte Garland. »War es eine große Überraschung für Sie?«

Raffles schüttelte mit einem recht müden Lächeln den Kopf, und ich richtete mich aufhorchend in meinem Stuhl auf. Was für eine Neuigkeit meinte er wohl?

»Mein Sohn hat sich nämlich in diesen Tagen verlobt,« erklärte er mir, »und im Grunde ist es nur diese Verlobung, die mich hierhergeführt hat, denn Sie dürfen nicht glauben, daß ich ihn mit Argusaugen bewache. Ich erhielt nämlich ein Telegramm von seiner Braut, die früher zur Stadt kommt, um mit uns zu dem Match zu gehen, anstatt uns erst bei Lords zu treffen, und da wollte ich Teddy aufsuchen, um ihr die Enttäuschung zu ersparen, Teddy nicht anzutreffen. Den Tag über werden sie ja doch nicht viel voneinander haben.«

Ich wunderte mich im stillen, weshalb Raffles mir von Fräulein Belsize und der Verlobung nichts erzählt hatte. Er mußte es gestern abend in dem Nebenzimmer erfahren haben, während ich zu den Sternen aufschaute. Und doch erwähnte er in der ganzen langen Nacht diesen Umstand, der Teddys Handlungsweise in milderem Licht erscheinen ließ, nicht ein einziges Mal. Auch jetzt kam von Raffles weder ein Blick noch eine Erklärung. Aber sein Gesicht hatte sich plötzlich aufgehellt.

»Darf ich mir die Frage erlauben, ob das Telegramm an Sie oder an Teddy gerichtet war?«

»Es war an Teddy adressiert, aber in seiner Abwesenheit habe ich es natürlich aufgemacht.«

»Konnte es nicht die Antwort auf einen Vorschlag von ihm sein?«

»Sehr leicht möglich. Gestern haben sie zusammen gefrühstückt, und vielleicht mußte Kamilla erst Lady Laura fragen.«

»So wird es sein!« rief Raffles. »Teddy war auf dem Weg nach Hause, als Sie zur Stadt fuhren. Wie sind Sie gekommen?«

»In meinem Wagen.«

»Durch den Park?«

»Ja.«

»Und er fuhr gleichzeitig in einem Hansom über Knightsbridge oder Kensington Gore; so haben Sie sich gegenseitig verfehlt,« sagte Raffles zuversichtlich. »Wenn Sie direkt zurückfahren, kommen Sie noch rechtzeitig, um ihn zu Lords zu begleiten.«

Herr Garland lud uns beide ein, mit ihm zu fahren; wir nahmen rasch entschlossen an, und schon in der nächsten Minute waren wir unterwegs. Es war aber doch schon nach elf, als wir vor einem Haus in Kensington hielten, das ich nie zuvor gesehen, und das inzwischen vom Erdboden verschwunden ist, von dem ich aber noch jeden Stein und jede Schieferplatte vor Augen sehe genau so deutlich, wie an jenem Sommermorgen vor zehn Jahren. Es stand etwas von der Straße zurück in einem großen Garten, der in die hauptstädtische Umgebung nicht mehr hineinpaßte. Das Grundstück reichte von einer Straße zur andern und hatte eine solche Tiefe, daß wir das Ende nicht sehen konnten. Gepflegte Rasenplätze mit leuchtenden Blumenbeeten, hohe Bäume und schimmernde Gewächshäuser machten in dieser Umgebung einen größern Eindruck als das massive vornehme Landhaus selbst. Unaufhörlich rasselten zwei Reihen von Omnibussen wenige Schritte von der Treppe entfernt vorüber, auf der wir drei einander in ratloser Verlegenheit anstarrten, denn von Herrn Edward hatte im Hause niemand etwas gesehen oder gehört. Auch Fräulein Belsize war noch nicht eingetroffen, das war noch der einzige Trost.

