Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernest William Hornung >

Raffles als Richter

Ernest William Hornung: Raffles als Richter - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleRaffles als Richter
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
year1912
translatorBerta Pogson
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150121
projectid9367aa33
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel. Kriegsrat

Raffles summte die Melodie irgendeines auserlesenen Liedes, das ich nicht kannte, vor sich hin, als ich mich von der wundervollen Nacht abkehrte und den Kopf wieder ins Zimmer hereinzog. Die Flügeltüren waren geschlossen, und die Standuhr auf der einen Seite zeigte fast Mitternacht. Raffles mochte sein Lied meinetwegen nicht unterbrechen, wies aber auf den Siphon und die Karaffe, und so füllte ich mein Glas von neuem. Er hatte auch ein Glas neben sich, was bei ihm schon eine Seltenheit war, aber sich ruhig dazu hinzusetzen, war ihm unmöglich; dazu war er viel zu nervös. Er hantierte sogar an ein paar Bildern, die eine übereifrige Hand in seiner Abwesenheit umgehängt und die er meines Wissens noch nie beachtet hatte. Es waren zwei vorzügliche Reproduktionen nach Watts und Burne-Jones, die anscheinend gerade so hängen mußten, wie er selbst sie gehängt hatte, und zum erstenmal sah ich sie jetzt gerade hängen. Auch die Bücher hatten unter der guten Absicht zu leiden gehabt, aber er gab es bald achselzuckend auf, auch da Ordnung zu schaffen. Er blätterte noch in ein paar Zeitschriften, und so vergingen etliche Minuten ohne ein Wort. Als er sich dann wieder in das Nebenzimmer stahl, nachdem er ein Weilchen an der Tür gehorcht, kam noch immer das leise gesummte Liedchen von seinen Lippen, und erst nachdem er die Tür nicht eben überleise wieder hinter sich geschlossen hatte, hörte er damit auf und sagte mit einem so finstern Gesicht, wie er den ganzen Abend noch nicht gezeigt: »Der Junge sitzt viel tiefer in der Klemme, als er glaubt. Aber wir müssen ihn da miteinander herausholen, ehe das Spiel losgeht; das ist unsre nächste Aufgabe, Bunny.«

»Ist es auch eine bösere Klemme, als du vermutetest?« fragte ich und dachte an die Unterredung, die ich nicht überhört hatte.

»Das will ich nicht sagen, Bunny, obwohl mir nie im Traum eingefallen wäre, daß sein alter Vater ebenfalls in der Patsche sitzt. Ich gestehe offen, daß ich das nicht begreife. Sie leben in einem richtigen Landhaus mitten in Kensington, und es sind doch nur die beiden allein. Ich habe aber Teddy mein Wort gegeben, daß ich den Alten nicht um das Geld angehen will; deshalb hat es keinen Zweck, weiter darüber zu reden.«

Augenscheinlich hatten sie darüber im andern Zimmer gesprochen, und es überraschte mich nur, wie sehr Raffles sich die Sache zu Herzen zu nehmen schien.

»Du bist also entschlossen, das Geld wo anders zu erheben?«

»Ehe der Junge da drinnen die Augen öffnet!«

»Schläft er schon?«

»Wie ein Toter,« sagte Raffles, ließ sich in seinen Sessel fallen und trank nachdenklich ein paar Schluck. »Er wacht auch nicht auf, bevor wir ihn wecken. Es ist ein kitzliges Experiment, Bunny, aber selbst ein arger Brummschädel während der ersten Stunde des Spiels ist besser als eine schlaflose Nacht vorher; ich habe beides versucht, muß es daher wissen. Es soll mich übrigens gar nicht wundern, wenn er sich morgen besonders auszeichnet; das tut man oft, wenn man körperlich oder seelisch etwas herunter ist, das nimmt dann den gefährlichen Übereifer, mit dem man sich häufig selbst schadet.«

