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Raffles als Richter

Ernest William Hornung: Raffles als Richter - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleRaffles als Richter
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
year1912
translatorBerta Pogson
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150121
projectid9367aa33
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Neuntes Kapitel. Ein Dreibund

Mir war es, als wenn sich nebenan jemand vorsichtig bewegte; ich hörte ein leises Knarren der Stiefel, worauf es einige Sekunden ganz still blieb, dann glaubte ich eine Hand beinahe lautlos über die Vorsaaltür gleiten zu hören – vermutlich bildete ich es mir mehr ein, als daß ich es wirklich vernahm – trotzdem war ich meiner Sache so sicher, als sei die Tür von Glas. Überdies entsann ich mich genau, daß Raffles die Außentür zwischen dem Vorzimmer und dem Korridor hinter uns verschlossen hatte. Da ich augenblicklich seine Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken konnte, es auch noch nie bedauert hatte, wenn ich jemand zu überraschen vermochte, so wartete ich atemlos, bis ich meiner Sache völlig sicher war, und sprang dann plötzlich aus meinem Stuhle auf. Gerade als ich die Tür aufriß, erklang ein lautes Klopfen und im Rahmen der Tür stand vor uns die Abendausgabe von Dan Levy, im Frack mit tief ausgeschnittener weißer Weste, einem sprühenden Brillanten auf dem Faltenhemd, Chapeau claque und Zigarre in der Hand.

»Gestatten Sie, daß ich eintrete?« fragte er mit öliger Liebenswürdigkeit.

»Ob wir es gestatten!« rief ich. »Was für eine Frage, da Sie doch längst hereingekommen sind. Ich habe Sie recht wohl gehört, Sie horchten an der Tür – guckten vielleicht durchs Schlüsselloch – und klopften erst, als ich aufsprang, um die Tür zu öffnen.«

»Aber lieber Bunny!« rief Raffles und legte mir begütigend die Hand auf die Schulter; dann begrüßte er heiter den ungebetenen Gast.

»Die Außentür war doch verschlossen,« wehrte ich mich, »er muß sie also erbrochen oder mit einem Dietrich geöffnet haben.«

»Warum auch nicht, Bunny,« rief Raffles lachend und mit einem Gleichmut, der mich erbitterte. »Die Liebe ist es ja nicht allein, die aller Schlösser lacht.«

»Sondern auch die vornehmen Gauner,« rief Levy mit gleicher, nur plumperer Ironie.

Raffles führte ihn zu einem Stuhl, Levy trat dahinter und ergriff die Lehne, bereit, ihn auf unsern Köpfen zu zerschmettern, sollte sich die Notwendigkeit dazu einstellen. Raffles bot ihm zu trinken an, auch das wurde mit einem schlauen Grinsen, das den niedrigen Verdacht offen durchblicken ließ, abgelehnt.

»Ich trinke nicht mit solchem Gaunerpack,« sagte der Geldverleiher.

»Mein bester Herr Levy,« gab Raffles gelassen zurück, »Sie kommen mir wie gerufen. Es ist nun aber schon das vierte Mal heute, daß ich einen so veralteten Ausdruck aus Ihrem Munde höre. Sie wissen so gut wie ich, daß die Zeiten der Wegelagerer und Räuber dahin sind. Wohin mögen die frischen, fröhlichen Gesellen der alten Lieder entschwunden sein!«

»Hier im Albany sind sie,« sagte Levy, »hier in diesen Räumen, Herr A. J. Raffles!«

»Na, Bunny,« meinte Raffles, »wir müssen uns wohl beide dazu bekennen, ihm weh getan zu haben.«

»Sie wissen sehr gut, was ich meine,« knirschte unser angenehmer Besuch durch die Zähne, »Sie beide sind Einbrecher, Gauner und Schwindler und können es ruhig zugeben, denn ich kenne Sie genau.«

»Einbrecher, Gauner, Schwindler?« wiederholte Raffles mit schiefem Kopf. »Was meint der liebenswürdige Herr eigentlich, Bunny? Warte! Ich hab's – Diebe! Ganz gemeine Diebe.«

Und hell lachte er dem Wucherer ins Gesicht.

