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Raffles als Richter

Ernest William Hornung: Raffles als Richter - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleRaffles als Richter
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
year1912
translatorBerta Pogson
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150121
projectid9367aa33
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Achtzehntes Kapitel. Eines Sünders Tod

Was sollte ich tun? Ich wußte, was Raffles getan hätte; er hätte Mackenzie überholt, wäre zu Fuß dem Wagen zuvorgekommen und hätte Levy herausgefordert, ihn dem Detektiv anzugeben. Ich sah im Geiste eine herrliche Situation, die Raffles großartig zu einem glücklichen Ende geführt haben würde. Aber erstens war ich nicht Raffles und zweitens sollte ich jetzt eigentlich schon in seiner Wohnung im Albany sein. Ich mußte mit Fräulein Belsize stundenlang geplaudert haben, denn zu meinem Schrecken zeigte die Bahnhofsuhr schon fast sieben, und erst einige Minuten nach sieben kam mein Zug. Ich erreichte Waterloo-Station vor acht, kam aber über eine Stunde zu spät im Albany an, und Raffles ließ mich das in Hemdärmeln schon vom Fenster aus merken.

»Ich dachte, du wärst verunglückt, Bunny,« rief er mir zu. Mit zwei, drei Sätzen sprang ich die Treppen hinauf und fing schon im Vorzimmer von Mackenzie an.

»So bald schon!« sagte Raffles nur mit einem leichten Heben der Augenbrauen. »Na, Gott sei Dank, ich bin auch diesmal auf ihn vorbereitet.«

Jetzt sah ich zu meiner Verwunderung, daß Raffles nicht beim Ankleiden war, obwohl er seinen Anzug gewechselt hatte. Aber als ich einen Blick durch die Flügeltüren in sein Schlafzimmer warf, ging mir ein Licht auf. Das Bett war beladen mit Anzügen und einem offenen Reisekoffer. Eine große Handtasche war gepackt und die Riemen schon fest geschnürt, eine Reisedecke lag zum Aufrollen bereit, und Raffles selbst sah in dem lange nicht getragenen Reiseanzug verändert aus.

»Du willst verreisen?« rief ich aus.

»Freilich,« sagte er und faltete einen Smoking zusammen. »Es scheint mir höchste Zeit zu sein, nach dem, was du mir erzählt hast.«

»Du packtest aber doch schon, ehe du das wußtest.«

»So eil dich doch um Himmels willen, tu dasselbe,« rief er, »und stell jetzt keine Fragen. Ich wollte genug für uns beide einpacken, aber du hast noch Zeit, ein paar von deinen eigenen Kragen und Hemden zusammenzusuchen, wenn du schnell in einen Hansom springst. Ich nehme Billetts, und wir treffen uns fünf Minuten vor neun am Bahnsteig.«

»An welchem Bahnsteig, Raffles?«

»Charing Croß, Zug nach dem Kontinent.«

»Aber wohin zum Teufel soll es denn gehen?«

»Meinetwegen nach Australien. Das können wir bei unsrer Flucht durch Europa besprechen.«

»Unsrer Flucht!« wiederholte ich. »Was ist denn nur geschehen, seit wir uns trennten, Raffles?«

»Pack du jetzt deine Siebensachen, Bunny!« war die Antwort mit einem so wilden Gesicht, daß es mich förmlich zur Tür trieb. »Ist dir vielleicht klar, daß du bereits vor einer Stunde hier sein solltest, und Hab' ich dich gefragt, was da geschehen ist? Also stell jetzt keine albernen Fragen, für die wir keine Zeit haben, sondern mach, daß du fortkommst. Ich erzähle dir alles im Zuge, Bunny.«

Mein Name am Schluß in ganz anderm Ton gesprochen und einen Augenblick seine Hand mit freundlichem Druck auf meiner Schulter, als ich hinausging, war alles, was mich über sein schreckenerregendes Benehmen tröstete, bis wir wirklich mit dem Nachtzug von Charing Croß abdampften.