»Und was denkst du von der ganzen Geschichte, A. J.?«

»Nicht viel schlimmer, als ich ihn glauben machte.«

»Du mußt aber doch einfach starr gewesen sein.«

»Über so etwas bin ich längst hinaus; ich wundere mich nicht über das Schlimmste und Erbärmlichste, was ein guter Mensch fertig bringt, und umgekehrt natürlich auch nicht. Ein enorm Reicher entpuppt sich als ein Bettler und der ehrliche Mensch spielt einen Schurken; wir alle sind fähig, die verdammenswürdigsten Dinge zu tun. Aber laß uns dem Himmel danken, daß wir gerade zur rechten Zeit zurückkamen!«

»Weshalb?«

Raffles zog den halbfertigen Scheck hervor und warf mir kopfschüttelnd den flatternden Papierstreifen zu.

»Hast du je einen so kindlichen Versuch gesehen? Sie hätten ihn gleich in der Bank angehalten und zur Polizei geschickt. Sollte dir je die Lust zu einem solchen Streich kommen, Bunny, so mußt du erst ein bißchen bei mir in die Lehre gehen.«

»So etwas gehörte aber doch nie zu deinen Scherzen.«

»Nur zufällig ein- oder zweimal, es hat nichts Verlockendes für mich,« sagte Raffles und sandte leichte Rauchwölkchen empor.

»Nein, Bunny, ein gelegentliches ›exeat‹ in der Schule ist mein bescheidenes Kunststück als Fälscher, obwohl schon das, wie ich zugebe, Schlimmes prophezeite. Weißt du noch, daß ich mein Scheckbuch absichtlich herumliegen ließ, damit etwas Derartiges passiere. Wenn sich nämlich jemand gegen uns vergeht, anstatt daß wir selbst uns an andern vergehen, so hätte uns das in allen Zeitungen auf Lebenszeit zu den ehrlichsten Menschen gestempelt. Ich dachte an den guten alten Barraclough, oder sonst jemand, Gott möge es mir vergeben, und nun ist es der ›Freund, dem meine Seele vertraut!‹ Nicht daß ich ihm wirklich etwas anvertraut hätte, Bunny, so sehr ich den Jungen auch liebe.«

Trotz der Zeitform, die er für seine letzte Behauptung wählte, war es jetzt wieder der alte Raffles, der mit mir sprach, der schneidend zynische Raffles, den ich wohl am besten kannte, der Raffles der unverschämten Zitate und der leichtfertigen jeux d'esprit. Dieser Raffles meinte nur die Hälfte von dem, was er sagte – hatte aber gewöhnlich die andre Hälfte selbst auf dem Kerbholz. Ich kam dieser Stimmung entgegen, indem ich ihn – aus seinem eigenen Kalender – daran erinnerte, daß um drei Uhr einundfünfzig die Sonne aufgehe, falls er in dieser Nacht irgendwo einzubrechen gedenke. Ich hatte die Freude, ihm ein Lächeln abzuzwingen.

»Ich habe wohl daran gedacht, Bunny,« sagte er, »es gibt aber eigentlich nur einen, den wir anständigerweise um dies Geld erleichtern können. Und unser Shylock ist keine Festung, die selbst ein Cäsar so ex itinere eingenommen hätte. Du mußt bedenken, daß ich bei ihm war, wenigstens besuchte ich sein ›Wanderzelt‹, wenn man so von den Alten zu den Modernen überspringen darf. Und wenn das schon so unbezwingbar war; so wird seine ständige Residenz auf uneinnehmbarem Felsen errichtet sein.«

»Davon mußt du mir noch erzählen, Raffles,« sagte ich, weil mich die schnell wechselnden Bilder seiner Redeweise ermüdeten. Er mochte sich, soviel er wollte, in Anspielungen ergehen, wenn kein gefahrvolles Unternehmen auf uns wartete, und ich war stets zu jeder Tages- und Nachtzeit sein glückliches und begeistertes Publikum; für eine dunkle Tat wünschte ich aber weniger Feuerwerk, sondern ein ruhiges Licht aus seiner Geisteslaterne. Und doch waren es gerade solche Augenblicke, die die Freudenfeuer seiner Geistesblitze besonders sprühen ließen.