»Lachen Sie nur,« sagte Levy, »ich bin zu alt, um mich von Ihnen narren zu lassen, und ich wundere mich nur, daß ich Sie da drüben nicht gleich erkannte. Soll ich Ihnen erzählen, wo mir ein Licht aufging – Herr Ananias J. Raffles?«

»Ja, ja,« rief Raffles und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Erzählen Sie, was Sie wollen, denn dies ist der beste Spaß, den wir seit langer Zeit erlebt haben. Was sagst du, Bunny?«

»Blödsinn!« gab ich zurück.

»Heute morgen kam mir der Gedanke,« fuhr der Wucherer fort, mit verächtlicher Miene unsern Spott übergehend, »als Sie beide so glatt und gewandt Ihr Spiel mit mir trieben. Der eine leiht sich das Geld und der andre bezahlt mich mit meinen eigenen braunen Lappen.«

»Das war doch kein Verbrechen!« rief ich.

»Oh, gewiß war es das,« erwiderte Levy mit breitem Grinsen, »es war das Verbrechen, das Sie beide niemals begehen durften, wenn Sie das sein wollen, was ich Sie vorhin geheißen habe. Sie begingen das Verbrechen, sich durchschauen zu lassen; ohne das wäre mir nie der Gedanke gekommen, unsern Freund Ananias mit der andern Sache in Karlsbad in Verbindung zu bringen. Nein, nicht einmal als ich sah, wie erstaunt seine Freunde waren, als sie hörten, er sei dort gewesen – er, der gesündeste, robusteste Mensch! Ja,« schrie der Geldverleiher, hob den Stuhl empor und stieß ihn mit großer Gewalt wieder auf den Boden, »heute morgen kam mir der Gedanke, aber heute nachmittag war ich meiner Sache sicher.«

Raffles lächelte nicht mehr, seine Augen bohrten sich wie Dolchspitzen in das Gesicht Levys und sein fest zusammengepreßter Mund zeigte nur eine dünne Linie.

»Ich sah wohl, was Sie dachten,« sagte er voller Verachtung. »Sie glauben also im Ernst, daß ich das Halsband Ihrer Frau stahl und dann im Walde vergrub?«

»Ich weiß es bestimmt.«

»Was, zum Teufel, wollen Sie dann allein hier?« rief Raffles. »Warum haben Sie nicht gleich ein paar sichere Leute von Scotland Yard mitgebracht? Hier stehe ich, Herr Levy, völlig in Ihrer Hand, wie Sie meinen; weshalb übergeben Sie mich nicht der Polizei?«

Levy lachte gurgelnd in sich hinein – die drei goldenen Knöpfe der Weste und der Brillantknopf in seinem Hemde zitterten.

»Vielleicht bin ich nicht so schlecht, wie Sie glauben,« sagte er. »Und vielleicht sind die beiden Herren nicht so schlimm, wie ich glaubte.«

»Und sind plötzlich wieder Herren?« fragte Raffles. »Ist das nicht eine gar zu rasche Verwandlung nach den Einbrechern, Schwindlern, und was wir sonst noch vor einigen Minuten sein sollten?«

»Vielleicht hielt ich Sie in Wahrheit gar nicht für so schlimm, Herr Raffles.«

»Vielleicht glaubten Sie auch gar nicht, daß ich es war, der das Halsband stahl, Herr Levy?«

»Das weiß ich bestimmt,« erwiderte Levy, und sein unerwartet versöhnlicher Ton wurde nun zu einer regelrechten Entschuldigung, »aber ich glaube, daß Sie es an einem Platze versteckten, wo es gefunden werden mußte. Und ich fange an zu glauben, daß Sie es nur nahmen, um den Spaß davon zu haben.«

»Wenn er es überhaupt genommen hätte,« warf ich ein, »aber der Gedanke ist ja lächerlich.«

»Ich wollte, ich hätte es getan,« rief Raffles mit dreistem Lächeln. »Ich muß gestehen, Herr Levy, das wäre ein Spaß nach meinem Sinn gewesen, besonders in dem schaurigen Misthaufen, in dem wir beide für unsre Sünden Buße taten.«

»Ein Spaß nach Ihrem Sinn?« fragte Levy mit lauerndem Blick.

»Ja, gewiß!« sagte Raffles.