Zu meiner Erleichterung fand ich in Raffles jetzt wieder ganz den Alten, er verriet auch keine Furcht vor Verfolgung, die mit seinem frühern Benehmen übereingestimmt hätte. Er sah nur beruhigt aus, als wir die Lichter des Bahnhofs hinter uns ließen. Aber nebenbei ruhte sein Blick spöttisch auf der Papiertüte, aus der ich mein Abendbrot verzehrte, nach dem ich jetzt endlich großes Verlangen hatte. Und mit einem Gemisch von Vorwurf und Mitleid schüttelte er ein paarmal den Kopf, denn mit beschämter Zustimmung ließ ich ihn glauben, daß ich in einem der Wirtshäuser an der Themse etwas zu viel getrunken hätte, anstatt eilig zur Stadt zu kommen, und daß erst der Anblick von Mackenzie mich wieder ernüchtert hätte.

»Armer Bunny! Wir wollen nicht weiter davon reden. Aber zwischen sechs und sieben hätten wir ganz wo anders sein sollen. Ich hatte ein ganz entzückendes kleines Diner bestellt, und schließlich kam keiner, um es zu verzehren.«

»Du auch nicht?« rief ich, und mein Schuldgefühl wurde zu Gewissensbissen verstärkt, als er den Kopf schüttelte.

»Natürlich nicht, Bunny. Ich wollte dich gesund und sicher wiederhaben, deshalb war ich auch so brummig, als du endlich auftauchtest.«

Mit lauten Klagen und dringenden Bitten suchte ich ihn zu bewegen, den Inhalt meiner Tüte mit mir zu teilen, aber er war nicht dazu zu bringen. Solch ein entzückendes kleines Diner noch mehr nach meinem als nach seinem Herzen war nicht durch Butterbrote und hartgesottene Eier zu ersetzen.

Dies und die Art, wie er es sagte, machte mir wieder fühlbar, daß die Lebensfreude für ihn wieder einmal einen bittern Beigeschmack hatte. Seine äußere Lustigkeit ließ ebensowenig seine wahren Gefühle durchblicken wie vorhin im Albany seine Ungeduld. Was war nur geschehen, seit wir uns in dem verhängnisvollen Turm trennten, was machte diese wilde Flucht nötig, und wohin sollte es nur gehen?

»Ach, gar nichts,« antwortete Raffles recht unbefriedigend auf meine erste Frage. »Ich dachte, du würdest einsehen, daß wir uns gar nicht flink genug davonmachen können, nachdem wir dem armen Shylock gestattet haben, zu den heimischen Penaten zurückzukehren.«

»Ich dachte, er sollte erst noch etwas unterzeichnen?«

»Hatte er auch, Bunny.«

»Und was war das?«

»Eine einfache Erklärung alles dessen, wozu er mich verleitet und was er mir dafür gegeben hatte,« sagte Raffles und zündete sich eine Sullivan an. »Man könnte es fast eine Quittung nennen für den Brief, den ich stahl und den er verbrannte.«

»Und hat er das unterschrieben?«

»Ich bestand darauf zu unserm Schutz.«

»So haben wir diesen Schutz und laufen doch davon?«

Raffles zuckte die Achseln.

»Bei einem so gerissenen Kerl, Bunny, ist man nie sicher, wenn man ihn nicht selbst in die andre Welt befördert oder die ganze Breite der unsrigen zwischen sich und ihn legt. Über die letzten vierundzwanzig Stunden wird er wohl den Mund halten – das glaube ich selbst; das wird ihn aber nicht abhalten, uns von dem edlen Knaben Mackenzie Tag und Nacht belauern zu lassen. Deshalb bleiben wir eben nicht, um uns belauern zu lassen. Zur Abwechslung machen wir mal eine Reise um die Welt. Noch ehe wir sehr weit gekommen sind, sitzt er vielleicht selbst in der Tinte, denn der verfluchte Brief wird kaum das einzige Belastungsmaterial gegen ihn sein. Dann können wir zurückkommen und haben für uns selbst freie Bahn.«

Ich war aber noch nicht überzeugt. Hinter diesem plötzlichen Einfall und der ebenso plötzlichen Ausführung steckte noch etwas andres. Weshalb hatte er mir von diesem Plan nichts gesagt? Weil er sich erst nach der Morgenarbeit in Levys Bank in seinem Kopf gebildet hatte, und die allerdings, wie ich zugeben mußte, Grund genug war, um auf einige Zeit unterzutauchen. Er würde mir alles gesagt haben, wenn ich mich um sieben bei ihm eingefunden hätte; denn viel Zeit zum Packen wäre mir doch nicht vergönnt worden, weil er nicht den Eindruck hervorrufen wollte, als hätten wir eine weite Reise angetreten.

