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Raffles als Richter

Ernest William Hornung: Raffles als Richter - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleRaffles als Richter
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
year1912
translatorBerta Pogson
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150121
projectid9367aa33
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Neunzehntes Kapitel. Rechtfertigung

An einem der schrecklichsten Tage des letzten Sommers ging ich in das Dampfbad in Jermyn Street, um meine nassen Stiefel loszuwerden. Ein unechter Orientale hatte sie mir schon im Vorzimmer ausgezogen, und ich ging mit dem unbehaglichen Bewußtsein hinein, ein großes Loch in dem einen Strumpf zu haben. Das Bad war unangenehm voll, viele hatten hier Zuflucht vor dem Regen gesucht. Schließlich fand ich einen Diwan in einem der obern Alkoven; ich hatte lange gesucht, denn mir war nicht jeder recht zum Gefährten in dem türkischen Bad, und es war kein Zufall, daß ich meine Sachen neben recht neu und elegant aussehenden Kleidern aufhängte.

In den nun folgenden Stadien physischer Auflösung glaubte ich in meinem Gegenüber eine Ähnlichkeit mit einem mir wohlbekannten Gesicht zu entdecken. Mit den Jahren hatte sich aber bei mir neben einer beginnenden Fettleibigkeit auch eine ziemliche Kurzsichtigkeit eingestellt. Ich lag daher schon eingewickelt auf meinem Diwan, als ich in dem Mann mit dem frischen Gesicht E.M. Garland erkannte. Ein dunkler Schnurrbart veränderte das Knabengesicht von früher, aber die braunen Augen waren noch gerade so hell und strahlend, und die große kräftige Hand drückte die meine mit unerwarteter Herzlichkeit, als ihm die Erinnerung an mich aufdämmerte.

Er fing sofort mit mir von Raffles an, sprach von meinen Erzählungen, von unsern Erlebnissen, als sei durchaus nichts Tadelnswertes daran und entwickelte eine schmeichelhafte Kenntnis dieses geheiligten Andenkens.

»Ich nehme es allerdings mit Vorbehalt auf,« sagte Teddy Garland, »Sie werden mir nicht weismachen, daß Sie beide wirklich solch abgefeimte Kerls gewesen sind. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie Sie Stricke hinaufklettern oder durch Speisekammerfenster einsteigen – so ulkig die Sache sich auch liest.«

Jetzt war es wirklich nicht mehr recht glaubhaft, denn um die Vierzig herum wird man zu fett für solche Scherze.

»Und nun müßten Sie uns noch den Kampf zwischen Raffles und Dan Levy schildern,« fuhr er fort, »ich meine die ganze Schlacht, die Raffles schlug und gewann für meinen armen Vater und für mich; das wäre noch etwas! Und die Welt würde erkennen, was für ein ganzer Kerl er war.«

»Ich fürchte nur, die Welt würde auch sehen müssen, was für Kerls wir andern damals waren,« sagte ich – wie ich glaubte, mit großer Zartheit und großem Takt; aber Teddy lag einige Augenblicke schweigend wie mit Blut übergossen. Auch er hatte seine Eitelkeit, erhob sich aber über dieselbe.

»Manders,« sagte er, stand auf und setzte sich auf die Ecke meines Diwans, »ich gebe Ihnen volle Erlaubnis, alles über mich und die Meinen zu berichten, wenn Sie die Wahrheit über diesen Kampf und über alles, was Raffles für uns alle getan hat, der Welt verkünden wollen.«

»Vielleicht hat er mehr getan, als Sie ahnen.«

»Setzen Sie alles hinein.«

»Der Kampf dauerte viel länger, als Sie glauben. Er nannte es einmal den richtigen Guerillakrieg.«

»So machen Sie ein Buch daraus.«

»Ich habe aber längst alle Akten über dies Thema geschlossen.«

»Dann habe ich die größte Lust, selbst darüber zu schreiben.«

Das war eine schreckliche Drohung. Glücklicherweise fehlte ihm ja das Material dazu; das sagte ich ihm auch. »Ich besitze auch nicht alles,« fügte ich hinzu, »denn ich weiß nicht, wo Sie gesteckt haben, an dem ersten Tag des Matches, wo es zum Glück so stark regnete.«

Garland sah mich mit ungläubigem Erstaunen an. »Wollen Sie damit sagen, daß A. J. Ihnen das nicht erzählt hat?« rief er.

»Nein. Ich war natürlich neugierig, aber er weigerte sich, mir etwas darüber zu sagen.«

»Was für ein Mensch!« murmelte Teddy mit so zärtlichem Enthusiasmus, daß ich ihn lieb gewann. »Was für ein Freund! Manders, das sage ich Ihnen, wenn Sie nicht die ganze Geschichte veröffentlichen, so tue ich es. Ich will Ihnen auch sagen, wo ich war.«

»Das würde mich sehr interessieren.«

Mein Gefährte sah lächelnd auf mich nieder. »Ob Sie es wohl je erraten würden?«

»Ich glaube nicht.«

»Ich auch nicht; denn ich verbrachte jenen Tag auf dem Sofa, von dem ich vor einigen Minuten aufgestanden bin.«

Ich blickte auf den gestreiften Diwan gegenüber, dann wieder auf Teddy Garland. Sein Lächeln war etwas verzerrt, aber er fuhr eilig fort, ehe ich noch etwas sagen konnte.

