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Raffles als Richter

Ernest William Hornung: Raffles als Richter - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleRaffles als Richter
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
year1912
translatorBerta Pogson
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150121
projectid9367aa33
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Zehntes Kapitel. Ich halte zu Raffles durch dick und dünn

Der große Rasen des Spielplatzes war gerade von Menschen gesäubert, als Raffles und ich uns am nächsten Tag bei Lords trafen. Es war einige Minuten vor elf, die Sonne brannte und der Himmel war von so klarer Bläue, als spanne er sich schon seit Tagen unbewölkt über die Welt und als habe es den gestrigen verregneten Tag nie gegeben. Der tropische Schauer hatte die Londoner Luft klar und rein gemacht wie Kristall; was für gewöhnlich grau in grau dalag, erstrahlte in frischen Farbentönen, die bereits wartenden Schiedsrichter in ihren weißen Röcken glichen lebendig gewordenen Schneemännern und die Haufen Sägespäne zu beiden Enden der Bahn Pyramiden von Goldstaub auf smaragdenem Grund. Und in dem erwartungsvollen Schweigen vor dem Erscheinen der Spieler höre ich noch die stark im Yorkshiredialekt gesprochenen Worte eines Mannes, der die Umstehenden versicherte, daß heute Cambridge gewinnen werde, gerade weil alle Welt an Oxford glaube.

»Gerade zur rechten Zeit,« sagte Raffles, als er sich niederließ, und im selben Augenblick die Cambridgeleute aus dem Pavillon heraustraten. Alle trugen blaue Mützen und Schärpen, doch von recht verschiedenen Schattierungen. Die Farben des Führers waren vom häufigen Gebrauch sehr verblaßt, die des Torwächters waren am blauesten und leuchtendsten, und als männlicher Berichterstatter scheue ich mich, zu verraten, wie gut sie ihm standen.

»Teddy Garland sieht aus, als sei gar nichts passiert,« sagte ich, als ich durch mein Glas die schlanke Gestalt mit den dick gepolsterten Gamaschen, dem rosigen Gesicht und den Riesenhandschuhen betrachtete.

»Weil er weiß, daß es noch eine letzte Hoffnung gibt, daß nichts weiter geschieht,« war die Antwort. »Ich habe ihn und seinen armen alten Vater hier noch gesprochen nach meiner Unterredung mit Dan Levy.«

Eifrig erkundigte ich mich nach dem Ergebnis, aber Raffles tat, als höre er mich nicht. Der Führer der Oxfordpartei eröffnete den ersten Gang mit einem weniger bekannten Mitglied. Der erste Ball kam und der vor Teddy mit dem Schläger aufgepflanzte Führer der Gegenpartei ließ ihn passieren. Teddy nahm ihn famos, und fast im selben Augenblick war der Ball wieder in den Händen des Werfers.

»Der ist all right,« murmelte Raffles mit tiefem Aufatmen. »Und ebenso unser braver Shylock, Bunny. Im Handumdrehen war alles erledigt. Nur werde ich nicht lange hier bleiben können –«

Er brach ab und vergaß vor Überraschung, den Mund zu schließen. Ein besonders scharfer Ball wurde von Teddy ebenso glänzend genommen wie der erste, aber dem Werfer nicht zurückgesandt. Der Oxforder Führer hatte ihn zu nehmen versucht, hatte aber gefehlt, und da der Gegner ihn in der Hand hielt, hatte er ausgespielt.

Man hörte Teddys klingende Stimme und sah zu gleicher Zeit den Schiedsrichter die Hand heben. Raffles packte mein Knie mit der Rechten.

»Der ist erledigt,« schrie er mir bei dem Lärmen und Schreien der Cambridgeleute ins Ohr, »der beste Schläger auf beiden Seiten, und schon beim dritten Ball hat Teddy ihn geschlagen.« Er schwieg, um den langsamen Abgang des Geschlagenen zu beobachten, dann berührte er meinen Arm und sagte: »Jetzt hat er alles andre vergessen, und bis zum Frühstück werden ihn keine schlimmen Gedanken quälen. Ein guter Anfang ist viel wert.«

Raffles behielt recht; es kam ein langes, treffliches Spiel und Teddy hielt sich ausgezeichnet. Es war ein Vergnügen, zu beobachten, wie seine geschmeidige Gestalt sich zusammenduckte, um im nächsten Moment mit dem heranfliegenden Ball sich gewandt zu erheben; seine kolossalen Handschuhe waren stets am rechten Fleck. Nur einmal hob er sie vorzeitig, da streifte ein brillanter Ball die Stäbe und trug der Gegenpartei vier Läuse ein. Das blieb sein einziger Fehler den ganzen Morgen, und Raffles saß wie gebannt vor Entzücken an seinem Platz. Ich versuchte zwischen den einzelnen Gängen des Spiels einige Einzelheiten seiner Abmachung mit Levy zu erfahren und bekam ein- oder zweimal eine kurze Auskunft.