»Möchten Sie sich wohl noch einmal auf einen solchen Spaß einlassen?«

»Sie müssen nicht sagen: ›noch einmal.‹«

»Möchten Sie Ihre Hand in solchem Spiel wieder versuchen?«

»Nicht ›wieder‹, Herr Levy, und außerdem ist es eine Schülerhand.«

»Verzeihen Sie meinen Irrtum,« sagte Levy mit gutgespieltem Ernst.

»Ob ich meine Schülerhand nur des Spasses halber mal bei einem Einbruch oder einem Diebstahl versuchen möchte, das wollten Sie sagen, nicht wahr, Herr Levy?«

Jetzt war Raffles bewundernswert, der andre in seiner Art jedoch nicht minder; denn mit feinem Takt fügte er sich und machte seine Niederlage zum Spielball.

»Es läuft mehr auf einen Einbruch als auf Stehlen hinaus,« sagte er. »Eine recht verzwickte Sache, Raffles, aber unschuldig genug selbst für einen Amateur.«

»Danke, Herr Levy, Sie haben also etwas Bestimmtes im Auge?«

»Gewiß – einen Fall, wo ein Mensch sein Eigentum zurückverlangen möchte.«

»Der Mensch sind Sie selbst, Herr Levy?«

»Jawohl.«

»Bunny, ich fange an zu begreifen, weshalb er die Polizei nicht mitbrachte!«

Ich tat, als ob ich das schon länger herausgefunden hätte. Unser neuer Freund und Widersacher verbreitete sich dann noch weiter darüber, daß ihm eine solche Absicht völlig ferngelegen habe; was für Beweise habe er denn gegen Raffles? Er schreckte auch vor einer offenen Beleuchtung der Frage nicht zurück. Gewiß, er hätte seinen starken Verdacht der Polizei mitteilen können, die sich dann mit der österreichischen Polizei in Verbindung gesetzt haben würde, wobei vielleicht noch einige Verdachtsmomente zu Tage befördert würden. Wenn aber Raffles an der Lesart eines famosen Spasses festhalten wolle, indem er nur so viel und nicht mehr zugestehe, so würde von seiner, von Levys Seite nichts weiter verlangt werden.

»Bis auf die harmlose Wiedererlangung Ihres Eigentums,« meinte Raffles, »das ist wohl die Bedingung?«

»Bedingung ist nicht das rechte Wort,« sagte Levy achselzuckend.

»Vorläufige Übereinkunft vielleicht?«

»Entschädigung wäre wohl richtiger. Sie haben nur viel Mühe und Kosten verursacht, als Sie das Halsband meiner Frau entwendeten –«

»Wie Sie zu behaupten wagen, Herr Levy.«

»Na, ich kann mich ja irren; das wird sich zeigen, je nachdem Sie sich entscheiden,« fuhr Levy fort und ließ uns damit einen Augenblick hinter seine Maske schauen. »Jedenfalls geben Sie ja zu, daß Sie ein solches Abenteuer wohl erleben möchten. Und darum ersuche ich Sie, etwas andres, das mir gehört und in falsche Hände geraten ist, zu Ihrem Vergnügen dort zu entwenden; dann sind wir quitt.«

»Wir können uns ja anhören, um was für einen Gegenstand es sich handelt und wo er aufzufinden wäre,« sagte Raffles kühl. Der Wucherer bog sich vor; er saß schon lange in dem Stuhl, den er anfangs als Verteidigungsmittel gebrauchen wollte. Wir rückten nun alle drei näher zusammen und jetzt faßte mich unser Gast zum ersten Male scharf ins Auge.

»Sie habe ich auch schon früher mal gesehen,« erklärte er. »Das dachte ich schon, als Sie heute morgen fort waren, und heute nachmittag überzeugte ich mich, daß ich recht hatte. Es war im Savoy, als ich mit meiner Frau dort aß und Sie beide am nächsten Tische saßen.« Schlau zwinkerten die kleinen Äuglein, doch bezwang er sich, das Halsband blieb unerwähnt. »Ich nehme an,« fuhr er fort, »Sie sind Kompagnons in Ihren – Vergnügungen? Sonst müßte ich darauf bestehen, mit Herrn Raffles allein zu sprechen.«

»Bunny und ich gehören zusammen,« antwortete Raffles leichthin.

