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Raffles als Richter

Ernest William Hornung: Raffles als Richter - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleRaffles als Richter
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
year1912
translatorBerta Pogson
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150121
projectid9367aa33
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Vierzehntes Kapitel. Corpus delicti

Raffles trat unaufhörlich von einem Fuß auf den andern, bedeckte die Augen mit den Händen und sagte: »Der Brief, Bunny, der Brief,« in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß er seit dem heimtückischen Angriff ununterbrochen dasselbe wiederholt hatte. Jetzt war es zu spät und wäre es wohl auch von Anfang an gewesen; ein paar zarte Fetzen geschwärzten und verkohlten Papiers zitterten noch in der Glut und waren alles, was von dem Brief übrig blieb, auf den Levy so großen Wert gelegt und um den Raffles so viel gewagt hatte.

»Er hat ihn verbrannt,« sagte ich, »er war schneller als ich.«

»Und mir hat er fast die Augen ausgebrannt, er war schneller als wir beide zusammen.«

»Doch nicht ganz,« gab ich finster zurück, »ich glaube, ich habe ihm den Schädel eingeschlagen, und nun ist es aus mit ihm.«

Raffles rieb und wischte, bis seine blutunterlaufenen Augen in dem blutbefleckten Gesicht sich auf den gestürzten Feind richten konnten. Er trat näher und fühlte den Puls in einem Handgelenk von der Dicke eines Kabels.

»Nein, Bunny, noch ist Leben in ihm. Lauf hinaus und sieh, ob in dem andern Teil des Hauses irgendwo Licht ist.«

Als ich zurückkam, lauschte Raffles an der Tür, die in die lange Galerie führte.

»Nirgends ein Lichtschimmer!« sagte ich.

»Auch kein Laut,« flüsterte er. »Wir haben immerhin noch Glück, denn selbst der Revolver entlud sich nicht.« Raffles zog ihn unter dem regungslosen Körper hervor und steckte ihn in seine eigene Tasche. »Der hätte gerade so gut losgehen und ihn oder einen von uns treffen können.«

»Ich habe ihn aber getötet, Raffles?«

»Noch nicht, Bunny.«

»Aber du glaubst, daß er sterben wird?«

Bei mir kam jetzt die Reaktion, meine Beine zitterten, meine Zähne klapperten, und ich war nicht länger imstande, auf den mit dem Gesicht nach unten liegenden, langhingestreckten Körper mit dem seitwärts gebogenen Kopf niederzublicken.

»Dem geht es ganz gut,« sagte Raffles, nachdem er niedergekniet und nochmals gefühlt hatte. Ich stieß einen frommen, aber höchst inkonsequenten Ruf aus. Raffles saß noch am Boden und wischte nachdenklich einen Fleck seines eigenen Blutes von dem Parkettboden. »Es ist besser, du überläßt ihn mir,« sagte er und stand mit entschlossener Miene auf.

»Und was soll ich tun?«

»Geh zum Bootshaus hinunter und warte im Boot.«

»Wo ist das Bootshaus?«

»Du kannst es nicht verfehlen, wenn du über den Rasen bis zum Wasser hinuntergehst. Auf dieser Seite ist eine Tür; wenn sie nicht offen ist, so erbrich sie mit dem da.«

Und er reichte mir sein Taschenbrecheisen mit derselben Nebensächlichkeit wie ein andrer einen Bund Schlüssel.

»Und dann?«

»Dann stehst du auf der obersten Stufe einer Treppe, die ins Wasser führt; steh still und greif mit den Armen um dich, bis du eine Winde findest. Dreh sie mit Vorsicht und Behutsamkeit, als ob du eine Uhr mit schwacher Feder aufzögest; du hebst dadurch ein Fallgatter am andern Ende, aber wenn man dich in der Stille der Nacht hört, heißt es für uns entweder schwimmen oder laufen. Heb es nur gerade hoch genug, daß wir mit dem Boot darunter durch können, und dann lieg still und flach im Boot, bis ich komme.«