Ich hielt dies für kindisch und behauptete, er behandle mich wie ein Kind, woran ich ja allerdings gewöhnt war. Aber mehr als je zuvor fühlte ich, daß Raffles nicht offen war, daß er etwas vor mir verbarg, vor dem er, noch außer vor Dan Levy, die Flucht ergriff. Schließlich gab er zu, daß noch etwas andres ihn forttreibe. Und noch waren wir nicht durch Sittingbourne hindurchgesaust, als ich mich zu einer Entdeckung hindurchgerungen hatte, die ich bei A. J. Raffles am wenigsten erwartet hatte.

»Du bist der richtige Großinquisitor, Bunny,« sagte er und legte eine Abendzeitung, die er eben ausgenommen hatte, wieder nieder. »Siehst du denn nicht ein, daß diese ganze Sache für mich etwas Besonderes war? Ich habe mich für Menschen geschlagen, die ich lieb habe, und das ist mir auf die Nerven gegangen, wie es ein Kampf für mich selbst nie getan hat. Nun aber, da ich gesiegt habe, muß ich ehrlich gestehen, daß mir vor ihrer Dankbarkeit mehr als vor irgendetwas anderm graut.«

Das war wieder eine sonderbare Pille, und doch, so wie Raffles dies sagte, wußte ich, daß es die Wahrheit war. Er sah mir gerade ins Gesicht in dem hellerleuchteten Coupé erster Klasse, das wir natürlich für uns allein hatten. Ein besänftigender Einfluß war in ihm am Werke. Er sah entschlossen wie immer aus, dabei aber so tief traurig, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte.

»Der gute alte Garland hat dir wohl schon eine gut gemessene Portion davon verabreicht?« sagte ich.

»Ja, Bunny, das hat er allerdings.«

»Das konnte er wohl, und ebenso Teddy und Kamilla Belsize!«

»Von denen könnte ich es aber nicht ertragen,« sagte Raffles mit einem bittern Lächeln. »Teddy war natürlich nicht da, er spielt irgendwo im Norden für seinen Klub gegen Liverpool; aber morgen wird er wieder da sein und ich kann ihm und seiner Kamilla nicht gegenübertreten. Er wird verheiratet sein, ehe wir ihn Wiedersehen,« setzte Raffles hinzu und griff wieder nach seiner Abendzeitung.

»Soll das schon so bald vor sich gehen?«

»Je eher desto besser,« sagte Raffles in sonderbarem Ton.

»Du bist nicht ganz einverstanden damit,« sagte ich nicht besonders taktvoll, wie ich wohl wußte, aber seine Ansicht über diese Heirat war mir bisher ein unergründliches Rätsel geblieben.

»Ich bin einverstanden, wenn sie glücklich sind,« gab Raffles lachend zurück. »Ich wünschte nur,« fügte er seufzend hinzu, »daß sie einer des andern ganz würdig wären.«

»Und das findest du nicht?«

»Nein.«

»Du hältst so viel von dem jungen Garland?«

»Ich habe ihn sehr gern, Bunny.«

»Aber trotzdem siehst du seine Fehler?«

»Die habe ich stets gesehen; sie lassen sich aber nicht so nach Klaftern messen, wie meine eigenen.«

»Und doch findest du sie nicht gut genug für ihn?«

»Nicht gut genug – sie?« Dabei hielt er inne. Aber sein Ton hatte mir genug gesagt, viel mehr als alle Worte. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. »Woher hast du denn diese Idee, Bunny?«

»Ich glaubte, es sei die deine.«

»Aber warum nur?«

»Du scheinst von Anfang an mit der Verlobung nicht einverstanden zu sein.«

»War ich auch nicht, nachdem Teddy sich in seiner Bedrängnis so weit vergessen hatte! Jetzt kann ich es ja offen sagen. Als mein Freund konnte er das tun, aber für einen Mann, der Kamilla Belsize heimzuführen hoffte, war es zu niedrig.«

»Und doch hast du Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um diese Heirat für sie zu ermöglichen!«

Raffles nahm seine Zeitung wieder auf. Ich begreife noch jetzt nicht, daß er sich so von mir ausfragen ließ, aber die Wahrheit war mir soeben erst aufgedämmert, und ich mußte klar sehen um jeden Preis. Raffles aber schien nicht mehr, unbedingt darauf zu bestehen, die Sache für sich zu behalten.