»Aber zwei gegen einen,« bemerkte Levy mit einem verächtlichen Blick auf mich. »Wenn Sie freilich gemeinschaftlich das Geschäft unternehmen, so haben wir um so größere Chancen, daß es gelingt. Sie haben sicher noch nie leichtere Beute errungen, meine Herrn.«

»Noch mehr Juwelen?« fragte Raffles, als mache ihm die Unterhaltung den größten Spaß.

»Nein – viel leichter. Es handelt sich um einen Brief.«

»Nur um einen kleinen Brief?«

»Das ist alles.«

»Den Sie selbst geschrieben haben, Herr Levy?«

»Nein!« donnerte der Geldverleiher, und ich hätte schwören können, daß ihm die Bejahung auf der Zunge lag.

»Ich verstehe. Es ist ein an Sie gerichteter, nicht von Ihnen geschriebener Brief.«

»Wieder falsch, Raffles.«

»Wie kann der Brief denn sonst Ihr Eigentum sein, mein lieber Herr Levy?«

Es trat eine kleine Pause ein; der Wucherer rang sichtlich mit einer neuen Schwierigkeit. Ich beobachtete sein massiges, aber nicht unschönes Gesicht und sah an dem plötzlichen Aufleuchten der listigen Augen, daß er auch diese bezwungen hatte.

»Man glaubt, daß ich ihn geschrieben habe,« sagte er. »Es ist aber eine Fälschung auf meinem eigenen Geschäftspapier; die kann ich doch wohl mit voller Berechtigung als mein Eigentum betrachten?«

»Da haben Sie recht,« entgegnete Raffles teilnahmsvoll. »Sie meinen natürlich den unseligen Brief in Ihrer Sache gegen den ›Fact‹?«

»Ja,« rief Levy, ziemlich erstaunt, »aber wie können Sie das wissen?«

»Ich interessiere mich für den Fall wie alle Welt.«

»Und haben darüber in den Zeitungen gelesen? Es wird viel zu viel Lärm darum gemacht, zumal die ganze Sache noch sub judice liegt.«

»Ich las die ersten Originalartikel im ›Fact‹,« sagte Raffles.

»Und die Briefe, die ich geschrieben haben soll?«

»Ja. Einer darunter fiel mir auf als besonders gefährlich.«

»Das ist der, den ich haben möchte.«

»Wenn der echt ist, Herr Levy, so kann er leicht die Veranlassung zu einer weit ernsteren Klage werden.«

»Er ist aber nicht echt.«

»Auch wären Sie nicht der erste Kläger vor dem hohen Gerichtshof,« fuhr Raffles ruhig fort und blies feine graue Ringe in die Luft, »der plötzlich in einen Bewohner des Gefängnisses verwandelt würde.«

»Er ist aber nicht echt, das sagte ich Ihnen doch schon,« schrie Levy mit einem Fluch.

»Was in aller Welt wollen Sie dann aber mit dem Brief? Lassen Sie doch die andre Partei den Brief hegen und pflegen und damit vor Gericht auftrumpfen; je weniger er wert ist, desto sicherer vernichtet er ihre ganze Sache. Eine nachweisliche Fälschung in den Händen des Staatsanwalts,« rief Raffles, mir zublinzelnd, »das wird ein Fest, da müssen wir dabei sein, Bunny.«

Levys Unbehagen war unsern Augen eine Wonne. Er hatte uns seinen Fall nackt und ohne Scheu dargestellt und war dadurch schon viel sicherer in unsrer Hand, als Raffles in der seinigen. Raffles aber war der letzte, seine Überlegenheit auch nur einen Moment zu früh zu zeigen. Er warf mir nur einen zweiten Blick zu. Der Wucherer starrte mißmutig auf den Teppich. Plötzlich sprang er auf und erging sich in einer langen Jeremiade über die Ungerechtigkeit, mit der sowohl die öffentliche Meinung wie das Gesetz seinen Beruf beurteile. Kein Geldverleiher bekäme jemals vor einem britischen Gericht sein Recht; eher gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr. Diese offenkundige Fälschung werde von dem berühmten britischen Gerichtshof als echt genommen werden, und der einzige Ausweg sei, sie vor Beginn der Verhandlung zu beseitigen.