Nur widerstrebend verließ ich die grausige Gestalt auf dem Boden, aber gerade durch ihren Anblick war ich weicheres Wachs denn je in Raffles' Händen und fand mich gleich darauf auf dem tauigen Grase, ohne zu wissen oder zu fragen, zu welchem Zweck ich das mir Aufgetragene ausführen sollte. Es war mir genug, daß er mich schickte, etwas für unsre Flucht vorzubereiten; was er selbst zu tun beabsichtigte und da drinnen jetzt vornahm oder worin sein Plan bestand, lag jetzt völlig außer dem Bereich meiner Gedanken und kümmerte mich nicht. Hatte ich den Mann getötet? Das war die Frage, die mich allein beschäftigte. Fern von dem Corpus delicti war mein Entsetzen über die Tat bei weitem geringer als die Furcht vor den Folgen, die ich kühl erwog. Was ich getan hatte, war im schlimmsten Falle Totschlag. Im günstigsten Fall war der Mann aber nicht tot und Raffles rief ihn ins Leben zurück. Wie dem auch sein mochte, ich konnte ihn, tot oder lebendig, Raffles anvertrauen und meinen Auftrag erledigen – was ich in einer Art Erstarrung aller normalen Sinne auch tat.

Viel ist mir nicht erinnerlich aus diesem traumhaften Zustand, bis der Traum zu dem Alp wurde, der mich in dieser Nacht noch drücken sollte. Der Fluß glitt wie ein breites Band unter den Sternen dahin, nichts war darauf zu sehen weit und breit. Das Bootshaus stand am Ende einer Reihe Pappeln, und ich fand es erst, als ich mich niederkauerte, um die Umrisse der Gegenstände von dem Nachthimmel zu erkennen. Die Tür war nicht verschlossen, die Dunkelheit drinnen aber so groß, daß ich meine eigene Hand nicht sah, als ich, Zoll um Zoll, die Winde aufdrehte. Außer dem leisen Anstoßen des kleinen Boots vernahm ich, so gespannt ich auch horchte, nicht das leiseste Geräusch, bis ein sanftes Tropfen von Wasser mir verriet, daß das Fallgatter sich über den Wasserspiegel erhob. Jetzt zeichnete sich auch die Stelle von dem Stückchen Fluß ab, denn das andre Ende des Bootshauses war viel weniger dunkel als das, in dem ich mich befand; und als der dünne Streifen des wiedergespiegelten Sternlichts sich genügend verbreitert hatte, hörte ich auf mit Winden und kroch vorsichtig in das Boot hinunter.

Untätigkeit und Zeit zum Denken ist aber in einer solchen Krisis das Allerschlimmste. Da ich nichts mehr zu tun hatte, mußte unwillkürlich der Gedanke in mir aufsteigen, was ich da in dem Boot solle und was Raffles wohl mit dem Boot vorhaben könne, wenn es wahr war, daß Levy sich nicht erheblich verletzt hatte. Der strategische Wert meiner Position hätte mir vollkommen eingeleuchtet, wenn Raffles darauf ausgegangen wäre, das Haus zu plündern; diesmal aber war es ja darauf gar nicht abgesehen, und ich glaubte auch nicht, daß Raffles so schnell seinen Sinn ändern könnte. Vielleicht war er selbst nicht ganz sicher, daß Levy wieder zu sich kommen würde, und hatte mich deshalb abgeschickt, um dieses Mittel zur Flucht von dem schreckensvollen Tatort für uns vorzubereiten. Ich konnte noch nicht lange im Boot sein, denn es schwankte noch immer leise hin und her, als dieser Gedanke mir den kalten Schweiß aus allen Poren trieb. In der Eile stieg ich mit dem einen Bein bis ans Knie ins Wasser und rannte über den Rasen auf das Haus zu, wobei mein einer Stiefel vor Nässe quietschte. Raffles kam mir aus dem erleuchteten Zimmer entgegen und als er, wie vorher Levy, sich von dem hellen Hintergrund scharf abhob, war das erste, was mir auffiel, daß er einen Überrock trug, der ihm nicht gehörte, und daß die Taschen dieses Überrocks seltsam vollgestopft aussahen. Alles aber versank wieder vor dem erneuten Entsetzen, das meiner harrte.