»Kommen Sie in die Bibliothek,« sagte Herr Garland. Als wir uns dann zwischen seinen Bücherschränken befanden, wo die Bücher etwas zu prächtig und unbenutzt durch die Glastüren schauten, wandte er sich mit erstickter Stimme an Raffles. »Hier geht etwas vor, wovon ich nichts weiß; ich bestehe aber darauf, es zu erfahren.«

»Sie wissen genau so viel wie ich,« widersprach Raffles; »als ich fortging, schlief Teddy noch fest, und als ich wiederkam, war er verschwunden.«

»Wann war das?«

»Zwischen neun und halb zehn ging ich fort und blieb ungefähr eine Stunde aus.«

»Warum ließen Sie ihn denn um die Zeit noch schlafen?«

»Ich wollte ihm jede Minute gönnen, denn es war gestern abend spät geworden.«

»Aber warum, Raffles? Was konnten Sie so lange zu bereden haben, wo Sie doch müde sein mußten und Teddy sich für heute frisch zu erhalten hatte? Warum mußte er Sie denn unbedingt gleich nach Ihrer Rückkehr sehen? Er ist doch nicht der erste, der sich plötzlich mit einem entzückenden Mädchen verlobt hat; stimmt da etwas nicht?«

»In seiner Verlobung – nicht daß ich wüßte.«

»Aber etwas stimmt nicht?«

»Das ist vorüber, Herr Garland; ich gebe Ihnen mein Wort, es ist jetzt alles in bester Ordnung.«

»War er in Geldverlegenheit, Raffles? Aber freilich, wenn mein Sohn Sie ins Vertrauen zog, so habe ich, nur weil ich sein Vater bin, noch kein Recht –«

»So liegt die Sache wohl nicht,« sagte Raffles, »ich bin es, der kein Recht hat, ihn zu verraten. Aber wenn Sie nicht weiter in mich dringen wollen, Herr Garland, so darf ich Ihnen wohl gestehen, daß es allerdings eine vorübergehende Verlegenheit war, weswegen Teddy mich unter allen Umständen sprechen mußte.«

»Und Sie haben ihm geholfen?« rief der arme alte Herr, in dem augenscheinlich Dankbarkeit und Demütigung um die Oberhand kämpften.

»Nicht aus meiner Tasche,« erwiderte Raffles lächelnd. »Die Geschichte war nicht so schlimm, wie Teddy glaubte, und bedurfte nur einer ausgleichenden Hand.«

»Gott segne Sie, Raffles,« flüsterte Herr Garland mit gebrochener Stimme. »Ich will nichts weiter wissen; mein armer Junge wendete sich an die richtige Adresse und tat besser daran, als zu mir zu kommen. Wie der Vater, so der Sohn!« sagte er leise vor sich hin, ließ sich in den Stuhl fallen, auf den er sich gestützt hatte, und vergrub das Gesicht in den Händen.

Er schien Teddys unglückseliges Verschwinden über seiner eigenen Verzweiflung völlig vergessen zu haben. Raffles zog seine Uhr heraus und zeigte mir das Zifferblatt; es war schon über halb zwölf. In diesem Augenblick trat ein Diener mit einem Schreiben ein, und sein Herr gewann seine Selbstbeherrschung zurück.

»Das wird von Teddy sein,« rief er und suchte nach seinem Kneifer. »Nein, es ist an ihn und zwar durch Boten bestellt. Es ist wohl besser, ich öffne den Brief, von Fräulein Belsize wird er ja wohl kaum sein.«

»Fräulein Belsize ist im Salon,« sagte der Diener, »sie wollte den Herrn nicht stören.«

»Sagen Sie ihr, wir kommen gleich,« sagte Herr Garland mit einem erneuten sorgenvollen Ausdruck. »Hören Sie – ach Gott, hören Sie nur,« fuhr er fort, noch ehe die Tür sich geschlossen hatte: »›Was ist geschehen? Das Spiel muß stattfinden. Whipham springt für Dich ein, wenn Du nicht rechtzeitig kommst. J. S.‹«

»Jack Studley,« sagte Raffles, »der Sekretär des Klubs.«

»Ja, ja, ich weiß! Und Whipham ist Reservemann, nicht?«

»Ja, und wenn er nur einen Ball nimmt und Teddy auch sofort hinterher kommt, so ist es doch für heute für ihn zu spät.«

»Ach, dann ist es jetzt schon zu spät,« stöhnte Herr Garland und sank in seinem Stuhl zurück.