»Teddy ist ja ein famoser Kerl,« sagte er mit großer Inkonsequenz. »Er wird nie wieder etwas Ähnliches versuchen, das war ihm eine Lehre fürs ganze Leben. Außerdem gebe ich eigentlich nie etwas auf, was ich einmal angefangen habe, das solltest du doch wissen, Bunny. Ich habe die beiden zusammengebracht und habe keine Ursache, sie nun wieder auseinander zu bringen.«

»Du hast die beiden zusammengebracht?« fragte ich lauernd.

»Mehr oder weniger, ja, Bunny. Es war in einer Kricketwoche, die sich fast zu zweien ausdehnte. Sie waren vorher schon gute Freunde gewesen. Aber sie und ich waren viel bessere Freunde, noch ehe die erste Woche zu Ende war.«

»Und trotzdem hast du ihn nicht ausgestochen?«

»Hoffentlich nicht, Bunny.«

»Aber es wäre für dich ein Leichtes gewesen, A. J. Sag nicht, daß es dir nicht gelungen wäre, wenn du es versucht hättest.«

Raffles spielte mit der Zeitung, ohne zu antworten. Er war kein Geck, aber er wollte mir auch keine zu große Demut Vortäuschen.

»Das Spiel durfte ich nicht wagen, Bunny – einerlei, ob ich gewann oder verlor. Und doch,« setzte er mit gedankenvollem Ernst hinzu, »ging es uns wie zwei Häusern unter einem Dach, die in Brand geraten! Ich habe mir die Finger tüchtig verbrannt, dir kann ich es ja gestehen; und wäre ich nicht, was ich nun mal bin, Bunny, so hätte ich wohl all meinen Mut zusammengerafft, um entweder alles zu gewinnen oder alles zu verlieren.«

»Ich wünschte, du hättest es getan,« flüsterte ich, während er in seiner verkehrt gehaltenen Zeitung studierte.

»Warum, Bunny? Was redest du für Blödsinn!« rief er mit äußerlichem Ärger, aber stiller Befriedigung im Herzen.

»Sie ist die Einzige, die mir je begegnet ist,« fuhr ich unvorsichtig fort, »die dir gleichkommt im Herzen – an Mut – an Temperament.«

»Woher zum Kuckuck weißt du das?« rief Raffles, aller Vorsicht bar in mein schuldbewußtes Gesicht starrend.

»Hast du vergessen, wie lange ich an dem verregneten Donnerstag mit ihr zusammen war?«

»Hat sie da von mir gesprochen?«

»O ja, hin und wieder.«

»Hat sie ihrem Ärger über mich ordentlich Luft gemacht?«

»Ein wenig wohl.«

»Kräftig, willst du sagen, Bunny, ganz kräftig. Das habe ich auch verdient. Ich habe sie schlecht behandelt; das war aber nötig nicht allein meinet-, sondern auch ihretwegen. Früher oder später hätte ich sie doch abschütteln müssen, da war ein schneller scharfer Schnitt das beste. Und wie leicht ist es getan, man treibt sein falsches Spiel mit ihnen, läßt sie aus Versehen einen ganzen Tanz sitzen, und legt sie bei irgend einer Kleinigkeit herein. Ich brachte sie dazu, mir zu schreiben, und antwortete nicht. Was sagst du zu dem tadellosen Kavalier? Ich hatte gesagt, ich würde vor meiner Reise ihrer Mutter meine Aufwartung machen, telegraphierte dann nur, ich bedaure, nicht dazu gekommen zu sein. Ich will gar nicht behaupten, daß das recht gehandelt war, aber für Teddy war es gut, und so sollte es sein. Sie würdigte mich anfangs, als ich zurückgekommen war, kaum eines Blickes. Aber als der alte Shylock sein Spiel mit mir trieb, da sah sie erst auf ihn und dann auf mich, und ich fing einen Blick von ihr auf und dann einen zweiten, den ich sicher nicht hatte sehen sollen, und den ich im tiefsten Herzen bewahre.«

Raffles' Augen sahen mich etwas trüb und verschleiert an; jetzt lag ihm kein Spott und Übermut mehr im Blick und Ton. Ich hätte ihm gar zu gern alles erzählt, was ich wußte, was sie zu mir gesagt und was er unwissentlich sich richtig gedeutet hatte, daß sie ihn liebte, wie ich jetzt erst wußte. Aber ich hatte mein Wort gegeben, und das mußte ich wohl halten; schließlich war es auch für beide Teile sicher das beste.