Levy lag noch, wo ich ihn verlassen hatte, nur gerader und mit einem Kissen unter dem Kopf, als sei er nicht nur tot, sondern in seinen Kleidern gerade da, wo er zusammenstürzte, auch schon aufgebahrt.

»Ich wollte dich gerade holen, Bunny,« flüsterte Raffles, noch ehe ich die Sprache wiedergefunden hatte. »Du sollst die Stiefel nehmen.«

»Die Stiefel!« keuchte ich und faßte nach seinem Arm, »aber weshalb denn um alles in der Welt?«

»Wir wollen ihn ins Boot tragen.«

»Ist er denn – ist er denn noch –?«

»Am Leben?« Raffles lächelte, als mache ich ihm großen Spaß. »So ziemlich, Bunny. Er hat noch viel zu viel Leben in sich, um zurückgelassen zu werden, das kannst du mir glauben. Aber der Tag wird anbrechen, wenn wir uns hier noch mit langen Erklärungen aufhalten. Willst du mit anfassen, oder soll ich ihn allein über das feuchte Gras schleppen?«

Ich faßte zu, Raffles ergriff ihn unter den Armen, so hoben wir den leblosen Körper, und Raffles ging rückwärts voran in die Nacht, nachdem er das Licht ausgelöscht hatte. Sehr bald aber machten wir Halt und legten unsre grausige Bürde so behutsam wie möglich auf den Kiesweg nieder; ich hielt einige Minuten, die wohl zu den längsten meines Lebens gehören, bei ihm Wache, während Raffles die Fenster schloß und das Zimmer so herrichtete, wie Levy selbst es verlassen haben würde. Während der ganzen Zeit kam kein Laut von dem leblosen Körper zu meinen Füßen, aber als ich mich einmal über ihn bog, drang ein scharfer Geruch von Whisky belebend und beruhigend in meine Nase.

Vorwärts ging es dann über den Rasen, Raffles mit straff gespannten Muskeln, ich mit aufs Äußerste gespannten Nerven. Ohne Aufenthalt ging es über das taufeuchte Gras, aber vor dem Bootshause legten wir unsre Last nieder. Einen Augenblick schreckte uns die Enge und Dunkelheit des Bootshauses, dann war ich wieder allein auf Wache, während Raffles in der Dunkelheit verschwand. Ich horchte auf das Pochen meines Herzens, bis ich das Wasser leise gurgeln und den Tropfenfall von den Rudern hörte, als Raffles das Boot bis an den Rasen heranbrachte.

Ich brauche das Grauen nicht näher zu schildern, das mich schüttelte, als wir mit großer Mühe und Schwierigkeit die reglose Masse in das Boot beförderten. Wie nahe wir daran waren, das Boot umzukippen und unser Opfer zu ertränken, daran denke ich noch voller Schrecken. Dabei mußte ich mich gänzlich auf Raffles verlassen, denn ich ahnte ja nicht einmal, was er vorhatte. Aber kaum je bin ich meinem eisernen Führer so blind, so ohne Widerspruch und so voller Erregung gefolgt. Und doch, wenn das Schlimmste eintrat, wenn unser stummer Begleiter nie wieder die Augen öffnete, waren wir auf dem besten Wege, in den Augen des Gesetzes Totschlag in Mord zu verkehren.

Eine noch schlimmere Gefahr schien uns jedoch zu drohen; denn kaum waren wir abgestoßen, als wir das regelmäßige glucksende Eintauchen und Plätschern eines Paddelruderers vernahmen, und so klammerten wir uns sofort wieder am Ufer an. Glücklicherweise war die Nacht noch ebenso dunkel wie vorher, so daß wir von dem Paddler nur sein helles Hemd sahen, als er vorüberglitt. Bei uns aber lag Levy mit offener Weste, so daß ebenfalls sein weißes Hemd das geringe Licht, das auf dem Wasser lag, auf sich konzentrierte; meinem schuldigen Gewissen schien außerdem sein blasses Gesicht förmlich durch die Dunkelheit zu leuchten, als hätten wir es mit Phosphor eingerieben. Übrigens war ich es nicht allein, dem diese Gefahr ans Herz gegriffen hatte; mehrere Minuten saß Raffles völlig regungslos, und als er die Ruder auslegte, tat er so gedämpfte Schläge, daß selbst ich sie kaum wahrnahm; auch sah er sich wiederholt auf dem trägen stygisch schwarzen Gewässer um.