»Aber dieser Brief von Studley ist vielleicht schon eine halbe Stunde unterwegs.«

»Nein, Raffles, das ist kein gewöhnlicher Brief; dies hier ist eine Botschaft, die direkt von Lords, vermutlich vor ein paar Minuten, an ein Botenbureau keine hundert Schritt von hier telephoniert wurde.«

Trübselig starrte er auf den Teppich, er sah schon ganz elend aus vor Aufregung über diese Ungewißheit. Raffles selbst, der sich mit einem Achselzucken in das Unvermeidliche zu ergeben schien, war ein Bild tiefer Niedergeschlagenheit, als er durch die Glastür in den anstoßenden Wintergarten blickte. Noch sehe ich Raffles in voller Größe vor diesem Hintergrund von Palmen und Farnen stehen. Ich sehe, wie er sich hoch aufrichtet, die Tür öffnet und gespannt horcht. Auch ich höre etwas, ein leises Zischen und Aufklatschen und Raffles' plötzliches Auflachen, mit dem er sich uns wieder zuwendet.

»Es regnet,« rief er, »Hurra! Haben Sie ein Barometer, Herr Garland?«

»Ja, dort hängt eins unter dem Gasarm.«

»Regulieren Sie den Zeiger regelmäßig?«

»Gewiß, jeden Abend bevor ich zur Ruhe gehe. Ich erinnere mich, daß er gestern zwischen ›Schön‹ und ›Veränderlich‹ stand, das machte mir Sorge.«

»Jetzt müssen Sie aber dankbar dafür sein. Jetzt steht der Zeiger zwischen ›Veränderlich‹ und ›Regen‹. Der Regen ist schon da, und solange es regnet, dürfen wir noch hoffen.«

Mit einem Schlage hatte Raffles seine alte unwiderstehliche Lebendigkeit und Sicherheit wiedergefunden, der Ältere aber vermochte nicht so schnell sein Gleichgewicht wieder zu erlangen.

»Meinem Jungen muß irgend etwas zugestoßen sein!«

»Aber doch nicht gleich das Schlimmste.«

»Wenn ich nur wüßte was, Raffles, wenn ich nur wüßte was!«

Raffles betrachtete das blasse, zuckende Gesicht mit aufrichtiger Bekümmernis. Er selbst hatte wieder den selbstsichern Ausdruck, der mir stets Vertrauen einflößte; das Rauschen auf dem Glasdach des Wintergartens wurde mit jeder Minute stärker.

»Ich will versuchen, es herauszubekommen,« sagte er, »und wenn der Regen nur lange genug anhält, können wir doch vielleicht Teddy noch spielen sehen, sobald es wieder trocken ist. Ich brauche aber Ihre Hilfe, Herr Garland.«

»Ach, Raffles, ich folge Ihnen, wohin Sie wollen!«

»Sie können mir nur helfen, wenn Sie bleiben, wo Sie sind.«

»Wo ich bin?«

»Ja, zu Hause, Sie müssen den ganzen Tag zu Hause bleiben,« sagte Raffles fest, »das ist sehr wesentlich für meinen Plan.«

»Und worin besteht dieser Plan, Raffles?«

»Vor allem darin, Teddys Ansehen und Ruf zu schützen. Ich fahre sofort zu Lords, in Ihrem Wagen, wenn ich darf, und spreche mit Studley – ich kenne ihn sehr gut – daß er Teddy seinen Platz bis zum letztmöglichen Augenblick offen hält.«

»Wie wollen Sie aber seine Abwesenheit erklären?«

»Das werde ich schon machen,« sagte Raffles ruhig, »jedenfalls kann ich erst mal sein Ansehen retten, bei Lords wenigstens.«

»Das ist ja der einzige Ort, wo das von Wichtigkeit ist,« stimmte ich zu.

