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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/roth/radetzky/radetzky.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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VIII

Damals, vor dem großen Kriege, da sich die Begebenheiten zutrugen, von denen auf diesen Blättern berichtet wird, war es noch nicht gleichgültig, ob ein Mensch lebte oder starb. Wenn einer aus der Schar der Irdischen ausgelöscht wurde, trat nicht sofort ein anderer an seine Stelle, um den Toten vergessen zu machen, sondern eine Lücke blieb, wo er fehlte, und die nahen wie die fernen Zeugen des Untergangs verstummten, sooft sie diese Lücke sahen. Wenn das Feuer ein Haus aus der Häuserzeile der Straße hinweggerafft hatte, blieb die Brandstätte noch lange leer. Denn die Maurer arbeiteten langsam und bedächtig, und die nächsten Nachbarn wie die zufällig Vorbeikommenden erinnerten sich, wenn sie den leeren Platz erblickten, an die Gestalt und an die Mauern des verschwundenen Hauses. So war es damals! Alles, was wuchs, brauchte viel Zeit zum Wachsen; und alles, was unterging, brauchte lange Zeit, um vergessen zu werden. Aber alles, was einmal vorhanden gewesen war, hatte seine Spuren hinterlassen, und man lebte dazumal von den Erinnerungen, wie man heutzutage lebt von der Fähigkeit, schnell und nachdrücklich zu vergessen. Lange Zeit bewegte und erschütterte der Tod des Regimentsarztes und des Grafen Tattenbach die Gemüter der Offiziere, der Mannschaften des Ulanenregiments und auch der Zivilbevölkerung. Man begrub die Toten nach den vorschriftsmäßigen militärischen und religiösen Riten. Obwohl über die Art ihres Todes keiner der Kameraden außerhalb der eigenen Reihen ein Wort hatte fallenlassen, schien es doch in der Bevölkerung der kleinen Garnison ruchbar geworden zu sein, daß beide ihrer strengen Standesehre zum Opfer gefallen waren. Und es war, als trüge von nun ab auch jeder der überlebenden Offiziere das Merkmal eines nahen, gewaltsamen Todes in seinem Antlitz, und für die Kaufleute und Handwerker des Städtchens waren die fremden Herren noch fremder geworden. Wie unbegreifliche Anbeter einer fernen, grausamen Gottheit, deren buntverkleidete und prachtgeschmückte Opfertiere sie gleichzeitig waren, gingen die Offiziere umher. Man sah ihnen nach und schüttelte die Köpfe. Man bedauerte sie sogar. Sie haben viele Vorteile, sagten sich die Leute. Sie können mit Säbeln herumgehn und Frauen gefallen, und der Kaiser sorgt für sie persönlich, als wären sie seine eigenen Söhne. Aber, eins, zwei, drei, hast du nicht gesehn, fügt einer dem andern eine Kränkung zu, und das muß mit rotem Blut abgewaschen werden! ...

Diejenigen, von denen man also sprach, waren in der Tat nicht zu beneiden. Sogar der Rittmeister Taittinger, von dem das Gerücht ging, daß er bei andern Regimentern ein paar Duelle mit tödlichem Ausgang miterlebt hatte, veränderte sein gewohntes Gebaren. Während die Lauten und Leichtfertigen still und kleinlaut wurden, bemächtigte sich des allezeit leisen, hageren und genäschigen Rittmeisters eine merkwürdige Unruhe. Er konnte nicht mehr stundenlang allein hinter der Glastür der kleinen Konditorei sitzen und Backwerk verschlingen oder mit sich selbst oder mit dem Obersten wortlos Schach und Domino spielen. Er fürchtete die Einsamkeit. Er klammerte sich geradezu an die andern. War kein Kamerad in der Nähe, so betrat er einen Laden, um irgend etwas Überflüssiges zu kaufen. Er blieb lange stehen und plauderte mit dem Händler unnützes und törichtes Zeug und konnte sich nicht entschließen, den Laden zu verlassen; es sei denn, daß er einen gleichgültigen Bekannten draußen vorbeigehn sah, auf den er sich sofort stürzte.