»Wenn aber die Fälschung bewiesen werden kann,« bohrte Raffles wieder, »so setzt das die Gegenpartei sofort und vollständig ins Unrecht.«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, was ich für meine einzige Chance halte,« sagte Levy schroff. »Bedenken Sie, daß es auch Ihre einzige ist.«

»Wenn Sie so reden,« sagte Raffles, »werde ich mir die Sache gar nicht weiter überlegen.«

»Das tust du hoffentlich überhaupt nicht,« warf ich ein.

»Vielleicht doch; aber nicht, wenn er in solchem Ton spricht.«

Levy fragte mit ganz veränderter Stimme: »Wollen Sie es tun, Herr Raffles? Ja oder nein?«

»Die – Fälschung entwenden?«

»Ja.«

»Von wo?«

»Wo immer sie sich befinden mag. Vermutlich im Safe der Rechtsanwälte.«

»Wer sind die Anwälte für ›Fact‹?«

»Burroughs & Burroughs.«

»In Gray's Inn Square?«

»Richtig.«

»Die beste Firma für Strafsachen,« sagte Raffles und schnitt mir eine Grimasse, »deren Stahlkammer wird wohl das Festeste vom Festen sein.«

»Ich sagte Ihnen ja, es ist eine verzwickte Angelegenheit,« begann der Geldverleiher wieder.

Raffles sah recht zweifelnd und unentschlossen aus.

»Ein bißchen schwierig für einen ersten Versuch, was, Bunny?«

»Viel zu schwierig.«

»Sie wünschen nichts weiter als Ihren Brief – zurückzuziehen, Herr Levy?«

»Das ist der richtige Ausdruck.«

Der große Brillant schleuderte farbige Blitze, als er bei dem innern Gelächter wie auf wogender See sich hob und senkte.

»Nur zurückziehen – nichts weiter?«

»Das genügt mir, Herr Raffles.«

»Obwohl man den Brief schon am nächsten Morgen vermissen würde?«

»Mögen sie ihn doch vermissen!«

Raffles legte die Fingerspitzen gegeneinander und schüttelte leicht den Kopf, als sei er andrer Meinung.

»Das würde Ihnen mehr schaden als nützen, Herr Levy. Ich möchte die Sache gern besser machen – wenn ich mich überhaupt darauf einlasse,« setzte er so nachdrücklich hinzu, daß ich aufatmete im Glauben, er werde sich nicht dazu entschließen.

»Was für eine Verbesserung haben Sie im Sinn?« fragte Levy, der augenscheinlich andrer Meinung war als ich.

»Ich würde mir ein Blatt von Ihrem Geschäftspapier mitnehmen und die Fälschung fälschen,« rief Raffles mit dem besondern Leuchten in den Augen und der Befriedigung in der Stimme, die ich nur allzuwohl kannte. »Ich würde meine Arbeit aber weniger vollkommen machen als der andre, und der Brief würde ebenso aussehen wie Ihrer – wie seiner, wollte ich sagen – bis er öffentlich vor Gericht geprüft wird. Dann wäre der ganzen Verteidigung in fünf Minuten der Boden unter den Füßen weggezogen.«

Dan Levy kam rasch auf Raffles zu, an allen Gliedern bebend wie Gallert und strahlend vor Freude.

»Nehmen Sie meine Hand!« rief er. »Ich wußte längst, daß Sie der Mann nach meinem Herzen sind, aber ich ahnte nicht, welch ein Genie in Ihnen steckt!«

»Ein Händedruck ist unnötig,« erwiderte Raffles, ohne seine feinen schlanken Finger voneinander zu lösen, »bis ich mich entschlossen habe, die Sache zu übernehmen. Und davon bin ich noch weit, sehr weit entfernt, Herr Levy.«

Ich atmete auf.

»Sie müssen aber, lieber Freund, Sie müssen,« sagte Levy überredend. Mir tat es leid, daß er nicht wieder drohte. Vielleicht hatte er es nur vergessen, vielleicht aber fing er an, seinen Raffles kennen zu lernen, wie ich den meinigen kannte; dann aber war ich um so trauriger.

»Hier heißt es: was ich mir dafür kaufe!« sagte Raffles ruhig. »Sie können von mir nicht ein wirkliches Verbrechen verlangen – wenn wir es auch mit anderm Namen belegen – ohne daß die Sache sich für mich lohnt.«

Nun wurde Levy wieder, wie ich ihn haben wollte.