»Ihr seid wie für einander geschaffen, ihr zwei!« war alles, was ich sagte. Raffles lachte nur.

»Dann ist es um so besser, erst einmal um die Welt zu reisen, ehe uns der Zufall wieder zu einander führt.«

Endlich konnte er seine Zeitung ungestört auseinanderfalten. Der Zug sauste dahin, glühende Funken und die Lichter an der Bahnlinie flogen an den Fenstern vorüber. Wir näherten uns Dover, und meine nächste geistreiche Bemerkung war, daß ich die See bereits schmecke. Raffles blieb still, er studierte höchst angelegentlich die Überschriften der verschiedenen Spalten; oder vielleicht las er gar nicht, sondern dachte noch an Kamilla Belsize und den Blick der klaren, ehrlichen Augen, den er nicht hatte sehen sollen. Plötzlich aber sah ich seine Stirn erbleichen und sich mit kleinen glitzernden Schweißperlen bedecken.

»Was hast du, Raffles? Was ist los?«

Mit zitternder Hand drehte er die Zeitung um, reichte sie mir und zeigte nur auf einige schlecht gedruckte Zeilen der letzten Neuigkeiten. Und folgender Artikel tanzte vor meinen Augen:

Tragischer Tod eines Geldverleihers.

Wie uns berichtet wird, hat man Herrn Daniel Levy, Bankier, um fünf Uhr dreißig vor der Gartenpforte seiner Villa erschossen aufgefunden. Von dem Täter fehlt bis jetzt jede Spur.

Ich sah in ein geisterbleiches Gesicht.

»Es war halb sechs, als ich ihn verließ, Bunny.«

»Du verließest ihn –«

Ich konnte meine Frage nicht beenden; das entsetzte Gesicht hatte in mir einen furchtbaren Gedanken erweckt.

»So wohl und munter wie vorher dich, Bunny!« beendete Raffles meinen angefangenen Satz. »Dachtest du, ich würde ihn tot vor seiner Gartenpforte liegen lassen?«

Ich verneinte natürlich, doch fing der Gedanke an, mich zu quälen. Wenn ich selbst eine solche Tat beinahe begangen hätte, wie würde Raffles sich bei einer ähnlichen Herausforderung benommen haben? Und nun unsre Flucht ohne Vorbereitungen! Das paßte alles zusammen, nur nicht Raffles' Gesicht und Stimme, als er von Kamilla Belsize sprach; aber schließlich könnte ja diese verhängnisvolle Tat in ihm das Gefühl erweckt haben, daß sie nun unwiederbringlich für ihn verloren war, und dieser Verlust hatte ihm vielleicht die Zunge gelöst. Sowohl in seinem Gesicht wie in seiner Stimme lag jetzt die wahnsinnige Aufregung eines Verfolgten und Gehetzten.

»Was machtest du denn an seiner Gartenpforte, A. J.?«

»Ich habe ihn nach Haus begleitet, weil ich denselben Weg hatte. Warum sollte ich nicht?«

»Und um halb sechs habt ihr euch getrennt?«

»Das kann ich beschwören. Ich sah nach der Uhr, meines Zuges wegen, und meine Uhr geht auf die Minute genau.«

»Und du hörtest keinen Schuß, als du weitergingst?«

»Nein – ich hatte große Eile. Ich lief sogar. Es muß jemand gesehen haben, daß ich lief. Und nun geht es mir wie ›Charleys Tante‹,« setzte er mit bitterem Lachen hinzu, »jetzt werde ich weiter spielen müssen, bis sie mich fassen. Jetzt weißt du, was Mackenzie da zu tun hatte. Der alte Fuchs ist mir vielleicht schon auf der Spur. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.«

»Auch nicht, wenn du unschuldig bist?«

»Meine Unschuld ist ziemlich zweifelhafter Natur, Bunny! Bedenk doch nur, was wir während der letzten vierundzwanzig Stunden mit dem armen Kerl angestellt haben.«

Er schwieg und ließ alles noch einmal an seinem Geiste vorüberziehen, wie ich wohl sehen konnte. Das aufrichtige Mitleid, das sich auf seinen Zügen spiegelte, hätte meinen häßlichen Verdacht vernichten müssen; ich sah aber zur selben Zeit Zerknirschung in seiner Miene, etwas bei Raffles ungemein Seltenes. Noch merkwürdiger aber war mir der Ausdruck panischen Schreckens, den ich noch nie bei ihm wahrgenommen hatte. Durch alles dies aber leuchtete die bewußte Freude an dieser neuen Sensation, geradezu ein Auskosten dieser neuen Furcht, die mir charakteristisch für Raffles und zugleich vereinbar sowohl mit seiner Geschichte wie mit meinem niedrigen Verdacht erschien.