Dermaßen hatte sich die Welt verändert. Das Kasino blieb leer. Man unterließ die geselligen Ausflüge ins Unternehmen der Frau Resi. Die Ordonnanzen hatten wenig zu tun. Wer einen Schnaps bestellte, dachte beim Anblick des Glases, daß es just jenes wäre, aus dem vor ein paar Tagen noch Tattenbach getrunken hatte. Man erzählte zwar noch die alten Anekdoten, aber man lachte nicht mehr laut, sondern lächelte höchstens. Den Leutnant Trotta sah man nicht mehr außerhalb des Dienstes.

Es war, als hätte eine geschwinde, zauberhafte Hand den Anstrich der Jugend aus dem Angesicht Carl Josephs weggewaschen. Man hätte in der ganzen kaiser- und königlichen Armee keinen ähnlichen Leutnant finden können. Es war ihm, als müßte er jetzt etwas Besonderes tun aber weit und breit fand sich nichts Besonderes! Es verstand sich von selbst, daß er das Regiment verließ und in ein anderes eingereiht wurde. Er aber suchte nach irgendeiner schwierigen Aufgabe. Er suchte in Wirklichkeit nach einer freiwilligen Buße. Er hätte es niemals ausdrücken können, aber wir können es ja von ihm sagen: Es bedrängte ihn unsäglich, daß er ein Werkzeug in der Hand des Unglücks war.

In diesem Zustand befand er sich, als er seinem Vater den Ausgang des Duells mitteilte und seine unumgängliche Transferierung zu einem anderen Regiment ankündigte. Er verschwieg, daß ihm bei dieser Gelegenheit ein kurzer Urlaub zustand; denn er hatte Angst, sich seinem Vater zu zeigen. Es erwies sich aber, daß er den Alten nicht kannte. Denn der Bezirkshauptmann, das Muster eines Staatsbeamten, wußte in den militärischen Bräuchen Bescheid. Und merkwürdigerweise schien er sich auch in den Kümmernissen und Verwirrungen seines Sohnes auszukennen, was zwischen den Zeilen seiner Antwort deutlich sichtbar wurde. Die Antwort des Bezirkshauptmanns lautete nämlich folgendermaßen:

 

»Lieber Sohn!

Ich danke Dir für Deine genauen Mitteilungen und für Dein Vertrauen. Das Schicksal, das Deine Kameraden getroffen hat, berührt mich schmerzlich. Sie sind gestorben, wie es sich für ehrenwerte Männer geziemt.

Zu meiner Zeit waren Duelle noch häufiger und die Ehre weit kostbarer als das Leben. Zu meiner Zeit waren auch die Offiziere, wie mir scheinen will, aus einem härteren Holz. Du bist Offizier, mein Sohn, und der Enkel des Helden von Solferino. Du wirst es zu tragen wissen, daß Du unfreiwillig und schuldlos an dem tragischen Ereignis beteiligt bist. Gewiß tut es Dir auch leid, das Regiment zu verlassen, aber in jedem Regiment, im ganzen Bereich der Armee, dienst Du unserem Kaiser.

Dein Vater
Franz von Trotta

Nachschrift: Deinen zweiwöchigen Urlaub, der Dir bei der Transferierung zusteht, kannst Du, nach Deinem Belieben, in meinem Haus verbringen oder, noch besser, in dem neuen Garnisonsort, damit Du Dich mit den dortigen Verhältnissen leichter vertraut machst.

Der Obige«

Diesen Brief las der Leutnant Trotta nicht ohne Beschämung. Der Vater hatte alles erraten. Die Gestalt des Bezirkshauptmanns wuchs in den Augen des Leutnants zu einer fast furchtbaren Größe. Ja, sie erreichte bald den Großvater. Und hatte der Leutnant schon vorher Angst gehabt, dem Alten gegenüberzutreten, so war es ihm jetzt ganz unmöglich, den Urlaub zu Hause zu verleben. Später, später, wenn ich den ordentlichen Urlaub habe, sagte sich der Leutnant, der aus einem ganz andern Holz geschnitzt war als die Leutnants aus der Jugendzeit des Bezirkshauptmanns.