»Ich sollte meinen, es lohne sich schon, nie wieder etwas von Karlsbad zu hören,« sagte er mit seinem alten Ton.

»Was!« rief Raffles. »Wo Sie selbst zugeben, daß Sie keine Beweise gegen mich haben?«

»Beweise werden sich finden lassen, Beweise, die Ihnen so an die fünf Jährchen einbringen könnten; vergessen Sie das nicht!«

»Wogegen der Beweis wegen des bewußten Briefes bereits durch Sie selbst erbracht wurde! Wie Sie wollen, natürlich,« setzte Raffles hinzu und erhob sich achselzuckend. »Wenn wir aber beide vor Gericht kommen, so stehen meine Chancen doch ganz anders als die Ihrigen, Herr Levy.«

Raffles füllte sich sein Glas und warf, die Karaffe in der Hand, einen fragenden Blick auf den Wucherer; dieser riß ihm die Karaffe aus der Hand und goß sich ebenfalls ein halbes Glas ein – nur Whisky. Er lernte seinen Raffles gefährlich gut kennen.

»Hol' Sie der Teufel!« stieß er hervor, in das leere Glas blinzelnd. »Ihnen traue ich mehr zu als allen andern zusammen. Nennen Sie Ihren Preis, und Sie sollen ihn haben, wenn Sie Ihren Zweck erreichen.«

»Er wird Ihnen etwas lang vorkommen, Herr Levy.«

»Einerlei. Sagen Sie, was Sie verlangen!«

»Lassen Sie Ihr Geld als Hypothek auf Garlands Besitz stehen; vergeben Sie ihm seine übrigen Schulden, wie Sie selbst auf Vergebung hoffen; dann soll der Brief entweder innerhalb der nächsten Woche in Ihren Händen sein, oder ich befinde mich in den Händen der Polizei.«

Die Worte klangen hart und entschlossen, und dieser ganze seltsame Handel ließ mich bis ins Mark erbeben. Raffles' Freunde waren mir nichts und ich haßte sie beinahe der Opfer wegen, die er ihnen brachte, doch in jenem Augenblick hätte ich den ersten Angriff auf ihren Peiniger wagen mögen; denn in plötzlicher zügelloser Wut hatte dieser sein leeres Glas in den Kamin geschleudert und ließ dem Klirren und Krachen einen solchen Strom von Schimpfworten und Flüchen folgen, wie ich sie noch nie zuvor von einem Menschen gehört hatte.

»Sie setzen mich wirklich in Erstaunen, Herr Levy,« sagte Raffles verächtlich. »Wenn wir Ihr Benehmen nachahmen wollten, müßten wir Sie jetzt zum Fenster hinauswerfen.«

Ich stand bereit, mit anzufassen.

»Das könnte Ihnen wohl passen, mir den Hals zu brechen,« schrie Levy.

»Und Sie ziehen es vor, sich lieber selbst zu vernichten, als einen armen Menschen, der Ihnen nichts zuleide tat, aus Ihren Krallen zu lassen. An Zinsen hat er Ihnen längst zurückgezahlt, was Sie ihm damals geliehen haben; das übrige ist vollkommen sichergestellt. Aber Sie müssen ihn zugrunde richten, um sich an uns zu rächen. An uns – bedenken Sie das wohl! Gegen uns ist Ihr Zorn gerichtet, nicht gegen den alten Garland oder seinen Sohn. Das haben Sie aus den Augen verloren. Der Streich von heute morgen kommt allein auf unser Konto. Warum halten Sie sich nicht an uns, sondern schlagen ein Anerbieten aus, nur um Leute unglücklich zu machen, die Ihnen nie etwas getan haben?«

»Das Anerbieten ist nicht fair,« brummte Levy. Aber seine Wut hatte sich gelegt, und er fing an, auf Raffles zu hören, wenn auch mit finsterer Miene. Jetzt aber war Raffles an der richtigen Stelle.