Unsre Vorbereitungen hatten so lange gedauert, daß nichts mich mehr überraschte als die Kürze unsrer Fahrt. Einige Häuser und Gärten waren vorübergeglitten, da wendeten wir in einen Seitenarm, der direkt an einem Hause entlang lief. Hier war es noch dunkler, und still und übelriechend. An dem Hause fiel mir ein plumper, viereckiger Turm auf, der den Winkel zwischen Fluß und Seitenarm ausfüllte und sich ungefähr zu der doppelten Höhe des Daches erhob. Dieser sonderbare Auswuchs erhöhte noch den unheimlich düsteren Eindruck des ganzen Gebäudes in finsterer Nacht.

»Was ist das hier?« flüsterte ich, als Raffles das Boot an einem Pfosten festmachte.

»Ein unbewohntes Haus, Bunny.«

»Gedenkst du darin zu hausen?«

»Nein, nur unser Passagier, wenn wir ihn lebend oder tot an Land befördern können.«

»Pst, Raffles!«

»Schweig still!«

»Diesmal heißt es Füße voran –«

Raffles kniete auf dem Landungssteg – glücklicherweise war er in gleicher Höhe mit unsern Ruderdollen – und langte in das Boot hinunter.

»Laß mich die Füße nehmen,« flüsterte er, »du kannst auf seine Denk- und Rechenmaschine acht geben und brauchst nicht zu fürchten, den alten Fuchs zu erwecken oder zu verletzen.«

»Du hörst nicht auf mich,« zischte ich ganz leise, »horch doch nur!«

Als Raffles da auf dem Landungssteg kniete und ich mich in dem Boot zusammenduckte, während etwas, das einer Leiche verzweifelt ähnlich sah, zwischen uns ausgestreckt lag, glitt etwas Helles mit gleichmäßigen Paddelschlägen an dem Seitenarm vorbei.

»Zum zweiten Male glücklich entkommen!« flüsterte Raffles frohgemut, nachdem jeder Laut verhallt war. »Ich möchte wohl wissen, wer mit seinem Kanu so mitten in der Nacht herumpaddelt.«

»Ich möchte wissen, wieviel er von uns sah.«

»Gar nichts,« erwiderte Raffles, als könne darüber gar kein Zweifel bestehen. »Was haben wir denn gesehen außer einem weißen Sweater? Es war nur etwas unbestimmt Helles, und überdies lagen wir auf der Lauer; auch ist es hier viel dunkler als draußen auf dem Strom. Aber es wird bald hell werden, und dann könnten wir wirklich gesehen werden, wenn wir unsern großen Fisch nicht vorher an Land schaffen.«

Und ohne viel Geräusch zog er den leblosen Körper an den Füßen aufs Land, während ich abwechselnd nach dem Landungssteg griff, um unser Boot nicht abtreiben zu lassen, oder nach dem Kopf und den mächtigen Schultern Levys, um ihn vor Verletzungen zu bewahren. Trotzdem ging es nicht ohne einige harte Stöße ab, die mit solch grauenvoller Fühllosigkeit ertragen wurden, daß mein entsetzlicher Verdacht wieder erwachte, ehe ich noch selbst an Land kroch und mich über die regungslose Gestalt beugte.

»Bist du deiner Sache sicher, Raffles?« begann ich und konnte die schreckliche Frage nicht beenden.

»Daß er noch lebt?« sagte Raffles. »Aber natürlich, Bunny, und nach einigen Stunden wird er uns noch harte Nüsse zu knacken geben.«

»Nach einigen weitern Stunden, A. J.?«

»Ja, so ungefähr vier oder fünf.«

»Dann ist es Gehirnerschütterung.«

»Das Gehirn ist ganz in Ordnung,« gab Raffles zurück, »und statt Erschütterung würde ich an deiner Stelle einfach Schlafsucht sagen.«

»Was habe ich getan!« murmelte ich und schüttelte den Kopf über das arme alte Opfer.