»Gewiß tut es Dir auch leid, das Regiment zu verlassen«, schrieb der Vater. Hatte er es geschrieben, weil er das Gegenteil ahnte? Was hätte Carl Joseph nicht gern verlassen mögen? Dieses Fenster vielleicht, den Blick in die Mannschaftsstuben gegenüber, die Mannschaften selbst, wenn sie auf den Betten hockten, den wehmütigen Klang ihrer Mundharmonikas und die Gesänge, die fernen Lieder, die wie ein unverstandenes Echo ähnlicher Lieder klangen, die von den Bauern in Sipolje gesungen wurden! Vielleicht müßte man nach Sipolje gehn, dachte der Leutnant. Er trat vor die Generalstabskarte, den einzigen Wandschmuck in seinem Zimmer. Mitten im Schlaf hätte er Sipolje finden können. Im äußersten Süden der Monarchie lag es, das stille, gute Dorf. Mitten in einem leicht schraffierten, hellen Braun steckten die hauchdünnen, winzigen, schwarzen Buchstaben, aus denen sich der Name Sipolje zusammensetzte. In der Nähe waren: ein Ziehbrunnen, eine Wassermühle, der kleine Bahnhof einer eingleisigen Waldbahn, eine Kirche und eine Moschee, ein junger Laubwald, schmale Waldpfade, Feldwege und einsame Häuschen. Es ist Abend in Sipolje. Vor dem Brunnen stehen die Frauen in bunten Kopftüchern, golden überschminkt vom glühenden Sonnenuntergang. Die Moslems liegen auf den alten Teppichen der Moschee im Gebet. Die winzige Lokomotive der Waldbahn klingelt durch das dichte Dunkelgrün der Tannen. Die Wassermühle klappert, der Bach murmelt. Es war das vertraute Spiel aus der Kadettenzeit. Die gewohnten Bilder kamen auf den ersten Wink. Über allen glänzte der rätselhafte Blick des Großvaters. Es gab in der Nähe wahrscheinlich keine Kavalleriegarnison. Man mußte sich also zur Infanterie transferieren lassen. Nicht ohne Mitleid sahen die berittenen Kameraden auf die Truppen zu Fuß, nicht ohne Mitleid werden sie auf den transferierten Trotta sehn. Der Großvater war auch nur ein einfacher Hauptmann bei der Infanterie gewesen. Zu Fuß marschieren über den heimatlichen Boden war fast eine Heimkehr zu den bäuerlichen Vorfahren. Mit schweren Füßen gingen sie über die harten Schollen, den Pflug stießen sie in das saftige Fleisch des Ackers, den fruchtbaren Samen verstreuten sie mit segnenden Gebärden. Nein! Es tat dem Leutnant durchaus nicht leid, dieses Regiment und vielleicht die Kavallerie zu verlassen! Der Vater mußte es erlauben. Ein Infanteriekurs, vielleicht ein bißchen lästig, war noch zu absolvieren.

Man mußte Abschied nehmen. Kleiner Abend im Kasino. Eine Runde Schnaps. Kurze Ansprache des Obersten. Eine Flasche Wein. Den Kameraden herzlichen Händedruck. Hinter dem Rücken zischelten sie schon. Eine Flasche Sekt. Vielleicht, wer weiß, erfolgt am Ende noch gesammelter Abmarsch ins Lokal der Frau Resi: noch eine Runde Schnaps. Ach, wenn dieser Abschied schon überstanden wäre! Den Burschen Onufrij wird man mitnehmen. Man kann sich nicht wieder mühsam an einen neuen Namen gewöhnen! Dem Besuch beim Vater wird man entgehn. Überhaupt wird man versuchen, allen lästigen und schwierigen Ereignissen zu entgehen, die mit einer Transferierung verbunden sind. Blieb allerdings noch der schwere, schwere Weg zur Witwe Doktor Demants.

Welch ein Weg! Der Leutnant Trotta versuchte, sich einzureden, daß Frau Eva Demant nach dem Begräbnis ihres Mannes wieder zu ihrem Vater nach Wien abgereist wäre. Er wird also vor der Villa stehn, lange und vergeblich läuten, die Adresse in Wien erfahren und einen knappen, möglichst herzlichen Brief schreiben. Es ist sehr angenehm, daß man nur einen Brief zu schreiben hat. Man ist keineswegs mutig, denkt der Leutnant zu gleicher Zeit. Fühlte man nicht ständig im Nacken den dunklen, rätselhaften Blick des Großvaters, wer weiß, wie jämmerlich man durch dieses schwere Leben torkeln müßte. Mutig wurde man nur, wenn man an den Helden von Solferino dachte. Immer mußte man beim Großvater einkehren, um sich ein bißchen zu stärken.