»Ich werde dir schon alles der Reihe nach erzählen,« sagte Raffles. »Aber jetzt sind die nächsten Stunden von weit größerer Wichtigkeit als die vergangenen Wochen. Natürlich ist Shylock unser Mann, aber wie ich den alten Stammvater kenne, glaube ich, es ist schlauer, wenn wir das Geld wie ehrliche Christen von ihm borgen.«

»Dann müssen wir es zurückerstatten.«

»Und das wäre der Moment, um unsres Geizigen sonnenlose Schatzkammern – wenn er welche hat – auszukundschaften, das würde uns Zeit dafür gewähren.«

»Er hat sein Kontor doch nicht die ganze Nacht offen,« wandte ich ein.

»Er öffnet aber schon um neun Uhr früh,« entgegnete Raffles, »um die ersten Fondsmakler abzufangen, die sich lieber bis aufs Blut aussaugen, als sich wegen gelegentlicher Unfähigkeit, ihren Verpflichtungen nachzukommen, von der Maklerliste streichen lassen.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Unsers Shylocks Frau.«

»Du mußt ja sehr gut mit ihr gestanden haben.«

»Mehr aus Mitleid als um der Geheimnisse willen.«

»Du kamst aber doch bis an die Geheimnisse?«

»Ja, und sie entlastete sich gehörig.«

»Natürlich,« sagte ich, »dir gegenüber sollte sie wohl.«

»Sie erzählte mir sehr viel von der bevorstehenden Klage.«

»Shylock contra Fact?«

»Ja, das kommt noch vor den Ferien daran.«

»Ich sah es in irgendeiner Zeitung.«

»Du weißt doch, um was es sich handelt, Bunny?«

»Nein, das nicht gerade.«

»Um einen andern alten Halunken, den Maharadscha von Hathipur und seine geradezu fabelhaften Schulden. Wie es scheint, befindet er sich seit Jahren in Shylocks Klauen, der, anstatt sein Pfund Fleisch zu nehmen, den Betrag immer noch mehr vergrößert. Das ist natürlich die Pflicht der Geldverleiher; man sagt aber, daß die Summe schon achtstellig sei. Keiner hat irgendwelche Sympathie für den alten Heiden, der wie man erzählt, stark an der großen Meuterei beteiligt war und sich nur dadurch rettete, daß er sich noch rechtzeitig gegen die eigenen Genossen kehrte; Tugend und moralisches Gefühl ist jedenfalls in seinem Wörterbuch nicht verzeichnet. Trotzdem glaube ich, daß sich tatsächlich ein Syndikat gebildet hat, um die Schulden dieses Farbigen aufzukaufen und einen vernünftigen Zins zu beanspruchen, nur fängt der schmutzige weiße Mann dem Syndikat immer den Wind ab. Als sie gerade auf dem Punkt waren, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen, verleitete Levy den Inder zu einer neuen orientalischen Verschwendung. Fact hat die ganze Sache aufgedeckt und Erpressungsbriefe abgedruckt, die Levy als Fälschungen verschwört. Da hast du beide Fälle wie in einem Vielliebchen zusammen. Die Ärzte rieten Dan Levy, in diesem Jahr seine Kur in Karlsbad zu absolvieren, bevor die Gerichtsverhandlung beginne; und die enormen Summen, die der Prozeß verschlingen wird, mögen daran schuld sein, daß er alte Klienten bedrängt, sowie er wieder da ist.«

»Warum meinst du aber, daß er dir etwas leihen wird?«

»Ich bin ein neuer Kunde, Bunny, das ist ein gewaltiger Unterschied; außerdem waren wir da drüben ganz gute Freunde.«