»Der alte Sünder hat einen Besitz am Fluß, Bunny, aber ich habe ihn im Verdacht, daß ihm noch ein anderes Absteigequartier näher bei der Stadt gehört. Die nächsten Nächte aber soll ich ihn in seinem offiziellen Heim finden können; er wird bis zwei Uhr nachts auf mich warten.«

»Du willst also wirklich diese Woche noch nach Gray's Inn?«

»Oh, heute morgen noch; ich muß dort Umschau halten. Erstens habe ich keine Zeit zu verlieren und zweitens muß ich noch viel auskundschaften.«

Wieder folgten wir beide einem interessanten Ball mit gespannter Aufmerksamkeit.

»Du läßt mich aber wissen, wann es losgeht?« flüsterte ich dann, aber Raffles machte mich nur auf den Führer der blauen Partei, Jack Studley, aufmerksam.

Ich schwieg und widmete jetzt auch mein ganzes Interesse dem wilden Spiel, bei dem Teddy sich besonders auszeichnete. Bei einem sehr scharfen und schwierigen Ball wurde er durch die Wucht des Anpralls einige Schritte zurückgeschleudert; er wankte, hielt aber den Ball triumphierend in seinem Riesenhandschuh hoch und warf ihn spielend in die Luft, nachdem er sein Gleichgewicht wieder erlangt hatte.

»Donnerwetter! Das war der schlimmste Ball im ganzen Spiel,« bemerkte einer der erregten Zuschauer in unsrer Nähe.

»Und famos genommen,« rief Raffles. »Komm nun, Bunny; für mich ist damit Schluß. Ich könnte nichts Besseres mehr sehen, und wenn ich das ganze Spiel abwartete.«

»Aber weshalb?« fragte ich, als ich ihm in das Gedränge hinter den Wagen folgte.

»Ich hab' es dir ja schon gesagt.«

Ich drängte mich so nahe an ihn heran, als es in der Menschenmenge möglich war.

»Denkst du schon heute abend an die Ausführung, A. J.?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Aber du läßt es mich wissen?«

»Nicht, wenn ich mir allein helfen kann. Ich versprach dir ja, dich gerade in diesen Schmutz nicht weiter hineinzuziehen.«

»Wenn ich dir aber nützlich sein kann?« flüsterte ich, nachdem wir einen Augenblick durch die Menschen getrennt worden waren.

»Oh, wenn ich nicht ohne dich fertig werden kann,« sagte Raffles warm, »so erfährst du es früh genug. Jetzt aber schweige davon, dort kommen Vater Garland und Kamilla Belsize.«

Sie sahen uns nicht gleich, und einen Augenblick kam ich mir vor wie ein Spion; doch boten sie einen gar zu interessanten Anblick. Der ruinierte Mann sah krank und verstört und so elend aus, als hätte er eigentlich gar nicht ausgehen dürfen, strafte also den Zeitungsbericht durchaus nicht Lügen. Aber Stolz und Liebe leuchteten aus seinen Augen, sein Enthusiasmus trotzte allen Leiden, und frohlockend, trotz seines Mißgeschicks, sah er umher. Er hatte seines Jungen ausgezeichnetes Spiel gesehen, die lärmenden Zurufe seiner Partei gehört und würde sie bis an sein Lebensende hören. Kamilla Belsize hatte dasselbe gesehen und gehört, würdigte es aber nicht in gleichem Maße. Ihr blieb Kricket ein Spiel, ihr war es nicht der Inbegriff und die Quintessenz des Lebens wie einigen seiner Verehrer; und das Leben drückte sie gerade jetzt so schwer darnieder, daß so unwichtige Begebenheiten ihre Last nicht zu erleichtern vermochten, wie es bei ihrem Gefährten der Fall war. Das waren wenigstens meine Gedanken, als sie sich näherten, der Mann so angegriffen und doch strahlend glücklich, das Mädchen so gedankenvoll bei all ihrer Jugend und Schönheit; er trug sein altes Haupt von Kummer und Sorgen gebeugt, und doch war er im Herzen der Einfachere und Jugendlichere von beiden.