Und der Leutnant machte sich langsam auf den schweren Weg. Es war drei Uhr nachmittags. Die kleinen Kaufleute warteten kümmerlich und erfroren vor den Läden auf ihre spärlichen Kunden. Aus den Werkstätten der Handwerker klangen trauliche und fruchtbare Geräusche. Es hämmerte fröhlich in der Schmiede, beim Klempner schepperte der hohle, blecherne Donner, es klapperte hurtig aus dem Keller des Schusters, und beim Tischler surrten die Sägen. Alle Gesichter und alle Geräusche der Werkstätten kannte der Leutnant. Täglich ritt er zweimal an ihnen vorbei. Vom Sattel aus konnte er über die alten, blauweißen Schilder sehen, die sein Kopf überragte. Jeden Tag sah er das Innere der morgendlichen Stuben in den ersten Stockwerken, die Betten, die Kaffeekannen, die Männer in Hemden, die Frauen mit offenen Haaren, die Blumentöpfe an den Fensterbrettern, gedörrtes Obst und eingelegte Gurken hinter verzierten Gittern.

Nun stand er vor der Villa Doktor Demants. Das Tor knarrte. Er trat ein. Der Bursche öffnete. Der Leutnant wartete. Frau Demant kam. Er zitterte ein wenig. Er erinnerte sich an den Kondolenzbesuch beim Wachtmeister Slama. Er fühlte die schwere, feuchte, kalte und lockere Hand des Wachtmeisters. Er sah das dunkle Vorzimmer und den rötlichen Salon. Er spürte im Gaumen den schalen Nachgeschmack des Himbeerwassers. Sie ist also nicht in Wien, dachte der Leutnant, erst in dem Augenblick, in dem er die Witwe erblickte. Ihr schwarzes Kleid überraschte ihn. Es war, als erführe er jetzt erst, daß Frau Demant die Witwe des Regimentsarztes sei. Auch das Zimmer, das man jetzt betrat, war nicht das gleiche, in dem man zu Lebzeiten des Freundes gesessen hatte. An der Wand hing, schwarz umflort, das große Bildnis des Toten. Es rückte immer weiter, ähnlich wie der Kaiser im Kasino, als wäre es nicht den Augen nahe und den Händen greifbar, sondern unerreichbar weit hinter der Wand, wie durch ein Fenster gesehen. »Danke, daß Sie gekommen sind!« sagte Frau Demant. »Ich wollte mich verabschieden«, erwiderte Trotta. Frau Demant erhob ihr blasses Angesicht. Der Leutnant sah den schönen, grauen, hellen Glanz ihrer großen Augen. Sie waren geradeaus gegen sein Gesicht gerichtet, zwei runde Lichter aus blankem Eis. Im winterlichen Nachmittagsdämmer des Zimmers leuchteten nur die Augen der Frau. Der Blick des Leutnants floh zu ihrer schmalen, weißen Stirn und weiter zur Wand, zum fernen Bildnis des toten Mannes. Die Begrüßung dauerte viel zu lange, es war Zeit, daß Frau Demant zum Sitzen aufforderte. Aber sie sagte nichts. Indessen fühlte man, wie die Dunkelheit des nahenden Abends durch die Fenster fiel, und hatte kindische Angst, daß in diesem Hause niemals ein Licht entzündet würde. Kein passendes Wort kam dem Leutnant zu Hilfe. Er hörte den leisen Atem der Frau. »Wir stehn hier so herum«, sagte sie endlich. »Setzen wir uns!« Sie setzten sich einander gegenüber an den Tisch. Wie einst beim Wachtmeister Slama saß Carl Joseph, die Tür im Rücken. Bedrohlich, wie damals, fühlte er die Tür. Ohne Sinn schien sie von Zeit zu Zeit lautlos aufzugehn und sich lautlos zu schließen. Tiefer färbte sich die Dämmerung. In ihr verrann das schwarze Kleid der Frau Eva Demant. Nun war sie von der Dämmerung selbst bekleidet. Ihr weißes Angesicht schwebte nackt, entblößt auf der dunklen Oberfläche des Abends. Verschwunden war das Bildnis des toten Mannes an der Wand gegenüber. »Mein Mann«, sagte die Stimme der Frau Demant durch die Dunkelheit. Der Leutnant konnte ihre Zähne schimmern sehn; sie waren weißer als das Angesicht. Allmählich unterschied er auch wieder den blanken Glanz ihrer Augen. »Sie waren sein einziger Freund! Er hat es oft gesagt! Wie oft hat er von Ihnen gesprochen! Wenn Sie wüßten! Ich kann nicht begreifen, daß er tot ist. Und« – sie flüsterte: »daß ich schuld daran bin!«