»Du?« fragte Raffles. »Viel weniger wohl, als du meinst.«

»Er hat ja noch kein Glied wieder gerührt.«

»O doch, Bunny.«

»Wann?«

»Das erzähle ich dir, wenn wir wieder Halt machen. Nimm die Füße, und nun vorwärts, hierher!«

Über einen traurig vernachlässigten Rasen schleppten wir unsre schwere Last bis an ein paar Stufen am Fuße des Turmes, die Raffles hinaufeilte, um die Tür zu öffnen. Drinnen war auch eine Treppe; Steinstufen, auf denen der eine Fuß gut Platz fand, während der andre nur mit der Spitze Halt hatte, ließen auf eine Wendeltreppe schließen; es gab aber Absätze, wo die Verbindung mit dem andern Teil des Hauses bestand. Auf dem ersten Treppenabsatz legten wir unsern Mann nieder und ruhten uns aus.

»Wie liebe ich solch eine schweigende, niemals stöhnende, steinerne Treppe,« seufzte Raffles, der jetzt ganz unsichtbar war. »So etwas findet sich natürlich nur in einem leeren Haus. Bist du da, Bunny?«

»Gewiß! Weißt du bestimmt, daß außer uns niemand hier ist?« fragte ich, denn er gab sich nicht einmal die Mühe, seine Stimme zu dämpfen.

»Nur noch Levy und der zählt nicht mit während der nächsten Stunden.«

»Ich bin begierig, Näheres darüber zu hören.«

»Nimm erst eine Sullivan.«

»Sind wir hier so sicher?«

»Wenn wir unsre Taschen als Aschbecher benutzen,« antwortete Raffles, und ich hörte ihn mit der Zigarette leicht aufklopfen. Ich lehnte ab, um nichts aufs Spiel zu setzen. Im nächsten Augenblick zeigte das aufflammende Streichholz ihn auf der untersten Treppenstufe sitzend und mich auf der obersten, während die Spirale sich über und unter uns in schwarze Finsternis verlor. Außerdem sah ich noch ein Rauchwölkchen aus Raffles' wunden Lippen hervordringen und Levys Stiefel vor mir fast auf meinem Schoß. Raffles machte mich darauf aufmerksam, ehe er sein Streichholz ausblies.

»Er hat noch kein Glied gerührt, wie du siehst. Er schläft wie ein Murmeltier, tut aber noch lange nicht den letzten Schlaf.«

»Sollte das vorhin heißen, daß er aufwachte, als ich im Bootshaus war?«

»Du hattest kaum den Rücken gewandt, Bunny – wenn du es aufwachen nennen willst. Du hattest ihn niedergeschlagen, weißt du, aber die Bewußtlosigkeit dauerte nur ein paar Minuten.«

»Und es hatte ihm nichts geschadet?«

»Sehr wenig, Bunny.«

Mein schwaches Herz hüpfte vor Freuden.

»Aber was machte ihn wieder bewußtlos, A. J.?«

»Ich.«

Auf dieselbe Art?«

»Nein, das nicht, Bunny. Er wollte etwas zu trinken haben, und ich gab ihm.«

»Einen vergifteten Trank!« flüsterte ich voller Grauen, und fühlte trotzdem mit Erleichterung, daß mir vor der Tat eines andern graute, nicht mehr vor meiner eigenen.

»Sozusagen ja,« sagte Raffles, »ich habe natürlich etwas hineingetan, denn ich hatte von vornherein vor, seinem Whisky etwas beizumischen, wenn er sein Wort nicht hielte. Er tat aber noch viel Ärgeres – und du warst viel mehr am Platze als je vorher, Bunny! Ich setzte das gute Werk nur fort. Unser Freund ist voll seines eigenen vorzüglichen Whiskys und einer hübschen Dosis des Mittels, das Teddy neulich bekam. Wenn er seine Sinne wieder beisammen hat, glaube ich, werden wir ihn verflucht schlau und vernünftig finden.«

»Und ist er es nicht, so willst du ihn wohl hier festhalten, bis er Vernunft annimmt?«

»Ich halte ihn fest bis zur Zahlung des Lösegeldes,« sagte Raffles, »hier oben in diesem Turm soll er Blut schwitzen und froh sein, wenn er mit dem Leben davonkommt.«

»Du meinst, bis er den Handel mit dir ganz erfüllt?« fragte ich in der Hoffnung, daß er nur das meine, zugleich aber von einer unklaren Furcht erfüllt, die Raffles geschwind bekräftigte.