»Aber du und Madame Shylock noch bessere?«

»Unbekannterweise, Bunny. Sie pflegte mir von ihren Sorgen zu erzählen, wenn ich ihr meinen Arm angeboten hatte, und ich gab gehörig acht, recht wie ein Märtyrer auszusehen. Mein Freund, der Reitersmann, machte derbe Witze über kolossale Lasten und den dürren, armseligen Klepper.«

»Und doch nahmst du der armen alten Seele das Halsband?«

Raffles stieß die bei ihm chronische Zigarette auf die Tischplatte an seiner Seite; dann stand er auf, um sie anzuzünden, wie man es wohl tut, um die großen Momente seines Lebens anzukündigen, und sagte durch die Flamme des Streichholzes, die sich bei seinem Paffen hob und senkte: »Nein – Bunny – das tat ich nicht.«

»Du hast mir doch erzählt, daß du die Smaragden gewonnen hättest,« rief ich gleichfalls aufspringend.

»Habe ich auch, Bunny, aber ich gab sie zurück.«

»Und du hast sie eingeweiht, wie sie dir Aufklärung über ihn gegeben hat?«

»Sei nicht albern, Bunny,« sagte Raffles und ließ sich wieder in seinen Stuhl sinken. »Ich kann dir die ganze Geschichte jetzt nicht auseinandersetzen, aber hier hast du die Hauptpunkte. Sie wohnen im Savoy-Hotel, in Karlsbad meine ich natürlich. Ich gehe zu Pupp. Wir begegnen uns. Sie starren mich an, und ich gebe mich als der bescheidene Held der Geschichte im andern Savoy zu erkennen. Ich schelte verdrießlich auf mein Hotel. Sie schwören auf das ihrige. Ich komme und sehe mir ihre Zimmer an. Warte dann, bis ich gerade das Zimmer über dem ihren bekommen kann im zweiten Stock – wo ich sogar das alte Schwein mit ihr schimpfen höre, wenn sie ihm die Moorumschläge macht! Beide Zimmer haben die gleichen Balkons, als ob sie für mich gemacht worden wären. Muß ich noch weiter erzählen?«

»Ich wundere mich nur, daß sie keinen Verdacht auf dich hatten.«

»Du wirst dich noch viel mehr wundern, Bunny. Ich nahm mit Vorbedacht ein paar schöne alte Lumpen, sorgfältig in einen guten Anzug verpackt, mit auf die Reise und hatte das Glück, eine schmutzige alte Mütze zu finden, die irgendein Arbeiter im Walde weggeworfen hatte. Ich wollte sie ihnen nur wie eine Art Visitenkarte hinterlassen; wie es dann aber kam – na, ich wartete auf den besten Barbier des Ortes am nächsten Morgen.«

»Was war geschehen?«

»Ein ganzer Akt voll ungeahnter Wirkungen; deshalb bedenke ich mich zweimal, ehe ich mich mit dem alten Shylock wieder einlasse. Ich bewundere ihn, Bunny, er ist ein stahlharter Feind. Ich freue mich auf ein neues Spiel mit ihm auf seinem eigenen Grund und Boden, aber erst muß ich besser Bescheid wissen, ehe ich loslege.«

»Du trankst doch vermutlich dann und wann Tee bei ihnen?«

»Gieshübler,« antwortete Raffles mit einem Schauder; »trotzdem dehnte ich den Besuch so lange aus, bis ich glaubte, die kleinen grünen Lichter an der richtigen Stelle ausgekundschaftet zu haben. In einer Ecke stand ein japanischer Reisekasten. ›Das ist die Smaragdeninsel,‹ dachte ich, ›ich werde sie bald genug aus dieser Meerestiefe heraufholen.‹ Der Alte vertraut sie seiner Frau sicher nicht mehr an nach dem Erlebnis in London. Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß ich bestimmt wußte, daß sie irgendwo sein mußten; er hatte sie ja sogar gezwungen, die Steine bei der tragischen Farce eines Diners in Karlsbad zu tragen.«