»Ich bin schuld daran!« sagte der Leutnant. Seine Stimme war sehr laut, hart und seinen eigenen Ohren fremd. Es war kein Trost für die Witwe Demant. »Ich bin schuldig!« wiederholte er. »Ich hätte Sie vorsichtiger nach Hause führen müssen. Nicht am Kasino vorbei.«

Die Frau begann zu schluchzen. Man sah das blasse Angesicht, das sich immer tiefer über den Tisch beugte, wie eine große, weiße, ovale, langsam niedersinkende Blume. Plötzlich tauchten rechts und links die weißen Hände auf, nahmen das niedersinkende Antlitz in Empfang und betteten es. Und nun war nichts mehr hörbar eine Zeitlang, eine Minute, noch eine, als das Schluchzen der Frau. Eine Ewigkeit für den Leutnant. Aufstehn und sie weinen lassen und fortgehn, dachte er. Er erhob sich wirklich. Im Nu fielen ihre Hände auf den Tisch. Mit einer ruhigen Stimme, die gleichsam aus einer anderen Kehle kam als das Weinen, fragte sie: »Wohin wollen Sie denn?«

»Licht machen!« sagte Trotta.

Sie erhob sich, ging um den Tisch an ihm vorbei und streifte ihn. Er roch eine zarte Welle Parfüm, vorbei war sie und schon verweht. Das Licht war hart; Trotta zwang sich, geradeaus in die Lampen zu sehen. Frau Demant hielt eine Hand vor die Augen. »Zünden Sie das Licht über der Konsole an«, befahl sie. Der Leutnant gehorchte. Sie wartete an der Türleiste, die Hand über den Augen. Als die kleine Lampe unter dem sanften, goldgelben Schirm brannte, löschte sie das Deckenlicht aus. Sie nahm die Hand von den Augen, wie man ein Visier abnimmt. Sie sah sehr kühn aus, im schwarzen Kleid, mit dem blassen Angesicht, das sie Trotta entgegenreckte. Zornig und tapfer war sie. Man sah auf ihren Wangen die winzigen, getrockneten Rinnsale der Tränen. Die Augen waren blank wie immer.

»Setzen Sie sich dorthin, aufs Sofa!« befahl Frau Demant. Carl Joseph setzte sich. Die angenehmen Polster glitten von allen Seiten, von der Lehne, aus den Winkeln, tückisch und behutsam gegen den Leutnant. Er fühlte, daß es gefährlich war, hier zu sitzen, und rückte entschlossen an den Rand, legte die Hände über den Korb des aufgestützten Säbels und sah Frau Eva herankommen. Wie der gefährliche Befehlshaber all der Kissen und Polster sah sie aus. An der Wand, rechts vom Sofa, hing das Bild des toten Freundes. Frau Eva setzte sich. Ein sanftes, kleines Kissen lag zwischen beiden. Trotta rührte sich nicht. Wie immer, wenn er keinen Weg aus einer der zahlreichen peinigenden Situationen sah, in die er zu gleiten pflegte, stellte er sich vor, daß er schon imstande sei fortzugehn.

»Sie werden also transferiert?« fragte Frau Demant.

»Ich lasse mich transferieren!« sagte er, den Blick auf den Teppich gesenkt, das Kinn in den Händen und die Hände über dem Korb des Säbels.