»Sie erinnern sich des Schlafmittels, Somnol, glaube ich, hieß es? Das war ein gefährliches Spiel mit einem fremden Körper. Vielleicht hatte A. J. aber recht, daß ich ganz ohne Schlaf noch schlimmer daran gewesen wäre. Das glaube ich selbst, aber bei Lords wäre ich schon munter geworden. Dies abscheuliche Zeug verschaffte mir allerdings Schlaf, aber nicht lange genug. Ich war schon vor vier wieder wach, hörte Sie beide im andern Zimmer sprechen, und wie ein Blitz durchzuckte mich die Erinnerung an alles, was geschehen war. Ohne diesen Blitz wäre ich sofort wieder eingeschlafen, aber wenn Sie bedenken, Manders, was da alles mit mir aufgewacht war, so werden Sie begreifen, daß ich die ganze weitere Nacht nicht wieder einschlafen konnte. Mein Kopf war wohl schwer, aber in meinem Herzen brannte ein höllisches Feuer, wie ich es nicht beschreiben könnte.«

»Das habe ich auch schon durchgemacht,« sagte ich kurz.

»Dann können Sie auch meine entsetzlichen Gedanken nachfühlen. Selbstmord stand obenan; aber erst mußte ich hinausgelangen, ohne Ihnen beiden wieder ins Gesicht sehen zu müssen. Deshalb tat ich, als ob ich schliefe, als Raffles zu mir hereinkam. Und als Sie beide fortgingen, zog ich mich in fünf Minuten an und schlich davon. Ich wußte nicht wohin, erinnere mich auch nicht, wie ich in diese Straße gelangt bin. Vielleicht war es meine Schuld bei Levy, die meine Schritte hierher lenkte. Ich entsinne mich nur, daß ich vor diesem Hause stand mit einem wahnsinnig schmerzenden Kopf, und daß mir plötzlich die Idee kam, ein Bad würde mir vielleicht gut tun. So ging ich hinein. Ich nahm mein Bad, ließ mir dann etwas Tee und Toast geben; wir hatten ja alle zusammen frühstücken wollen, entsinnen Sie sich? Ich wußte, daß ich dazu und für Lords noch viel Zeit hatte, ging hier herauf und legte mich dort nieder. Aber das Mittel hatte seine Wirkung noch nicht verloren, sondern kriegte mich noch einmal unter. Ich wollte ein paar Minuten die Augen schließen – aber als ich erwachte, war es später Nachmittag!«

Hier unterbrach sich Teddy, um bei einem auf der Galerie vorübergehenden Wärter Whisky und Selterswasser zu bestellen; dann stolperte er in seinen Badetüchern zu seinen Sachen hinüber, um Zigaretten und Streichhölzer zu holen. Das Ende seiner Erzählung war weniger zusammenhängend.

»Da fühlte ich, daß mir nur zwischen meinem Rasiermesser und einer Kugel die Wahl blieb! – Ich hatte keine Ahnung, daß es regnete; wenn Sie zu dem bemalten Glasdach hinaufsehen, können Sie auch nicht sagen, ob es augenblicklich regnet. Es liegt noch irgend ein Verdeck darüber. Und bei dem unablässigen Plätschern des Springbrunnens hört man keinen Regen. Es war beinahe vier Uhr, aber nun hatte ich ja keine Eile und blieb ruhig liegen. Schließlich wollte ich wissen, was wohl in den Zeitungen über mich stände – wer an meiner Stelle gespielt, wer gewonnen hatte und so weiter. Ich ermannte mich also soweit, mir eine Zeitung holen zu lassen, und was sah ich? ›Spiel bei Lords aufgeschoben‹ – und plötzliche Erkrankung meines armen Vaters! – Das Übrige wissen Sie, Manders, denn kaum zwanzig Minuten später standen wir uns gegenüber.«

»Und ich entsinne mich noch, daß mir auffiel, wie frisch und wohl Sie aussahen,« sagte ich. »Das machte natürlich das Bad und der Schlaf hinterher. Mich wundert nur, daß man Sie so lange schlafen ließ.«

»Wie konnten die Leute wissen, was ich hinter mir hatte,« sagte Teddy. »Möglicherweise hatte ich ja eine ganze Woche lang nicht geschlafen; hier wird niemand gestört. Aber wenn man bedenkt, daß der Regen mich rettete – denn selbst Raffles hätte es ohne den Regen nicht bewerkstelligen können – das war ein ganz unverdientes Glück, das mir in den Schoß fiel, während ich dort lag. Deshalb liege ich noch immer gern dort – ich hoffe, es soll mir Glück bringen!«

Die Getränke kamen; wir rauchten und nippten an unsern Gläsern. Ich bedauerte, daß Teddy unsrer geliebten alten Sullivan nicht treu geblieben war. Aber seine treue Anhänglichkeit an Raffles gewann ihm mein ganzes Herz.

»Sagen Sie von uns, was Sie wollen,« sagte er, »aber lassen Sie dem famosen Menschen endlich volle Gerechtigkeit widerfahren.«

»Wen meinen Sie eigentlich mit ›uns?‹«

»Vielleicht meinen Vater weniger, denn er ist tot, als mich selbst und meine Frau.«

»Sind Sie überzeugt, daß Ihre Frau nichts dagegen hat?«

»Meine Frau? Für sie tat er ja das alles; wußten Sie das nicht?«

Ich wußte nicht, daß Teddy es wußte, und fing an, mehr von ihm zu halten, als ich bisher getan hatte.

»Darf ich auch alles darüber sagen, was ich weiß?«

»Gewiß! Kamilla und ich werden uns beide freuen – wenn Sie nur unsre Namen ändern – denn wir haben ihn beide geliebt!«

Ich frage mich manchmal, ob sie mir beide wohl vergeben, daß ich ihn so ganz beim Wort genommen habe?

 

Ende

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