»Davon wird niemals jemand etwas erfahren,« sagte ich in der festen Überzeugung, daß niemand von der einzigen Eingeweihten etwas erfahren würde. Raffles aber schüttelte kaltes Wasser auf diese Hoffnung.

»Es muß ja herauskommen, Bunny. Man wird damit anfangen, seine letzten Lebensstunden aufzuklären, und schon nach fünf Minuten sitzen sie da fest. Dann werde ich beschrieben, wie ich davonlief, meine Identität festgestellt, worauf herauskommt, daß ich geflohen bin. Nun kommt Karlsbad aufs Tapet, unser erster Streit mit ihm und der gestrige große Scheck; mein Doppelgänger entdeckt, daß jemand an der Bank seine Rolle spielte. So kommt eins nach dem andern heraus, und wenn sie mich erwischen, bedeutet es mindestens Zuchthaus für mich.«

»Dann stehe ich neben dir,« sagte ich, »als Mitschuldiger vor und nach der Tat selbst. Das steht fest.«

»Nein, nein, Bunny! Jetzt mußt du mich abschütteln und nach London zurückkehren. Ich stoße dich hinaus, wenn der Zug langsam durch die Straßen von Dover fährt, du kannst dann die Nacht in einem einfachen Gasthof verbringen. Vergiß nicht alles, was ich dich gelehrt habe, Bunny, wenn ich fort bin.«

»Du gehst nicht ohne mich, A. J.«

»Auch nicht, wenn ich die Tat beging?«

»Nein, dann erst recht nicht.«

Raffles bog sich herüber und drückte mir die Hand. In seinen Augen lag eine große Weichheit, daneben blitzte es aber übermütig auf.

»Fast möchte ich wünschen, ich wäre das, wofür du mich gehalten hast,« sagte er, »um zu erfahren, wie du trotzdem zu mir hältst! Aber es ist Zeit, daß die Lichter von Dover in Sicht kommen,« setzte er hinzu, alle weichen Gefühle rasch abschüttelnd. Er sprang auf und sah hinaus, als wir durch einen kleinen Bahnhof rasselten. Er zog den Kopf fast augenblicklich wieder herein, ein blasses Gesicht sah mich an mit wirklicher Angst in den unergründlichen blauen Augen.

»Mein Gott, Bunny,« rief Raffles, »ich glaube, weiter als bis nach Dover werden wir in diesem Leben nicht mehr kommen.«

»Warum? Was gibt es denn schon wieder?«

»Ein Kopf lehnt sich aus dem übernächsten Coupéfenster –«

»Mackenzie?«

»Ja!«

Ich hatte es seinem Gesicht angesehen.

»Uns schon auf der Spur?«

»Das mag der Himmel wissen! Es ist nicht unbedingt erwiesen; denn nach einem großen Mord werden alle Häfen bewacht.«

»Aber nicht von den feinen Herren Detektivs von Scotland Yard?«

Raffles antwortete nicht, jetzt hatte er andres zu tun. Schon kehrte er seine Taschen um. Ein falscher Bart rollte heraus auf den Sitz.

»Der ist für dich,« sagte er, als ich ihn aufhob, »der wird dich genügend verändern.« Er war schon mit sich selbst beschäftigt, vor einem der ovalen Spiegel kniete er auf dem Sitz. »Wenn er eine Spur verfolgt, so muß es eine sehr frische und gute sein, Bunny, daß er mit uns in denselben Zug und denselben Wagen geriet! Aber vielleicht ist die Sache gar nicht so schlimm, wie sie uns erscheint. Bis jetzt kann er noch nicht viel Material haben. Und wenn er uns nur beobachten will, während die andern in London mehr herausfinden, so werden wir ihm schon entwischen.«

»Glaubst du, daß er dich gesehen hat?«

»Als ich mich hinausbog? Nein, Gott sei Dank; da blickte er auch in der Richtung nach Dover.«

»Und ehe wir abfuhren?«

»Nein, ich glaube, er stieg erst in Cannon Street ein; da hörte ich so ein Durcheinander, bei uns waren aber glücklicherweise die Vorhänge zugezogen.«

Auch jetzt waren sie alle zugezogen, aber an dem langsameren Fahren merkte ich, daß wir schon belebte Straßen kreuzten. Raffles drehte sich im selben Augenblick von seinem Spiegel um, wie ich von dem meinen, und selbst mein geübtes Auge erkannte in ihm nicht mehr Raffles, sondern einen der sehr vornehmen Taugenichtse, den alle Welt in London wenigstens von Ansehen kannte.