»Das muß sein?«

»Jawohl, es muß sein!«

»Es tut mir leid! – Sehr leid!«

Frau Demant saß, wie er, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, das Kinn in den Händen und die Augen auf den Teppich gerichtet. Sie wartete wahrscheinlich auf ein tröstliches Wort, auf ein Almosen. Er schwieg. Er genoß das wonnige Gefühl, den Tod des Freundes durch ein hartherziges Schweigen fürchterlich zu rächen. Geschichten von gefährlichen, kleinen, Männer mordenden, hübschen Frauen, oft wiederkehrend in den Gesprächen der Kameraden, fielen ihm ein. Zu dem gefährlichen Geschlecht der schwachen Mörderinnen gehörte sie höchstwahrscheinlich. Man mußte trachten, unverzüglich ihrem Bereich zu entkommen. Er rüstete zum Aufbruch. In diesem Augenblick veränderte Frau Demant ihre Haltung. Sie nahm die Hände vom Kinn. Ihre Linke begann, gewissenhaft und sachte die seidene Borte zu glätten, die den Rand des Sofas einsäumte. Ihre Finger gingen so den schmalen, glänzenden Pfad, der von ihr zu Leutnant Trotta führte, auf und ab, regelmäßig und langsam. Sie stahlen sich in sein Blickfeld, er wünschte sich Scheuklappen. Die weißen Finger verwickelten ihn in ein stummes, aber keineswegs abzubrechendes Gespräch. Eine Zigarette rauchen: glücklicher Einfall! Er zog die Zigarettendose, die Streichhölzer. »Geben Sie mir eine!« sagte Frau Demant. Er mußte in ihr Gesicht sehen, als er ihr Feuer gab. Er hielt es für ungehörig, daß sie rauchte; als wäre Nikotingenuß in der Trauer nicht erlaubt. Und die Art, in der sie den ersten Zug einatmete und wie sie die Lippen rundete zu einem kleinen, roten Ring, aus dem die zarte, blaue Wolke kam, war übermütig und lasterhaft.

»Haben Sie eine Ahnung, wohin Sie transferiert werden?«

»Nein«, sagte der Leutnant, »aber ich werde mich bemühen, sehr weit weg zu kommen!«

»Sehr weit? Wohin zum Beispiel?«

»Vielleicht nach Bosnien!«

»Glauben Sie, daß Sie dort glücklich sein können?«

»Ich glaube nicht, daß ich irgendwo glücklich sein kann!«

»Ich wünsche Ihnen, daß Sie es werden!« sagte sie flink, sehr flink, wie es Trotta vorkam.

Sie erhob sich, kam mit einem Aschenbecher zurück, stellte ihn auf den Boden, zwischen sich und den Leutnant, und sagte:

»Wir werden uns also wahrscheinlich nie mehr wiedersehn!«

Nie mehr! Das Wort, das gefürchtete, das uferlose, tote Meer der tauben Ewigkeit! Nie mehr konnte man Katharina sehn, den Doktor Demant, diese Frau! Carl Joseph sagte:

»Wahrscheinlich! Leider!« Er wollte hinzufügen: Auch Max Demant werde ich nie mehr wiedersehn! »Witwen gehören verbrannt!«, eines der kühnen Sprichwörter Taittingers, kam dem Leutnant gleichzeitig in den Sinn.

Man hörte die Klingel, darauf Bewegung im Korridor. »Das ist mein Vater!« sagte Frau Demant. Schon trat Herr Knopfmacher ein. »Ah, da sind Sie ja, Sie sind es ja!« sagte er. Er brachte einen herben Schneegeruch ins Zimmer. Er entfaltete ein großes, blütenweißes Taschentuch, schneuzte sich dröhnend, barg das Tuch behutsam in der Brusttasche, wie man einen wertvollen Besitz einsteckt, streckte die Hand nach der Türleiste und entzündete die Deckenlampe, trat näher an Trotta, der sich beim Eintritt Knopfmachers erhoben hatte und nun seit einer Weile stehend wartete, und drückte ihm stumm die Hand. In diesem Händedruck kündigte Herr Knopfmacher alles an, was an Kummer über den Tod des Doktors auszudrücken war. Schon sagte Knopfmacher, nach der Deckenlampe zeigend, zu seiner Tochter: »Entschuldige, ich kann so trauriges Stimmungslicht nicht ausstehen!« Es war, als hätte er einen Stein nach dem umflorten Porträt des Toten geworfen.