»Herr Levy,« begann er, »glauben Sie etwa, ich machte mir auch nur einen Pfifferling daraus, ob Sie den Mund halten über eine Angelegenheit, für die Sie nicht den geringsten Beweis erbringen können oder nicht? Sie verlieren im Auslande ein Schmuckstück, erhalten es unversehrt zurück und setzen sich viele Tage später plötzlich in den Kopf, ich sei der Verbrecher, weil ich zu der Zeit mit Ihnen im selben Hotel wohnte. Damals kam Ihnen nie der Gedanke, obwohl wir uns täglich sahen und sprachen. Aber sobald ich hier in London ganz auf die gewöhnliche Art etwas Geld von Ihnen leihe, sagen Sie, ich sei der Mensch, der sich auf so ungewöhnliche Art das Halsband Ihrer Frau auslieh! Das sollten Sie Jägern oder Seeleuten erzählen, Herr Levy, denn das sind die einzigen, die Sie anhören würden.«

»Ich bleibe bei meiner Meinung, und Sie leugnen ja auch gar nicht. Wären Sie der Mann nicht, so würden Sie nicht so erpicht sein auf einen ähnlichen Streich.«

»Erpicht!« rief Raffles lachend. »Ja, bester Herr Levy, ich freue mich stets über eine neue Sensation und habe seit Jahren die feine Kunst großer Einbrecher mit besondrem Interesse verfolgt; das mußt du doch bezeugen können, Bunny.«

»Ich habe dich oft davon sprechen hören,« war meine glückliche Antwort.

»In unsrer langweiligen Zeit ist das die einzig romantische und aufregende Laufbahn, die einem noch offen steht; und wäre das Gewerbe nicht so unehrenhaft, so hätte ich mich wohl längst einmal darin versucht. Und nun kommen Sie zu mir mit der lockenden Aufgabe, ausgleichende Gerechtigkeit zu spielen – wo es nicht etwa auf Bereicherung des listigen Einbrechers hinausgeht, sondern darauf, einem ehrlichen Kaufmann sein rechtmäßiges Eigentum zurückzuerstatten – so eine nette, kleine Verräterei, sozusagen das Zuckerwasser des Verbrechens. Und solch ein Getränk sollte ich verschmähen – eine solche Chance ausschlagen – einer solchen Versuchung widerstehen? Da aber das Wagnis ebenso groß ist wie bei einem echten, lohnenden Gaunerstreich, können Sie von mir nicht erwarten, daß ich meine Freiheit für nichts aufs Spiel setze, einzig der angenehmen Aufregung halber. Sie kennen meinen Preis, Herr Levy; wenn Sie darauf nicht eingehen wollen, so möchte ich gern vor Tag noch ins Bett. Es ist bereits zwei Uhr früh.«

»Und wenn ich darauf eingehe?« fragte Levy nach beträchtlicher Pause.

»So wird der Brief, dem Sie so großes Gewicht beilegen, höchst wahrscheinlich Anfang nächster Woche in Ihrem Besitz sein.«

»Dafür muß ich dann einen hübschen Besitz, der mir in die Hände fiel, wieder aufgeben?«

»Nur für eine Zeitlang,« sagte Raffles. »Anderseits aber sind Sie dann außer aller Gefahr, auf der Anklagebank erscheinen zu müssen. Sie wissen es ja, daß Ihr Beruf vor Gericht nicht sonderlich für Sie spricht, denn er steht in fast ebenso schlechtem Geruch wie Diebstahl.«

Eine seltsame Nachgiebigkeit schien über Levy gekommen, – allerdings keine ungewöhnliche Reaktion bei sehr leidenschaftlichen Naturen – in diesem Fall aber unheilverkündend, düster und nichts weniger als überzeugend, wie es mir schien. Gern hätte ich Raffles meine Gedanken mitgeteilt, um ihn zu warnen vor diesem Menschen, der ihm an niedriger Gerissenheit und Schlauheit überlegen war. Es gelang mir jedoch nicht, seinen Blick auf mich zu lenken, und schon sah ich auf seinem Gesicht eine törichte Befriedigung über den augenscheinlich errungenen Vorteil.

»Wollen Sie mir bis Morgen Zeit lassen?« fragte Levy und griff nach seinem Hut.