»So etwas ist gewöhnlich besser als eine unbekannte Maske,« sagte er, als er nun mich aus seinem Schminkkästchen mit seiner federleichten Hand in Angriff nahm. »Ich weiß, daß ich ihm ziemlich ähnlich bin, und gestern auf der Bank habe ich mit seiner Maske einen so glänzenden Erfolg gehabt, daß ich mich jetzt keiner bessern bedienen könnte. Was dich betrifft, Bunny, so zieh den Hut tief ins Gesicht und drück das Kinn mit dem Bart auf die Brust; du giltst als ein armer Verwandter oder sonst einer der ungeduldigen Gläubiger. Wir sind da, mein Junge, und nun auf, Herr Mackenzie von Scotland Yard!«

Der ungeschlachte Detektiv war in der Tat die erste Person, auf die wir stießen. Er mußte, obwohl er nicht mehr zu den Jüngsten zählte, aus dem Zuge gesprungen sein, ehe er anhielt, und fast einen kleinen Depeschenboten überrannt haben, der wartend neben ihm stand, während der alte Fuchs mit einem Auge das Telegramm las und mit dem andern die aussteigenden Passagiere musterte. Ob wir unbemerkt an ihm vorübergekommen wären, kann ich nicht sagen. Wir hätten es versuchen können, aber Raffles zog es vor, den Stier bei den Hörnern zu packen, und grüßte Mackenzie mit freundlichem Nicken.

»Guten Abend, Mylord,« sagte der Schotte mit schlauem Grinsen.

»Ich kann mir denken, weshalb Sie hier sind,« sagte Raffles und holte recht unter den Augen des Gesetzes seelenruhig eine Sullivan hervor.

»So? In der Tat?« fragte der andre.

»Ich will nicht die Ursache sein, wenn Sie den Mörder des armen Dan Levy durchlassen,« sagte der Lord und verabschiedete sich mit einem freundlichen Nicken. Zu meinem größten Schrecken folgte Mackenzie ihm. Er zeigte aber Raffles nur das Telegramm und folgte uns nicht an Bord.

Auf der Überfahrt, als alle Passagiere außer uns das Deck verlassen hatten, verschwand unsre Verkleidung nach und nach.

»Ich fürchte nur, du wirst in Calais am liebsten wieder umkehren wollen, Bunny.«

»Nein, ganz gewiß nicht.«

»Du gehst also mit mir, wohin ich dich führe?«

»Bis ans äußerste Ende der Welt, A. J.«

»Und du weißt jetzt, wer es ist, dem ich aus dem Wege zu gehen wünsche?«

»Ja, das weiß ich. Aber sag mir, was Mackenzie dir mitgeteilt hat.«

»Er zeigte mir nur das Telegramm,« sagte Raffles, »darin stand, daß der Mörder sich selbst der Polizei gestellt hat.«

Ein erleichternder Ausruf kam von meinen Lippen.

»Aber wer war es denn?«

»Das hätte ich dir schon längst sagen können, wenn du mich nicht im Verdacht gehabt hättest.«

»Es war kein wirklicher Verdacht, Raffles, es war nie mehr als eine Angst, an die ich im tiefsten Herzen doch nicht glauben konnte. Sag mir nun, bitte, wer es war.«

Raffles warf seine Zigarette über Bord und sah dem glimmenden Pünktchen nach.

»Es war der unglückliche kleine Ausländer, den wir neulich in Jermyn Street und gestern abend in Levys Garten trafen. Dort hat er ihn nun endlich erwischt, Bunny. Geschossen hat er aber nicht, deshalb hörte ich auch nichts; er hat ihn nach Art der romanischen Rasse niedergestochen.«

»Möge Gott ihren armen Seelen gnädig sein,« sagte ich schließlich.

»Und zwei andern auch,« setzte Raffles hinzu, »denen noch mehr zu vergeben ist.«

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