»Sie sehen aber schlecht aus!« sagte Knopfmacher im nächsten Augenblick mit frohlockender Stimme. »Hat Sie furchtbar hergenommen, dieses Unglück, wie?«

»Er war mein einziger Freund!«

»Sehn Sie«, sagte Knopfmacher und setzte sich an den Tisch und bat lächelnd: »Behalten Sie doch Ihren Platz!« und fuhr fort, als der Leutnant wieder auf dem Sofa saß: »Genau das hat er von Ihnen gesagt, wie er noch gelebt hat. Welch ein Malheur!« Und er schüttelte ein paarmal den Kopf, und seine vollen, geröteten Wangen wackelten ein bißchen. Frau Demant zog ein Tüchlein aus dem Ärmel, hielt es vor die Augen, stand auf und ging aus dem Zimmer.

»Wer weiß, wie sie's überstehn wird!« sagte Knopfmacher. »Na, ich hab' ihr lange genug zugeredet, vorher! Sie hat nix hören wollen! Sehn Sie doch, lieber Herr Leutnant! Jeder Stand hat seine Gefahren. Aber ein Offizier! Ein Offizier – verzeihn Sie – sollte eigentlich nicht heiraten. Unter uns gesagt, aber Ihnen wird er's ja auch gewiß erzählt haben, er wollte den Abschied nehmen und sich ganz der Wissenschaft widmen. Und wie froh ich darüber war, kann ich ja gar nicht sagen. Er wäre gewiß ein großer Arzt geworden. Der liebe, gute Max!« Herr Knopfmacher erhob die Augen zum Porträt, ließ sie oben verweilen und schloß seinen Nachruf: »Eine Kapazität!«

Frau Demant brachte den Sliwowitz, den ihr Vater liebte.

»Sie trinken doch?« fragte Knopfmacher und schenkte ein. Er trug selbst das gefüllte Gläschen in vorsichtiger Hand zum Sofa. Der Leutnant erhob sich. Er fühlte einen schalen Geschmack im Mund wie einst nach dem Himbeerwasser. Er trank den Alkohol in einem Zug.

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehn?« fragte Knopfmacher.

»Einen Tag vorher!« sagte der Leutnant.

»Er hat Eva gebeten, nach Wien zu fahren, ohne etwas anzudeuten. Und sie ist ahnungslos abgefahren. Und dann ist sein Abschiedsbrief gekommen. Und da hab' ich gleich gewußt, daß nix mehr zu machen ist.«

»Nein, es war nichts zu machen!«

»Es ist etwas nicht mehr Zeitgemäßes, entschuldigen Sie schon, an diesem Ehrenkodex! Wir sind immerhin im zwanzigsten Jahrhundert, bedenken Sie! Wir haben das Grammophon, man telephoniert über hundert Meilen, und Blériot und andere fliegen sogar schon in der Luft! Und, ich weiß nicht, ob Sie auch Zeitung lesen und in der Politik beschlagen sind: Man hört so, daß die Konstitution gründlich geändert wird. Seit dem allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht ist allerlei vorgegangen, bei uns und in der Welt. Unser Kaiser, Gott erhalte ihn uns lange, denkt gar nicht so unmodern, wie manche glauben. Freilich, die sogenannten konservativen Kreise haben ja auch nicht so ganz unrecht. Man muß langsam, bedächtig, mit Überlegung vorgehn. Nur nix überstürzen!«

»Ich verstehe nichts von Politik!« sagte Trotta.

Knopfmacher fühlte Unwillen im Herzen. Er grollte dieser blöden Armee und ihren hirnverbrannten Einrichtungen. Sein Kind war jetzt Witwe, der Schwiegersohn tot, man mußte einen neuen suchen, Zivil diesmal, und der Kommerzialrat war ebenfalls vielleicht hinausgeschoben. Es war höchste Zeit, daß man mit diesem Unfug aufräumte. So junge Taugenichtse wie die Leutnants durften im zwanzigsten Jahrhundert nicht übermütig werden. Die Nationen wollten ihre Rechte, Bürger ist Bürger, keine Privilegien mehr für den Adel; die Sozialdemokratie war ja gefährlich, aber ein gutes Gegengewicht. Vom Krieg redet man fortwährend, aber er kommt gewiß nicht. Man wird ihnen schon zeigen. Die Zeiten sind aufgeklärt. In England zum Beispiel hatte der König nichts zu sagen.