»Im Gegenteil, Bunny, in diesem Hause ist es noch weit wichtiger, solange Fräulein Belsize hier ist. Hast du vergessen, daß sie sich mit ihm verlobt hat und augenblicklich nebenan sitzt?«

»Großer Gott,« flüsterte Herr Garland, »ich hatte das Mädchen auch völlig vergessen.«

»Sie ist die letzte, die von der ganzen Geschichte etwas erfahren darf,« sagte Raffles, in einem so befehlenden Ton, wie er ihm meiner Ansicht nach durchaus nicht ziemte. »Und Sie sind der einzige, der sie im ungewissen erhalten kann.«

»Ich?«

»Fräulein Belsize darf heute morgen nicht zu Lords. Sie würde sich nur ihr Kleid verderben; außerdem können Sie ihr von mir bestellen, daß heute vormittag gewiß nicht mehr gespielt wird, selbst wenn der Regen noch in diesem Moment aufhörte, wonach es allerdings nicht aussieht. Reden Sie ihr ein, daß Teddy mit den andern im Pavillon durch das Unwetter zurückgehalten wird, aber lassen Sie nicht zu, daß sie hingeht, bevor Sie von mir gehört haben, und am leichtesten werden Sie sie zum Hierbleiben bewegen, wenn Sie selbst das Haus auch nicht verlassen.«

»Und wann kann ich wohl Nachricht erwarten?« fragte der alte Garland und streckte Raffles die Hand hin.

»Einen Augenblick, bitte. Bei Lords bin ich in ungefähr zwanzig Minuten; weitere fünf bis zehn werden genügen, um mit Studley zu reden; dann verbarrikadiere ich mich in dem Telephonkasten und rufe jedes Hospital der Stadt an. Es könnte ihm ja ein Unfall zugestoßen sein, obwohl ich das nicht glaube. Darüber gebe ich Ihnen aber nur Nachricht, falls ihm wirklich etwas passiert ist; denn je weniger Botschaften über ihn umherirren, um so besser. Sie halten es doch auch für richtiger, alle Welt hier über die Angelegenheit im dunkeln zu lassen.«

»Ja, ja, Raffles, damit bin ich ganz einverstanden; es wird für mich aber eine sehr schwere Aufgabe sein.«

»Das wohl, Herr Garland. Doch solange wir keine Nachricht haben, brauchen wir nicht zu verzweifeln, und ich verspreche Ihnen, daß ich herkomme, sobald ich etwas in Erfahrung gebracht habe.«

Darauf drückten sie einander die Hand, unser Wirt, wie mir schien, mit auffälligem Widerstreben, das sich in unbegreiflichen Schrecken verwandelte, als auch ich mich verabschieden wollte.

»Was!« rief er, »soll ich denn ganz allein das arme Mädchen täuschen und meine eigene Angst dabei vor ihr verbergen?«

»Es hat gar keinen Zweck, daß du mitkommst, Bunny,« sagte Raffles zu mir. »Ich kann augenblicklich durchaus keinen Begleiter brauchen.«

Unser Wirt sagte nichts mehr, sah mich aber so flehend an, daß mir nichts übrig blieb, als mich zum Dableiben zu erbieten. Als er dann endlich in den Salon zu der Braut seines Sohnes gegangen war, nahm ich einen Regenschirm aus dem Ständer und begleitete Raffles durch den von der Vorsehung geschickten Regen an den Wagen.

»So etwas liegt uns gar nicht, Bunny,« murmelte er zwischen den Zähnen, so daß weder der Diener an der Tür noch der Kutscher auf dem Bock etwas verstehen konnte. »Aber es geschieht uns ganz recht, denn wir haben uns diesmal vom Pfad des ehrlichen Verbrechens ablenken lassen. Wir hätten lieber für die Siebenhundert einen Geldschrank knacken sollen.«

»Was aber, meinst du, ist die wirkliche Ursache dieses seltsamen Verschwindens?«

»Irgend eine Verrücktheit, fürchte ich. Wenn der Junge aber noch am Leben ist, so werde ich ihn wohl erwischen, ehe die Sonne über diesem wahnsinnigen Einfall untergeht.«

»Und seine Verlobung?« fuhr ich fort, »mißbilligst du sie?«

»Warum um alles in der Welt sollte ich wohl?« fragte Raffles ziemlich scharf, als er in den Wagen stieg.

»Weil du mir nichts davon gesagt hast, nachdem er es dir erzählt hatte,« erwiderte ich. »Ist das Mädchen seiner nicht wert?«

Unerforschlich waren Raffles' klare blaue Augen, als er sagte: »Das mußt du selbst herausfinden. – Sag dem Kutscher, er soll ein bißchen rasch zu Lords fahren, und bete, daß der Regen anhält.«

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