»Wenn Sie den Vormittag meinen. Um elf Uhr muß ich bei Lords sein.«

»Sagen wir also zehn Uhr in Jermyn Street.«

»Unsre Angelegenheit ist sehr delikater Natur, Herr Levy, und lieber wäre mir der Abschluß außer Hörweite Ihrer Angestellten.«

»So komme ich hierher.«

»Ich werde um zehn Uhr zu Ihrer Verfügung sein.«

»Und allein?« Ein Seitenblick streifte mich bei dieser Frage.

»Sie dürfen die Zimmer selbst absuchen und die Tür versiegeln.«

»Inzwischen,« sagte Levy und setzte seinen Hut auf, »werde ich über Ihren Vorschlag Nachdenken, mehr verspreche ich nicht. Eingegangen bin ich noch nicht darauf, bedenken Sie das, Herr Raffles, und seien Sie nicht zu sicher, daß ich es überhaupt tun werde. Überlegen will ich – aber seien Sie Ihrer Sache nicht zu gewiß.«

Wie ein Lämmchen entschwand er, der vor kaum zehn Minuten wie ein wildes Tier gewütet hatte. Raffles begleitete ihn die Treppe hinunter, über den Hof bis nach Piccadilly, so daß wir ihn bestimmt los waren. Händereibend kam er dann zurück.

»Eine herrliche Nacht, Bunny, und morgen wird ein prachtvoller Tag sein. Da wird Teddy gut spielen können.«

Mit großer Heftigkeit machte ich jetzt meinem gepreßten Herzen Luft.

»Der Teufel hole deinen Teddy!« schrie ich. »Ich sollte meinen, du hättest dich seinetwegen schon genügend in Gefahr begeben.«

»Woher weißt du, daß es seinetwegen oder irgend eines Menschen wegen überhaupt geschieht?« fragte Raffles ebenfalls heftig. »Denkst du, ich lasse mich von einem Levy schlagen? Das hat mit Garlands gar nichts zu tun. Außerdem ist das, was ich vorhabe, viel weniger gefährlich als das, was ich schon tat, und jedenfalls liegt mir die Sache.«

»Ganz und gar nicht,« gab ich erregt zurück, »sich mit einem solchen Schweinehund, der niemals sein Wort halten wird, auf einen Pakt einzulassen!«

»Ich werde ihn schon zwingen,« sagte Raffles. »Wenn er nicht tut, was ich verlange, so bekommt er nicht, wonach sein Verlangen steht.«

»Wie kannst du dem Kerl zutrauen, daß er sein Wort hält?«

»Sein Wort?« gab Raffles ironisch zurück. »Ich werde die Sache natürlich viel sicherer festlegen. Taten, nicht Worte, Bunny; die Taten aber von Notaren amtlich beglaubigt und von Levy unterschrieben, ehe er seinen famosen Brief mit der Fingerspitze berührt. Erinnerst du dich noch der alten Tante Hubbard in unsrer Schule? Der ist jetzt ein kleiner Notar in der City und wird die ganze Sache rechtskräftig für uns aufsetzen und beglaubigen, keine Fragen stellen und nicht viel Worte machen. Den guten Shylock überlaß nur mir und der Tante, wir wollen ihm schon zu Leibe gehen, daß er nach unsrer Pfeife tanzt.«

Wenn sich Raffles in solcher Stimmung befand, war jedes weitere Wort verloren; trotzdem sprach ich auf ihn ein, aber er hörte gar nicht mehr hin. Er hatte eine Schublade seines Schreibtisches aufgeschlossen und entnahm ihr eine Karte, die ich nie vorher gesehen hatte. Als er sie unter seiner Leselampe ausbreitete, guckte ich ihm über die Schulter; es war eine Karte von London, wunderlich übersät mit kleinen Rädchen und Sternchen in roter Tinte.

»Was ist denn das, A. J.?« fragte ich. »Das sieht ja aus wie eine Generalstabskarte.«

»Ja, Bunny,« sagte er, »es ist die Kriegskarte eines einzelnen Menschen gegen die vereinigten Kräfte der Gesellschaft. Die Sternchen zeigen die zukünftigen Operationsstellen, jedes fertige Rad jedoch das Feld irgendeines Unternehmens, bei dem du gewöhnlich des einzelnen Mannes einzige Hilfe warst.«

Er beugte sich über den Tisch und zeichnete ein feines blutrotes Sternchen an das südliche Ende von Gray's Inn Square.

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