Raffles vergaß jetzt seine Einsilbigkeit; ich glaube, er hatte den Jungen im andern Zimmer und alles übrige völlig vergessen in dem atemlosen Kampf, den er für mich noch einmal durchlebte. Er erzählte, wie er auf eine dunkle Nacht gewartet habe und dann von dem Balkon vor seinem Wohnzimmer auf den darunter befindlichen geglitten sei. Aber die Smaragden fanden sich dann doch nicht in dem japanischen Kasten, und gerade, als er sich davon überzeugte hatte, öffneten sich die Flügeltüren, und in ihrem Rahmen stand Dan Levy in einem höchst feudalen seidenen Pyjamaanzug.

»Der letztere erweckte in mir eine plötzliche Achtung für unsern Shylock,« fuhr Raffles fort, »denn zum erstenmal kam mir der Gedanke, daß Moorbäder am Ende doch nicht die einzigen Bäder sind, die er jemals nimmt. Sein Gesicht war so grimmig wie nur je, aber er war völlig unbewaffnet und ich nicht; trotzdem stand er ruhig da und schimpfte auf mich wie auf einen Taschendieb, als ob es mir gar nicht in den Sinn kommen könnte, auf ihn zu schießen, und als ob ihm das auch höchst gleichgültig sei. Deshalb hielt ich ihm den Revolver dicht vor die Nase und spannte den Hahn scharf. Großer Gott, Bunny, wenn ich zu scharf angezogen hätte. Er zwinkerte nun doch ein bißchen mit den Augen, und ich war heilfroh, das Ding senken zu können.

»›Heraus mit den Smaragden,‹ sagte ich auf deutsch, wovon er kein Wort verstand. Du kannst dir wohl vorstellen, daß ich völlig unkenntlich war, ein ganz gewöhnlich aussehender Kerl mit geschwärztem Gesicht. ›Ich weiß nicht, was Sie wollen, und kümmere mich auch verflucht wenig darum,‹ antwortete er auf englisch. ›Das Halsband,‹ rief ich. ›Scheren Sie sich zum Teufel!‹ kam es auf englisch zurück.

»Nun wies ich mit der Hand auf mich, schüttelte den Kopf, drohte ihm mit der Faust und nickte dann. Da lachte er mir ins Gesicht; und, weiß Gott, ich hatte mich festgerannt. Deshalb zeigte ich auf die Uhr und hielt einen Finger hoch. ›Ich habe nur noch eine Minute zu leben. Alte,‹ rief er durch die Tür, ›wenn der Kerl die Frechheit hat zu schießen, was ich freilich nicht glaube. Aber warum, zum Kuckuck, gehst du nicht durch die andre Tür und alarmierst das Haus?‹

Damit hatte die Belagerung ihr Ende erreicht, denn herein kommt die alte Dame, beherzt wie er, und schiebt mir das Halsband in die Hand. Ich hätte am liebsten die Annahme verweigert, wagte es aber nicht. Das elende Vieh packte sie nun aber und schüttelte sie, bis ich ihn wieder mit dem Revolver deckte und auf deutsch schwor, einen toten Engländer aus ihm zu machen, falls er sich in den nächsten zwei Minuten auf dem Balkon zeige. Als ich verschwand, sah ich, wie die alte Dame sich an ihn hängte und ihn umarmte!«

Ich atmete auf und leerte mein Glas, auch Raffles nahm einen Schluck.