»Dieses Spiel wird mich über vieles trösten,« hörte ich ihn aus übervollem Herzen zu Raffles sagen. Kamilla dagegen äußerte sich höchst flüchtig, und ich wunderte mich im stillen, daß ein so scharfsinniges Menschenkind nicht wenigstens etwas Enthusiasmus vorzutäuschen versuchte. Sie schien übrigens an der Menschenmenge größeres Interesse zu haben als an dem Spiel; das kommt ja häufig vor.

Raffles sagte Herrn Garland, daß er gehen müsse, worauf dieser seine Hand mit plötzlich umwölkter Stirn festhielt. Fräulein Belsize aber verbeugte sich nur leicht, ohne den Blick von einem Paar gering aussehender Männer zu wenden, die dadurch auch meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, bis auch sie den Platz verlassen hatten.

Der alte Garland beobachtete, auf den Zehenspitzen stehend, schon wieder gespannt das Spiel.

»Herr Manders wird sich meiner annehmen,« sagte das junge Mädchen zu ihm, »nicht wahr, Herr Manders?« Ich drückte in geeigneten Worten meine Bereitwilligkeit aus und sie setzte hinzu: »Herr Garland ist nämlich Mitglied des Klubs und möchte für sein Leben gern in den Pavillon, den wir andern Sterblichen nicht betreten dürfen.«

»Ich möchte nur gern hören, was sie dort über Teddy sagen,« gestand der Alte ehrlich, und als wir einen Treffplatz verabredet hatten, eilte er mit sehnsuchtsvollem Antlitz davon.

Im selben Augenblick wandte sich Kamilla Belsize zu mir.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, Herr Manders,« sagte sie rasch und ohne Verlegenheit, »wohin können wir gehen?«

»Wollen Sie zugleich dem Spiel zusehen?« fragte ich und dachte an den jungen Mann, der sich heute so auszeichnete.

»Ich möchte erst mit Ihnen sprechen,« erwiderte sie, »wo wir ungestört und unbelauscht sind. Es handelt sich um Herrn Raffles,« setzte sie hinzu, als mein Blick dem ihren begegnete.

Wieder um Raffles! Um Raffles, nach allem, was sie gestern über ihn erfahren hatte. Diese Aussicht behagte mir wenig, als ich sie nach dem von Efeuwänden umgebenen Tennisplatz führte und von da nach dem heute gänzlich verlassenen Übungsplatz.

»Was ist's mit Raffles?« fragte ich, als wir einsam über den Rasen dahinschritten.

»Ich fürchte, er ist in Gefahr,« antwortete Fräulein Belsize, blieb stehen und sah mich forschend an.

»Gefahr!« wiederholte ich, wahrscheinlich schuldbewußt genug. »Wie kommen Sie auf den Gedanken, Fräulein Belsize?«

Zum ersten Male zögerte meine Gefährtin mit der Antwort. »Sie werden ihm nicht erzählen, was ich Ihnen sage?«

»Nicht, wenn Sie es nicht wünschen,« sagte ich, mehr erstaunt über ihr Benehmen als über ihre Worte.

»Versprechen Sie mir das?«

»Gewiß.«

»Dann sagen Sie mir, ob Sie zwei Männer bemerkt haben, die dicht an uns vorübergingen, gerade, nachdem wir uns getroffen hatten?«

»Es sind verschiedene Männer an uns vorbeigegangen,« sagte ich, um Zeit zu gewinnen.

»Aber diese sahen anders aus als die Klasse Menschen, die man heute hier zu treffen erwartet.«

»Die mit den runden Hüten und kurzen Überziehern?«

»Sie sind Ihnen also auch aufgefallen?«

»Nur weil ich sah, daß Sie sie beobachteten,« sagte ich und rief mir die ganze Szene ins Gedächtnis zurück.

»Es war der Mühe wert, sie zu beobachten,« sagte das junge Mädchen trocken, »denn sie folgten Herrn Raffles und verließen mit ihm den Platz.«

»Taten sie das wirklich?« fuhr es mir laut heraus in meiner Überraschung.

»Vorher folgten sie Ihnen beiden, als wir uns begegneten.«

»Zum Teufel nochmal! Haben Sie sie da zuerst bemerkt?«

»Nein; zuerst sah ich sie drüben am Netz, bevor das Spiel begann. Mir fielen diese beiden Menschen hinter Teddys Netz auf, die sich um ihn gar nicht kümmerten; das machte mich stutzig. Ich glaube bestimmt, daß sie auf Herrn Raffles lauerten, jedenfalls drückten sie sich beiseite, als er kam. Nachher aber folgten sie uns über den Platz.«

»Sind Sie dessen sicher?«

»Ich sah mich nach ihnen um,« sagte das junge Mädchen und vermied es zum ersten Male, meinen Augen zu begegnen.