»Und alles übrige dazu,« erwiderte er bedeutsam. »Du denkst doch nicht etwa, daß der gemeine Hund so leicht davonkommen soll, als wenn er zur Stange gehalten und ehrliches Spiel gespielt hätte? Das ist ein Gegner, gegen den es sich lohnt, Bunny, und dabei will ich mich ganz einsetzen. Ich ahnte wohl, daß es so weit kommen würde.«

Er hatte von Anfang an mit Verrat gerechnet, und der verzweifelte Einfall, den Verräter zu entführen, erwies sich als ein wohlerwogener Zug gegen eine geahnte Hinterlist. Er hatte sowohl Handschellen wie eine genügende Dosis Somnol mitgebracht. Meine Gewalttat war das einzig Unvorhergesehene, aber Raffles schwor, ich hätte ihm geholfen. Als ich ihn jedoch fragte, ob er schon in diesem verlassenen Haus gewesen sei, prophezeite eine ärgerliche Bewegung des glühenden Zigarettenendes die Antwort.

»Mein lieber Bunny, ist es jetzt an der Zeit, dumme Fragen zu stellen? Natürlich habe ich mir alles angesehen; ich habe dir doch erzählt, daß ich die letzten Tage in dieser Gegend verbracht habe. Ich ließ mir einen Besichtigungsschein für dies Grundstück ausstellen und bestach den Gärtner, er solle niemand hereinlassen, bis ich mich entschlossen hätte. Die Wohnung des Gärtners liegt auf der andern Seite der Landstraße, die dicht an dem Haus vorüberführt; dort drüben ist ein prachtvoller Garten, mit dem er vollauf zu tun hat, deshalb hat er dies Stück hier vernachlässigt. In das Haus kommt er nur, wenn Leute es besehen wollen; seine Frau öffnet gelegentlich die untern Fenster, die obern werden überhaupt nicht geschlossen. Oben auf diesem Turm sind wir, wie du siehst, vor Überraschungen ziemlich sicher, besonders wenn ich noch hinzufüge, daß der oberste Raum absolut keinen Schall durchläßt.«

Raffles meinte, das Grundstück werde wohl schwerlich wieder einen Mieter finden, da es zu kostspielig und zu nahe bei der Stadt sei; auch erzählte er mir, der Gedanke, Levy gefangen zu nehmen, sei ihm gekommen, als er sich in der Stadt von Levys »Mamelucken« verfolgt sah und sofort begriff, mit was für einem Menschen er zu tun habe.

»Ich hoffe, der Einfall hat deine Zustimmung, Bunny,« setzte er hinzu, »denn ich habe noch niemals jemand entführt und hätte außerdem in ganz London keinen größern Kerl erwischen können.«

»Ich bin sehr einverstanden,« sagte ich, »aber glaubst du nicht, daß er doch etwas zu groß ist? Wird sich nicht alle Welt über sein Verschwinden aufregen?«

»Mein lieber Bunny, kein Mensch wird denken, daß ihm etwas zugestoßen ist!« rief Raffles überzeugt. »Ich kenne die Gewohnheiten dieses ekelhaften Kerls; hab' ich dir nicht erzählt, daß er noch ein andres Quartier hat? Kein Mensch scheint zu wissen, wo es ist; aber wenn er sich hier nicht blicken läßt, vermutet man ihn dort, und ist er dort, so läßt er sich auch in der Stadt tagelang nicht sehen. Du hast wohl gar nicht bemerkt, daß ich schon die ganze Zeit einen Überrock trage, Bunny?«

»O doch,« erwiderte ich, »vermutlich einer von seinen.«

»Gerade der, den er heute abend getragen haben würde, der weiche Hut vom selben Haken steckt in der Tasche, und das Fehlen der Sachen wird nicht den Eindruck hervorrufen, als sei er aus dem Hause getragen, was, Bunny? Sein Stock, dachte ich, könnte uns im Wege sein, deshalb versteckte ich ihn hinter den Büchern. Diese Sachen werden sich noch ein zweites Mal nützlich erweisen, wenn wir ihn wie einen feinen Herrn entlassen wollen.«