»Natürlich!« sagte er. »In der Armee ist ja auch Politik nicht angebracht. Er« – Knopfmacher wies nach dem Porträt – »hat allerdings manches davon verstanden.«

»Er war sehr klug!« sagte Trotta leise.

»Es war nix mehr zu machen!« wiederholte Knopfmacher.

»Er war vielleicht«, sagte der Leutnant, und ihm selbst schien es, daß aus ihm eine fremde Weisheit sprach, eine aus den alten, großen Büchern des silberbärtigen Königs unter den Schankwirten, »er war vielleicht sehr klug und ganz allein!«

Er wurde blaß. Er fühlte die blanken Blicke der Frau Demant. Er mußte jetzt gehen. Es wurde sehr still. Es war nichts mehr zu sagen.

»Auch den Baron Trotta werden wir nicht mehr wiedersehn, Papa! Er wird transferiert!« sagte Frau Demant.

»Aber ein Lebenszeichen?« fragte Knopfmacher.

»Sie werden mir schreiben!« sagte Frau Demant.

Der Leutnant stand auf. »Alles Gute!« sagte Knopfmacher. Seine Hand war groß und weich, wie warmen Sammet fühlte man sie. Frau Demant ging voraus. Der Bursche kam, hielt den Mantel. Frau Demant stand daneben. Trotta schlug die Hacken zusammen. Sehr schnell sagte sie: »Sie schreiben mir! Ich will wissen, wo Sie bleiben.« Es war ein hurtiger, warmer Lufthauch, schon verweht. Schon öffnete der Bursche die Tür. Da lagen die Stufen. Nun erhob sich das Gitter; wie damals, als er den Wachtmeister verlassen hatte.

Er ging schnell zur Stadt, trat ins erste Kaffeehaus, das auf seinem Weg lag, trank stehend, am Büfett, einen Cognac, noch einen. »Wir trinken nur Hennessy!« hörte er den Bezirkshauptmann sagen. Er hastete der Kaserne zu.

Vor der Tür seines Zimmers, ein blauer Strich zwischen kahlem Weiß, wartete Onufrij. Der Kanzleigefreite hatte im Auftrag des Obersten ein Paket für den Leutnant gebracht. Es lehnte, schmal, in braunem Papier, in der Ecke. Auf dem Tisch lag ein Brief.

Der Leutnant las:

»Mein lieber Freund, ich hinterlass' Dir meinen Säbel und meine Taschenuhr.

Max Demant«

Trotta packte den Säbel aus. Am Korb hing die glatte, silberne Taschenuhr Doktor Demants. Sie ging nicht. Ihr Zifferblatt zeigte zehn Minuten vor zwölf. Der Leutnant zog sie auf und hielt sie ans Ohr. Ihre zarte, hurtige Stimme tickte tröstlich. Er öffnete den Deckel mit dem Taschenmesser, neugierig und spielsüchtig, ein Knabe. Auf der Innenseite standen die Initialen: M.D. Er zog den Säbel aus der Scheide. Hart unter dem Griff hatte Doktor Demant mit dem Messer ein paar schwerfällige und unbeholfene Zeichen in den Stahl geritzt. »Lebe wohl und frei!« lautete die Inschrift. Der Leutnant hängte den Säbel in den Schrank. Er hielt das Portepee in der Hand. Die metallumwobene Seide rieselte zwischen den Fingern, ein kühler, goldener Regen. Trotta schloß den Kasten; er schloß einen Sarg.

Er löschte das Licht aus und streckte sich angekleidet auf das Bett. Der gelbe Schimmer aus den Mannschaftsstuben schwamm im weißen Lack der Tür und spiegelte sich in der blitzenden Klinke. Die Ziehharmonika seufzte drüben heiser und wehmütig auf, umtost von den tiefen Stimmen der Männer. Sie sangen das ukrainische Lied vom Kaiser und der Kaiserin:

Oh, unser Kaiser ist ein guter, braver Mann,
Und unsere Herrin ist seine Frau, die Kaiserin,
Er reitet allen seinen Ulanen voran,
Und sie bleibt allein im Schloß,
Und sie wartet auf ihn – – –
Auf den Kaiser wartet sie, die Kaiserin –

Die Kaiserin war zwar schon lange tot. Aber die ruthenischen Bauern glaubten, sie lebe noch. –

 

Ende des ersten Teils

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