»Hielten Sie die Kerle für – Detektivs?« fragte ich und zwang mich zum Lachen.

»Offen gestanden fürchtete ich es, Herr Manders, obwohl ich bis jetzt noch nie einen gesehen habe außer auf der Bühne.«

»Und doch kommen Sie gleich auf den Gedanken,« fuhr ich mit mühsam geheucheltem Vergnügen fort, »daß A. J. Raffles gerade hier bei Lords verfolgt und beobachtet wird?«

»Ich bin auf alles gefaßt,« sagte Kamilla Belsize, »nach allem, was ich gestern nachmittag gehört habe.«

»Sie meinen über den armen Herrn Garland und seine Verhältnisse?« Diese scharfsinnige Frage war doch nicht scharfsinnig genug; sie brachte den Blick meiner Gefährtin wieder zu mir zurück, aber voller Geringschätzung, wie ich es verdiente.

»Nein, Herr Manders. Ich meine nach dem, was wir alle mit anhörten zwischen Herrn Levy und Herrn Raffles. Sie wußten ganz gut, was ich meinte,« setzte sie streng hinzu.

»Sie nahmen doch das nicht für Ernst?« fragte ich, ohne mich gegen ihren gerechten Vorwurf zu wehren.

»Wie sollte ich nicht? Die Anspielungen waren deutlich genug!«

»Sie glauben also,« sagte ich, da sie nicht mißverstanden werden wollte, »daß der gute Raffles etwas mit dem Juwelenraub in Karlsbad zu tun hat?«

»Wenn es ein Raub war.« Sie litt augenscheinlich unter dem Wort.

»So meinen Sie, es sei ein Kunststückchen gewesen?« fragte ich, indem ich mich der Auslegung des Opfers im Albany entsann. Kamilla schien diesen Ausweg nicht nur mit offenen Armen zu begrüßen, sie war geistesgegenwärtig genug, zu tun, als habe sie nie etwas andres gemeint.

»Aber natürlich,« sagte sie mit plötzlich angenommener Überlegenheit, die eines Raffles würdig gewesen wäre. »Ich begreife nicht, daß Sie nicht längst darauf gekommen sind, Herr Manders, wo Sie doch gemeinsam mit Herrn Raffles dem alten Levy solch einen Streich gespielt haben. Herr Raffles hat uns selbst alles erzählt, und ich bin Ihnen beiden sehr dankbar – Sie wissen, dankbar Teddys wegen,« setzte sie mit einem reuevollen Blick nach dem Spielplatz hinzu. »Das zeigt aber doch, was Herr Raffles ist – und – und das war es, was ich gestern meinte, als wir von ihm sprachen.«

»Ich entsinne mich nicht,« sagte ich, obwohl mir jedes Wort wie in die Seele gegraben war.

»In der Grotte,« erinnerte sie mich. »Als Sie fragten, was die Leute über ihn sprächen, und ich antwortete, er lebe von seiner Schlauheit.«

»Und er sei ein bezahlter Amateur?«

»Das andre war aber das Schlimmere.«

»Finden Sie?« fragte ich. »Jedenfalls würde ihm seine Schlauheit nicht viel einbringen, wenn er nur Halskolliers an sich brächte, um sie dann wieder zurückzuerstatten.«

»Das war doch alles nur ein Spaß,« mahnte sie uns beide mit leisem Schrecken. »Es kann ja nur ein Spaß gewesen sein, wenn Herr Raffles es wirklich getan hat. Und es wäre schrecklich, wenn ihm eines solch elenden Streiches wegen etwas zustieße!«

Jetzt war ich über ihr Gefühl nicht mehr im Zweifel; sie fühlte wirklich, daß es »schrecklich sei, wenn dem Mann etwas zustieße«, dem sie gestern zu mißtrauen und den sie zu verabscheuen schien. Ihre Stimme zitterte vor Angst. Ein feuchter Schimmer verschleierte die leuchtenden Augen, und sie erschienen mir schöner als je, als sie unerschrocken auch ferner den meinigen begegneten; ich war Tor genug, meine Gedanken auszusprechen, und mit einem zornigen Blitz verschwand jede Weichheit.