»Das Seil war aber doch an deinem Balkon befestigt, A. J.?«

»Das erste, was ich tat, war, das untre Ende an dem ihrigen zu befestigen, und sowie ich oben war, löste ich mein Ende und ließ es hinunterfallen. Sie fanden es richtig zu Boden hängen, als sie miteinander hinauseilten. Natürlich hatte ich die Nacht gut gewählt, es war sowohl pulvertrocken, wie vollkommen finster, und schon nach fünf Minuten suchte ich mit allen andern Insassen des Hotels nach unmöglichen Fußspuren auf den Gartenwegen, indem ich gleichzeitig etwa vorhandene vertilgte.«

»Und auf dich fiel kein Verdacht?«

»Keine Seele dachte an mich, das ist gewiß. Ich war der erste, den meine Opfer mit der ganzen Geschichte langweilten.«

»Weshalb gabst du denn die Beute wieder heraus? Das ist ja zwar ein alter Trick von dir, Raffles, aber in einem solchen Fall, wo es sich um den widerlichen alten Kerl handelte, finde ich das ziemlich nutzlos.«

»Du vergißt seine arme Frau, Bunny. Sie führte schon vorher ein Hundeleben, aber wie er sie jetzt behandelte, das war weit schlimmer, als man es Hunden zuteil werden läßt. Ich liebte sie geradezu wegen des Mutes, mit dem sie für ihn einsprang; der übertraf noch seine Kaltblütigkeit mir gegenüber, und es konnte wahrlich nur eine Belohnung für sie geben.«

»Aber wie um alles in der Welt hast du denn das angestellt?«

»Nicht durch eine feierliche Überreichung, Bunny, und noch weniger, indem ich die alte Dame zur Mitwisserin machte!«

»Dann gabst du das Halsband anonym zurück?«

»Was ein ganz gewöhnlicher Einbrecher sicher getan hätte. Nein, Bunny; ich versteckte es im Walde, wo ich gewiß wußte, daß es gefunden werden würde. Dann mußte ich aber Wache halten, daß es nicht in verkehrte Hände geriet. Glücklicherweise hatte Shylock eine große Belohnung ausgesetzt, und so löste sich denn schließlich alles in Wohlgefallen auf. Er versetzte seinen Doktor in heillose Wut und leistete sich ein kolossales Essen an dem Abend, an dem die Steine gefunden wurden. Der Reitersmann und ich wurden zu diesem Dankfest eingeladen, aber ich wollte nicht von der vorgeschriebenen Diät abweichen, und er schämte sich, es zu tun, wenn ich nicht mithielt; dadurch trat in unserm Verhältnis eine merkliche Kühle ein und ich bezweifle, daß wir jemals zu dem Riesendiner kommen werden, das wir uns ausgedacht hatten, um die Rückkehr vom Lebendigbegrabensein würdig zu feiern.«

Dieser schattenhafte Reitersmann interessierte mich gar nicht.

»Mit Dan Levy anzubinden, ist eine recht ernste Sache,« sagte ich schließlich, und zwar durchaus nicht in übermütiger Stimmung.

»Das ist eine sehr weise Bemerkung, Bunny, aber gerade deshalb freue ich mich darauf; es muß ein recht unterhaltender Kampf werden.«

»Denkst du dabei schon an morgen, oder wenn es gilt, den Kerl zu berauben, um ihn wieder damit zu bezahlen?«

»Großartig, Bunny!« schrie Raffles, als habe ich einen Schuß ins Schwarze getan. »Wie unser Geist hell wird um diese frühen Morgenstunden.« Damit zog er die Gardinen von den Fenstern zurück. »Merkst du, daß wir die Sterne in die Flucht geschlagen haben? Am ganzen Himmel findet sich kein einziger mehr.«

»Du hast mir auf meine Frage nicht geantwortet,« sagte ich resigniert, »und ebensowenig hast du mich vorbereitet, wie wir erst einmal versuchen wollen, das Geld zu erheben.«

»Wenn du dir noch eine Sullivan anzünden und dir noch ein ganz kleines Glas mischen willst, so will ich es dir jetzt sagen, Bunny.«

Und das tat er dann auch.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.