Das rote Ende der Sullivan erstarb zischend zwischen zwei angefeuchteten Fingern, und Raffles steckte den Rest sicherlich sorgfältig in die Tasche, als er aufstand, um den Aufstieg fortzusetzen. Auf der Treppe herrschte noch tiefe Dunkelheit, als wir aber das Gemach am obern Ende erreichten, konnten wir unsre Umrisse deutlich unterscheiden gegen ein paar große ovale Fenster, durch die ein düster grauer Himmel hereinsah. In drei Wänden waren solche, riesigen Schießscharten ähnliche Fenster, in der vierten befand sich eine Nische wie eine Schiffskoje, in die wir unsern noch immer bewußtlosen Gefangenen hoben. Wir taten sogar noch mehr für ihn, jetzt wo wir dazu in der Lage waren. Aus einer unsichtbaren Truhe holte Raffles zwei Bündel dünnen rauhen Stoffes hervor; das eine schob er dem Schläfer unter den Kopf, dann schüttelte er das andre auseinander zu einer Decke für den Körper.

»Und du fragst mich, ob ich schon jemals hier gewesen bin,« lachte Raffles und legte ein drittes Bündel in meine Hände. »Letzte Nacht habe ich hier geschlafen, um zu erproben, ob alles wirklich so ruhig ist, wie es aussieht; das da war mein Bettzeug, und ich rate dir, meinem Beispiel zu folgen.«

»Ich schlafen?« rief ich, »das kann ich nicht um alle Schätze der Welt, Raffles!«

»Das kannst du wohl,« sagte Raffles und während er sprach, fand in dem Turm eine furchtbare Explosion statt. Ich glaubte bestimmt, einer von uns sei erschossen, bis ich etwas tropfen und dann eine Flüssigkeit in ein Glas fließen hörte.

»Champagner!« rief ich erstaunt, als er mir den Metallbecher gereicht und ich einen Zug getan hatte. »Hattest du den auch hier oben versteckt?«

»Hier habe ich nichts versteckt als mich selbst,« lachte Raffles. »Dies ist eine kleine Flasche aus Levys Weinkorb im Billardzimmer; erfrische dich ordentlich, Bunny. Hier ist noch eine zweite, die der Alte vielleicht bekommt, wenn er sehr artig ist. Ich fürchte aber, wir werden noch einen schweren Stand mit ihm haben. Nun aber laß ihn schlafen und tu du dasselbe mir zuliebe, denn später kannst du mir von um so größerem Nutzen sein.«

Ich hatte das Gefühl, daß ich es wohl versuchen könne, denn Raffles füllte den Metallbecher immer von neuem und versorgte mich auch mit Butterbroten, die er mit dem Champagner in den Taschen von Levys großem Überzieher hergebracht hatte. Und doppelt schmackhaft wurden sie durch den Gedanken, daß sie eigentlich für die zwei Helden von Gray's Inn bestimmt gewesen waren. Aber eine andre Idee, die plötzlich in mir auftauchte, verwarf ich sofort wieder und mit Recht, denn so geschickt und kühn sich Raffles sowohl als Einbrecher, wie als Amateurarzt in Betäubungssachen auch erwies, ich hatte trotz meiner rasch auftretenden Müdigkeit nach dieser langen Nachtarbeit doch nicht den leisesten Grund – auch später nicht – anzunehmen, daß er mir etwas andres als Butterbrot und Champagner gereicht habe.

Ich rollte mich auf einer Kiste zusammen, als alles um uns allmählich Gestalt anzunehmen begann, und war schon nahe am Einschlafen, als eine plötzliche Angst mich aufschrecken ließ.

»Was wird aber mit dem Boot?« fragte ich.

Keine Antwort.

»Raffles,« schrie ich, »was willst du mit dem Boot anfangen?«

»Schlaf du nur,« kam scharf die Antwort zurück, »und überlaß das Boot mir!«

Der Stimme nach zu urteilen, hatte sich Raffles gleichfalls niedergelegt und zwar auf den Boden.

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