»Ich glaubte, Sie könnten ihn nicht leiden?« war meine Frage gewesen, und »Wer sagt denn, daß ich ihn mag?« ihre Gegenfrage. »Er hat aber so viel für Teddy getan,« fuhr sie dann fort, »und besonders gestern, als Sie ihm halfen.« Einen Augenblick berührte ihre Hand meinen Arm. »Es tut mir sehr leid um den armen Herrn Garland, noch mehr als um Teddy; aber Herr Raffles fühlt es noch tiefer. Ich weiß, daß er alles tun wird, was in seinen Kräften steht. Er scheint zu glauben, daß in der Sache irgend etwas nicht stimmt, denn er sprach davon, er gedenke den Schurken mal gehörig klein zu machen. Wie schrecklich wäre es nun, wenn der Mensch den Spieß umkehrte und eine Klage gegen Herrn Raffles zusammenbraute?«

Der Ton, in dem sie diese letzten Worte sagte, war ein getreues Echo meines eigenen und verriet mir deutlich, wie die Sache stand. Fräulein Belsize war nicht zu täuschen; sie wollte mich nur glauben machen, daß sie sich habe täuschen lassen. Sie hatte erraten, was ich wußte, aber keiner von uns beiden wollte dem andern gestehen, daß die Klage gegen Raffles berechtigt sein würde.

»Aber weshalb sollten diese Männer ihm folgen?« fragte ich und war dabei im stillen tatsächlich neugierig, warum das geschehen möge. »Wenn man einen bestimmten Verdacht gegen Raffles hegte, hätte man ihn ja einfach verhaften können.«

»Das weiß ich nicht,« sagte sie leicht gereizt. »Ich finde nur, man muß ihn warnen.«

»Was er auch getan haben mag?« wagte ich zu fragen.

»Ja!« rief sie. »Was er auch getan haben mag – nach dem, was er gestern für Teddy tat.«

»Sie wünschen also, daß ich ihn warne?«

»Ja, aber ohne mich zu nennen.«

»Und angenommen, er habe Frau Levys Halsband an sich gebracht?«

»Das haben wir ja angenommen.«

»Selbst angenommen, daß es nicht aus Scherz geschah?«

Ich sprach, als spiele ich mit einer geradezu unmöglichen Möglichkeit, aber ich hatte den Wunsch, die Verläßlichkeit dieses neuen, gänzlich unerwarteten und noch unsichern Verbündeten zu ergründen. Und seltsam erfolgreich erschien mir diese erste Probe, denn Fräulein Belsize sah mir gerade und offen in die Augen, so daß mein Vertrauen zu ihr wuchs, noch ehe sie antwortete.

»Nach gestern würde ich ihn trotzdem warnen.«

»Sie würden also zu Ihrem Raffles halten durch dick und dünn?« murmelte ich, da ich sah, daß es Kamilla Belsize im Grunde genau so ging wie uns andern.

»Gegen einen gemeinen Wucherer, ganz gewiß,« erwiderte sie, ohne das besitzanzeigende Fürwort in meiner Frage zurückzuweisen. »Daraus folgt noch nicht, daß ich von ihm als Menschen etwas halte – bis auf das, was Sie beide gemeinsam für Teddy getan haben.«

Wir hatten unsre Wanderung seit einer Weile wieder fortgesetzt; jetzt war ich es, der stehen blieb. Ich sah nach meiner Uhr, es fehlten noch einige Minuten bis zur Frühstückspause um ein Uhr.

»Wenn Raffles sich einen Wagen genommen hat, so muß er jetzt bald zu Hause sein. Ich will ihn telephonisch anrufen.«

»Gibt es hier auf dem Spielplatz ein Telephon?«

»Nur im Pavillon zum Gebrauch der Mitglieder, glaube ich.«

»Dann müssen Sie die nächste öffentliche Fernsprechstelle aufsuchen.«

»Und was wird aus Ihnen?«

Ein köstlich unbefangenes Lächeln völliger Unabhängigkeit breitete sich über das schöne Antlitz.

»Um mich brauchen Sie sich nicht zu sorgen,« sagte sie, »ich weiß, wo ich Herrn Garland finden kann, wenn sich mir unterwegs keine andre Begleitung bietet.«

Sie aber begleitete mich bis zu dem großen Drehkreuz in der Nähe von Wellington Road.

»Sie verstehen, warum ich Herrn Raffles warnen möchte?« fragte sie ernst, als wir uns die Hände reichten. »Nur weil Sie und er so viel für Teddy getan haben.«

Und da sie mich zum Schluß nicht noch einmal an mein Versprechen mahnte, war ich nur um so fester entschlossen, es zu halten, selbst auf die Gefahr hin, daß Raffles auch fernerhin so wenig günstig von dem jungen Mädchen denken möchte, das ihrerseits wenigstens anfing, besser von ihm zu denken.

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